Fälschen ohne Skrupel?

Nemmersdorf, Ostpreußen, vor 70 Jahren. Das Bild, das sich Wehrmacht und Volkssturm nach der Rückeroberung der Ortschaft am 23. Oktober 1944 bot, wird inzwischen von einer führenden Tageszeitung, Springers “Die Welt‘: zur Illustration von “Verbrechen der Wehrmacht” eingesetzt. Ist es Bosheit, Gleichgültigkeit oder Ignoranz?

Nemmersdorf

Das Bundesarchiv vermerkt zu dem Foto:”Signatur: Bild 1011-464-03831-35. Archivtitel: Im Osten, Nordabschnitt, Ostpreußen, Nemmersdorf. – Leichen ermordeter Deutscher. Datierung: Oktober 1944. Fotograf: Kleiner:’ Originalscreenshot “Die Welt” hier

Fälschen ohne Skrupel? Ein Artikel von B Schreiber – Mein Dank an Herbert, sagt Maria Lourdes!

Einen aktuell im Netz abrufbaren Artikel über “deutsche Verbrechen in Italien” illustriert die Tageszeitung “Die Welt” mit einem Foto, das der Kriegsberichterstatter Kleiner im Oktober 1944 im ostpreußischen Nemmersdorf aufnahm. Darunter steht nun: “Zweiter Weltkrieg – Verbrechen der Wehrmacht”. 

Im besten Fall hat der verantwortliche Springer-Mitarbeiter etwa so “gedacht” oder empfunden: “Wehrmachtsoldaten und Leichen von Zivilisten – da ist die Rollenverteilung ja klar.” Schlimmstenfalls hat man einfach darauf gepfiffen, ob hier von Rotarmisten ermordete deutsche Zivilisten abgebildet sind, und das Foto eiskalt instrumentalisiert.

Das steht fest – Das Ergebnis bliebe dasselbe: Ein schwerer Verstoß gegen die Menschenwürde der Ermordeten, deren Schicksal und Individualität geleugnet und die zu bloßen Objekten im propagandistischen Kampf gegen jene Soldaten degradiert werden, die zur Jahreswende 1944/45 ebenso verzweifelt wie vergeblich versuchten, der deutschen Zivilbevölkerung im Osten Schutz zu gewähren.

Und ein Angriff auf die Ehre der konkreten Soldaten und Volkssturmmänner, die, betroffen bei den Leichen stehend, letztlich zu Mördern oder Komplizen gestempelt werden. 

Zu dem Geschehen in Nemmersdorf, nachdem die Rote Armee erstmals auf Reichsgebiet vorgestoßen war, schrieb Hubertus Knabe, Historiker und Direktor der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen, in dem Buch Tag der Befreiung? – Das Kriegsende in Ostdeutschland im Kapitel “Die Schrecken der Eroberung”:

“…Kaum ein anderes sowjetisches Kriegsverbrechen ist so gut dokumentiert wie dieses. Doch die Tatsache, dass es von der nationalsozialistischen Propaganda schamlos benutzt worden war, um den Durchhaltewillen der Deutschen zu stärken, führte immer wieder auch zu Zweifeln am Wahrheitsgehalt der Berichte…In einer 1997 erschienenen Monographie wird zum Beispiel darauf hingewiesen, dass die gekreuzigten Frauen nicht einmal vom ,Völkischen Beobachter’ erwähnt worden seien. Und ZDF-Historiker Guido Knopp präsentierte eine Überlebende, die erzählte, dass man ihr zwar in den Kopf geschossen, sie aber nicht vergewaltigt habe – für ihn ein Beleg, dass die Ereignisse von der NS-Propaganda künstlich aufgebauscht worden seien… Was auch immer man von diesen Einwänden halten mag, fest steht, dass die Soldaten der Roten Armee damals Dutzende wehrloser Dorfbewohner – in der Mehrzahl Frauen und Kinder – töteten.” 

Knabe fuhr fort:

“Die Vorgänge von Nemmersdorf gaben nur einen ersten Eindruck dessen, was beim Vorstoß der Roten Armee bis zur EIbe folgen sollte. Als die sowjetischen Soldaten im Januar 1945 ein zweites Mal die Grenze zu Ostpreußen überschritten, begingen sie bald auch an zahlreichen anderen Orten entsetzliche Verbrechen. Vergewaltigungen, Plünderungen, Deportationen und die willkürliche Tötung von Zivilisten waren vielfach die erste Erfahrung der Deutschen mit den neuen Machthabern. In jedem Dorf, in jeder Straße, in zahllosen Häusern spielten sich schreckliche Szenen ab, die sich tief ins Bewusstsein der Menschen einbrannten.” 

