Deutschlands Hyperinflation 1923 – Eine ‚private‘ Angelegenheit

Diskussionen über die Gefahren der Inflation enden unvermeidlich bei dem schlimmsten Fall, der sich je ereignete – bei der deutschen Hyperinflation von 1923. Begleitet von von moralisierenden Warnungen der Volkswirte über die schrecklichen Folgen, die sich ergeben, wenn Regierungen Papiergeld drucken, wird die deutsche Hyperinflation von jenen als Schreckensgeschichte ausgenutzt, die eine plutokratische Geldherrschaft befürworten.

Wenn jedoch (wie auch in anderen Fällen) die monetären Tatsachen wirklich untersucht werden, bricht die Beweisführung zusammen, da es klar wird, daß die Bankiers selbst und die Spekulanten die eigentlichen Verursacher der deutschen Hyperinflation waren, die erst endete, als die Regierung entschiedene Gegenmaßnahmen ergriff.

Hjalmar Schacht

Hjalmar Schacht (zweiter von links), Präsident der Reichsbank, auf einem Bankett im Jahre 1928. Schacht trat von seinem Posten zurück, nachdem 1929 der Young-Plan in Kraft trat, der nach dem amerikanischen Bankier und Eisenbahn-Präsidenten Owen D. Young benannt war. Er setzte Deutschlands jährliche Zahlungen nahezu 20 Prozent niedriger an als der Dawes-Plan, aber er bestimmte, daß sie 59 Jahre lang geleistet werden sollten – bis 1988. Dies würde bedeuten, daß Deutschland seinen gesamten Wohlstand als Sicherheit für die Reparationen verpfänden mußte.

Bis zur Bildung des Deutschen Bundes im Jahre 1815 (später als andere europäische Nationen) hatte Deutschland keine zentrale Regierung. Die maßgeblichen „deutschen“ Finanzhäuser des Mittelalters erlernten schnell die Finanzmethoden Italiens an Venedigs Foundacio De Tedeschi, und andere, wie die Fugger von Süddeutschland, erlangten internationale Berühmtheit als Agenten bei der Finanzierung der Wahl von Kaisern.

1900 finanzierte die Deutsche Bank den Bau der Türkei-Bagdad-Eisenbahn. Das bedeutete, daß die deutsche Industrie, die bereits mit Istanbul verbunden war (durch den berühmten Orientexpreß), nun direkt mit den fernöstlichen Märkten verbunden werden konnte und dadurch Englands Überlegenheit auf den Meeren umging. Hjalmar Schacht, eine der deutschen Schlüsselfiguren des 20. Jahrhunderts, bemerkte, daß diese Eisenbahnlinie Englands Herrscher beunruhigte.

Es gibt weitere Berichte über die britische Besorgnis wegen der deutschen Tatkraft. Francis Neilson, ein ehemaliges britisches Parlamentsmitglied und Autor von The Makers of War, vertrat die Ansicht, daß Englands „old boy network“ sich als nicht industriell konkurrenzfähig mit Deutschland ansah.

Im Jahre 1907 bekam der weit respektierte amerikanische Diplomat Henry White den Auftrag, die britischen Ansichten zu ermitteln. Er traf sich mit seinem Freund Arthur Balfour. Whites Tochter „hörte zufällig“ eine von Whites Unterhaltungen mit Balfour, wie folgt (das war möglicherweise Whites Art, die Verpflichtung zur Geheimhaltung nicht direkt zu verletzen):

Balfour: Vielleicht sind wir Narren, daß wir keinen Grund finden, um Deutschland den Krieg zu erklären, bevor es zu viele Schiffe baut und unseren Handel an sich reißt.

White: Wenn Sie mit dem deutschen Handel konkurrieren wollen, dann arbeiten Sie eben härter.

Balfour: Das würde bedeuten, daß wir unseren Lebensstandard verringern müßten. Vielleicht würde es einfacher für uns sein, einen Krieg zu haben… Ist das eine Frage des „Richtig“ oder „Falsch“? Möglicherweise ist es nur eine Frage, unsere Überlegenheit zu behalten.

Europäische Staatsoberhäupter wurden immer noch durch Erbfolge bestimmt. Hofintrigen und das System geheimer Abkommen spielten eine größere Rolle als heute und führten selbst zu Kriegstreiberei. Laut Neilson war das britische Parlament nicht darüber informiert worden, daß England zu einem kontinentalen Krieg verpflichtet war, um notfalls Frankreich zu verteidigen.

Um das Problem zu verschärfen, wurde im Schlieffen-Plan für die Mobilisierung Deutschlands bei einem Notfall nicht eingeplant, eine Zeitspanne für diplomatische Verhandlungen zu erlauben. Deshalb führte das Attentat auf Erzherzog Ferdinand in Sarajewo durch Anarchisten zur Auslösung des Ersten Weltkrieges.

Alfred E. Zimmerns seltene 13-seitige Monographie The Economic Weapon, die während des Ersten Weltkrieges geschrieben wurde, verdient Aufmerksamkeit wegen ihres Inhalts und ihres Ursprungs. Nach Professor Carroll Quigley [selbst ein namhaftes Mitglied der herrschenden Schicht – Ed.], war Zimmern ein Mitglied von was er als die „Angloamerikanische herrschende Schicht“ bezeichnete.

Zimmern summiert die Lage auf Seite 1:

Was ist die wirtschaftliche Lage? Sie kann in einem Satz ausgedrückt werden: Die Mittelmächte sind praktisch von der ganzen Welt belagert und sie haben keine Mittel zur Verfügung, die Belagerung zu beenden.

