Ein Storchennest als Mahnmal – Ein Augenzeuge erinnert sich an das Massaker von Nemmersdorf

Von

Joachim Reisch

Wie oft habe ich an der französischen Kanalküste Wache geschoben und nach Dover herübergeschaut, wo der Feind sein sollte. Ich empfand keinen Haß und kein Rachegefühl. Warum auch? Niemand hatte mir etwas getan. Diese Einstellung sollte sich erst später ändern, als liebe Kameraden oder gar Angehörige im Hagel der Geschosse oder Bomben umkamen.

Im Jahre 1939 fiel gleich zu Beginn des Polenfeldzuges mein Bruder, 1944 traf ein Bombensplitter meinen Burschen tödlich. Im selben Jahr fiel im Nahkampf mein noch ganz junger Melder neben mir im Schützengraben. Eben hatten wir noch gemeinsam eine Büchse Rindfleisch gegessen, als plötzlich ein unbeschreibliches Artillerie-Trommelfeuer und Jagdbomber-Angriffe begannen, daß die Erde erzitterte. Mein junger Kamerad hatte so etwas noch nicht erlebt, da traf ihn auch schon die tödliche Kugel eines amerikanischen Scharfschützen aus dem nahen Waldrand. Er sank neben mir hin. Die Amerikaner kamen wie bei der Hasenjagd auf uns zu. Es knallte in allernächster Nähe. Ich sprang heraus und erhielt auch gleich einen Oberschenkelschuß. Mein MG-Trupp kam heran und trug mich schnell bergunter, abseits der herannahenden Sherman-Panzer. Noch in der gleichen Nacht wurden wir Verwundeten versorgt und verladen und in ein Lazarett nach Wildbad im Schwarzwald gebracht. Fast die ganze Batterie hatten wir verloren.

Im Lazarett hatte ich genügend Zeit, über alles nachzudenken. Ich dachte an meine ostpreußische Heimat, die durch die immer näher rückende russische Front gefährdet war. Ich dachte aber auch daran, daß ein Teil meiner Vorfahren nach Rußland gerufen worden waren, um beim Zaren Dienst zu tun; sie fühlten sich als Russen und liebten Rußland.

Ende September 1944 mehrten sich die Nachrichten vom Heranrücken der Roten Armee. Kurzerhand bat ich den leitenden Stabsarzt, mich zur ambulanten Behandlung in meine ostpreußische Heimat zu entlassen. Am 18. Oktober 1944 bestieg ich den Zug in Richtung Berlin und traf am Vormittag des nächsten Tages auf Umwegen in Gumbinnen ein. Eine Weiterfahrt nach Eydtkau war wegen der Frontnähe nicht möglich. Der Buchhändler in der Königstraße fegte gerade die Glassplitter des nächtlichen russischen Bombenangriffs zusammen und machte einen pessimistischen Eindruck. Ich humpelte die alte Reichsstraße 132 in Richtung Goldap sieben Kilometer weit bis Husarenberg. Als ich die Haustür unseres Gutshauses öffnete, erblickte ich meine Eltern an der Treppe, und sie waren überhaupt nicht erstaunt, daß ich plötzlich vor ihnen stand. Als wenn sie es geahnt hätten, schwenkte mein Vater das gefüllte Sektglas und sagte: „Mein Sohn, gut, daß du kommst, denn es wird der letzte Schluck in Perkallen sein. In wenigen Stunden sind die Russen da!“

Er sollte recht behalten. Als Kommandeur eines Landesschützenbataillons in Goldap hatte er kurzfristig Urlaub zur Regelung des Trecks erhalten und mußte sogleich wieder fort. Er legte mir nur noch schnell die Sorge um meine Mutter und den Treck ans Herz. Am Abend nahm der Geschützdonner in Richtung Großwaltersdorf zu. Das Hausmädchen meldete Treckfahrzeuge und deutsches Militär zur Übernachtung. Pausenlos war nun das Hauspersonal, voran unsere liebe alte Wirtschafterin, damit beschäftigt, Kaffee und Tee zu kochen und Brote zu schmieren.

Draußen standen schon die gepackten Treckfahrzeuge in der Parkallee, da ja jederzeit mit der Räumung gerechnet werden mußte. Noch in den frühen Morgenstunden des 20. Oktober hatte der Ortsgruppenleiter meiner Mutter schwere Vorwürfe gemacht und mit Erhängen meines Vaters gedroht. Die Kuhherde mit hundert Schwarzbunten war schon am Vortag mit unserem sehr tüchtigen Schweizer davongezogen. Wohin, wußte niemand, und wir sollten auch nie mehr etwas von ihm hören.

