Von Stalingrad nach Nürnberg

Auszug aus:

Was ist die Wahrheit? – Die Juden und das dritte Reich

Was ist die WahrheitFrühling 1942. Die Wiederaufnahme der Großoffensive — vor Moskau seit Dezember liegengeblieben — ist im Gang. Alles ist bis ins einzelne vorbereitet, — zumindest haben Hitler und sein Generalstab auch nicht die leiseste Befürchtung, daß es sich diesmal anders entwickeln könnte.

In der Tat, die Wiederaufnahme und der Gesamtplan der Operationen sind gut durchdacht. Etwas wagemutig, wenn nicht gar verwegen oder ehrgeizig, — alles in einem: Auf Hitlers Art — und ist die nicht erprobt? Es stimmt, es gab jenen Rückschlag vor Moskau. Ohne daß sie es allzu ernst nehmen, geben die Bestinformierten die Schuld daran dem anarchischen und unerwarteten Einschreiten Mussolinis in Griechenland; dieser italienische Feldzug hat im letzten Augenblick die rechte Flanke des ursprünglichen Plans entblößt. Einen Monat lang waren die deutschen Armeen damit beschäftigt, Schäden auszubessern; um die gleiche Zeitspanne wurde der Anfang der Operationen  verzögert  und dadurch konnte der russische Winter die Panzer des General Guderian überrunden. Nichtinformierte Kreise, das heißt das Volk, glauben nicht einmal an einen Rückschlag; schlimmstenfalls sehen sie darin einen banalen, kaum ernstzunehmenden Zwischenfall. Um die Popularität und das Vertrauen, das Hitler bei den Deutschen genießt, anzutasten, ist viel mehr nötig: Der vernichtende Münchener Putsch 1923 hat es nicht vermocht, und in den seither verflossenen zwanzig Jahren hat er eine ununterbrochene Folge eklatanter, häufig spektakulärer Siege aneinander gereiht. Unbesiegt ist er, unbesiegbar, was er auch anfangen möge . . .

Zuerst werden sich also die deutschen Armeen auf die Linie Murmansk — Moskau — Stalingrad — Astrachan zu bewegen. Und die Russen? Abgeschnitten von dem Nachschub an Material, Verpflegung und Medikamenten, der ihnen von den Alliierten über Murmansk und besonders auf der Wolga über Iran und das Kaspische Meer geliefert wird, ihrer Energiequellen im Kaukasus beraubt, werden die russischen Armeen angesichts der Einbrüche in ihre Front und der Desorganisation ihres Verteidigungs-Systems keine andere Wahl haben als sich abzusetzen und keine andere Hoffnung, als sich neuformieren zu können, — am Ural — ihrer letzten (und nächsten) strategischen Rückzugsstellung und gleichzeitig  ihrem  letzten  Lebenszentrum.  Aber  diese Absetzbewegung will der deutsche Generalstab von Anfang an in eine Niederlage verwandeln: Den Ural werden Guderians Panzer vor den Russen erreichen. Wenn die russische Armee nach Sibirien abgedrängt und mit all ihrem Material gefangen ist, ob mit oder ohne Kapitulation, wird das eroberte Rußland kampfunfähig sein.

Für den Durchbruch ist Stalingrad, Riegel zum Kaspischen Meer und Angelpunkt der russischen Strategie, vorgesehen. Dann sollen den Westmächten wieder Friedensverhandlungen angeboten werden und wenn diese ebensowenig angenommen werden wie 1940 von den Engländern, wird von Stalingrad aus die zweite Stufe der Operationen beginnen mit dem Ziel, die in Rußland  kämpfenden  Armeen  in  Basra  am  Persischen  Golf  mit  den  in  Nordafrika  unter  Marschall  Rommel operierenden zu vereinigen.

Hitler hofft natürlich, nicht bis nach Basra gehen zu müssen, um die Entscheidung zu erzwingen: Nach der Zerschmetterung Rußlands würde England, um den Verlust des mittleren Orients und Ägyptens zu vermeiden (was den Zusammenbruch seines Commonwealth herbeiführen und es zu einem bloßen amerikanischen Brückenkopf herabdrücken würde)  um  so sicherer das Knie beugen, da es in diesem Falle kaum denkbar ist, daß Amerika den Krieg fortsetzen würde. Deutsche Truppen am Ural und in Basra: das bedeutet in der Tat die Beseitigung der letzten Bedenken Spaniens, Frankreichs und folglich auch Nordafrikas. Wirtschaftlich: Eine ungeheure Masse  von  nahezu  700  Millionen  Menschen,  die  —  unter deutscher Kontrolle — über mehr als die Hälfte der Reichtümer der Welt verfügt. Dabei findet ihr Produktionsüberschuß einen natürlichen Markt in Afrika und besonders in dem eroberten Asien. Schutz vor Amerika bietet Japan. Militärisch: 700 Millionen Lebewesen in eisernem Harnisch, sicher verschanzt hinter Atlantikwallen und Siegfriedlinien aller Art. Auch im Atomzeitalter eine uneinnehmbare Festung, an der die stärksten angelsächsischen Angriffswellen zusammenbrechen oder an Erschöpfung sterben. Alles in allem: Die Weltherrschaft.

Oder doch nicht? Wenn England gegen alles anrennt, würde Amerika ihm nicht in diesem Wahnsinn folgen. So ist Hitlers Rechnung: Kühn, verwegen und ehrgeizig. Aber geht sie tatsächlich auf? Die Zerschmetterung Rußlands würde den Krieg beenden. Anscheinend liegt sie im Bereich seiner Mittel . . . Anscheinend!

