Der Verrat an der Forschungsanstalt Peenemünde

Während es den Saboteuren unter den Wissenschaftlern gelungen war, den Bau der Atomwaffe zu verhindern, gelang dies nicht bei den Fernkampfwaffen. Unsere Raketenforscher Wernher v. Braun und Dr. Dornberger waren während des Krieges von anderem „Schrot und Korn“ als ihre Kollegen der Kernphysik. Als verantwortungsbewußte Deutsche dienten sie rückhaltlos ihrem Vaterlande, weil sie wußten, was sie diesem schuldig waren.

Bei der Entwicklung und Fertigung der Fernkampfwaffen (V l und V 2) hat es wie bei anderen Waffenarten aus verschiedenen Gründen technischer und auch personeller Natur von Anfang an immer wieder Rückschläge gegeben. Das war natürlich wie bei jeder Umsetzung wissenschaftlicher Forschungsergebnisse in technische Wirklichkeit und Praxis. Die Entwicklung und Fertigung der V-Waffe jedoch wurde durch Verrat und Sabotage derart zurückgeworfen, daß ihre rechtzeitige und wirkungsvolle Frontverwendung nicht mehr möglich war. Die Feindseite wurde so lückenlos über die Herstellung unserer neuen Waffe unterrichtet, daß es dieser ein leichtes war, unsere Produktionsstätte durch gezielte Bombenangriffe zu zerstören.

Der Informant des Gegners war der Verschwörer Dr. Otto John, der die Forschungs- und Versuchsanstalt unserer V-Waffe, Peenemünde, an die Engländer verriet.

Das landesverräterische Treiben des Dr. Otto John wäre wohl kaum bekannt geworden, wenn nach seinem Überlaufen nach Ost-Berlin der englische Oberst Daniel Shapiro noch Grund gehabt hätte, seine bis dahin geübte Diskretion zu wahren. Dazu muß man wissen, daß dieser Oberst in Zusammenarbeit mit Sefton Delmer, der im damaligen Feindsender Calais mit etwa 300 Emigranten seine Hetzsendungen gegen Deutschland betrieb, der Betreuer des fahnenflüchtigen Dr. Otto John war. Sein Bericht wurde erstmalig am 8. August 1954 im „Stern“ veröffentlicht. Er lautete:

„Zunächst wurde er (John) mir als Oskar Jürgens vorgestellt. Darunter konnte ich mir gar nichts vorstellen. Erst als dieser Herr Oskar Jürgens ohne jeglichen Zusammenhang auf Peenemünde zu sprechen kam, wurde ich hellhörig… Aber ich begriff immer noch nicht. Ich war einfach nicht darauf vorbereitet, plötzlich dem Mann gegenüberzusitzen, der uns Peenemünde mit seiner geheimnisvollen Versuchsstation für Wunderwaffen ausgeliefert hatte. Das war immerhin eine große Sache, bis dahin jedenfalls der größte Erfolg unseres Nachrichtendienstes. Ich erinnere mich ganz genau: Die Meldung stammte aus Berlin, aus gut informierten Luftwaffenkreisen. Über Spanien war sie zu uns gekommen, worauf die RAF zunächst Aufklärer vom Typ ‚Moskito‘ nach Peenemünde schickte und bald darauf 600 Bomber. Und der Mann, dem wir das alles zu verdanken hatten, saß jetzt mit schlecht gefärbten Haaren in meinem Büro.

