Der Luftangriff auf Düren am 16. November 1944

[…] Die einzigen guten Deutschen sind die toten Deutschen; lasst jetzt die Bomben auf Deutschland regnen.

(1942, der Jude Lord Vansittart, Apostel des Hasses, in “Neuf mois au gouvernment” – La Table Ronde, 1948)

Prolog:

„Unser eigentliches Ziel waren immer die Innenstädte. Die Zerstörung von Industrieanlagen erschien uns stets als eine Art Sonderprämie“

(Arthur Bomber-Harris)

Eine der großen Geschichtslügen, die Deutschen hätten mit dem Luftterror begonnen, ist historisch schon lange widerlegt. Bereits 1939 erfolgten sieben Luftangriffe der RAF auf Nordwestdeutschland. Am 10./11. Mai 1940 wurde die Innenstadt von Mönchengladbach angegriffen. Entgegen dem Völkerrecht  wurden danach auf Befehl der Kriegsverbrecher Churchill, Roosevelt, Stalin und Konsorten durch den alliierten Bombenterror gezielt die Wohnbezirke aller deutschen Städte mit 50.000 und mehr Einwohnern in Schutt und Asche gelegt; unersetzliche Kulturgüter geplant vernichtet und etwa 1 Million Zivilisten grausam ermordet, darunter über 54.000 Kinder unter 14 Jahren.

„… ich will nicht den Kampf gegen Frauen und Kinder führen. Ich habe meiner Luftwaffe den Auftrag gegeben, sich auf militärische Objekte bei ihren Angriffen zu beschränken“

(Adolf Hitler in seiner Rede vor dem Reichstag am 1. September 1939)

Entsprechend diesem Befehl richteten sich die deutschen Luftangriffe auf Warschau im September 1939 und Rotterdam 1940  ausschließlich gegen militärische Ziele als Teil eines Feldzugs. Im Fall von Warschau wurde der Zivilbevölkerung 9 Tage Zeit gegeben, die Stadt zu verlassen, falls das polnische Militär die Stadt nicht freiwillig übergäbe. Der Angriff auf Rotterdam im Mai 1940 erfolgte, weil der niederländische Stadtkommandant die Kapitulationsaufforderung ablehnte. Das Bombardement von Coventry vom 14. November 1940 galt den im Stadtzentrum gelegenen Rolls-Royce Flugzeugmotorenwerken und zahlreichen kleineren Rüstungsbetrieben.


Der Luftangriff auf Düren

Obwohl Düren schon seit dem 19. September 1944 unter leichtem Artilleriebeschuss lag, lebten noch immer über 20.000 Menschen in der weitgehend unbeschädigten Stadt. Jeden Tag rechneten sie mit dem Vorstoß der Amerikaner, damit, dass Düren überrannt würde und der Krieg für sie vorbei wäre. Aber es kam der

16. November 1944

Am frühen Nachmittag dieses Tages begann im Rahmen der Operation Queen der verheerende Großangriff der Royal Air Force, die mit 1.122 Flugzeugen und 5.736 to Bomben innerhalb von 20 Minuten die Städte Düren, Jülich und Heinsberg total verwüstete. Auch Hildesheim, Ulm und Mainz wurden am 16. November 1944 bombardiert. Der Terrorangriff auf die Dürener Innenstadt begann um 15:23 Uhr und endete nach 21 Minuten um 15:44 Uhr. Von 474 Flugzeugen wurden 2.752 to Bomben abgeladen (5.477 Sprengbomben einschließlich 117 Luftminen zu je 1.800 kg = 2.471 to, 148.980 Brandbomben = 270 to und 95 Zielmarkierer = 10,9 to). Keines dieser Flugzeuge wurde von der deutschen Wehrmacht abgeschossen, die Alliierten hatten zu diesem Zeitpunkt die unbestrittene Luftherrschaft im Westen. Als die letzten Maschinen wieder zum Rückflug ansetzten, lag hinter ihnen eine Kraterlandschaft, ein einziges Ruinenfeld.

