Das Bekenntnis des Monsignore Morgenschweis

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Karl Morgenschweis betet für den zum Tode verurteilten NSDAP-Kreisleiter Franz Strasser (1946).

„Herr Pfarrer, das ist furchtbar. Ich kann das nicht mehr miterleben, was ich hier erlebt habe. Sie haben ja gehört, was der amerikanische Captain, ein evangelischer Negerpriester, dazu gesagt hat, nämlich: Das, was hier geschieht, nix gut. Deutschland wird das nie vergessen.“

Nachstehende Rede des einstigen katholischen Seelsorgers im sog. Kriegsverbrecher-Gefängnis (WCP) in Landsberg am Lech, Monsignore Karl Morgenschweis, der schon seit 1932 in der „Strafanstalt Landsberg“ als Gefängnisgeistlicher tätig gewesen war und als solcher bei Kriegsende von der amerikanischen Besatzungsmacht daselbst übernommen wurde, wurde am 25. November 1966 vor einem größeren Kreis in München gehalten. Ihr Wortlaut ist authentisch, zumal diese Rede auf Tonband festgehalten worden ist. Ihr Inhalt ist erschreckend und wert, einer breiten Öffentlichkeit bekanntgemacht zu werden, zumal der leider zu früh verstorbene Monsignore Morgenschweis, der unzählige Opfer nicht nur betreute, sondern viele von ihnen auch auf ihrem letzten Gang zum Galgen begleitete, Niederschriften hinterlassen hat in der Absicht, daß sie der Allgemeinheit zur Kenntnis gelangen. Da diese Absicht, ein Herzensanliegen des Monsignore, zunächst vereitelt zu sein scheint, soll diese Persönlichkeit auf diese Weise zu Wort kommen. Daß es sich bei dieser Rede um ein Dokument ersten Ranges handelt, wird jeder Leser bestätigen.

„Bereits im Vertrag zur Regelung aus Krieg und Besatzung entstandener Fragen von 1954 verboten die Sieger der BRD, eine juristische Revision der Nürnberger Urteile zuzulassen oder Entscheidungen der „Schauprozesse” aufzuheben. 1990 wurde dieses, auch Überleitungsvertrag genannte, Vertragswerk im Zuge der Ratifizierung des Zwei-plus-Vier-Vertrages bestätigt.“

I.

Vorwort und Würdigung

Als ich anläßlich des Volkstrauertages am 7. 11. 1965 den kleinen Friedhof unweit der Landsberger Strafanstalt besuchte, kam ich angesichts der Grabkreuze der Gehenkten beiläufig mit einem Bürger von Landsberg zu einem Zwiegespräch. Dabei pries der Gesprächspartner den Edelmut des Pfarrers Morgenschweis, was mich dazu ermutigte, mit ihm in Verbindung zu treten. Mit meinem ersten Brief vom 5. 12. 1965 leitete ich einen Briefwechsel ein, der sich über drei Jahre hinzog und einen Umfang von fünf Briefen von ihm an mich und 10 von mir an ihn ausmachte. Dabei ging es um hauptsächlich zwei von mir aufgegriffene Anliegen, nämlich erstens darum, ob und auf welche Weise er zu einem Vortrag über seine Erlebnisse und sein Wirken im Gefängnis Landsberg vor einem entsprechenden Interessenkreis zu gewinnen sei, und zweitens, ob von ihm bereits authentische Aussagen über die leidvolle Epoche veröffentlicht worden seien bzw. wenn nicht, ob ein solches Vorhaben in absehbarer Zeit von ihm ins Auge gefaßt werde. Außerdem haben in diesem Zeitraum auch zwei Unterredungen in seiner Wohnung stattgefunden, an welcher noch zwei weitere Interessenten teilgenommen haben; Monsignore hat in gleicher Weise wie in seinen Briefen auch bei dieser Zusammenkunft freimütig über sein Vorhaben berichtet, das Erlebte irgendwie für die Zeitgenossen und nicht minder für die Nachwelt zu verwerten. Dieser Plan, der unbestreitbar ein Herzensanliegen von ihm gewesen ist, ist leider infolge baldiger schwerer Erkrankung und allzu rasch folgendem Sterben nicht mehr zum Tragen gekommen.

Seine immense Sammlung von Aufzeichnungen und Dokumenten befindet sich seit seinem Tod im Archiv des Erzbischöflichen Ordinariats in München in Verwahrung und kann auf Grund vorgefaßter Meinung der Verantwortlichen dieser Kirchenbehörde weder eingesehen noch zwecks historischer Auswertung erlangt werden, obgleich diese Weigerung dem Vermächtnis des verewigten Monsignore zuwiderläuft. Indem man weiß, daß die Aufzeichnungen und die Dokumenten-Sammlung des verehrungswürdigen Zeugen nachdrücklichst die positive Einflußnahme der kirchlichen Würdenträger auf eine korrekte Rechtsfindung bei den Nachkriegsprozessen hervorheben und dafür Anerkennung zollen, ist die starre Abweisung des Auswertungsersuchens unverständlich.

Und deshalb ist es als ein Glücksfall zu verzeichnen, daß die Erlebnisse im Gefängnis in Landsberg und deren Deutung sowie seine wesentliche Mitwirkung zur größtmöglichen Verhinderung von Justizverbrechen in anderer Weise festgehalten worden sind und publik gemacht werden können, nämlich daß sein am 25. 11. 1966 auf einer Veranstaltung des „Deutschen Kulturwerkes Europäischen Geistes e. V., Pflegstätte München“ gehaltener Vortrag mit dem Thema „Für Wahrheit und Gerechtigkeit“ auf Tonband aufgenommen worden ist. Sein Verdienst, aus eigenem Antrieb einen Feldzug gegen Lüge und Unrecht begonnen und mit beträchtlichem Erfolg geführt zu haben, kann nicht hoch genug bewertet und gewürdigt werden. So war es Msgr. Morgenschweis in erster Linie zu verdanken gewesen, daß die beabsichtigt gewesene Hinrichtung der völlig zu Unrecht zum Tode verurteilten SS-Männer und SS-Offiziere der Panzer- Vorausabteilung Peiper, die im Raum von Malmedy die Front der Amerikaner aufgerissen hatte, vereitelt werden konnte.

Von der Unschuld der aus blinder Rachsucht und in Bausch und Bogen verurteilten SS-Soldaten überzeugt, hat er einen Sturm der Entrüstung entfacht und dadurch erreicht, daß kirchliche Stellen durch Interventionen beim Obersten amerikanischen Gericht die Aufhebung der Todesurteile und die Ingangbringung sachgerechter Untersuchungen und Verhandlungen erwirken konnten. Monsignore Morgenschweis hat es mit einem zum damaligen Zeitpunkt seltenen Wagemut und Geschick verstanden, der Rache „Justiz“ bestimmter amerikanischer Gruppen Einhalt gebieten zu lassen. Auch sein mit Eifer betriebenes Sozialhilfswerk für die Häftlinge und deren in Not geratene Familien war beispielhaft gewesen. Er erfreute sich deshalb auch einer allseitigen Verehrung und Hochschätzung nicht nur seitens der von ihm herzlich Betreuten, sondern auch von seilen der Landsberger Bürger, die sein Hilfswerk freudig unterstützten.

Es wird ihm sicherlich von allen, die sein mannhaftes Einstehen für die deutsche Sache kennengelernt haben, und insbesondere von denen, welchen er in schwerster Zeit beigestanden ist, ein ehrendes Gedenken bewahrt werden.

(Georg Ernst Nätscher)


25. November 1966

Der Wortlaut der [Monsignore Morgenschweis] Rede:

„Meine sehr verehrten Damen und Herren, zunächst darf ich recht herzlich danken für Ihren Willkommgruß, den Herr Dr. Koeppen geboten hat und Sie alle geboten haben.

Es ist ja schon seit vorigem Jahr im Gange, daß ich hierherkommen soll zu einem Vortrag über meine Erlebnisse in Landsberg mit dem Kriegsverbrechergefängnis. Es hat sich leider nicht früher ermöglichen lassen als bis eben jetzt zu dieser Zeit. Aber ich bin sehr gerne gekommen, davon dürfen Sie überzeugt sein. Wenn ich gerne über die Sache spreche, dann tue ich das vor allem aus einem inneren Pflichtbewußtsein. Es ist mir eine Gewissenssache, daß die Wahrheit bekanntgegeben wird und daß unser Volk zu einem Urteil kommt über diese ganze Kriegsverbrecher frage, ganz besonders auch über Landsberg zu einem Urteil, das der Wahrheit entspricht. Es sind ja nicht bloß sehr viele Gerüchte während dieser Zeit von 1945 an gegangen, in der die Exekutionen stattgefunden haben, sondern man tatsächlich, wie Dr. Koeppen schon gesagt hat, ja alles das unterschlagen hat, und heute noch wird’s unterschlagen, wird uns noch nicht die Wahrheit über die Kriegsverbrecherfrage gesagt. Ich spreche nicht meinetwegen, davon dürfen Sie überzeugt sein. Ich bin so alt, daß es mir vielleicht angenehmer wäre, am Abend zu Hause sein zu können, als über diese Frage zu sprechen.

Noch dazu ist es ja ganz klar, daß das für mich immer wieder ein neues Erleben dessen bedeutet, was ich erlebt habe. Ich träume öfters davon, daß ich selbst aufgehängt werde und daß ich mitgehen muß und so weiter, das ist ganz klar, aber, wie gesagt, einmal ist es für mich eine Gewissensfrage, daß ich hier spreche, und dann geschieht es vor allem auch im Interesse derjenigen, die Kriegsverbrecher gewesen sind, und vor allem derjenigen, die am Galgen gestorben sind. Wir sind ihnen das schuldig, daß unser Volk, die Öffentlichkeit, die Wahrheit erfährt und daß auf diese Weise ihnen Gerechtigkeit zuteil wird. Wir sind es auch den Angehörigen schuldig.

Sehen Sie: Damals, es war 1948, da hat mir einer von denen, die zum Tod verurteilt waren, der dann das Glück hatte durchzukommen, einen Brief geschrieben, in dem es unter anderem heißt:  ‚Zum Schluß möge man auch einmal an die zahlreichen Frauen und Kinder denken, welche auch in diese Not der Verurteilten mit einbezogen wurden. Frauen, welche sich niemals um Politik kümmerten, Frauen, welche niemals einer NS-Organisation angehörten, und Kinder, die damals noch nicht geboren waren, als der Vater Soldat war, sind heute aus der Volksgemeinschaft ausgeschlossen, indem man ihnen Wohnung, Kleidung und sonstige Lebensmöglichkeiten nahm. Die Not dieser Familienangehörigen haben alle in Landsberg Gefangenen heute noch mitzutragen.‘

Welche Menschen an führenden Stellen und welche Vertreter der Demokratie bringen heute den Mut auf, in christlichem Sinne, nach welchem sie leben und von welchem sie schreiben, auch diese Frage an das christliche deutsche Volk und das christliche Ausland zu richten? Das ist die Frage und der Ruf von Landsberg. So hat man damals schon empfunden, und ganz mit Recht.

Ich möchte hier auch ein Wort von Bischof Neuhäusler erwähnen. Ich werde noch darauf zu sprechen kommen. Seine Exzellenz Bischof Neuhäusler hat sich ja, obwohl er KZ-Häftling gewesen ist, für die Landsberger mit allen Möglichkeiten eingesetzt, soweit das überhaupt tragbar war.

Er hatte ein Interview mit Radio München, und da wurde ihm die Frage gestellt: ‚Welches Ziel verfolgen Sie nun mit Ihren Bemühungen? Und Neuhäusler gab zur Antwort:

Mich leitet nicht etwa die Absicht, von mir reden zu machen oder zu hetzen gegen die amerikanische Justiz oder gegen einzelne Zeugen oder gegen Juden, Kommunisten, ehemalige KZ-Kameraden, auch nicht die Absicht, einzelne Personen zu verteidigen, sondern einzig und allein der Wunsch zu helfen, daß die Wahrheit gefunden und daß Gerechtigkeit werden kann.

Exzellenz ist es auch, die mich immer wieder aneifert, ich soll doch meine Erlebnisse von Landsberg niederschreiben, wie er mir geschrieben hat heuer im Sommer: Es ist jetzt Zeit!

Dem will ich mich nun in der Zukunft auch widmen, soweit es meine Ruhezeit zuläßt, um das ganze Material einmal zu sichten und zusammenzustellen.

Das ist es, was auch mich leitet: das Streben nach Wahrheit und Gerechtigkeit.

Da erhebt sich vor allem eine Frage, auf die ich eingehen möchte, die viele nicht beantworten können: Wie kam es überhaupt zu diesen Prozessen?

Es gibt an Literatur darüber nicht mehr viel, denn was da war, erscheint nicht mehr. Zum Beispiel das Buch ‚Über Galgen wachst kein Gras‘. Es ist nicht mehr zu haben. Das war sehr aufschlußreich, denn dieses Buch bringt im Original, dokumentarisch also, die Verhandlungen im Senat in Amerika über diese Kriegsverbrecher frage. Und es bringt auch alles das, was die Senatoren drüben durch Neuhäusler über die Mißhandlungen in den Vorverfahren erfahren haben, wie zum Beispiel beim Prozeß Malmedy in Schwäbisch Hall und so weiter. Das ist alles dokumentarisch niedergelegt, auch die ganze Einstellung des Senats dazu; es ist, wie gesagt, leider nicht mehr zu haben. Dann können Sie das Buch ‚Der Henker von Landsberg‘ nicht mehr auftreiben. Herr Nätscher war so liebenswürdig und hat mir das noch beschaffen können; ich möchte ihm hier öffentlich dafür danken. Das Werk ist nicht mehr zu haben. Ich schätze es allerdings nicht besonders, weil es weniger dokumentarisch, sondern fast etwas romanhaft gefärbt ist. Rechtsanwalt Dr. Aschenauer, der den Leutnant Wenzel verteidigt hat, dessen Unschuld ja jetzt nachgewiesen worden ist, hat zum Buch ‚Henker von Landsberg‘ das Vorwort geschrieben.

Das wertvollste Buch in dieser Frage ist ‚Charakterwäsche von Schrenck-Notzing, im Verlag Seewald. Stuttgart. Das können Sie haben. Es berichtet und schildert uns, wie es überhaupt zur Kriegsverbrecherfrage gekommen ist. Und da legt er nun dar, daß man damals schon, in der Vorkriegszeit, in Amerika in Kreisen der Wirtschaft daran gedacht hat, die deutsche Wirtschaft zu vernichten, weil sie ihnen eben zu groß und zu stark geworden ist.

Wie kam es nun zu den Kriegsverbrecherprozessen? Wir in der amerikanischen Zone hatten zwei Orte, an denen Prozesse stattgefunden haben, das war Nürnberg, und das war Dachau. Daneben gab es noch Werl in der englischen und Wittlich in der französischen Zone. Wie kam es nun zu diesen Prozessen? Es ist sehr instruktiv und interessant, was Schrenck-Notzing dazu schreibt: Schon 1942 hat man mit dieser Frage begonnen. Damals hat man beschlossen, daß erstrangiges Kriegsziel die Vergeltung für solche Vergehen gegen das Kriegsrecht sei.

