Die schrecklichen Erlebnisse des Horst P. Helmers

Tod den Deutschen nach dem Krieg

General Ingr 1944 über den britischen Rundfunk an das tschechische Volk in der Heimat:

„Wenn unser Tag kommt, dann wird die ganze Nation den alten Kampfruf der Hussiten anwenden: Schlagt sie, tötet sie, lasst keinen am Leben.“

„Jeder soll sich nach einer geeigneten Waffe umsehen, um die Deutschen zu treffen. Wenn keine Feuerwaffen zur Hand sind, dann jede Art von Waffe, die schneidet, sticht oder trifft.“

(Veröffentlicht im „News Chronicle“, am 04. November 1944)


Von

Horst Peter Felix Helmer, Jahrgang 1930

55 Jahre habe ich über die von Tschechen an Saazer und anderen Deutschen in 1945 und 1946 begangenen sadistischen Massaker und bestialischen Morde geschwiegen, selbst meiner Familie und meinen beiden Söhnen gegenüber. Verdrängen und vergessen wollte ich die die so belastenden Bilder des Grauens.

Es ist mir nicht gelungen.

Wenn Medien über unmenschliche Gräueltaten berichten, wie in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 2. Dez. 2000: „Erhob sich am Morgen einer, wurde er erschossen“, kehren auch meine Erinnerungen an diese schicksalsschwere Zeit deutlich zurück. Sie begann im Mai 1945 nach dem Abzug der sowjetischen Siegertruppe, fremde tschechische Horden in die Stadt Saaz (jetzt Žatec) an der Eger im sudetendeutschen Böhmen einfielen. Sie bezeichneten sich als „Revolutionäre Garden.“

Auch die kommenden Generationen sollen über die von Tschechen an Deutschen in der Nachkriegszeit begangenen Gräueltaten und Massenmorde informiert werden.

Ich gehöre dem rasch kleiner werdenden Personenkreis von Saazern an, die folgendes erlebt und überstanden haben:

– Sprengbomben- und Munitions-Aufräumarbeiten,

– den verhängnisvollen Menschenauftrieb auf dem Saazer Ringplatz,

– den Todesmarsch nach Postelberg (Postoloprty),

– die Hölle in der ehemaligen Kavallerie-Kaserne in Postelberg,

– die Zwangsinhaftierung im berüchtigten ethnischen Straflager für ehemalige Nazis „Tábor 28″ in Maltheuern bei Brüx (Most),

– das Zwangsarbeitslager für Jugendliche „Tábor 17/18″ bei Brüx sowie

– die Zwangsarbeit in den Hydrierwerken in Oberleutensdorf bei Brüx.

Außerdem gehöre ich zu denen, die:

– die Haftentlassung aus dem „Tábor 17/18″,

– die Anstellung als technische Hilfskraft im tschechischen Staatsbetrieb „Fabrik für Motor-Kraftstoffe “ in den Hydrierwerken,

– die Freilassung ihrer weiblichen Familienangehörigen aus der Lagerhaft in der ehemaligen SS-Kaserne in Saaz erreichen konnten und

– die schließlich bis zur Zwangsvertreibung 1946 in ihre eigenen Wohnungen in Saaz zurückkehren durften.

Mein folgender authendischer Bericht enthält nur Fakten, Fakten, Fakten:


Im Verlauf des zweiten Weltkrieges kehrte mein Vater, Eduard Helmer, (Dipl.-Braumeister) im Jahre 1940 von seiner Auslandstätigkeit als Technischer Direktor im Brauereikonzern FIX in Griechenland mit meiner Mutter, Marie Helmer, mit meiner Schwester Lilo und mit mir aus Saloniki (meinem Geburtsort) nach Prien am Chiemsee und 1941 nach Saaz, in die Heimatstadt meiner Eltern zurück.

Nach Kriegsende 1945, im Alter von 15 Jahren, habe ich eine Zeit qualvoller Leiden an der Seite von Herrn Professor Franz Worzfeld, meines ehemaligen Mathematiklehrers im Saazer Gymnasium, erlebt. Mit großer Dankbarkeit gedenke ich seiner menschlichen Größe, seiner Unterstützung und Hilfe, die er ungeachtet der ständig drohenden Gefahr, von den tschechischen Schergen dafür hart und brutal bestraft zu werden, uns seinen Leidensgefährten, während des Todesmarsches von Saaz nach Postelberg und in der ehemaligen Kavalleriekaserne in Postelberg gewährt hat, später auch im ethnischen Straf- und Zwangsarbeitslager „Tábor 28″.

Zur Erinnerung an Professor Worzfeld habe ich einige Passagen seinem Erlebnisbericht „Saaz – Postelberg – Maltheuern – Lager 28″ entnommen und in meinen Bericht eingefügt.

Aufzeigen werde ich auch einige unglaubliche Massaker, die Tschechen im berüchtigten ethnischen Straflager / Konzentrationslager für angeblich besonders schwer zu bestrafende ehemalige Nazis „Tábor 28″ begangen haben. Meines Wissens wurden gerade diese grauenvollen Morde bis heute nicht deutlich und ausführlich genug geschildert und niedergeschrieben.

Wie viele von uns den um die 1800 zwangsinhaftierten Deutschen im ethnischen Zwangslager „Tabor 28″ von den tschechischen Wachleuten, genannt Lager-Kapos, umgebracht wurden unter ihnen befand sich auch unser Englischlehrer Professor Dr. Paul Hermann und an den Folgen der ihnen dort zugefügten Verletzungen starben, ist wohl nur den Tschechen selbst bekannt. Kein Deutscher kennt auch nur annähernd die genaue Anzahl der Toten. Waren es 1000, 2000 oder mehr?

Zwar wusste man von früher, wozu Tschechen in ihrem Hassgefühl gegen alles Deutsche fähig sein können. Doch was am 3. Juni 1945 und nachher geschah, ist so grausam, ja geradezu die Auswirkung niedrigster tierischer Instinkte, dass man an allem Gutem im Menschen, am Sinn des Lebens selbst zweifeln könnte. Viele Tau-sende haben diese Leidenszeit nicht überlebt. Und warum nicht? Nur weil sie Deutsche waren.