Die deutsche Taktik ist nicht konventionell. Hitler hat, obwohl militärischer Dilettant, das Verdienst, begriffen zu haben, daß die übermäßige Länge der Fronten, die so charakteristisch für einen modernen Krieg und das Schreckgespenst der Generalstäbe ist, es nicht zuläßt, eine Offensive in Form einer Kombination harmonisch gegliederter Bewegungen auf ein Zentrum und seine beiden Flügel zu planen, wie dies für die klassische Strategie Tradition ist. Auf einer Front von 2000 Kilometern, wie sie als Basis für die Invasion in Rußland im Juni 1941 diente, waren die drei klassischen strategischen Punkte voneinander über Distanzen  von  1000  Kilometern  entfernt.  Offensichtlich  ist  dies  zu  weit,  als  daß  sie  sich gegenseitig und wechselseitig als Stütze dienen könnten. Mit den Anforderungen eines Blitzkrieges war es unvereinbar, diese  Front  in  drei  oder  vier  selbständige  Gruppen  aufzuteilen,  mit  dem  Auftrag,  nach  den  Regeln  der  Kunst,  in aufeinanderfolgenden sprunghaften Vormärschen und Frontbegradigungen vorzurücken. Hitler wußte, daß sich der Faktor Zeit in ökonomischer Hinsicht zu seinen Ungunsten auswirken würde. Er bildete daher eine ununterbrochene Linie von Stützpunkten, die solide im Boden befestigt waren, aus denen pfeilartig Panzerkolonnen hervorschießen und keilartig durch die Stellungen des Gegners dringen konnten, um sich schließlich 200 und mehr Kilometer hinter seinem Rücken  zu vereinigen. Gleichzeitig wurde dieser Gegner frontal durch  Infanterie  angegriffen  und  durch  die  Bomber  der  Luftwaffe zerschmettert.

Die Ergebnisse waren außergewöhnlich, nicht nur in Polen und Frankreich, wo die Fronten immer verhältnismäßig kurz blieben, sondern auch in Rußland: Mit einem durchschnittlichen Raumgewinn von etwa 1000 Kilometern in 6 Monaten auf der ganzen Breite dieser immensen Front vorrückend, hatten die deutschen Armeen auf ihrer Habenseite: zwei Millionen russische Kriegsgefangene, 9000 Kampfwagen, 17 000 Geschütze. Bei der russischen Luftwaffe waren dank dem Über-raschungseffekt mehrere tausend Flugzeuge am ersten Tage durch die konzentrierten Bombardements  der  Luftwaffe  am Boden zerstört worden.

Rußlands außerordentliche Hilfsquellen an Menschen und Material waren bekannt; daß dieses Land aber imstande war, sich von einer solchen  Katastrophe  zu  erholen,  hätte  keiner  der militärischen Fachleute der ganzen Welt geglaubt. Tatsache ist, daß es sich wiederaufraffte und daß man noch einmal anfangen mußte.

Die  gerade  Linie  zwischen  Astrachan  und  Murmansk  ist  2700  Kilometer  lang,  militärisch  entwickelt  nahezu  3500 Kilometer. Als Hitler sich diese  Aufgabe  stellte,  wußte  er  sehr  wohl.  daß  die  Verlängerung  einer  Front  von  2000 Kilometern um weitere 1500 zuallererst das Problem der zahlenmäßigen Truppenstärke aufwarf. Diesem Problem gab er darum auch den Vorrang. Er beschloß zunächst, in. der Kriegsindustrie Gefangene und zivile Arbeiter aus der Bevölkerung der besetzten Gebiete einzusetzen, um so zum Nutzen der Front das Höchstmaß an deutschen Spezialkräften freistellen zu können. Zur Durchführung dieses Entschlusses war Speer im Februar 1942 zum Minister für Bewaffnung und Munition und, auf dessen Vorschlag, Sauckel am 21. März zum Generalbevollmächtigten für den Arbeitseinsatz ernannt worden. Hier war eine kleine völkerrechtliche Schwierigkeit zu überwinden, die Konventionen von Genf und Den Haag verbieten nämlich den Einsatz dieser Arbeitskräfte in der Kriegsindustrie und in militärischen Diensten.

Die Lösung war ziemlich einfach: Rußland hatte sich seinerzeit geweigert, diese Bestimmungen anzuerkennen und hatte sie infolgedessen auch nicht eingehalten, weder in Polen, noch in den Baltischen Staaten; nun konnte es sich anstandshalber auch nicht darauf berufen. Bezüglich der Länder, die unterzeichnet hatten, wurde die Frage schon im Oktober 1941 juristisch durch Verträge auf Regierungsebene geregelt, die erst zum Aufbau von Freiwilligenorganisationen führten, und dann zur gesetzlichen Einführung der Arbeitsdienstpflicht.

