Die Vertreibung der Sudetendeutschen – Dokumentation eines Völkermordes

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Deportation, Zwangsaussiedlung und ethnische Säuberung.

Mehr als 15 Millionen Menschen deutscher Volkszugehörigkeit wurden in den Jahren 1944 bis 1948 aus ihrer Heimat vertrieben. Mehr als zwei Millionen Menschen haben diese Vertreibung nicht überlebt. Hierbei handelte es sich um die größte ethnische Säuberung in der Menschheitsgeschichte.

Ein Thema, das in Deutschland noch immer ein Tabu ist. Eine “erzwungene Wanderung” nannte es der ehemalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker oder von “humanen” Zwangsumsiedlungen ist die Rede, wenn es in Wirklichkeit um die Vertreibung der Deutschen aus den Provinzen Ost- und Westpreußen, Pommern, Schlesien und dem Sudetenland geht.

Eine Vertreibung mit Genozidcharakter!

Fünfzehn Millionen Deutsche hatten sich vor Mord, Deportation, Hunger und Gefangenschaft verzweifelt von Ost nach West retten wollen. Sie waren praktisch vogelfrei. Für zweieinhalb Millionen endete diese „Wanderung“ mit einem grausamen Tod.

Etwa zwei Millionen Frauen wurden, viele von ihnen gleich mehrfach, von den anstürmenden Rotarmisten vergewaltigt. Wer dennoch in der Heimat zurück geblieben war – sei es, dass eine Flucht schon nicht mehr möglich war, sei es in der verzweifelten Hoffnung, gar so schlimm könne es doch nicht werden – musste dafür einen schrecklichen Preis bezahlen. Er wurde unter grausamen Bedingungen vertrieben – auf ewig. Und „legalisiert“ durch die Siegermächte des II. Weltkrieges noch dazu.

“Die Vertriebenen waren Opfer der Unmenschlichkeit der Sieger, heute sind sie Opfer der Diffamierung durch viele Medien und dem Zeitgeist verhaftete Historiker.”

Wer über Geschichte schreibt, kann stören. Er darf kein Dogma akzeptieren, keine Verbote, keine Tabus. In einem freien Staat ist es weder Sache der Regierung noch der Justiz, geschichtliche Wahrheit zu definieren. Das müssen schon die Menschen selbst tun – und am besten die, die sie erlebt haben. Noch ist es Zeit dafür, wenn die Chancen, das tun zu können, auch immer geringer werden. Heute sind nur noch, so wird geschätzt, sechs Prozent jener Menschen am Leben, die noch aus eigenem Erleiden berichten können.

Am 25. Januar 1946 kam der erste Vertriebenen-Transport mit „Sudetendeutschen“ aus der CSR in Bayern an.

Der folgende Artikel zeigt dokumentarisch Zusammenhänge, Abläufe und Hintergründe der Vertreibung der Sudetendeutschen. Der Artikel erinnert daran, mit welcher Bestialität die Vertreibung von den Siegern vollzogen wurde und lässt auch die schrecklichen Gräueltaten nicht unter den Tisch fallen, die der größte Bevölkerungstransfer aller Zeiten mit sich brachte. 

Mein Dank gilt dem Kommentar-SchreiberFriedland bei Lupo-Cattivo-Blog- für die Ausarbeitung und Zusendung dieses Artikels.

„Die nach unserem Ermessen befriedigendste und dauerhafteste Methode ist die Vertreibung. Sie wird die Vermischung von Bevölkerungen abschaffen, die zu endlosen Schwierigkeiten führt… Man wird reinen Tisch machen. Mich beunruhigen diese großen Umsiedlungen nicht, die unter modernen Verhältnissen besser als je zuvor durchgeführt werden können.“ Winston Churchill am 15. Dezember 1944 (Parlamentsdebatten des Unterhauses, Band 406, Spalte 1484; auch Churchill, Reden, Zürich 1949, Band 5, S. 468)

Potsdamer Konferenz: Artikel XIII  Ordnungsgemäße Überführung deutscher Bevölkerungsteile

Die Konferenz erzielte folgendes Abkommen über die Ausweisung Deutscher aus Polen, der Tschechoslowakei und Ungarn:

Die „Großen Drei“: (von links nach rechts) der britische Premierminister Clement Attlee, der US-Präsident Harry S. Truman, der sowjetische Generalissimus Josef Stalin; stehend dahinter: der US-Admiral William Daniel Leahy, der britische Außenminister Ernest Bevin, der US-Außenminister James F. Byrnes und der sowjetische Außenminister Wjatscheslaw Michailowitsch Molotow

Die drei Regierungen haben die Frage unter allen Gesichtspunkten beraten und erkennen an, daß die Überführung der deutschen Bevölkerung oder Bestandteile derselben, die in Polen, Tschechoslowakei und Ungarn zurückgeblieben sind, nach Deutschland durchgeführt werden muß.

Sie stimmen darin überein, daß jede derartige Überführung, die stattfinden wird, in ordnungsgemäßer und humaner Weise erfolgen soll. Da der Zustrom einer großen Zahl Deutscher nach Deutschland die Lasten vergrößern würde, die bereits auf den Besatzungsbehörden ruhen, halten sie es für wünschenswert, daß der alliierte Kontrollrat in Deutschland zunächst das Problem unter besonderer Berücksichtigung der Frage einer gerechten Verteilung dieser Deutschen auf die einzelnen Besatzungszonen prüfen soll.

Sie beauftragen demgemäß ihre jeweiligen Vertreter beim Kontrollrat, ihren Regierungen so bald wie möglich über den Umfang zu berichten, in dem derartige Personen schon aus Polen, der Tschechoslowakei und Ungarn nach Deutschland gekommen sind, und eine Schätzung über Zeitpunkt  und Ausmaß vorzulegen, zu dem die weiteren Überführungen durchgeführt werden können, wobei die gegenwärtige Lage in Deutschland zu berücksichtigen ist.