Und im Januar wurde in London dann beschlossen, daß ein Verfahren eingeleitet werden solle, und zwar hieß es damals noch ein ordnungsmäßiges Verfahren, um Racheakte der Bevölkerung als Reaktion gegen die Gewalttaten zu vermeiden. Also noch ein anständiger Gedanke!

Dann, 1943, wurde in Moskau beschlossen, daß die Verbrechen dort abgeurteilt und bestraft werden sollen, wo sie stattgefunden haben. Damit hängt zusammen, daß auf diese Bestimmung hin – so und so viele Deutsche ausgeliefert werden mußten, und zwar nach Polen, der Tschechoslowakei und nach Rußland. Und etwas später wurde beschlossen, ein internationales Gericht soll für die Fälle eingesetzt werden, für welche kein Ort bestimmt werden könnte, und da haben wir nun das einzige Internationale Gericht in Nürnberg gehabt, das vom 22. 11. 1945 bis 7. 10. 1946 getagt hat. Es war gleichzeitig beschlossen worden, daß man zunächst einmal ein summarisches Verfahren gegen die ‚Großverbrecher‘, wie Hitler, Mussolini und Tojo führen sollte. Man hat sie, ‚Weltgangster‘ genannt. Sie sollten summarisch schnell abgeurteilt und hingerichtet werden. Nach dieser Richtschnur ist Moskau mit jenen Deutschen verfahren, die in Charkow eingedrungen und dort gefangengenommen worden waren; nach diesem System hat man sie einfach beseitigt. Und außerdem hat man beschlossen, daß man ein neues Gesetz schaffen will, nach dem die Kriegsverbrechen beurteilt und abgeurteilt werden können.

Man hat gehofft und hofft heute noch, daß aus diesem neuen Gesetz, das damals in London gemacht worden ist, ein Weltgesetz werde – das neue Recht. Bei der Verhandlung haben die Sowjets verlangt, daß die verbrecherische Tätigkeit eines sog. Kriegsverbrechers schon als erwiesen zu gelten hat allein dadurch, daß er bei einer Organisation gewesen ist, und zwar, daß nur die Verbrechen von Deutschen verfolgt werden sollten, nicht allgemein überhaupt Kriegsverbrechen. Man hat dort schon die Ungerechtigkeit begangen, daß man ein Sonderrecht geschaffen hat für Deutschland allein, nur für die Deutschen. Und daher wieder kommt es, daß eben die anderen Staaten also Rußland, Polen, die Tschechoslowakei, auch Italien, Frankreich usw., nicht hereingenommen worden sind und daß es dort keine Kriegsverbrecher gibt in diesem Sinne, nur bei uns Deutschen.

Die Amerikaner wollten damals dieses Gesetz so weit ausdehnen, daß nicht bloß Kriegsverbrechen unter Anklage gestellt werden sollten, sondern auch Verbrechen gegen die Menschlichkeit, auch Verbrechen gegen den Frieden. Jeder Angriffskrieg soll ohne weiteres für verbrecherisch erklärt werden. Demzufolge sind damals die folgenden vier Gruppen aufgestellt worden:

1. Verschwörung gegen den Frieden,
2. Verbrechen gegen den Frieden,
3. Kriegsverbrechen und
4. Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

Das war das neue Recht. Und nach diesem Recht konnte man nun einfach alles hereinholen und herbeiholen. Schon allein die ganze Organisation der NSDAP galt als verbrecherisch. Allein die Zugehörigkeit war bereits Verbrechen. Das ging von oben an bis herunter zum letzten Ortsgruppenleiter. Wer irgendeine Stellung bei der Partei gehabt hat, war dadurch, daß er bei der Partei gewesen ist, schon ein Verbrecher. Es mußte nur noch, hieß es, nachgewiesen werden, daß er irgend etwas begangen hat. Die Partei galt nicht nur als Verbrecherorganisation, sondern die Zugehörigkeit zu ihr galt schon als Verschwörung mit der Gemeinschaft. Ich habe in einem Fall, und zwar durch einen Untersuchungsagenten, Einblick in solche Akten bekommen. Da werden Leute wegen Teilnahme an einer verbrecherischen Organisation, wegen Teilnahme an einer Verschwörung verurteilt. Und dazu hat es natürlich nicht viel gebraucht: Wenn irgendein Zeuge sagte, der und jener habe den und jenen geschlagen, dann war der und jener schon ein Kriegsverbrecher, der verurteilt werden mußte.

Das sind die Hintergründe für die Kriegsverbrecherverhandlungen und -gerichte, die wir nach dem Krieg gehabt haben, und das sind auch die Ursachen für die Urteile, die in Nürnberg und Dachau gefällt worden sind.

Dazu kam noch als letzte Bestimmung, daß jedes Land oder jede Kriegsmacht, die beteiligt war, für sich selbst noch Kriegsverbrecherprozesse aufziehen kann, auch mit dem Recht, Todesurteile auszusprechen und zu vollstrecken.

Darum hatten wir das Internationale Gericht in Nürnberg, in der amerikanischen Zone das Gericht in Dachau, in der französischen das Gericht in Wittlich und in der englischen das Gericht in Wert. Diese Gerichte haben, wie schon gesagt, das Recht gehabt, Todesurteile auszusprechen und zu vollstrecken. Ich habe lange nicht um diese Vorgänge gewußt, die sich da abgespielt haben, zum Teil schon vor dem Krieg und dann auch während des Krieges. Allmählich ist mir erst klar geworden, weshalb durch das Gericht in Dachau gar so viele eines Verbrechens und durch die Gerichte in Nürnberg verhältnismäßig wenige eines Verbrechens beschuldigt und abgeurteilt worden sind.

Ich habe es schon immer als ein Unrecht betrachtet, daß man so außerordentlich viel von Nürnberg, von den Prozessen in Nürnberg gesprochen hat, die man so groß aufgezogen hat, wo so viele Zeugen geladen worden sind — wenn es da auch vorgekommen ist, daß man Entlastungszeugen nicht zugelassen hat – wo auch Rechtsanwälte auftreten konnten, wo dieselben verteidigen konnten – und von den Verfahren in Dachau hat niemand in der Öffentlichkeit gesprochen.

Von Dachau haben Sie in Presse und Rundfunk immer nur von Verbrechen gehört, die da vor und während des Krieges begangen worden seien, gar nichts anderes. Ich habe damals schon den Eindruck gewonnen, man wolle unter dem Deckmantel der Gerichtsprozesse in Nürnberg, wobei man alle die Großen aus sämtlichen Gebieten der Industrie, der Wirtschaft und so weiter hereingezogen hat, verdecken, was währenddessen in Dachau geschehen ist; denn die wirklichen Verbrechen sind damals in Dachau geschehen:

Bei den Voruntersuchungen in Dachau, in Schwäbisch Hall, in Oberursel und dann bei den Urteilen, die durch das Militärgericht in Dachau gefällt worden sind. Da sind die großen Verbrechen geschehen. Ich glaube, es ist wirklich so, wie mir am zweiten Tag der Exekution der Verurteilten aus dem Mauthausener Prozeß ein Amerikaner gesagt hat. Es war ein amerikanischer Captain evangelischer Konfession, der zur Exekution abkommandiert worden war – zwei Tage hat das gedauert, und jeden Tag wurden 25 Mann gehenkt. Am zweiten Tag morgens, als ich von der Betreuung dieser Verurteilten gekommen bin, hat er mir in seinem gebrochenen Deutsch gesagt: ‚Herr Pfarrer, das, was hier geschieht, nix gut, auch nicht besser als bei Hitler. Deutschland wird das nie vergessen.‘

Und wir können es nicht vergessen, einfach deshalb nicht, weil es ein Unrecht ist, ich möchte sagen, ein Pfahl in unserem Fleisch, der nie Ruhe geben wird.

Und Churchill hatte damals recht, als er im Mai 1945 davor warnte und seine Besorgnis aussprach, daß man vielleicht jetzt das vergäße, was bisher immer eingehalten worden ist. Und da sagte er: ‚Noch müssen wir dafür sorgen, daß drüben auf dem Kontinent die einfachen und ehrenhaften Ziele, für die wir in den Krieg gezogen sind, in den auf unseren Sieg folgenden Monaten nicht vergessen und nicht einfach beiseite gewischt werden und daß Worte wie Freiheit, Demokratie und Befreiung nicht ihrer wahren Bedeutung, so wie wir sie verstanden haben, entkleidet werden. Es hätte wenig Sinn, Hitlers Kumpane für ihre Verbrechen zu bestrafen, sofern nicht Recht und Gerechtigkeit herrschen und wenn an die Stelle der deutschen Eroberer totale Polizeiregime treten würden. Der gleiche Churchill hat sich 1948 darüber aufgeregt, daß man damals, wie er sagt, so viele ungerecht verurteilt hat.

Die ‚Hamburger Allgemeine Zeitung‘ bringt am 11. Oktober 1948 einen Bericht über Churchills Rede. Da heißt es: ‚Churchill fuhr fort, er hoffe, daß Frankreich und Deutschland [ihren] tausendjährigen Streit begraben und daß Frankreich seine Stellung in der Welt zurückerringt, indem es seinen besiegten Gegner in die Gesellschaft und die Kultur des Christentums und Europas zurückführt. Aus diesem Grunde bedauert er auch die endlosen Verfahren gegen frühere Nationalsozialisten noch dreieinviertel Jahre nach Kriegsende.‘ Dreieinviertel Jahre nach Kriegsende! Heute haben wir 20 Jahre danach. Ebenso bedauert er, ‚daß betagte deutsche Feldmarschälle und Generäle ohne formulierte Anklagen in der Haft gehalten werden. Ich hoffe, daß auch jetzt noch vernünftiger Rat die Oberhand gewinnt, und ich rufe in der allgemeinen Frage der Vergeltung für im Kriege verübte Untaten unseren amerikanischen Freunden dringendst zu, das Vergangene vergangen sein zu lassen!‘ 1948 war das gewesen.

Das Jahr 1948 war ein ganz schlimmes Jahr — darauf komme ich später noch zurück. Da sind zum Teil die größten Verbrechen geschehen, und zwar insofern, als man damals eine ganze Menge — 110 Mann — einfach nacheinander hingerichtet hat, obwohl eine eigene Kommission, die auf Antrag von Neuhäusler und Wurm tätig war, festgestellt hatte, daß von den 139 zum Tod Verurteilten 29 sofort freigegeben werden müßten und 110 noch einmal geprüft werden müßten, weil die Akten nicht in Ordnung seien.

Wir haben damals im Juli für 110 Mann einen Stopp bekommen. Der Beratende Ausschuß für die Begnadigung von Kriegsverbrechern hatte diesen Stopp erreicht, und was geschah darauf durch die Zustimmung des amerikanischen Hochkommissars John J. McCIoy und den Oberbefehlshaber General Thomas T. Handy? Durch deren Entscheidung begannen am 14. Oktober die Exekutionen von neuem, wonach jede Woche 10 bis 15 Mann gehenkt wurden. Bis Anfang Dezember waren wiederum 110 Mann umgebracht worden, ohne daß die Verantwortlichen gefragt hätten, ob die Hingerichteten schuldig oder unschuldig, ob sie den Tod verdient hatten oder nicht. Das Jahr 1948 war eines der schlimmsten Jahre dieser Nachkriegsperiode gewesen, und in diesem Jahr hat Neuhäusler alles, alles getan. Ich bin zufällig wieder auf die Aufzeichnungen von damals gestoßen, ich habe vieles zusammen aufbewahrt, woraus ersichtlich ist, daß Neuhäusler alles versucht hat, um diese Männer zu retten. Nicht nur Bischof Neuhäusler, auch Bischof Wurm, Universitätsprofessoren von Würzburg und andere Persönlichkeiten haben alles versucht. Neuhäusler hatte in Anbetracht der sehr verdächtigen Zeugen und schnellen Urteile bei den Gerichtsprozessen in Dachau, wo Nichtjuristen zu Gericht gesessen sind, verlangt, daß alles noch einmal überprüft werde. Die Urteile müßten alle einzeln überprüft werden; man müßte jetzt die Zeugen herbeiholen, die damals nicht herbeigeholt werden konnten, die Entlastungszeugen. Auch Kardinal Frings hat sich damals an Clay, an Murphy und auch an den Senat in Amerika gewandt. Er erhielt von General Clay die Antwort: ‚Es ist alles in Ordnung. Wir haben faire Richter, die alles geprüft und danach verurteilt haben. Die Urteile bestehen zu Recht.‘ Man wolle – hat es geheißen – damit auch in der Weltöffentlichkeit über diese Verbrechen ein Urteil fällen, damit sie sich in späterer Zeit nicht wiederholen.

So kam es, daß das Landsberger Gefängnis so stark belegt war, und zwar mehr durch die Verurteilten aus Dachau als durch die Verurteilten aus Nürnberg. Ein zahlenmäßiger Vergleich – ich kann natürlich nur einen bestimmten Zeitabschnitt nehmen – zwischen den aus Nürnberg und den aus Dachau gekommenen Gefängnisinsassen ergibt dies:

Von 1945 bis 1947 einschließlich waren von Nürnberg 110 gekommen. Das waren 16% der Gefangenenzahl, von Dachau hatten wir 560, das waren 79 %, vom Prozeß Shanghai waren 18 wegen Spionage Verurteilte eingewiesen worden, das waren 2,3%.

In Dachau allein -waren in diesen Jahren 1416 Personen abgeurteilt worden, davon 426 zum Tode, 199 lebenslänglich und 791 zu verschieden langen Zeitstrafen, das waren Strafen zu 10, 15, 20 und 30 Jahren.

Bei den Exekutionen war der Hundertsatz folgendermaßen gewesen: von den aus Dachau gekommenen Verurteilten 18,5 %, das waren 252 Mann, d. h. jeder fünfte Mann ist gehenkt worden; von den aus Nürnberg gekommenen Verurteilten 8,2 %, das waren 12 Mann, d. h. jeder zwölfte Mann ist gehenkt worden.

Dazu kamen noch 29 Erschießungen von Leuten, die wegen Raubmords zum Tode verurteilt worden waren.

Wenn wir diese alle zusammenzählen, so haben wir 306 Hinrichtungen gehabt.

In der Zeit vom November 1945 bis März 1949 lief die Maschinerie. Danach hat sie ausgesetzt und trat erst wieder im Juni 1951 in Tätigkeit, und zwar in der Nacht vom 6. auf den 7. Juni, mit der Henkerei der letzten sieben, um die man so lange gekämpft hat.