Zimmern wies darauf hin, daß dies das erste Mal in der Geschichte war, daß solch eine große „Belagerung“ versucht wurde und Deutschland nicht glaubte, daß sie möglich sei. „Im Dezember 1915 bemerkte der Kanzler: ‚Glaubt jemand ernstlich daran, daß wir den Krieg verlieren können wegen einem Mangel an Gummi?‘ Deutschlands Kriegsvorbereitungen wurden begründet auf die Schätzung ‚eines Krieges von der Dauer von höchstens einem Jahr.'“

Dann hob Zimmern den Schleier von dem, was für Deutschland geplant war:

Was wird im Normalfall geschehen, wenn der Friedensvertrag unterzeichnet wird?… Wird das Beenden der physikalischen Blockade der deutschen Häfen selbst das Ende der Belagerung beinhalten?… Aber ohne Rohmaterialien kann es keine Beschäftigung in der Industrie geben; und Abrüstung ohne vorhandene Beschäftigung der entlassenen Soldaten bedeutet soziale Unruhe… Die Alliierten… durch ihre Kontrolle der wesentlichen Versorgungsgüter, kontrollieren das Demobilisieren der deutschen Armee und dadurch den ganzen Prozeß der deutschen Erholung.

Die ganze zivilisierte Welt wird sich gegenübersehen… der Aussicht eines Mangels, wenn nicht einer Hungersnot von einer berechneten Dauer… von nicht weniger als drei Jahren.

Und: „Einige werden Mangel leiden. Wer nicht am natürlichsten, als Deutschland? Es ist nicht so, als ob der Boykott organisiert werden muß. Er wird nahezu von selbst kommen, solange nicht im Frieden besondere Vorkehrungen getroffen werden.“

Aber Lord Lothian (den Quigley zusammen mit Zimmern als Mitglied der anglo-amerikanischen führenden Schicht bezeichnet), war der Mitautor des Versailler Friedensvertrages. Der Vertrag sorgte für das Gegenteil eines gerechten Friedens.

Der Vertrag von Versailles erwies sich als ein Instrument fortlaufender Aggression. Sogar zu jener Zeit wurde er streng verurteilt. Der amerikanische Außenminister Robert Lansing schrieb:

Der Eindruck, den er erregt, ist einer von Enttäuschung, von Bedauern und von Niedergeschlagenheit. Die Friedensbedingungen scheinen unermeßlich hart und erniedrigend zu sein, während viele von ihnen, wie mir scheint, unmöglich zu erfüllen sind… Der Völkerbund, wie er jetzt besteht, wird das Opfer von Gier und Intrige werden.

Lansing erwähnte:

Am 17. Mai erhielt ich Mr. Bullits Rücktrittsgesuch und auch Briefe von fünf unserer Hauptexperten, die gegen die Friedensbedingungen protestierten und feststellten, daß sie es als eine Preisgabe der Prinzipien betrachteten, für die die Amerikaner gekämpft hatten.

Francisco Nitti, der Ministerpräsident von Italien, schrieb:

Es wird für immer ein schrecklicher Präzedenzfall in der modernen Geschichte bleiben, daß entgegen allen Versprechungen, allen Präzedenzfällen und allen Traditionen die Vertreter Deutschlands niemals auch nur angehört wurden; es blieb ihnen nichts anderes übrig, als einen Vertrag zu unterzeichnen zu einer Zeit, als Hunger und Erschöpfung und die Gefahr einer Revolution es unmöglich machten, nicht zu unterschreiben… In dem alten Kanonischen Gesetz der Kirche stand, daß jedermann eine Anhörung gewährt werden mußte, sogar dem Teufel… die neue Gesellschaft der Nationen befolgte nicht einmal die Vorschriften, die das dunkle Mittelalter im Namen des Angeklagten heilig hielt.

Die Kriegskosten aller Beteiligten belief sich auf das dreifache des Wertes allen Eigentums in Deutschland. Deutschland wurde gezwungen, unmögliche 1,7 Milliarden Mark (in ausländischer Währung) im Jahr und 59 Jahre lang, bis 1988, zu bezahlen. Schlimmer noch, laut dem normalerweise vorsichtigen Bankier Hjalmar Schacht, “ Der Vertrag von Versailles ist ein Modell erfinderischer Maßnahmen zur wirtschaftlichen Zerstörung Deutschlands,“ und fügte hinzu:

Jeder natürliche wirtschaftliche Fortschritt, jeder Schritt zur Wiederherstellung der wirtschaftlichen Zuversicht wurde unmöglich gemacht durch den Einfluß des ausländischen politischen Faktors.

Um die Angelegenheit noch weiter zu komplizieren, wurde der angedrohte linke und kommunistische Staatsstreich am 9. November 1918, unmittelbar nach der Kapitulation ausgeführt, als der Revolutionsrat der Volksbeauftragten die deutsche Regierung stürzte und vorübergehend die Macht übernahm.

Deutsche stampfen Banknoten ein, die nach der Währungsreform vom November 1923, die die Hyperinflation beendete, nicht länger gesetzliches Zahlungsmittel waren

Deutsche stampfen Banknoten ein, die nach der Währungsreform vom November 1923, die die Hyperinflation beendete, kein gesetzliches Zahlungsmittel mehr waren. Der äußerst schändliche Vertrag von Versailles (1919) hatte Deutschlands wirtschaftliches Chaos verstärkt, während England seine Blockade der deutschen Häfen fortsetzte und kolossales Leiden unter der Bevölkerung verursachte. Das Jahr 1919 war markiert von Arbeitsaufständen und linksgerichtetem politischen Aufruhr, sowie auch dem Anfang einer inflationären Spirale, die bereits im Sommer 1922 außer Kontrolle wütete. Im Mittelpunkt dieses tödlichen wirtschaftlichen Zustandes befand sich die ungeheure Schuldenlast der Nation, eine Folge des Krieges aber hauptsächlich der fürchterlichen Reparationen, die in Versailles aufgezwungen wurden.