Zu den so gewonnenen Arbeitskräften konnte man von vornherein, bei fortschreitender Besetzung Europas, ein bedeutendes Kontingent an Oppositionellen, Widerstandskämpfern und Partisanen hinzurechnen, — Leute also, die sich selbst außerhalb der Genfer und Haager Konventionen gestellt hatten. Sie wurden von keinem internationalen Statut mehr geschützt und konnten daher deportiert und in Arbeitslagern eingesetzt werden. In der Tat begannen im März 1942 Massen-Verschickungen, deren Zahl Eugen Kogon auf Grund offizieller Unterlagen auf 2791000 Deportierte aller Nationalitäten beziffert hat.4 Weiter verfügte die Regierung auch noch  über  die  vier-  bis  viereinhalb Millionen Juden, die innerhalb des von den deutschen Armeen besetzten Gebietes in Europa lebten, und nahezu zur Hälfte arbeitsfähig waren. Die Lage der Juden war sowohl in juristischer als auch materieller Hinsicht traurig. Seit 1933 waren gegen sie zahlreiche Maßnahmen zunächst auf Grund des in München am 24. Februar 1920 proklamierten Parteiprogramms ergriffen worden, dann auf Grund der Rassengesetze, die sich aus den Beschlüssen des Nürnberger Parteikongresses vom September 1935 ergaben. Hierdurch nahm ihnen das Dritte Reich nach und nach ihre deutsche Staatsangehörigkeit. Da es keinen jüdischen Staat gab, mit dem man bilaterale Verträge oder — auf Basis von Genf und Den Haag — internationale Verträge abschließen konnte, und da andererseits trotz der wiederholten Angebote der nationalsozialistischen Regierung kein Land bereit war, sie einwandern zu lassen, oder wenigstens ihren Schutz zu übernehmen, so lebten sie in Deutschland bis zur Kriegserklärung nur als ungeschützte Staatenlose. Denn die Staatenlosen waren — und sind auch heute noch — in allen Ländern der Erde der Willkür der Machthaber ausgeliefert. Im November 1938 entfachte der Mord an dem Gesandtschaftsrat vom Rat in Paris durch den Juden Grynspan in ganz Deutschland eine — im übrigen von oben her gesteuerte — Welle der Entrüstung, und so hatte man sie dem öffentlichen Wunsche nach Sühne als Opfer vorgeworfen. Ihnen gegenüber wurden — bis dahin unübliche — Enteignungs-Maßnahmen ergriffen und alle Möglichkeiten genutzt, sie zu einer nichtoffiziellen, halb geheimen Auswanderung zu zwingen. Zu Beginn der Feindseligkeiten im September 1939 hatten die. offiziellen Vertreter des Jüdischen Weltkongresses — wohl um den Engländern und Franzosen ihr langes Zögern vorzuhalten — daran erinnert, daß „die Juden der ganzen Welt seit 1933 Deutschland den Wirtschafts- und Finanzkrieg erklärt hätten“ und daß  sie „entschlossen seien, diesen Vernichtungskrieg bis zum Ende durchzuführen“. Dadurch hatten sie Hitler das Recht gegeben, alle die Juden, die sich im deutschen Machtsbereich befanden, ins Konzentrationslager zu stecken, wie das im Kriegsfalle bei allen Staaten gegenüber feindlichen Ausländern üblich ist. Als der Krieg dann weitere Teile Europas in seinen Bann zog, wurden die dort lebenden Juden wie die deutschen Juden behandelt. Als keine Hoffnung mehr bestand, sie aus Europa auswandern zu lassen —die letzte erlosch Ende 1940 mit dem Scheitern des Madagaskar-Plans — da entschloß man sich, sie in einem einzigen, gewaltigen Ghetto zusammenzufassen, das nach dem Einmarsch in Rußland in den sogenannten Ostgebieten,  in  der  Nähe  der  ehemaligen  russisch-polnischen  Grenze  lag:  Auschwitz,  Cheimno,  Belzec,  Maidanek, Treblinka usw. Dort sollten sie das Ende des Krieges und die Wiederaufnahme internationaler Gespräche abwarten, die ihr Schicksal entscheiden würden. Die Ausführungsbestimmungen waren auf der berühmten interministeriellen Konferenz in Berlin-Wannsee am 20. Januar 1942 festgelegt worden. Der Transfer hatte im März begonnen. Wenn man berücksichtigt, daß es  in  Deutschland  im  Frühling  1942  mindestens  4  Millionen  französische,  russische,  polnische,  jugoslawische Kriegsgefangene gab und an die Menschen-Reserven des bereits eroberten Rußland denkt, dann konnte Hitler mit vollem Recht auf gut 20 Millionen ausländischer Arbeiter zählen. Genug, um Deutschlands Kriegswirtschaft und seine Armee vor jedem Menschenmangel zu schützen.

Zur größeren Sicherheit hatte man zu den 178 ursprünglich im Juni 1941 an der Ostfront eingesetzten Divisionen weitere 14 Infantrie- und 2 Panzerdivisionen herangezogen, die angesichts der  angloamerikanischen  Untätigkeit  im  Westen  nicht notwendig zu sein schienen. Die Finnen steuerten 14 Divisionen, die Rumänen 22, die Ungarn 13, die Italiener 10, die Slowaken und Spanier je eine bei, sind 255 Divisionen. Ausführung: Nördlich Moskau wird ein starker Stoßkeil, bestehend aus zwei Armeen, die feindlichen Stellungen bis auf Gorki (Nishni-Nowgorod) an der Wolga durchstoßen; im Süden soll der andere Flügel, dessen Ziel Stalingrad ist, außerdem die Aufgabe haben, den Kaukasus zu säubern. Längs der Wolga wird sich die Zange dann schließen im Rücken der überraschten russischen Armeen, denen sicher nicht mehr die Zeit bleibt, sich abzusetzen. Die Stärke des zweiten Zangenarms war darauf berechnet: 115 Divisionen, beinahe 2 000 000 Mann, 7000 Panzer. Um ihn zu stärken — so wußte man später zu sagen — hätten Hitler und das OKW der Mitte und dem Nordflügel Kräfte entziehen müssen: und tatsächlich . . .