Je nach Art der durchgeführten Prozesse haben sich auch die Insassen des Landsberger Gefängnisses zusammengesetzt. Wenn Sie das so vergleichen, so hatten wir von Nürnberg die verschiedenen Gruppen. Dort hatte es einen Industrieprozeß, einen Reichsbankprozeß, einen Presseprozeß, einen Landwirtschaftsprozeß, einen Juristenprozeß, einen Ärzteprozeß, einen Diplomatenprozeß und einen Generalsprozeß gegeben. Dementsprechend hatten sich die Insassen so zusammengesetzt, von Nürnberg kamen zunächst lauter Generäle, dann kamen Juristen, dann kamen Ärzte, Diplomaten, Wirtschaftler, Industrielle, nicht bloß Krupp und Flick zum Beispiel; dann war der Direktor der Reichsbank da, des Presseamtes, der Landwirtschaftsminister war da, dann Leute vom Reichsbund für Kohle, Architekten und so weiter, Leute vom Siedlungsamt und so fort.

Von Dachau kamen mehr die anderen: die Angeschuldigten aus Lagerprozessen, aus Fliegerprozessen, dann Angeklagte von ‚Kriegsverbrechen‘ zum Beispiel aus dem Prozeß ‚Malmedy‘ und schließlich Angeklagte wegen angeblicher Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Man hat sogar aus Shanghai eine Gruppe gebracht, die von den Engländern abgeurteilt worden war, weil diese nach Kriegsende in Europa den Japanern noch Nachrichten vermittelt hätten, die damals noch mit Amerika im Krieg gestanden sind. Die Angehörigen dieser Gruppe sind allerdings nach einigen Monaten entlassen worden, da nachgewiesen werden konnte, daß sie zu Unrecht abgeurteilt worden waren. Außerdem kamen noch Leute aus Spionageprozessen der Amerikaner.

Wir hatten also im Landsberger Gefängnis eine ganz gemischte Gesellschaft. Das Haus war übervoll besetzt – die Anstalt hat an sich ja nur 500 Zellen – sie läßt sich bedingt mit 600 Insassen belegen, wenn die Säle dazugenommen werden; es waren aber in der Zeit der Übervollbelegung 1100 Mann untergebracht, so daß die Einzelzelle zum Teil auch mit drei Mann belegt werden mußte.

Aber, wenn ich den Ausdruck gebrauchen darf, diese Gefangenenmasse war sehr unterschiedlich zusammengesetzt, nicht wahr. Es bestanden große Gegensätze, man bedenke nur: Leute von Intelligenz und aber auch Analphabeten aus den KZ-Lagern. Dann die politischen Gegensätze: was man damals Nazi genannt hat, wie Kreisleiter und so weiter, eben alles. Dann waren Kommunisten da, soziale und kriminelle Elemente; das kam daher, daß in den Lagern vielfach Lagerhäftlinge als Kapos eingesetzt worden waren, die ihre Mitgefangenen geschlagen und gequält hatten; diese waren auch als Kriegsverbrecher abgeurteilt und nach Landsberg gebracht worden. Dann waren da Generäle und einfache Soldaten; auch in religiöser Hinsicht alles: evangelische und katholische Christen, Gottgläubige und Ungläubige und so weiter.

Dann in sozialer Hinsicht, einmal die Kreise, die reich gewesen sind, zum Beispiel Krupp und Flick, was sich in der Weise ausgewirkt hatte, daß diese ja später unterstützt werden konnten, und andererseits wieder solche, die vollkommen arm und ohne Angehörige gewesen sind. Dieser Gegensatz hat sich natürlich im Zusammenleben ausgewirkt. Das Zusammenleben war so, daß die Gefangenen tagsüber im Haus selber vollkommen frei waren und die Anstalt nur nach außen abgeschlossen war. Die Zellen waren von früh 6 Uhr bis abends 9 Uhr offen; eine beachtliche Zahl der Insassen war tagsüber in den Betrieben gemeinschaftlich beschäftigt gewesen; und wie haben sich dabei die verschiedene Herkunft und der soziale und politische Unterschied gegenseitig ausgewirkt? Hinsichtlich der Gegensätze war es für uns Seelsorger ungeheuer schwierig, weil wir mitten drinnen gestanden sind. Als Seelsorger muß ich doch jedem gerecht werden. Da gibt es keinen Unterschied, ob einer reich oder arm ist, ob einer General oder ein gewöhnlicher Mann ist; ich muß jeden, den ich vor mir habe, als einen durch die Kriegsgerichte Verurteilten behandeln. Aberich habe immer den Gedanken in mir getragen und verfolgt: Jeder ist für mich ein Mensch und jeder ist für mich ein Bruder.

Und zweitens: jeder der Gefangenen ist ein Deutscher. Und da kommt bei mir zuerst der Deutsche, nicht wahr, bevor der Amerikaner kommt. Darum habe ich mich manchmal in vielen Dingen nicht an die Vorschriften gehalten, und ich freue mich heute noch, daß es mir gelungen ist, die Amerikaner oft auszuschmieren, den Deutschen zu helfen, nicht bloß den Gefangenen, sondern vor allem ihren Familien zu helfen.

Wissen Sie, das war das zweite Schwierige: Die Amerikaner haben sich um gar nichts gekümmert. Dabei ist es in deutschen Gefängnissen so, daß alles geordnet ist, daß alles hinzielt vor allem auf Besserung des Gefangenen, daß man auch auf seine sozialen Verhältnisse eingestellt ist, daß er, während er in Gefangenschaft ist, um seine Familie keine großen Sorgen haben muß, daß diese betreut und versorgt ist, daß er nach Entlassung wieder in den Beruf hineinkommt, wieder Arbeit und eine Stellung bekommt, bei Entlassung gewisse Mittel in der Hand hat, um anfangen zu können. Das sind lauter Dinge, um die sich der Amerikaner nicht gekümmert hat. Das geht alles den Pfarrer an. Uns ist alles angegangen bis zum Aufhängen. Bloß hatten wir kein Recht, irgend etwas zu sagen.

Wir Geistliche haben ab 1948 vermittelnd eingegriffen. Voriges Jahr hat mir in Landsberg der Vorsitzende der SPD-Gruppe bei dem Streit, den ich mit ihm wegen Högner geführt habe, den Vorwurf gemacht: ‚Ja, warum haben Sie früher nichts getan?‘ Ich habe ihm leider den ganzen Akt nicht zeigen können, was wir getan haben, um diese Leute zu retten. Wir haben damals beim Vorstand der Strafanstalt einen Bericht eingereicht auf Grund der Ergebnisse, zu denen Rechtsanwalt Frischmann gekommen ist und die in ‚Stars and Stripes‘ erschienen sind. ‚Stars and Stripes‘ war für uns das Nachrichtenblatt. Die amerikanischen Soldaten waren so nett, uns das Blatt immer wieder zu geben. Dadurch haben wir erfahren, was in Dachau vor sich ging, was bei den Amerikanern vor sich ging. Da haben wir uns an den Captain gewandt, er möchte sich doch da einsetzen. Es ging um diese 110 Mann damals, damit man das doch stoppe und überprüfe. Wir bekamen zur Antwort: ‚Ich habe nichts auf meinem Gewissen. Ich halte den Dr. Frischmann für einen Lügner, denn seine Berichte über die Unterbringung und Behandlung der zum Tode Verurteilten in Landsberg, welchen er dem Hauptquartier in Frankfurt einreichte, entsprach so wenig den Tatsachen.‘

Was er aber berichtet hat, das war nicht 1948, sondern 1946. Da war es nämlich wahr: die Unterbringung in feuchten, kalten, dunklen Zellen; sie hatten in dem kalten Winter 1946 keine geheizten Zellen. An den Wänden war dickes Eis gewesen. Die Zellen waren vollkommen dunkel. Man hatte die Fenster mit Brettern vernagelt. Es war den ganzen Tag fast vollkommen dunkel gewesen. Man hatte da drinnen kein Licht. Sie konnten nicht einmal bei Tag lesen, geschweige denn bei Nacht. Es sind bedauerlicherweise auch Mißhandlungen durch das Wachpersonal vorgekommen. Wir hatten damals eine gemischte Wachtruppe von französischen und amerikanischen Soldaten. Ich habe erst später erfahren, daß die Leute von einem Strafexpeditionsverband stammten, die sich wirklich aufgeführt haben wie Gangster. Beispielsweise hat man Gefangenen durch das kleine Zellenfenster-Türlein, durch die die Kost gegeben worden ist, mittels Zigarettenglut die Augenbrauen verbrannt. Ein andermal hat man ihnen Zündhölzer unter die Fingernägel gesteckt. Ein andermal hat man einen älteren Mann, der aus dem Prozeß Mauthausen stammte, in der Nacht geweckt mit den Worten:

‚Raus! Anziehen! Du wirst aufgehängt!‘ Nachdem er rausgeholt worden war, hat man ihm erklärt: ‚Nein, du kommst’s nächste Mal dran.‘ Er wurde dann wieder in die Zelle zurückgeschickt. Das sind doch Schikanen sondergleichen. In den Todeszellen unten hat man in den letzten Stunden vor dem Sterben an die Wände nackte Frauen gemalt. In anderen Fällen hat man Galgen an die Wand gemalt und so weiter und so fort. Das waren doch Bosheiten sadistischer Art, nicht wahr! Von dieser Handlungsweise hat Frischmann berichtet. Und das umgeht man jetzt und sagt, Frischmann sei ein Lügner, weil solche Fälle im Jahr 1948 nicht mehr vorgekommen sind. Zum Bericht von Frischmann wurde gesagt, in der US-Armee sei es nicht üblich gewesen, von untergeordneten Stellen Vorschläge und Empfehlungen an höhere Dienststellen zu richten. Es genüge deshalb, wenn der Judge Advocate General von diesen Unklarheiten in Kenntnis gesetzt worden sei. Wir hatten diesen gebeten, er möchte sich an die vorgesetzten Stellen wenden. Er aber entgegnete, er sei nur verpflichtet, die Befehle seiner Vorgesetzten auszuführen. Er habe von sich aus keine Veranlassung, das übergebene Schreiben weiterzuleiten. Er stelle es jedoch den Geistlichen anheim, damit zu verfahren, wie sie es für zweckmäßig hielten. Es wäre an sich interessant, über all das zu berichten, was die Kirche in dieser Frage getan hat, es würde aber zu weit führen. Ich habe Ihnen ja schon gesagt, daß man uns Geistlichen alles überlassen hat. Es mußte doch etwas vom Leben in die Masse der bedrängten Gefangenen vermittelt werden, und zwar in ein kulturelles, ein geistiges Leben, denn wenn einer lebenslänglich vor sich sieht, ja fünfzig, vierzig, dreißig, zwanzig oder auch nur zehn Jahre, dann möchte er verzweifeln. Es war damals alles so unsicher, er hat das Urteil von Dachau gehabt, weiter nichts. Wenn er an seine Familie denkt, dann möchte er verzagen; die meisten waren doch im Krieg gewesen, haben sechs Jahre lang nicht mehr die Familie gehabt. Und jetzt wieder ohne Familie. Und die Not der Familie war sehr, sehr groß gewesen. Ich erzähle hernach noch etwas davon. Da muß doch etwas getan werden, daß die Männer, diese Menschen nicht mit der Zeit geistig krank werden, denn die Arbeit allein, bei Tag ein paar Stunden, reicht nicht aus, um nicht stumpfsinnig zu werden, es ist der lange Abend, es sind die Samstage, die Sonn- und Feiertage und so weiter. Der Gottesdienst allein reicht auch nicht aus, wenn einmal wöchentlich Gottesdienst gehalten wird. Wir haben wohl Bibelstunden, Aussprachestunden und ähnliches geschaffen, aber das ist trotzdem wenig und nur für einen kleinen Teil. Es muß alles erfaßt werden. Die Sorge um ihre Familien steht an.

Sehen Sie, es ist an sich nett, wenn es schöne Vorschriften gibt, zum Beispiel jeder darf jede Woche einen Brief mit 25 Zeilen schreiben. Er kann auch von seinen Angehörigen unbeschränkt Briefe empfangen. Wenn er aber keine Briefmarke hat, sich keine Briefmarke kaufen kann, wenn die Angehörigen kein Geld dazu haben. Was nutzt dann die Vorschrift? Es ist so schön, wenn es heißt, die Angehörigen dürfen monatlich einen Besuch von zwei Stunden Dauer machen. Was soll das, wenn sie aber das Geld nicht haben, nach Landsberg zu fahren? Die aus Dachau oder aus der Münchner Gegend konnten kommen. Aber wie ist es bei denen aus Mitteldeutschland und aus Norddeutschland? Was nützt die Vorschrift? Es ist recht schön, wenn gesagt wird, es kann einer, wenn er verurteilt ist, Rechtsmittel ergreifen, sich einen Rechtsanwalt nehmen, der dann für den Court, bei dem das Urteil überprüft werden soll, seine Vorstellungen dagegen bringen soll. Erstens hat er bei der Verhandlung keine Entlastungszeugen und zweitens keinen Rechtsanwalt gehabt. Der Rechtsanwalt kostet Geld, und er hat jetzt keins. Sehen Sie, das sind lauter so Dinge, das ist alles so schön auf dem Papier – und in Wirklichkeit unmöglich. So kann man ’s auch machen, net wahr! Man kann der Öffentlichkeit sagen, es ist alles getan worden für sie, sie haben alle Möglichkeiten, und in Wirklichkeit haben sie sie nicht, weil die Leute kein Geld haben. Es waren doch alle sog. Hauptschuldigen vermögenslos, da sie 1948 nicht unter die Vergünstigung gefallen sind, neues Geld bekommen zu haben. Sie waren doch geächtet in der Öffentlichkeit.

Ich weiß von der Frau eines Arztes, der in Mauthausen zum Tode verurteilt -worden war, daß sie mit ihren Kindern in der Nähe von Frankfurt in einem Schweinestall leben mußte. Ich weiß von der Frau des Generals Prieß aus dem Armeekorps Sepp Dietrich, die oft zu mir kam und die ein kleines Baby hatte: Man hat ihr in einem Ort in Mittelfranken nichts als eine leere, kalte Kammer in einem Bauernhaus gegeben, ohne Möbelstück, ohne Geschirr, rein gar nichts. Sie erzählte, daß sie bei einem Bauern Axt und Säge geliehen bekommen hat, womit sie zusammen mit ihrer Schwägerin im Wald kleine Stämmchen abgeholzt und daraus die einfachsten Möbel gezimmert hat, um überhaupt vegetieren zu können. Man stelle das sich doch einmal vor! Die waren so arm, die Leute. Ich weiß, wie viele, zum Beispiel die Frau von Sepp Dietrich, sich rübergeschmuggelt hat über die Grenze bei Füssen; eine andere Frau aus Tarenz, deren Mann zum Tode verurteilt worden war – den haben wir retten können — wie die sich rübergeschmuggelt hat über die Grenze, tagelang unterwegs gewesen, und so weiter. Sehen Sie, das sind Dinge, die muß man miterlebt haben, nicht wahr, dann begreift man das, wenn ich sage: hier so schön das Gesicht, und in Wirklichkeit dahinter, fast möchte ich sagen, ein Totenkopf.

Dies ist einfach uns Seelsorgern überlassen worden, dafür zu sorgen, daß sie Geld bekommen haben, das heißt, daß sie Briefmarken kaufen konnten, daß sie Pakete bekommen konnten. Die großen Männer wie Flick, Krupp und dergleichen haben alle Riesenpakete bekommen, und die armen Teufel haben nichts gehabt. Daß da eine Verbitterung aufkommt, ist doch ganz klar.