Die tschechoslowakische Regierung, die Polnische Provisorische Regierung und der alliierte Kontrollrat in Ungarn werden gleichzeitig von obigem in Kenntnis gesetzt und ersucht werden, inzwischen weitere Ausweisungen der deutschen Bevölkerung einzustellen, bis die betroffenen Regierungen die Berichte ihrer Vertreter an den Kontrollausschuß geprüft haben. (Auszug aus dem Protokoll- Potsdamer Konferenz vom 2. August 1945)

Einführung

Es war so etwas wie ein Kulturschock, als die ersten heimatvertriebenen Sudetendeutschen in den Dörfern Hinterbadens ankamen, damals die Kreise Mosbach, Buchen, Sinsheim, Tauberbischofsheim, Karlsruhe und Heidelberg. Da viele der angekommenen Frauen aus alter Tradition Kopftücher trugen, war bei den Einheimischen schnell die Assoziation gegeben, es müsse sich bei den ungebetenen Gästen, die überall zwangsweise einquartiert wurden, um Zigeuner handeln.

Schnell hatten dann bei einem Teil der Altbevölkerung die Sudetendeutschen ihren Spitznamen weg. Hinzu kam, daß die mitgebrachte Ausrüstung oft tatsächlich Ähnlichkeiten mit denen der der Zigeuner aufwies. Woher sollte aber auch ein Bäuerle aus dem Kleinen Odenwald wissen, daß er mittelbar Zeuge eines der größten Menschheitsverbrechen geworden war, als man die Angehörigen der fleißigsten und produktivsten Volksgruppe der ehemaligen K. u K. Monarchie auf die Dörfer Nordbadens verteilte.

Für ihn waren die Herkunftsorte Eger, Trautenau, Aussig, Böhmisch-Leipa oder Gablonz im wahrsten Sinne des Wortes „Böhmische Dörfer“. Nun hieß es zusammenzurücken und Solidarität zu üben, die hin und wieder mit Polizeigewalt erzwungen werden musste, wenn man partout einen Wohnraum für eine „Flüchtlingsfamilie“ nicht frei machen wollte. Arbeit gab es zu Anfang keine, und wenn, dann bestand sie aus einem doppelten Butterbrot für das Mähen einer Wiese (hatte mein Vater erlebt). So blieb nur das Kartoffelklauen in der Nacht, um den kargen Küchenbedarf etwas aufzubessern.

Winter 1946-1947Als das soziale Netzwerk wieder aufgebaut war, wurde auch „schwarz“ geschlachtet, an das Hammelfleisch kann ich mich noch gut erinnern. Den Winter 1946-1947 überstanden wir in einer nicht gedämmten Dachkammer nur durch „schwarze“ Kohlenlieferungen eines überaus großherzigen und hilfsbereiten einheimischen Wäschereibesitzers, der u. a. für die amerikanische Besatzungsmacht tätig war und offenbar die Möglichkeit besaß, Kohlen abzuzweigen.

Unsere Ankunft auf dem Lande gestaltete sich nicht so, wie es sich die Teilnehmer auf der Potsdamer Konferenz vom 17. Juli bis 2. August 1945 vielleicht vorgestellt hatten. Nach zehn Tagen wurden wir im Durchgangslager auf einen offenen LKW verladen und zusammen mit anderen Sudetendeutschen aus demselben Heimatort auf ein Dorf gebracht und vor der Bürgermeisterei abgeladen.

Nachdem wir so einen halben Tag dort gestanden hatten, hielt mein Vater eine Streife der US-Militärpolizei an und bat um Vermittlung einer Unterkunft. Das Ergebnis war die exklusive Unterbringung in einer abgeschlossenen Kegelbahn in einem der Gasthöfe in unmittelbarer Nähe, in dem auch der Schankraum zur Unterkunft der Vertriebenen herhalten musste.

Unsere neue Adresse im Westen Deutschland, das sich damals Amerikanische Zone nannte, lautete:Gasthaus zu drei Königen“.

Ihre Fähigkeiten nutzend, auf grund dessen sich ihre Vorfahren schon als Pioniere der Arbeit ausgewiesen hatten bei der Kultivierung ihrer Heimat, gründeten alsbald sieben der im Dorf untergekommenen Sudetendeutschen kleine Handwerksbetriebe, darunter war die Schuhmacherei meines Vaters. 

Zum Stichtag 1. Oktober 1947 wurden an Neugründungen betrieben: Warengroßhandel, Bürstenbinderei, Maschinenstrickerei, Schuhmacherei, Maurergeschäft, Dachdeckergeschäft, Hebamme.

Durch eigene Forschung und unter zu Hilfenahme von neuerer und älterer Literatur war es mir möglich, die Zusammenhänge, Abläufe und Hintergründe der Vertreibung der Sudetendeutschen kleinräumig näher zu bestimmen. Dies soll hier dokumentarisch geschehen.

Die Herkunft der Sudetendeutschen

Die Heimat der Sudetendeutschen waren die rund 27.000 qkm umfassenden Siedlungsgebiete in Böhmen, Mähren und Sudetenschlesien, jenem Teil Schlesiens, der 1763 nach dem 7-jährigen Krieg zwischen Österreich und Preußen bei Österreich geblieben war. Die Bezeichnung >Sudetendeutsche< leitet sich von dem rund 330 km langen und 30 bis 60 km breiten Gebirgszug der Sudeten ab, der sich im Norden Böhmens, Mährens und Sudetenschlesiens von Iser- und Riesengebirge über das Adlergebirge und Glatzer Bergland bis zum Altvatergebirge und Mährische Senke hinzieht.

Der Name >Sudetendeutsche< wurde seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts als Sammelbegriff für die 3,5 Millionen Deutschen in Böhmen, Mähren und Sudetenschlesien (= Böhmische Länder) gebräuchlich.

Er umfasst eine deutsche Volksgruppe, die in ihrem vierfachen stammesmäßigen Aufbau (Bayern, Franken, Sachsen, Schlesier) Abbild des deutschen Gesamtvolkes ist.

Bevor die Tschechen, ein slawischer Volksstamm, im 6. Jahrhundert aus dem Osten in das Innere Böhmens und Mährens eindrangen, war dieses Land schon von keltischen und germanischen Stämmen, Bojern, Markomannen und Quaden, bewohnt. Tschechische Herzöge riefen im 12. und 13. Jahrhundert Deutsche als Bauern, Bergleute, Handwerker, Handelsleute und Künstler in das Land, um vor allem die Randgebiete erschließen und kultivieren zu lassen. Als ehemaliges Steppenvolk waren ihnen die bergigen Regionen des böhmischen Kessels ungewohnt und aufgrund des Waldreichtums auch vermutlich unheimlich.

Seit dieser Zeit, über siebenhundert Jahre, gibt es eine gemeinsame friedliche Geschichte der Deutschen und Tschechen im gemeinsamen Siedlungsraum, die nur durch die Hussitenkriege im 15. Jahrhundert gestört wurde.