Das war der Beginn meiner Bekanntschaft mit Dr. Otto John, der bei uns den Decknamen ‚Oskar Jürgens‘ erhalten hatte. In der nächsten Woche blieb er in meiner Obhut. Ich quartierte ihn in Knightbrigde in einer unserer sogenannten festen Häuser ein. Das war Vorschrift, auch mit Dr. John konnte bei aller Anerkennung seiner Verdienste keine Ausnahme gemacht werden. Ich hoffe jedoch, daß er sich bei uns wohlgefühlt hat. Die Villa war bequem und unterschied sich äußerlich durch nichts von den biederen, gutbürgerlichen Villen der Nachbarschaft. Das Personal war in Zivil gekleidet und erledigte die Überwachung unauffällig und unaufdringlich. In ganz London gab es damals bestimmt nicht viele Häuser, in denen besser gekocht wurde als hier. Und wenn wir ein Gästebuch geführt hätten, hätte sich Otto John unter prominenten Namen eintragen können.“

In diesem Bericht wird die Bedeutung des Verrats klar herausgestrichen und auf die Quelle des Reichsluftfahrtministeriums hingewiesen, wo ja auch die »Rote Kapelle“ ihr Tätigkeitsfeld hatte. Es ist so gut wie sicher, daß John zu diesen Kreisen engen Kontakt hatte. Sein Überlaufen in den Osten bestätigt nur seine Geisteshaltung. Daß ein solcher Mann nach dem Kriege zum Chef des Amtes für Verfassungsschutz aufsteigen konnte, sollte auch dem Einfältigsten Anlaß zum Nachdenken geben. Es wäre besser um das Wohl dieser Bundesrepublik bestellt, wenn das deutsche Parlament die ungesetzliche Aufhebung der Verjährungsfrist nicht beschlossen hätte, sondern verschärfte Strafbestimmungen bis hin zur Todesstrafe für Landesverrat. Das wäre eine gute und zukunftsträchtige Sache gewesen, die breitesten Beifall im Volke gefunden hätte. Aber Kontakt zum Volk scheint heute nicht Sache unserer Regierenden zu sein. Sie unterliegen mehr einem Druck, der von außen kommt.

Otto John war auch zu meinem Prozeß in Braunschweig geladen, bei dem es um die Frage Hoch- und Landesverrat ging. Er distanzierte sich dort energisch von jeder Art von Landesverrat und wurde nicht einmal rot, als er dem Gericht die Unwahrheit sagte. Insbesondere führte er aus, daß die Männer unter dem Begriff 20. Juli 1944, zu denen er sich rechne, Idealisten und verantwortungsbewußte deutsche Männer gewesen seien, denen Landesverrat völlig ferngelegen habe. Leider war mir zu dieser Zeit die niederträchtige Rolle Johns nicht bekannt. Ich hätte ihm vor Gericht meine Verachtung zum Ausdruck gebracht.

Heute wissen wir, daß John am 19. Juni 1944 im Auftrage Stauffenbergs von Berlin nach Madrid geflogen war, um über den amerikanischen Militärattaché von General Eisenhower die Bereitschaft zu erfahren, ob nach einem erfolgreichen Militärputsch eine Waffenstillstandsverhandlung, wie Stauffenberg es wollte, „von Soldat zu Soldat“ im Bereich des Möglichen läge. John sollte in Madrid den geplanten Umsturz abwarten, wurde aber entgegen dieser Planung mit einer verschlüsselten Funkmeldung von Oberst Hansen von der Abwehr vorzeitig zurückgerufen. John traf am 19. Juli 1944, also einen Tag vor dem mißglückten Umsturzversuch, in Tempelhof in Berlin ein. Am nächsten Tag wurde er vom mitverschworenen Major Haeften angerufen, der ihm mitteilte, daß alles im Laufen und die Vollziehende Gewalt übernommen worden sei. Was John dann weiter getan hat, entzieht sich meiner Kenntnis. Er schweigt sich darüber geflissentlich aus, genauso, wie er mit keinem Sterbenswörtchen seine verräterische Tätigkeit der Preisgabe Peenemündes erwähnt. Fest steht nur, daß er unangefochten am 24. Juli 1944 Berlin mit einem Flugzeug verlassen konnte, obwohl er von kontrollierenden Gestapobeamten erkannt worden war.