Daß die Familien zu Besuch kommen können, daß für die Familien gesorgt wird, daß die Gefangenen eine Rechtshilfe bekommen und schließlich, daß sie, wenn sie entlassen werden, auch wieder ins Leben hineinkommen, war unsere Aufgabe. Und das war ungeheuer schwer, das können Sie sich vorstellen. Ich übertreibe nicht, wenn ich sage, ich habe jede Nacht bis zwölf, ein Uhr an dem unerledigten Rest gearbeitet, um diese Sachen zu erledigen. Ich habe einen Kreis für die Familienhilfe für ganz Deutschland aufgezogen, durch die Caritasverbände, die innere Mission und das Rote Kreuz, so daß damals schon 1948 jede Familie versorgt worden ist, daß jeder Gefangene so viel Geld auf der Kasse hatte, daß er jede Woche einen Brief schreiben konnte, daß die Angehörigen wenigstens einmal im Jahre kommen konnten.

Dann sind uns auch die Amerikaner entgegengekommen und haben erlaubt, daß die Besuchsstunden von zwei Stunden im Monat zusammengelegt werden dürfen für einen einmaligen Besuch im Jahr, so daß es also 24 Stunden gewesen sind; und da ist auch mit Verhandlungen, die wir betrieben haben, erreicht worden, daß der Bund für die Eltern oder die Frauen sogar 22 Mark Pflegegeld für ein Kind beigesteuert hat. Und die Landsberger Bürger waren so nett und anständig, daß die Wirte die Besucher unentgeltlich aufgenommen haben und immer für sie gesorgt haben. Es war freilich eine Riesenarbeit. Aber es ist einfach alles auf diese Weise gelungen, auch Rechtshilfe zu schaffen. Erst haben wir wieder gesammelt, damit sie Geld hatten für ihre Rechtsanwälte, und dann hat sich wieder Exzellenz Neuhäusler eingeschaltet und hat ein vom Caritasverband bezahltes Rechtsbüro aufgemacht, ein Rechtsbüro mit Anwälten von München. Dort ist alles zusammengelaufen, die Gesuche konnten dorthin gegeben werden, dort konnte alles bearbeitet werden. Da ist so viel Großes und Gutes geschehen auf diese Weise, verstehen Sie, sonst wäre das Elend über uns zusammengebrochen, zusammengeschlagen.

Es ging mir eben darum, wie ich Ihnen gesagt habe, es sind einfach deutsche Männer, und es sind unsere Brüder. Und da habe ich den Schwindel getrieben, um diesen Familien zu helfen. Das darf ich Ihnen schon erzählen. Ich kann nimmer gestraft werden dafür, und eine Sünde war’s auch nicht.

Die Amerikaner haben den Gefangenen keinen Arbeitslohn gegeben. Aber ich bin hinter etwas gekommen, und zwar hat jeder Gefangene jede Woche zwei Päckchen Tabak und zwei oder ein Stück Seife bekommen; da haben sie’s so getrieben: am Samstag die Sachen ausgegeben, am Montag durfte aber jeder nur ein Päckchen Tabak und ein Stück Seife haben, so daß das, was mehr vorhanden war, eingesammelt worden, also abgenommen worden ist. Da bin ich dahintergekommen, daß der Captain mit seinem Sergeanten, das waren solche Gangsternaturen, das Zeug verschachert haben, nämlich Tabak und Seife, ja sogar die Zivilkleider; jetzt bin ich draufgekommen, wo sie es gemacht haben, das ist mir bestätigt worden, daß es wahr ist. Da habe ich mir gedacht, wenn ihr so schlimm seid, dann erlaube ich mir auch folgendes: Die Gefangenen haben mich gebeten, Tabak und Seife mit hinauszunehmen und an die Angehörigen wegzuschicken, damit die Angehörigen die Sachen schwarz wieder verkaufen können, um auf diese Weise etwas Geld zu bekommen, um ihr Leben fristen zu können.

Ich hatte nur das Glück gehabt, daß ich nie visitiert worden bin. Meine Taschen waren nämlich bis in die Hosen hinein vollgesteckt mit Tabakpäckchen und Seifenstückchen, und das zweite Glück war, daß die Landsberger Postbeamten so anständig gewesen sind und nie etwas gemeldet haben, obwohl auch sie kontrolliert worden sind. Damit ist es uns gelungen, den Angehörigen der Gefangenen über die größte Not hinwegzuhelfen, bis dann später Unterstützungen durch die Caritasverbände möglich waren.

Es war also nach Meinung der Amerikaner, was wir taten, weil es Vorschrift war, nichts hinaus- und nichts hereinzutragen. Ich hab‘ nämlich auch viel hereingetragen, so auch für die ersten Todeskandidaten aus den Dachauer Prozessen. Damals 1945/46 war die Verpflegung sehr schlecht, das wissen wir alle noch, und die Gefangenen sollten auch nichts bekommen. Da sind die Frauen von diesen Dachauer Männern zur Sprechstunde zu mir ins Haus gekommen, gewöhnlich am Donnerstag, und haben Brot und Würste gebracht; ich habe dann diese Gaben zur Aufteilung zerschnitten und – sogar im Sommer mit Mantel angetan – bin damit vollbepackt in die Anstalt gegangen und habe sie von Zelle zu Zelle verteilt: ich mußte natürlich aufpassen, daß der Posten, der ja immer auf- und abgegangenen ist, grad vorbei war, und ich konnte dann nacheinander eine Handvoll Gaben hineinreichen. So haben wir uns einfach durchmogeln müssen.

Aber es ist gegangen, ich muß sagen, ich habe dabei einen guten Schutzengel gehabt, wirklich wahr. Und später sind dann Polen als Wachmannschaften gekommen, die überhaupt anständig gewesen sind; die haben nach Vorschrift eine mitgeführte Mappe oder Handtasche kontrolliert, aber nie den Mantel visitiert. Ich habe einfach in diesen Unternehmungen Glück gehabt, weil ich von Anfang an den Amerikanern nicht getraut und mich darauf eingestellt habe. Es galten nämlich folgende Vorschriften: das Büro muß offen sein, jeder Schrank muß unverschlossen sein, ebenso jedes Schubfach; da habe ich mir gedacht, die wollen kontrollieren. Und da habe ich eben alles in meiner Wohnung bearbeitet. Und dabei hat mir wieder Exzellenz Neuhäusler geholfen, indem er mir eine bezahlte Sekretärin als Mitarbeiterin zur Verfügung stellte; dadurch war es möglich gewesen, daß ich alles daheim bearbeitete und alles heraus- und weitergebracht habe.

Bei meinen evangelischen Brüdern – während der ganzen Zeit waren nacheinander vier evangelische Pfarrer in der Anstalt gewesen – ging vieles schief, sie sind nacheinander rausgeworfen worden. Warum? Weil sie unklug waren und ihre Sachen im Büro in der Anstalt geschrieben und liegengelassen haben. Sie sind also von den Amerikanern gefunden und kontrolliert worden. Sogar Mikrophone waren von den Amerikanern in die Bürowände eingebaut worden. Das dadurch Wahrgenommene haben sie dann in Amerika rausgebracht. Eines Tages hat mich der Captain gefragt: ‚Herr Pfarrer, Sie haben ja jetzt zwei Büros, warum denn?‘ Ich antwortete: ‚Ja, ich habe zwei Büros, hier eins und in meiner Wohnung eins, das eine ist amerikanisches Gebiet, das andere deutsches Gebiet. Ich bin also zugleich Anstaltspfarrer hier und in der Strafanstalt Schörging und der Frauenanstalt Rothenfeld, die beiden letzteren sind außerhalb. Wenn ich die Sachen von den verschiedenen Anstalten bearbeite, muß ich, da ich ja nichts mit hinausnehmen darf und zum Teil geheime Sachen dabei sind, vor allem auch Gewissenssachen, ein zweites Büro haben.‘ Darauf gab er mir zur Antwort: ‚0kay‘.

So war es mir eben möglich, alles hinauszubringen, zum Beispiel das ganze über Malmedy gesammelte Material. In Malmedy waren von 72 Verurteilten 43 zum Tode verurteilt worden; als diese 1947 hierher gebracht worden waren, haben sie mir erklärt: ‚Wir sind unschuldig. Wir sind mißhandelt worden. Man hat uns die Zugeständnisse abgepreßt.‘ Ich erzähle Ihnen nachher noch weiteres.

Ich habe alles, was sie mir gegeben haben, gesammelt und im Oktober 1947 seiner Eminenz, dem Herrn Kardinal, gebracht, der mich sehr lieb empfangen und zu mir gesagt hat: ‚Ich kann wenig mit diesem Material anfangen, gehen Sie doch lieber zu Exzellenz Neuhäusler.‘ Als ich bei Neuhäusler war, sagte derselbe zu mir: ‚Das kommt mir gerade recht, daß Sie das bringen, es sind gerade Senatoren aus Amerika da, mit denen kann ich das besprechen und ihnen mitgeben.‘

Und das war der Anfang dazu gewesen, denn daran anschließend war die Rettungsaktion zusammen mit dem amerikanischen Oberst Everett in Gang gebracht worden, der die Verteidigung in Dachau geführt hat. Die 43 zum Tode Verurteilten konnten gerettet werden, es ist kein einziger gehenkt worden, alle sind sie herausgekommen und alle sind heute wieder in guten Stellungen, die Waffen-SS-Männer, auch Peiper ist frei geworden.

Es wäre nicht möglich gewesen, diese Männer zu retten, wenn ich mein Büro drinnen gehabt hätte und die Sachen drüben hätte bearbeiten müssen. So habe ich diese wichtigen Sachen einfach trotz Verbot herausgetragen und daheim bearbeitet. Man mußte eben klug und schlau sein, und ich habe mir gedacht, wenn ihr Amerikaner schlau sein wollt, dann bin ich noch schlauer als ihr. Ich laß mich von euch nicht einfach düpieren. Das sind unsere Männer, das sind unsere Deutschen und meine Brüder, deshalb bin ich für sie da, nicht für euch Amerikaner. Noch dazu, nachdem ich eben dahintergekommen bin, nicht wahr, wie die Schuldfrage eigentlich steht. Es ist doch eine interessante Frage, waren sie schuldig?

Dazu habe ich ein Dokument – ich habe viele solcher Sachen -, das vom Österreichischen Forschungsinstitut für Wirtschaft und Politik; dasselbe hat am 4. Februar 1949 festgestellt, daß die Rechtsanwälte, die ja spät Einblick bekommen haben, nämlich erst nach den Urteilen, der Ansicht sind, daß ein Fünftel der Verurteilten juristisch vollkommen unschuldig gewesen sind. Im moralischen Schuldsinne, sagen sie, noch viel mehr.

Will man die Grundzahl 300 anlegen – 300 sind am Galgen gestorben – dann sind also 60 Gehenkte unschuldig gestorben. Und wenn man diese Rechnung auf die ganze Zahl erweitert, was ergibt sich dann? Captain Wilson, der mich immer weghaben wollte – was ihm aber nicht gelang, weil das Ministerium mein Bleiben durchsetzte, indem es erklärte, der bleibt -, mußte selbst gehen. Dessen Nachfolger, der Oberst Graham, hat, als einmal der Seelsorger vom Gefängnis in Augsburg, ein Dominikanerpater, zu ihm mit der Bitte kam, die Landsberger Anstalt besichtigen zu dürfen, denselben mit den Worten empfangen: ‚Vater, in meinem Hause sind viele Gentlemen.‘  Der Pater durfte freizügig alles besichtigen.

Bezüglich der Schuldfrage kann man fragen, wie haben denn die Gefangenen all das überhaupt aufgenommen? Wie war die Stimmung? Überlegen Sie, was wir durch kulturelle Betreuung erreicht haben! Wir haben eine Musikkapelle, einen Gesangschor gebildet, wir haben Volkshochschulkurse gehalten, wir haben die Leute in verschiedenen Betrieben als Lehrlinge ausbilden lassen, sie haben ihre Gesellenprüfung, ihre Meisterprüfung machen können und so weiter. . . Es wurden Vorträge allerlei Art gehalten und so fort.

Neben dem, was man versucht hat, um die seelische Verfassung, die Stimmung zu heben, waren die Gefangenen einfach auf das Bemühen um die Freilassung eingestellt. Es hat sich im Laufe der Zeit – die Leute haben doch zum Teil die Prozesse selbst durchgestanden oder auch die Betroffenen gekannt — eine Art Psychose gebildet, so daß sich jeder einfach gesagt hat: Ich bin unschuldig. Das hat natürlich nicht in jedem Fall gestimmt.

Aber jeder war einfach unschuldig, nicht wahr, und jeder hat sich selbstverständlich mit Recht um seine baldige Freilassung bemüht, besonders, wenn er sein Todesurteil oder das Urteil auf lebenslänglich gehabt hat. Dann waren sie bedrückt von der Sorge um ihre Familie. Das kann man freilich verstehen. Daneben drückte die Sorge um ihre eigene Zukunft: Was wird mit uns werden, wenn wir 10 Jahre oder gar 20 Jahre da sitzen müssen? Es war einmal sogar das Gerücht aufgetaucht, daß sie vielleicht noch nach Amerika gebracht werden. Was wird dann sein? Selbstverständlich hat jeder versucht, im Hause möglichst viel für sich herauszuschlagen, daß es ihm möglichst gut geht, also daß er Zigaretten bekommt, nicht wahr, daß er Pakete bekommt und so weiter. Ich hab’s keinem Gefangenen je übelgenommen, wenn er versucht hat, etwas für sich zu erreichen. Man muß selbst der Freiheit beraubt sein, dann spürt man erst, was das bedeutet, nicht wahr. Aber – mit dem mußte man fertig werden, vor allem mit der Schuldfrage. Wie kam es überhaupt dazu, daß sich diese Idee, die Psychose, wir sind unschuldig, gebildet hat?

Ich habe Ihnen schon angedeutet, daß die Dachauer Prozesse die Hauptschuld daran tragen, daß tatsächlich an diesen Männern viele Verbrechen geschehen sind, daß ein guter Teil von diesen Männern nicht schuldig war im Sinne der Anklage. Denn allein das, daß er bei der Partei gewesen ist, das ist doch kein Verbrechen, kann international nie als ein Verbrechen betrachtet werden. Das allein, daß er einen Befehl ausgeführt hat, kann ebenfalls nicht als Verbrechen betrachtet werden.

Ich habe einen Artikel von einer Zeitung in Salzburg bekommen, und zwar von der Friedensorganisation in Salzburg. Sie stellt darin das ’neue Recht von Nürnberg‘ jetzt neben Vietnam. Und die sagen mit Recht: Wenn man jetzt die Vorfälle in Vietnam nach diesem Recht beurteilen würde, das damals geschaffen worden ist, dann haben die Vietcong recht, wenn sie jeden Flieger aufhängen, denn Amerika steht ja mit den Vietcong nicht einmal im Kriegszustand. Mit welchem Recht machen sie das alles? Das ist doch sehr interessant. Und ein Untersuchungsagent, ein gewisser Leo Pullada, der in Dachau viel gewirkt hat, hebt das hervor, indem er sagt: ‚Wenn das einmal angewendet wird, was in Dachau geschehen ist, was wird dann mit uns geschehen?‘ Das ist es.