Die genealogischen Nachweise meiner Vorfahren reichen in den Kirchenbüchern meiner Heimatgemeinde bis ins Jahr 1683 zurück, für die Zeit davor gibt es keine Nachweise mehr, da die Kirchenbücher bei einem großen Brand vernichtet wurden.Der aufkommende Nationalismus auf tschechischer Seite zerstörte die gemeinsame Basis und führte die deutsche Volksgruppe in die Katastrophe.

Vorgeschichte der Vertreibung

Der Gedanke einer ethnischen Säuberung des böhmischen Raumes vom deutschen Bevölkerungsteil ist alt. Mit dem aufkommen des tschechischen Nationalismus in der Mitte des vorletzten Jahrhunderts wurde diese Frage in entsprechenden tschechischen Zirkeln diskutiert und auch Hetzschriften gegen das Deutschtum in Böhmen verfasst.

Die Idee ethnischer Säuberungen in Zentraleuropa wurde erstmalig unter serbischen Intellektuellen vor dem ersten Weltkrieg diskutiert. 

Da die Schöpfer der ersten Tschechoslowakei, Masaryk (Foto links) und Benesch (Foto rechts), ideologisch im Nationalismus des 19. Jahrhunderts verankert waren, mußte ihnen eine Lösung des Problems, das durch das Vorhandensein mehrere Völker in einem staatlichen Raum sich darbot, versagt bleiben. So war Masaryk schon 1919 davon überzeugt: „…daß eine sehr rasche ENTGERMANISIERUNG dieser Gebiete vor sich gehen wird (Le Matin, Paris, 10. Januar 1919).

Beide, sowohl Masaryk wie Benesch hatten einen entscheidenden Anteil an der Zerstörung der Donaumonarchie, die sie, bereits als gesuchte Landesverräter während des I. Weltkrieges, von Außen betrieben.

Der Vertreibungs-Gedanke erwuchs aus dem Boden des extremen chauvinistischen Nationalismus, als dessen Hauptverfechter Dr. Benesch und dessen ideologischer Lehrer, der führende tschechische Historiker des 19. Jhd., Palacky´, zu gelten haben. Palacky´ sah den Kampf der Deutschen mit den Tschechen als das Leitmotiv der Geschichte im böhmisch-mährischen Raum und im Besonderen die Hussitenzeit als das Heldenzeitalter des tschechischen Volkes.

Nimmt man die Mord- und Raubzüge der Hussiten in den Westen des damaligen Deutschen Reiches und addiert die regelmäßigen Raubzüge der frühen Slawen aus dem Böhmischen Becken in die Germanischen Provinzen hinzu, kann man erahnen, welches geistige Potenzial sich zur Vernichtung der nächsten Nachbarn, mit denen man gemeinsam das Land bewohnt hatte, ansammeln konnte. Eine weitere Demütigung bedeutete offenbar nach der Schlacht am Weißen Berge die Hinrichtung von Teilen der Böhmischen Stände im Jahr 1621, die als Angehörige des tschechischen Adels die Protestanten unterstütz hatten. So nahm nach jahrzehntelanger Aufputschung der tschechischen Volksseele das Verhängnis seinen Lauf, wie aus verschiedenen Äußerungen von tschechischer Seite zu entnehmen war:

„Wir Tschechen müssen trachten, daß wir die deutsche Industrie an uns reißen. Solange nicht der letzte Kamin der deutschen Fabriken verschwindet, solange müssen wir kämpfen. Die Deutschen haben hier kein Recht. Man soll bei ihnen nicht kaufen, damit sie auswandern, die Grenze offen, und sie können nach ihrem großen deutschen Reich oder Deutsch-Österreich auswandern.“ (Abdruck einer Rede eines Advokaten aus Prag bei einer Feier in der Garnison Postelberg  vor deutschen und tschechischen Soldaten in der Prager Zeitung „Bohemia“ vom 7. Juli 1923)

Um die Kritiker bei der Gründung der Tschechischen Republik 1919 ruhig zustellen, sprach man von einer „Höheren Schweiz“, die man aufgrund der Vielvölker-Strukur des Landes gründen wollte. Tatsächlich hatte man sich bei der Friedenskonferenz von St. Germain die Zustimmung der damaligen Westmächte zu Staatsgründung mit der Vorspiegelung falscher Tatsachen erschlichen, denn die Angaben im Memorandum Nr. 3 zu Frage der deutschen Minderheit enthielten eine ganze Reihe grober Fälschungen.

Insgeheim dachte man aber gar nicht daran, der deutschen Minderheit bei irgendeiner strittigen Frage entgegenzukommen, geschweige, das Recht auf Selbstbestimmung für die ungeliebten Mitbewohner zuzulassen. Im weiteren Verlauf begann eine Tschechisierung der deutschsprachigen Gebiete, die letztendlich in der Gründung der Sudetendeutschen Partei ihren Niederschlag fand, um deutlicher die Minderheitenrechte durchzusetzen.

Chamberlain, Daladier, Hitler, Mussolini, und der italienische Außenminister Graf Galeazzo Ciano (von links). Im Hintergrund (zwischen Führer und Duce) von Ribbentrop und von Weizsäcker

Mit dem Abschluß des Abkommens von München vom 29.09.1938 war der jahrelange Versuch, die Sudetendeutschen zu assimilieren, gescheitert. Zuvor hatte Benesch in einem Brief vom 15.09.1938 den  immer in der Schublade bereitgehaltenen Plan einer Teil- oder Komplettvertreibung der als >fünfte Kolonne< bezeichneten Deutschen den französischen und britischen Vermittlern über seinen Staatsminister Necas zukommen lassen. Dieses geheime Angebot einer Teilabtretung tschechischen Staatsgebietes in Verbindung mit der Aussiedelung von 1,5 bis 2 Millionen Sudetendeutschen tauchte erst lange nach Kriegsende auf. (F. P. Habel 2003, 398-403)

Der 1938 ins Exil nach London geflüchtete Benesch sah nun nach Kriegsbeginn die Chance, bei einem möglichen Sieg der Alliierten, die Sudetendeutschen endgültig loszuwerden. Um die Zustimmung zu seinen Vertreibungsplänen bei den Großmächten zu erhalten, die nicht ohne gewisse Schwierigkeiten zu erlangen waren, wandte er einen Trick an.