Schwerste Verbrechen wurden begangen an wehrlosen sudetendeutschen Zivilisten. Ihnen wurde Hab und Gut genommen und die Heimat geraubt, in der sie seit Urväter Zeiten neunhundert Jahre lang lebten und ihre Heimat durch ihrer Hände Fleiß zu einem blühenden Land gemacht hatten.

Wochen und Monate eines Martyriums machten die Sudetendeutschen durch, ohne dass die Welt davon Notiz nahm. Man ließ zu, offenkundig mit Wissen und Wollen von oben, dass sich der tschechische „revolutionäre Mob“ austobte. Es floss ja „nur deutsches Blut“. In Saaz allein sollen aus dieser Zeit nahezu 2000 Opfer zu beklagen sein, eingerechnet auch die, die den Freitod langen qualvollen Martern, Misshandlungen und Vergewaltigungen, oder weil sie bereits welche erlitten hatten, vorzogen. Mein Onkel Anton Zucker und meine Tante Antonia, wurden in ihrer eigenen Villa im Tellweg (Vogelstange)in Saaz von den darin einquartierten sowjetischen Soldaten immer wieder vergewaltigt bevor sie am 13.Mai 1945 Selbstmord begingen. Erst acht Tage danach brachte man sie auf einem Pritschenwagen weg und warf sie in ein Massengrab. Mein Schulfreund Ewald Rust war Zeuge dieses für Menschen unwürdigen Geschehens.

Gnadenloser tschechischer Willkür ausgesetzt

Nach Kriegsende, wurde ich als 15-jähriger ab 12. Mai auf Befehl der tschechischen Miliz zur Zwangsarbeit in ein aus Deutschen bestehendes Bomben-Räumkommando eingeteilt. Auf dem ehemaligen Saazer Kriegsflugplatz für Turbinen-Jagdflugzeuge – Vorgänger der heutigen Düsenjäger – wurden wir gezwungen, frei herumliegende, scharfe Munition einzusammeln. Mit bloßen Händen und eigener Körperkraft rollten, schleppten und trugen wir auch schwere Flieger-Sprengbomben und FLAG- (Flieger-abwehr-) Granaten zur Verladestelle. Mehrmals kam es bei diesen lebensge-fährlichen Arbeiten zu Unfällen und zu Explosionen. Dabei wurden ausschließlich deutsche Zivilisten verletzt und getötet. Die tschechischen Begleitposten beaufsichtigten uns aus einer für sie sicheren Entfernung und näherten sich uns nur nach Unfällen mit lautem Schimpfgeschrei und wüsten Flüchen. Wir wurden der Sabotage bezichtigt und dafür gleich vor Ort mit brutalen Fußtritten und schweren Stockschlägen bestraft; ungeachtet der herumliegenden, um Hilfe rufenden, meistens auch verstümmelten Schwerverletzten. Erst viel später durften wir die wimmernden Menschen auf einen Lastkraftwagen legen. Einige, die inzwischen den Verletzungen erlegen waren, wurden mit aufgeladen. Wohin man sie gebracht hat? Wir haben es nie erfahren. Das waren meine ersten schlimmen und erschütternden Erlebnisse, für die Tschechen verantwortlich waren.

Es sollte jedoch alles noch viel, viel schlimmer kommen

Was war an dem besagten 3. Juni 1945 und in den nächsten Tagen, Wochen und Monaten geschehen? Es waren die grässlichsten und furchtbarsten Erlebnisse, die ein Mensch durchmachen kann: zusehen zu müssen, wie wehrlose Menschen, die nichts verbrochen hatten, von verhetzten Chauvinisten gepeinigt, verstümmelt, er-schlagen oder erschossen wurden, aus reiner Lust am Morden!

Auf Befehl der tschechischen Stadtverwaltung und der Miliz von Saaz, wurden am Sonntag, den 3.Juni 1945, alle Männer und Jugendliche ab 14 Jahren aus ihren Wohnungen getrieben. Der Befehl lautete: Alle müssen sich sofort und schnell auf den Ring-Platz (vorher Adolf Hitler Platz.) begeben. Für Nichtbefolgung drohte die Todesstrafe. Gegen 08.00 Uhr eilte ich vom Florians-Platz aus zum Ring-Platz und ordnete mich bei den dort bereits versammelten Männern, rein zufällig, neben Herrn Professor Worzfeld – er war im Saazer Gymnasium unser Mathelehrer – ein. Nach einigen Stunden waren es um die 5000 deutsche Saazer Männer und Jugendliche. Dann kam der Marschbefehl zum legendären Todes-Marsch nach Postelberg – ob in den sicheren Tod oder zur Zwangsarbeit, keiner wusste es. Im Kasernenhof der ehemaligen Kavallerie-Kaserne blieb ich an der Seite von Professor Worzfeld. Der größte Teil dieser Männer hat Saaz nicht wieder gesehen.

Auf dem staubigen und steinigen Erdboden des Kasernenhofes mussten wir unter freiem Himmel vier Tage ohne Essen und Trinken verbringen. Tagsüber brannte die Sonne auf uns herab. Nachts war es mitunter sehr kalt. Da fror ich in meiner kurzen Hose und kurzen Hemd erbärmlich. Zudem waren wir der totalen Willkür und dem Vernichtungswillen der tschechischen Miliz und ehemaliger slowakischer Partisanen schutzlos ausgesetzt.

Alle von diesen tschechischen Schergen an Deutschen begangenen Verbrechen geschahen auf Befehl und Duldung eines Tschechen, des berüchtigten Polizeikapitäns und Lagerkommandanten Josef Marek – ein ehemaliger Protektoratspolizist – eine Bestie in Menschengestalt!

Auf eine weitergehende Schilderung dieser Taten und Morde, die im Kasernenbereich, in der Umgebung von Postelberg, in Saaz, auf dem Ringplatz, beim Todes-Marsch nach Postelberg und im Frauenlager in der ehemaligen SS-Kaserne in Saaz geschehen sind, verzichte ich in meinem Bericht. Darüber liegen bereits authentische Berichte und Dokumentationen vor. Auch Willy Brand berichtete als Journalist und Zeitzeuge bereits 1945 in der US-Zeitung „Der Wanderer“ über die von Tschechen in der Nachkriegszeit an deutschen Zivilisten und ehemaligen deutschen Soldaten in Saaz und Postalberg begangenen Verbrechen.

