Der Todesmarsch von Saaz nach Postelberg

Erlebnisbericht von Günther Hoffmann

Am 2. Juni 1945 wurde Saaz von den russischen Besatzungstruppen an die tschechische Verwaltung übergeben. Zunächst verlief alles ruhig. Am darauf folgenden Sonntag, dem 3. Juni wurden wir morgens um 7:00 Uhr durch Gewehrschüsse und Kolbenschläge an die Haustür geweckt. Nachdem wir diese geöffnet hatten, drangen tschechische Soldaten der Svoboda-Armee und tschechische „Befreiungskämpfer“ in das Haus ein und forderten meinen Vater und mich auf, uns sofort anzuziehen und mit ihnen zu gehen. Dabei erlaubten sie uns nicht einmal, dass wir uns von unseren Angehörigen verabschiedeten.

Mit Kolbenschlägen und Fußtritten trieb man uns die Treppe hinunter, so dass wir mehr fielen als gingen. Ähnlich verfuhr man in den Nachbarhäusern. In kurzer Zeit waren alle in der Nachbarschaft wohnenden Männer und Burschen zusammengetrieben. Im Eiltempo jagte man uns dann auf den Marktplatz, den man als Sammelpunkt ausersehen hatte. Wer körperlich nicht in der Lage war, das scharfe Tempo mitzuhalten und zurückzubleiben versuchte, wurde kaltblütig erschossen.

Auf dem Marktplatz erklärte man uns, dass wir alle ausnahmslos Verbrecher seien, ließ uns aber im Unklaren, was man mit uns vorhatte. Zunächst ließ man uns etwa von 8:00 Uhr morgens bis 14:00 Uhr nachmittags auf dem Marktplatz, auf den die Juni-Sonne unbarmherzig herniederbrannte, stehen. Dabei blieb es nicht aus, dass einige Männer ohnmächtig wurden und zusammenbrachen. Sie wurden kurzerhand erschossen. Gegen 15:00 Uhr mussten wir uns in Achterreihen aufstellen, und es begann der Marsch in das etwa 12 km entfernt gelegene Postelberg. Dieser war für viele von uns der Marsch in den Tod. Das Begleitpersonal bestand aus berittenem und motorisiertem Militär. Alle Soldaten trugen lange Reitpeitschen und Gummiknüppel bei sich. Um uns in der gewünschten Geschwindigkeit zu behalten, schlug man immer wieder auf uns ein. Es waren etwa 6000 Mann, die so nach Postelberg gejagt wurden. Alle erreichten das Ziel aber nicht. Der schnelle Marsch und die anhaltende Hitze ließen manchen schnell ermüden. Die Rast im Straßengraben wurde vielen aber zum Verhängnis.

6000 werden gejagt

Männer, die nicht mehr laufen konnten und zurückblieben, wurden erschossen, erhielten den so genannten Gnadenschuss. Dies veranlasste uns, dass wir uns gegenseitig stützten. Wir hakten uns ein und konnten dadurch auch die Schwächeren mitschleppen. Der dabei aufgewirbelte Staub machte den Mund trocken und das Atmen schwer. Wir versuchten dem dadurch abzuhelfen, dass wir einen vom Boden aufgelesenen Stein in den Mund schoben.

Als wir in Postelberg ankamen, war die ganze Stadt wie ausgestorben. Wie wir später erfuhren, hatte man mit den Bewohnern von Postelberg tags zuvor dasselbe gemacht wie mit uns. In Postelberg trieb man uns in eine alte Kaserne, die jetzt als Straflager benutzt wurde. Da es schon Spätnachmittag war, als wir ankamen, ließ man uns für diesen Tag in Ruhe. In der darauf folgenden kalten Nacht mussten wir uns auf den blanken Erdboden legen und durften uns nicht erheben, andernfalls wurde sofort scharf geschossen. Ermüdet schliefen wir trotz der Unbilden ein. Durch Schüsse und Schreie geschlagener Mitgefangener wurden wir am nächsten Morgen aufgeweckt. Es war unseren Bewachern anzusehen, dass sie mit Freude über uns herfallen und ihre Wut an uns auslassen durften. Dabei sparten sie auch nicht mit Schlägen.