Augenzeugenbericht des 46jährigen Druckereibesitzers und Journalisten Jakob Schiffler:

Gegen Mittag des 16. November hört er, wie starkes Trommelfeuer zwischen Aachen und Schevenhütte einsetzt. Die Amerikaner schießen aus allen Rohren.  Plötzlich tauchen deutsche Sturmgeschütze in Düren auf, rollen mit klirrenden Ketten und dröhnenden Motoren über die Kölnstrasse nach Westen, der Front zu. Es ist ein wunderschöner Herbsttag mit strahlender Sonne. Ein Tag, wie es ihn lange nicht mehr gegeben hat.

Jakob Schiffer legt sich nach dem Mittagessen etwas hin, um auf Vorrat zu schlafen. Er rechnet damit, dass die Stadt schon bald in die Kämpfe verwickelt wird, und dass er dann für längere Zeit kein Auge mehr zumachen kann. Er lebt mit seiner Frau und dem 14jährigen Sohn wie die meisten Dürener im Keller. Dort ist man am sichersten vor den Artillerieeinschlägen und den Jagdbomber-Angriffen. Plötzlich erwacht der Drucker. Nach dem Wecker auf dem Tisch ist es 15 Uhr 20. Und Jakob Schiffer ist erwacht, weil das elektrische Licht über ihm aufgeflammt ist. Die Stadt ist tagsüber ohne Elektrizität. Der Strom wird nur eingeschaltet, wenn Alarm gegeben werden muss. Und da hallt das Heulen der Sirenen auch schon durch die Strassen der Stadt.

Gleich darauf hört Schiffer im Keller seines Hauses am Kaiserplatz das Grollen der anfliegenden Bomberflotten. Das klingt anders als sonst, anders, als wenn die Geschwader wie schon hundertmal über die Stadt hinweg zu einem fernen Ziel fliegen. Jakob Schiffer bleibt wie erstarrt stehen und horcht nach oben. Seine Frau und sein Sohn sehen ihn mit ängstlichen Augen an. Und da kommen die ersten Bombenteppiche herunter, mit einem teuflischen Kreischen und Heulen, da bebt die Erde nicht nur, da schüttelt sie sich unter der Last der Explosionen. Jakob Schiffer legt seine Arme um Frau und Kind. Sie pressen sich in ohnmächtigem Schrecken an die mächtigen Zeitungsstöße, die der Drucker bis zur meterdicken Gewölbedecke aufgeschichtet hat, um die Einsturzgefahr zu vermindern. Schon nach wenigen Minuten ist der Keller mit beißendem Rauch gefüllt. Ein ungeheurer Schlag reißt die Zeitungsstöße zusammen. Die drei Menschen werden von einer mächtigen Druckwelle durcheinandergewirbelt.

Es wird unerträglich heiß in dem unterirdischen Gewölbe. Jakob Schiffer ist fast taub von dem lärmenden Todeswirbel unzähliger Bomben. Und so ist die Stille, die plötzlich einbricht, fast peinigend. Benommen richtet sich der Drucker auf, lauscht nach draußen, hört keine Bombeneinschläge mehr. „Raus!“ ruft er Frau und Sohn zu. „Wir müssen sofort raus!“ Sie kriechen durch den Kellerdurchbruch in das Nachbarhaus der Metzgerei Niggenbölling. Dort hocken 16 Menschen in dem dichten Rauch und Qualm, der von oben herunterdringt. Wieder schreit Schiffer: „Los, alle raus, bevor das Feuer uns jeden Ausweg versperrt!“

Nur Dr. Jeiter, ein Textilkaufmann aus dem Nachbarhaus, kommt mit. Sein Vater bleibt im Keller der Metzgerei zurück. Er hat Angst vor den glühenden Flammen wie alle anderen. Schiffer rennt durch die Kellerräume und sucht einen Ausgang nach oben. Aus dem Fleischkeller führt eine Zementtreppe, die noch passierbar ist. Unvorstellbar ist die Hitze, die den vier Menschen entgegenschlägt. Trotzdem arbeitet der Drucker sich weiter vor, steht endlich vor dem Eisengitter, das vor der Ladentür heruntergelassen worden ist. Sie wären gefangen in dieser lodernden Hölle, wenn ein riesiger Trümmerblock nicht gegen die Gitterstäbe geprallt und sie so weit auseinandergebogen hätte, dass sich ein Mensch gerade noch hindurchzwängen kann.

