Nemmersdorf (Kr. Gumbinnen) – OKTOBER 1944 – Was in Ostpreußen wirklich geschah

https://i1.wp.com/www.deutscherosten.de/kinder.jpgNachdem politisch verantwortliche Kräfte der Bundesrepublik Deutschland zugelassen haben, daß reine Zweckpropaganda, zumeist auch noch von auswärts herangetragen, weithin der wissenschaftlichen Zunft der Geschichtsschreibung triumphieren darf, sind gesicherte historische  Fakten gleichsam binnen weniger Jahre verdrängt oder mit völlig neuer Wertung in das Licht der Öffentlichkeit zurückgeführt worden.

So sanken die Opferzahlen des Bombenmassakers von Dresden ebenso wie die der Vertriebenen aus  dem Sudetenland auf schaurig wundersame Weise. Es nimmt daher auch kaum wunder, daß die bestialische Schlächterei im ostpreußischem Nemmersdorf durch Angehörige der Sowjetarmee Gegenstand einer ersten Retuschearbeit wurden.

Bernhard Fisch hat sich nun daran versucht. Doch nachdem das Buch von einem süddeutschen Verlag verworfen und auch Marion Gräfin Dönhoff das Vorwort verweigert hat, ist es dann in einem Berliner Verlag erschienen.

Kein Ereignis  im letzten Weltkrieg hat mich so ergriffen wie Nemmersdorf in meiner ostpreußischen Heimat. Wir sind zwar mit unserem großen Treck dem grauenvollen Schicksal knapp entkommen, haben aber wenige Stunden danach die Opfer der Zivilbevölkerung selbst dort gesehen.

Es bleiben trotz aller Mitteilungen in Presse, Rundfunk und Fernsehen noch viele Fragen offen, weil ja kein Einziger lebend aus dieser Hölle herausgekommen ist.

So kann auch das eben  erschienene Büchlein von Bernhard Fisch „Nemmersdorf Oktober 1944“, (ed. ost., Berlin 1997) die Wunden neu aufreißen und nur die Tatsachen bezweifeln, aber trotz umfangreicher Studien nicht grundlegend korrigieren.

Heute, nach 50 Jahren, beginnt zunehmend bei uns die schonungslose Abrechnung mit der Vergangenheit. Es vergeht kaum ein Tag, wo wir nicht mit unserer Geschichte konfrontiert werden: Judenverfolgung, Konzentrationslager, Naziregime  und der Zweite Weltkrieg, vielfach als Gemeinschaftssendung aus- und inländischer Rundfunkanstalten.

Solange es bei der Wahrheit bleibt, ist die Aufklärung sicherlich nützlich, um Wiederholungen zu vermeiden. Aber der  Wahrheitsgehalt nach über 50 Jahren ist sehr schwierig nachzuprüfen. Die Zeitzeugen werden immer rarer und stiller. Unversehens kann plötzlich eine Geschichtsfälschung entstehen, die gar nicht gewollt wurde. Oder doch?

Die  Aussöhnung zwischen den ehemaligen Gegnern kann aber nur auf der Basis der reinen Wahrheit dauerhaft wirken. Zahlreiche Sendungen in Rundfunk und Fernsehen sowie Schriften reißen die Wunden wieder auf, erzeugen erneut Zwietracht  und Haß zwischen den Generationen bis zu den einzelnen Familienmitgliedern. Hierzu gehören auch die umstrittene Antiwehrmachtsausstellung in vielen deutschen Städten und tendenziöse Filme über den 2.Weltkrieg.

Bei einer solchen  Sendung des ZDF vom 29.7.1994 „Das Jahr des Widerstandes – Damals 1994“ wurden u.a. auch die Greultaten der Roten Armee beim Einmarsch in Ostpreußen, speziell in „Nemmersdorf gezeigt und mit Vergeltung und Rache für deutsche Schandtaten in der Sowjetunion erklärt.

