„Ich klammerte mich fest und wartete auf die Todeskugel“ – Inge Bonin über ihre Flucht, den Hunger und die Ankunft im Westen

19. Januar 2005. Es schneit, ich schaue aus dem Fenster, draussen tragen die Tannen und Büsche dicke Schneehäubchen. Es ist ruhig und friedlich. Lieblich sieht die Landschaft aus, wie in einem schönen Traum. Wir verbringen eine Woche Urlaub in den Bergen. Meisen und Rotkehlchen tummeln sich im Vogelhäuschen vor dem Fenster. Sonst Stille.

Aber meine Gedanken durchbrechen die Idylle. Ich will die Zeit meiner Flucht aus Ostpreussen aufschreiben. Friedel hilft mir dabei. Im Gegensatz zu ihm, der in der Familie und im Freundeskreis immer wieder über die Flucht erzählt hat, habe ich bisher geschwiegen.

19. Januar 1945:

2 Wege aus Ostpreußen

Heile Welt: Das Dorf Waplitz (im Hintergrund rechts: Emmchen Jewankis Haus) und die Brücke über die Maranse noch kurz vor dem Einmarsch der Roten Arme

Schon am frühen Morgen stehen Tante Emmchen und ich an der Strasse, um etwas über die Lage zu erfahren. In Konvois ziehen Truppen vorbei, hungrig, müde und zum Teil verwundet. Einer schreit: «Frau, kommen Sie! Springen Sie auf, es gibt nichts zu überlegen, in ein paar Stunden sind die Russen hier!» Er streckt Emmchen die Hand entgegen, doch sie schüttelt den Kopf: «Meine Mutter und meine Schwester sind noch im Haus, ich kann nicht!» Er fleht sie an, doch es hilft nichts. Sie lässt niemanden zurück.

Acht Uhr früh: Frau Machalski hält mit ihrem Treckwagen vorm Haus. Die Stimmung ist bedrückend, und doch sind wir dankbar, dass sie uns mitnimmt. Wie hat die arme Frau es bloss geschafft, den Planwagen zu richten, mit drei kleinen Kindern, der Mann an der Front? Ihr ältester Sohn ist sechs Jahre alt und stark mongoloid. Er sitzt in einem selbst gebauten Gefährt auf dem Wagen, daneben seine kleinen Schwestern, zwei und vier Jahre alt. Sie sind dick in warme Kleider eingemummt; es herrschen zwanzig Grad minus.

Futter für die Pferde muss mit, und eine Kiste mit lebenden Hühnern steht auch auf dem Wagen. Wir beeilen uns, laden unsere Sachen mit auf. Dank Mariannes Warnung konnten die Tanten in der Nacht noch packen, Brot und Schweinefleisch in Kisten legen, Wäsche und Kleider zusammenraffen. Omchen Jewanski und ich waren ins Bett geschickt worden, aber wie hätten wir schlafen können? Die Kriegsfront rückte grollend, donnernd, furchterregend näher.

Nun wird Omchen zu den Kindern auf den Wagen gesetzt, dann Tante Mariechen auf die Futtersäcke. Sie schenkt mir einen Koffer, der auch mitkommt, schärft mir ein, ihn ja nicht aus den Augen zu verlieren. Er enthält einen Teil meiner Aussteuer und die feinen Stoffe für meine Konfirmationsausstattung. Noch einmal geht Tante Emmchen ins Haus und durch alle Räume. Eine Schachtel Zigarren und eine Flasche Cognac wandern in die Aktentasche.

Dann kommt Onkel Adam, Tante Mariechens Mann, um sich zu verabschieden. Er ist zum Volkssturm eingezogen und muss zurück bleiben. Er schenkt einen letzten Cognac ein – zum Aufwärmen. Schrecklich, dieser Abschied. «Bittet aber, dass eure Flucht nicht geschehe im Winter», steht bei Matthäus geschrieben. Daran muss ich jetzt denken.

Frau Machalski steigt auf, ein knappes «Hü!» und die Pferde ziehen an. Auf vereisten, verschneiten Strassen beginnt unsere Flucht ins Ungewisse. Ich bin zwölfeinhalb Jahre alt. Noch einmal schauen wir zurück auf Haus und Stall, wo das Schwein, die Hühner und Kaninchen zurückbleiben. Tantes schönes Haus – nie mehr sollte sie es wiedersehen! Alle weinen wir. Und ich spüre ganz deutlich: Nun ist deine Kindheit zu Ende.

Mit Tante Emmchen laufe ich zu Fuss neben dem Wagen her. Mir ist schlecht vor Angst. Ich trage zwei Hemden, zwei Unterröcke, dicke Strümpfe, Pullover, Rock, darunter eine Trainingshose. Dazu dicke Stiefel, die mein Vater mir aus Polen mitgebracht hat, einen blauen Wollmantel, Handschuhe, Schal und einen Muff samt Mütze aus Kaninchenfell. Keiner spricht ein Wort. Auch die Kinder sind still, die Kleinste ist an Omchens Seite eingeschlafen. Diese sitzt – wie so oft – mit gefalteten Händen da. Bestimmt betet sie inständig um Gottes gnädige Begleitung.

Auf den Strassen herrscht grosses Durcheinander, sie sind vollgestopft mit Flüchtlingswagen und Soldaten. Wir werden im grossen Treck eingereiht, der sich mühsam dahinschleppt. Als wir beim Friedhof vorbei kommen, schauen wir alle ein letztes Mal zu Opas Grab hinüber. Gut, dass er dort in Frieden ruht und dieses Unglück nicht mehr erleben muss! Militärautos überholen uns, drängen uns zur Seite. Die Pferde rutschen immer wieder auf der eisglatten Strasse aus. Zum Glück gibt es Bäume am Strassenrand, die den Wagen halten, wenn er schleudert, sonst würde er in den Strassengraben rutschen. Wir kommen nur langsam vorwärts, zu langsam, wo doch die Front stetig näher rückt. Während einer Pause gibt es etwas zu essen. Omchen, die keine Zähne mehr hat, stopft die trockenen Krusten in ihre tiefen Rocktaschen. Wer ahnt, dass diese alten Brotrinden zwei Tage später die Härte unseres Hungers mildern werden?