England hatte 20 Prozent des Ersten Weltkrieges durch Steuern finanziert, Frankreich 0 Prozent und Deutschland 6 Prozent. Schacht schrieb, daß sich Deutschlands Geldversorgung von 7,2 Milliarden Mark im Dezember 1914 auf 28,4 Milliarden Mark am 7. November 1918, dem Ende des Krieges, vergrößert hatte. Dies bedeutete, daß der Geldumlauf von 110 auf 430 Mark pro Person anstieg.

Eine Kennziffer der Großhandelspreise stieg von 100 im Jahre 1913 auf 234 am Ende von 1918 an und entsprach somit den englischen Kennziffern. Der Effekt auf die arbeitende Bevölkerung wurde abgeschwächt, da die Löhne der Arbeiter von 100 auf 248 in der gleichen Periode anstiegen. Somit wurde das Geldsystem Deutschlands durch den Ersten Weltkrieg zwar ernsthaft geschädigt, jedoch nicht zerstört. Das kam erst unter dem „Schutz“ der Besatzungsmächte.

Die große deutsche Hyperinflation von 1922-23 ist eines der am meisten zitierten Beispiele jener, die darauf bestehen, daß private Bankiers, nicht Regierungen, das Geldsystem eines Landes beherrschen sollten. Was aber betreffs jener schmutzigen Angelegenheit praktisch unbekannt ist, ist, daß sie unter der Kontrolle einer in Privatbesitz stehenden und privat kontrollierten Zentralbank geschah.

Die Reichsbank war in Privateigentum, aber unter öffentlicher Kontrolle; der Präsident und die Direktoren, die Beamte der deutschen Regierung waren, wurden vom Kaiser auf Lebenszeit berufen. Es gab eine Aufteilung der Einkünfte der Zentralbank zwischen den privaten Aktionären und der Regierung. Unglücklicherweise wünschten die Experten des Völkerbundes, die angewiesen waren, die wirtschaftliche Erholung Deutschlands zu lenken, eine freiere Marktorientierung der deutschen Zentralbank.9

Schacht berichtet, wie die Alliierten darauf bestanden, daß die Reichsbank von der Regierung unabhängiger gemacht werden sollte: „Am 26. Mai 1922 wurde das Gesetz verkündet, das die Unabhängigkeit der Reichsbank festlegte und dem Reichskanzler allen Einfluß auf den Geschäftsablauf der Bank entzog.“10 Mit diesem Gewähren der totalen privaten Kontrolle der deutschen Währung war das Bühnenbild für die schlimmste Inflation aller Zeiten aufgebaut.

Wie wird der Wert einer Währung zerstört? Kurz: indem schrecklich übermäßige Mengen davon ausgegeben oder gedruckt werden. Nicht nur zuviel davon, sondern viel zu viel. Diese exzessive Vermehrung kann auf verschiedene Weise erfolgen; zum Beispiel durch Fälschung seitens der Briten, wie es mit der kontinentalen Währung der U.S. der Fall war. Die Zentralbank selbst kann möglicherweise zuviel Geld drucken; oder sie ermöglicht es Spekulanten, eine Währung zu zerstören, indem diese sie durch „Leerverkauf“ übermäßig manipulieren, ähnlich wie die Aktien einer Firma manipuliert werden können.

Die Zerstörung einer nationalen Währung durch Spekulation ist es, was uns in diesem Falle interessiert. Es ist auch ein zeitgemäßes Thema, wenn man in Betracht zieht, wie kürzlich durch Spekulation einige asiatische Währungen zerstört wurden, die gegenüber dem Dollar im Laufe von ein paar Monaten über 50 Prozent ihres Wertes verloren und die Existenz von Millionen bedrohten.

Es funktioniert so: zuerst, aus welchem Grund auch immer, besteht eine offensichtliche Schwäche der Währung. Im Falle Deutschlands war es der Erste Weltkrieg und der Bedarf an ausländischem Geld, um die Reparationen zu bezahlen. Im Falle der asiatischen Länder bestand ein Bedarf an Dollars, um fällige Staatsschulden zurückzuzahlen.

Solche Probleme können mit der Zeit gelöst werden und benötigen gewöhnlich einen nationalen Beitrag zur Lösung in Form von Steuern oder der vorübergehenden Minderung des Lebensstandards. Weil jedoch Währungsspekulation noch immer als legitime Betätigung angesehen wird, wird privaten Spekulanten erlaubt, eine schwache Situation unermeßlich schlimmer zu machen und Millionen von Dollars als „Profit“ aus der Lage zu gewinnen, indem die fragliche Währung manipuliert wird – nicht, indem sie Geld verkaufen, das ihnen gehört, sondern indem sie Verträge machen, Geld zu verkaufen, das ihnen nicht gehört („Leerverkauf“).

Wenn dies in genügend großem Ausmaß getan wird, treibt eine solche Spekulation bald automatisch den Wert der Währung tiefer und tiefer als er anderweitig von selbst gefallen wäre. Zu einem gewissen Zeitpunkt bricht dann Panik aus, die eine weitverbreitete „Währungsflucht“ seitens jener auslöst, denen die Währung in Wirklichkeit gehört. Sie fällt steil ab. Die Geldspekulanten sind dann in der Lage, die Währung, deren Wert sie vernichteten, zurückzukaufen und riesige Gewinne auf Kosten der Industriellen und der arbeitenden Bevölkerung zu erzielen, deren Leben und Unternehmen von dieser Währung abhingen.

Die Anhänger eines freien Marktes behaupten, daß es die Schuld der Regierung sei, daß die die Währung ohnehin schwach gewesen war. Aber nach welcher Logik ist es zwingend, daß Spekulanten dieses Geld jenen nehmen, die sich bereits in Schwierigkeiten befinden? Und das nennen sie Geschäft? Es sollte als eine Art von Aggression angesehen werden, die nicht weniger schädlich ist als das Abwerfen von Bomben auf das betreffende Land. Der kürzliche wütende Ausbruch durch den Ministerpräsidenten von Malaysia sagte darüber alles.