Jetzt sind sie auf dem Kaiserplatz. Entsetzt bleiben sie stehen. Der Platz ist eine Mondlandschaft, ein Kraterfeld. Dort, wo vor einer halben Stunde noch ihre Heimatstadt war, dort ist jetzt eine rauchende, prasselnde Hölle. Und in dieses Inferno hinein heult plötzlich wieder ein Bombenteppich, zwingt die Menschen in die Knie, presst ihre Gesichter auf den Boden.

Das letzte Geschwader dreht zum Rückflug ein. Aber Jakob Schiffer weiß, dass die Gefahr noch lange nicht vorbei ist. Wenn sie nicht bald einen Weg aus der brennenden Innenstadt finden, wenn sie nicht einen Durchschlupf in den Flammenwänden entdecken, dann sind sie verloren. „Zur Annakirche!“ schreit der Drucker.

Die Annakirche, dieses Wahrzeichen der Stadt, das auf den Fundamenten der Königlichen Pfalzkapelle aus dem Jahre 775 steht, ist nur etwa 60 Meter entfernt. Aber die Rauch- und Staubwolken sind so dicht, dass der hohe Kirchenbau nicht zu erkennen ist. Erst als die Fluchtenden schon unmittelbar vor der Kirche stehen, erkennen sie den mächtigen Turm. Auf dem Platz und den Strassen liegen die Giebel der zusammengestürzten Häuser. Das Balkenwerk und die Dachsparren brennen wie Scheiterhaufen. Immer stärker wird der Sturm, den die Flammen erzeugen, und der nun die Flammen immer wilder anfacht.

Der Turm der Annakirche brennt. Das Dach ist eingestürzt. Der Feuersturm fegt brennende Sparren herunter. Wie gebannt stehen die Menschen im Feuermeer, trauen sich weder vor noch zurück. Plötzlich schreien sie auf. Der hohe Turm schwankt, droht zusammenzustürzen. Eine schwere Sprengbombe ist unten in seine Südseite eingeschlagen, hat ein riesiges Loch gerissen.

Noch eine Handvoll Überlebende sind zu Jakob Schiffer gestoßen. Jenseits der Kirche liegen die Häuser der Kaplane und das Restaurant „Der Altdeutsche“. Und dahinter wieder liegen Gärten. Gärten, in denen das Feuer kaum Nahrung findet, in denen man atmen kann. Wenn sie diese Gärten erreichen, dann sind sie gerettet. Aber eine riesige Flammenwand, die von der „Altdeutschen“ bis zur Kirche hinüberlodert, versperrt ihnen de Weg.

Auch jeder andere Ausweg aus der wütenden Glut der Dürener Innenstadt wird durch Trümmer oder lodernde Brände versperrt. Und jeden Augenblick kann der schwankende Kirchturm einstürzen und die Menschen unter sich begraben. Der kleine Egon Schiffer ruft verzweifelt: „Jetzt sind wir aus dem Keller entkommen, und müssen hier sterben!“ Der Vater versucht, seinen Sohn zu beruhigen. „Der Herrgott hat uns aus dem Keller geholfen. Er wird uns auch jetzt nicht im Stich lassen. Er wird uns einen Ausweg zeigen.“ Nur der Herrgott kann ihnen noch helfen, das weiß Schiffer. Tränen rinnen über seine Wangen.

Da schlägt der Sturm um, wirft die Flammenwand vor ihnen zur Seite. Ein schmaler Durchgang zwischen dem schwankenden Kirchturm und den danebenstehenden Häusern ist frei. Dahinter, auf dem 30 Meter entfernten Buttermarkt, brennt es nicht. Jakob Schiffer reißt Frau und Kind mit, stürmt vorwärts durch diese Gasse. Alle anderen folgen ihnen.

Keuchend bleiben sie auf dem Buttermarkt stehen, ringen nach Atem. Da springt der Sturm sie auch schon wieder mit wütender Gewalt an. Der Drucker dreht sich um. Er will aufschreien, aber der Schrei erstickt in seiner Kehle. Der brennende Helm des Annakirchturms ist vom Sturm aus dem Gebälk gelöst worden, kippt zur Oberstrasse ab. Und im gleichen Augenblick bäumt der Kirchturm sich noch einmal auf und stürzt dann in sich zusammen. Das Wahrzeichen von Düren ist nicht mehr.