Wenn doch nur jemand mit mir reden würde! Wie lange dauert es noch? Vielleicht müssen wir bloss den Hof der Bonins erreichen und wir sind gerettet? So wie es damals im 14-18-Krieg (dem Ersten Weltkrieg) war, davon hatte man uns oft erzählt.

Oder müssen wir alle bald sterben? Tante Emmchen weint, hält ständig Ausschau nach Otfried und ruft seinen Namen. Wo der Junge bloss bleibt? Hatten die Lehrer die Kinder wohl zu spät von der Schule entlassen? Er müsste uns eigentlich auf diesem Weg entgegen kommen, dies ist die einzige Strasse, die nach Hohenstein führt. «Was wird Otto bloss sagen, wenn der Junge verloren geht?» jammert Emmchen. Mariechen denkt an ihren eigenen Sohn Siegfried, der ist Soldat, zweiundzwanzig Jahre alt. Wo er wohl ist? Lebt er noch oder ist er in einem Lazarett am Verbluten? Mein liebster Cousin, hübsch und intelligent.

Die Kinder auf dem Wagen weinen, sie müssen wohl mal, aber bis sie endlich ausgepackt sind, ist kein Höschen mehr trocken. Das Windelpaket des grossen Knaben ist voll, alles wird in den Schnee gedrückt. Omchen trinkt kaum vor lauter Scham, sich sonst beim Urinieren entblössen zu müssen. Den ganzen Tag wird es nicht richtig hell, und im Laufe des Nachmittags wird das Wirrwarr auf der Strasse immer grösser. Wir kommen nur noch im Schneckentempo voran.

Als nach ein paar Stunden jemand im Treck nach Verwandten sucht, ist es Tante Emmchen, die als erste Otfrieds Stimme erkennt: «Sind hier Jewanskis? Wo sind Jewanskis?» So hat er uns gefunden! Die Schule hat die Schüler wegen «Kohlenknappheit» nach Hause geschickt – bis zuletzt kein Wort von Evakuierung. Otfrieds Schulkamerad, Friedel Bonin, hatte schon einige Stunden zuvor ein ungutes Gefühl und ist mit einem früheren Zug nach Hirschberg gefahren. Otfried hingegen hat sich zu Fuss auf den Heimweg gemacht, und so begegnet er uns im Treck zwischen Paulsgut und Waplitz.

Tante Emmchen ist sehr aufgeregt. Noch denken wir, es wird alles gut, wenn wir erst einmal in Hirschberg sind. Unterwegs machen wir im Gut Reichenau Halt. Die Pferde müssen dringend aus dem Geschirr und gefüttert werden. Die Dienstboten-Wohnung des Gutes scheint hastig verlassen worden zu sein, alles ist in Unordnung. Frau Machalski bringt ihre Kinder ins Haus, wir folgen ihr.

Schnell Wasser aufgesetzt, drei Hühner geschlachtet, gerupft und in einem grossen Kochtopf gekocht. Mit dem Bettzeug und den Decken richten wir uns ein Schlaflager auf dem Boden her. Wir schlafen in den Kleidern, es ist bitterkalt.

Gut Reichenau (Schildeck), 20. Januar: Sehr früh brechen wir auf Richtung Osterode. In der Nacht hat es erneut geschneit. Das Stückchen Weg vom Gut zur Strasse ist übervoll von Wagen, doch es gelingt uns, uns einzureihen und weiter zu fahren. Immer wieder bahnt sich ein Militärauto einen Weg durch die Trecks. Immer wieder stürzen ganze Wagen in den Strassengraben. Tante Emmchen nimmt ihr Fahrrad vom Wagen und schickt Otfried damit zu Bonins, um uns anzukündigen.

Dann kommen die Tiefflieger. Schon gestern waren sie über uns hinweg geflogen, kurz bevor wir das schützende Gut erreichten. Aber heute schiessen sie. Ich klammere mich ganz fest an einen kleinen Baum, den ersten, den ich finden kann, und warte mit gesenktem Kopf auf die Todeskugel. Es knallt rechts und links, aber ich bleibe verschont. Das ist der Krieg. Ich habe solche Angst, und keiner kann sich um mich kümmern! Die Stimmung ist erdrückend. Dunkel zieht die Nacht herauf, und hinter uns brennen die Städte. Dazu das Donnergrollen der Geschütze.

Wir fahren wenige Kilometer weiter, da hält ein Lastwagen mit Soldaten. Tante Emmchen fragt, wie und wo weiter. Die Landser sind todmüde und erschöpft, und sie haben Erbarmen mit uns: «Frau, lassen Sie alles stehen und liegen. Die Front kommt näher. Ihr schafft es nicht mehr weiter. Kommt, wir nehmen euch mit zum Bahnhof nach Osterode», sagen sie. «Ja, aber nur alle zusammen», bestimmt Tante. Eilig werden Kinder und Alte auf die Ladefläche gequetscht. Wir sitzen am Boden, zu Füssen der Soldaten. Tante Emmchen trägt nur noch die Aktentasche bei sich, als sie zu uns hinaufklettert. Alles andere lassen wir zurück.

Oh, meine liebste Puppe samt Puppenwagen ist auf unserem Wagen zurückgeblieben! Nun habe ich nichts mehr als mein Leben.