Die richtige Reaktion wäre, die Währung zu stärken, nicht ihre Zerstörung zu fördern. Industrielle sollten sich darüber im klaren sein, daß wenn sie es zulassen, solche verwerflichen Aktivitäten unter den Schirm der „Geschäftstätigkeit“ einzuschließen, sie ihre eigene Kehle durchschneiden. Sie sollten dabei helfen, solche sozialschädlichen Spekulanten zu isolieren, damit sie durch das Gesetz gestoppt werden können.

Zurück zu Deutschland. Eine bei weitem zu große Geldmenge wurde unter der von Privathand kontrollierten Reichsbank gedruckt. Wie das genau geschah, wird gleich erläutert werden. Diese übertriebenen Ausgaben trieben den Wert der Mark nach unten:

Im Juli 1922 fiel die deutsche Mark auf 300 für 1 Dollar; im November kam sie bei 9.000 für 1 Dollar an; im Januar 1923 war sie bei 49.000 für 1 Dollar, im Juli 1923 bei 1.100.000 für 1 Dollar angelangt. Sie erreichte 2,5 Milliarden Mark für 1 Dollar Mitte November 1923, abhängig von Stadt zu Stadt.

Mitten in dem Finanzchaos richteten Hamburg, Bremen und Kiel Privatbanken ein, um Geld auszugeben, das durch Gold und ausländische Währung gedeckt war. Die Druckerpressen der privaten Reichsbank waren nicht in der Lage gewesen, dem Bedarf nachzukommen, und anderen Privatgesellschaften wurde die Autorität verliehen, Geld herauszugeben. Schacht schätzte, daß ungefähr die Hälfte des sich im Umlauf befindenden Geldes privates Geld aus anderen Quellen außer der Reichsbank war. Hjalmar Schachts Buch The Magic of Money (1967) gibt eine anscheinend widersprüchliche Erklärung der Rolle der privaten Reichsbank in der Katastrophe der Inflation.

Zum einen entläßt er die Reichsbank in der abgedroschenen Tradition der Volkswirte sehr leicht aus der Verantwortung und gibt statt dessen der schwierigen Lage der Regierung die Schuld und verniedlicht die Verbindung der privaten Kontrolle der Zentralbank mit der Inflation als reinen Zufall:

Die Reichsbank, in deren Bereich diese Verantwortung (die Inflation zu kontrollieren) fiel, konnte sich nicht entschließen, zu handeln. Sie war der Ansicht, daß es sinnlos sei, zu versuchen, die Währung zu stabilisieren, solange das Ruhrgebiet besetzt und die Höhe der Kriegsschulden noch unbestimmt war.

Schacht klagte:

In einem ständig wachsenden Ausmaß mußte das Reich seine Zuflucht bei der Reichsbank suchen, wenn es seine Existenz verlängern wollte, und da der strittige Punkt das Überleben des Reiches war, sah sich die Reichsbank sogar nach dem Inkrafttreten des Gesetzes im Jahre 1922, das ihr die förmliche Unabhängigkeit gab, nicht berechtigt, sich zu weigern. Die Gesetzgebung von 1922, die dazu gedacht war, die Reichsbank von den Forderungen des Staates zu befreien, versagte im entscheidenden Augenblick, weil das Reich keine andere Möglichkeit fand, den Kopf über Wasser zu halten als durch den inflationären Notbehelf des Druckens von Banknoten.

Anders gesagt, sie taten das, um die Regierung zu retten; in der Annahme, daß die neuen Ausgaben der Reichsmarknoten für die Aufwendungen der Regierung zur Verfügung standen.

Ein paar Seiten später gab Schacht jedoch die wahre Erklärung. Schacht war ein lebenslanges Mitglied der Bankiers-Brüderschaft und erklomm ihre höchsten Stellen. Er mag sich verpflichtet gefühlt haben, seinen Bankiersfreunden und ihren öffentlichen Vermittlungsstellen zum Publikum etwas Harmloses zu bieten, das sie zitieren konnten. Aber Schacht besaß auch eine Spur von deutschem Nationalismus und, mehr als das, ein nahezu religiöses Engagement für eine stabile Mark. Er hatte hilflos zusehen müssen, wie die Hyperinflation „seine Mark“ zerstörte.

Aus welchen Gründen auch immer, nach 44 Jahren ließ er dann in deutscher Sprache die Katze aus dem Sack mit einigen wirklich bemerkenswerten Zugeständnissen, die die „akzeptierte Weisheit“ zertrümmern, die von der Finanzgemeinde über die deutsche Hyperinflation verbreitet wurde.

Aber zuerst sind einige Hintergrundinformation über die Geschehnisse von 1923 notwendig: Während die Hyperinflation Zerstörung verursachte, wurden viele Pläne gemacht, um die Währung zu festigen. 1923 stellte ein konservativer Währungstheoretiker, Karl Helfferich, einen Plan vor, der die Währung auf landwirtschaftliches Getreide basierte und seine Verwaltung in die Hände einer Privatbank gab, die von landwirtschaftlichen Interessen verwaltet wurde. Die Unterstützung der Landwirtschaft war nicht genügend groß, um diesen Plan durchzusetzen.

Weil die Mark 18 Monate lang so schwer geschädigt worden war, dachte man, daß psychologisch gesehen eine ganz andere Währung notwendig sei. Die Pläne dafür bewegten sich um eine neue Währung, die Rentenmark genannt werden sollte. Der Plan war einfach: führe die neue Währung in einer begrenzten Menge ein und überemittiere sie nicht, so daß die Banknoten ihren Wert behalten und somit das Vertrauen wieder herstellen.