Bei seiner Unterredung mit Roosevelt im Mai 1943 erwähnte er, daß Stalin dem Transfer der Sudetendeutschen zugestimmt hätte. Das gleiche Verfahren geschah 17 Tage später, als am 29 Mai 1943 Dr. Ripka (enger Mitarbeit von Benesch) dem sowjetrussischen Botschafter Bogomolow signalisierte, daß die USA mit einem „Transfer“ einverstanden seien. Die offizielle russische Zustimmung traf aber erst am 6. Juni 1943 in London ein. Daß in der Zeit davor das Ansehen von Dr. Benesch nicht sehr hoch gewesen sein kann, zeigt bezeichnenderweise ein Brief, den US-Botschafter Bullit am 16. September 1939 an Präsident Roosevelt richtete und in dem er beschrieb, wie Benesch eine Exilregierung in London zu etablieren und die Westalliierten für eine Nichtigkeitserklärung des Münchener Abkommens zu gewinnen suchte:

„Benesch kam in der Absicht nach Europa, um eine >provisorische Regierung der Tschechoslowakei< zu errichten….. sowohl Franzosen wie Briten vertraten den Standpunkt, daß sie sich geweigert hätten zu akzeptieren, daß die Tschechoslowakei als unabhängiger Staat aufgehört habe zu existieren….sie sähen keine Grundlage für eine provisorische Regierung Benes außer dessen Wunsch, sich wieder an die Spitze von irgend etwas zu setzen. Darüber hinaus hält fast jeder im politischen Leben Frankreichs und Englands Herrn Benesch für einen äußerst egozentrischen und kleingeistigen Menschen, der durch seine wohlfeile Klugheit in kleinen Dingen und völligen Mangel an Weisheit in wichtigen Dingen den Zerfall seines Landes zuließ“. (de Zayas 2005, S. 73-74)

Die „organisierte“ Vertreibung

Wie organisiere ich eine Vertreibung, bei der ich mir die Hände nicht schmutzig mache, die nach außen human erscheint und auch noch an Hand der Vorgaben funktioniert? Die Lösung, die man auf der alliierten Konferenz von Potsdam fand, war simpel und einfach: wir lassen das Ganze von den deutschen Behörden durchführen, nach dem Motto: „the Germans do it“, und so geschah es.

Sudetenland Karte

Seit dem Jahresbeginn 1945 lassen sich drei Phasen der Vertreibung aus dem böhmisch-mährischen Kessel grob unterscheiden:

In der ersten Phase zwischen Januar und dem 5. Mai 1945 schlossen sich einzelne Personen aus dem Kampfgebiet im Osten des böhmisch-mährischen Kessels den Schlesiertrecks bzw. zurückweichenden Kampfgruppen der ehemaligen Heeresgruppe Mitte unter GFM Schörner an.

Die Zweite Phase begann mit dem Prager Aufstand am 5. Mai 1945. Es begannen Massenaustreibungen und Massenterror durch tschechoslowakische Verwaltungsbeamte und die >Revolutionsgarde< des Generals Swoboda.

 Der überwiegende Teil der Sudetendeutschen war in Unkenntnis über die Nachkriegsabsichten des Dr. Benesch und seiner Mitarbeiter. Es gab ein furchtbares Erwachen aus dieser Illusion, als die ersten Revolutionsgardisten, aus Innerböhmen kommend, in den sudetendeutschen Gebieten auftauchten.

Vergewaltigungsopfer Rote Armee

Diese von den zentralen tschechischen Stellen organisierten und dirigierten Einsatzgruppen überzogen viele Orte mit Mord, Gewalttaten, Mißhandlungen, Schändungen, Raub und Diebstahl wie z. B. in Saaz, Brüx, Aussig, Landskron, in denen Massenexekutionen und Blutbäder inszeniert wurden, die zu dem Schrecklichsten gehören, was in der Geschichte Europas bislang zu verzeichnen war.

Durch die aufpeitschenden Hetzrufe des Prager Rundfunks und der Reden Beneschs am 12. und 16. Mai 1945 wurde die Stadt in einen förmlichen Blutrausch dämonischer Massenhysterie versetzt, die dem Sadismus Tür und Tor öffnete und die zu Greueltaten führte, die die Greuel der Hussitenzeit übertrafen.

Die Massengrausamkeiten nahmen stellenweise solche Formen an, daß mancherorts die russische Besatzung den Tschechen Einhalt gebot (W. Turnwald 1952, S. XX). In einer großen Versammlung am 3. Juni 1945 in der Stadt Tabor, einstiger Hochburg der Hussitenbewegung und einzige tschechische Stadtgründung in Böhmen erklärte Benesch des Weiteren:

„Ich erteile allen Narodni vybor strengen Befehl, unseren Leuten im Grenzgebiet Platz zu verschaffen. Werft die Deutschen aus ihren Wohnungen und macht den unsrigen Platz. Alle Deutschen müssen verschwinden. Was wir im Jahre 1918 schon durchführen wollten, erledigen wir jetzt. Damals schon wollten wir alle Deutschen abschieben, Deutschland war aber noch nicht vernichtet und England hielt uns die Hände, jetzt aber muß alles erledigt werden. Kein deutscher Bauer darf auch nur einen Quadratmeter Boden unter seinen Füßen haben, kein deutscher Gewerbetreibender oder Geschäftsmann darf sein Unternehmen weiterführen. Wir wollten das auf eine etwas feinere Weise zur Durchführung bringen, aber da kam uns das Jahr 1938 dazwischen. All dessen muß sich jeder Narodni vybor bewußt sein und rasch handeln. Der Öffentlichkeit wegen muß ich zwar noch bei den Großen drei die Bewilligung einholen, aber das ändert an all dem nichts mehr, denn es ist alles schon beschlossen“. (Svobodne slovo, Prag, Jg. 1, Nr. 32 v. 17.6.194, in: F. P. Habel 2003, S. 526-528)

Benesch unterzeichnet die Dekrete

Die zur Vertreibung erlassenen Dekrete, die u. a. die Täter für ihre Handlungen bei deren Durchführung straffrei stellte, waren parlamentarisch nicht abgesegnet, so daß sie quasi als Dienstanweisung Beneschs gelten können, sie wurden bis heute nicht beseitigt!

Die dritte Phase begann im November 1945 durch Einzelfluchtaktionen aufgrund des anhaltenden Terrors und des Wissens um die Potsdamer Beschlüsse. Diese wurden allerdings erschwert durch die bereits angelaufenen Konzentrationen der Sudetendeutschen in Lagern, durch das Reiseverbot, durch die ungünstige Wetterlage in den Wintermonaten und ging dann ab Januar 1946 in eine „organisierte Vertreibung“ über.