Man hat ein Recht schaffen wollen für die ganze Welt und hat ein Recht geschaffen nur für Deutschland, und das ist die grundlegende Ungerechtigkeit, die nicht aufhören wird.

Es steht auch immer noch die Frage offen: Warum nur in Deutschland heute noch Verfolgung von Kriegsverbrechen? Warum dort drüben kein einziger? Seht, das ist ‚Recht‘. Und wie es in Dachau zugegangen ist, haben die Leute erlebt.

Ich möchte dazu noch folgendes bemerken: Ich führe drei Zeugen an, große aus Dachau selber. Da ist Leo Pullada, der in Dachau teilweise Verteidiger und teilweise Ankläger war, da ist ein gewisser Herr Posern, der ehedem Häftling in Mauthausen und später Helfer für einen Untersuchungsagenten in Dachau war, und da ist drittens der ehemalige deutsche Staatsanwalt Dr. Leis – jetzt nenne ich seinen Namen öffentlich, weil Bischof Neuhäusler ihn auch schon genannt hat, wobei festgestellt worden ist, daß sich Dr. Leis dazu hergegeben hat, als Untersuchungsagent in Dachau mitzuhelfen. Und die drei Genannten bestätigen das gleiche:

Das Militärgericht in Dachau hatte zum Vorsitzenden einen Offizier, welcher keine juristischen Kenntnisse gehabt hat. Unter den Beisitzern war einer, der ein wenig juristische Kenntnisse gehabt hat. Und alle anderen, die Ankläger, deren es viele waren, – das schreibt Pullada, der als unparteiisch gelten kann – hat man damals 39er genannt, weil sie 1939 ausgewandert sind; und jetzt schreibt er, sie sind als Racheengel mit der Armee von Amerika gekommen, um hier als Ankläger und Agenten tätig zu sein. Und er schreibt mit Recht: Man hat den Eindruck – ein gewisser Denissen war einer der Schlimmsten -, als hätte man alles darauf abgesehen gehabt, möglichst viele für den Galgen verurteilen zu können.

Und er hebt noch hervor – ich erwähne die markanten Punkte – : Man hat nach Hörensagen geurteilt. Es hat genügt, wenn ein Zeuge gesagt hat, er hat das gehört. Meine Herrschaften, Kogon hat auch nur gehört und hat so über den ‚SS-Staat‘ geschrieben, was er nur gehört hat. Ich weiß das von einem, der mit ihm im Lager war, und zwar ist es einer jener Leutnants, die damals, 1933 glaube ich war’s, weil sie als Angehörige der Kommunistischen Partei zu KZ verurteilt worden sind. Derselbe kam zufällig nach Landsberg. Er hat mir damals gesagt: Was Kogon sagt, ist nicht wahr, hat’s nicht erlebt. Kogon hat das auch später zum Teil wieder zurückgenommen.

Das steht auch in dem Büchlein: ‚Über Galgen wächst kein Gras‘. Also, einmal vom Hörensagen. Da hat alles als Dokument gegolten, als Beweis gegolten, ganz gleich, was es für ein Schriftstück war. Jedes Schriftstück jeglicher Art, schreibt er, war ein Beweismaterial. Es ist zugelassen worden.

Es ist unkontrolliert einfach alles als glaubwürdig angenommen worden, d. h. Erklärungen ohne Unterschrift, Schreibmaschinendurchschläge, kurzum Papiere, die nicht als dokumentarische Belege Geltung haben konnten. Dann ein zweites: Man hat in Dachau vormalige KZ-Häftlinge als Wachpersonen eingesetzt. Pullada schreibt dazu, daß dieser Sachverhalt zu einer Atmosphäre geführt hat, nicht wahr, die bedrückend war. Und Pullada schreibt weiter, daß eben viele, wie ich schon gesagt habe, unter entsprechendem Druck gehandelt haben, die als Untersuchungsbeamte durch Deutschland gezogen sind, nämlich ehemalige deutsche Emigranten, die als Racheengel mit den Amerikanern gekommen waren, die eben möglichst viel Material herbeibringen sollten, um möglichst viele anklagen zu können. Und er schreibt mit Recht, daß im Vorverfahren schon schwere Verbrechen begangen werden können, und bekanntlich ist doch das Vorverfahren ungeheuer wichtig für ein gerechtes Hauptverfahren.

Und dann befaßt er sich mit dem Fall Malmedy, den ich nachher noch etwas eingehender schildern will; er weist daraufhin, wie man durch Scheingerichtsverfahren und andere Manipulationen die Leute gezwungen hat – und zwar indem man ihnen gesagt hat, sie würden zum Tode verurteilt werden, und das Urteil würde sofort vollstreckt werden -vorbereitete Selbstbeschuldigungen zu unterschreiben. Ich darf dazu gleich einflechten, daß man diese Leute durch Mißhandlungen der verschiedensten Art dazu gebracht hat.

Das war der ‚Malmedy-Fall‘ gewesen: Bekanntlich war im Dezember 1944 der letzte große Angriff der deutschen Wehrmacht gewesen, und zwar auf der Linie von den Vogesen bis gegen Malmedy, wobei ein Durchbruch die Frontstellungen der Amerikaner aufgerissen hatte. Dieser Durchbruch war insonderheit Oberst Peiper mit seinen Männern gelungen, ich habe ihn und seine Männer, sehr charaktervolle Männer, sehr schätzen gelernt. Bei diesem Gefecht mit der Vorhut einer amerikanischen Panzereinheit waren 78 bis 80 Amerikaner gefangengenommen worden, die man in einem Wiesengrund als Gefangenengruppe zurückließ, um selbst weiter vorzurücken. Der Einheit Peipers wurde im Vorverfahren zum sog. ‚Malmedy-Fall‘ vorgeworfen, durch sie seien die amerikanischen Gefangenen massakriert worden. Die Peiper-Mannen berichten ganz anders, und zwar so, daß es auf dem Weitermarsch zu einem neuen Gefecht gekommen ist zwischen amerikanischen und deutschen Panzern und daß dabei auch Granaten in den Wiesengrund gelangt sind, durch welche die Leute der Gefangenengruppe umgekommen sind. Und was hat man aus diesem Vorgang gemacht? Zunächst hat man aus 78 zu Tode gekommenen Gefangenen 800 gemacht, indem man alles, was in diesem Bereich zu Schaden gekommen sein soll, der Einheit Peipers aufgehalst hat. Sie wurde beschuldigt, Frauen und Männer, Greise und Kinder umgebracht, gemordet zu haben; Gefangene an die Panzer gebunden und gerädert und zu Tode gedrückt zu haben, und so weiter und so weiter. Ich habe durch Gegenbeweise helfen können, indem ich in den betreffenden Ortschaften, d. h. den Pfarrämtern, brieflich Erkundigungen angestellt habe, wobei sich herausgestellt hat, daß überhaupt nicht ein einziger zur Last gelegter Fall vorgekommen ist.

Mr. Pullada beschreibt auch Scheinverfahren, die von den Untersuchungsbeauftragten angewandt worden sind. So hat man zum Beispiel einen Angeklagten in ein Zimmer hineingeführt, wo ein schwarzgedeckter Tisch mit Kruzifix und brennenden Kerzen stand und an welchem ein umformierter Anklagevertreter oder Untersuchungsagent Platz genommen hatte. Derselbe hat dann zu dem Mann der Peiper-Einheit etwa folgendes gesagt: ‚ Wenn Sie dem katholischen Geistlichen jetzt beichten, was Sie getan haben, dann werden Sie nicht zum Tode verurteilt.‘ Oder man hat einen anderen hinausgeführt an eine Grube, wo mit Maschinenpistolen bewaffnete Posten standen. Dort habe man dem Gefangenen erklärt, er werde frei, wenn er jetzt die Vorhaltungen gesteht. Er hat’s natürlich nicht gestanden, weil es ja nicht zutraf. Man hat denselben zwei Tage darauf wieder hingeführt und zu ihm gesagt, man habe Frau und Kind verhaftet, die man erschießen werde, wenn er’s nicht gesteht. Wieder einen anderen hat man dreimal zum Aufhängen fertig gemacht, indem man ihm die Kapuze über den Kopf gestülpt, durch den Gang hinaus und eine Treppe hinaufgeführt und schließlich eine Schlinge um den Hals und dieselbe leicht angezogen hat. In dieser Situation hat man ihn wieder gefragt, ob er es jetzt gestehe, worauf jedesmal mit ‚Nein‘ geantwortet worden ist. Wie schon gesagt, so hat man es dreimal nacheinander gemacht, um den Gefolterten zu einem erwarteten Geständnis zu bringen.

Als leichtere Fälle beschreibt Mr. Pullada solche wie beispielsweise das Spießrutenlaufen lassen, wobei man die Geplagten mit Schlägen und Tritten gemaßregelt hat. So hat man auch einem Mann, der bei der OT in Landsberg war, die Hoden zertreten. Er lebt heute noch unter uns. Ein andermal hat man Leute in eine kleine, mittels Heißluft überhitzte Zelle eingewiesen und ihnen noch dazu keinen Tropfen Wasser gegeben; anschließend hat man sie dann mit kaltem Wasser übergossen. Oder man hat Gefangene urinieren lassen und den Urin auf schlecken lassen. Ein andermal wieder mußten sie den Amerikanern die Stiefel abschlecken und so weiter.

Sehen Sie, die Kenntnis von diesen Schikanen ist durch Neuhäusler und Wurm an den Obersten Gerichtshof in Amerika gelangt, der seine Entscheidungen als Empfehlungen an den amerikanischen Hochkommissar McCIoy und den Oberkommandierenden der amerikanischen Besatzungstruppen in Deutschland, General Handy, weitergab.

Mit dem Abstimmungsergebnis des Obersten Gerichtshofes war festgestellt worden, daß die Urteile nicht zu Recht bestehen, allerdings war aber auch den Angeklagten jegliches Rechtsmittel entzogen worden, weil sich dies nach einem Entscheid des Obersten Gerichtshofes in Amerika so ergibt. Dafür ist es gelungen, daß der amerikanische Kriegsminister Forrestal auf Empfehlung des Obersten Kriegsgerichtsrates unter dem Vorsitz des Richters Simpson die Vollstreckung der Todesurteile einer neuen Erwägung unterzog.

Er hat dann im Juli 1948 den Vollstreckungsstopp veranlaßt, wobei es sich um 139 Todesurteile gehandelt hat. Der beauftragte zweite Richter hat davon aufgrund der Eingaben von verschiedenen Stellen und Persönlichkeiten sofort 29 Todesurteile kassiert, die restlichen 110 Urteile sollten noch einmal eingehend überprüft werden. Die Verurteilten sind jedoch, wie ich schon berichtet habe, ab Oktober 1948 nach Zustimmung vom Hochkommissar McCIoy und General Handy trotz allseitiger Proteste in kurzer Zeit gehenkt worden.

Und Mr. Pullada schreibt weiter: ‚Ich kam auch in Dachau in die sogenannte Bühnenschau bzw. Modenschau, wo die von der Anklage ausgesuchten Häftlinge im verdunkelten Saal und bei gezieltem Scheinwerferlicht auf der Bühne vorgestellt wurden, wobei ihnen ein Schild mit einer Nummer umgehängt worden war. Unten im Saal saßen die Zeugen, die man die 39er nannte, die dann gegen die Vorgeführten die gewünschten Belastungen vorbrachten, welche man ihnen vorgesagt hatte.‘ Und Pullada beschreibt das noch näher: ‚Man hat die Zeugen ermuntert, ihren angeblichen Peinigern ein wenig von dem zu vergelten, was man Ihnen angetan hätte. Es wurden also die Verdächtigten den gemachten Beschuldigern vorgestellt, und zwar jeweils einer, wobei der Untersuchungsbeamte das Klima mit Beschimpfungen anheizte; es ist auch vorgekommen, daß er den Geschmähten anspuckte.‘ — ‚Es brauchte dann nur gesagt werden, der da ist derjenige, welcher das und das getan hat. Diese Aussage genügte zum Urteil: Tod durch Strang!

Mir hat ein Betroffener folgende Begebenheit erzählt, die bei seiner Zurschaustellung passiert ist: ‚ Während ich auf die Bühne geführt worden bin, war das Licht im Saal noch eingeschaltet, so daß ich die unten sitzenden Zeugen anschauen konnte. Mit Beginn der Vorstellung ging das Licht aus und der Scheinwerfer auf mich an. Sodann ist der Zeuge aufgerufen worden, der mich zu belasten hatte. Seine Aussage lautete: ‚Der ist es, der meinen Bruder im Lager erschlagen hat.‘

Darauf hat der Beschuldigte darum gebeten, man möge Licht machen, was auch ohne Zögern gewährt wurde und was in dieser heiklen Situation ein Glücksfall war. Er nahm sich also ein Herz und sagte: ‚Herr Vorsitzender, sehen Sie bitte dorthin! Den ich erschlagen haben soll, der sitzt dort auf dem Stuhl. ‚Sogleich reagierte der Anklagevertreter dem anderen Zeugen zugewandt in scharfem Ton: ‚Du Schwein, jetzt hast Du mich um 40 Dollar gebracht.‘

Das war nämlich das zweite Unheimliche bei den Voruntersuchungen beim Gerichtsverfahren in Dachau, die ja wirklich keine Untersuchungen gewesen sind: Es hat sog. Scheinzeugen gegeben, die überhaupt nichts gewußt haben, denen man aufgegeben hat: das und das müßt ihr aussagen. Diese Leute hat man aus den DP-Lagern herbeigeholt und zu Falschaussagen angelernt. Sie sind im Lager verpflegt und bezahlt worden, und zwar monatelang, sie durften ihre Frauen bzw. ihre Freundinnen mitbringen, und sie bekamen Zigaretten noch und noch, mit denen sie auf dem Schwarzen Markt ein blühendes Geschäft betreiben konnten. Sogar mit den roten Eintrittsscheinen, die ihnen die Berechtigung eingeräumt haben, als Zeugen im Dachauer Gerichtsverfahren aufzutreten, haben sie auf dem Markt in München einen einträglichen Handel getrieben. Nach den Angaben des Mr. Pullada sind Preise bis zu 800 Mark erzielt worden. Und der genannte Berichter führt weiter an: Die auf diesem Wege neu gewonnenen ‚Zeugen‘, die ja rechtlich und moralisch gar keine Zeugen sein konnten, denn sie waren nie in einem KZ-Lager und haben somit auch selbst keine Erlebnisse dieser Art gehabt, haben die Reihen der berufsmäßigen Lügner und Schwindler noch erweitert. Man hat diesen Leuten, die zumeist der deutschen Sprache nicht mächtig waren, einfach erklärt: ‚Du mußt das und das aussagen. Du mußt sagen, der da hat von meinen Kameraden den und den erschossen. Du darfst nicht sagen, er hat geschossen, du mußt sagen erschossen.‘ Posern erwähnt in seinem Bericht, daß einer der Berufszeugen 80mal als verbrecherischer Märchenerzähler im Dachauer Gerichtsverfahren aufgetreten ist. Entlastungszeugen hat es damals nicht gegeben, weil, wie es geheißen hat, keine aufzufinden gewesen sind. Auch deutsche Verteidiger waren seinerzeit nicht zugelassen. Und so sind die Todesurteile und Urteile zu lebenslänglich entstanden.

