Brief einer Breslauer Frau – „Ich bringe Gabi nicht mit”

Ich bringe Gabi nicht mitStriegau, den 29. Januar 1945

Liebe Mutter,

ich schreibe Dir nun von hier und hoffe, daß Dich dieser Brief trotz allem, was. jetzt geschieht, noch erreicht. Ich liege hier in einem Behelfskrankenhaus auf dem Flur und muß morgen weiter, weil alles überfüllt ist und die Russen auch hierhin kommen. Ich will dann sehen, ob ich bis zu Euch kommen kann. Bitte, erschrick nicht, liebe Mutter, aber ich bringe Gabi nicht mit,

und ich habe einen erfrorenen Arm. Ich hätte sonst Gabi vielleicht noch weiter getragen. Aber sie hätte auch hier keinen Sarg bekommen, denn Särge gibt es ja kaum noch, und sie wäre auch hier nur schnell begraben worden.

Ich konnte sie nicht mehr weit tragen, als sie tot war. Ich konnte es nicht mehr aushalten und habe sie gut eingewickelt und an der Straße hinter Kanth tief in den Schnee gelegt. Da war Gabi nicht allein, denn mit mir waren ein paar tausend Frauen mit ihren Kindern unterwegs, und sie legten auch die Gestorbenen in den Graben, weil dort bestimmt keine Wagen und keine Autos fahren und ihnen noch ein Leid antun können. Gabi war auf einmal tot. Ich hatte sie bestimmt gut eingewickelt in zwei Decken. Aber sie war ja erst vier Monate alt, und Kinder von zwei und drei Jahren sind unterwegs gestorben.

Es war so schrecklich kalt und es stürmte so eisig, und es fiel Schnee und es gab nichts Warmes, keine Milch und nichts. Ich habe noch versucht, Gabi hinter einem Haus die Brust zu geben, aber sie nahm sie nicht, weil alles so kalt war. Das haben viele Frauen versucht, und manche haben sich die Brüste erfroren. Das muß ganz furchtbar sein, und es eitert. Viele haben sich auch eine Lungenentzündung geholt. Ein paar liegen hier und phantasieren von Breslau und von den Männern und den Kindern. Hier liegt eine Frau aus der Brandenburger Straße. Die hat alle drei Kinder verloren. Es war schlimm und ich möchte nicht noch einmal in meinem Leben diesen Weg gehen. Wir sind am 20. Januar am Nachmittag, als es schon fast dunkel war, aufgebrochen.

In der Nacht vorher mußte Rudolf ganz plötzlich weg. Sie holten mitten in der Nacht alle Männer zum Volkssturm. Aber ich habe ihm noch versprechen müssen, mit Gabi zu Euch zu fahren und nicht in Breslau zu bleiben wegen der Russen und allem, was sie uns Frauen antun. Er sagte, er wird nie darüber hinwegkommen, wenn mir so etwas geschieht. Sonst wäre ich vielleicht nicht aus Breslau weggegangen, als es nachmittags hieß, alle Frauen mit Kindern sollen sofort zu Fuß aus der Stadt marschieren. Es gibt keine andere Rettung mehr. Es war um drei Uhr nachmittags, und der Himmel war grau. Ich hatte keinen Schlitten und konnte mir auch keinen leihen, weil alle ihre Schlitten selber brauchten. So habe ich nur Gabi genommen und die Decken und einen Rucksack und die nötigsten Sachen für uns und Trockenmilch und die Flasche, weil ich dachte, irgendwo könnte ich sie schon warm machen. Denn ich dachte, die NSV hätte gesorgt und würde uns nicht ganz so hilflos ziehen lassen. Als wir auf die. Straße kamen, gingen schon überall Frauen mit Schlitten und Kinderwagen, und es war schlimm, daß wir keinen Kinderwagen mehr bekommen hatten. Aber viele haben später die Wagen  zurücklassen müssen, weil sie damit nicht durch den Schnee kamen.

Es wurden immer mehr Frauen, die unterwegs in die Vorstädte im Westen waren. Wir schlössen uns hier und da zusammen, weil wir uns vielleicht gegenseitig helfen konnten und die eine Trost bei der anderen suchte. Es war dann schon dunkel. Aber es fuhren immer noch Autos von der Partei mit Lautsprechern herum. Sie riefen noch, daß die Frauen die Stadt verlassen sollten. Es war unheimlich und traurig.

Es fing bald an zu schneien. Und die Frauen, die ihre Kinder im Arm und außerdem noch Betten und kleine Koffer bei sich hatten, begannen Gepäck abzuwerfen, weil sie es nicht mehr tragen konnten. Auch mein Arm wurde da schon steif vom Frost. So sind wir viele Stunden bis Kanth gelaufen. Oft ganz langsam Schritt für Schritt. Und da lagen die ersten toten Kinder in den Gräben und auf dem Marktplatz in dem Ort. Und vor vielen Häusern saßen Frauen, die sich ausruhen wollten, mitten im Schnee. Ich habe auch an ein paar häuser geklopft, weil ich gern für Gabi etwas Milch warm machen wollte. Aber niemand öffnete mir. Andere Frauen hatten mehr Glück als ich.