Über Nacht hatte es pausenlos geregnet und in den Morgenstunden herrschte dichter Nebel. Als sich die Nebelschwaden aufzulösen begannen, überstürzten sich die Ereignisse. Russische Schlachtflieger vom Typ IL 2 warfen Bomben und schossen mit Bordwaffen auf unsere Gehöfte. Eine Stute wurde direkt vor den Füßen meiner Mutter tödlich getroffen. Das war dann allerdings das Zeichen zum Aufbruch. Genau vor 30 Jahren,nämlich am 20. Oktober 1914, mußte mein Onkel Konrad Reisch als damaliger Besitzer von Perkallen (Husarenberg) vor dem Einfall der Russen fliehen. Damals war das Dorf unbehelligt geblieben. Diesmal sah es anders aus. Eine ganze Wagenkolonne aus zehn langen Leiterwagen, zwei gummibereiften Wagen und einem Coupé mit 133 Personen – unsere Arbeiterfamilien, französische und belgische Kriegsgefangene, Hauspersonal –, gezogen von etwa fünfzig Pferden, setzte sich bangen Herzens eine völlig ungewisse Zukunft vor Augen, in Bewegung. Die Rote Armee stand allen Dorfbewohnern als Schreckgespenst im Nacken. An Abschiedstränen dachte kaum einer. Nur mein jüngster Bruder Winfried, damals noch Schüler, zeigte seinen Schmerz und vergaß dadurch alles.

Ich sollte noch Kriegsgefangene für den Abtransport unserer etwa 300 Pferde aus Gumbinnen beschaffen. In einem Militärfahrzeug der Panzergrenadiere gelangten wir nach Gumbinnen und wurden weitergeleitet nach Trakehnen. Doch russische Panzer fuhren gerade von der entgegengesetzten Seite in die Ortschaft ein. Wie durch ein Wunder gelangten wir nicht in ihre Hand. Mein Kraftfahrer hatte sehr schnell reagiert, denn sekundenlang standen wir uns unerkannt gegenüber. Schon drehte er um und verschwand hinter der nächsten Mauer.

Strahlendblauer Himmel leitete den Herbst über dem fast ebenen Gelände ein, wo früher die weltbekannten Flachrennen und Jagdreiten des Staatsgestüts Trakehnen stattfanden. Die verschiedenen Dörfer standen in Flammen, und senkrechte Rauchschwaden züngelten wie Kartoffelfeuer hoch. Wir fuhren also schnell zurück. Zu Hause angelangt, setzte mich mein Fahrer ab und fuhr gleich weiter, um seine Einheit zu suchen. Ich war allein, es herrschte Totenstille. Die Ruhe vor dem Sturm.

Ich eilte ins Haus, die Treppen hoch, riß die Schubladen auf und entnahm aus dem Gewehrschrank Waffen und Munition. Im Musikzimmer stand noch am Flügel gelehnt das Cello meiner Mutter, was ich dann auch in den Opel im Park tat, den ich wohlweislich dort geparkt und dessen Schlüssel ich mitgenommen hatte. Denn schon war ein deutscher Landser dran und versuchte das Fahrzeug zu öffnen, erschrak dann aber, als unerwartet neben ihm der Besitzer stand.

Bis heute weiß ich nicht, wie ich zufällig in die richtige Richtung Gertenau-Plicken unserem Treck nachfuhr. Gerade bog ich auf die Reichsstraße 132, als ich einen Trupp Hitlerjungen mit Panzerfäusten, angeführt von einem SA-Mann hinter unserem Remontestall verschwinden sah. Ich dachte noch: Welche Freveltat, Kinder in den Krieg zu schicken. Im wahrsten Sinne des Wortes dampfte ich ab, denn der Treibstoff war wohl für Traktoren bestimmt, jedenfalls kochte nach kurzer Zeit der Benzinmotor, und ich mußte stehend fahren, da die Frontscheibe ständig beschlug. Eine Kuh lief mir brüllend in die linke Wagentür, was aber glimpflich abging. Endlich hinter dem Gutshof Plicken hatte ich den Treck gefunden, an der Spitze meine Mutter auf dem Jagdwagen, hoch oben auf dem Bock, neben ihr die Tochter unseres Marienthaler Kämmerers. Unerschrocken und vorbildlich lenkte sie das Gespann durch dick und dünn. Selbst sowjetischen Jagdflugzeugen wich sie geschickt aus und verstand es, die Kolonne zusammenzuhalten.

In den späten Abendstunden kamen wir in Nemmersdorf an, wo sich unsere Leute schon ganz ermüdet vor der Angerapp-Brücke in einer Scheune zur Ruhe legen wollten. Da schoß es mir durch den Kopf: Niemals mit dem Fluß im Rücken übernachten – so hieß der Leitsatz unseres Taktiklehrers. Es war sehr schwer, alle wieder zur Weiterfahrt anzutreiben. Freudige Gesichter sah ich natürlich nicht, erntete dann später aber großen Dank. Denn das sollte unsere Rettung sein. So entgingen wir dem berüchtigten Massaker von Nemmersdorf, von dem wir später erfahren sollten. Mein Vater hatte nämlich den Durchbruch der sowjetischen Panzer bei Großwaltersdorf beobachtet und suchte nun den Treck. In den frühen Morgenstunden des 21. Oktober erkannte er in dichtem Nebel das Wiehern unserer Stute Tilly und fand uns in einer Scheune einige Kilometer weiter. Er berichtete, daß eine sowjetische Panzerspitze bis nach Nemmersdorf vorgedrungen wäre und ein furchtbares Blutbad angerichtet hätte. Durch einen deutschen Gegenstoß wäre die Front wieder bereinigt und die Sowjets hinter den Romintefluß zurückgedrängt. Husarenberg mußte also auch wieder frei sein.