Nachdem diese Wutausbrüche einigermaßen verraucht waren, begann man uns zu sortieren. Man teilte uns nach den verschiedenen Organisationen, denen jeder einzelne von uns angehört hatte, auf. So wurden die Gruppe NSDAP, SA, NSKK, SS und HJ gebildet. Bei dieser Gelegenheit wurde ich auch von meinem Vater getrennt. Während meiner Lagerzeit in Postelberg gab es nichts zu essen. Erst am siebenten Tag erhielten je zwölf Mann ein Brot, und am dritten Tag durften wir aus einem Brunnen Wasser holen. Da wir keine Gefäße besaßen, wurde das Wasser in Hüte geschöpft und aus diesen getrunken. Was sich am dritten und darauf folgenden Tage auf dem ehemaligen Kasernenhof zutrug, kann ich nicht erschöpfend wiedergeben. Hier wurde geschlagen, dort wurde geschossen, da schleifte man eine Leiche weg, hier wurden Arbeiter ausgesucht und fortgetrieben, die einen kamen hinter Stacheldraht, andere sperrte man in Ställe. Der ganze Hof hallte wider von Kommandos, Schreien, Schimpfwörtern, Schlägen und Schüssen. Als die Sonne sank und wir, auch an diesem Tage, wie gesagt, keinen Bissen zu essen bekommen hatten, in die Ställe getrieben wurden oder uns auf dem Kasernenhof niederließen, hatte wohl jeder von uns mit seinem Leben abgeschlossen und war bereit, mannhaft zu sterben. Die während des Tages umgebrachten Mitgefangenen wurden nicht gezählt. In der Nacht hämmerten wieder unablässig nah und fern die Maschinenpistolen.

Der schlimmste und wohl schrecklichste Tag in meinem Leben war aber der fünfte Tag im Lager Postelberg, als fünf meiner Schulkameraden ohne Genehmigung zusammen mit einem Arbeitskommando das Lager zu verlassen versuchten, also fliehen wollten. Sie kamen nicht weit. Noch in der Stadt Postelberg bemerkt man ihr Vorhaben, nahm sie fest und brachte sie ins Lager zurück. Dort beurteilte man ihre Handlungsweise als Fluchtversuch.

14-jährige werden erschossen

Auf Fluchtversuch aber stand die Todesstrafe. Zunächst wurden die Zurückgebrachten entkleidet und mit Reitpeitschen blutig geschlagen. Die Beteiligung unserer Bewacher an dieser Bastonade war sehr stark. Die Tschechen stürzten wie blutrünstige Raubtiere auf die Vierzehn- bis Fünfzehnjährigen. Wir anderen, die zusehen mussten, glaubten, dass es mit dieser Züchtigung genug wäre. Doch weit gefehlt! Man stellte anschließend schwere Maschinengewehre auf den Platz, mit den Mündungen auf uns gerichtet. Die fünf Ausreißer, wie man sie bezeichnete, stellte man mit dem Gesicht zur Wand auf und erschoß sie vor aller Augen. Einer von ihnen drehte sich um und wollte offenbar mit dem Gesicht zur Gewehrmündung sterben. Sie alle sind tapfer gestorben, ohne zu bitten oder zu flehen. So gingen sie in den Tod. Der Jüngste von ihnen war in meinem Alter, also 13 Jahre, der Älteste war 15 Jahre. Hätten wir nur den Versuch gemacht, ihnen beizustehen, so hätte es sicherlich ein arges Gemetzel gegeben; die Tschechen hätten gnadenlos mit ihren Maschinengewehren in die Massen geschossen. Lagerkommandant war seinerzeit in Postelberg Mayor Marek. Ihn kann man ohne Übertreibung als Massenmörder bei der Saazer Vertreibung, die 800 Todesopfer forderte, bezeichnen. Nach der Ermordung meiner Schulkameraden mussten wir ihre Leichen in etwas weiter entfernt liegende Wassergräben, die sowieso bereits durch verrichtete Notdurft angefüllt waren, schleppen, da die im Kasernenhof aus dem Krieg noch vorhandenen Splittergräben schon mit Leichen angefüllt waren. Dies wäre, so sagte man uns höhnisch, unser letzter Dienst an unseren toten Kameraden.

Am darauf folgenden Tag musste ein Kommando, mit Spaten und Schaufeln ausgerüstet, in den in der Nähe unseres Aufenthaltsortes gelegenen Fasangarten ausrücken und, streng bewacht, zwei große Gräber auswerfen, die für viele Saazer zum Massengrab werden sollten. Am Nachmittag dieses Tages führte man den ersten Zug Gefangener zur Hinrichtung. Ihm folgten weitere Züge zu je 80 Mann. Ich hörte fortwährend Karabinerschüsse und sah tschechische Soldaten, wie sie immer wieder weitere Todeskandidaten abführten. Dabei war ich in größter Sorge um meinen Vater. Ich konnte aber nicht feststellen, ob auch er sich unter den zur Exekution Geführten befand.