Die andere kleine Puppe mit den Schlafaugen habe ich zum Glück in Waplitz noch in Sicherheit gebracht. Ich habe sie vor der Flucht in eine schmale Zigarrenschachtel gelegt und unter den Kleiderschrank geschoben. Da ist sie gut aufgehoben, dachte ich. Und nun, wo war alles andere geblieben? Einfach auf der Strasse! Wer würde den Wagen nun weiterfahren, wer die Pferde füttern und tränken? Die Frauen weinen still vor sich hin, die Kleinen schmiegen sich an die Alten, ich bin auf der Hut, keinen zu verlieren – schliesslich habe ich mich in meinem jungen Leben schon oft genug verlassen und heimatlos gefühlt. Und wo ist Otfried? Tante gibt uns allen Sicherheit, mir scheint, als wisse sie stets, was zu tun ist. Sie glaubt, dass wir es schaffen werden, in Osterode noch einen Zug Richtung Westen zu bekommen. Fort, einfach fort von der Front! Die Soldaten fahren uns zum Bahnhof, wo bereits eine grosse Menschenmenge wartet. Kaum haben sie uns ausgeladen, sind sie schon weg, diese ausgemergelten Krieger auf dem Rückzug.

Ganz langsam fährt ein Zug ein, der Lautsprecher verkündet: «Alle alten Leute und Mütter mit Kindern dürfen einsteigen.» Noch heute, mehr als sechzig Jahre später, dreht es sich mir im Kopf, wenn ich versuche, diese Szenen nachzuvollziehen: Es wird über Kisten und Koffer gerannt, getrampelt, gezogen und geschoben. Ein grosses Geschrei. Wir haben nur noch uns – ohne Gepäck kommen wir schneller voran. Tante Emmchen mit Omchen, Tante Mariechen mit mir, Frau Machalski mit den beiden Mädchen auf dem Arm. Ihr Bub im Kinderwagen steht etwas weiter hinten – alles dauert eine Ewigkeit! Aber wir können doch ein Abteil erreichen, die Frau Machalski rennt wieder davon, schreit uns zu: «Rettet meine Mädchen, ich hole den Jungen!» Sie kämpft sich gegen den Strom zurück zu ihrem Buben, die Bahngleise sind übervoll, es dauert alles viel zu lange – und – der Zug fährt ab! Tante Emmchen schreit nach Frau Machalski, aber sie schafft es nicht mehr bis zu uns. Verzweifelt bleibt sie zurück. So sehr liebt eine Mutter ihr Kind! Sie wollte einfach nur ihren Jungen retten. Als wir sie viel später wiedertreffen, erzählt sie uns, dass sie von den Russen überrollt wurde und viel erleiden musste. Ihr Sohn starb bald an Hunger und Kälte.

Die Tante befiehlt mir nun in aller Strenge, kein Auge vom kleinsten Mädchen zu lassen. Mariechen hingegen hält die Hand der Vierjährigen, Tante Emmchen die von Omchen. Welch ein Glück wir hatten: ein geheizter Zug! (Zumindest wenn er fährt.) In unser Abteil haben sich vierzehn Erwachsene, drei Kinder und sechs Kleinkinder auf insgesamt acht Sitze gezwängt; ein Baby liegt über unseren Köpfen im Gepäcknetz. Ich sitze auf der einen Lehne und drücke die Kleine, halb auf meinem Schoss, halb auf Omas Schoss, an mich. Tante Mariechen und Tante Emmchen haben die Vierjährige auf ihren Beinen. Die anderen Kinder kauern unter den Sitzen oder vor den Füssen der Grossen. Keiner kann sprechen, allen steht die Angst ins Gesicht geschrieben. Ein Mädchen hält seine kleinen Händchen zusammen: «Mama, Flucht, Russen, Hunger …», wiederholt es ständig.

Jetzt kommen die süssesten Brotkrusten meines Lebens zum Vorschein. «Omchen», flüstere ich in ihr Ohr, «Omchen, ich habe Hunger …» Keiner soll dies hören, damit ihr niemand die Brotkrusten wegnimmt. Sie gibt mir heimlich welche, ich lutsche sie – bloss nicht kauen – lange, lange, bis ich einschlafen kann. Am Morgen bekommen dann auch die Kleinen einige Krumen. Irgendjemand hat eine Aluminium-Milchkanne mit Deckel. Tante Emmchen füllt sie mit dem Schnee, der zwischen den Puffern liegt, erwärmt das Schmelzwasser auf der Heizung im Gang, und jeder bekommt davon zu trinken. Reihum wandert der Deckel.

Ich fürchte mich vor einem hässlichen, groben Alten, der auch in unserem Abteil sitzt – allein die Erinnerung ekelt mich noch heute. Da wir zuletzt ins Abteil gekommen sind, haben wir immerhin das Glück, nah bei der Schiebetür zu sitzen und dort etwas Luft zu erhaschen. Überall, auch auf den Gängen, sitzen und liegen Menschen. Es ist unmöglich, seine Notdurft zu verrichten. Als die Kleinste ihre Höschen nass macht, wäscht Tante Emmchen diese draussen im Schnee und trocknet sie auf der Heizung. Ich muss aufpassen, dass sie keiner stiehlt. Tante Emmchen schimpft mit dem Kind: «Du rufst: Höschen voll!» Das Kind versteht und nässt sich nie mehr ein.

Nun fahren wir schon den dritten Tag, und wenn der Zug hält, rufen alle nach Essen. Einmal bekommen wir Milch für die Kleinen, auch Omchen erhält einige Schlucke davon, die Tanten und ich je einen. Ein andermal kommen Soldaten zum Zug und betteln um Zigaretten. Nun können wir die Rauchwaren aus der Aktentasche gegen ein altes Kommissbrot eintauschen, und wir haben wieder zu essen. Wir teilen auch mit den anderen, ebenso das Schneewasser, so können wir überleben.

Aber wo ist Otfried geblieben? Tante Emmchen beruhigt uns immer wieder: Ganz sicher ist er mit den Bonins geflüchtet. Die haben es doch bestimmt mit ihrem Treckwagen geschafft. Leider aber sollte es anders gekommen – darüber schreibt Friedel in seinem Fluchtbericht.