Schnell verbreitete sich die Nachricht, dass ein 17 jähriger Saazer – bis Kriegsende war er Hitlerjunge – nach Kriegsende bezeichnet er sich urplötzlich als Antifaschist und Antinationalsozialist – einen tschechischen Wachposten aufforderte den in seiner Nähe liegenden Schwerverwundeten Baumeister Josef Heinzel zu erschießen, weil er dessen lautes schmerzvolles Stöhnen nicht länger mit anhören wollte. Prompt erschoss der junge Tscheche diesen armen Mann. Das war Anstiftung zum Mord! Der Anstifter lebt noch heute. Leider blieb seine verwerfliche Tat ungesühnt.

5 Jugendliche im Alter von 13 bis 15 Jahren waren aus Hunger ausgerissen, um sich in einem Garten Äpfel zu holen. Sie wurden eingefangen, gefoltert und anschließend an eine Wand gestellt und vor unseren aller Augen erschossen. Es war schrecklich.

Es war am fünften Tag als wir, 20 Jugendliche und gleich viele Männer, im Kasernenhof die hohe Ladefläche eines offenen Lastwagens besteigen sollten. Einigen gelang es anderen nicht, weil wir durch die entbehrungsvollen Tage schon zu entkräftet waren. Deshalb halfen wir uns gegenseitig beim Erklettern des LKWs. Darauf hatten die niederträchtigen Schergen nur gewartet. Sofort droschen sie mit ihren Schlagstöcken und neunschwänzigen Lederpeitschen hemmungslos auf uns ein. Solche Lederpeitschen wurden vormals beim Reichsarbeitsdienst zum Ausklopfen von Matratzen und Decken verwendet. Was hatten sie mit uns vor? Wohin wollten sie uns bringen? Sollten auch wir beseitigt werden? Wir hatten panische Angst! Herrn Professor Worzfeld hatte man schon vorher abtransportiert.

An vorangegangenen Tagen mussten immer wieder Saazer in Kolonnen zur Kaserne hinaus marschieren. Danach hörten wir meistens Salven aus Gewehren und Maschinenpistolen. Keiner mehr von ihnen kam zurück. Wo waren sie geblieben?

Über 2000 Zivildeutsche sollen in Postelberg umgebracht, willkürlich hingerichtet und in Massengräbern verscharrt worden sein. Es war der „größte Nachkriegs-Massenmord der Geschichte“! Dieser Massenmord wurde inzwischen von tschechischer Seite bestätigt und dokumentiert!

Um die 3000 Deutsche wurden von den Tschechen aus der ehemaligen Postelberger Kavallerie-Kaserne zu Zwangsarbeiten in die Bergwerke von Joachimstal und Kladno sowie in die ethnischen Straf- und Zwangsarbeitslager nach Maltheuern bei Brüx verschleppt. Etwa 1000 Männer kamen zurück nach Saaz in Arbeitslager.

Auf dem blanken Pritschenboden eines Lastwagen sitzend fuhren wir aus dem Kasernenhof ab. Nach einer längeren wilden Fahrt sahen wir links und rechts der Landstraße mit Stacheldraht hoch eingezäunte Barackenlager. Es waren die uns bis dahin nicht bekannten Lager für ehemalige während des Krieges zur Arbeit in den Hydrierwerken verpflichtete Ausländer und Kriegsgefangene. Auch Sonderlager für ehemalige Straftäter (1939 – 1945) waren dabei. Unsere Fahrt endete im schlimmsten von allen, im ethnischen Konzentrationslager für besonders schwer zu bestrafende Nazi-Verbrecher, im berüchtigten „Tábor 28″, in Maltheuern bei der Stadt Brüx.

Damals soll es um Brüx mehr als 30 Zwangslager mit schuldlos inhaftierten Zivildeutschen gegeben haben. Wir wurden von den tschechischen Wachposten, den „Lager-Kapos“, mit wüsten Schimpfworten, wie z.B. „Hurensohn“, „deutsches Schwein“, „Nazi-Drecksau“ und mit noch viel vulgäreren Ausdrücken empfangen.

„Sup, sup“ (Zack, zack) mussten wir vom Lastwagen herunter springen und das von den Lager-Kapos gebildete Spalier durchlaufen. Dabei traten diese Sadisten mit ihren schweren Stiefeln von beiden Seiten auf uns ein und schlugen außerdem mit ihren Gummiknüppeln und Peitschen auf unsere Köpfe und Rücken. Wehe es fiel einer hin. Gnadenlos wurde solange auf ihn eingedroschen, bis er wieder auf die Beine kam und weiter lief. Am Ende auf einem Tisch standen Töpfe mit gelber und weißer Farbe. Jedem von uns wurde ein großes „T28″ auf den Rücken gepinselt, vielen zusätzlich noch ein Hakenkreuz. Die Männer mussten sich ausziehen und bekamen dafür alte, abgetragene Wehrmachtsklamotten oder schwarzgrau gestreifte Sträflingskleider. Wir Jugendlichen durften vorerst ihre Kleidung anbehalten. Die Tortur ging aber weiter, indem man uns die blutenden und schmerzenden Köpfe rabiat kahl schor. Uns, die jetzt so jammervoll aussahen, kamen die Tränen. Wir hatten dadurch jegliches Selbstwertgefühl und den letzten Rest an Menschenwürde verloren.

Es war alles so entsetzlich hoffnungslos

Lange dauerte es, bis jeder von uns in den total verschmutzten und verwahrlosten Lagerbaracken eine leere Bettstelle in einem der käfigartigen Drei-Stock-Holzbetten gefunden hatte. Anstatt der Strohsäcke – wegen des Ungeziefers hatten andere Inhaftierte diese bereits verbrennen müssen – lagen nur fünf bis sechs schmale Querbretter darin. Auf diesen zu liegen und zu schlafen war eine zusätzliche und beabsichtigte Folter. Abends bekamen wir das erste warme Essen, einen Schlag (Schöpfkelle) stinkender Sauerkrautbrühe mit einer Scheibe Brot. Mit etwas Warmem im Magen, nach all den Tagen und Nächten des Hungers und Grauens, erwachte in uns doch wieder ein bisschen von der gänzlich verloren gegangenen Hoffnung und damit auch der Wille, dieses abscheuliche Geschehen und den auf uns ausgeübten Terror zu überleben. Egal, was auf uns noch zukommen mochte.