Die Schwierigkeiten begannen vor der Stunde des Angriffs. Gegen jede Erwartung versuchten die Russen der Offensive zuvorzukommen, indem sie in den Aufstellungsraum hineinstießen. Im Süden brachte ihnen eine Aktion, die sie mit aller Macht gegen Charkow unternahmen, zwar eine blutige Niederlage ein — sie verloren 240 000 Gefangene, mehr als 2000 Geschütze und nahezu 1500 Panzer — aber es gelang ihnen dadurch, den Beginn der Offensive bis zum 3. Juli 1942 hinauszuschieben, was Stalingrad zwei Monate Zeit gab, sich auf seine Verteidigung vorzubereiten. Im Norden waren die Erfolge, die sie im Sommer und Herbst errangen, für den Fortgang der Operationen entscheidend. Nachdem es  ihnen gelungen war, durch die Eroberung von Schlüsselburg das eingekreiste Leningrad zu entsetzen, konnten sie bis auf Welikje Luki hinter den Waldai-Höhen vorrücken und sich dort verschanzen. Dadurch war es den beiden deutschen Armeen, die als Stoßkeil auf Gorki vorrücken sollten, nicht mehr möglich, vorwärts zu kommen. Hier wurde der erste Rechenfehler Hitlers sichtbar: die Unterschätzung des russischen Kriegspotentials, bedingt durch eine Unterschätzung der angloamerikanischen Hilfeleistungen und der Kapazität der von Stalin an den Ural und nach Sibirien rückverlegten Rüstungsindustrie, die nach Angaben von Major Bauer in seinem Buch „La guerre des blindes“, (Paris 1948) seit Sommer 1942 monatlich 1500 Panzer erzeugen konnten. Darunter waren zwei neue Typen, der T 35 von 40 Tonnen (3 Geschütze, 3 Maschinengewehre, 10 Mann Besatzung) und der  KW  (Klim  Woroschilow)  von  43  Tonnen,  der  mit  einem  152  mm-Geschütz  und  4  schweren Maschinengewehren bestückt war.

Inzwischen war die Offensive der Südarmeen trotzdem mit durchschlagendem Erfolg in Gang gekommen: Am ersten Tage (3. Juli) war eine 100 Kilometer breite Bresche geschlagen worden, durch die der dafür vorgesehene Stoßkeil beinahe 500 Kilometer tief in die feindlichen Stellungen eingebrochen war. Aus dem rechten Flügel drängte dann eine Kolonne in Richtung auf den Kaukasus, nach Grosny, wo sie sich mit einer anderen vereinigen sollte, die geradewegs von der Halbinsel Kertsch kam. aus der die Russen Anfang Juni ins Meer geworfen waren. Von dort sollten die beiden Kolonnen frontal bis auf Baku vordringen, das Erdölgebiet vom Feinde säubern, an den Ufern des Kaspischen Meeres bis zur Wolgamündung, und dann wolgaaufwärts nach Stalingrad marschieren.

Rostow fällt am 24. Juli. Am 11. August weht die Hakenkreuzflagge über dem Elbrus. Am 20. August sprengen die Panzer des Generals von Paulus die äußeren Verteidigungslinien von Stalingrad und bemächtigen sich der Flugplätze in den Vororten. Am 27. August sind die Bohrtürme von Grosny in Sicht. Eine Meldung des Deutschen Nachrichten-Büros berichtet triumphierend über die Gefangennahme von 590000 Mann und die Vernichtung von 5271 Panzern und 6142 Geschützen seit Beginn der Offensive.

Dieser gigantische Mechanismus hatte bis dahin wie ein Uhrwerk funktioniert. Plötzlich  steht  alles  still,  als  ob  ein Sandkorn ins Getriebe geraten sei und neue unvorhergesehene Schwierigkeiten entwickeln sich in Kettenreaktionen. In Wirklichkeit gab es sogar mehrere Sandkörner. Zunächst bemerkte man, daß man nach Stalingrad praktisch nur zu Fuß hinein konnte: Da die Stadt aus sehr großen Gebäuden aus Eisenbeton bestand, hatten die Bombardements der Luftwaffe in den Straßen enorme Betonberge aufgehäuft, die den Panzern die Durchfahrt versperrten oder ihren Einsatz nur in sehr be-schränkter Anzahl gestatteten.

Da Stalin in einem verzweifelten Tagesbefehl .den Kampf bis zum Tode nach dem Beispiel der Soldaten Alexanders und Kutusows“  befohlen  hatte,  war  die  gut  mit  Waffen  und  Munition  versehene  Garnison  nicht  evakuiert  worden.  Die Gegenseite mußte sich auf eine Eroberung, Ruine nach Ruine, mit Messer und Handgranate, gefaßt machen, wozu geeignete zusätzliche Kräfte und viel Zeit notwendig sein würden. In der Tat verwendete man den Monat September zur Vorbereitung des Angriffs „und den Oktober zu seiner Durchführung Zu der gleichen Zeit waren die Kaukasus-Kolonnen durch ein noch weniger erwartetes Hindernis aufgehalten worden: Die Weite des russischen Raumes. 150 Kilometer vor Grosny, einige Tage vor der Hissung der Fahne auf dem Elbrus, telegraphierte der die Operation kommandierende General von Kleist an das O.K.W.: „Vor mir kein Feind, hinter mir kein Nachschub“. Krise des rollenden Materials oder Krise der Produktion und wahrscheinlich bereits schon beide zugleich: Lebensrnittel, Munition und besonders der für die Panzer notwendige Treibstoff blieben aus. Hier hatten sich die Russen mit Fahrgeschwindigkeit abgesetzt. Später erfuhr man, daß sie sich auf eine Stahl-Front von mehr als 100 Kilometer Tiefe zurückziehen wollten, die sich an das Kaspische Meer anlehnte und deren zwei äußere Grenzen die Linie Grosny-Baku im Süden und die Wolga von Stalingrad bis zur Mündung im Norden waren.