Um eine großenteils psychologische Trennung von der Reichsbank zu schaffen, wurde die Rentenbank eingerichtet, um Rentenmark an die Reichsbank zu verleihen; und die Reichsbank gab Rentenmarkguthaben aus. Die Rentenbank war nicht wirklich unabhängig von der Reichsbank.

Schacht, mit 23 Jahren Erfahrung im Bankwesen, stimmte zu, daß er von der Regierung zum Bevollmächtigten für die Währung gemacht wurde, eine neue Position, die eingerichtet wurde, um die Währung zu stabilisieren. Zu jener Zeit argumentierten Währungstheoretiker wie Helfferich, daß der Staat nicht stark genug sei, „Geld zu schaffen, das öffentliches Vertrauen erzeugte und daß nur die Wirtschaftskräfte des Landes, die aus eigenem Willen handelten, fähig dazu seien, diese Aufgabe zu meistern.“ Schacht wußte es besser.

Dieser Vorgang brauchte Zeit, um die Bevölkerung zu überzeugen, daß die neue Währung nicht überemittiert würde.

„Die Erfindung der Rentenmark stabilisierte die Mark nicht. Der Kampf um die Stabilisation dauerte ein Jahr und ging durch viele schwierige Phasen,“ schrieb er und versicherte, daß es nicht die Rentenmark war, die die Währung festigte, sondern die nachfolgenden Krediteinschränkungen, die bestimmten, wie viele Rentenmark ausgegeben wurden.

Die äußerliche Struktur der Reichsbank hatte sich in dieser Zeit der Stabilisation augenscheinlich nicht verändert; aber es waren sichtbar die Regierung und die Öffentlichkeit, die nun aktiv die Kontrolle über die Währung ausübten:

Die gleichzeitigen politischen und wirtschaftlichen Schwierigkeiten des Reiches drohten schnell, in eine Katastrophe zu münden, als die Regierung sich endlich dazu durchrang, das [Los] des deutschen Volkes wieder in ihre eigenen Hände zu nehmen. In dieser Politik war der grundlegende Punkt das Unterfangen, die Mark zu festigen.

Die Rentenmark wurde innerhalb drei Tagen in Umlauf gebracht, vom 15. November 1923 an. Sie war kein gesetzliches Zahlungsmittel, es gab kein festgelegtes Verhältnis zur gefallenen Reichsmark; und die Rentenmark konnte nicht für internationale Zahlungen benutzt werden.

Schacht stoppte alle anderen Geldherausgeber und sandte alle Guthaben privaten Geldes der Reichsbank zurück an ihre Hersteller zur unmittelbaren Zahlung, trotz großen Schmerzgeheuls aller dieser privaten Geldhersteller, wie der Hugo Stinnes-Gruppe.

Es war ausdrücklich verboten, die Rentenmark an Fremde zu überweisen. Dies bedeutete, daß Spekulanten sie nicht eintauschen konnten, um ihre Geschäfte zu unterstützen, wenn die Preise zu ihrem Nachteil waren. Schachts anfängliche Handlungen zermalmten die Spekulanten, ein notwendiger erster Schritt in jeder Geldreform:

Die Spekulanten hatten erfahren, daß die Reichsbank nun in der Lage war, falls sie so entschied, allen Spekulationen auf den ausländischen Geldmärkten ein Ende zu bereiten. Der Erfolg der Kampagne bedeutete einen unermeßlichen Zuwachs im öffentlichen Vertrauen auf die Stabilisation der Mark.

 

Wie setzte Schacht den Wert der Rentenmark fest? Indem er über den Daumen peilte. Am 20. November 1923 wurde er bei 4,2 Milliarden Rentenmark für 1 Dollar festgelegt. Diese Entscheidung war bequem, denn in Friedenszeiten war ein Dollar 4,20 Mark wert gewesen. Schacht bemerkte:

Es gab keine mathematische Formel, die die Lösung bringen konnte. Es war eine Frage des Instinkts und letztlich des Experimentierens; aber die Art des Experiments blieb immer die gleiche – nämlich die Kontraktion der Währung.

In der Beschreibung seiner Kämpfe im Jahre 1924 um die Stabilisierung der Rentenmark machte Schacht seine Enthüllung und legte den wirklichen Mechanismus der Hyperinflation frei. Schacht war offensichtlich sehr erbost, als die Spekulanten damit fortfuhren, die neue Währung der Rentenmark anzugreifen. Ende November 1923:

Der Dollar erreichte einen Umrechnungskurs von 12 Billionen Mark auf dem freien Markt der Kölner Börse. Diese Spekulation war nicht nur feindselig gegenüber den wirtschaftlichen Interessen des Landes, sie war auch dumm. In den vorangegangenen Jahren wurde solch eine Spekulation ausgeführt entweder mit Anleihen, die die Reichsbank verschwenderisch bewilligte, oder mit Notgeld, das man selbst druckte und dann gegen Reichsmark umtauschte.

Jetzt hatten sich jedoch drei Dinge ereignet. Das Notgeld hatte seinen Wert verloren. Es war nicht länger möglich, es gegen Reichsmark einzutauschen. Die Anleihen, die früher leicht von der Reichsbank erworben wurden, wurden nicht länger gewährt, und die Rentenmark konnte im Ausland nicht benutzt werden. Aus diesen Gründen war es den Spekulanten nicht möglich, die Dollars zu bezahlen, die sie gekauft hatten, wenn die Zahlung fällig wurde, (und sie) erlitten beträchtliche Verluste.

Somit erklärt Schacht also, daß die Spekulation gegen die Mark durch verschwenderische Anleihen der privaten Reichsbank finanziert wurde. Die Bedingungen, die die Anti-Mark-Spekulanten benötigten und ohne die sie die Mark nicht hätten angreifen können, wurden von der privaten Reichsbank geliefert.