„Otto John wurde“ – nach dem Buch „Ende einer Legende“ von Hans Frederick – „am 12. Dezember 1944 von Lissabon in Begleitung des dortigen Handelsattachés der Botschaft, Harold Middleward, mit einer Sondermaschine der RAF nach London gebracht. Von Angehörigen des militärischen Abschirmdienstes übernommen, wurde er dort nochmals einer Überprüfung unterzogen. Dies war lediglich eine Routineangelegenheit, der sich während des Krieges alle Fremden unterziehen mußten, die unter ähnlichen Umständen nach London kamen. Doch die Routineüberprüfung im Falle John wurde sehr rasch beendet, denn maßgebliche Persönlichkeiten wie Winston Churchill, Lord Vansittart, Sir Ivone Kirkpatrick, der Bischof von Chichester warteten auf seine Berichte.

In jenem London der Kriegsjahre, in das John eingeflogen wurde, gab es eine große Anzahl von deutschen politischen Emigranten, die das gleiche Motto wie einstens Otto John vertraten: ‚Gegen Hitler – für Deutschland.‘ Ihnen ging es jedoch weitaus schlechter. Entweder wurden sie interniert oder zur politischen Passivität degradiert. Nur einem kleinen Kreis ist es gelungen, aus dieser Sperrmauer der ‚Feindwertung‘ auszubrechen. Eine politische Mitarbeit gab es nur für jene Deutschen, die gewillt waren, die alliierten Doktrinen, die bedingungslose Unterwerfung, Kollektivschuld und Teilung Deutschlands zu propagieren. Otto John gehörte zu den wenigen Auserwählten.

Schon am nächsten Tag wurde John frühmorgens von einer Militärpatrouille zu den ‚Kensington Palace Gardens‘ gebracht. Dort hatte sich John einer eingehenden Vernehmung durch verschiedene Spezialoffiziere zu unterziehen. Der Fragenkomplex umfaßte keineswegs nur die Vorkommnisse des 20. Juli, denn Otto Johns Spezialberichte, die von Madrid und Lissabon aus London zugegangen waren, hatten bereits einen beträchtlichen Umfang nachrichtendienstlichen Inhalts erreicht.

Diese Vernehmungsprotokolle, ergänzt durch Johns in London nochmals verfaßten schriftlichen Berichte, waren für den Premierminister Churchill interessant genug, sich anschließend noch aufmerksam einen mündlichen Bericht von John anzuhören.

Als für Otto John in Madrid im März 1942 das Spiel begann, waren es die Empfehlungen des Prinzen Louis Ferdinand von Preußen, die ihm in Madrid Eingang beim britischen und amerikanischen Geschäftsträger über Juan Terrassa ermöglichten. Seine gezielten Informationen, die er damals direkt von Beck, Hammerstein und Oster zu diesem Zweck mitbekommen hatte, verfehlten nicht ihre Wirkung …“

Daß auch ein Hohenzollernprinz sich zu solchen Handlungen hinreißen ließ, dürfte wohl einmalig sein. Die Zerschlagung Preußens durch die Alliierten konnte er damit nicht verhindern.

»Im November 1943 tauchte John abermals in Madrid auf. Der Militärattaché der dortigen amerikanischen Botschaft, Colonel Hohenthai, empfing ihn zum vertraulichen Gespräch. Hohenthai war früher schon als Militärattaché an der amerikanischen Botschaft in Berlin tätig gewesen und deshalb für John kein Fremder. Damals ist der Kontakt von dem amerikanischen Journalisten Louis Lochner hergestellt worden.

Die Rückreise erfolgte am 16. Dezember. Otto John machte für Oberst Hansen und Stauffenberg einen ausführlichen Bericht über seine Besprechungen mit Beauiaque und Oberst Hohenthai.