Ich könnte Ihnen darüber manche Fälle erzählen, die wirklich vorgekommen sind, ich beschränke mich aber jetzt nur auf den Fall Frau Dr. Flockens, die selbst nicht bei der Partei gewesen ist. Ihr Mann war Mitarbeiter des Reichsministers Dr.-Ing. Todt, mit welchem er bei einem Flugzeugunglück im Jahre 1942 umgekommen ist. Frau Dr. Flockens war als Ärztin zur OT in Mühldorf dienstverpflichtet gewesen und war als solche auch für Bauten in einem Nebenlager von Dachau eingesetzt. Das mit Häftlingen belegte Lager zu betreten, war Frau Dr. Flockens verboten. Eines Tages zu Anfang des Jahres 1945 war sie auf Bitten des Sergeanten des Nebenlagers doch ins Revier gekommen, ‚ weil kein Arzt von Dachau mehr herauskam‘. Er habe viele Kranke und vermute, daß es sich um Fleckfieber handele. Frau Dr. Flockens folgte ihrem ärztlichen Gewissen und kümmerte sich um die Kranken. Sie hat als erstes einen an Blinddarmentzündung erkrankten jüdischen Häftling auf ihr Risiko ins Mühldorfer Krankenhaus schaffen lassen. Und sie hat auch Fälle von Fleckfieber festgestellt und diesbezügliche Anordnungen getroffen. Zu diesem Zwecke hat sie dann aus dem Magazin des OT-Lagers Medikamente entnommen und dieselben in das Lager-Revier geschickt.

Das zweite Mal, da sie gebeten worden ist, und zwar von einem Arzt des Lagers Dachau, dienstbar im Lager zu werden, ist ihr der ärztliche Dienst zum Verhängnis geworden. Es sind ihr nämlich später nach dem Kriege die Todesfälle im Lager zum Teil angelastet worden. Man hat sie auch beschuldigt, dabeigewesen zu sein, als der Arzt Schmidt Häftlinge vom Lager Dachau zum Verbrennen ausgesucht habe. Frau Dr. Flockens ist aufgrund dieser unzutreffenden Anschuldigung damals zum Tode verurteilt worden. Nach zwei Jahren Ringens um die Durchsetzung der Wahrheit ist es gelungen, die Todesstrafe zunächst in lebenslängliche Strafe umzuwandeln und erst 1958 für sie die Freiheit zu erwirken. Zu diesem Zeitpunkt war sie seelisch vollkommen kaputt. Die Eltern — ihr Vater war auch Arzt gewesen — waren zwischenzeitlich gestorben, sie stand also als endlich Entlassene allein.

Im Laufe der nächsten Jahre hat sie allmählich wieder Boden unter die Füße bekommen, indem sie sich als Aushilfsärztin betätigt hat. Zuletzt hat sie auch mit einem Antrag auf Rente Erfolg gehabt. Ich habe vor wenigen Tagen die Akte in Händen gehabt, worin ihre Unschuld nachgewiesen worden war. Man kann darin nachlesen und nacherleben, welche Stationen zu durchlaufen waren. Das deutsche Gericht hat nach Durchsicht der Akte die VVN in München um Auskunft angeschrieben und mittels öffentlicher Erhebungen in deutschen und österreichischen Zeitungen feststellen lassen, ob irgend jemand etwas gegen Frau Dr. Flockens vorbringen kann und will. Es war aber nichts Belastendes gegen sie aufzubieten gewesen.

Doch damit war der Fall Frau Dr. Flockens noch nicht abgeschlossen, er wird am Ende noch tragisch. Sie hätte jetzt in einer Göttinger Klinik eine Stelle als Oberärztin bekommen, wenn sich nicht bei ihr ein Befall von Rückenmarkkrebs gezeigt hätte. Sie ist daran am 4. April 1967 gestorben. Und nun zum Anschluß des ‚Falles Frau Dr. Flockens‘ noch die ungeheure und auch unfaßliche Gemeinheit, möchte ich sagen, was nach ihrem Tode noch passieren konnte: 14 Tage darauf werde ich von der Polizei angerufen und erhalte die Mitteilung, daß Frau Dr. Flockens von einem deutschen Gericht gesucht wird, weil gegen sie Anschuldigungen wegen Kriegsverbrechen gemacht würden. So stur arbeiten die Gerichte.

Zum obigen Bericht über die ‚Berufszeugen‘ will ich noch ergänzend folgende Einzelschilderung nachtragen: Wir haben bis 1958 in Landsberg einen jungen Burschen gehabt. Als er zur Entlassung kam, haben wir versucht, ihm weiterzuhelfen, indem wir ihm nacheinander verschiedene Stellungen verschafft haben, so zum Beispiel beim Caritasverband. Er hat aber nirgends gut getan. Nachdem er einige Zeit verschwunden gewesen ist, tauchte er plötzlich wieder auf, wenn ihm das Geld ausgegangen war. Er hat es verstanden, sogar vom Roten Kreuz Unterstützung zu erlangen. Als ich heuer beim Caritasverband in Augsburg war, erzähle mir der Fürsorger, daß der gemeinsam bekannte junge Mann wieder einmal dagewesen sei und daß er ihn gefragt habe, wovon er jetzt lebe. Die Antwort sei gewesen: ‚Arbeiten tu nix‘. Auf die nochmalige Frage, von was er dann lebe, antwortete er: ‚Ich gehe zu den Kriegsverbrecherprozessen, und da mache ich meine Aussagen, dafür bekomme ich freie Station und 40 Mk. pro Tag; ich bin zuletzt bei dem Prozeß von dem . . . (er nannte einen Namen, auf welchen sich der Fürsorger nicht mehr entsinnen konnte) und jetzt fahr‘ nach Frankfurt zu’m andern Prozeß.‘

Sehen Sie, so ist das bei den Prozessen gegangen, und daher kam es eben, daß von Dachau so viele gekommen sind, die zum Tode verurteilt worden waren. Und es ist hinterher so ungeheuer schwierig gewesen, noch irgendwie zu erreichen, daß die unschuldig Abgeurteilten frei geworden sind. Es war einfach ein furchtbares Schicksal.

Stellen Sie sich vor, wie das gewesen ist, als am 16. Dezember 1945 die ersten Todeskandidaten aus Dachau hier in der Landsberger Anstalt angekommen sind. Da noch keine Extrazellen für sie vorgerichtet waren, kamen sie in alte Arrestzellen, die später einzelne Todeszellen geworden sind; es waren jeweils 5 bis 6 Mann hineingepfercht, die auf Stroh liegen mußten. Vor der Zelle war ständig ein Wachtposten gestanden.

Mitte Januar 1946 sind sie ins Haus verlegt worden, und zwar ein jeder in eine eigene Zelle, die, wie ich schon eingangs berichtet habe, fast nachtdunkel gewesen sind, da die Fenster mit Brettern zugenagelt waren. Nur das kleine Türlein, durch welches das Essen hineingereicht wird, bot eine spärliche Lichtquelle. Der Todeskandidat war vollkommen abgesondert, er durfte nicht arbeiten, an Bewegung gönnte man ihm nur 5 Minuten Freiübungen auf dem Gang vor der Zelle. Er hätte zwar lesen dürfen, es reichten aber die kaum als Lichtquelle zu nennenden schwachen Strahlen durch das erwähnte Essendurchgabe-Türlein zum normalen Lesen nicht annähernd aus.

Die ersterwähnten aus Dachau eingelieferten Todeskandidaten waren bis Mai 1947 da; von denselben sind einmal an einem Tage 29 Mann gehenkt worden. Ich habe damals dem Lagerleiter von Dachau namens Weis, für welchen sich auch Neuhäusler eingesetzt hat und der von allen Seiten als anständiger Mensch geschildert worden ist, der aber trotzdem zum Tode verurteilt und hingerichtet worden ist, die Frage gestellt: ‚Ist das wahr, was man im Rundfunk über im Lager Dachau begangene Verbrechen zu hören bekommt? Sind die wirklich geschehen?‘ Darauf hat mir der einstmalige Lagerleiter Weis diese Antwort gegeben: ‚Solche Verbrechen sind geschehen. Aber von denen, die heute hingerichtet werden, sind nicht alle schuldig, nur ein Teil. Ich hatte mich bemüht, Verbrechen, wie sie begangen worden sind, abzustellen, es war aber einfach unmöglich, überall nach dem Rechten zu schauen, weil ich so viele Lager unter mir gehabt habe. Ich übernehme aber dafür die Verantwortung und sterbe heute.‘

Die Todeskandidaten waren, wie schon erwähnt, in den oberen Zellen untergebracht, die mit einem D bezeichnet waren, was Death = Tod bedeutete. Als Kleidung trugen die Todeskandidaten eine schwarze Hose und eine weinrote Jacke, weshalb sie die ‚Rotjacken‘ genannt worden sind. Sie sind ständig von auf und ab gehenden Posten bewacht worden. Auch als Seelsorger durfte ich nicht in die Zellen hinein. Als ich mich bemüht habe, wenigstens zu Ostern zu jedem einzelnen gehen zu dürfen, damit sie die Osterbeichte ablegen könnten, ist mir das mit der Einschränkung genehmigt worden, daß die Zellentür offen sein muß und der Posten in der Türöffnung stehen kann. Es war unwürdig und unmöglich, meines Amtes richtig walten zu können. Auch zur Vorbereitung zum letzten Gang durften wir Seelsorger nicht in die Zelle hinein. Auch am Gottesdienst konnten sie nicht teilnehmen, weil sie nicht in die Kirche gehen durften. So fand ich eines Tages folgende Lösung: Ich baute im Korridor eines Flügels — ein Flügel hat vier Stockwerke – einen Altar auf, wo ich eine Messe lesen konnte. Hinter mir, in dem noch deutschen Bereich, stand ein Chor, der dazu sang; da die Gefangenen nicht ihre Zellen verlassen durften, konnte ich eben nur die Wände ansprechen. Ich habe kein Gesicht gesehen, nur Wände und Zellentüren. Ich mußte auch, wenn ich das Sakrament verteilte, durch alle Stockwerke von einer Zelle zur anderen gehen und durch die kleinen Öffnungen das Allerheiligste reichen – auch noch jenem Teil der Dachauer, wie zum Beispiel an Weis, für den und die in den Todeszellen kein Platz mehr war, weil nur acht Todeszellen vorhanden waren.

Ich habe erst 1948 erreicht, daß auch für diese Leute und das waren damals viele – Gottesdienst in der Kapelle sein durfte. Und das hatte ich wieder durch Anwendung eines Tricks erreicht. Der Captain hat mich eines Tages gebeten, ich möge ihm eine Empfehlung an den Papst mitgeben, denn er wollte nach Rom reisen und den Papst besuchen. Ich erwiderte ihm darauf: ‚Das wird sehr schwer gehen . . . Das muß . . . das müssen Sie . . . usw.‘ – ‚Na gut.‘, sagte ich. Wir haben halt dann eine Adresse an den damaligen Staatssekretär Montini, den jetzigen Heiligen Vater, aufgesetzt. Damit haben wir erreicht, daß der Captain mit seiner Familie — es waren 5 Personen — eine Privataudienz beim Papst bekommen hat.

Als er nach Ostern von seiner Romreise zurückgekehrt war, hat er voller Stolz alles in die Kapelle zusammengerufen und danach feierlich verkündet, daß er beim Papst war und Audienz gehabt hat usw. und daß der ihm ein Paket für die Gefangenen mitgegeben hat, auch ein Bildchen von ihm selber, auch Rosenkränze für die Gefangenen und für den Pfarrer Morgenschweis das Recht, den päpstlichen Segen zu erteilen.

Da kam mir der Gedanke: Wenn du das hast machen können, so habe ich dich nun in der Hand. Ich ging also am nächsten Tag zu ihm und sagte: ‚Captain! Gestern waren wir doch alle in der Kirche, auch die Todeskandidaten.‘ Darauf er: ‚Ja.‘ Ich führte das Gespräch weiter und fragte ihn:, Ist’s gut gegangen?‘ Er erwiderte: ‚Ja.‘ Ich fragte weiter: ‚Ist was vorgekommen?‘ Seine Antwort war: ‚Nein.‘ Dann kam meine letzte gewichtige Frage: ‚Können wir das nicht jetzt auch so machen, daß am Sonntag die Zeitgestraften in die Kirche gehen und am Montagabend die Todeskandidaten?‘ – Mit seinem ‚0kay‘ hatte ich das Angestrebte erreicht: Allesamt haben von da ab einen Tag, eine Stunde gehabt, da sie sich vor dem Herrgott frei fühlen konnten.

Aber in die Zellen durfte ich weiterhin noch nicht hinein. Erst zu den letzten sieben, als man keine Gefahr mehr vermutet hat, als nicht mehr befürchtet worden ist, daß etwas passieren könnte usw., durfte ich auch in die Zellen gehen, zu Pohl und zu den anderen. Man mußte einfach den Amerikanern alles nach und nach abringen, um den Gefangenen helfen zu können.

Später, als die große Gruppe der 110 zum Tode Verurteilten hingerichtet worden war, ist für die übrigen eine kleine Erleichterung gekommen: sie durften alle Tage eine Stunde lang im Hof umhergehen. Und wiederum später, als nur noch die letzten sieben da waren, ist denselben sogar erlaubt worden, etwas zu arbeiten. Da ist dann das Dasein ein wenig leichter geworden. Aber – wer konnte den Druck von ihnen nehmen? Stellen Sie sich vor, was die Wartezeit für die zum Tode Verurteilten an seelischer Belastung mit sich brachte! Die Ersten waren fast ein Jahr da, die zweite Gruppe über ein Jahr, die dritte zwei Jahre, bis entschieden war, wann die letzte Stunde schlagen sollte. Und bei den letzten sieben waren es gar über drei Jahre geworden! Die Zeitspanne vom l. Februar bis 5. auf den 6. Juni muß für diese Männer besonders aufregend und schwer gewesen sein.

Ich kann Ihnen erklären, was und wie damals alles um diese sieben gelaufen ist. Es waren zwei dabei, deren schon festgesetzte Exekution unmittelbar vor dem Termin gestoppt worden war; die anderen fünf waren aus einem Nürnberger Prozeß gekommen, es waren Pohl, Ohlendorf, Braune, Naumann und Blobel.