Dies widerspricht Schachts früherer Erklärung, denn es ist unmöglich, „verschwenderisches“ Ausleihen an Anti-Mark-Spekulanten damit auszulegen oder zu rechtfertigen als „die Regierung über Wasser halten zu helfen“. Im Gegenteil. Schacht war ein heller Kopf und er wollte, daß seine Ansicht verstanden wurde. Er wartete damit, bis er 1967 The Magic of Money schrieb. Sein früheres Buch, The Stabilization of the Mark (1927), beschrieb das Profitieren durch Inflation, identifizierte aber nicht klar die private Reichsbank selbst als das Finanzinstrument einer solchen Spekulation, die es so leicht machte, die Mark zu schädigen.

Wie erkennen deshalb nun, daß es eine sich in Privathand befindliche und privat kontrollierte Zentralbank war, die Anleihen an private Spekulanten gewährte, um sie in die Lage zu versetzen, den notwendigen Spielraum festzulegen, um gegen die Währung der Nation zu spekulieren. Solch eine Spekulation half, für die deutsche Mark eine Einbahnstraße talwärts zu bauen. Bald setzte eine andauernde Panik ein, und nicht nur die Spekulanten, sondern jeder mußte tun, was er konnte, um seine Mark loszuwerden – was die Katastrophe noch weiter anfachte.

Dieser Faktor ist lange unbekannt gewesen und „die Regierung“ wird in der Propaganda der Wirtschaft typischerweise angeklagt, diese Inflation aller Inflationen verursacht zu haben.

Wieso gab Schacht diese Einzelheiten nach 44 Jahren an, wenn er sie leicht hätte „vergessen“ können? Vielleicht weil sein Gerechtigkeitsgefühl wegen der Zerstörung der Mark durch die deutsche Plutokratie – besonders ihrer Bankiers – tief beleidigt wurde.

Schachts Familie lebte hunderte von Jahren in Dithmarschen, der Gegend zwischen Elbe und Eider. Dies ist ein Land von freien Bauern, das bemerkenswert wegen des Fehlens von Burgen ist, die in den meisten Teilen Deutschlands zu finden sind. Schacht studierte deutsche Sprachwissenschaft und erwarb dann seinen Doktortitel über die englischen Kaufleute, indem er darstellte, wie sie sich des Quantitätsaspekts des Geldes in den 1500ern und 1600ern bewußt waren.

Schließlich war sein voller Name Hjalmar Horace Greely Schacht; sein Vater war ein naturalisierter amerikanischer Bürger, der als Zeitungsherausgeber nach Deutschland zurückgekehrt war.

Im Dezember 1923 wurde Schacht Präsident der Reichsbank. Bevor er die Stelle antrat, ging er nach England zu einem Treffen mit Montagu Norman, dem Gouverneur der Bank von England. Schacht schrieb:

Ich habe mich nie mit akademischen Streitfragen beschäftigt, weder mit den Nominalisten noch mit den Befürwortern einer starren Währung. Ich habe unveränderlich offen gesagt, daß ich kein großes Vertrauen in Währungstheorien habe, aber willens bin, jede Währung zu akzeptieren, die Amerika und England gehören.

Rechtmäßige Kreditforderungen führten zu einem schnellen Anwachsen der Kredite von 609 Millionen Rentenmark Ende 1923 auf 2 Milliarden Ende März 1924, die von der Reichsbank und der Rentenbank zur Verfügung gestellt wurden. Die Spekulanten, die eine Schwäche vermuteten, machten sich daran, ein großes Geschäft zu tätigen und ignorierten dabei das Gesetz, das ausländische Wechselkäufe betraf.

Im März 1924 wurden Schachts Regulationen (er nennt sie „Instruktionen“) von den Banken verletzt:

„Wodurch ausländische Wechselgeschäfte von den Banken nur ausgeführt werden konnten, wenn der Käufer volle Deckung erbrachte, wurde dies von den verschiedenen Bankhäusern nicht beachtet.“ Diese Banken, einschließlich eine der größten, ignorierten unverschämt die Ermahnungen der Reichsbank, so daß ihren Rechnungen von der Reichsbank ein Diskont versagt wurde, wodurch sie wirkungsvoll blockiert wurden und die Verstöße endeten.

Vom 7. April 1924 an weigerte sich die Reichsbank zwei Monate lang, neue Kredite zu gewähren. „Die Reichsbank lotete die Stabilität der Mark aus,“ schrieb Schacht. Die Spekulanten mußten ihre ausländischen Aktien abgeben, um ihre Schulden zu bezahlen, zu einem Zeitpunkt, als ihre Handelsabmachungen gegen die Reichsbank an Wert verloren. Auf diese Weise erhöhte die Reichsbank ihre ausländischen Geldreserven von 600 Millionen Mark Anfang April 1924 auf mehr als das Doppelte am 7. August 1924. Dies deutet auf eine noch immer ungeheuer große Anti-Mark-Spekulation hin: „…Und das Land wimmelte noch immer von solchen Spekulanten, die sich nicht im geringsten darum kümmerten, ob ihr Namen und Ruf litt, solange sie die Gewinne einstreichen konnten,“ schrieb Schacht.

Die Kontraktion, die von Schacht vorangetrieben wurde, war brutal. Der Geldsatz für einen Monat stieg von 30 Prozent auf 45 Prozent. Gebühren für überzogene Beträge stiegen von 40 Prozent auf 80 Prozent! Nach dem Juli 1924 begannen sie zu fallen. Schachts Beschränkung des Geldes war so streng, daß die Deutsche Post und die Eisenbahn, die von der Regierung unterhalten wurden, ihre eigenen Banken einrichteten und begannen, Kapital viel schneller anzusammeln als der private Sektor.