Aufgefallen sind seinem neuen Gesprächspartner Otto Johns hervorragende Kenntnisse auch auf dem militärtechnischen Gebiet. Er war über den Stand der Entwicklung der Atomforschung und der Atomwaffen in Deutschland sehr gut unterrichtet. Seine Informationen bezog er aus ersten Kreisen. Vor allem waren Tatsachen aus dem sogenannten Uran-Verein von besonderer Wichtigkeit. Diese Gruppe von etwa einem Dutzend Wissenschaftlern unter dem Vorsitz des Nobelpreisträgers Heisenberg arbeitete an der Planung einer Atombombe. Im Herbst 1943 konnte Otto John in Madrid berichten, daß die Herstellung einer Atombombe auf dem Papier fertig sei, daß aber aus technischen Gründen eine Fabrikation noch nicht bewerkstelligt werden könne. In diesem Zuge konnte auch berichtet werden, wie es um das Projekt der V-1 und V-2-Waffe in Peenemünde stand …

Die Bemühungen Otto Johns waren es auch, von den Kontaktleuten eine reale Information über die Haltung der Alliierten in der Frage der bedingungslosen Kapitulation zu erhalten. Seine Gewährsmänner aus London wie aus Washington gaben ihm folgende Vorstellungen: Mit dem Entgegenkommen im Sinne der bedingungslosen Kapitulation ist bei den Alliierten nicht zu rechnen. Man erwartet, daß der Einbruch der Russen in Deutschland bevorstehe, und die Engländer und die Amerikaner werden keine besonderen Anstrengungen machen, um vor den Russen in Berlin zu sein. Man ist der Ansicht, daß Deutschland ein Strafgericht verdient hat, und das überlassen die westlichen Alliierten lieber den Russen.“ (Hans Frederik, »Das Ende einer Legende?“, Seite 53).

Es ist schon erstaunlich, über welche Informationen ein Mann wie John verfügen konnte. Dies beweist wiederum den engen Kontakt, der zwischen den einzelnen Verrätergruppen vorhanden gewesen sein muß. Auch hier müssen Männer wie Professor Carl-Friedrich v. Weizsäcker sowie Leute vom Schlage Rosbaud und Dr. Wirtz eine unheilvolle schäbige Rolle gespielt haben. Daß auch ein Hohenzollernprinz sich als Vermittler betätigt hat, wird manchen Monarchisten sicherlich bedrücken.

Zur Beurteilung der Geisteshaltung und des Charakters Johns überliefert uns Panzermeyer in seinem Buch „Grenadiere“ auf Seite 347 einen bezeichnenden Beitrag:

»Ende April (1945) wurde ich zum Lagerkommandanten befohlen (es handelt sich um das Gefangenenlager Nr. 7 bei Windermere in England; der Verfasser). Die Art und Weise, in der ich beordert und begleitet wurde, konnte nichts Gutes bedeuten … Zu meinem Erstaunen war der Kommandant nicht anwesend, statt dessen schrie mich ein Uniformträger an, der offensichtlich keine Ahnung hatte, wie sich ein Soldat in Uniform zu benehmen hat, um nicht zum Gespött seiner Umgebung zu werden.

Herr Dr. Otto John, späterer Präsident des Bundesverfassungsschutzamtes, weiland Wanderer zwischen zwei Welten, gab sich die Ehre, seine Pflichten als Büttel Englands auszuüben. Mit geifernder Stimme schrie er mir zu: ‚Verlassen Sie dieses Lager nicht ohne Erlaubnis! Sollten Sie je einen Fluchtversuch unternehmen, so wird ihre Leiche ins Lager zurückgebracht. Ihre Familie sehen Sie sowieso nicht wieder!‘ Wenn diese erbärmliche Kreatur geahnt hätte, mit welcher Verachtung ich mir ihr haßerfülltes Geschwätz anhörte, wäre sie sicher nicht wie ein radschlagender Pfau durchs Lager stolziert, sondern vor Scham in die Erde versunken.“

Ausgerechnet dieser Herr John trug als Zeuge der Anklage dazu bei, daß ich wegen angeblicher Beleidigung der Widerstandskämpfer im Braunschweiger Prozeß verurteilt worden bin!