Das Straflager „Tabor 28“ in Maltheuern bei Brüx

Im Straflager 28 sah ich das erste Mal, wie Menschen regelrecht erschlagen wurden. Zuerst hetzte man Hunde auf die Gefangenen. Sobald sie aber nach den Hunden traten oder sich sonst irgendwie zur Wehr setzten, wurde mit Knüppeln auf sie eingeschlagen. Dies tat man so lange, bis die Gequälten zusammenbrachen. Sie sollten aber noch keine Ruhe haben. Mit Wasser gefüllte Eimer wurden herangeschleppt und über die Gefangenen geschüttet, bis diese wieder zu sich kamen. Dann begann die Quälerei wieder von vorne.

An dem Tag, an dem wir im Jugendstraflager angekommen waren, ließ man uns in Ruhe. Wir wurden auf Baracken aufgeteilt und konnten uns niederlegen. Am nächsten Tag wurden wir um fünf Uhr früh durch lautes Schreien und Schlagen mit den Knüppeln an die Barackenwände geweckt. Noch ehe wir so richtig zur Besinnung gekommen waren, standen schon die Wachposten mit Knüppeln und Peitschen in der Baracke und halfen uns auf ihre Art schnell aus den Betten.

Wir wurden in eine Baracke geführt, in der man uns eine Einheitskleidung, eine Sträflingskleidung, aushändigte. Diese Kleidung bestand aus abgetragenen Uniformen ehemaliger französischer Kriegsgefangener, aus einer Hose, einer Jacke und einem Käppi. Unsere Bekleidung mussten wir abgeben. Auch die Unterwäsche wurde gewechselt. Offenbar um Fluchtversuche von vornherein zu verhindern, verpasste man uns ein Paar große Holzschuhe. Dazu bekamen wir Fußlappen als Fußbekleidung. Mit dieser Bekleidung versehen, wurden wir dann jeweils zur Arbeit geführt.

Der folgende Tag brachte für uns alle wieder eine kleine Überraschung. Da wir ja politische Gefangene waren, mussten wir auch noch gekennzeichnet werden. Dies geschah dadurch, dass auf den Rücken unserer Jacken mit Ölfarbe ein Blitz aufgemalt wurde. Dies sollte darauf hinweisen, dass wir bei der Hitlerjugend gewesen waren. Diese Kennzeichnung reichte unseren Bewachern aber noch nicht aus. Damit wir für jedermann erkennbar als Strafgefangene in Erscheinung traten, wurden uns auch noch die Haare geschoren.

Das Lager 17/18 für Jugendliche

Die Verpflegung war in diesem Lager anfangs sehr schlecht. Das erste Essen wurde uns täglich erst um 12:00 Uhr gereicht. Es bestand jeweils aus einer dünnen Gemüsesuppe. Die zweite Mahlzeit, wenn man überhaupt von einer solchen sprechen konnte, gab es um 19:00 Uhr. Jeder von uns bekam dabei eine Scheibe Brot, 100g, und einen Topf Kaffee. Das Brot, das wir am Abend zugeteilt erhielten, versuchten wir anfangs bis zum nächsten Tage als Frühstück aufzuheben, um nicht nüchtern zur schweren Arbeit gehen zu müssen. Diesen Versuch gaben wir aber sehr bald wieder auf, da sich in den Baracken, die von Ungeziefer nur so wimmelten, die Ratten während der Nacht an unseren Vorräten gütlich taten. Wir konnten beobachten, wie sie das Brot, das wir auf einen Schemel gelegt hatten, holten und damit verschwanden. Da gingen wir lieber wieder nüchtern zur Arbeit und aßen das Brot am Abend selber auf. Das Ungeziefer war, wie gesagt, im Lager so zahlreich, dass mehrere Kameraden derart von Wanzen gestochen wurden, dass sie kaum mehr aus den Augen sehen konnten. Wenn es aber nur Wanzen gegeben hätte! Da hätten wir ja die Plage nur nachts gehabt. Sehr schlimm waren auch die Kleiderläuse. Auch wenn wir öfters entlaust wurden, konnten wir diese lästigen „Haustiere“ nicht loswerden. Von den Flöhen ganz schweigen! Sie traten in kleinen Scharen auf, so dass wir schon anfingen, Wetten abzuschließen, bei denen wir raten mussten, wie viele Flöhe der einzelne gefangen und unschädlich gemacht hatte. Diese Spielerei brachte wenigstens etwas Abwechslung in unser tristes Dasein und uns für kurze Zeit auf andere Gedanken.