Am Ende von 1924 behandelten Kaufleute und andere die Rentenmark und die alte Reichsmark als gleichwertig, und Schacht wandelte die Rentenmark in Reichsmark um. Er war immer gegen die Rentenmark gewesen und sah sie als einen monetären Irrtum an:

„Ich unternahm jede Anstrengung, die Rentenmark so schnell wie möglich aus dem Umlauf zu nehmen und gab zu diesem Zweck der Rentenmark Parität mit der neuen Reichsmark“ und wandelte sie in Reichsmark um.

1923 hatte der Völkerbund General Charles Gates Dawes eingeladen, einem Komitee vorzustehen, das sich mit dem strittigen Problem der deutschen Reparationszahlungen zu beschäftigen hatte. Der Dawes-Bericht schlug vor, die Reparationen von 132 Milliarden Mark auf 37 Milliarden Mark zu verringern. Amerika würde Deutschland Geld für Reparationszahlungen an Frankreich und England leihen und diese Länder würden dann in der Lage sein, einige ihrer Kriegsschulden zu bezahlen. Dawes war ein Bankier und ihm gehörte die Central Republic Bank and Trust Co. von Chicago. Die Alliierten setzten den Plan in Kraft; Dawes teilte den Nobelfriedenspreis von 1925 mit Austen Chamberlain und wurde von 1925 bis 1929 Vizepräsident der Vereinigten Staaten unter Calvin Coolidge. 1932 wurde Dawes der Vorsitzende von Hoovers Reconstruction Finance Corp. während der Zeit der Depression, aber Dawes‘ Bank ging unter und wurde zum größten Verlust für die Reconstruction Finance Corp., was den amerikanischen Steuerzahler 90 Millionen Dollar kostete.

Luftschiff 'Graf Zeppelin' über Berlin, 1929

1929, am Beginn der Weltwirtschaftskrise, schwebt das Luftschiff „Graf Zeppelin“ über dem Wilhelmsplatz und einem wirtschaftlich blühenden Berlin, als es seine noch nie dagewesene Reise um die Welt begann. Der Dawes-Plan von 1924, der in Paris von einer Gruppe von Wirtschaftsexperten unter dem Vorsitz des amerikanischen Bankiers Charles G. Dawes geschmiedet wurde, erwies sich als ein riesiger Schritt zur deutschen Stabilität hin. Er stellte eine Anleihe von 200 Millionen Dollar des Wertes vom Jahre 1924 an die deutsche Regierung für die Wiederherstellung der Industrie zur Verfügung. Dieser Dawes-Plan erleichterte auch die furchtbare Last der Reparationszahlungen Deutschlands an die alliierten Nationen. Obwohl der Gesamtbetrag nicht verringert wurde, wurde er in jährliche Einzelzahlungen von 2,5 Milliarden Mark über eine unbestimmte Zeit aufgeteilt.

Als die Dawes-Experten beim Ausarbeiten eines neuen Reichsbankgesetzes die Zeit zwischen der periodischen Erneuerung der deutschen Regierung zur Ermächtigung der Reichsbank zur Ausgabe von Banknoten von 10 auf 50 Jahre verlängern wollten, gelang es Schacht, sie von der Notwendigkeit zu überzeugen, daß die Regierung einen gewissen Einfluß auf die Führung der Reichsbank haben sollte. Der Dawes-Ausschuß schlug ein Übereinkommen zur Teilung der Einkünfte von ungefähr 40 Prozent für die Aktionäre der privaten Bank vor und 55 Prozent für die Regierung. Schließlich einigte man sich, daß die Aktionäre die Hälfte der ersten 50 Millionen Mark an Gewinn bekamen, 25 Prozent der zweiten 50 Millionen und 10 Prozent danach.

Später im Jahre 1925 gab es eine Anleihe des Dawes-Plans an die Reichsbank, worauf Auslandskredite hereinzuströmen begannen. Die Auslandsbankiers hatten Vertrauen in Schacht. Er war gegen die Anleihen und bestand darauf, daß ausländische Geldanleihen nur dazu benutzt wurden, die Produktion zu finanzieren, nicht aber Luxus oder Verbrauch. Diese Politik von 1924 bis 1929 resultierte darin, daß in Deutschland das modernste Fabriksystem Europas jener Zeit entstand.

Im Juli 1925 wurden Gesetze erlassen, um auf Transaktionen während der Inflation zeitlich zurückzugehen, sie zu prüfen und zu berichtigen. Geschädigte Beteiligte erhielten bis zu 25 Prozent des wirklichen Wertes des Eigentums, das sie gegen schlechtes Papier eingetauscht hatten. Schacht trat 1930 als Reichsbankpräsident zurück aus Protest gegen einige wirtschaftlichen Verfügungen der Alliierten. Er wurde später wiederernannt, als die Nationalsozialisten an die Macht kamen.

Als der Krieg endete, wurde vom Geheimdienst der deutschen Armee einem mittellosen Adolf Hitler die Aufgabe erteilt: eine winzige politische Gruppe zu beobachten, die sich Deutsche Arbeiterpartei nannte. Er besuchte eine kleine Versammlung, auf der die Ideen von Gottfried Feder einen tiefen Eindruck auf ihn machten.

In Mein Kampf schrieb Hitler:

Als ich [im Juni 1919] den ersten Vortrag Gottfried Feders über die „Brechung der Zinsknechtschaft“ anhörte, wußte ich sofort, daß es sich hier um eine theoretische Wahrheit handelte, die von immenser Bedeutung für die Zukunft des deutschen Volkes werden müßte.