Früh um vier Uhr heulte die Lagersirene zum Wecken. „Sup, sup“ (Zack, zack) schrie man uns, die „deutschen Hunde und Schweine“, an. Wer zu langsam war, dem sauste die Knute oder der Gummiknüppel auf den Schädel. Man konnte alles recht gemacht haben, es fand sich für die Kapos immer ein Anlass, uns mit Freude zu quälen. So auch beim Antreten in Dreierreihen und beim Exerzieren, weil die meisten von uns in den ersten Tagen die tschechischen Kommandos nicht verstanden haben. Nach dem Wecken marschierten wir zum großen Speisesaal. Das Frühstück bestand aus einem Becher sehr heißen Malzkaffee und einer Scheibe Brot. Im Eiltempo mussten wir alles hinunterschlingen. Meistens verbrannten wir uns dabei den Mund. Das war beabsichtigt und eine weitere Schikane. Ein Sättigungsgefühl verspürten wir die ganze Zeit über nicht, in keinem der drei Lager. Der Hunger war und blieb unser ständiger Begleiter. Nach der eiligen Abfütterung traten die einzelnen Abteilungen wieder in Dreierreihen zum Abmarsch an. Diese täglichen Märsche in die über vier Kilometer entfernten Hydrierwerke (vormals „Hermann-Göring-Werke“, später ab Mai 1945 „Stalin-Werke“ genannt) gehörten mit zu den gefürchteten Martern, die uns die tschechischen Wachtposten zufügten. Zudem mussten wir deutsche Marschlieder singen. Es waren günstigen Gelegenheiten uns wehrlosen Deutschen ihre „Überlegenheit“ zu zeigen. Auch denjenigen von uns für die das Marschieren in den ausgetretenen Holzpantinen eine Tortur war. Besonders die älteren Männer, die geschunden und gequält inzwischen durch Unterernährung und Krankheiten geschwächt, litten sehr darunter.

In den Hydrierwerken mussten wir mit Pickel und Schaufel schwerste Erd- und Ausgrabungsarbeiten verrichten. Viele Gebäude waren durch West-Alliierte Fliegerbomben beschädigt oder zerstört. Darin lagen noch halbverweste und verbrannte Leichen, die wir, bar jeglicher Pietät, zu bergen hatten.

Zu meiner großen Freude entdeckte ich eines Tages Professor Worzfeld. In unserer gemeinsamen Lagerzeit sah ich in ihm einen väterlichen Freund, den ich aber immer noch respektvoll mit „Herr Professor“ ansprach, obwohl wir Sträflinge uns alle duzten. Durch seine guten Tschechischkenntnisse konnte er schon in Postelberg und jetzt auch hier im Lager die erteilten Befehle übersetzen. Professor Worzfeld bewahrte uns in dieser Leidenszeit nicht nur vor schmerzvollen Strafen, sondern schon beim Todesmarsch nach Postelberg und in der dortigen Kaserne vielleicht auch vor dem Tode. Bedauerlicherweise habe ich nach meiner Verlegung in das Zwangsarbeitslager für Jugendliche, „Tábor 17/18″, jeglichen Kontakt zu ihm verloren. Auch in den späteren Jahren habe ich ihn nicht wieder gesehen.

Eines Morgens verspürte ich Fieber. Beim Frühappell in der kalten Luft fror ich und bekam heftigen Schüttelfrost. Mein dadurch ausgelöstes Zähneklappern hörte ein Lagerkapo. Er warf mir von einem Haufen alte Wehrmachts-Kleidungsstücke zu. Dankend nahm ich diese übel riechenden Klamotten entgegen und zog sie an. An diesem Tag widerfuhr mir die erste barmherzige Handlung eines Tschechen seit Kriegsende.

Viele Häftlinge erkrankten an der Ruhr und wurden in die „Marodka“ (Krankenbaracke) gebracht, die auch „Baracke ohne Wiederkehr“ genannt wurde. Dort ver-suchten zwei Saazer Ärzte, den Kranken so gut wie möglich zu helfen. Leider waren ihre Bemühungen ohne die erforderlichen medizintechnischen Einrichtungen, OP-Bestecke, sterile Verbands-Materialien und Medikamente fehlten meist erfolglos.

Die Kleider der Verstorbenen warf man vor die Baracke auf den vorher von mir erwähnten Haufen. In den ersten Wochen lagen die Leichen bis zum Abtransport gleich daneben. Später kamen die Toten zumindest in sargähnliche Holzkisten.

Bei Aufräumungsarbeiten im Hydrierwerk explodierte etwas weiter weg ein Bomben-Blindgänger. Dadurch wurde ich am linken Knie verletzt. In die Krankenbaracke ging ich aber nicht. Über ein Küchendienst-Tageskommando konnte ich mich, leicht verwundet krank und ausgemergelt wie ich war, leider nur kurz freuen. Unter der zentnerschweren Last der abzuladenden Kartoffelsäcke knickte ich 15-jähriger aus Schmerz und Entkräftung öfters ein. Dafür wurde ich von einem „hilfreichen Kapo“ kräftig geohrfeigt. Diese Art der Bestrafung empfand ich viel demütigender und erniedrigender als die wesentlich schmerzhafteren Fußtritte, Peitschen- oder Stockschläge, die uns während den Märschen und bei den schweren Arbeiten im Hydrierwerk zuteil wurden. Zu meiner „Erholung“ von diesen Strapazen musste ich anschließend aus Sauerkrautfässern die oberen verfaulten Schichten solange entfernen, bis der Kapo „Stopp“ rief. Die in den Fässern verbliebenen stinkenden Sauerkrautreste wurden vor den Mahlzeiten mit heißem Wasser übergossen, und fertig war eine übel riechende, abscheulich schmeckende Brühe, unsere Sträflings-suppe.