Übrigens auf allen Seiten. Man denke nur an Alexander Solschenizyns “Ostpreußische Nächte”.

Nicht zufällig sah sich Hubertus Knabe zu seinen Nemmersdorf betreffenden Feststellungen in einem Buch namens “Tag der Befreiung?” genötigt. Denn die holzschnittartige, dem damaligen Geschehen und seiner Komplexität keineswegs gerecht werdende Vorstellung von samt und sonders Befreiten und ihren Wohltätern mag gerade zu dem Kurzschluss geführt haben, auf dem Foto müsste ein” Verbrechen der Wehrmacht” dokumentiert sein.

Alliierte Verbrechen an Deutschen (zumal in einem Gebiet, dessen Namen man kaum aussprechen darf, wenn man nicht als “Revanchist” gelten will) sind damit sozusagen “ortlos” geworden.

Immerhin sah sich 2002 auch der “Spiegel” veranlasst zusammenzufassen, was sich nicht bestreiten lässt:

“Als die Wehrmacht die 637-Seelen-Gemeinde am Morgen des übernächsten Tages zurückeroberte, fand sie wenigstens zwei Dutzend Leichen von Frauen, Kindern und Alten vor. Rotarmisten hatten sie erschossen oder ihnen den Schädel eingeschlagen.”

Ein Deja-vu – Aufmerksame Beobachter werden sich an einen besonders markanten Fall aus der Wanderausstellung “Vernichtungskrieg Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944″ erinnert fühlen.

Der polnische Historiker Dr. Bogdan Musial deckte 1999 auf, warum er zu dem Ergebnis gelangte, dass in der Ausstellung mindestens neun Fotografien “nicht Verbrechen der Wehrmacht, sondern die des NKWD”, also der sowjetischen Geheimpolizei, zeigten. Darunter das von Musial so genannte “Boryslaw-Photo” (Foto Nr. 62 auf Seite 208 im Ausstellungskatalog, Rubrik “Genickschüsse”). Musial schrieb dazu in seinem in den “Viertelsjahresheften für Zeitgeschichte” Nr. 4/1999 erschienenen Beitrag “Bilder einer Ausstellung”:

“Auf dem Foto sind eine Gruppe von Zivilisten (darunter auch Frauen) und ein deutscher Soldat mit Fahrrad vor Leichen zu sehen. Im Archiv der ehemaligen Hauptkommission zur Untersuchung der Verbrechen am Polnischen Volk in Warschau (AGK) befindet sich eine Serie von acht Fotos, die nach übereinstimmenden Bildunterschriften die Exhumierung von NKWD-Opfern in Boryslaw im Sommer 1941 dokumentieren. Bei zwei der acht Fotos ist mit Sicherheit derselbe Sachverhalt wie auf dem erwähnten Foto Nr. 62 dargestellt. Bei einer der Fotografien im AGK ist – verglichen mit dem Foto im Katalog – lediglich der Blickwinkel leicht nach links verschoben, so dass ein zweiter Soldat mit Fahrrad zu erkennen ist.”

Zum Hintergrund erläuterte Musial damals:

“In Boryslaw ermordete das NKWD Ende 1941 etwa 100 vor allem ukrainische Jugendliche, aber auch Polen, und ließ ihre Leichen in Kellern des NKWD-Gebäudes zurück. Nach dem Einmarsch der Deutschen wurden die Leichen geborgen und zur Identifizierung im großen Hof vor dem NKWD-Gebäude niedergelegt. Diese Szene beschreibt u.a. Irene Horowitz, eine Augenzeugin, in ihren Memoiren. Ihr Vater wurde damals gezwungen, die Leichen zu bergen. Als ich Frau Horowitz die fraglichen Bilder aus Boryslaw vorlegte, war sie sich absolut sicher, dass diese Bilder die Bergung von NKWD-Opfern in Boryslaw von Anfang Juli 1941 dokumentieren.”

Mehr Verantwortungsbewusstsein?

Man hätte annehmen können, dass nach den Erfahrungen mit der Wehrmachtsausstellung der Umgang mit Fotos als historischen Dokumenten verantwortungsvoller geworden ist. Leider scheint das nicht der Fall zu sein.


(Quelle)

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