Zuvor waren  durch eine der ersten Verfügungen des tschechischen Innenministeriums Konzentrationslager für Deutsche eingerichtet worden. Alle Formen nur denkbarer Bestialitäten wurden in diesen Lagern an deutschen Menschen verübt. Noch schlimmer als in den Lagern waren die Verhältnisse in den Gerichtsgefängnissen, wo neben den unmenschlichen Grausamkeiten und Folterungen noch der Umstand sich auswirkte, daß bei einer katastrophalen Überbelegung der Gefängniszellen die Häftlinge keine Bewegungsmöglichkeiten hatten und kaum an die frische Luft kamen, so daß Seuchen und Erkrankungen aller Art die Sterblichkeitsziffern ansteigen ließen. Ein Großteil der Gefängnisinsassen starb auch infolge der völlig unzureichenden Ernährung. (W. Turnwald 1952, S. XXI – XXIII)

Dies war die Situation, als die Großen Drei in Potsdam zusammen kamen, um u. a. auch eine Verbesserung des Vertreibungsgeschehens zu erreichen. Der anfängliche Gedanke einer Teil-Vertreibung bzw. eines Moratoriums desselben ließ sich in der weiteren Entwicklung des Jahres 1945 gegenüber den Vertreiberstaaten nicht durchsetzen, da diese „reinen Tisch“ machen wollten.

Nachdem man in Groß-Britannien und in den USA auf die unhaltbaren Zustände aufmerksam geworden war, gab es zumindest zwischen den Vertretern der CSR und der USA eine Übereinkunft zu einer geregelten Abwicklung der Aussiedlung. Diese wurde aber auch nicht immer von Seiten der CSR eingehalten. (de Zayas 2005, S. 134 ff.; Protokoll d. Besprechung zw. Vertretern US-Militärregierung u. Vertretern der CSR vom 9. Januar 1946 in: F. P. Habel 2003, S. 673/674)

Die Grenzdurchgangslager 

Zur Durchschleusung der Vertriebenentransporte in die West-Zonen per Eisenbahn hatte man vier Grenzdurchgangslager bestimmt. In Bayern waren dies Piding und Schalding für Flüchtlinge aus Südost-Europa, Furth im Wald und Wiesau für die Masse der Sudetendeutschen.

Von diesen erfolgte eine Unterverteilung auf Kreis-Durchgangslager in Bayern, Württemberg-Baden und HessenLetztere hatten die Verteilung der angekommenen Sudetendeutschen auf die einzelnen Orte, mehrheitlich Dörfer, vorzunehmen.

Laut Verteilungsplan des alliierten Kontrollrates vom 20. November 1945 sollten die amerikanische Besatzungszone 2,25 Millionen ausgewiesene Sudetendeutsche von insgesamt 3,5 Millionen aufnehmen. Bereits am 11./12. November 1945, also noch bevor die Ausweisungsquoten für die einzelnen Besatzungszonen offiziell bekannt gegeben waren, hatte der Länderausschuß Flüchtlingsfürsorge einen vorläufigen Verteilungsschlüssel herausgegeben. Danach sollten Bayern 50%, Hessen 27% und Württemberg-Baden 23% des monatlichen Flüchtlingskontingentes der amerikanischen Besatzungszone aufnehmen.

Südbaden als Teil der Französischen Zone nahm zunächst keine Heimatvertriebenen/Flüchtlinge auf, da de Gaulle aufgrund seiner Nichteinladung zur Konferenz von Potsdam dies abgelehnt hatte. Somit waren sowohl der Umfang der Ausweisung wie auch die Verteilung der neuen Flüchtlinge in der Theorie geregelt, die genauen Durchführungsmodalitäten der Transporte ab Januar 1946 wurden in Verhandlungen zwischen Vertretern der amerikanischen Besatzungsbehörden und Vertretern der tschechoslowakischen Regierung festgelegt. Das entsprechende Abkommen forderte für die Ausgewiesenen eine hinreichende Ausrüstung mit Kleidung, das Recht auf Mitnahme eines Gepäcks von 30-50 kg sowie von 1000 RM.

Von tschechischer Seite sollte ein Lebensmittelvorrat für mindestens drei Tage gestellt und Versorgung mit warmer Verpflegung auf der Fahrt gewährleistet werden. Ferner sollten Transporte von durchschnittlich 1200 Personen in 40 beheizbaren Eisenbahnwaggons zusammengestellt werden, wobei zu beachten war, daß Familien nicht auseinandergerissen und Kranke in den ersten Transporten nicht mitgenommen werden durften. Insgesamt kamen im Rahmen der organisierten Ausweisung 1112 Eisenbahntransporte mit 1 183 370 Personen in der US-Besatzungszone an. Auf Bayern entfielen dabei 661 Transporte, also deutlich mehr, als die im Verteilungsschlüssel festgelegten 50%. (S. Maier 1999, S. 17-18)

Organisatorischer Ablauf

Der organisatorische Ablauf  bei der Durchschleusung der Vertriebenentransporte ist für das Grenzdurchgangslager Furth im Wald und das Kreis-Durchgangslagers Neckarzimmern sehr gut dokumentiert. Das Grenzdurchgangslager Furth im Wald erhielt am 8.01.1946 einen Grenzkommissar, der für den Lageraufbau und die reibungslose Durchschleusung der Heimatvertriebenen/Flüchtlings-Transporte verantwortlich zeichnete. Das Durchgangslager befand sich direkt hinter dem Bahnhof Furth im Wald an der Strecke Pilsen-Nürnberg und umfasste 40 größere und kleinere Baracken einschließlich der Wasch- und Toilettenbaracken.

Der zehngleisige Bahnkörper ermöglichte es dem Grenzkommissar, bis zu fünf Transporte mit je 1200 Personen pro Tag durchzuschleusen. Der erste Massentransport traf am 25.01.1946, 14,00 Uhr aus Budweis mit 1.205 Personen ein und mußte vom Hilfszug Bayern (mobile Küche) versorgt werden, da das Lager noch nicht fertig gestellt war.