Die so geschaffene Lage gab Probleme auf. Da die Nordoffensive nicht in Richtung auf Gorki vorgetrieben werden konnte, waren die Russen nicht gezwungen, sich im Sektor Moskau  zurückzuziehen,  und  der  tiefe  Keil  von  Stalingrad,  der gleicherweise zu lang und zu schmal geworden war, fand sich nun zwischen den zwei Armen einer Zange, deren Griff um die aus 19 Divisionen — 330 000 Mann! — bestehende Vorhut des Generals von Paulus nur durch eine beträchtliche Ver-stärkung der Truppen, des Artillerieschutzes und der Luftwaffeneinsätze hätte gelöst werden können.

Schon als der Oberkommandierende der Südfront, von Bock, zum ersten Mal Verstärkungen anforderte, wurde klar, daß nicht genug Truppen, Material, Waffen und Munition zur Verfügung standen.

Um nur ein Beispiel anzuführen: Die Luftwaffe, deren Rolle entscheidend war, hatte die Luftherrschaft verloren … Es gab nur eine Möglichkeit: Den Rückzug. Die Verantwortlichen auf dem Kriegsschauplatz sahen keine andere Lösung, und auch später sind alle Strategen der Welt der Ansicht gewesen, daß es keine andere gab. Selbst ein Rückzug hätte den weiteren Verlauf  der  Ereignisse  nicht  wesentlich  mehr  ändern  können,  außer  in  Hinblick  auf  die  Dauer  des  deutschen Zusammenbruchs, die höchstens verzögert werden konnte. Hitler dekretierte jedoch, daß es sich nur um eine Anpassung der Gesamtproduktion an die militärischen Notwendigkeiten handele, daß das Problem einfach sei, daß es in kurzer Zeit gelöst werde und daß man sich bis dahin mit Improvisationen durchhelfen müsse.

Das Problem war tatsächlich ziemlich einfach. Aber es handelte sich um ein politisches Problem und es scheint, daß Hitler, obwohl von Natur aus wenig für politische Mittel eingenommen, die Gegebenheiten erkannte, während die Männer, die er damit beauftragte, an Ort und Stelle die nötigen Konsequenzen zu ziehen, diese — politischen — Tatsachen garnicht berücksichtigten. Wenn man dem Tagebuch des Generals Halder Glauben schenken will, hätte Hitler in einer Rede am 30. März 1941, vor einer Versammlung von Generalen seine politischen Absichten in Rußland so definiert: .Nordrußland wird an Finnland angegliedert. Protektorate: Die Baltischen Staaten, die Ukraine, Weißrußland“ Und am 17. Juli 1941, nachdem der deutsch-russische Krieg ausgebrochen war, präzisierte Rosenberg bei der Übernahme seines Postens als Minister für die besetzten Ostgebiete, daß das Ziel sei: .die Zergliederung Rußlands in seine Bestandteile, die unabhängigen Staaten  oder  Bundesstaaten  Ukraine,  Ruthenien,  Rußland  und  Kaukasus“  Im  Absatz Besondere Fälle bestimmte die Richtlinie 21 (Fall Barbarossa: Plan der Besetzung Rußlands): „In den russischen Gebieten sollen,  sobald  dort  keine  Kämpfe  mehr  stattfinden,  Staaten  mit  eigener  Regierung  gemäß  besonderen  Richtlinien konstituiert werden.“

Diese Erklärungen und Anweisungen wurden durch die Dienststellen Rosenbergs und die Geheimagenten Canaris‘ unter der Bevölkerung vorbereitet und weckten bei den traditionell moskaufeindlichen und noch mehr antibolschewistischen Balten, Ruthenen, Ukrainern und Kaukasiern die Hoffnung auf die Gewinnung oder Wiedergewinnung ihrer Unabhängigkeit durch die Deutschen. Diese wurden daher zuerst als Befreier begrüßt. In der Praxis hätten diese Staaten nicht nur der deutschen Wirtschaft die Arbeitskräfte, mit denen Hitler rechnete, sondern auch unabhängige Legionen, die an seiner Seite gekämpft hätten, geliefert. Das war eine beinahe unerschöpfliche Quelle für Freiwillige. Sie war es am Anfang. Man schickte die Leute nach Deutschland mit Kontrakten auf 9 Monate oder ein Jahr. Doch dann wurden es immer weniger und dann kehrten diejenigen,  die  auf  Urlaub  in  die  Heimat  kamen,  nicht  wieder  nach  Deutschland  zurück,  denn  die  Versicherungen Rosenbergs und die Anweisungen Hitlers waren Papier geblieben. Die Lebensbedingungen, die den Völkern im Osten seitens der Polizei-Dienststellen Himmlers, der  Gauleiter  und  Protektoratsleiter  zugestanden  wurden,  bewirkten  einen Umschwung der öffentlichen Meinung und verwandelten die Sympathie in Feindschaft.