Die Verzögerungen der Vollstreckung waren nicht ursächlich den Amerikanern zuzuschreiben, sondern hingen mit der Art zusammen, wie in Amerika Einsprüche und Gnadengesuche behandelt werden. Pohl hatte einen amerikanischen Rechtsanwalt namens Frederick Will, der mit den amerikanischen Methoden vertraut gewesen ist. Derselbe war selbst schon zum Tode verurteilt und acht Tage darauf wieder frei geworden. Er wohnte damals in Landsberg, so daß ich oft zu Besprechungen bei ihm sein konnte. Mr. Will hat alles inszeniert: Im Februar mit der Aufhebung des Stopps die Freigabe zur Exekution. Will legte Berufung ein, die wieder abgelehnt wurde. Wills neue Berufung ging zur nächsten Instanz, sie wurde ebenfalls wieder abgelehnt. Wieder Berufung, und zwar zur höchsten Instanz, die wieder abgewiesen wurde. Nun ging die Sache unter Vorbringen kleiner Verfahrensmängel wieder an die erste Instanz zurück. Will hat geglaubt, es könne auf diese Weise gelingen, die sieben vor der Exekution zu bewahren, da sich mittlerweile in Deutschland, in Amerika und in der Welt die Stimmung gewandelt hatte, zumal im Jahre 1949 in Deutschland die Todesstrafe aufgehoben worden war. Zu dieser Zeit saßen im Zuchthaus in Straubing noch 60 zum Tode verurteilte Raubmörder, denen durch dieses Gesetz das Leben geschenkt worden war.

Für die sieben fand das Gesetz keine Anwendung, sie mußten sterben. Ich habe sie, soweit es während der schweren Jahre möglich war, betreut; es ist verständlich, daß ich mit ihnen selber und zumeist auch mit ihrer Familie Kontakt bekommen habe. Sie werden verstehen, daß es etwas ganz anderes ist, wenn aus dem Gefängnis in Straubing am Donnerstagabend ein Raubmörder gebracht und am Freitagvormittag erschossen wird, als wenn ich einen Mann vor mir habe, der drei Jahre unter demselben Dach wie ich gelebt hat, den ich durch und durch kennengelernt habe, den ich betreut und mit dessen Familie ich in Verbindung gestanden habe, und der dann unter ganz anderen Gesichtspunkten abgeurteilt worden ist und jetzt gehenkt werden soll.

Das ist etwas ganz anderes. Es sind da die seelischen Belastungen gewesen, die man mit dem Betroffenen durchzustehen hatte. Man halte sich vor Augen, was das war, was man miterleben mußte: einmal an einem Tage 29 Vollstreckungen, dann wieder eine Gruppe von sieben oder acht, dann die Todgeweihten aus dem Mauthausener Prozeß, zwei Tage hintereinander 25 Mann, dann vom 14. Oktober bis Anfang Dezember 1948 jede Woche zehn bis zwölf oder fünfzehn Mann!

Sie werden verstehen können, daß einen das allmählich seelisch und auch körperlich mitnimmt und daß man zufrieden sein muß, daß man es einigermaßen überstanden hat. Der Mann, der in der Ungewißheit lebt, ob er wirklich zum Galgen schreiten muß, hängt sich verständlicherweise an den Seelsorger, an den Geistlichen, den einzigen, der noch bei ihm sein kann. Frau und Kinder oder Brüder und Schwestern dürfen noch zu Besuch kommen — sie müssen aber vor seinem letzten Gang weggehen. Dann hat er niemanden mehr als den Seelsorger. Wie ein kleines Kind sich an den Rock der Mutter schmiegt, so hängen die Todgeweihten am Geistlichen.

Ich erinnere mich, wie es war, als man einem schon die Zwangsjacke hingelegt hatte, weil es den Anschein hatte, daß er sich wehren werde. Als ich vor der bevorstehenden Exekution zu ihm in die Zelle hineingegangen bin, sprach er mich an: ‚Herr Pfarrer, das ist ’ne Zwangsjacke. Die nehm‘ ich nicht. Davon dürfen Sie überzeugt sein.‘ (Er galt als ein rabiater Mann aus dem Lager Flossenbürg.) Und dann fragte er mich: ‚Gehen Sie mit mir?‘ Ich erwiderte ihm: ‚Ich gehe mit. Ich bin mit jedem gegangen, ich geh‘ auch mit Ihnen hinauf zum Galgen, obenhin.‘ — ‚Gut‘, hat er gesagt, ‚ich geh‘ mit, ich brauch‘ keine Zwangsjacke.‘

Das Bewußtsein, daß einer mitgeht und bis zum letzten Augenblick bei ihm ist, das hat ihm die seelische Kraft gegeben. Ich habe diese Erfahrung als Soldat im Ersten Weltkrieg gemacht. Ich war vom l. Oktober 1914 bis l. Februar 1919 als Infanterist Soldat. Von 1916 an war ich Offizier bei der bekannten Kampfdivision Neußler. Da habe ich die Erfahrung gemacht, daß einem in der Situation, einen Großkampf bestehen zu müssen, nichts mehr Kraft gibt als der Gedanke an das Kreuz, den Gekreuzigten, an Christus, der sich geopfert hat.

Und darum habe ich immer morgens angesichts der Todeszellen die Messe gelesen und dem Todgeweihten das Opfer gleichsam hineingebaut, und ich war überzeugt, daß das ihm die Kraft gegeben hat, tapfer mitzugehen. Es haben auch nur wenige versagt, wenn es soweit war. Das Bewußtsein, der Pfarrer ist bei mir, hat dem Verurteilten geholfen, das grausige Ende mannhaft durchstehen zu können.

Wenn die Entscheidung für die Exekution gefallen war, dann hieß es, der Stopp ist aufgehoben worden. Wir Seelsorger haben die Aufhebung des Stopps immer erst einen Tag vorher erfahren. Es kam dann der Befehl: Für morgen bereithalten! – Am nächsten Tag hieß es dann mitgehen in die Todeszelle. Dort wurde noch einmal das Urteil verlesen, der Todgeweihte ausgezogen und von einem Arzt untersucht, ob er nicht irgend etwas in Körperhöhlen versteckt haben könnte. Unterkleider durfte er nicht mehr anziehen, sondern nur noch die schwarze Hose und die rote Bluse. –

Es wird Sie auch interessieren, wie die Zelle eines Todeskandidaten ausgestattet war: Es befanden sich darin nur ein Tisch, „ein Stuhl, eine Holzpritsche mit einer Decke darauf, eine Waschschüssel und dazu ein Papierhandtuch. Als Fußbekleidung trug der Gefangene ein Paar Lederschuhe ohne Schnürsenkel, versteht sich. So saß er da drinnen, fast möchte man sagen wie in einem Tierkäfig, denn davor saßen die Posten. Zur letzten Betreuung habe ich durch das Eisengitter mit ihm gesprochen, denn hinein in die Zelle durfte ich auch in den letzten Stunden nicht. Ich habe es meistens so gemacht, daß ich erst nachher, wenn der Besuch von den Angehörigen beendet gewesen ist, angefangen habe, den Häftling noch seelsorgerisch zu betreuen.

Ich habe dabei erhebende Erlebnisse gehabt, die ich aber heute nicht erzählen will, die mich ergriffen und erschüttert haben. Ich bin überzeugt, daß es Ihnen ebenso erginge, wenn ich sie Ihnen erzählen würde.

Ich habe den Eindruck gewonnen, daß sehr viele unschuldig waren und daß sie sich innerlich so gewandelt haben, daß sie in Gottergebenheit gestorben sind, ja, daß ihr Tod nicht bloß eine Sühne war, sondern in vollkommener Gotteinheit in die Ewigkeit gegangen sind.

In Landsberg hatten wir zweierlei Todesarten bei den Exekutionen, nämlich den Henkerstod am Galgen für die sogenannten Kriegsverbrecher, und Tod durch Erschießen für die Raubmörder. In der ersten Zeit war nur ein Galgen vorhanden, später hat man noch einen zweiten dazu errichtet und zwar so, daß sie brückenartig miteinander verbunden waren, so daß der Henker von einem Galgen zum anderen gehen konnte. Der Henker konnte also in der Zwischenzeit, während der nächste Todeskandidat herbeigeholt wurde, beim eben benutzten Galgen die Vorrichtung wieder in den Ausgangszustand bringen.

Im Anfangszeitraum war der bayerische Scharfrichter der Henker gewesen. Reichert hat er geheißen. Er hat aber allmählich den amerikanischen Sergeanten Britt zu dieser Aufgabe abgerichtet, der sich anfang’s schwer damit getan hat, weil er anfänglich eine fürchterliche Angst gehabt hat. Später ist er aber auch ein Henker geworden, der mit Freude die Opfer in den Galgen hinabgestoßen hat.

Wie war nun der Galgen aufgebaut? Das Ganze ist ein Kastenaufbau gewesen, zu welchem dreizehn Stufen hinaufführten; obenauf stand das Galgengerüst, an dem ein dicker Strick befestigt war, der in eine Schlinge auslief, die wiederum in einem langen Knoten endete, in dessen Innern sich ein Stahlstab befand, der dreizehnmal von diesem dicken Seil umwunden war. – Die Henkerei verlief auf folgende Weise: Wir sind betend hinaufgezogen, von Posten begleitet. Oben wurde der Verurteilte unter das Galgengerüst gestellt und zwar auf die gesperrte Falltür. Dann wurden ihm auch die Füße zusammengebunden — die Hände waren schon gefesselt —. Sodann durfte er noch einmal eineinhalb Minuten lang sprechen. Danach wurde ihm die Maskenkapuze übergestülpt. Ich habe dann noch ein kurzes Gebet gesprochen und ihm die Lossprechung gegeben. Nachdem ich ‚Amen‘ gesagt hatte, zog der Henker hinter ihm den Hebel, worauf sich die Falltür nach unten öffnete, so daß auch der Gehenkte nach unten abstürzte, vielleicht zwei Meter tief in den Kasten hinein. Der Strick war so lang gewählt und der Knoten so angesetzt, daß beim Sturz die Schlagader abgedrückt und das Genick gebrochen worden ist.

Angeblich soll das Opfer nicht mehr als einen Druck gespürt haben, weil augenblicklich eine Blutleere im Gehirn eingetreten sei. Demnach wäre diese Todesart leichter gewesen als die des Erschießens, sie war aber nun einmal schimpflicher als Erschießen. Es besteht die allgemeine Ansicht, daß die Todesart durch Erschießen ehrenhafter ist, hingegen durch Erhängen schimpflich. Nach dem Sturz blieben die Gehenkten noch zehn Minuten lang hängend im Kasten. Unterdessen ist der nächste geholt und ebenso gehenkt worden, und so ging es weiter, bis das Tagesvorhaben erledigt war.

Es war einmal eine amerikanische Reporterin bei mir, die mir zu diesen Vorgängen folgendes sagte: ‚Herr Pfarrer, das ist furchtbar. Ich kann das nicht mehr miterleben, was ich hier erlebt habe. Sie haben ja gehört, was der amerikanische Captain, ein evangelischer Negerpriester, dazu gesagt hat, nämlich: Das, was hier geschieht, nix gut. Deutschland wird das nie vergessen.‘

Wir können nicht mehr sagen, wer schuldig und wer nicht schuldig gewesen war und warum nicht, weil es keine echte Verhandlungsmöglichkeit gegeben hat. Wenn heute ein Rechtsanwalt auf Grund eines Rentenantrages Einsicht in die damaligen Akten nehmen will, müssen diese erst aus Amerika angefordert und herbeigeschafft werden. Man hat sie ehedem sofort weggeräumt und nach Amerika verbracht, damit niemand die Möglichkeit gehabt hat, dieselben zu studieren.

Nun möchte ich zum Schluß Ihnen noch vom ‚Fall Pohl‘ erzählen, dem einstmaligen Obergruppenführer der Waffen-SS. Pohl war früher Zahlmeister der Marine und war als solcher einmal bei einem Marinefest mit Himmler zusammengetroffen. Himmler hat ihn danach so lange mit Wünschen und Angeboten bedrängt, bis er zur SS gegangen ist, um das Wirtschaftliche zu organisieren und aufzubauen. Pohl war der Leiter des SS-Hauptwirtschaftsamtes – sonst nichts. Dieses Amt war eines der zwölf Ämter im gesamten organisatorischen Aufbau der SS. Mit den anderen Dingen hatte Pohl nichts zu tun. Der Häftling Pohl hat eindringlich versichert, niemand zu Tod gebracht zu haben, weder einen Juden noch irgendeinen Menschen. Er hatte keinen anderen Aufgabenbereich als den des Hauptwirtschaftsamtes, allerdings später – nach Pohls Darlegung dürfte es 1942/43 gewesen sein – war noch die Aufgabe hinzugekommen, in den Konzentrationslagern die Voraussetzungen zum Arbeitseinsatz für die Kriegsrüstung zu schaffen, weil verständlicherweise auch Häftlinge für Kriegszwecke arbeiten sollten. Nach Ansicht Pohls habe man einen der Hauptschuldigen schonen wollen, nämlich den Adjutanten von Himmler, dem das SS-Hauptamt unterstand, der damit für Disziplin und Disziplinstrafen des Personals in den Konzentrationslagern verantwortlich war, also auch für die Verbrechen, die da geschehen sind; diesen wollte man – gemeint sind die Alliierten – unbedingt schonen – und warum? Weil er – es war der ehemalige SS-Obergruppenführer Wolff in Italien — die deutsche Armee — man kann als deutscher Soldat und deutscher Mann nicht anders sagen — an die englische und amerikanische Armeeleitung verraten und verkauft hat. Dafür hat man ihm zugesichert, daß er nach dem Krieg nicht verfolgt und angeklagt wird.

Verstehen Sie, man mußte doch einen haben, den man für Verbrechen verantwortlich machen will. Man wählte dafür Pohl aus und bediente sich bei der Anklage eines Tricks: Man klagte Pohl, der wirklich nur der Leiter des SS-Hauptwirtschaftsamtes gewesen war, denn Wolff war ja Chef des SS-Hauptamtes, als Leiter des SS-Haupt- und Wirtschaftsamtes an. Man schob also das verbindende Wörtchen ‚und‘ zwischen zwei getrennte Ämter. Dadurch war Pohl zum Führer zweier Ämter geworden, was aber nicht den Tatsachen entsprach. Aufgrund dieses Schwindels erklärte man ihn für alle in der Anklage aufgeführten Fälle von Verbrechen, die man formal höchstens Wolff hätte anlasten können, für schuldig und verurteilte ihn zum Tode.

Ich bin noch im Besitz der Akte von seinem Verteidiger Dr. Seidl, der zweifelsfrei festgestellt hat, daß kein einziger der angegebenen Fälle Pohl zur Last gelegt werden kann und somit das Urteil ein Fehlurteil sei. Den Hauptanklagepunkt bildete die Beschuldigung, Pohl habe das Getto in Warschau zerstört.