Die Transporte setzten sich zusammen aus:

Eine tschechische Lokomotive40 Güterwaggon, je Waggon 30 Personen mit Gepäck (25 kg bei den ersten 12 Transporten, danach ab Mai 1946  75 kg), ein Personenwagen mit Schwerkranken und in einem Extra-Abteil, in dem sich ein von den tschechischen Behörden gestellter Transportoffizier, Transportarzt und sechs bewaffnete Soldaten befanden, ein Verpflegungswaggon mit Transportverpflegung für drei Tage: 1.800 kg Brot, 144 kg Zucker, 54 kg Fett, 120 kg Nährmittel, 36 kg Kaffee, 1.200 kg Kartoffeln, 108 kg Weizenmehl, 18 kg Salz, 18 kg Dörrgemüse, 0,90 kg Gewürze, 72 Liter Essig, 82 Milchkonserven zu 40 dkg. (Angaben laut Transportpapiere des Transportes Böhmisch-Leipa 29.05.1946)

Je Transport und Waggon wurde ein deutscher Transportführer und Waggonältester bestimmt, begleitet von drei Pflegerinnen/Krankenschwestern. In den ersten Monaten liefen die Transportgarnituren nur bis Furth im Wald, die Personen mussten mit ihrem Gepäck nach gründlicher Entlausung desselben in deutsche Zuggarnituren umsteigen. Nach Verhandlungen mit dem amerikanischen Verbindungsoffizier wurde erreicht, daß die tschechischen Transporte bis zu den deutschen Zielbahnhöfen (Kreis-Durchgangslager) weiterliefen. Dieses Verfahren ermöglichte die Abfertigung von drei bis fünf Transporte pro Tag, da kein Zeitverlust eintrat und sich dadurch der Mangel an deutschem Waggonmaterial nicht auswirkte.

Die Zugabfertigung:

Der tschechoslowakische Verbindungsoffizier in der Bahnhofsverwaltung gab über den amerikanischen Besatzungsoffizier dem Grenzkommissar alle 14 Tage die Abgangsorte der vorgesehenen Züge bekannt. Die Zielbahnhöfe bestimmte die Transportabteilung des Staatskommissars in München und sagte diese dem Grenzkommissar, der Reichsbahn und dem jeweils zuständigen Regierungskommissar telefonisch durch. Zielbahnhöfe in Württemberg-Baden und Hessen wurden den in Furth im Wald sitzenden Transportbeauftragten von ihren jeweiligen Staats- bzw. Landeskommissaren entsprechend angegeben.

Die genaue Zugankunft im Grenzbahnhof Furth im Wald konnte erst nach Abfertigung und Übergabe des Zuges an den amerikanischen Verbindungsoffizier in Taus (Domazlice) durch Vermittlung der CSR-Bahn durchtelefoniert werden. Sodann wurde über Lautsprecher das gesamte Personal des Durchgangslagers verständigt, daß ein Transport mit Ausgewiesenen von … nach… Einfahrt hat.

Bei der Übergabe der Züge waren sowohl der amerikanische wie auch der tschechische Verbindungsoffizier, der tschechische Transportoffizier und Transportarzt, ein deutscher Lagerarzt und der Grenzkommissar anwesend. Neben der Übernahme der Transportpapiere wurde hierbei auch das Aussiedlungsgeld in Höhe von 500,– RM pro Person übergeben.

Sofern es beim Transport Unstimmigkeiten oder besondere Vorkommnisse gegeben hatte, wurden diese sofort dem Bayerischen Staatsministerium des Inneren telefonisch gemeldet. Die Abfertigung im Grenzdurchgangslager betrug zwischen zwei und drei Stunden. (Kornrumpf 1979, S. 24)

Böhmisch LeipaDer Transport von Böhmisch-Leipa am 29. Mai 1946 nach Neckarzimmern.

„Unser“ Transport wurde in einem >Lager<, einer ehemaligen Kaserne in Böhmisch-Leipa, zusammengestellt. Es war der letzte Transport von hier, der in die Westzone ging. Die Angehörigen dieses Transportes stammten u. a. aus den Gemeinden Neustadtl, Ober-Politz, Langenau, Niemes, Reichstadt, Johannesdorf  b. Bürgstein, Bürgstein, Heida, Rabendorf, Josefsdorf, Waltersdorf, Lewin, Drum, Sandau, Schömersdorf, Miggolz und Meinetschlag. Diese Orte befinden sich in einem Umkreis von ca. 15 km um Böhmisch-Leipa herum.

Nach den Aufzeichnungen meiner Mutter durften 35 kg Gepäck mitgenommen werden und zusätzlich ein Kinderwagen für mich. Das waren insgesamt ein alter Reisekoffer, zwei Säcke mit Betten und zwei Koffer mit Kleidung. Den Rest trug man am Leibe übereinander. So ging es zu Fuß von meinem Geburtsort in einem zweistündigen Marsch nach Böhmisch-Leipa. Durch Bestechung eines Lager-Beamten erreichte sie, daß uns keine Gegenstände und Dokumente abgenommen wurden. Die Zusammenstellung des Transportes dauerte 14 Tage, in dieser Zeit durfte das Lager nicht verlassen werden. Die Verpflegung und die Unterbringung in Räumen mit Stockbetten waren dürftig.

Für die Säuglinge gab es nur ein viertel Liter Milch pro Tag, demzufolge die Säuglingssterblichkeit im Lager sehr hoch war. Zudem gab es für die Lagerbewohner keine Medikamente. Meine Mutter hatte Trockenmilch (Eledon) in der Apotheke aufgekauft und konnte so die ihr zustehende Milchration verschenken. Der uns zugewiesene Viehwaggon stank unerträglich, worauf ich mit ununterbrochenem Geschrei reagierte und wir in einen anderen Waggon, einen etwas größeren, verlegt wurden. Dafür hatte dieser ein undichtes Dach, so daß es hereinregnete.

Die Fahrt ging über Liboch – Prag – Pilsen nach Furth im Wald, wo man zum ersten Mal von „schwarzem“ US-Militärpersonal empfangen wurde, ein Schock! Das Kreisdurchgangslager Neckarzimmern wurde am 31. Mai 1946 erreicht. Jeder der 1.200 Ausgewiesenen bekam für die Dauer des Transportes einen Transportzettel mit auf den Weg, auf dem Name, Alter, Geschlecht, letzte Anschrift, Beruf und Transportziel vermerkt war. Dieser war auf der Rückseite von der Stadtverwaltung Böhmisch Leipa (Okresni Narodni vybor) per Stempel beglaubigt. Zusätzlich hatte das Durchgangslager Neckarzimmern die Ausstellung eines Flüchtlingsausweises für den 4. Juni 1946 bestätigt.

