Der diplomatische Kampf um Danzig vor und in Versailles

„Aus diesen Gründen bin ich auf das schärfste dagegen, mehr Deutsche als unerläßlich nötig ist, der deutschen Herrschaft zu entziehen, um sie einer anderen Nation zu unterstellen. Ich kann kaum eine stärkere Ursache für einen künftigen Krieg erblicken, als daß das deutsche Volk, das sich zweifellos als eine der kraftvollsten und mächtigsten Rassen der Welt erwiesen hat, rings von einer Anzahl kleiner Staaten umgeben werden soll, von denen viele aus Völkern bestehen, die noch nie vorher eine selbständige Regierung aufgestellt haben, aber jeder breite Massen von Deutschen umschließt, die die Vereinigung mit ihrem Heimatland fordern. Der Vorschlag der polnischen Kommission, 2 100 000 Deutsche der Aufsicht eines Volkes von anderer Religion zu unterstellen, das noch niemals im Laufe seiner Geschichte die Fähigkeit zur Selbstregierung bewiesen hat, muß meiner Beurteilung nach früher oder später zu einem neuen Krieg in Osteuropa führen.“

Danzig ist deutsch

Aus:

Die Entstehung der freien Stadt Danzig (2)

Dr. Walther Recke,
Staatsarchivdirektor, Danzig

In fast allen Plänen, welche man auf polnischer Seite während des 19. und 20. Jahrhunderts über die Wiederherstellung eines selbständigen polnischen Staates schmiedete, erscheint die Forderung, daß auch Danzig zu diesem wieder aufzurichtenden Staate gehören müsse. Es war der Wunsch, den der polnische Nationaldichter Mickiewicz seinen Helden in die Worte fassen ließ:

„Danzig, einst das unsrige, wird auch wieder unser werden.“

Wie sehr dieser Gedanke schon in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts die polnischen Gemüter beherrschte, das hatte schon der 33jährige märkische Junker, Otto v.  Bismarck, klar erkannt, als er seinen berühmt gewordenen Brief vom 20. April 1848 an die Magdeburger Zeitung richtete, in welchem er die erschütternden Seherworte niederschrieb:

„Man kann Polen in seinen Grenzen von 1772 herstellen wollen, ihm ganz Posen, Westpreußen und Ermland wiedergeben. Dann würden Preußens beste Sehnen durchschnitten und Millionen Deutscher der polnischen Willkür überantwortet sein.“

Wenn aber dies nicht geschehe – so fuhr Bismarck in seinem Briefe fort – und das wieder aufgerichtete Polen nur die Provinz Posen erhielte, dann würden die Polen unsere geschworenen Feinde bleiben,

„solange sie nicht die Weichselmündung sowie jedes polnisch redende Dorf in West- und Ostpreußen, Pommern und Schlesien von uns erobert haben würden“.

Der Gedanke, daß ein wiederauferstehender polnischer Staat bis zur Ostsee reichen und Danzig besitzen müsse, wurde zum ausgesprochenen Dogma der wichtigsten und größten politischen Partei, die sich in dem letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts in Polen bildete, der Nationaldemokratie. Der Führer und eigentliche Begründer dieser Partei, Roman Dmowski, verstand es, im Weltkriege den größten Teil des polnischen Volkes um sich zu scharen unter der Losung, daß der eigentliche Feind des Polentums Deutschland sei und daß der neue polnische Staat im Kampfe gegen die Deutschen wieder aufgerichtet werden müsse.

Dementsprechend forderte Dmowski auch in erster Linie für das neue Polen die deutschen Ostmarken und betonte in den zahlreichen Denkschriften, die er den Feinden Deutschlands vorlegte, daß die Macht Deutschlands nur dadurch gebrochen werden könne, daß man ihm die Ostmarken fortnehme. Naturgemäß spielte Danzig in diesen Plänen eine besondere Rolle und wurde immer wieder genannt.

In einer Denkschrift, die Dmowski im Sommer 1917 dem englischen Außenminister Balfour vorlegte, verlangte er die Schaffung eines antideutschen Mitteleuropas, als dessen Rückgrat das neue Polen dienen sollte und eröffnete dann den Feinden Deutschlands folgende Zukunftsaussichten:

„Wenn die Deutschen Danzig und Triest verlieren, so wird das nichtdeutsche Mitteleuropa, indem es dadurch den unmittelbaren Zugang zum Meere nicht nur an der Ostsee, sondern auch am Mittelländischen Meere erlangt, in der Lage sein, zu den westlichen Völkern, zu England, Frankreich, Italien unmittelbare Beziehungen zu unterhalten…. Dies sind unerläßliche Bedingungen für die Erreichung einer hinreichenden Widerstandskraft gegenüber der ökonomischen Übermacht und dem politischen Einfluß der Deutschen.“

Wenn die Deutschen Ostpreußen und Danzig verlören, so würde man ihnen auch damit alle Hoffnung nehmen, sich das Flußgebiet der Weichsel unterwerfen und ihre Expansion weiter in den Osten tragen zu können.

Der Verlust Danzigs werde für Deutschland zwar schmerzhaft, für die Stadt selbst aber eine glückliche Wendung sein. Danzig, dessen wirtschaftlicher Niedergang unter der preußischen Herrschaft unaufhaltsame Fortschritte gemacht habe, werde

„an Polen zurückgegeben…, von neuem der Haupthafen dieses großen und reichen Landes sein, und seine Bevölkerung wird schnell wachsen durch die polnische Einwanderung“.