Wie von Furien gehetzt, nehmen die Menschen ihre Flucht wieder auf. Sie waten durch die aufgestauten Gewässer eines Abwasserbachs durch die Goethestrasse bis hin zum Damm der Bahnlinie Düren-Heimbach. Hier endlich sind sie in Sicherheit.

Als Jakob Schiffer zwei Tage später durch den Keller der Metzgerei Niggenbölling in das Gewölbe unter seinem zusammengestürzten Haus vordringen will, findet er mehr als ein Dutzend Tote. Dem Metzgermeister und seiner gesamten Familie ist die Furcht vor den Flammen zum Verhängnis geworden.

Was sich in den Kellern und Gewölben der Stadt, die zu Gräbern und Grüften wurden, abgespielt hat, das kann sich nur jemand vorstellen, der selbst dort unten eingeschlossen war. Im Archiv der Stadt Düren befindet sich der Erlebnisbericht der jungen Kathi Neumann, die mit ihren Eltern im Haus Oberstrasse 115 wohnte.

„Während wir noch in panischer Angst die Treppe hinunterrasen, fallen schon die ersten Bomben. Ich merke nur noch, wie außer unserer Familie noch zwei, drei Menschen hinter mir runterstürzen. Da wird auch schon alles von heftigen Detonationen durcheinandergewirbelt. Ich höre die gellenden Schreie meiner Mutter, die sich schützend über mich beugt, das Stöhnen eines Soldaten, und das Fluchen eines anderen. Gewaltige Erschütterungen schleudern uns hin und her, von einer Ecke in die andere. Vollkommen kraftlos sind wir der entfesselten Gewalt des ungeheuren Luftdrucks ausgeliefert. Schließlich werde ich bewusstlos. Mein letzter Gedanke: Ob so das Sterben ist?

Wie lange ich in meiner Ecke gelegen habe, bis ich wieder zu mir komme, weiß ich nicht. Meine Stirn ist heiß und feucht. Blut. Dicker, undurchdringlicher Staub hängt in der Luft. Stöhnen hier, Wimmern neben mir. „Mutter! Mutter!“ rufe ich.

Die Mutter lebt. Aber der Vater? Wir tasten uns durch das Dunkel. „Vater! Hörst du mich? Vater!“

Stöhnen antwortet uns. Mein Vater liegt bewusstlos unter der Schuttmasse. Ein Soldat jammert. Er ist verletzt und blutet. Der andere hilft meiner Mutter, den Vater aus seiner schmerzlichen Lage zu befreien. Mit einer Autobatterie gelingt es uns, behelfsmäßig Licht zu machen. Welch ein Anblick! Neben mir kauert meine Tante mit ihrem sechs Wochen alten Söhnchen, das kläglich weint. Sie hält das Kind fest an sich gepresst und starrt uns stumm und vollkommen abwesend an. Meine Mutter klagt und bemüht sich um meinen Vater, der gequält aufstöhnt.

Die beiden Soldaten versuchen, über die zum Teil meterhohen Schuttmassen einen Weg nach draußen zu finden. Enttäuscht und zerschunden kommen sie zurück. Wir sind eingeschlossen. Verschüttet. Lebendig begraben.

17 Uhr 30. Verschüttet… was das heißt, das wird uns erst recht klar, als mit einem mal dicke Rauchschwaden in den Keller dringen. Es brennt! Wie wahnsinnig stürzen wir auf, reißen unsere letzte Kraft zusammen. Alle von einem Willen beseelt. Wir wollen raus.

Raus… aber wo? In unserer Not fangen wir an zu beten. Nie im Leben hatte ich so inbrünstig gebetet. Wie besessen arbeiten die Männer, stoßen mit einem Abstützbalken fortwährend gegen die vielfach gerissene Beton-Kellerdecke. Angstvoll schreien wir um Hilfe. Ein Soldat schießt mit seinem Revolver in Richtung des Notausgangs. Hört uns denn niemand? Man muss uns doch helfen!