Unverzüglich machten wir uns gegen 11 Uhr mit seinem Militärfahrzeug auf den Weg. Die Angerapp-Brücke war zersprengt, und zwischen den Brückenteilen schwebte ein sowjetischer T 34-Panzer. Auf den umliegenden Feldern lagen reihenweise Tote, Kinder wie Greise, Mädchen und Frauen geschändet und verstümmelt bis zur Unkenntlichkeit. Darunter waren auch zahlreiche Treckflüchtlinge und sogar französische Kriegsgefangene. Man berichtete uns von gekreuzigten Frauen an Scheunentoren und einem niedergewalzten Treck. Beides haben wir aber nicht gesehen. Auf unserem Gelände entlang der Reichsstraße 132 lag überall sowjetisches Kriegsgerät: Lastwagen, abgeschossene Panzer und Kanonen. Die Gefallenen waren noch nicht fortgeschafft. An einer Panzerabwehrkanone kauerte der Richtschütze mit zerfetztem Gesicht. Trotz des zuvor gesehenen Greuels empfand besonders mein Vater Mitleid für die Mutter jenes Soldaten fernab der Heimat.

Unser Haus war unversehrt, nurmehr vom Stab einer Panzereinheit besetzt. Die Tasten des Klaviers hatte man herausgerissen, und in allen Räumen roch es nach Chloroform, wohl von den Verbänden Verwundeter. Von den Tieren war nur noch eine Schar Gänse zu sehen. Mein Vater holte aus stehengebliebenen Güterwaggons auf unserem Bahnhof verpackte Ehrenpreise für unsere Pferdezucht, von denen heute noch ein Bernsteinkasten im berühmten Verdener Pferdemuseum zu sehen ist.

Durch feindlichen Beschuß wurden wir nun doch zum Rückmarsch gezwungen. In Marienthal feuerte unsere Artillerie eine Salve nach der anderen auf sowjetische Bereitstellungen in Großwaltersdorf. Unter Begleitung der berüchtigten Stalinorgel verschwanden wir in den Kallner Bergen.

Aber mir ließ bis auf den heutigen Tag diese Bestialität keine Ruhe. Ich konnte mir nicht denken, daß Menschen zu solchen Taten fähig wären. Erst später erfuhr ich auch von einem beherzten russischen Kommandanten eines Panzerspähwagens, der die Frau des Ortsgendarmes von Nemmersdorf mit ihren beiden Töchtern mitnahm und sie an einer gefahrlosen Stelle absetzte.

Unbegreiflich, was diese Bestialität ausgelöst haben mochte. Es mußte ein schreckliches Ereignis vorangegangen sein. Vielleicht die unvermutete Sprengung der Angerapp-Brücke mitten bei der Panzerüberquerung. Wer weiß es? Denn keiner entkam lebend diesem Inferno. Schuld daran trugen aber sicher auch die Propagandastellen hier und dort. Die schreckliche Wirkung der Artikel Ilja Ehrenburgs mit ihrer Aufforderung zu Plünderung, Mord und Totschlag an Deutschen hat insbesondere der kürzlich verstorbene russische Schriftsteller Lew Kopelew in seinem Buch „Aufbewahren für alle Zeit“ beschrieben, der sich gegen Gewaltakte an Deutschen gewandt hatte, was er jahrelang in Strafgefangenenlagern zu büßen hatte. Zweifellos zog auch Goebbels’ Propagandaministerium alle Register. Heute wird schonungslos mit der Vergangenheit abgerechnet. Das ist sicherlich gut, solange es bei der Wahrheit bleibt. Aber wo ist die Wahrheit nach über einem halben Jahrhundert?

Nach fünfzig Jahren die Schreckenstat von Nemmersdorf zu leugnen oder anzuzweifeln und gar uns Deutschen anzulasten, erscheint einfach grotesk. Ähnlich wie der „Fackelmänner-Befehl“ Stalins vom 17. November 1941 mutet der neuerliche Versuch eines Kaliningrader Kollektivs von 1989 an, wonach das gesamte Massaker von Nemmersdorf auf deutsche Soldaten, verkleidet in sowjetische Uniformen, geschoben wird (B. Fisch, Nemmersdorf – Oktober 1944, Edition Ost 1997; JF berichtete).

Anfang Januar 1945 hatte ich Gelegenheit, unseren Gutshof wiederzusehen. Alles war zertrümmert. Vor unserem Wohnhaus war ein Friedhof mit fünf Kreuzen dort Gefallener errichtet worden. Erst in den neunziger Jahren war es durch die Politik Gorbatschows wieder möglich, das nördliche Ostpreußen aufzusuchen. Von allen Gebäuden war kaum mehr ein Mauerstein übriggeblieben. Nur das barocke Tor mit dem Storchennest stand als Ruine und Mahnmal an Krieg und Verderbnis.


Quelle

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