Oft bleibt unser Zug auf offener Strecke stehen und ist den Tieffliegern ungeschützt ausgesetzt. Diese haben aber meist andere Ziele. In unserem Zug, so werden wir später erfahren, hätten einige Männer den Lokomotivführer beinahe gelyncht und hinausgeworfen, weil dieser den Auftrag hatte, den ganzen Zug kurz vor deren Sprengung auf eine Brücke zu fahren und rechtzeitig abzuspringen – das ganze Flüchtlingspack sollte dem Verderben preisgegeben werden. Dank der Gegenwehr dieser mutigen Männer haben die Heizer aber geheizt, was das Zeug hielt, der Zug fuhr so schnell wie noch nie – und wir waren über der Weichsel. Wieder einmal – vorläufig – gerettet.

Die Weichsel hat einen besonderen Stellenwert in der Jewanski-Familie: Onkel Gustav, Vaters älterer Bruder, verhinderte Anfang September 1939 die Sprengung einer Weichsel-Brücke durch die Polen und bekam dafür das «Eiserne Kreuz» verliehen. 1945, als Major, geriet er im Stab von General Lasch bei der Schlacht um Königsberg in Gefangenschaft. Sieben oder acht Jahre lang war er im Lager und kehrte als geschlagener, gebrochener Mann zurück – aber wenigstens hat er Tante Frieda wieder gefunden. Auch sie überlebte den Krieg unter vielen Entbehrungen.

Es ist der fünfte Tag der Flucht. Wir erreichen Berlin. Der Bahnhof ist voller Züge, Menschen rennen durcheinander und schreien nach Essen. Unser Zug darf nicht bleiben, wird weiter Richtung Westen geschickt – wegen totaler Überfüllung und weil Bombenalarm herrscht. Wohin mit all den Toten, heisst es. Die Leichen sind, während der Fahrt auf den Puffern zwischengelagert, starr gefroren und werden jetzt wie Holzstämme auf kleine Leiterwagen geworfen. Manchen Müttern muss man ihre toten Kinder aus den Armen reissen, sie wollen sie nicht hergeben. Erfrorene Kinder sehen so lieblich aus, als ob sie schliefen.

In der nächsten Grossstadt, in Leipzig, will man auch keine weiteren Flüchtlingszüge mehr aufnehmen, aber wir bekommen wenigstens Suppe zu essen – welch ein Segen! Tante Emmchen geht mit der Milchkanne zum Suppenausschank, und so können wir alle einige Schlucke davon trinken. Nur wer ein Essgeschirr bei sich hat, bekommt etwas, unser Kannendeckel geht also wieder reihum. Dafür hat Tante Emmchen so lange angestanden, dass Omchen auf Masurisch ständig Gott angerufen und gebetet hat: Er möge sie doch ja zurückkommen lassen, ehe der Zug weiter fährt. Am sechsten Tag schleichen wir weiter nach Chemnitz-Hauptbahnhof, danach bis Siegmar-Schönau in Sachsen. Hier wird unsere Flucht ein Ende finden. Manche Flüchtlinge können kaum noch gehen nach dem tagelangen verkrümmten Sitzen, sie sind hungrig und verhärmt von der ständigen Angst vor dem nächsten Bombenangriff.

Zuerst muss Tante uns in der Sammelstelle registrieren und dafür stundenlang anstehen. Wir lagern auf dem Fussboden. Die kleinen Machalski-Mädchen werden uns weggenommen, Tante kann gerade noch ihre Namen und ihr Alter angeben. Mit weit aufgerissenen Äuglein lassen die Kinder sich wegführen. Sie weinen nicht einmal, vielleicht denken sie, die fremden Leute würden sie zu ihrer Mama bringen. Erst Jahre später erfahren wir, dass ihre Mutter sie nach langer Trennung wiedergefunden hat.

Wir müssen uns nun in einem Waschraum vollständig entkleiden und werden mit einem Wasserschlauch abgespritzt. Noch nie habe ich Oma nackt gesehen! Sie trägt ein hässliches Lederband um den Bauch, das die Beule eines alten Leistenbruchs flach drückt. Und überhaupt der Bauch! Er hängt so tief, sie hat neun Kin-der geboren. (Während der Erntezeiten konnte sie es sich jeweils nicht erlauben, im Wochenbett zu liegen – daher hat sie wohl den Leistenbruch davongetragen.)

Wir frieren in diesem Raum. Im nächsten Zimmer werden wir mit DDT-Pulver gegen Läuse abgesprüht; alle müssen sich bücken, damit sie es auch auf den Po sprühen können. Dann gibt es erneut Suppe. Wir legen uns auf den Boden und schlafen mit dem Gedanken ein, dass wir nun gerettet sind.

Anderntags werden wir zu westdeutschen Familien «zwangseingewiesen». Die wenigsten von ihnen nehmen freiwillig Flüchtlinge auf. Wir sind zwar alle Deutsche, Ostpreussen war bisher die Kornkammer des ganzen Landes, aber das scheint die Reichsdeutschen nun nicht mehr zu interessieren. So bestimmen die Behörden, wer Flüchtlinge aufnehmen muss. Jemand bringt uns zu Herrn und Frau Hahn in die Schönauerstrasse. Uns ist ohnehin schon kalt, aber ihr eisiger Blick übertrifft alles. Das ist das Letzte. Sie geben uns einige Anweisungen, teilen uns ein Zimmer mit Doppelbett zu, einen Kochtopf für Kartoffeln und einen zum Wasserkochen. Kein Willkommen, keine einzige liebe Geste, keine Fragen, kein Erbarmen. Die Alte müsste uns eigentlich noch Nachthemden geben, aber wir ziehen einfach unsere Oberbekleidung aus und verschwinden im Bett: Omchen und Mariechen am oberen Bettende, Tante Emmchen und ich unten, zu ihren Füssen. Jede hält einen Bettzipfel fest, die Innenwände glänzen vor Raureif. Aber wir schlafen gut und danken Gott bis heute für das gerettete Leben.