Fast jeden Tag mussten wir etwas anderes tun. Die Plackerei war aber immer dieselbe. So mussten wir Schienen oder Kabel verlegen, Betonbunker mit Hilfe von Presslufthämmern abbrechen, Straßen ausbessern, Schutt abfahren, Ziegel, Zement und andere Baumaterialien abladen. Gerade beim Ziegelabladen hatten sich unsere Bewacher eine besondere Schikane ausgedacht. Der erste Mann in der Kette war ein Tscheche. Er nahm zwei Ziegel in die Hand, warf aber zunächst nur einen davon weiter. Während wir diesen Stein auffingen, warf er rasch den zweiten hinterdrein. Diesen bekam man dann an den Kopf oder auf die Füße. Damit aber nicht nur einer von uns verletzt wurde, wechselte man die Reihe durch. Auf diese Weise bekam jeder von uns seinen Teil ab. Wir mussten auch Balken schleppen, Latrinen reinigen, Stacheldrahtzäune erneuern, Gartenland umgraben und im Lager selbst anfallende Arbeiten verrichten. Sämtliche Arbeiten mussten wir unter Bewachung und unter Anleitung eines tschechischen Vorarbeiters ausführen. Da wir nach Ansicht unserer Bewacher keine Arbeit richtig ausübten und es ihnen auch oft zu langsam ging, hagelte es reichliche Schläge. Zusätzlich erhielten wir regelmäßig pro Woche fünf Schläge mit dem Gummiknüppel auf das entblößte Hinterteil, von den anderen Hieben, die man für angeblich schlechtes Verhalten, Unordnung oder sonstige Kleinigkeiten erhielt, ganz zu schweigen.

Auch ich wurde einige Male außer der Reihe geschlagen. So hatte ich einmal meine schweren Holzschuhe, als wir todmüde nach Hause kamen, unter das Bett geschoben und nicht, der Vorschrift entsprechend, vor das Bett fein säuberlich ausgerichtet gestellt. Bei einer Kontrolle bemerkten dies die leicht angetrunkenen Wachposten. Nachdem sie zunächst jedem von uns ein paar saftige Ohrfeigen verpasst hatten, kam ich zur Sonderbehandlung an die Reihe. Dabei packten mich zwei Wärter, legten mich über einen Schemel und schlugen mich 25mal auf das bloße Hinterteil. Die ersten Hiebe verursachten einige Schmerzen, den Rest aber verspürte ich kaum mehr. Ich merkte nur, wie es mir warm die Oberschenkel hinunterlief, es war Blut aus den Platzwunden, die ich bei den Schlägen bekommen hatte. Die folgende Nacht musste ich auf dem Bauch liegend verbringen, da die Wunden bei jeder Bewegung schmerzten. Kameraden kühlten die zerschlagenen Stellen mit kalten, nassen Lappen. Zu den üblichen Schmerzen kamen dann noch weitere, die durch Stiche von Flöhen und Wanzen verursacht wurden. Diese waren einfach von den offenen Wunden nicht wegzukriegen. Drei Tage später bekam ich auf das noch zerschlagene Hinterteil fünf weitere Schläge. Diese schmerzten viel mehr, als die 25 vorausgegangenen.

Junges Leben ausgelöscht

Einmal ertönte nachts die Alarmglocke. Wir mussten auf dem Lagerhof antreten. Während wir auf den Hof liefen, schossen die Wachposten wild umher. Dabei wurden 15 von uns tödlich getroffen. Nachdem wir angetreten waren, sagte man uns, dass drei Kameraden ausgerissen seien und wir so lange auf der Stelle stehen bleiben müssten, bis man die drei erwischt habe. Dies war gegen 9:00 Uhr des kommenden Tages dann der Fall. Man brachte aber nur einen Ausreißer. Die anderen beiden hatte man angeblich auf der Flucht erschossen. Während der langen Wartezeit wurde uns befohlen, uns gegenseitig zu ohrfeigen. Waren die Schläge nicht hart genug, machten es die Wachposten an uns vor, wie man besser schlagen kann. Wir waren deshalb froh, als die Bewacher um 9:00 Uhr mit dem einen Kameraden eintrafen. Dessen Schicksal stand allerdings fest. Auf Fluchtversuch stand ja die Todesstrafe. Bevor man den Kameraden umbrachte, musste er sich vor uns nackt ausziehen. Dann wurde er von den Soldaten auf die grausamste Weise geschlagen. Anschließend hängte man ihn mitten auf dem Platz auf, wo seine Leiche ungefähr zehn Tage hängen blieb.