Die größte Perversität unserer Geschichte aber ist die Tatsache, daß ein Spitzenverräter größten Ausmaßes nach dem Kriege zum Leiter des neueingerichteten Bundesamtes für Verfassungsschutz avancieren konnte, mit dem Auftrag, anständige und pflichtbewußte deutsche Frontsoldaten nach GPU-Manier zu bespitzeln. Otto John war während des Krieges kein Soldat, sondern Syndikus bei der Lufthansa und konnte während dieser Zeit ungehindert ins Ausland reisen, da er im Besitze eines von der Abwehr des Admiral Canaris autorisierten Reisepasses war. Seine Funktion als Chef des Verfassungsschutzamtes wurde 1953 durch einen erneuten Verrat, nämlich durch sein Überlaufen in den Osten, beendet. Nach seiner Rückkehr wurde er wegen Landesverrats bestraft. Das alte deutsche Sprichwort: „Die Katze läßt das Mausen nicht“ hat sich auch hier wieder einmal bewahrheitet. Otto John war, wie durch polizeiliche Vernehmung seines Bruders Hans belegt ist, nicht nur Akteur des 20. Juli-Widerstandes, sondern auch Angehöriger der „Roten Kapelle“.

Der Welt ist heute bekannt, daß wir 1939 keineswegs der hochgerüstetste Staat innerhalb Europas waren, wie es jetzt der Fall ist. Seit der Machtübernahme hatte der Aufbau unserer Wirtschaft vorrangige Bedeutung. Auch hier gab es keine ausschließlich dem Krieg dienende Rüstungsindustrie, wie es in anderen Staaten üblich war. Noch 1939 war von Hitler an die Wehrmacht die Weisung ergangen, daß mit neuen Waffen nicht zu rechnen sei. Wir waren zu diesem Zeitpunkt nachgewiesenermaßen nicht für einen Zweifrontenkrieg oder gar für einen Weltkrieg gerüstet. Die damalige Wehrmacht reichte gerade für eine größere Strafexpedition aus. Erst der uns aufgezwungene Polenfeldzug änderte die Lage.

Hitler war als Staatsmann auch auf dem militärischen Sektor ein Revolutionär. Die Aufstellung selbständig operierender Panzerverbände, die in der Lage waren, durch weite Vorstöße in die Tiefe des feindlichen Raumes vorzudringen, entstammte seinen Ideen und brachte uns die erstaunlichen militärischen Erfolge auch gegen einen überlegenen Gegner. Ähnlich hatte er auch die Bedeutung der Fernkampfwaffen erkannt. So trieb er nach dem Polenfeldzug, als seine Friedensbemühungen unbeantwortet blieben, die neue Strategie mit Raketenwaffen voran. Er ließ in Peenemünde ein Versuchszentrum größten Stils unter Führung bester deutscher Techniker und Wissenschaftler wie Walter Dornberger und Wernher v. Braun errichten. Dieses Vorhaben unterstand dem deutschen Reichsluftfahrtministerium. Der Aufbau und die Entwicklung dieser Versuchsstation ging zügig voran und zeitigte überraschend schnelle Erfolge.