Der amerikanische Hochkommissar McCIoy schrieb in seiner Begründung der Aufhebung des Stopps für die letzten sieben: ‚Pohl ist der größte Mörder der Weltgeschichte. Er hat mehr Menschen umgebracht als Kaiser Nero.‘ Die Wahrheit ist, daß Pohl in keinem Fall eine Schuld für den Tod eines Menschen trägt. Es war im Heeresbericht zu lesen, daß der Befehl Himmlers, das Warschauer Getto zu zerstören, an General Stroop gegeben worden ist. Und durch einen weiteren Befehl ist nachgewiesen, daß Pohl als Beauftragter für den Arbeitseinsatz von Häftlingen für Rüstungsbetriebe nur zuständig gewesen ist für die Beseitigung der Trümmer im zerstörten Getto. Und nun kommt das Schlimmste, was es bei der Rechtsprechung geben kann:  McCIoy schrieb als Antwort auf den letzten Versuch von Frederik Will, die Wahrheit durchzusetzen, – wir, nämlich Pater Chrodegang vom Kloster St. Ottilien, Frau Pohl und ich, haben den Brief gemeinsam gelesen – seinen letzten Beweis für die angebliche Schuld Pohls: ‚Ich nehme alle Anklagepunkte gegen Pohl zurück. Trotzdem halte ich das Todesurteil aufrecht, weil unter den Trümmern, die Pohl vom Getto weggeräumt hat, noch Lebende gewesen sein sollen.‘ – Jeder Jurist muß sagen: Das ist einfach unglaublich.

Pohl ist aus sich heraus während seiner Kerkerhaft katholisch geworden. Er war kein Feigling, sondern ein sehr tapferer Mann. Ich habe noch selten einen Mann kennengelernt, der soviel Energie, soviel Willenskraft in sich gehabt hat wie Pohl, der die Energie aufgebracht hat, in der Fastenzeit an keinem Tag mehr zu essen als ein Stück Brot und ein Stück Obst. Dafür haben sie ihn in Bonn – nämlich die SPD – verhöhnt als den auf den Knien rutschenden General, der jetzt betet. Sollen Sie es doch nachmachen! Und Pohl ist am Galgen gestorben.

Die letzten sieben hat man damals nicht mehr öffentlich, nicht mehr im Freien gehenkt, sondern in einem Schuppen, wo der Galgen errichtet worden ist. Diese veränderte Situation ist lange verschwiegen worden, ja man hat sogar, als sie in die Öffentlichkeit gedrungen war, Dementis hinausgegeben.

Dieser letzte Henkersakt lief in der Nacht vom 5. auf den 6. Juni 1951 ab. Bei seinen letzten Worten hat Pohl erklärt, daß er niemals in irgendeiner Weise den Tod eines Menschen verschuldet hat oder ein anderes Verbrechen, etwa durch Mißhandlungen, an einem Menschen begangen habe. Dann sagte er, wie ein Gebet: ‚Ich danke Gott für meinen Glauben . . ., empfehle Gott meine Familie . . .‘ Seine letzten Worte ‚Deutschland, hüte dich vor deinen Freunden!‘ werde ich nie vergessen.

Sie wissen, daß alle in der Strafanstalt von Landsberg Hingerichteten in dem kleinen Friedhof Spötting beerdigt worden sind. Er liegt nicht weit von der Anstalt entfernt, es liegt nur ein großer Gutshof dazwischen. Vorne steht eine alte Kapelle aus dem 8. Jahrhundert, die im Jahre 1923 vom Pfarramt St. Ulrich an den Bayerischen Staat verkauft worden war, und zwar samt Friedhof. Auch die letzten sieben wurden hier beigesetzt. Auf jedem Grab steht ein Holzkreuz mit Namensinschrift, und auch Blumen waren auf den Gräbern, bis mir eines Tages ein mir begegnender Jude große Vorhaltungen machte,, weil diese Leute Kreuze und Blumen bekommen hätten, sie gehörten verscharrt, wie Juden und andere verscharrt worden sind‘. Ich konnte nur sagen: ‚Bitte, gehen Sie zu den Amerikanern!‘ Ich habe danach den Anstaltsleiter von dieser Begebenheit in Kenntnis gesetzt. Dessen Reaktion war die, daß er alle Kruzifixe entfernen ließ, so daß die Gräber eine Weile kahl und leer waren.

Es setzte sodann jener öffentliche Kampf um diesen Friedhof ein, der mich nachdenken ließ. Ich schlug dann vor, man solle, um die Gräber vor den Juden zu schützen – in Landsberg war damals ein großes Judenlager -, die Gräber wieder mit den Kreuzen versehen, sie aber statt mit den Namensinschriften halt mit Nummerntäfelchen kennzeichnen. Wir haben ja gewußt, wer jeweils unter der Erde lag. Es wurde auch so gemacht und blieb so bis etwa 1957, als dann eines Tages auf jedem Kreuz der Name wieder stand.

Diese Korrektur war durch ehemalige Kameraden der Gerichteten geschehen. Dieselben hatten durch eine List die Gräberliste an sich gebracht und den Toten damit die Ehre erwiesen.

Es ist ca. ein Jahrzehnt danach um den kleinen Friedhof ein Aufruhr in Szene gesetzt worden, in dem die Lizenzpresse ein Gespenst des Nationalismus erkannt hatte. Sie werden sich sicher auch noch daran erinnern, was an Allerseelen im Jahre 1967 in diesem kleinen Friedhof geschehen ist, nämlich daß ein Kreis von national eingestellten Männern zum Gedenken an die durch ein grausiges Geschick nach Aburteilung durch die amerikanische Besatzungsmacht Hingerichteten einen Kranz niedergelegt hat. Der Aufruhr in der Presse war so groß, daß sogar von Holland ein Reporter zu mir kam, um zu fragen, was da draußen denn los sei; neue Nazis seien wieder da, hieß es usw. Ich erklärte dem Reporter, es sei erstens in Deutschland üblich, zu dieser Jahreszeit die Gefallenen zu ehren; auf allen Friedhöfen fänden Gefallenen- und Totenehrungen statt; zweitens lägen auf diesem Friedhof nicht lauter Nazis, sondern auch Zivilisten mancherlei Konvenienz. Es sei daher der Vorwurf, man habe einen Kranz für die toten Nazis niedergelegt, um sie zu ehren, zu Unrechterhoben worden. Darauf ist es wieder still geworden um den kleinen Friedhof in Landsberg. Heuer erfuhr ich in dieser Hinsicht nichts.

Es sei doch eigenartig, daß der einstige mittelalterliche Henkersfriedhof wieder zum Friedhof für die Gehenkten geworden ist. Ich habe übrigens die alte Friedhofskapelle – zum Teil ein Werk von Dominikus Zimmermann — innen renovieren lassen. Sie ist mit ihren Barockaltären wieder sehr schön geworden. Ich habe dort auch ein Barockkreuz aufstellen lassen, das die Inschrift trägt ‚Den Toten zur Ehr, den Lebenden zur Lehr‘. Der Halbsatz ‚Den Toten zur Ehr‘ wurde zunächst auch wieder bemängelt. Meine sehr verehrten Frauen und Herren, ich glaube, wir dürfen darüber nicht schweigen – ich muß es sagen: Ich habe Ehrfurcht vor den Toten, vor dem Tod des Menschen -. Erst recht dann Ehrfurcht, wenn der Tod als Sühne angenommen worden ist, und erst recht dann, wenn der Tod unschuldig angenommen worden ist. Und solange wir nichts anderes feststellen können, bleibt die Kapelle, bleibt das Kreuz den Toten zur Ehre.

Das muß man den Amerikanern lassen: Wenn einer tot war, hat man ihm die gebührende Ehre erwiesen. Wenn einer aus dem Gefängnis entlassen war, hat man ihn als freien Menschen behandelt und ihm nichts mehr nachgetragen. Die amerikanischen Offiziere haben sich sogar im Hotel Gockel mit den entlassenen Gefangenen zu einem Umtrunk zusammengesetzt. Da war der Entlassene nicht mehr der einstige verdächtige Verbrecher. Das war vorbei. Warum soll es für uns nicht vorbei sein? Es ist für gewisse Deutsche einfach ein Schandfleck, daß sie darüber nicht hinwegkommen können und die Sühne nicht anerkennen können, selbst wenn wir das Unrecht vielleicht noch bestehen lassen müssen. Wir können aber doch den Toten die Ehre antun, die gewiß mitgesühnt haben für Verbrechen, die in unserem Volke geschehen sind. Es bleibt für uns ganz bestimmt eine Lehre.

Was ich aber sehr bedauert habe und nicht verstehen kann‘ – ich bin einfach ein deutscher Mann und war ein deutscher Soldat und Offizier -, daß man die Ehre der Soldaten herabsetzt und beschmutzt, wie es nach dem Kriege geschehen ist und zum Teil noch heute geschieht. Wir sind doch nicht in den Krieg hinausgezogen, um als Verbrecher aufzutreten, sondern wir waren mit Idealen erfüllt, die Volk und Vaterland heißen. Ich habe darum auch angefangen, überall den Ausdruck Vaterland zu gebrauchen, wenn es schicklich gewesen ist. Warum denn nicht? Erinnern Sie sich, wie man sich in weiten Teilen unseres Volkes geschämt hat, von einem Vaterland zu reden? Niemand hat mehr den Begriff Vaterland zu gebrauchen gewagt. Warum denn? Es ist ein Unrecht, wenn gesagt wird, nationale Gesinnung sei verbrecherisch. Wenn das so wäre, dann wären die Franzosen auch Verbrecher, weil sie national denken. Dann wären ja all die Völker Verbrecher, weil sie national denken und handeln. Alle Völker ringsum denken doch national und dies trotz des gemeinsamen Zieles, eine europäische Gemeinschaft zu schaffen, mit Recht zu schaffen suchen. Warum sollen wir Deutsche das nicht tun dürfen? Warum sollen nicht auch wir Deutsche uns national betätigen dürfen?

Ich habe bei allen Arten von Versammlungen, die ich gehalten habe, wahrgenommen, daß jetzt in der Jugend das Interesse an der Frage wach wird: Was ist wahr? Sind wir Deutsche wirklich solche Verbrecher gewesen, unsere Väter, wir alle? Ein junger Mann sagte zu mir nach meinem Vortrag in Peißenberg, das ist eine Ortschaft im Bergwerksgebiet: ,Herr Pfarrer, wir danken Ihnen für den Vortrag, weil wir jetzt unsere Väter anders anschauen, von ihnen anders denken und über sie urteilen können als bisher, weil wir jetzt die Wahrheit kennengelernt haben.‘

Das ist doch das Wichtige: Die Wahrheit ist wie das Licht, es dringt einfach durch, und wenn ’s nur eine Ritze findet. Und das muß kommen. Wir brauchen uns, so tief wir das, was geschehen ist, bedauern müssen, trotzdem nicht zu schämen. Wenn die Franzosen sich nicht schämen — Sie kennen ja die französische Geschichte mit ihren Geschehnissen, auch was an Deutschen geschehen ist – und wenn sich die Russen nicht schämen brauchen usw., warum denn sollen wir uns schämen? Wir sind doch kein Volk von Verbrechern! Und doch werden wir heute als ein solches behandelt – im Ausland. – Ich wollte vor zwei Jahren nach Belgien fahren, um dort meine ehemaligen Quartierleute zu besuchen, von denen ich im Jahre 1918 als Deutscher herzlich aufgenommen worden war und mit denen ich eine Freundschaft pflegte. Sie haben mir aber auf meine Besuchsankündigung geschrieben: ‚ Wir bitten Dich, so gern wir Dich haben und so gern wir Dich bei uns sehen möchten, komm nicht! Wir werden heute noch gehaßt, weil wir mit Euch Deutschen gut sind. Man setzt uns noch einen Haufen Kot vor die Tür hin. Komm nicht!‘ — Man liebt bloß unser Geld, sonst nichts als unser Geld. . .

Um so mehr freut es mich, daß allmählich immer mehr junge Menschen das Empfinden bekommen: Es gibt einen nationalen Gedanken, und wir wollen wissen, was die Wahrheit ist. Man braucht deshalb keinen Haß gegen irgendein anderes Volk zu haben. Aber man muß doch gelten lassen – und wir lassen das uns auch nicht nehmen -, daß wir uns als Deutsche fühlen, daß wir auch das spüren und sagen dürfen, was an uns an Unrecht geschehen ist, das verlangen Wahrheit und Gerechtigkeit, und daß wir eben auch danach verlangen, daß in unserem Volke die Frage wach wird: Was ist da geschehen an den Kriegsverbrechern? Wie steht es mit der ganzen Kriegsverbrecherfrage? Was ist wahr, was ist nicht wahr? Und es ist so, wie vorhin gesagt worden ist: Man will das verschweigen.

Ich bin wegen meiner Vorträge noch nie irgendwie angegriffen worden, außer von der SPD, und zwar hauptsächlich deshalb, weil ich in einem berechtigten Zusammenhang den Namen Hoegner genannt habe. Ich möchte jetzt auf das Thema nicht weiter eingehen.

In dem erwähnten Angriff in Form einer unsachlichen Kritik ist der unberechtigte Vorwurf erhoben worden, wir, die Kirche, hätte nichts dagegen getan, daß in den Untersuchungsverfahren unmenschliche Methoden angewendet wurden. Wir haben von kirchlicher Seite alles getan, alles versucht, was überhaupt möglich gewesen ist, um zu helfen, zu retten, um zu erreichen, daß wenigstens durch eine einwandfreie juristische (Überprüfung und durch neue Gerichte, wobei auch Gegenzeugen und Verteidiger zugelassen sind, ermittelt wird: Was ist wahr, was ist nicht wahr?

Ich habe Ihnen nun – es hat etwas länger gedauert, als ich gedacht habe – einen Einblick in den ganzen Fragenkomplex gegeben, einen kleinen Blick in das Leben im Gefängnis in Landsberg werfen lassen und Ihnen über die nach dem Kriege in Dachau geübten verwerflichen Untersuchungs- und Gerichtsverfahren Aufschluß gegeben. Sie haben daraus ersehen können, daß es sich schon lohnt, aufklärend in die Öffentlichkeit zu gehen und die Wahrheit zu sagen. Es ist einfach notwendig, daß wir sie sagen.

Und ich sage Ihnen zum Schluß noch einmal: Ich betrachte es als eine unabdingbare Gewissenspflicht und als meine ganz persönliche Treuepflicht diesen Männern gegenüber, für die ich gelebt, für die ich bis zum Herzinfarkt gewirkt habe — denn man hat mich 1951 wie tot hinaustragen müssen. Mein Wissen und Gewissen zwingt mich, das unerläßlich Notwendige zu sagen, das doch allmählich, wenn auch sporadisch und ziemlich langsam, in die Bevölkerung, in die Lebenskreise eindringt, damit man endlich über diese Vergangenheit anders denken lernt, die ein dunkles Blatt in unserer Geschichte ist, das aber nicht wir geschrieben haben, sondern die Feinde, vor allem die Amerikaner. Ich verhehle es nicht: Ich bin kein Freund der Amerikaner, weil ich es einfach nach dem Erleben nicht sein kann. Ungerechtigkeit kann ich nun einmal nicht hinnehmen und nicht verteidigen. Ich muß die Wahrheit verlangen und die Wahrheit sagen. Denn nur die Wahrheit macht uns frei, und ganz allein die Wahrheit, so glaube ich, hilft uns, daß wir in der Welt zu Achtung und Anerkennung gelangen. – Ich danke.“ (Langanhaltender Beifall)


Aus:

Der Freiwillige. Für Einigkeit und Recht und Freiheit. Jg. 18, Heft 11, November 1972

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