Die Aufnahmegebiete und ihre Zielorte

Die alliierten Siegermächte befanden sich nach dem 8. Mai 1945 in einem mehrfachen Dilemma. Auf der einen Seite waren sie Herren dieses Landes, waren aber auf der anderen Seite gezwungen, sich mit Problemen auseinanderzusetzen, die sie selbst geschaffen hatten. Es war dies in erster Linie die notwendige Versorgung des Volkes mit Nahrung und Wohnraum. Dem stand gegenüber eine stark angeschlagene Verkehrsinfrastrukur, mangelnder Wohnraum und ein zusammengebrochenes Wirtschaftssystem, bedingt durch den langen Luftkrieg und die militärische Besetzung. Riesige Flüchtlingsströme aus den östlichen Landesteilen waren zu bewältigen, die die Rote Armee, alles niederwalzend, vor sich her geschoben hatte. Die Beschlüsse der Potsdamer Konferenz erzeugten weitere Millionen Entwurzelter, die in der Mitte und im Westen Deutschlands verteilt und untergebracht werden mussten. In den zur Verfügung stehenden Aufnahmegebieten für die zusätzlich unterzubringenden Heimatvertriebenen, hier beispielhaft der Landesteil Nordbaden, befanden sich bereits Teile der ausgebombten und evakuierten städtischen Einwohner von Heilbronn (zerstört 54%), Bruchsal (zerstört 96%), Karlsruhe und Pforzheim (zerstört 83%). (Jörg Friedrich „Der Brand“, 2002)

Zu Beginn der Besatzungszeit standen damit in Nordbaden den stark zerstörten, entvölkerten städtischen Regionen nunmehr dichtbesiedelte ländliche Landkreise gegenüber.

Die unter wirtschaftlichen und demographischen Gesichtspunkten recht heterogene Region war in den Monaten nach Kriegsende mit den charakteristischen Problemen des Zusammenbruchs konfrontiert: Hunger Zerstörung, Mangel an Rohstoffen und Desorganisation. Lediglich 20% der Industrieproduktion von 1936 konnte bis Ende 1945 wieder in Gang gesetzt werden. Erst im Herbst 1945 begann sich abzuzeichnen, daß das herrschende Verwaltungschaos zumindest in der Regierungs- und Verwaltungsspitze allmählich einer gewissen Organisation und Klarlegung der Zuständigkeiten wich.

Diese Situation vor Augen, hatten sich die Landratsämter und nachgeordneten Gemeinden darauf einzustellen, in Württemberg-Baden aufgrund der Vorgaben der Potsdamer Konferenz innerhalb eines halben Jahres 460.000 Heimatvertriebene/Flüchtlinge aufzunehmen und unterzubringen. Versorgungsengpässe bei Artikeln des täglichen Bedarfs (Wolldecken, Öfen, Ofenrohre) verhinderten letztendlich, die vorgesehenen Durchgangslager winterfest auszustatten. (S. Schraut 1995, S. 25-31, 174-184)

In Nordbaden existierten die folgenden Kreisdurchgangslager: Gerlachsheim, Sinsheim, Neckarzimmern, Hockenheim, Seckach, Heidelberg, Mingolsheim und KarlsruheDas Durchganglager Neckarzimmern lag verkehrsgünstig an der zweigleisigen Bahnstrecke Heidelberg/Mosbach – Heilbronn/Stuttgart. Es besaß in unmittelbarer Bahnhofsnähe eine zehnteilige Barackenansammlung einschließlich Küche, Arzt-, Vorrats- und Empfangsraum der Organisation Todt, die aus der Zeit der Untertageverlagerung von 1944 von Teilen des SKF-Kugellagerwerkes Schweinfurt stammte. Die Stolleneingänge des heute von der Bundeswehr benutzten Bunkersystems befinden sich unterhalb des Bahnhofsgeländes.

Weitere Barackenansammlungen befanden sich im Raum Mosbach, Neckarelz und in den Orten an der Bahnlinie Mosbach – Meckesheim/Sinsheim, die damals der Unterbringung der Fremdarbeiter und KZ-Häftlingen gedient hatten, die in den Untertage-Fabriken ehemaliger Gipsabbau-Stollen bei Obrigheim im Neckartal seit Anfang 1944 für Daimler-Benz und andere Firmen arbeiteten. (Das Daimler-Benz-Buch“ 1987, Greno)

Zusätzlich zu den privaten Unterkünften fanden die ausgesiedelten Vertriebenen in diesen aufgelassenen Barackenlagern ehemaliger Zwangsarbeiter eine erste vorübergehende Bleibe, nachdem sie das Durchgangslager Neckarzimmern verlassen hatten. Der erste Transport kam am 2. Februar 1946 morgens gegen 8:45 Uhr von Neckarelz kommend mit Ungarndeutschen über die Grenzstation Pinding an.

Ein halbes Jahr zuvor hatte der damalige Landrat Dr. Erwin Dörzbacher zusammen mit dem Militärgouverneur für den Kreis Mosbach, Major Moore, den seinerzeitigen Bürgermeister von Neckarzimmern, Georg Hoffmann dazu verpflichtet, ein Lager für die Durchschleusung von ca. 20.000 Vertriebene aus Ungarn, der CSR und anderen Gebieten des Ostens zu errichten. Nach der Ankunft der Transporte und der Abwicklung der Übergabeformalitäten gab es eine Begrüßung, danach Registrierung, Entlausung und Weitertransport in die neuen Unterkünfte in verschiedenen Dörfern mittels Holzvergaser-LKW oder Pferdegespanne. Nach dem Durchlauf der ersten zehn Transporte wurde vom Staatskommissar  für das Flüchtlingswesen, Mittelmann, angeordnet, daß die ankommenden Vertriebenen acht bis zehn Tage im Lager verbleiben sollten, eine Art Quarantäne. Vertriebene aus demselben Heimatort wurden geschlossen in dem neuen Wohnort untergebracht, was organisatorisch nicht immer einfach war.

In einem Fall wurde Lagerleiter Hoffmann in Obrigheim bei der Unterbringung der Vertriebenen zusammen mit einer Wohnungskommission mit dem Beil bedroht.