Maßgebend für solche Handlungsweise sollte auch der Anblick des Vernichtungslagers Majdansk in Polen gewesen sein. Von Katyn bis Smolensk und den dort entdeckten Massengräbern von  4.100 polnischen Offizieren wurde nichts erwähnt. Erst durch Gorbatschow wurde in den letzten Jahren die Wahrheit zugegeben: nicht deutsche Soldaten, sondern die sowjetische NKWD war der Täter.

Bis heute rätsele ich an der Ursache des Massakers von Nemmersdorf am 20./21. Oktober 1944 und was sich in den anderen Orten Alt-Wusterlitz, Schweizerau, Schluzenwalde, Lützen und Springdorf abgespielt hatte.

Auch die Schrift von B. Fisch: „Nemmersdorf  Oktober 1944“ bringt kein Licht in das Dunkel. Er selbst, als gebürtiger Ostpreuße, damals Oberschüler und zum Hilfsdienst bei der leichten Artillerie in Insterburg eingesetzt, fühlt sich dazu berufen, nach über 50 Jahren das  Massaker von Nemmersdorf aufzuklären.

Er studierte die alten Quellen, sicherte Archivmaterial aus St. Petersburg und Moskau, was neu ist, knüpfte Kontakte zu ehemaligen Einwohnern von Nemmersdorf und besuchte auch die Stätte  selbst.

Das Ergebnis ist allerdings trübe, wenn mehr oder weniger alles der Goebbelschen Propaganda-Maschine zugeschoben wird, Aussagen von maßgeblichen deutschen Offizieren und Soldaten, die an diesem Kampf teilgenommen haben,  angezweifelt werden.

Die Angaben vom damaligen sowjetischen General Galizki bzw. Gefechtsberichte von seinem Oberst Bulygin als Kader der in Nemmersdorf eingesetzten 25. Gardepanzerbrigade sind hinsichtlich der Zeitangaben und  deutschen Verluste vielfach nicht den Tatsachen entsprechend. Nemmersdorf war von ihnen nicht mehrere Tage besetzt, sondem nur einige Stunden, was ich ja selbst erlebt habe.

In dieser Zeit habe ich nicht ein einziges deutsches Kampfflugzeug in dieser Gegend gesehen. Wie können dann deutsche Flugzeuge die besagte Brigade schwer bombardiert haben?

In der allgemeinen Hast, Kopflosigkeit und Verwirrung hat es hier sicher auf beiden Seiten manche falsche  Meldung gegeben. Schon bei einem Verkehrsunfall wird ja die Beweisaufnahme schwierig!

So ist mir bekannt der Beschuß der eigenen Linien durch unsere Artillerie wie auch der Zusammenbruch eines sowjetischen Gegenstoßes durch deren Schlachtflieger. Angehörige der “Fallschirmpanzer-division Hermann Göring“ könnten darüber noch ganz genau berichten und haben vieles im Bild festgehalten.

Der Autor stolpert dann selbst über Nachrichten des  “Times“-Korrespondenten Urch vom November 1944, wonach Nemmersdorf niemals von Russen besetzt und die Morde an der Zivilbevölkerung von Deutschen selbst verübt worden waren.

Geradezu unerhört erscheint ihm auch eine  Publikation des Kaliningrader Kollektivs von 1989, worin behauptet wird, daß nach Angaben eines gefangenen deutschen Infanteristen des 43. Infanterieregiments der Ersten Ost-preußischen Division das gesamte Massaker von Nemmersdorf von deutschen Soldaten in russischer Uniform in einem streng bewachten Platz für Propagandafilme nachgestellt wurde.

Das erinnert an den „Fackelmänner-Befehl“ von Stalin vom 17. November 1941, wo gerade umgekehrt sowjetische Soldaten in deutschen Beuteuniformen im Hinterland des besetzten Gebietes Greueltaten vortäuschen sollten (Stalins “Taktik der verbrannten Erde“) – enth. Nr. 0428, Archiv Serie 429, RoUe 461, Generalstab  des Heeres, Abtl. Frernde Heere Ost II H 3/70 Fr. 6439568, Lagerstätte: Nationalarchiv Washington.

Zum Schluß muß Fisch jedenfalls zugeben: „In Nemmersdorf fanden Verbrechen statt.“ Sie waren aber nicht  „marginal“ und nicht „inszeniert“.