20 Uhr… Der Rauch wird dichter und quält beim Atmen. Erstickender Russ, tränende Augen, stechender Schmerz im Ohr und furchtbares Hämmern im Kopf. Die Kraft verlässt einen nach dem andern. Oder ist es der Mut, den wir jetzt langsam aufgeben? Resigniert, erschöpft und gequält sitzen wir auf dem heißen Schutt, der mehr und mehr unseren kleinen Raum ausfüllt, und starren gegen die rissige Decke, durch deren Spalte jetzt langsam eine zähflüssige Masse sickert. Überall wo sie niederkommt, züngeln kleine Flämmchen auf.

Phosphor!

Mit Trümmerschutt in den Händen stürzen wir uns auf das Feuer und versuchen, es zu ersticken. Es gelingt uns teilweise, verursacht aber einen beißenden Qualm, der uns restlos zu ersticken droht. Machtlos lehnen wir uns gegen die geborstenen Mauern und starren in die züngelnden Flammen, die sich gierig näher und näher fressen. Die Hitze wird unerträglich.

22 Uhr… Ich glaube nun nicht mehr an eine Rettung. Wo mag ich wohl anfangen zu brennen? Ob es sehr weh tut? Während grausame Minuten der Todesangst dahinschleichen, sagt einer der beiden Soldaten: „Ehe wir hier elend verbrennen, lieber eine Kugel!“

Er macht sich an seinem Revolver zu schaffen. Wir nehmen ihn nicht ernst, da wir augenblicklich genug mit uns selbst zu schaffen haben. Da, ein Schuss!

Der Soldat hat seinen Kameraden erschossen. Keiner von uns spricht ein Wort. Jeder denkt: Jetzt bist du der nächste. Ich halte die Luft an, angstschweißgebadet, betend. Wieder ein Schuss! Ich suche meine Eltern mit den Augen. Sie leben noch. Meine Tante mit dem wimmernden Kind kauert auch noch an der gleichen Stelle. Der Soldat hat sich selbst das Leben genommen. Ein kurzes Röcheln, dann Stille.

Jetzt ist nur noch das furchtbare Heulen des Feuers zu hören, das Knistern des brennenden Holzes, dann und wann Gepolter von einstürzenden Trümmern, nur noch ganz selten das jämmerliche Wimmern des Kleinen, das Schluchzen seiner Mutter, dann wieder Stille, unheimliche Totenstille…

Der kleine Junge ist tot. Weit geöffnete Augen, weißer Schaum vor dem kleinen Mund, verkrampfte blaue Fäustchen. Erstickt. In ihrer Verzweiflung presst meine Tante das Bündel fest an sich, als versuche sie, ihm wieder Leben zu geben. Gequält schreit sie: „Es ist tot! Es ist tot!“ Wer wird wohl der Nächste von uns sein?

22 Uhr 30… Weil sonst kein Platz mehr ist in unserem von Trümmern immer weiter eingeengten Raum, müssen wir uns auf die beiden blutüberströmten Toten setzen, zermartert und geistig vollkommen abwesend. Denken ist unmöglich, den Tod so grausam und so nah vor Augen, fast keine Hoffnung auf Rettung und nur auf unser schreckliches Ende wartend.

3 Uhr… Keine Hilfe in dieser Hölle?

3 Uhr 30… Da! Das sind Detonationen. Da wieder. Blindgänger? Artillerie? Eine heftige Erschütterung im Keller. Ein Krachen und Bersten. Eine ungeheure glühende Schuttmasse, wie von einem Fuhrwerk abgeladen, verschüttet unseren sowieso schon beengten Raum. Bis zur Hüfte stecken wir plötzlich in der heißen Trümmermasse.

Ist das nun das letzte, was wir noch zu ertragen haben? Ein grauenvolles Ende. Wir geben auf…

Auf einmal schreit mein Vater mit äußerster Stimme: „Ich sehe den Himmel! Wir sind frei! Wir sind gerettet, kommt!“

Diese Worte, und auch die Tatsache, dass die bisher undurchdringlichen Rauchschwaden abziehen, wecken in uns allen neues Leben. Selbst unser kleiner Dackel, den ich längst tot glaubte, rührt sich, als ob er ahnte, um was es ginge. Mit fast übermenschlicher Kraft befreien wir uns gegenseitig. Schmerzen beachtet jetzt keiner mehr. Wir haben Luft! Über uns klafft eine Öffnung, und darüber ist der Himmel!