Doch diese zukunftsträchtige Entwicklung wurde am 17. August 1943 jäh unterbrochen, als 600 britische Bomber dieses Zentrum der deutschen Fernkampfwaffen vernichteten. Die ganze Anlage, die bislang mehr als 500 Millionen Reichsmark verschlungen hatte, brannte lichterloh. Über 700 Wissenschaftler, Ingenieure, Techniker und Arbeiter lagen unter den Trümmern. Der offensive Großeinsatz dieser Waffen wurde daher zeitlich und auch hinsichtlich der Kapazität verzögert. Dies sollte für den Kampf gegen die im Juni 1944 beginnende alliierte Invasion fatale Auswirkungen haben. David Irving hat uns in seinem Buch »Die Geheimwaffen des Dritten Reiches“, Seite 10, einen Ausspruch des Generals Eisenhower übermittelt, der klar die Bedeutung dieser Fernkampfwaffen erkennen läßt: „Wenn es den Deutschen gelungen wäre, diese neuen Waffen sechs Monate früher zu vollenden, dann wäre die Invasion auf dem europäischen Kontinent überaus schwierig und vielleicht unmöglich gewesen.“ Bei einer Lagebesprechung mit Hitler am 17. Juni 1944 im schon erwähnten Margival, acht Kilometer nördlich Soisson, zu der die Feldmarschälle v. Rundstedt und Rommel gedrängt hatten, wurden die Probleme der Invasionsfront angesprochen. Hier wurde vor allem auf das Versagen der eigenen Luftwaffe hingewiesen. Nach Speidel „Invasion 1944“, Seite 117, soll Hitler daraufhin entgegnet haben, „daß er von Führung und Technikern der Luftwaffe betrogen worden sei. Man habe die verschiedensten Typen nebeneinander entwickelt, ohne rechtzeitig zu einem praktischen Ergebnis zu kommen.“ Im weiteren Verlauf dieser Besprechung wurde auch auf die Möglichkeit des Einsatzes von V-Waffen hingewiesen. Zwecks Klärung dieser Frage wurde der Kommandierende General der V-Waffe, General der Artillerie Heinemann, zur Besprechung hinzugezogen, der ausführte, daß der Streuungsbereich der Raketen noch etwa fünfzehn Kilometer betrage und somit bei einer Landung auf engem Raum die eigene Truppe gefährden würde. Wir wissen aber heute, daß diese Raketen bereits 1941 serienreif waren, ihr Einsatz jedoch wegen erheblichen Umfanges an Sabotage und auch bürokratischer Hindernisse immer wieder verschoben werden mußte.

So konnten zum Beispiel technische Unzulänglichkeiten sehr schnell dadurch beseitigt werden, daß man den erfahrenen Professor Messerschmitt zu Rate zog, nachdem sich zuvor Saboteure aus Kreisen des Reichsluftfahrtministeriums lange gegen die Hinzuziehung und Mitarbeit einschlägiger Fachkräfte an der Arbeit für V-1 und V-2 gewehrt hatten. Wie wir wissen, saß gerade hier eine große Anzahl von sogenannten Widerständlern und Verrätern, die zunächst unbemerkt ihre verhängnisvolle Sabotage ausüben konnten.

In diesem Kampf ist ein Bericht des Generalinspekteurs der Luftwaffe, Feldmarschall Milch, vom 21. Oktober 1942 an seine Amtschefs bemerkenswert. Er war neben Heydrich einer der wenigen, die den Verrat von Canaris durchschaut hatten. Zu diesem Bericht heißt es bei David Irving in „Tragödie der deutschen Luftwaffe“, Seite 246: „Die Durchleuchtung hat nur Zweck, wenn sie durch die zuverlässige Gestapo erfolgt. Sie ist sinnlos, wenn sie durch die Abwehr geschieht. Ich möchte dies ausdrücklich zur Kenntnis bringen. Ich verbiete jede Art der Durchleuchtung durch die Abwehr; jede Durchleuchtung hat nur durch die Gestapo zu erfolgen, weil wir sonst keine Gewähr haben, daß es eine solche von Erfolg ist. Warum kann ich Ihnen nicht sagen. Ich habe dafür meine bestimmten Gründe und Beweise.“

Er sprach dann über das Wirken der „Roten Kapelle“. „Es ist ein Kreis von gewissen Personen in diese Sache verwickelt, also in absolut erwiesenen Landesverrat, der fünfmal so groß ist, als das, was hier um den Tisch herumsitzt. Es ist kein einziger Arbeiter dabei. Dafür aber, meine Herrn, ist der Hochadel und seine Verwandtschaft bis zur Hälfte vertreten. Leute, von denen man vermuten könnte, daß sie scharfreaktionär und kaisertreu sein würden, denen man niemals zutrauen würde, daß sie mit Kommunisten zusammenarbeiten, daß sie ihr Vaterland den Kommunisten verraten würden.“