Am nächsten Morgen holen wir uns an der Registerstelle Lebensmittelmarken. Wir erhalten Brot und Milch, das ist genug. Mittags gibt es dicke Kartoffelsuppe, die nur mit Salz gewürzt ist. Wir werden satt, und abends essen wir wieder trockenes Brot und trinken Milch. Frau Hahn steht jeweils neben dem Herd, und sobald die Kartoffeln in unserem Topf zu schäumen beginnen, befiehlt sie der Tante, den Topf im Bett warm zu stellen, das Essen würde dann mit der Zeit schon gar werden. Dann kocht sie ihr eigenes Essen und verschwindet in ihrer Stube.

Zwischendurch gibt es immer wieder Fliegerangriffe, und wir müssen im Keller ausharren. Dort verstecken sich jeweils so um die dreissig bis fünfzig Leute. Im Keller sind die Einheimischen und die Flüchtlinge gleich gestellt. Einmal kommt eine junge, hübsche Frau in den Keller, schiebt einen fünfjährigen, schwarz gelockten Buben herein und fleht: «Rettet mir mein Kind!» Irgendwann muss jemand erfahren haben, dass sie Jüdin ist, da wird sie abgeführt. Einige Leute nehmen sich des Knaben an – und doch gibt es jemand, der ihn nach einigen Tagen verrät und erbarmungslos seinen Betreuern aus den Armen reisst. Schrecklich! Viele schreien vor Angst, als die bewaffneten Häscher auftauchen, fürchten vielleicht, dass sie auch abgeführt werden, aber zu protestieren wagt niemand.

Meine Tanten und ich weinen, wie damals am 9. November 1938, als wir noch zu Hause waren. An jenem Tag waren in Hohenstein die Judengeschäfte, in denen wir gewöhnlich einkauften, geplündert und zerstört und die Besitzer abgeführt worden. Diese sogenannte «Reichskristallnacht» war unser erster grosser Schreck in diesem Krieg gewesen. …


ZZ-Anmerkung:

Schlechtgemachte Bild-Retusche

Wir kommen zum Schluß unserer Studie über die »Reichskristallnacht«.

Wer also steckte die Synagogen in Brand? War es Dr. Goebbels? Oder Himmler? Oder Heydrich? Vielleicht auch Adolf Hitler? War es ein Komplott der »Nazi-Verschwörer«? War es der Beginn der »Judenausrottung«?

Alle diese Fragen gelten heute als im bejahenden Sinn beantwortet, als »allgemein bekannte historische Tatsache«, die anzuzweifeln einem Deutschen verboten ist.

Tatsächlich ist jedoch in der Frage der Urheberschaft der Kristallnacht bis zum heutigen Tag nicht das geringste bewiesen.

Zunächst einmal muß man sich darüber klar sein, daß das, was unter dem Namen »Kristallnacht« abgehandelt wird, ein Komplex von Ereignissen ist, in dem verschiedene Strömungen und Aktionen zusammenlaufen.

Lediglich die verzerrte und sinnentstellende Berichterstattung unserer Zeitgeschichtsschreibung macht daraus in grob vereinfachendem Stil einen »nationalsozialistischen Judenpogrom«.

F E U E R Z E I C H E N

Die „Reichskristallnacht”

Anstifter und Brandstifter – Opfer und Nutznießer

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… Denn lange waren wir in Ostpreussen von den Kriegsgräueln verschont geblieben. Nun erleben wir, was die Menschen «im Reich» schon seit Jahren erleiden: Fliegeralarm, Bombenangriffe, Kellernächte voller Todesangst.

Als nächstes sollen gespendete Kleider verteilt werden, heisst es. Wieder einmal stehe ich also am nächsten Tag dicht hinter den Tanten in der Schlange. Aufgrund unseres Registrierscheins wird uns folgendes zugeteilt: Unterwäsche, die ungefähr passt, Röcke und ein Kleid sowie ein wollener Unterrock, der mir viel zu gross ist, den aber Omchen dann trägt. Ich bekomme noch eine bunte Mütze mit Kordel und Handschuhe.

Omchen und Tante Mariechen bleiben, wann immer es geht, im Bett. Das Zimmer ist viel zu kalt, und in der Küche dürfen wir uns sowieso nicht aufhalten – wo haben diese Menschen nur ihr Herz? Aber auch gütigen Mitmenschen begegnen wir: In der Schlange stehend lernt Tante Emmchen zum Beispiel eine Flüchtlingsfrau mit mehreren kleinen Kindern kennen, die ihr oft Milch abgibt: «Für ihr Muttchen, Frau Jewanski, meinen Kindern kann ich die Milch mit Wasser verdünnen, sie werden überleben.» Das war Ilse Scheer, geborene Neumann. Tante wird ihr noch Jahre später aus dem «Westen» Dankesbriefe in die DDR schreiben. Omchen muss leider dennoch bald sterben; sie wird, völlig entkräftet von der Flucht und den harten Lebensumständen danach, einfach langsam verhungern.

Tante Emmchen führt derweil einen hartnäckigen Kampf gegen die Behörden, versucht verzweifelt, uns ein eigenes Mansardenzimmer mit Kochgelegenheit zu erbetteln. Nach Wochen bekommt sie es tatsächlich, das allernötigste wird uns zugeteilt, auch das Deckbett der Hahns, und wir ziehen in den fünften Stock unters Dach. Dort gibt es sogar ein eisernes Öfchen. Nun sind wir endlich unter uns und können ungestört weinen und trauern und trotzdem auch danken, dass wir überlebt haben und zusammen sind.