Da habe ich auch einen Augenblick im Schnee gesessen. Dabei konnte ich sehen, wie viele Frauen unterwegs waren. Es waren viele, viele tausend, und der Zug nahm kein Ende. Sie ließen immer mehr Sachen zurück, weil sie so nicht mehr weiter konnten. Ich bin dann weitergegangen bis zum nächsten Ort. Da habe ich wieder versucht, in ein Haus zu kommen. Aber nur Hunde kläfften. So taumelt eich weiter. Und ich habe die Bäume an der Straße gezählt und mich von Baum zu Baum geschleppt. Fortgeworfene Sachen lagen auf der Straße.

Viele Frauen saßen auf ihren Schlitten und wollten sich ausruhen. Aber die Kälte trieb sie weiter, bis auf die, die sitzen blieben und mit ihr ihren kleinen Kindern erfroren sind. Ich habe viele gesehen, die dasaßen mit dem Rücken gegen einen Baum und manchmal standen größere Kinder daneben und weinten. Mutterliebe ist sicher die größte Liebe. Aber wie groß alle Liebe auch sein mag, wir sind nur schwache Geschöpfe.

Als es anfing, hell zu werden, waren wir schon nahe bei Kanth. Gabi hatte ein paar Stunden geweint, aber was sollte ich denn tun? Ich bin noch in ein paar Dörfern gewesen. Wir haben geklopft und geklopft und geschrieen. Wieder sind welche von uns eingelassen worden, aber nicht ich.Viele Frauen haben vor Wut mit Schneebällen die Fenster eingeworfen. Aber das half uns nichts. Die Strafe werden sie für ihre Hartherzigkeit noch bekommen.

Dann habe ich versuch, gabi die Brust zu geben, aber sie nahm sie nicht. Und ide Milch in der Flasche war wie Eis, obwohl ich sie in der Decke fest an mich gedrückt hatte. Ich habe vor Elend immer vor mich hingeweint, und ein paar Mal war ich auch schon so weit, daß ich mich am liebsten in den Schnee geworfen hätte, um zu sterben. Aber dann habe ich an Rudolf gedacht und an Euch.

So wurde es heller und heller. Und ich sah wieder tote Kinder am Straßenrand. Vielleicht haben manche sogar lebende Kinder zurückgelassen, um sich zu retten. Wir alle torkelten ja nur so dahin. Es wehte immer noch ganz kalt, und meine Füße fühlte ich überhaupt nicht mehr. Da kam ich zu einem Herrenhaus. Da wohnten endlich Menschen, denn sie hatten alle Räume aufgemacht, und ein Teil von uns konnte sich erwärmen, und es wurde Milch gekocht für die Kinder.

Aber als ich Gabi auspackte und mich freute, daß ich ihr nun etwas Warmes zu trinken geben konnte, da war sie ganz still, und die Frau neben mir sagte: „Die ist ja tot!“ Ich weiß nicht, was ich noch schreiben soll, libe Mutter. Aber jetzt ist alles so anders, als es früher war, auch mit dem Traurigsein. Ich konnte über Gabi nicht mehr weinen. Aber ich wollte sie auch nicht zurücklassen. Ich bin mit ihr losgelaufen. Man tut so viel Unsinn in solchen Augenblicken. Mein Arm wollte dann nicht mehr. Ich habe es mit dem anderen Arm versucht, aber mit dem schaffte ich es auch nicht lange. Und da ist es dann geschehen. Und dann habe ich endlich ein paar Soldaten gefunden, die Mitleid mit mir hatten und mich in ihrem Auto mitnahmen.

Seid nur nicht böse, liebe Mutter, wegen gabi. Denkt Ihr wäret so über die Straßen gezogen und durch den Schnee. Vielleicht versteht Ihr es, und vielleicht versteht Rudolf es auch, wenn er noch aus Breslau herauskommt und wir uns noch einmal wiedersehen.

Deine Erika


Dieser Text von Erika Hanisch stammt aus dem Buch „So gingen wir fort“, erschienen im Lehmanns-Verlag, München. Abgedruckt haben wir ihn mit freundlicher Genehmigung des Verlages erstmals in unserer Mitgliederzeitschrift „Kriegsgräberfürsorge“, Heft 4/1970, ferner im Jahr 1999 in unserem Buch „Erzählen ist Erinnern“, als Band 1 der allgemeinen Volksbund-Buchreihe.


(Quelle)

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