Diese Maßnahme sollte uns die Gefährlichkeit eines Fluchtversuchs vor Augen führen und uns vor einem solchen abschrecken. Nachdem man unseren Kameraden umgebracht hatte, mussten wir die anderen 16 Kameraden, die bei der vorausgegangenen Schießerei ums Leben gekommen waren, begraben. Als Strafe für den Ausreißversuch unserer Mitgefangenen erhielten wir an diesem Tage nichts zu essen.

Im Laufe der Zeit machte sich die ständige Unterernährung bemerkbar. Wir waren ausnahmslos bis auf die Knochen abgemagert. Viele starben vor Hunger oder brachen entkräftet zusammen. Letztere wurde dann weggeschleppt und in der Regel anschließend von den Posten erschossen. Um den Hunger zu bezwingen, stahlen wir alles Eßbare, was wir nur erreichen konnten. Dabei machten wir auch vor den gekochten Kartoffeln nicht Halt, mit denen die von den Soldaten gehaltenen Kaninchen gefüttert wurden, Sobald die Fütterung nämlich vorbei war und die gekochten Kartoffeln in den Kaninchenställen lagen, schlichen sich einige von uns zu den Ställen und holten die begehrten Kartoffeln.

Dies ging ein paarmal gut. Nach einigen Tagen aber wurde bereits einer beim Kartoffelstehen erwischt. Zur Strafe bekamen wir alle zunächst eine Tracht Prügel und wurden dann zu einer Strafarbeit abkommandiert. Diese bestand im Reinigen von Latrinen. An Werkzeugen und Geräten standen uns lediglich eine Leiter, ein Strick und zwei Eimer zur Verfügung. Abwechselnd mussten einige von uns in die Grube steigen und die Kübel füllen, während die anderen Gefangenen sie hochziehen, wegtragen und entleeren mussten. Auf diese Weise leerten wir drei Gruben. Zu unserem Glück waren diese offen, so dass sich keiner von uns dabei eine Vergiftung zuzog.

Ein anderes Mal waren wir einem Kommando zugeteilt, welches für die Werksküche Kartoffeln entkeimen musste. Diese Arbeit war sehr angenehm, konnten wir dabei doch unseren Hunger an den rohen Kartoffeln stillen. Nach Beendigung der Arbeit steckten wir uns einige Kartoffeln in die Taschen. Wir hatten dabei nicht bedacht, dass man uns beim Verlassen des Betriebsgeländes auch durchsuchen könnte. Dies geschah dann auch. Für jede gestohlene Kartoffel bekamen wir zehn Schläge mit der Hand ins Gesicht. Verschiedene von uns verloren dabei ihre Zähne. Doch damit noch nicht genug: Als weitere Strafen erhielten wir in den folgenden vier Tagen kein Brot zugeteilt.

Der Hunger zwang uns aber, immer wieder nach Möglichkeiten zu suchen, etwas zu organisieren. So überfielen wir – etwa 100 Mann – eines Tages den Brotwagen, der Verpflegung für die Werksangehörigen brachte. In dem ausbrechenden Gerangel versuchte jeder, möglichst viel Brot zu ergreifen. Als die 25 Wachposten, die zunächst etwas abseits gestanden waren, dies sahen, kamen sie herbei und trieben uns mit ihren Gummiknüppeln wieder auseinander. Das Brot, das wir noch nicht gegessen, ich will sagen, verschlungen hatten, mussten wir wieder zurückgeben. Zur Strafe erhielten wir 14 Tage Straßenbau verordnet.

Wir mussten eine Straße durch das ganze Werksgelände bauen. Das dazu benötigte Steinmaterial mussten wir beim Abbrechen von Bunkern gewinnen. Den ganzen Tag ratterten daher die Presslufthämmer. Die Gesteinsbrocken luden wir dann mit der Hand auf große Wagen. Die gefüllten Wagen mussten wir selbst wegziehen und zur Baustelle bringen. Dazu wurde an der Deichsel ein Seil mit Ösen befestigt. Sobald wir stehen blieben und etwas verschnaufen wollten, schlugen die Wachposten mit ihren Peitschen auf uns ein, bis wir wieder anzogen. Diese Arbeit hielten einige von uns auf Dauer nicht durch. Sie brachen zusammen und starben in der Regel an Erschöpfung. Auch die lebendig weggebrachten Kameraden sahen wir nie wieder.


Quelle

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