Aber der Krieg ist noch nicht zu Ende. Noch stehen uns die Grossangriffe auf Dresden am 14. Februar und auf Leipzig (im Februar und April) bevor: Selbst auf die Entfernung von mehr als achtzig Kilometern werden wir Zeuge der Flammen und des Bombenregens. Es ist entsetzlich, Phosphorbomben brennen tagelang. Der Bombenalarm gilt jeweils auch für uns. Wie gut, dass unser Zug damals in Leipzig weiter geschickt wurde, sonst wären auch wir dort vielleicht verbrannt! Man erzählt sich nach den Angriffen, dass die Leute in den zerbombten Städten bis zu drei Wochen in den Kellern eingeschlossen waren; dass sie geklopft und um Hilfe gerufen haben. Doch wer sollte sie mit blossen Händen aus den Schuttbergen wühlen? Oh, Gott, wo bist Du? Hörst Du denn nicht ihr Schreien?

Am 5. März verlassen wir alle nach der Entwarnung den Keller. Draussen liegt tiefer Schnee, jedes Mäuerchen, jedes Gartentor ist mit einem zarten Schneehäubchen bedeckt – und am Horizont leuchtet das brennende Chemnitz. In einem Theater wäre das ein schöner Anblick, doch die Wirklichkeit ist so unendlich grausam. Keiner spricht ein Wort.

Oben im Mansardenzimmerchen beten meine Tanten und Omchen immer wieder um Otfrieds Bewahrung. Sie weinen oft, beklagen all ihr Leid. Ich trete an die Fensterluke und bete in kindlichem, festen Vertrauen darauf, dass Gott mich erhören und mir meinen einzigen, lieben Bruder zurückbringen wird. Mein Glaube soll belohnt werden. Ich habe in meinem Leben gelernt, dass Gott hört, um was wir flehen, auch wenn er uns nicht immer erhört. Er hilft uns, unseren Glauben zu stärken und zu bewahren.

Bald schon werden alle schulpflichtigen Kinder eingeschult. So komme ich in eine Klasse mit lieben Kindern, vielleicht liegt es auch am Lehrer, der es wunderbar versteht, mich den Kindern näher zu bringen. Er stellt mich vor, erzählt ein wenig von mir und sagt, von mir könnten sie schönes Hochdeutsch lernen. So gewinne ich bald Freundinnen, weil ich den sächsisch sprechenden Mitschülerinnen in Deutsch nachhelfe. Schlimm ist dafür der Rechenlehrer mit seinem Stöckchen! Wie der auf die Bänke und die Buben einschlägt und in der Klasse herumschreit! Bei ihm kann ich vor lauter Angst überhaupt nichts lernen. Zum Ausgleich gehe ich sonntags in den Kindergottesdienst und in den Chor. Das Singen war schon immer meine Freude und auch mein Trost.

Meine beste Freundin heisst Anneliese Schettler. Ich darf sie immer besuchen und bin sehr gern bei ihr zu Hause. Da bekomme ich gelegentlich auch etwas zu essen. Einmal habe ich selbst etwas genommen: Aus dem Erbsensuppentopf habe ich heimlich gelöffelt, das habe ich nie jemandem erzählt. Ja, wir litten richtigen Hunger in dieser Zeit. An einem Abend sind wir allein und Anneliese vertraut mir an, dass ihre Familie ihren Onkel versteckt hält. Er war Regimegegner und wurde von den Nazis ins Gefängnis gesteckt. Als bei dem Luftangriff auf Leipzig auch das Gefängnis getroffen wurde, konnten die Überlebenden flüchten. Jeder dieser «Ausreisser» musste nun einen Toten in Zivilkleidung finden, mit dem er die Kleider tauschen konnte. Auf diese Weise konnte Annelieses Onkel den Heimweg nach Schönau antreten. Er bewegte sich nur nachts, denn noch war er nicht sicher. Ich habe niemandem auch nur ein Sterbenswörtchen verraten.

Eines Tages überrascht uns wieder einmal ein Luftangriff, und diesmal wird auch unser Haus von einer Bombe getroffen. Zum Glück zündet sie nicht, sondern reisst nur ein grosses Loch in die Aussenwand. Daraufhin erlischt das Licht. Dicht aneinandergedrängt sitzen wir da, in schrecklicher Erwartung dessen, was noch folgen mag. Dann kommt die Entwarnung – erneut sind wir gerettet! Es gibt in dieser Zeit keine Nachrichten im Radio (die Hahns besitzen ein Gerät), nur Musik und politische Reden – sofern es überhaupt funktioniert. Keiner kann uns sagen, wo die Front steht.

In dieser Unsicherheit beginnt der Frühling, die Knospen an den Bäumen werden grösser, aber auf der Strasse sieht man weiterhin nur Leid und Elend. Tante Emmchen ist mit Behördengängen und Schlangestehen für Lebensmittelmarken beschäftigt. Die Arme! Wenn sie jeweils erschöpft und hungrig die fünf Treppen hochsteigt, sieht sie aus, als wäre sie dem Zusammenbruch nah. Für die Brotmarken erhalten wir klitschiges Maisbrot in Kastenform. Tante ritzt mit dem Messer Markierungen ein, so wissen wir, wie viel wir pro Tag essen dürfen – sie erlaubt kein Stückchen mehr. Eines Morgens entdeckt sie, dass jemand über die Markierung hinaus Brot abgeschnitten hat und schimpft mit Mariechen. Diese weint, sie könne vor Hunger nicht schlafen. Wir haben ja auch keine Kartoffeln. Stattdessen rösten wir Kartoffelschalen, damit wir wenigstens etwas zu knabbern haben. Tante geht auf die Felder, in der Hoffnung, unter dem einen oder anderen buckeligen Erdhügel eine vergessene Kartoffel oder Zuckerrübe zu finden. Ich laufe hinter den Kastenwagen der Bauern her, weil die immer wieder einmal eine kleine Kartoffel verlieren. So trage auch ich zu unserem Überleben bei. Manchmal bekomme ich auch etwas Essbares bei einer Freundin geschenkt.

