4. März 1919: Die Blutopfer der Sudetendeutschen im Kampf um ihr Selbstbestimmungsrecht

Ende 1917 und Anfang 1918 gipfelt die Entwicklung in der Trennung der beiden in Böhmen, Mähren und Schlesien lebenden Nationalitäten. Die Krise in der Monarchie erreichte ihren Höhepunkt; dies zeigt die Deklaration der tschechischen Abgeordneten im Reichstag und in Landtagen, die sog. Dreikönigs-Deklaration vom 6. Jänner 1918. Von diesem Tag an berufen sich tschechische Politiker sehr oft auf diese Deklaration.

Der deutschen Einwohnerschaft war die Idee eines tschechischen Nationalstaates fremd, die einzig mögliche Lösung konnte für sie nur ein Nationalitätenstaat sein mit garantiertem Nationalrecht für den anderen, den deutschen Teil der Bewohner, der in Böhmen 36,7 % der Einwohnerschaft betrug.

Betrachtet man noch dazu die Ausarbeitung von V. Kramar von 7. Juni 1914 (Verfassung eines Allslawischen Reiches) und das in Unser Staat und der Weltfriede wiedergegebene Memorandum von H. Kuffner, wo die Landansprüche an Deutschland und Österreich zu Gunsten des tschechische Staates noch größer sind, muß man sich über die scharfe Reaktion der deutschen Bewohner Böhmens nicht mehr wundern. Schon lange war bei ihnen das Gefühl von Angst und Befürchtungen, eine sog. Abwehrpsychose, zu beobachten.

Die Dreikönigs-Deklaration war schon eindeutig. Die deutsche Antwort kam schnell. Anläßlich des Reichstages vom 22. Jänner 1918 lehnten die Abgeordneten P. Pacher, Dr. Elvert, Dr. Oberleither die Einbürgerung von 3,227.214 Deutschen (1910) in den tschechischen Staat ab, sie sehen die Dreikönigs-Deklaration als Versuch an, die Deutschen unterzuordnen und sie des Selbstbestimmungsrechts zu berauben. Sämtliche Ansprüche tschechischerseits auf deutsches Gebiet wurden abgelehnt. Man forderte, dieses vom tschechisch bewohnten Gebiet zu trennen und daraus die Provinz Deutschböhmen zu bilden.

Nach der Anerkennung des tschechoslowakischen Nationalrates durch die Alliierten im Juni und September 1918 war es klar, daß die Frage der künftigen Grenzen des neuen Staates und auch die Frage, ob der künftige Staat ein Nationaltätenstaat oder ein reiner Nationalstaat sein würde, für die deutsche Minderheit lebensentscheidend wurde. Auch das Manifest Kaiser Karls vom 16. Oktober 1918 konnte die Situation nicht mehr beeinflussen. Die deutschen Abgesandten in Wien bildeten am 21. Oktober 1918 die „Provisorische Nationalversammlung für Deutschösterreich“ und verließen damit die Linie des österreichischen Vielvölkerstattes. Das neue Staatsgebilde „Deutschösterreich“ sollte die Rechte und den Schutz aller Deutschen der Donau-Monarchie sicherstellen.

So gerät die tschechische politische Führung in die Rolle, in der die Deutschen im Jahrhundert zuvor waren: Die Tschechen sehen sich vor die Frage gestellt, wie man mit dem Selbstbestimmungsrechte eines anderen Volkes umgeht.

Diese Aufgabe haben die tschechischer Politiker nicht gelöst, sie haben nicht einmal Interesse an einem Dialog gezeigt. Sie lebten sich zu sehr in die Rolle ein, der sie aber nicht gewachsen waren, da die Zukunft des Staates von der Einstellung der Siegermächte, von den Fähigkeiten des tschechoslowakischen Nationalrates abhing und hauptsächlich vom Können des Dr. Beneš. Und in der Frage der deutschen Minderheitenrechte bediente man sich aller Mittel, und zwar nicht nur diplomatischer. Wie die Tschechen es verstanden, die Nationalitätenfrage zu banalisieren und ihren Staat in den historischen Grenzen durchzusetzen und nicht in den ethnischen, das ist anhand der Unterlagen in den Archiven vielfach zu beweisen.