Er berichtet: „Vor der Tür stand ein Mann mit einem Beil. Das sehe ich noch deutlich vor mir. Der sagte: >Wer da reinkommt, der ist ein toter Mann<. Ich redete ihm zu: >sind sie vernünftig, sie wollen weiterleben und wir auch. Wir machen nur unsere Pflicht. Wenn sie wirklich, wie sie sagen, keinen Platz haben, dann kommt zu ihnen auch niemand rein, lassen sie mich durch<. Es waren zwei Polizisten dabei, die haben das Beil abgenommen und wir sind hineingegangen. Nachdem wir uns umgesehen hatten, sagte ich zu dem Mann und zu der Frau: >Sie sagen, sie haben keinen Platz. Da sind zwei Zimmer, in denen liegen ziemlich viel Äpfel auf dem Boden und sind mit Stroh abgedeckt. Also Leut’ gell, es nützt alles nichts. Die Leute kommen hier rein. Ihr müsst die Äpfel raustun. Gebt denen auch einen Korb, wenn ihr sie nicht alle brauchen könnt.” (Bericht des Bürgermeisters a. D. Georg Hoffmann über das Lager Neckarzimmern, 10 Seiten, private Akten des Autors)

Insgesamt kamen in Neckarzimmern in 23 Transporten bis zum 11.11.1946 – 24.076 Vertriebene an. Am 31.11.1946 wurde das Durchgangslager Neckarzimmern geschlossen.

Rückblick    

Nach nunmehr fast siebzig Jahren ist es dem Vertreiberland Tschechei immer noch nicht gelungen, sich mit seiner Lebenslüge einer gerechten Vertreibung der Sudetendeutschen auseinanderzusetzen. Man glaubt bei den ehemaligen Alliierten und deren Anhängseln noch immer, sich klammheimlich aus der Verantwortung stehlen zu können. Aber wie die Vergangenheit zeigt, sind Völker, in denen Verbrechen in diesen Dimensionen begangen wurden, noch immer von ihrer eigenen Geschichte eingeholt worden. Massengräber ermordeter Deutscher findet man nicht erst nach zweihundert Jahren, sondern wenn es der berühmte Zufall will, schon nach sechzig oder siebzig, siehe Polen.

Fährt man heute durch die ehemaligen Siedlungsgebiete der Sudetendeutschen, so spürt man förmlich den kalten Hauch der menschlichen Leere dieser Landstriche, in denen einstmals pulsierendes Leben herrschte. Da die Seelen vieler Erschlagener sich noch an ihren ehemaligen Wohnorten befinden, hat die slawische Volksseele dies intuitiv spürend, nicht vermocht, diesen Landesteil in Besitz zu nehmen. Viele der  jahrhunderte alten sudetendeutschen Häuser stehen leer oder wurden ob ihrer grauenhaften Historie abgerissen, um nicht ständig an die in und um ihnen herum verübten Verbrechen erinnert werden zu müssen.

Und wer es nicht glauben mag, es gibt eine ausgleichende Gerechtigkeit, die Strafe folgte postwendend in 42 Jahre bolschewistischer Diktatur, Zerfall des St.- Germain-en- Laye-Konstruktes von 1919 in zwei Landesteile, übrig blieb ein Rumpf-„Staat“, ein kümmerlicher Rest des einstmaligen stolzen Kronlandes Böhmen des früheren Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation. Die Reste des tschechischen Nationalismus fanden ihr Unterkommen in der noch existierenden kommunistischen Partei der Tschechen, deren Skoda-fahrende Mitglieder im eigenen Land wieder deutsche Autos produzieren dürfen.

Zum Glück durfte das das große einbalsamierte Vorbild, in Moskau, „Onkel Joe“, nicht mehr erleben. Ein Umdrehen im Grabe geht nun nicht mehr.

Ortswechsel: Die sprichwörtliche Dauerverarschung der heimatvertriebenen Sudetendeutschen steht in Bronze gegossen ausgerechnet am Bahnhof von Furth im Wald. Auf einem Gedenkstein von 2006 (Foto links), befindet sich eine Tafel mit der Inschrift:

Grenzdurchgangslager Furth im Wald 1946 – 1958 – Erste Station in Freiheit für 750.000 Vertriebene– In einem (unveröffentlichten) Leserbrief an die Redaktion der Sudetendeutschen Zeitung in München schrieb ich dazu am 17.12.2006 unter anderem: … zusammen mit meinen Eltern wurde ich als Passagier in einem Viehwaggon  am 31.05.1946 aus Böhmisch-Leipa über Furth im Wald in die glorreiche Freiheit verfrachtet.

Wer bei diesem Vorgang der Vertreibung und des Ablaufs auch nur das Wort „Freiheit“ in den Mund nimmt, handelt frech, unverfroren und möchte nachfolgenden Generationen ein anderes Geschichtsbild vermitteln.

Darüber hinaus beleidigt er alle, die diesem zwanghaften, brutalen Vorgang unterworfen waren. Zu diesem Zeitpunkt am 31.05.1946 gab es im ehemaligen Deutschen Reich keine Freiheit. Was Freiheit war und was nicht, bestimmten die damaligen Siegermächte und ihr Kontrollrat. Und es gab Rache statt Freiheit, Rache und nochmals Rache, von all denen, die das Deutsche Reich besiegt hatten.

Wir wurden in den ersten Jahren beschimpft, ausgebeutet und diskriminiert, am Wohnort, in der Schule und am Arbeitsplatz. Wir waren lange Zeit Menschen 2er Klasse! Und es gab und es gibt in der deutschen Bevölkerung und in allen Bundesregierungen bis heute keine Solidarität mit den Heimatvertriebenen. Sehr schön zu sehen an dem unsäglichen Gezerre um das Museum für Vertreibung.

Aber vielleicht erlebe ich es doch noch, dereinst einmal einen Text zu lesen, der den dreieinhalb Millionen Sudetendeutschen Vertriebenen, durch die Ereignisse traumatisiert bis an ihr Lebensende, um ihr Vermögen, ihr heimatliches Umfeld, ihre Freunde gebracht, gedenkt, und dabei nicht vergisst, daß dies in einem Anfall von größenwahnsinnigem Machtrausch und Hass die Herren Benesch, Stalin, Churchill und Roosevelt waren, denen sie eines der größten organisierten Menschheitsverbrechen zu verdanken haben. Man wird sehen…

Durch Vertreibungsverbrechen umgekommene Sudetendeutsche: ca. 272.900 – Mögen sie in Frieden ruhen!  


(Quelle)

Siehe auch:

Hitlers Rede zur Sudetenkrise 1938:

„200000 Sudetendeutsche zu viel“

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