Am achten Mai, gegen zehn Uhr vormittags, rollen amerikanische Panzer im Konvoi die Hauptstrasse herunter. Der Krieg ist zu Ende, dies sollen unsere «Befreier» sein. Die Amerikaner stehen in den offenen Panzerluken, lachen und grölen über ihren Sieg. Es gibt Leute, die ihnen zuwinken und weisse Bettlaken vor ihre Fenster hängen. Doch die meisten rennen verängstigt nach Hause. Auch ich verstecke mich hinter einem Mäuerchen. Unter diesen ersten Truppen befinden sich hauptsächlich Schwarze, ihre grossen weissen Zähne blitzen aus den lachenden Mündern. Nein, nein! Die sehen aber gar nicht aus wie mein süsses Negerlein aus der Sonntagsschule, das mit dem Kopf nickt, wenn man ein 10-Pfennig-Stück in den Schlitz wirft. Das hier sind Grobiane, vor denen man weglaufen muss!

In den kommenden Tagen bleiben alle Frauen und Mädchen zu Hause – es heisst, dass die Amerikaner viele Frauen vergewaltigen. Auch ich muss einmal wegrennen, weil mich zwei Soldaten verfolgen. Ich verstecke mich hinter der Haustür, und da die Kellertür offen steht, steigt der eine schnurstracks dort hinunter, während der andere die Treppen hinauf geht. Dann verschwinden sie wieder. Mein Herz klopft nicht mehr – es hämmert!

Die Wochen vergehen in Armut und Entbehrung. Tante Emmchen bekommt einen alten Militärmantel geschenkt. Sie dreht den Stoff nach aussen und macht mir daraus ein Glockenröckchen. Aus roten Filzresten näht sie mir einen Kranz kleiner Herzen auf den Saum. Ich bin darüber glücklich und trage den Rock jeden Tag. Es spricht sich herum, wie geschickt die Tanten sind, und so werden uns gelegentlich Stoffreste geschenkt. Endlich muss ich mich nicht mehr so schämen, wie ein Flüchtlingskind auszusehen. Die Zöpfe darf ich aber nicht abschneiden, da ist die Tante eisern. Dabei hätte ich so gern einen modernen Bubikopf wie meine Freundin Anneliese! Dafür darf ich die Haare zusammengerollt in einem schwarzen Plüschnetz tragen. So wirke ich wenigstens wie eine Dreizehnjährige und nicht mehr wie ein Kind.

Wie war es eigentlich möglich, in einem kargen Mansardenzimmer ohne Bücher, ohne Spielsachen, Papier und Stifte – ohne nichts – seine Zeit zu verbringen? Tante Emmchen und ich sangen viele Lieder, die wir natürlich auswendig wussten. Ich ging zur Schule und hatte Freundinnen. Der Lehrer Wendler gab mir die Aufgabe, einer Russin und ihren Kindern Nachhilfestunden in Deutsch zu geben, mit ihnen zu lesen und zu schreiben. Über den Erfolg war ich sehr stolz. Die beiden russischen Mädchen tanzten Ballett, in den Pausen meiner Nachhilfestunden durfte ich von ihnen einige Schritte lernen. So gab es in dieser traurigen Zeit durchaus auch lustige Momente. In der Schule kamen nun Englisch und Stenografie als neue Fächer hinzu; beides gefiel mir sehr. Und in der Weihnachtszeit lernten wir Lieder und studierten Aufführungen ein. Der Organist und Kantor hatte Freude an uns lernbegierigen Kindern.

Im Frühjahr 1946 starb Omchen und wurde in Siegmar-Schönau begraben. Nun fehlte mir die Zuflucht in ihre warmen Arme, ich trauerte sehr, aber ich konnte mit niemanden darüber sprechen, die beiden Tanten hatten schon genug andere Sorgen. Tante Mariechen nahm Kontakt nach Bochum auf, wo sie nach ihrer Hochzeit rund vierzig Jahre gelebt hatte, und bekam irgendwann die Erlaubnis, dorthin auszureisen.

Über das Rote Kreuz erfuhren wir, dass mein Vater aus englischer Gefangenschaft entlassen worden war. Man hatte ihn dort viel geschlagen, zudem war er nierenkrank und unterernährt. Vater kannte die Adresse der Familie Lange in Herford, die er nun als Verwandte ausgab. So durfte er in die Westzone ausreisen und stand eines Tages unangemeldet bei Frau Lange vor der Tür. Seine ganze Habe fand in einer Zigarrenschachtel Platz. Langes waren tiefgläubige Christen und nahmen ihn aus Nächstenliebe freundlich auf. Die Deutschen im Westen waren sowieso eher als die Ostdeutschen bereit, Flüchtlinge aufzunehmen. Langes pflegten Vater und gaben ihm, was sie geben konnten, vor allem Essen und ein Bett. Als er dort etwas eingerichtet war, begann er, seine Kinder zu suchen. Otfried galt noch immer als vermisst. Mich fand Vater im Meldeamt von Schönau bei Tante Emmchen. Er beantragte meine Ausreise nach Herford, nicht aber die von Tante Emmchen. Nun begann der Kampf um ihre Ausreisegenehmigung mit der inzwischen zuständigen russischen Besatzungsmacht. Da sie geschieden war, trug sie wieder ihren Mädchennamen Jewanski und konnte sich deswegen gut als meine Mutter ausgeben. Auf dem Amt legten wir schreckliche Szenen hin: Sie schrie: «Ich kann mein Kind nicht allein reisen lassen!» Der Russe polterte in gebrochenem Deutsch: «Ich habe nur einen Antrag für ein Kind.» Und wie auf Kommando brüllte auch ich: «Mutti, Mutti, ich will bei dir bleiben!» Sie warfen uns raus. Aber was macht man nicht alles in der Not, wir gingen wieder hin, wiederholten unseren Auftritt. Beim dritten Mal konnte der Russe mein Geheul nicht mehr ertragen und knallte den Stempel auf das Formular. Einmal mehr gerettet! Zu Hause angekommen, weinten und lachten wir zugleich. Wir durften in den Westen ziehen! Nun konnte alles nur noch besser werden.