Während meiner Küchenarbeit -Kartoffelschälen- hörte ich jemanden sagen: Schaut her, jetzt beginnen die „Dressur-Kapos“ wieder mit ihren grausamen Menschen-Vorführungen. Vorsichtig schaute ich durch ein Fenster in den dahinter liegenden Hofraum, der vom Hauptlager aus nicht einzusehen war. Aus zwei Baracken trieb man spärlich bekleidete, zumeist aber völlig nackte Sträflinge heraus. Wie ich später erfuhr handelte es sich bei diesen Männern hauptsächlich um ehemalige Angehörige der SS, SA, NSDAP, Polizei und der früheren Sudetendeutschen Partei aus den Städten Brüx, Komotau, Teplitz und Umgebung. Diese Männer hatte man vorher tagelang gequält und anschließend auf absolut todbringende Weise „entnazifiziert“. Vielleicht waren auch einige Saazer dabei. Beim Anblick der schrecklich geschundenen und blutverkrusteten Menschenkörper empfand ich eine tiefe seelische Qual, die sich kurz darauf noch steigern sollte. Die „Dressur-Kapos“ begannen auf grausamste Art mit einigen Häftlingen ihre Vorführungen. Mit der systematischen Zerstörung menschlichen Lebens, mit der Vernichtung der bedauernswerten Todgeweihten. Aus niedrigsten Beweggründen fühlten sich die so unmenschlich handelnden tschechischen Kapos zu besonders bestialischen und unmenschlichen Vorgehensweisen an Deutschen veranlasst. Unter den gezielten Stock- und Peitschenschlägen der Schergen und unter ihren wüsten Flüchen und höhnischem Gelächter, torkelten die Häftlinge völlig orientierungslos umher. Zwei sichtlich angetrunkene Kapos schauten dem Treiben zu. Ihre grölenden Worte konnte ich nicht verstehen. Sicher stachelten sie zu noch schlimmeren Martermethoden an. Kurz darauf wurde ein kleines Tor im doppelreihigen hohen Stacheldrahtzaun geöffnet und zwei Häftlinge forderte man unter Peitschenschlägen auf, „rychle, rychle“ (schnell, schnell) das Lager durch das „Tor der Freiheit“ zu verlassen. Sie versuchten dabei möglichst aufrecht zu gehen. Die beiden tapferen Männer hatten wohl die Ausweglosigkeit ihrer Situation erkannt und suchten deshalb das für sie schnellste Ende ihrer unmenschlichen Leiden. Darauf hatten die herumstehenden tschechischen Bewacher nur gewartet. Sie benutzten die jetzt „Flüchtigen“ als Zielscheiben. Sichtbar von Kugeln getroffen fielen die beiden Männer hin, standen auf, wurden wieder getroffen, fielen erneut hin und starben schließlich durch Pistolenschüsse.

Bei dieser grauenerregenden Menschenjagd packte mich blankes Entsetzen. Nach solchen vorsätzlichen Mordtaten hieß es beim nächsten Morgenappell lapidar: Nach Fluchtversuchen wurden die deutschen Verbrecher wieder eingefangen und gemäß Lagergesetz sofort liquidiert.

Insbesondere eine Untat dieser Mordgesellen hat sich tief in mein Gedächtnis eingeprägt und in meiner Seele Narben hinterlassen. Einem unbekleideten Häftling band man erst die Hände auf den Rücken und dann eine Stielhandgranate unter seinen Genitalbereich. Mit einem Strick um den Hals führten ihn die tschechischen Sadisten wie einen Hund umher. Der Ärmste musste dabei dauernd „Heil Hitler“ rufen. Sicher glaubte er dabei nicht an seinen Tod, jedenfalls solange nicht, bis man ihn an den Rand eines leeren Löschteiches führte. Dort riss man die Zündschnur aus dem Stiel der untergehängten Handgranate heraus und stieß ihn schnell in das Betonbecken. Erst jetzt, seinen sicheren und unabwendbaren Tod vor Augen, verfluchte er bis zum letzten Augeblick seines Lebens diese Unmenschen. Durch die Explosion der Handgranate erfolgte buchstäblich die Auflösung dieses Mannes.

Meine ohnehin schon äußerst labile Psyche wurde durch das weit über die Grenzen der äußersten Belastbarkeit hinaus strapaziert. Die Blutwolke des getöteten Mannes noch vor Augen, weinte ich hemmungslos. In diesen Momenten kam es in mir zu einer totalen Leere. Die blitzschnelle Art der Zerstörung eines lebenden Menschen vor Augen war für mein Inneres eine noch schwerere Belastung als die, der ich bei der auch in meiner Nähe erfolgten Prügelung und unmenschlichen Exekution (Erschießung) der fünf armen 13 bis 15 Jahre alten Saazer Jungs an der Außenmauer der Kavallerie-Kaserne in Postelberg, bereits ausgesetzt war.

Unbegreiflich ist, dass es immer wieder Menschen gibt, die an wehrlosen Mitmenschen extrem schmerzhafte Schändungen, Misshandlungen und Gräueltaten übelster Art begehen, um dabei ihre widerwärtigen Empfindungen und abartigen Gelüste auszuleben und zu stillen. Solche Taten haben die tschechischen Sadisten und Lager-Kapos bei zahllosen Deutschen begangen.

An diesem Tag verlor ich fast das letzte bisschen Glauben an eine humanere Zukunft. Es zählte nur noch: Wie kann ich dieser Menschenvernichtung entgehen, diesen Terror hier überleben und wie schaffe ich das bis zum nächsten Tag?

In dieser qualvollen Zeit haben mir ehemalige „Landser“ (Soldaten der ehemaligen Deutschen Wehrmacht) das Rauchen, als ein „wirksames Heilmittel“ gegen die Mutlosigkeit, den Frust und Hunger beigebracht. Während den Märschen zu den Arbeitsstellen bückten wir uns und rissen schnell einige Blätter Huflattich ab, die am Straßenrand wuchsen. Diese trockneten wir in der Sonne und zerrieben sie anschließend zwischen den Händen. Versteckt wickelten wir die Krümel in kleine Stückchen Zeitungspapier, diese fanden wir im Schutt, ein. An einem versteckten Ort rauchten wir dann den stinkenden und übel schmeckende Knast. Wir durften uns dabei nur nicht erwischen lassen.