Dies um so mehr, als man auf Veranlassung des Wirtschaftsministeriums und des Ministeriums für den Vierjahresplan die bolschewistischen Besitzverhältnisse in der Landwirtschaft (Kolchosen und Sowchosen), die diesen Völkern ein Greuel waren, beibehalten hatte Aus allen diesen Gründen und noch anderen, wie die Ablehnung selbständiger Truppenteile (der übergelaufene General Wlassow mußte beispielsweise zwei ganze Jahre verhandeln, bevor er die Erlaubnis bekam, zwei Armeen in der Ukraine auszuheben) mußten die Dienststellen Sauckels, die dort mit der Anwerbung von Arbeitskräften beauftragt waren, wahre Menschenjagden veranstalten. Und das gleiche galt für den Westen, wenn auch aus ganz anderen Gründen. Als der sowjetische Staatsanwalt Alexandrow am 31. Mai 1946 in Nürnberg den Generalbevollmächtigten für den Arbeitseinsatz Sauckel verhörte, erklärte dieser, daß sich unter den 30 Millionen ständig in der deutschen Kriegswirtschaft beschäftigten Personen  zu  keiner  Zeit  mehr  als  5  Millionen  Fremdarbeiter  befunden  hatten  (ohne  die  Kriegsgefangenen  und Konzentrationslagerinsassen). Am Tage vorher hatte er 10 Millionen zugeben sollen, aber diese Ziffer hatte er nur unter der Bedingung akzeptiert, daß in ihr die Kriegsgefangenen miteingeschlossen sein sollten. Da sichere Unterlagen fehlen, riskiert man nichts, wenn man annimmt, daß der Ankläger mit Absicht übertrieb, während der Angeklagte Interesse hatte, die Zahl zu  verkleinern.  Wenn  wir  selbst  eine  ungefähre  Schätzung  machen  und  dabei  die  Konzentrationslagorinsassen berücksichtigen, dann möchten wir sagen, daß es zu einer gegebenen Zeit in Deutschland zwischen 12 und 13 Millionen Fremdarbeiter gegeben hat, d. h. etwas mehr als V“ und etwas weniger als die Hälfte der gesamten Arbeitskräfte. Mit dieser Schätzung liegen wir höchstwahrscheinlich nicht weit von der Wirklichkeit. Das war schon außerordentlich viel, aber entsprach doch bei weitem nicht Hitlers Hoffnungen und den vorhandenen Möglichkeiten.

Eine  weitere  Unannehmlichkeit:  Zur  nicht  genügenden  Zahl  kam  die  ungenügende  Qualität.  Diese  von  überall  her zusammengerafften Arbeitskräfte waren keine gelernten Arbeiter und es war nicht möglich, aus ihnen eine ausreichende Anzahl Spezialisten zu gewinnen um jene zu ersetzen, die infolge des Menschenbedarfs der Front fehlten. Was schließlich die Produktion angeht, so war die Leistung der Kriegsgefangenen im großen und ganzen zwar nicht sehr weit von der Norm entfernt aber doch unterdurchschnittlich; die Leistung der  Zwangsarbciter,  die  außerdem  noch  den  Polizeimaßnahmen Himmlers ausgesetzt waren, war sehr gering — und die Leistung der KZ-Insassen, die unter schauderhaften Bedingungen lebten, war fast gleich Null. Dazu kam noch die Sabotage …

Einerseits also wurde Sauckels Aufgabe zu einem halben Mißerfolg, andererseits leistete  ein  so  bedeutender  Teil  der Arbeiter sehr wenig, — sei es, weil es sich nicht um qualifizierte Kräfte handelte, sei es, . weil das Regime die Menschen unter solchen Bedingungen leben ließ, daß sie einfach nicht viel leisten konnten, sei es, daß sie aus verständlichen Gründen zur Sabotage neigten, Angesichts dieser schweren Behinderungen war es klar, daß man jede Hoffnung abschreiben mußte, jemals solche Menschenmassen für die Front freizumachen und solche Produktionszahlen zu erzielen, wie es sogewaltige militärische Operationen erforderten. Ein weiterer Grund, warum sich diese gewaltigen Sollzahlen nicht erreichen ließen, war  die  unerhörte  Vergeudung  von  Arbeitskräften,  deren  sich  das  Regime  —  jedenfalls  bei  der  Durchführung  der Anordnungen — bewußt schuldig machte: die nicht aus rassischen Gründen eingesperrten KZ-Häftlinge starben in einem katastrophalen Tempo — nicht durch die Arbeit, zu der sie gezwungen wurden, sondern durch die schlechte Behandlung; und während sich für den deutschen Produktionsapparat sehr schwere Belastungen ergaben aus den Maßnahmen gegen die vier bis viereinhalb Millionen Juden, wurde die Arbeitskraft dieser Menschen im Rahmen dieses Produktionsapparates nie richtig eingesetzt.

Auf der russischen Seite dagegen war die Erholung seit Oktober 1942 offensichtlich: Den 255 Divisionen der Achse konnte sie beinahe 300 ganz frische und ebenso gut, wenn nicht besser ausgerüstete Einheiten entgegenstellen. Ihre  Luftwaffe beherrschte  den  Himmel.  Bei  der  Artillerie  hatten  sie  eine  sehr  wirksame  Taktik  der  konzentrierten  Feuerüberfälle entwickelt, die von dem General Woronow vorgeschlagen war; das war für das deutsche Oberkommando der Wehrmacht eine sehr schmerzliche Überraschung.

General Woronow erklärte seit langem, daß die Artillerie, solange sie auf Armee- oder Divisionsebene zur Vorbereitung und zum Feuerschutz eingesetzt wurde, nie die Rolle spielen konnte, die man von ihr erwarten durfte. Wenn man sie aber beispielsweise in selbständige Divisionen zusammenfaßte und dem direkten Befehl des Oberbefehlshabers unterstellte, dann könnte man sie, da sie beweglicher wäre, leichter im Bereich der ganzen Front einsetzen und sie vor allem als Sperrartillerie verwenden, deren Aufgabe es war, vor den feindlichen Kolonnen, undurchdringliche „Artillerie-Mauern“ zu errichten. Das russische Oberkommando studierte Woronows Theorie mit dem Ergebnis, daß der General Ende Oktober 1942 an der Spitze von einigen zehn Divisionen — genau 34 Regimentern Artillerie — gestellt wurde, die den Befehl hatten, sofort mit der Abschnürung des feindlichen Stoßkeils vor Stalingrad auf dem rechten Don-Ufer zu beginnen. Für einen Probeschuß war es ein Meisterschuß. Unter dem Schutze der errichteten .Mauer“, die Paulus radikal von seinen Versorgungsbasen abschnitt, konnten sich 150 russische Divisionen, teils aus dem Norden, teils aus dem Süden unter dem Kommando von Woroschilow am Don in Höhe von Stalingrad, vereinigen. Am 22. November war die Operation beendet und die 19 Divisionen unter von Paulus (darunter 8 Panzerdivisionen) fanden sich zwischen Don und Wolga eingekesselt, der Vernichtung geweiht, wenn es nicht gelang, sie zu entsetzen.