Diplom-Ingenieur Gerhard Frank aus Kierling in Österreich, damaliger Kommandant einer V-1-Abschußrampe, berichtet über seine Entdeckungen von Sabotage an den Flugkörpern: „Die dünnen Pneumatikschläuche für die Kompaß- und Rudereinstellung waren an schwer zugänglichen Stellen angestochen. Dadurch kam es zu Frühabstürzen unserer Geschosse oft in die eigenen Linien, zu Kreisläufern oder gar Rückläufern, die im eigenen Gebiet mitunter schwere Verluste verursachten. Verluste nicht nur in den eigenen Reihen, sondern auch unter der Zivilbevölkerung der besetzten Gebiete. In solchen Fällen wurde die Schuld natürlich den deutschen Soldaten gegeben und damit die Atmosphäre vergiftet. Einen solchen konkreten Fall habe ich selbst bei einem Kreisläufer in eine holländische Kleinstadt erlebt.

V-1-Geschosse wurden, soweit uns damals bekannt war, größtenteils von KZ-Häftlingen zusammengebaut. Daß dabei Wunsch und Gelegenheit zu Sabotage ausreichend bestand, steht außer Frage. Die Abnahmekontrollen in den Erzeugungsstätten waren aber zweifellos durch eigene Beamte durchgeführt worden. Inwieweit Abnahmekontrollen nachlässig durchgerührt oder die Sabotage sogar durch politische Gegner unter den Kontrollbeamten durchgeführt worden waren, läßt sich heute kaum mehr beantworten. Leider ist auch die zuletzt angedeutete Möglichkeit bei dem katastrophalen Umfang an Verrat und Sabotage im vergangenen Krieg nicht von der Hand zu weisen.“ (Karl Balzer, „Verschwörung gegen Deutschland“, 2. Auflage, Seite 366).

Ähnlich war es mit der Sabotage hinsichtlich der sogenannten „Tonne“. Hier handelt es sich um eine Sprengstoff-Flügelrakete, die unter einem Flugzeug montiert war und von diesem ins Zielgebiet geflogen wurde. Die Rakete wurde ausgeklinkt und steuerte dann selbständig das vorgesehene Ziel an. Bemerkenswert war dabei die technische, damals fortschrittlichste Fernsteuervorrichtung. Am Kopf dieser Rakete befand sich ein Fernsehaufnahmegerät mit einer Optik, die automatisch durch solche mit anderer Brennweite ausgewechselt wurde. Dieses Aufnahmegerät übertrug die eingefangenen Bilder auf zwei Fernsehschirme, von denen der eine im Trägerflugzeug selbst eingebaut war, der andere sich auf dem Flughafen zur Kontrolle befand. Unter dem Fernsehschirm war zudem eine Fernsteuerungsanlage eingebaut, die von einem Richtschützen des abdrehenden Flugzeuges bedient werden konnte. Dieser verfolgte dann auf seinem Schirm den Flug der ausgeklinkten Rakete und konnte somit Richtkorrekturen auf das angestrebte Ziel vornehmen. Er konnte also ein Ausbrechen der Rakete verhindern und gezielte Kurskorrekturen vornehmen. Das war ein gewaltiger Fortschritt, durch den jede Rakete in ihr Ziel gelangen mußte.