Zuwiderhandlungen gegen die Lagerordnung wurden mit mindestens 25 Stockschlägen bestraft. So war der Besitz von Zeitungspapier auch verboten. Trotzdem war es, weil wir das Papier für die mit der Hand gedrehten Zigaretten dringend benötigten besonders begehrt. Über jede „Gedrehte“ war wie Medizin Vom Rauchen etwas benebelt, verblassten unsere trüben, entmutigenden Gedanken. Auch das in uns ständig nagende Hungergefühl ließ nach – wenn auch nur kurzzeitig.

Wir 15- und 16-Jährigen wurden mehrmals vom Lagerkommandanten, Kapitán Vlasač, selbst verhört und immer wieder gefragt, welcher Verbrechen an Tschechen wir uns schuldig gemacht hätten, und ob wir in der Nazi-Organisation „Werwolf“ als Partisanen gegen die Ostmächte gekämpft oder an sonstigen militärischen Aktionen teilgenommen hätten. Vlasač wollte unbedingt den Grund für unsere Einweisung in sein ethnisches „Spezial-Nazi-Tábor 28″, stolz nannte er es so, herausfinden. Wir beteuerten wiederholt, dass die meisten von uns entweder DJ- oder HJ-Führer waren. Allerdings hatten wir wegen der Frontnähe an Vorbereitungsübungen zur Heimatverteidigung und an vormilitärischen Wehrertüchtigungs-Lehrgängen unter Leitung von deutschen Offizieren teilnehmen müssen. Ausgebildet wurde am Karabiner K98, am Maschinengewehr MG 42 und an der Panzerfaust. Darüber hinaus waren wir im Luftschutz- und Sanitätsdienst eingesetzt. Vor und nach den Bombenangriffen durch die Alliierten-Westmächte auf Saaz, hatten wir, wenn immer es notwendig war auch der tschechischen Bevölkerung stets unterschiedslos geholfen und ihr ebenso uneigennützig beigestanden. Die von der Lagerkommandantur angestellten Nachforschungen und Überprüfungen unserer Aussagen hatten wohl ergeben, dass diese der Wahrheit entsprachen. Nur durch die satanische Willkür des zum Ungeheuer gewordenen tschechischen Lagerkommandanten von Postelberg, Josef Marek, kamen wir Jugendlichen und die anderen unschuldigen Saazer Männer (waren es 1500 oder mehr?) von Postelberg in das Nazi-Straflager Tabor 28″. Die restlichen 300 bis 400 Lagerhäftlinge waren aus anderen Städten. Trotz der vielen ausgestandenen komplexen Leiden soll eine größere Anzahl von ehemaligen „28zigern“ überlebt haben. Allerdings hat dieses schlimme Martyrium bei vielen nicht nur gesundheitliche Schäden verursacht, sondern auch lebenslange Leiden hinterlassen. Ganz zu schweigen von den Straf- und Zwangsarbeitslager-Insassen den „28zigern“, die kurz danach an den Folgen der unmenschlichen Behandlung gestorben sind.

Eines Morgens mussten wir Jungs gesondert antreten. Es wurde uns eröffnet, dass wir in das „Arbeitslager für Jugendliche „Tábor 17/18″ verlegt werden. Da kam nach langer, langer Zeit wieder ein bisschen Hoffnung in uns auf. Es konnte wirklich nur noch besser werden! Ende Juni 1945 marschierten wir geschlossen in das Jugendarbeitslager. Dort gab es ein Wiedersehen mit einigen hundert Saazer Gleichaltrigen, die man von Postelberg aus direkt dorthin gebracht hatte. Leider waren unsere Quartiere und die Verpflegung ebenso miserabel wie vorher im „Lager 28″. Nur Flöhe, Läuse und hauptsächlich Wanzen gab es mehr. Besonders mein Freund Franz Wolfram, hatte sehr darunter zu leiden. Aus Abfällen, die noch von französischen Kriegsgefangenen Soldaten stammten, klaubten wir halbverfaulte Kartoffeln heraus und rösteten diese auf einem kleinen Kanonenofen, um sie dann mit der Schale zu verzehren. Trotzdem schmeckten sie uns köstlich! Nur satt wurden wir davon nicht.

An sechs Tagen in der Woche verrichteten wir Zwangsarbeiten in die Hydrierwerken. Einige von uns, auch ich, hatten Glück. Wir wurden anderen deutschen Häftlingen zugeteilt, die bereits berufsbezogene Facharbeiten durchführten. Aufgrund unserer Schulkenntnisse in Physik kamen Franz Wolfram und ich in die Elektroabteilung. Mein (Häftlings-)Arbeitsvorgesetzter, Dipl.-Ing. Walter Mertens, ein ehemaliger Siemensangestellter war im Zwangsarbeitslager „Tábor 27″ inhaftiert. Schon in der Kriegszeit war er in den Hydrierwerken als Spezialist für elektrische 500-Volt-Kraftstrom und 5000 Volt Hochspannungs-Ringfeldanlagen mit integrierter Regelungstechnik tätig. Seine Persönlichkeit, sein Fachwissen und sein Durchhaltewillen haben mich in der Zeit unserer Zusammenarbeit, bis zu meiner Zwangsausweisung 1946, immer wieder geistig und psychisch aufgerichtet. Seine menschliche Zuwendung wirkte nachhaltig und war mit entscheidend für meinen beruflichen Werdegang. Auch meine Lebenseinstellung wurde davon stark beeinflusst.