Auf meinen Vater freute ich mich allerdings nur verhalten, ich kannte ihn ja kaum noch, und damals in Waplitz hatte er sich oft ganz schrecklich mit Tante Emmchen gestritten. Ich fürchtete, das könnte sich wiederholen, und sollte mich darin leider nicht täuschen. Der Tag unserer Abreise rückte immer näher. Die Tanten packten nun zusammen, was wir tragen konnten, alles andere wurde verschenkt. Ich nahm nach sechzehn Monaten Abschied von der Schule und von meinem geliebten Lehrer. Dabei offenbarte er mir, dass seine Frau und er mich adoptiert hätten, wenn sich mein Vater nicht gemeldet hätte. Zu dieser Familie wäre ich gern gegangen, allein schon wegen der schulischen Ausbildung, die ich bei ihr genossen hätte.

Vor unserer Abreise besuchten wir noch die kleinen Machalski-Mädchen. Sie waren inzwischen bei einer Familie untergebracht, wo wir sie regelmässig besucht hatten. Es ging ihnen prächtig. In dem einen guten Jahr hatten sie sich wunderbar entwickelt und wirkten fröhlich. Jahre später sollten wir erfahren, dass sich ihre Mutter eines Tages aus einem Flüchtlingslager im Osten meldete und die Kinder tatsächlich zu sich ins Lager holte, zurück in Armut und Kälte. Schliesslich wurde auch diese Familie zu Verwandten in den Westen ausquartiert. Auch ihr Vater kam aus dem Krieg nach Hause. Nach langer Zeit waren sie wieder vereint, aber die Kraft der Mutter liess nach und sie starb schon bald. Was für ein Schicksal mit welch grossem Leid!

Vor unserer eigenen Abreise vereinbarte ich mit meiner Freundin Anneliese, dass wir uns besuchen wollten, sobald es keine Zonengrenzen mehr gäbe. Wie konnten wir auch ahnen, dass Deutschland für Jahrzehnte geteilt werden und wir uns nie mehr wiedersehen würden!

Endlich hatten meine Tanten genug Geld für eine einfache Bahnkarte nach Herford zusammengespart. An der Grenze mussten wir in Helmstedt erst einmal wieder ins Lager. Es folgten Kontrollen, Visitationen, Angst, dass sie etwas Auffälliges an unseren Papieren finden und Tante Emmchen zurückschicken könnten. Doch am 14. Juni 1946 erreichten wir endlich Herford. Vater erwartete uns mit den beiden Lange-Söhnen am Bahnhof, und die Wieder-sehensfreude war gross. Bloss: Wo sollten die Tanten wohnen? Am nächsten Tag begleitete uns Frau Lange zu den Ämtern. Jeden Tag sprachen die Tanten von neuem vor, und es dauerte wirklich nicht lange, bis sie auf dem Land eine Zwei-Zimmer-Wohnung mit Kochgelegenheit zugeteilt bekamen, eine halbe Stunde per Kleinbahn entfernt. Bei Eltern und Geschwistern sammelte Frau Lange für die Tanten Möbel und Hausrat zusammen und irgendwer brachte alles mit Pferd und Wagen nach Spenge.

Tante Mariechen verzichtete auf die Weiterreise ins ausgebombte Bochum und blieb bei Tante Emmchen. Immer noch wartete sie sehnlichst auf ein Lebenszeichen, ja noch besser auf die Heimkehr ihres einzig überlebenden Sohns Siegfried. Ihr erster Sohn Ewald war mit vierundzwanzig Jahren an einem geplatzten Blinddarm gestorben. Sie hatte sich jahrelang nicht von der Trauer um ihn erholen können. Nun hoffte sie inständig, dass wenigstens ihr zweiter Sohn wieder heimkommen möge – Gott erbarme Dich! Später stellte sich heraus, dass er den Krieg und vier Jahre Gefangenschaft in einem Lager bei Stalingrad überlebt hatte. Er kehrte nach Bochum zurück und sorgte von dort aus für Mariechen. Ihr Mann Adam hingegen ist im Volkssturm gefallen. Vor dem Krieg hatte er zwölf Jahre lang auf einem Schiff gearbeitet, um so der harten und gefährlichen Arbeit in den Kohlengruben zu entrinnen. Nun, da die schweren Jahre vermeintlich vorbei waren, wäre Mariechen so gern mit ihm zusammen in Frieden alt geworden, aber es hat nicht sein sollen.

Von Juni 1946 an lebte ich mit Vater in einem Zimmer bei Familie Lange. Ich durfte die Langes Onkel Fritz und Tante Lehnchen nennen. Ihre Söhne Eberhard, Siegried und Hartmut waren siebzehn, dreizehn und sieben Jahre alt, ich knapp vierzehn. Die Flucht war vorüber. Und mein Bruder hatte gottseidank überlebt. Über das Rote Kreuz fand Otfried 1947 zu uns nach Herford. Wir wohnten zu dritt in unserem Zimmer, bis er Arbeit und eine eigene Wohnung fand. Otfried war länger als wir in Ostpreussen geblieben, hatte polnisch gelernt und sich als Pole ausgegeben. Er konnte später nach Berlin fliehen und von dort aus zu uns ausreisen.

In der Herforder Falkstrasse 23 begann für mich ein neues, fröhliches Leben. Mein Vater trank zu diesem Zeitpunkt nicht mehr, und mit den Langes zusammen waren wir eine richtige, grosse, glückliche Familie. Ich hatte endlich wieder ein Zuhause.


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