Als erster steigt mein Vater durch die enge Höhle nach draußen. Dann folgen meine Tante mit dem toten Jungen, meine zu Tode erschöpfte Mutter und zuletzt ich selbst mit meinem kleinen, zitternden Hund. Da stehen wir nun auf den glühenden Schuttmassen unseres Hauses wie auf einem niedergebrannten Scheiterhaufen. Was wir sehen, ist Grauen überall: Vom Sturm gepeitschte Flammen, einstürzende Ruinen, dicker, schwarzer Rauch, und darüber ein von Feuer geröteter Himmel.

Wie wir über die heißen, holprigen Schuttmassen hinweg durch all die Flammen hindurch an den endlosen Stätten des Grauens vorbei bis zum Friedrichplatz kamen, und von da aus zur Südschule irrten, und wieder zurück zur Zülpicherstrasse flohen, und schließlich unter Führung von Rettungsmannschaften durch die Nideggenerstrasse zur Josephskirche fanden, vermag ich nicht mehr zu sagen. Ich weiß nur noch, dass wir alle still vor uns hingeweint haben, einer den anderen stützend und tröstend. Die Erlebnisse waren zu grauenvoll, als dass man sich über unsere, fast wie ein Wunder scheinende Rettung hätte freuen können. Unter Tieffliegerbeschuss und Artillerieeinschlägen gelangten wir bis zum Gut Stepprath [südlich von Düren]. Als einzigstes Gepäck: Das tote Kind.

Eisiger Wind und peitschender Schneeregen und noch nicht einmal einen Mantel oder eine Decke, um sich gegen die schneidende Kälte zu schützen. Kein Taschentuch, um die Tränen zu trocknen. Kein Läppchen, um die Wunden und Brandblasen zu verbinden. Die Landstrasse nach Stockheim [südlich von Düren] ist besät mit Menschen, die der Hölle entronnen sind. Allen starrt noch das Grauen aus den Augen. Viele weinen um irgend jemand, den sie in der Totenstadt zurücklassen mussten…“  

Das war das Ende von Düren!

Bilanz:  Wie viele Menschen bei diesem einen Angriff umgekommen sind, kann niemand genau sagen. Auf dem Neuen Friedhof sind insgesamt 3.475 Zivilisten beigesetzt, die am 16. November 1944 den Tod gefunden haben. Unter den Trümmern aber müssen noch zahllose Menschen begraben worden sein, die man nie gefunden hat. Im Lagebericht des Bürgermeisters der Stadt vom Februar 1945 heißt es:

„Da der Angriff in die Geschäftszeit fiel, befanden sich viele Auswärtige zum Einkauf in der Stadt. Die Nähe der Front brachte es mit sich, dass auch eine große Zahl von Soldaten sich dauernd in der Stadt aufhielt. In den meisten Fällen war nicht einmal festzustellen, wie groß die Zahl der Vermissten überhaupt war, da Hausbewohner oder Nachbarn, die Auskunft gegen konnten, nicht mehr vorhanden waren.“

Heute (2012) nimmt die Stadtverwaltung mit Sicherheit an, dass wenigstens 5.000 bis 6.000 Menschen getötet worden sind.

Nach dem Angriff verließ die überlebende Bevölkerung fluchtartig die Stadt. Der größte Teil der Geflüchteten konnte nur das nackte Leben retten. Die Zerstörungen im Stadtgebiet waren von einem solchen Ausmaß, dass ein Verbleiben der Bevölkerung in der Stadt ausgeschlossen war. Auf das Stadtgebiet wurden etwa 4.000 Spreng- und Minenbomben sowie 50.000 bis 60.000 Brandbomben abgeworfen. Es wurden Bombentrichter bis zu zehn Meter Tiefe und 25 bis 60 Meter Durchmesser festgestellt.

Am 17. November 1944 begannen die Bergungsversuche. Zurückkehrende Einwohner sowie Bergungs- und Räumtrupps aus Köln, Duisburg, Essen und Düsseldorf begannen mit der Suche nach Verschütteten. In Ermangelung jeglichen schweren Geräts erfolgen die Arbeiten mit Hacken, Schaufeln und bloßen Händen. Bis einschließlich 19. November wurden noch Personen lebend geborgen.