Zur Sicherung der laufenden Benzin-, Gas- und Ölproduktion in den einzelnen Betriebswerken waren zu dieser Zeit wichtige Stellen von „Privilegierten“ besetzt. Es waren frei lebenden Deutsche, die sich freiwillig zur Arbeit im Stalin-Werk verpflichtet hatten. Von ihnen erhielten wir den Ratschlag, uns doch ebenfalls freiwillig zur Arbeit in den Hydrierwerken auf unbestimmte Zeit zu verpflichten. Denn nur auf diese Weise war es möglich aus der Lagerhaft und von der Zwangsarbeit befreit zu werden. Mit Zustimmung unseres Werkstattleiters durften wir im Juli 1945 der Werkleitung und dem „Závodní Rada“ (Betriebsrat) unser Anliegen vortragen. Am nächsten Tag war es dann soweit. Jeder von uns fünfen erhielt eine Bescheinigung über die Anstellung als Hilfskraft in den staatlichen Stalin- Hydrierwerken. Bestätigt war sie von der „Vojenská Správa Závodu“ (Militärische Verwaltung des Werkes). Darin wurden uns auch unsere persönliche Freiheit und Sicherheit, das Eigentum und das weitere Wohnrecht in Saaz bis zu unserer Entlassung und Ausweisung am Tage X garantiert. Dazu erhielt ich den persönlichen Betriebsausweis Nr. 8445 und eine blaue Armbinde mit dem Aufdruck: „Stalinovy Závody u Mostu“ („Stalin-Werke bei Brüx“), die jeden von uns gegenüber den russischen und tschechischen Staatsorganen als „privilegierten deutschen Freigänger“ auswies.

Nach der Arbeit konnten wir mit der Blauen Binde am Arm, die Kontrolle am Werkstor anstandslos passieren. In diesem Augenblick zählten wir sicher mit zu den glücklichsten Menschen auf der Welt! Wir waren frei! Frei! Wirklich frei, und doch mussten wir wieder ins Lager 17/18 zurück, um uns dort vorschriftsmäßig abzu-melden. Würde man uns tatsächlich aus der Zwangshaft entlassen? Wir waren innerlich sehr angespannt und konnten vor Aufregung nicht schlafen. Am nächsten Tag erhielten wir die ersehnten Entlassungspapiere. Dennoch konnten aber an unser Freisein noch nicht so recht glauben. Zu sehr waren wir verunsichert. Erst als der Betriebsrat uns einen Tag zur Regelung unserer Angelegenheiten frei gab, wussten wir, dass wir es tatsächlich geschafft hatten. Franz Wolfram, Heinz Deimling, Werner Fuchs, Rudi Blumauer, Heinz Happich und ich, begaben uns gemeinsam auf den ca. 40 Kilometer langen Weg zurück nach Saaz.

Nach einiger Zeit bekamen wir in den Holzpantinen wunde Füße. Außerdem schmerzte mir mein immer noch lädiertes Knie. Den anderen erging es auch nicht besser. Nur Franz Wolfram hatte noch seine eigenen Schuhe an. Notgedrungen setzten wir unseren noch weiten Weg fort. Zuerst wickelten wir Stofffetzen um die Füße, dann marschierten wir auch barfüßig. Während der langen Stunden des Marsches wurden wir von Hunger und Durst gequält. Um uns davon etwas abzulenken, stimmte Heinz Deimling, unser „Ober“, ein Lied an. Es half nur wenig. In unserem körperlich völlig desolaten Zustand, nur vom eisernen Vorsatz „wir müssen es schaffen“ vorwärtsgetrieben bemerkten wir kaum, dass uns weder auf der Straße noch in den Ortschaften Deutsche begegneten. Die von uns angesprochenen Menschen waren immer Tschechen. Brüsk wendeten sie sich ab ohne uns etwas zum essen zu geben. Unseren Durst stillten wir mit schlecht schmeckendem Wasser aus Dorftrögen. Endlich hatten wir das fast menschenleere Saaz erreicht. Wo waren all die Menschen bloß geblieben? Wir wussten ja nicht, dass man alle Frauen bis 70 Jahre zusammen mit ihren Kindern verhaftet und eingesperrt hatte. Jeder von uns ging gleich zu sich nach Hause. In unserer Wohnung traf ich nur meine alte, verhärmte, halb verhungerte und vollkommen entkräftete, ängstlich auf dem Sofa kauernde Großmutter an. Furcht erregend muss wohl mein zerlumptes und erbärmliches Aussehen auf die Arme gewirkt haben. Erst als ich ansprach erkannte sie mich an meiner Stimme und stammelte: „Mein Horstl, mein Horstl“. Unsere Freude über das unerwartete, kaum mehr erhoffte Wiedersehen war zwar groß, aber nicht frei von Sorge. Wohin hat man meine Mutter und meine 19 jährige Schwester verschleppt? Im Moment war jedoch das Essen das Wichtigste. Deshalb musste ich für uns unbedingt etwas Essbares auftreiben, denn in der Küche war absolut nichts mehr vorhanden. Endlich entdeckte ich in den Kellerräumen einige Gläser mit Kompott und Rübensirup. Mein Heißhunger und die Gier auf etwas Süßes war so groß, dass ich beinahe ein ganzes Glas auf der Stelle leerte. Auch einige Kartoffeln fand ich und ging mit meinen Schätzen zurück in die Küche. Die trocken gerösteten Kartoffelscheiben bestrichen wir mit Sirup und verzehrten sie mit großem Appetit. Endlich verspürte ich das seit so langer Zeit vermisste, wohltuende Gefühl der Sättigung. Gleichzeitig spürte ich, wie mein Lebensmut und Tatendrang zurückkam. Nach einer eiligen Körperreinigung versorgte ich meine arg malträtierten Füße und begab mich, seit Monaten wieder frisch und sauber angezogen, auf die Suche nach meiner Mutter und Schwester.

Beim „Národni vibor“ (National-Ausschuss / Stadtverwaltung) legte ich meine Ausweise vor und erkundigte mich nach dem Verbleib meiner Angehörigen. Man teilte mir mit, dass alle Frauen und Kinder in der ehemaligen SS-Kaserne inhaftiert wurden und auch weiterhin und ausnahmslos bis zu ihrem Abtransport – wohin wurde uns nicht gesagt – dort verbleiben müssten.