Als Zeitzeuge muß ich im Anhang auf meinen Bericht im Ostpreußenblatt vom 26.11.1994 (s. auch Sigrid Reisch v. Wagner: „Baltisch-ostpreußische Erinnerungen“, PIAG  Baden-Baden 1979) zurückgreifen:

 

Als Verwundeter von der Invasionsfront im Westen ließ ich mich angesichts des bedrohlichen Vormarsches der Roten Armee auf Ostpreußen. 0ktober 1944 vom Lazarett Wildbad i. Schwarzwald in  meine heimatlichen Gefilde Husarenberg (Perkallen) bei Gumbinnen zur ambulanten Behandlung entlassen.

Zwei Tage später begleitete ich schon unter Kanonendonner unseren Treck Richtung Nemmersdorf. Trecken war noch immer ohne Räumungsbefehl unter Todesstrafe verboten.

Es waren 133 Menschen, unsere Gutsarbeiter mit ihren Familien, französische/belgische Kriegsgefangene und etwa 50 Pferde unseres Gestüts für die Fahrzeuge.

Als die Sonne schon  unterging, erreichten wir mühsam und erschöpft Nemmersdorf. Ich bildete mit unserem Auto den Schluß und sah, wie die vorderen Fahrzeuge bereits eine Scheune vor der Angerapp-Brücke ansteuerten, um dort Nachtquartier zu beziehen.

Die Gefahr des Flusses im Rücken zur Nachtzeit wurde mir sofort bewußt, aber nur unter großen Schwierigkeiten gelang es mir schließlich, unsere Leute zur Weiterfahrt über die noch heile Brücke zu bewegen.

Es wurde unsere  Rettung! So entgingen wir dem berüchtigten Massaker von Nemmersdorf, wovon wir später erfahren sollten.

Mein Vater, damals Kader eines Landesschutzbataillons in Goldap, hatte nämlich den sowjetischen Durchbruch bei  Großwaltersdorf beobachtet und suchte nun den Treck.

In den frühen Morgenstunden des 21. Oktobers erkannte er im Nebel am Wiehern unsere Stute Tilly und fand uns in einer Scheune einige Kilometer weiter nördlich von Nemmersdorf.

Er berichtete, daß eine russische Panzerspitze bis nach Nemmersdorf vorgedrungen wäre und ein furchtbares Blutbad angerichtet hätte. Durch einen deutschen Gegenstoß wäre die Front wieder bereinigt und die Sowjets hinter die Rominte zurückgedrängt worden.

Husarenberg mußte also auch wieder frei sein. Daher machten wir uns gegen 11.00 Uhr (21. Oktober 1944) unverzüglich auf den Weg dorthin.

In Nemmersdorf sahen wir nun selbst die Geschehnisse.  Angerapp-Brücke war gesprengt und zwischen den Bruchstücken schwebte ein sowjetischer T-34 Panzer.

Auf den umliegenden Feldern lagen reihenweise Tote. Kinder wie Greise, Mädchen und Frauen geschändet und verstümmelt bis zur  Unkenntlichkeit. Darunter waren auch zahlreiche Treckflüchtlinge und sogar französische Kriegsgefangene.

Manche (Wehrmachtsangehörige) berichteten uns dort auch von  gekreuzigten nackten Frauen an Scheunentoren und einem niedergewalzten Treck. Beides haben wir aber nicht gesehen.

Auf unserem Gelände entlang der Reichsstraße 132 lag überall sowjetisches Kriegsgerät: Lastwagen, abgeschossene  Panzer und Kanonen. Die Gefallenen waren noch nicht fortgeschafft. An einer sowjetischen Pak kauerte der Richtschütze mit zerfetztem Gesicht, ein schrecklicher Anblick. Trotz des zuvor gesehenen Greuel empfand besonders mein Vater Mitleid für die Mutter jenes Soldaten fernab der Heimat.

 

Das Ostpreußenblatt, 13.12.1997 – Folge 50, Seite 19


Quelle

Siehe auch:

Massaker an Deutschen – Nemmersdorf ein sowjetisches Kriegsverbrechen

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