Das OKW versuchte, dies zu tun und zwar am 12. Dezember 1942 mit nur 8 unter großen Mühen zusammengezogenen Divisionen, die Woroschilow im Handumdrehen erledigen konnte. Zu gleicher Zeit überquerten die Russen den zugefrorenen Don nördlich von Stalingrad, trieben die Deutschen und Italiener um 100 Kilometer zurück und zerschlugen damit für immer jede Hoffnung, Paulus zu befreien. Diesem blieb von nun an nur noch die Kapitulation übrig . . . Jedoch, Kapitulieren bedeutete große russische Massen frei zu machen und es ihnen zu ermöglichen, die schon schwer erschütterte Front anzugreifen. Sie konnten beispielsweise auf Rostow zustoßen, es nehmen und auf diese Weise die Kaukasus-Armeen von ihren Basen abschneiden. Hitler indessen hatte nicht die Hoffnung verloren, die Lage ziemlich rasch wieder zu verbessern. Seiner Ansicht nach genügte es, wenn Paulus die verhältnismäßig kurze Zeit standhielte, die nötig war, um alles in Ordnung zu bringen. Er gab daher den Befehl: „Standhalten bis zum letzten Mann“. Von allem abgeschnitten und in einer Weltuntergangsstimmung hielt Paulus bis zum Äußersten stand, obwohl er durch das konzentrierte Feuer Woronows und die russischen Bomber zermalmt wurde und Verpflegung, Treibstoff, Munition und Medikamente fehlten. Am 2. Februar 1943, nach 5 Monaten wütender Kämpfe, davon zweieinhalb in einem höllischen Kessel eingesperrt, kapitulierte die Armee Paulus und ließ 240000 Gefallene auf dem Felde; sie war bis auf 90 000 Mann (darunter 23 Generale) aufgerieben und verlor 1600 Panzer, 6700 Geschütze, 70 000 Last- und Personenwagen.

Von da ab überstürzten sich die Ereignisse. Man mußte den Kaukasus in Gewaltmärschen und ohne Halt räumen um zu verhindern, daß die Truppen von Kleists ihrerseits durch die unvermeidbare Einnahme von Rostow abgeschnitten wurden; Rostow fiel am 13. Februar, am 16. rückten die Russen im Triumphzug in Charkow ein, das die Deutschen später mit übermenschlicher Anstrengung und ohne je weiter vorrücken zu können, Anfang März noch einmal einnehmen, wobei sie 22 Divisionen einsetzen, die sie recht unvorsichtigerweise von der Westfront abgezogen haben; am 31. März hatte die Rote Armee die Wehrmacht weit über ihre Ausgangsstellungen vom Frühling 1942 zurückgeworfen.

Inzwischen haben die amerikanischen Truppen, die am 8. November 1942 unter dem Oberbefehl von General Eisenhower ohne einen Schuß in Nordafrika gelandet waren, Tunis erreicht und haben die Verbindung mit dem schwarzen Afrika hergestellt.  Das  deutsche  Afrika-Korps  unter  Rommel  hatte  die  Engländer  bis  Sollum  auf  ägyptischen  Boden zurückgedrängt,  aber  nach  zweimaligem  Hin  und  Her  zwischen  Tripolis  und  Benghasi  (in  Afrika  funktionierte  der Nachschub nicht besser als im Kaukasus), wurde es zum dritten Mal zu rückgedrängt, diesmal von den Engländern unter Montgomery und bis zur tunesischen Grenze. Dort fand es sich nun zwischen zwei Feuern und war nach kurzer Zeit unwiderruflich zur Einschiffung nach Sizilien und Italien verurteilt.

Im Pazifik hatten die Amerikaner zuerst 1941 eine Reihe schmerzlicher Schläge von den Japanern einstecken müssen, dann aber im Laufe des Jahres 1942 ihre See-Überlegenheit wiedergefunden. An der europäischen Westfront ist Deutschland nicht mehr imstande, sie daran zu hindern, England zum Brückenkopf auszubauen, von dem die Flüge der schweren Bomber, der Liberators, ausgehen, die sofort berühmt werden durch ihre Taktik, die sich mit dem Wort „Bombenteppich“ umschreiben läßt.

Anfang April 1943 ist der Krieg von den Alliierten praktisch gewonnen, sie können jedenfalls sicher sein, daß sie gewinnen — und es ist Zeit für sie, an die Organisation des Nachkriegseuropa und der Nachkriegswelt zu denken: Die Aera der Konferenzen beginnt. Der Wahrheit gemäß ist festzustellen, daß man bereits viel früher versucht hatte, diese Aera anbrechen zu lassen. Es ist kaum übertrieben zu sagen, daß der erste Gegenstoß der Vereinigten Staaten auf die Kriegserklärung Japans und später Deutschlands eine Manifestation in dieser Richtung war: Am l. Januar 1942 findet eine Konferenz der Vertreter von fünfundzwanzig Nationen statt, die entweder den Achsenmächten den Krieg schon erklärt haben oder aber dazu bereit sind — und diese Nationen bilden den Kern der späteren Vereinten Nationen.