Die Deutschen nahmen den Staatsstreich vom 28. auf den 29. Oktober 1918 ruhig hin, er berührte ja auch die Grenzgebiete im westlichen nicht. Am 29. Oktober 1918 kamen die deutschen Abgeordneten im Gebäude des Donaurates zusammen und diskutierten die Situation. Dr. Rudolf Logman von Auen gab das Entstehen der „Böhmischen Provinzen von Deutschösterreich“ bekannt und las die Deklaration vor, die man Prag, Paris und insbesondere Präsident Wilson überbringen wollte.

Von tschechischer Seite lehnte Alois Rašín jedes Gespräch ab mit den Worten:

„…Das Selbstbestimmungsrecht ist eine schöne Phrase – jetzt aber, da die Entente gesiegt hat, entscheidet die Gewalt… Mit Rebellen verhandelt man nicht…“

Es war klar, daß das Schicksal Deutschböhmens mit Waffengewalt entschieden würde.

Gegen die tschechische Besetzung protestieren die Sozialdemokraten (mit Deutschböhmen und Sudetenland entsteht ein zweites Irland). Der Vormarsch des tschechischen Militärs führt zur Erstarkung der tschechischen Minoritäten. Die Situation in der Provinz wird kritisch, denn die tschechische Regierung verhängt zusätzlich eine Wirtschaftsblockade. Mit der Besetzung Reichenbergs endet nach 44 Tagen die „Regierung Deutschböhmen“.

Nach Mitte November 1918, also drei Wochen vor dem Beginn der Pariser Friedenskonferenz, begann die tschechische Armee mit der Annexion all jener Gebiete, die nach Dr. Beneš für die Ausdehnung des künftigen Staates und seine wirtschaftliche und militärische Stabilität unerläßlich waren. Damit wurden Tatsachen geschaffen, von denen man annahm, daß es keinem mehr gelingen wird, sie zu ändern. Die deutsche Bevölkerung wurde dem tschechoslowakischen Staat ungefragt einverleibt.

Im darauffolgenden Jahren brechen die Unruhen wieder auf. Für die Krisensituation ist nicht nur die mißliche Versorgungslage verantwortlich, sondern viel mehr das gefühllose Vorgehen insbesondere des Sokol und der Legionäre, das das nationale Empfinden der Deutschen verletzt.

Die Art, wie Dr. Beneš am 5. Februar 1919 persönlich sein Memorandum Nr. 3 [Die Benesch-Denkschriften. Helmut Gordon 1990. ISBN 3-8061-1069-9] in Paris vortrug, widerte vor allem die angelsächsischen Zuhörer an. Die Teilnehmer der Pariser Konferenz waren über die wirklichen Verhältnisse in der Tschechoslowakei sehr gut informiert.

Die Unruhen kulminieren mit den Wahlen zur österreichischen Nationalversammlung, an denen die Einwohner der deutschen Kreise auch teilnehmen wollten. Für Deutschböhmen sind 54 Abgeordnetenplätze in Wien reserviert.

Aber die Prager Regierung unterband die Teilnahme der Deutschböhmen an den ersten Parlamentswahlen in Österreich. Die örtliche Landesgruppe der Sozialdemokraten beschloß, anläßlich des Wahltages am 4. März 1919 Demonstrationen und Generalstreik durchzuführen als „eine flammende Anklage gegen die Gewalt, mit der man unser Recht zu brechen sucht.“

Auf friedliche Weise demonstrierten die Deutschböhmen für das Selbstbestimmungsrecht. In Teplitz-Schönau sagte der Sozialdemokrat Josef Seliger:

„Uns führt nicht Haß gegen das tschechische Volk zusammen, dem wird seine Befreiung…gönnen… Nur die Liebe zu unserem Volke, zu unserer Freiheit und zu unserem Rechte ist es, die uns heute zusammenführt… Wir wollen ausharren in dem Kampfe um unser Selbstbestimmungsrecht!“

Und die tschechische Antwort war blutig: Unerklärlich war, daß in sieben Städten die tschechischen Soldaten den Befehl erhielten, auf die wehr- und waffenlosen Menschen zu schießen: 54 Tote und 750 Verwundete (darunter 112 Schwerverletzte) waren in Arnau, Aussig, Kaaden, Mies, Karlsbad und Sternberg zu beklagen. Unter den Toten waren: 20 Frauen und Mädchen, ein 80jähriger Greis, 16 junge Männer von 19 Jahren und 3 Kinder, 14-, 13- und 11jährig.