Feders fesselnde Ideen drehten sich um Geld. Die Grundlage seiner Ansichten über Geld war der Gedanke, daß der Staat seine Geldversorgung durch eine nationale Zentralbank sicherstellen und kontrollieren sollte, anstatt durch Banken in Privatbesitz, denen Zinsen gezahlt werden müßten. Aus dieser Ansicht kam die Schlußfolgerung, daß das Finanzwesen die Bevölkerung versklavt hatte, indem es die Kontrolle über das Geld an sich riß.

Feders monetäre Theorien hätten leicht ihren Ursprung in den Schriften der deutschen Theoretiker des Geldwesens wie Georg Knapp haben können, dessen Buch The State Theory of Money (1905) immer noch einer der Klassiker auf dem Gebiet des Geldwesens ist. Gleich auf der ersten Seite verdeutlicht Knapp:

Geld ist ein Geschöpf des Gesetzes. Eine Theorie des Geldes muß sich deshalb mit der Geschichte des Gesetzes befassen.

Knapp beschreibt die Erfindung des Papiergeldes mit diesen Worten: „die wichtigste Errungenschaft der wirtschaftlichen Zivilisation.“ Für Knapp war der Prüfstein dafür, ob etwas Geld war oder nicht, „unser Test, daß das Geld von den Behörden des Staates [d. h. von Regierungsstellen] als Zahlungsmittel akzeptiert wird.“

Fast am Ende jenes Buches erwähnt Knapp nebenbei, wie deutsche Theoretiker des Geldwesens der Gegenwart und auch vorher, amerikanische Theorien studieren und diskutieren. Deshalb war möglicherweise die letztendliche Quelle von Feders Gesichtspunkt die American-Populist-Bewegung der 1870er Jahre und die Ideen, die jene Bewegung förderte, um ein dauerhaftes amerikanisches Banknoten-System einzurichten.

Als die Nationalsozialisten an die Macht kamen, wurde Schacht wieder als Reichsbankpräsident ernannt, zum Teil, um die deutsche Großindustrie und die ausländischen Banken zu beruhigen. Schacht bespöttelte Feders monetäre Ansichten:

Nationalisieren der Banken, Abschaffen der Zinsknechtschaft und die Einführung von Staats-Giro-‚Feder‘-Geld, das waren jene hochgestochenen Phrasen einer Gruppe, die durch Druck darauf abzielte, unser Geld- und Bankensystem zu stürzen. Um diesen Unsinn einzudämmen, berief ich einen Rat der Banken ein, der Vorschläge machte, um die Banken straffer zu überwachen und zu kontrollieren. Diese Vorschläge wurden im Gesetz von 1934 verankert… Im Verlauf von mehreren Diskussionen gelang es mir, Hitler davon abzubringen, die närrischsten und gefährlichsten der Ideen über Bankwesen und Währung, die von seinen Parteigenossen gehegt wurden, in die Praxis umzusetzen.

Konrad Heiden bemerkte:

Die Industrie wollte das Wirtschaftsleben der Gnade von solchen Männern wie Gregor Strasser oder Gottfried Feder nicht ausliefern, die, in Front der kleinen Vermögenden marschierend, die Revolution wollten und eine Bombe auf die zu werfen wünschten, die großen Wohlstand besaßen. Feder kündete an, daß die kommende Hitler-Regierung eine neue Art von neuen Reichs-Kassenscheinen schaffen würde, die als Kredit an unzählige kleine Geschäftsleute ausgegeben würden, um sie in die Lage zu versetzen, Hunderttausende und Millionen von Arbeitern wieder einzustellen. Würde dies Inflation bedeuten? Ja, sagte Walter Funk, einer der vielen Sachverständigen, die während des letzten oder der beiden letzten Jahre Hitler beraten hatten – ein erfahrener und wohlbekannter Autor in Finanzangelegenheiten, Mitarbeiter von Hjalmar Schacht und, in Hitlers eigenen Augen, eine Garantie, daß die Großindustrie ihn als Gleichen behandeln würde… Hitler beschloß, dem öffentlichen Zank ein Ende zu bereiten, indem er Göring ernannte, [diese Fragen zu bereinigen].

Feders Partei wurde dann der Vierjahresplan gegeben, um sie zu beschäftigen.

Feder verlor schnell die Auseinandersetzung mit Schacht und der deutschen Geschäftswelt. Vielleicht war er damit zu sehr überfordert. Er schrieb über seinen Finanzplan: „Intensives Studium ist nötig, um die Einzelheiten dieses Problems zu meistern… eine Schrift über dieses Thema wird innerhalb kurzer Zeit erscheinen, die unseren Mitgliedern eine volle Erklärung dieser wichtigsten Aufgabe geben wird…“ Aber dies war bereits im Jahre 1934, was bedeutete, daß er seit 1919, vor über 15 Jahren, das Problem nicht in eine klare schriftliche Form gebracht hatte.

„Wenn die Zeit kommt, werden wir uns mit diesen Dingen in weiteren Einzelheiten beschäftigen…“, schrieb Feder, aber seine Partei war in der Tat an der Macht, und die Zeit war gekommen.

Feder wurde von den Nationalsozialisten kaltgestellt, diente als Unterstaatssekretär im Ministerium für Wirtschaftsangelegenheiten; später wurde er versetzt als Bevollmächtigter für Landschlichtungen und dann vollständig auf’s Nebengleis geschoben als Lehrstuhlinhaber an der Technischen Hochschule in Berlin. Hitler und die Nationalsozialisten kamen am 30. Januar 1933 an die Macht. Deutschlands Auslandsguthaben und Goldreserven waren am Ende 1929 von 2,6 Milliarden Mark auf 409 Millionen am Ende 1933 gesunken und auf nur 83 Millionen am Ende von 1934. Laut der klassischen Wirtschaftstheorie war Deutschland bankrott und würde borgen müssen. Aber die klassische Wirtschaftstheorie hat nicht immer recht.


(Quelle)

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