Die Rettungsarbeiten waren durch schwersten Artillerie-Beschuss bei Tag und Nacht, durch Langzeitzünder sowie durch Tiefflieger stark behindert und gefährdet. Die Bergung von Verschütteten gestaltete sich besonders schwierig, weil keine Bunker vorhanden waren und die Bewohner sich in den Luftschutzräumen der Häuser aufhielten. Am 18. November stellte der eingesetzte Horchtrupp Köln seine Tätigkeit ein, da er nichts Lebendes mehr feststellen konnte. Am 19. November wurde Düren und die umliegenden Dörfer auf Anordnung des Reichsverteidigungskommissars geräumt. Die Verladung geschah mit der Reichsbahn ab Buir. Die Evakuierung erfolgte hauptsächlich in die Gaue Halle-Merseburg, Thüringen und Hannover-Braunschweig; kleinere Teile der Bevölkerung wurden in andere Gegenden versprengt oder versuchten auf eigene Faust, aus dem Dürener Gebiet wegzukommen.

Am 23. November 1944 hatte Düren noch etwa 200 Einwohner. Als die Amerikaner nach langen Monaten am 25. Februar 1945 den Trümmerhaufen eroberten, lebten von fast 50.000 Einwohnern nur noch vier in den Kellern der Stadt. Und von 9.322 Häusern und Gebäuden überstanden nur 13 den Vernichtungsangriff auf Düren unbeschädigt.

Keine andere Stadt war in diesem Kriege so vollständig dem Erdboden gleichgemacht worden.


Bürgermeister Dr. Küper als örtlicher Luftschutzleiter berichtet dem Befehlshaber der Ordnungspolizei in Kaiserswerth über den Luftangriff am 16. November 1944 und über die bis zum 20. November 1944 erfolgten Ereignisse und Maßnahmen:

Düren, den 21.11.1944
Bunker „Schöne Aussicht“
An der Landstraße Köln-Düren.

Betr.: Luftangriff am 16.11.1944
Übersichtsmeldung bis einschl. 20.11.1944

Am 16.11.1944 gab die örtl. Luftschutzleitung um 11:00 Uhr Fliegeralarm. Starke feindliche Kampfverbände kreisten im Raume Düren – Eschweiler – Jülich und warfen dort laufend Bombenteppiche. Gleichzeitig lag schwerstes Artilleriefeuer auf dem vorgenannten Raum und auf dem Stadtgebiet Düren. Um 15:26 Uhr meldeten die Beobachter starke Anflüge von Südwesten her, im selben Augenblick wurde eine rote Leuchtkaskade abgeworfen, die auf das Dach der Unterkunft des Kommandos der Schutzpolizei, Kaiserplatz 18, fiel und den Dachstuhl in Brand setzte. Um 15:27 Uhr fielen die ersten Bomben auf das Kommandogebäude und nächste Umgebung. Alsdann setzte ein Bombardement unvorstellbaren Ausmaßes ein, das bis 16:03 Uhr anhielt. Die Auswirkungen waren schwerster Art. Die örtl. L[uft]S[chutz].-Leitung, alle Dienststellen der Polizei, alle städtischen Dienststellen sowie staatliche und militärische Dienststellen wurden vollständig zerstört und das Personal restlos verschüttet. Die ört. LS.-Leitung, beide Polizeireviere und noch einige andere Dienststellen konnten sich nach großen Anstrengungen von innen heraus selbst befreien. Mit zerrissenen Uniformen und teilweise unvollständig bekleidet erreichten die Beamten das Freie. Die gesamte Ausrüstung der Beamten ging verloren, einige Karabiner konnten nachträglich ausgegraben werden. Die Fahrzeuge der Polizei, die an drei verschiedenen Stellen untergebracht waren, wurden größtenteils völlig zerstört, der Rest schwer beschädigt. Die gesamte Innenstadt im Ausmaße von 3 Quadratkilometern bildet ein Trichterfeld.

Von den insgesamt vorhandenen rund 9.000 Gebäuden sind mehr als 7.000 restlos zerstört, alle anderen sind mehr oder weniger schwer beschädigt. Es wurden Bombentrichter festgestellt bis zu 10 Meter Tiefe und 25-30 Meter Durchmesser. Der Angriff wurde von mindestens 600 viermotorigen Bombern durchgeführt. Sofort nach ihrer Befreiung ließ die örtl. LS.-Leitung mit dem Rest der ihr verbliebenen Kräfte und mit tatkräftiger Unterstützung der Zivilbevölkerung die Bergungsarbeiten aufnehmen. Gleichzeitig wurde ein Kurier mit Kraftrad nach Kaiserswerth entsandt, außerdem wurde von Titz aus fernmündlich Meldung nach Kaiserswerth gegeben.