Dr. Beneš versucht in der einer Note vom 8. März 1919 an den französischen Ministerpräsidenten die Schuld daran den Bolschewiken zu geben und diese Vorfälle für Agitationen gegen die Deutschen zu nutzen. Diese Vorkommnisse waren Ursache für eine weitere Vertiefung des Zwiespalts zwischen beiden böhmischen Völkern.

Die letzte Hoffnung für die Bewohner Deutschböhmens ist nunmehr noch die Friedenskonferenz von Versailles und St. Germain. Die Haltung der Franzosen: Ablehnung. Alle Hoffnung richten die Sudetendeutschen auf Großbritannien und vor allem auf die USA.

Gegen die Verhandlungen von Cunningham in Wien protestiert die tschechische Seite. Die Haltung der USA vom 15. Jänner 1919 ist bekannt, die USA sehen die Frage „Deutschböhmen“ nicht als erledigt an und wollen sie anläßlich der Friedenskonferenz lösen. Eine neuen Volkszählung wird als notwendig erachtet.

Mit den deutschen Abgeordneten spricht Wilsons Bevollmächtigter Prof. Dr. A.C. Coolidge in seinem Bericht am 10. März 1919:

Würde man den Tschechen das Ganze Gebiet zuerkennen, das sie beanspruchen, wäre das nicht nur eine Ungerechtigkeit…, sondern auch für die Zukunft des neuen Staates gefährlich und vielleicht verhängnisvoll.“

Die Vertreter der USA stellen sich positiv zur Frage des Referendums und zur Besetzung des Grenzgebietes durch amerikanisches und britisches Militär. Die tschechische Delegation ändert daher ihre Taktik bei den Friedensverhandlungen und bewirkt damit eine Änderung der Haltung der Alliierten.

Seinem Memorandum Nr. 3 ist zu entnehmen, daß die tschechische Auffassung zu den deutsch-tschechischen Beziehungen und auch die Haltung des Dr. Beneš grundsätzlich deutschfeindlich war.

Der Umstand, daß die Tschechoslowakei als deutschfeindliches Gebilde im Mitteleuropa entstand, ist die Ursache ihrer Tragödie. Die Tschechoslowakei entstand nicht etwa, weil sich dies aus historischem oder natürlichem Recht herleitete, sondern deswegen, weil ein konkretes historisches Interesse, das von ausreichender Macht getragen wurde, bestand. Die vorhandene Rechtsauffassung des berechtigen Anspruchs war also nicht entscheidend. Die Entstehung wurde durch die Schwäche Deutschland und die Machtstellung Frankreichs, das die Entstehung der Tschechoslowakei in der damaligen Form forcierte, bedingt.

Frankreich betrieb die Entstehung der Tschechoslowakei keineswegs als Verwirklichung des Rechts, sondern als Ausdruck des „aufgeklärten Egoismus’“, des Schutzes eigener existentieller Bedürfnisse. Frankreichs Absicht war die Schaffung relativ starker Staatsgebilde im Rücken Deutschlands.

Die Friedenskonferenz hat dann schließlich die letzten Hoffnungen der Böhmen-Deutschen ausgelöscht.

Der Untergang dieser Provinzen und deren Besetzung durch tschechisches Militär führten zwar anfänglich zur Dämpfung des Verlangens nach Selbstbestimmung, aber die Wahlen zur Nationalversammlung Deutschösterreichs und das Massaker vom 4. März 1919 belebten von neuem die Idee der nationalen Zusammengehörigkeit. Im Beschluß der Nationalversammlung zur Berichterstattung des Kanzlers über die Verhandlungen von St. Germain von 6. September 1919 taucht von neuem der Begriff Sudetendeutsch auf und gelangt darüber hinaus in der internationale Politik.

Am 24. September 1919 sagte Dr. Rudolf Logman von Auen:

Nie wird unser Volk seinen Anspruch auf Selbstbestimmung aufgeben, nie wird es die Rechtsbeugung anerkennen … man muß dafür kämpfen, daß die CSR in einen Staat der Nationen umgewandelt wird..“


(Quelle)

 

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