Auch hier war eine Großtat fortschrittlicher Wissenschaftler und Techniker gelungen, die entscheidende Erfolge, vordringlich gegen Schiffseinheiten, erhoffen ließen. An der Entwicklung war mit ungeheurem Fleiß und persönlicher Einsatzbereitschaft in Karlshagen, Jesan, Neu-Mecklenburg und Röchlin gearbeitet worden. Alles war produktionsreif. Nachdem diese Spezialabteilung ins Sudetenland verlegt worden war, wurde ab Frühjahr 1944 um die Zuteilung eines Kampfgeschwaders gebeten, um diese einsatzbereiten Raketen im Kampfeinsatz zu erproben. Unbegreiflicherweise wurde auch hier durch Kompetenzschwierigkeiten alles hinausgezögert. Als dann endlich im Juni eine Staffel für den Einsatz dieser „Tonne“ an der Adria bereitgestellt wurde, gab es eine neue Verzögerung, die typisch für die gezielte Sabotage war. Man benötigte Spezialmehrfachstecker für den Anschluß der Kabel in den Maschinen. Solche lagerten zu Tausenden in Berlin-Straußberg. Als nun unter höchster Dringlichkeitsstufe die benötigten Mehrfachstecker angefordert wurden und man sogar Kuriere dieserhalb nach Berlin schickte, kamen diese unverrichteter Dinge zurück mit der Begründung, daß dieses Depot einem hohen Wehrmachtsoffizier unterstellt sei, der die Herausgabe verweigerte. Statt dessen wurde der Besuch des Generals Fellgiebel, Wehrmachtnachrichtendienst, angekündigt, der angeblich schon auf dem Wege sei. Es heißt dann wörtlich weiter auf Seite 374 f. bei Karl Balzer „Verschwörung gegen Deutschland“, 2. Auflage: „Wir atmeten auf. Wissenschaftler und Techniker, die seit Wochen pausenlos an der Fertigstellung und Erprobung gearbeitet hatten und sich nur noch mit chemischen Stärkungsmitteln auf den Beinen hielten, schöpften neue Hoffnungen: zu guter Letzt würde doch noch alles klappen!

Dem zur Werksbesichtigung eintreffenden General der Nachrichtentruppen wird die Lage geschildert. Wir bitten ihn, angesichts der Dringlichkeit persönlich die Freigabe der benötigten Stecker zu veranlassen, wir hätten nur noch drei Tage Frist bis zum endlich befohlenen Einsatz. Der General bleibt äußerst verbindlich, legt sich jedoch nicht fest. Als er nach vier Stunden belangloser Gespräche das Werk wieder verlassen will, stelle ich mich (ein Fertigungsleiter im Stab der Fernseh GmbH; d. Verf.), ihm in den Weg und bitte höflichst um die notwendige Unterschrift. ‚Ich habe jetzt Wichtigeres zu tun!‘ ist seine lakonische Antwort. Ich verweise auf die Versuchseinsätze der ‚Tonne‘, die zu den größten Hoffnungen berechtigen, ich verweise auf den bevorstehenden Einsatz, der vom Führerhauptquartier befohlen sei, ich verweise auf die Geringfügigkeit der Formalität einer einzigen Unterschrift… ‚Außerhalb meiner Kanzlei, erteile ich grundsätzlich keine Unterschriften. Kommen Sie morgen in acht Tagen in mein Büro in Berlin. Wir werden dann sehen, was sich machen läßt. Außerdem: der Krieg wird noch lange dauern, und Sie werden schon nicht zu spät kommen!‘ Läßt mich grußlos stehen und fährt mit seinem Wagen davon

Kurz darauf wurden die Anlagen abtransportiert – nicht zum Einsatz an die Adria – in einen Abstellraum nach Klein-Machnow. Dort stöberte ich sie im November 1945 wieder auf. Die Russen hatten sie entdeckt, für Rundfünkapparate gehalten, daran gedreht – und als keine Musik ertönte, sie kurzerhand mit Benzin übergossen und angezündet. Der General der Nachrichtentruppe Erich Fellgiebel aber wurde am 4. September 1944 wegen seiner Beteiligung am Attentat am 20. Juli hingerichtet.“

Wie wir heute wissen, wurde die sogenannte „Tonne“ zum ersten Male im Koreakrieg eingesetzt. Diese angeblich amerikanische Erfindung wurde damals mit dem Hinweis bekanntgegeben, daß sie eine der bedeutendsten der letzten Jahre auf kriegstechnischem Gebiet gewesen und ihre Auswirkung für die Zukunft noch gar nicht abzuschätzen sei.


Von

Otto-Ernst Remer

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