An diesem Tage war es nicht möglich gewesen, über eine „gemeinsame und feierliche Verpflichtung, den Krieg gegen die Achsenmächte solidarisch und bis zum Ende zu führen, hinauszukommen. Seitdem war nichts mehr in diesem Sinne versucht worden. Die so verpflichteten Alliierten hatten sich in der Praxis als viel weniger „feierlich und solidarisch“ erwiesen, als sie erklärt hatten. Auf den Anglo-Amerikanern lastete in der Tat die Erinnerung an den deutsch-russischen Vertrag, und sie hatten das begründete Gefühl, daß Stalin zu allen politischen Schlichen fähig wäre. Erst nach dem Kriege hat man durch diskrete Anspielungen einiger hochgestellter Zeugen und durch die Enthüllungen Peter Kleists erfahren, daß Stalin während des ganzen Jahres 1942 und sogar nach Stalingrad mehrfach versucht hat, Separatfriedensverhandlungen mit Deutschland über Finnland oder Schweden anzubahnen und daß die Anglo-Amerikaner davon Wind bekommen hatten. Die Russen waren sich vollkommen klar über die Tatsache, daß Hitler, am Ende seiner Weisheit, ihnen nur den Krieg erklärt hatte, um den Westen zu einem Kompromiß zu zwingen; selbst nach der amerikanischen Landung in Nordafrika rechneten sie noch immer mit der Möglichkeit eines deutschen Erfolges, umsomehr als die Anglo-Amerikaner offensichtlich zögerten, ernsthaft eine zweite Front im Westen zu errichten. Erst im Frühling 1943 fand diese zweideutige Situation ein Ende, da die Achse von da an offensichtlich die militärische Initiative nicht mehr an sich reißen konnte und praktisch besiegt war. Trotzdem mußte man noch die Bestätigung dieser Gewißheit durch  die  Vertreibung  der  Deutschen  und Italiener aus Afrika und durch die Landung der Anglo-Amerikaner in Sizilien abwarten, wodurch dann in Italien der Sturz Mussolinis ausgelöst wurde. Erst im Oktober 1943 konnte man  eine  neue  Konferenz  zusammenrufen,  von  der  man, angesichts des deutschen Zusammenbruchs, positive Lösungen für Europa erhoffen durfte.

Diese erneute Fühlungnahme fand vom 19. bis 30. Oktober 1943 in Moskau zwischen den Außenministern der UdSSR (Molotow), England (Eden) und USA (Cordell Hull) statt. Ihr folgten andere: vom  22.  bis  26.  November  in  Kairo (Roosevelt—Churchill—Tschiang-Kai-Schek), vom 28. November bis l. Dezember in Teheran (Roosevelt — Churchill — Stalin) — die erste Begegnung der „Drei Großen“. Dann gab es Jalta und endlich Potsdam . . . Am 30. Oktober 1943 schloß die Moskauer Konferenz mit einer Erklärung der Regierungen Großbritanniens, der Vereinigten Staaten und der Sowjetunion, in der es hieß:

„… daß die deutschen Offiziere und Soldaten sowie die Parteimitglieder, die für Grausamkeiten und Verbrechen im besetzten Europa verantwortlich sind oder freiwillig an ihrer Ausführung teilgenommen haben, an die Länder ausgeliefert werden, in denen sie ihre schändlichen Taten verübt haben, damit sie nach den Gesetzen dieser befreiten Länder und der dort eingesetzten freien Regierungen abgeurteilt und bestraft werden können.“

Wenn  man  sich  auch  über  kein  anderes  Nachkriegsproblem  einigen  konnte  —  in  einem  Punkt  bestand  totale Übereinstimmung: alle wollten Rache, Rache, zuerst und vor allem Rache ! Man hat seitdem nicht mehr aufgehört, sich zu rächen und das ist auch der Grund, warum der auffälligste Charakterzug der Nachkriegswelt jenes offensichtliche Bedürfnis ist, mit seinem Nächsten abzurechnen — ein Bedürfnis, das man sonst in dieser ausgeprägten Form nur in der Verbrecherwelt findet. In welcher anderen Hinsicht hätte man sich auch einigen, was hätte man sonst zusammen auch unternehmen können? Die Ehe zwischen dem  Bolschewismus  und  den  westlichen  Demokratien  war  mindestens  ebenso  widernatürlich  wie  die zwischen dem Nationalsozialismus und dem Bolschewismus und es gab eben keinen anderen Punkt, über den sich beide Systeme einigen konnten.

Und erst jetzt sieht man, daß Ost und West, als sie glaubten, ein für allemal mit Deutschland abgerechnet zu haben, auch schon einen Anfang gemacht hatten mit jener anderen Abrechnung, der Abrechnung unter sich, deren Notwendigkeit sie inzwischen auch entdeckten. In seinen Memoiren über den Zweiten Weltkrieg erzählt Churchill wie einen Monat später, als auf der Konferenz von Teheran die Stunde der Trinksprüche angebrochen war, die die Abkommen zu besiegeln pflegen, in den Sekt- und Wodkadämpfen jene Moskauer Erklärung erneut heraufbeschworen wurde. Stalin hatte sich zu Roosevelt gebeugt und ihm zugeflüstert, daß es reichen würde einfach 50 000 Offiziere und bedeutende Persönlichkeiten erschießen zu lassen. ,— 495001″ hatte der andere geantwortet.

Diese Worte umrissen klar das Verantwortungsgefühl jener Männer, von denen das Schicksal der Welt abhing. Und sie zeigten, worauf man sich gefaßt machen mußte.

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