Noch im Laufe der Abendstunden wurden Hunderte Verschüttete lebend geborgen. Genaue Zahlenangaben hierüber können nicht gemacht werden.

Von Stunde zu Stunde dehnten sich die Brände zu einem einzigen Flächenbrande aus. Dichte schwere Rauchschwaden machten einen weiteren Aufenthalt im Stadtgebiet unmöglich. Die örtl. LS.Leitung beabsichtigte, am nordostwärtigen Stadtrand von Düren eine Befehlsstelle einzurichten. Dies stellte sich aber als unzweckmässig heraus, weil der starke Südwestwind die Rauchschwaden nach Nordosten trieb und ein Eindringen in die Stadt von dieser Seite unmöglich machte. Darauf verlegte sie ihre Befehlsstelle in das Rathaus Birkesdorf, der Ort gehört als 3. LS.-Revier zum LS.-Ort Düren.

Ab 0:30 Uhr rollten die vom BdO. in Marsch gesetzten Kräfte in Birkesdorf an und wurden von dort aus eingesetzt.

Am 17.11.44 wurde die LS.-Leitung zum Bunker >>Schöne Aussicht<< an der Straße Köln – Düren verlegt, von wo aus der Einsatz ungestört erfolgen konnte, da der Flächenbrand inzwischen abgeklungen war.

Die Arbeit der Einsatzkräfte wurde durch Artilleriebeschuß und Tiefflieger stark behindert. Außerdem explodierten anhaltend Langzeitzünder.

Am 20.11.44 um 8:15 Uhr wurden bei Bergungsarbeiten an der Reichspost durch Langzeitzünder 4 Angehörige der 3. I.-Bereitschaft Duisburg getötet und 7 verletzt bzw. verschüttet. Ferner wurde ein Angehöriger der LS.-Abtlg. mot. 23 Essen durch Tiefflieger schwer verletzt.

Das Ergebnis der eingesetzten I.-Dienstkräfte bis einschließlich 20.11.44 ist folgendes:

1) lebend geborgen ……..17

2) tot geborgen …………119

Die Zahl der noch Verschütteten wird auf mehr als 2.000 geschätzt. Die eingesetzten I-Dienstkräfte reichen für die noch zu leistenden Bergungsarbeiten nicht aus. Die Bevölkerung hat sich in der Hauptsache in den Luftschutzräumen ihrer Häuser aufgehalten. Dadurch muß jeder Keller freigelegt werden. Die verhältnismäßig geringe Zahl der bisher von den I.-Dienstkräften geborgenen Personen ist auf diesen Umstand zurückzuführen.

Die San.-Bereitschaften haben bis einschl. 20.11.44 270 Verwundete verbunden und transportiert.

Verluste: Polizei: 1 Gefallener, 4 Vermißte.

Frw. Feuerw.: 1 Gefallener, 20 Vermißte.

TN: 6 Vermisste

Wegen der Frontnähe war die Aufräumung die vordringlichste Aufgabe. Am 17.11.44 wurden unter dem Kommando des SA.-Sturmbannführers Rutkowski 1.800 Ostarbeiter eingesetzt. Die Arbeiten gingen schnell vonstatten, so daß am 18.11.44 der Verkehr durch Düren teilweise durchgeleitet werden konnte. Am Abend des 20.11.44 waren alle Hauptverkehrsstraßen aufgeräumt. Die Beschilderung der Durchgangsstraßen ist behelfsmäßig durchgeführt. Die Arbeit des Sturmbannführers Rutkowski verdient besondere Anerkennung.

In der Anlage füge ich den Bericht des Einsatzführers des I.Dienstes, Abtl.-Führers Richter, bei. Die ruhige und umsichtige Leitung des I.-Dienstes durch den Abtl.-Führer Richter wird besonders hervorgehoben.


(Quelle)

Köln/Düren vor der Einäscherung:

http://www.dueren.de/stadtinfo/historie/

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