Am nächsten Tag, früh um vier Uhr, fuhren wir auf der offenen Pritsche eines Lastkraftwagens abwechselnd stehend oder auf der blanken eisernen Ladefläche sitzend, das war bei Regen und in der kalten Jahreszeit auch nicht anders, in die Hydrierwerke zur Arbeit. Wir schilderten dem tschechischen Leiter der Elektro-Energieabteilung, unserem Chef, Dipl.-Ing. Bureš, die von uns in Saaz vorgefundene Situation. Auf Grund seiner Zufriedenheit über die von uns bisher geleisteten Arbeiten, durften wir beim Betriebsrat erneut vorstellig werden. Dort erhielt wieder jeder eine Bescheinigung für den „Narodni Vibor“ in Saaz. In der Anweisung stand, dass die sofortige Entlassung der Angehörigen aus der Zwangshaft zu veranlassen und durchzuführen ist. Nach der Arbeit und Rückfahrt nach Saaz, ließen wir dieses wichtige Dokument vom National-Ausschuss der Stadt bestätigen und gingen damit zur alten SS-Kaserne. Bei unserem Erscheinen vor dem Kasernentor mit den blauen Binden am Arm – alle anderen Deutschen mussten weiße Armbinden tragen, die so genannten „Antifaschisten“ hingegen rote Armbinden – kam es unter den armen eingesperrten Frauen zu tumultartigen Szenen. Wir wurden geradezu mit Fragen nach ihren verschollenen Angehörigen überhäuft. Wo ist mein Mann? Wo ist mein Vater? Wo ist mein Sohn? Nur wenige Fragen konnten wir beantworten. Ich hatte zwar vor dem Krieg als Kind einige Sommerferien in Saaz verbracht, aber bis zu diesem Zeitpunkt nur vier Jahre lang in dieser Stadt gelebt. Deshalb kannte ich auch nur wenige Einwohner. Inzwischen hatte ein Miliz-Aufseher meine Mutter und Schwester herbeigeholt. Wir lachten und weinten und reichten uns durch den doppelten Stacheldrahtzaun hindurch die Hände. Über unser so unverhofftes Wiedersehen waren wir überglücklich. Es war spät geworden. Deshalb konnten wir erst am nächsten Tag unsere Lieben abholen und uns endlich wieder liebevoll umarmen. Es war ein tiefes ergreifendes und ein unvergesslich bleibendes Erlebnis. Sehr innig dankten wir unserem Herrgott dafür, dass er uns die Kraft gegeben, seinen Schutz gewährt, und uns wieder zusammengeführt hat.

Die Tausende in der Kaserne zurückgebliebenen Frauen hatten für die Freilassung unserer Angehörigen kein Verständnis. Sie wussten nicht den Grund dafür. So kam es im Lager zu Unruhen und Protesten. Einige Frauen beschimpften uns regelrecht. Warum auch sollten diese armen Frauen, die von den satanischen Tschechen gequält, beraubt, erniedrigt und hinter Stacheldraht eingesperrten wurden, in dieser für sie so entsetzlich unwürdigenden und äußerst hoffnungslosen Situation für uns auch nur das geringste Verständnis aufbringen? Darüber hinaus waren sie allein gelassen mit der Sorge um ihre verschollenen Männer, Väter, Söhne und sonstige Angehörige.

Unsere Zwangsausweisung erfolgte im September 1946. In Viehwaggons eingepfercht erreichten wir nach zwei Tagen die Westgrenze zum amerikanischen Sektor. In Furth im Walde in Bayern, bekamen wir leider nichts zu essen, dafür wurden wir mit dem in Fässern bereitstehenden hochgiftigen DDT-Pulver entlaust. Je eine Schöpfkelle voll Pulver kippte man jeden von uns vorne und hinten in den Kragen und in die Hose. Wir sahen wie Schneemänner aus. Der nachher gereichte schwarze Kaffee linderte unseren Hunger etwas. Am nächsten Tag erreichten wir unseren Bestimmungsort. Es war das Entlassungslager in Hockenheim am Rhein. In einer Turnhalle schliefen wir auf amerikanischen Militär-Klappbetten. Weil die Verpflegung nicht ausreichte, suchten wir Pilze im Wald. Dazu klauten wir Kartoffeln und aus der Lagerküche amerikanisches Eipulver. In gebrauchten Konservendosen brachten wir diese „Lebensmittel“ – alles ohne Fett und Salz – zum Bäcker. Das fertig Gebackene schmeckte scheußlich, aber es stillte etwas unseren seit fast zwei Jahren anhaltenden ewigen Hunger.

Fazit: Viele Jahre lang konnte ich keine Pilze mehr sehen, geschweige essen.

Dieser Bericht soll:

Eine Ergänzung zur Thematik der für Saazer so unheilvollen Leidenszeit sein.

Das tschechische Volk zu der zwingend notwendigen Aufarbeitung seiner Geschichte auffordern. Denn wer nicht in die Vergangenheit zurückblickt, hat auch keine Zukunft vor sich!

Den einstmaligen fanatischen, verrohten und gottlosen, mit Hass gegen alles Deutsche erfüllten Teil der Tschechen erreichen und die Schuldigen zum aufrichtigen Bereuen ihres so schrecklichen Tun und Treibens in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg veranlassen.

Die bestehende und bleibende Forderung zur längst überfälligen, unmissverständlichen und endgültigen Aufhebung der „Beneš-Dekrete vom 19. Mai 1945″ bestätigen.

Wir direkt betroffenen (Sudeten-) Deutsche haben Schäden an Leib und Seele erlitten, unsere Angehörigen wurden sadistisch ermordet! Uns wurde alles Hab und Gut geraubt! Wir haben weder dafür noch für die Zeit der Zwangsinhaftierung und für die geleistete Zwangsarbeit in Bergwerken, in Kohlengruben, in den Hydrierwerken, in der Landwirtschaft, im Straßenbau usw. finanzielle Entschädigungen erhalten.

3,5 Millionen Sudetendeutsche wurden von den Tschechen von Haus und Scholle ihrer angestammten Heimat vertrieben. 241.00 kamen dabei gewaltsam ums Leben. Unsere Heimat und Eigentum wurde uns auf Dauer genommen.

Von großer Bedeutung für uns Betroffene und für die europäische Geschichte wäre es, wenn die Tschechen zumindest die ideelle Verantwortung für das geschehene Unrecht übernehmen.

gez.
Horst P. Helmer Muhr a. See, Januar 2001 / Dez. 2010


PS: Dieser Zeitzeugen-/ Erlebnisbericht wurde in der „Sudetenpost“ Linz, in der „Märkischen Zeitung“ Berlin, im „Heimatbrief Saazerland“ Forchheim, im „Saazer Kulturkreis-Anzeiger 2010, und im Internet unter „www.saazer-heimamuseum.de“ veröffentlicht.


Quelle

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