Obwohl Dmowski diese Pläne unermüdlich den Staatsmännern der Entente vortrug, fand er hier noch bis weit in das Jahr 1918 hinein wenig Verständnis. Nicht ohne Einfluß hierbei war zweifellos die Tatsache, daß seine Gegner unter seinen eigenen Volksgenossen, die auf der Seite der Zentralmächte stehenden Aktivisten, geführt durch den heutigen Außenminister August Zaleski, eine rührige Propaganda in England gegen ihn entfalteten, welche den Leitgedanken verfolgte, daß der neu zu errichtende polnische Staat auf die deutschen Ostmarken verzichten müsse und lediglich aus Kongreßpolen und Galizien bestehen solle. Zaleski gelang es sogar, für diesen Gedanken an hervorragender Stelle stehende Engländer, so z. B. den Erzbischof von Canterbury, Lord Gladstone und Asquith zu gewinnen. Dmowski ließ hiergegen in der von ihm gewonnenen Zeitung Morning Post unter anderem erklären:

„Solange Danzig preußisch bleibt, ist es geradezu eine Farce, von der Unabhängigkeit Polens zu sprechen, denn es ist eine allgemein anerkannte Tatsache, daß ein Volk nicht unabhängig sein kann, wenn es keinen Zugang zum Meere besitzt.“

Erst um die Mitte des Jahres 1918 gelang es Dmowski, die Alliierten Mächte zu einer offenen Stellungnahme zugunsten der polnischen Pläne zu bewegen. Am 3. Juni 1918 erklärten die auf einer Konferenz in Versailles versammelten Premierminister Frankreichs, Englands und Italiens:

„Die Schaffung eines geeinten und unabhängigen Polen mit einem Zugang zum Meere bildet eine der Bedingungen für einen dauernden und gerechten Frieden und die Wiederherstellung der Herrschaft des Rechts in Europa.“

Dmowski schien einen vollen Sieg errungen zu haben. In Wahrheit aber war er in keiner Weise zufriedengestellt, denn diese Erklärung war ihm zu unbestimmt. Wenn auch der Vertreter Amerikas sich zustimmend zu diesen Forderungen geäußert hatte, so lagen doch zwei programmatische Erklärungen des Präsidenten Wilson vor, die, statt Dmowski mit Freude zu erfüllen, ernste Befürchtungen bei ihm erweckten. In der ersten Erklärung, der Botschaft an den Senat vom 22. Januar 1917, hatte Wilson als allgemeine Meinung feststellen zu können geglaubt, daß ein polnischer Staat wieder aufgerichtet werden müßte und hatte dann die Forderung erhoben:

„Außerdem sollte, soweit möglich, jedem Volke … ein unmittelbarer Zugang zu den großen Verkehrsstraßen des Meeres zugebilligt werden. Wo dies nicht durch Gebietsabtretung geschehen kann, kann es zweifellos durch die Neutralisierung unmittelbarer Wegerechte unter der allgemeinen Friedensbürgschaft geschehen.“

Die zweite Erklärung des Präsidenten Wilson war der bekannte 13. Punkt, in welchem für den neuen polnischen Staat ein „freier und sicherer Zugang zum Meere“ gefordert worden war. Zugleich aber fand sich hier der für die polnischen Pläne höchst bedenkliche Satz, daß der neue polnische Staat die „von einer unbestreitbar polnischen Bevölkerung bewohnten Gebiete“ umfassen solle. Denn Dmowski wußte zu gut, daß bei richtiger Beobachtung dieses Grundsatzes weder Westpreußen noch Danzig den Polen zugesprochen werden würden.

Je näher das Ende des Weltkrieges zu sein schien, um so größer wurde die Sorge Dmowskis wegen der Stellungnahme Wilsons gegenüber den polnischen Forderungen. Um Klarheit zu schaffen, reiste er Anfang August nach Amerika. Kurz nach seiner Ankunft hatte Dmowski die denkwürdige Unterredung mit Wilson, über die er in seinen Memoiren ausführlich Bericht erstattet hat. Hier liegt ein einwandfreies Zeugnis von polnischer Seite vor, daß Wilson bei Abfassung seines dreizehnten Punktes gar nicht daran gedacht hat, dem polnischen Staate den Besitz Westpreußens und Danzigs zuzusprechen. Sondern Wilson wollte den für Polen verlangten ungehinderten und sicheren Zugang zum Meere dadurch verwirklicht sehen, daß entsprechend seiner Botschaft an den Senat vom 22. Januar 1917 die Weichsel internationalisiert wurde und Polen im Danziger Hafen ein Freihafengebiet erhielt.

Ganz Westpreußen mit Danzig sollte also nach dem festen Entschlusse des Präsidenten Wilson bei Deutschland bleiben. Dmowski war aufs höchste bestürzt. Er erreichte schließlich von Wilson die Erlaubnis, daß er ihm eine Denkschrift über die von ihm geplante künftige Gestaltung des polnischen Staates vorlegen durfte. Und während Dmowski noch in der für den englischen Ministerpräsidenten Balfour im Jahre 1917 verfertigten Denkschrift gesagt hatte:

„Das heutige Danzig ist deutsch“,

erklärte er jetzt kaum ein Jahr später in seiner für Wilson bestimmten Denkschrift vom 8. Oktober 1918:

„Die offiziellen Zahlen, welche Danzig betreffen, stellen die Stadt als rein deutsch dar, indessen erweisen private Untersuchungen, auf polnischen Wegen geführt, daß fast die Hälfte der Bevölkerung polnisch ist, wenn auch oberflächlich verdeutscht.“

Beide Behauptungen nebeneinandergestellt, sind ein schlagender Beweis für die tendenziöse Abfassung und Unzuverlässigkeit der Denkschriften Dmowskis.

Daß die Ausführungen dieser langen Denkschrift keinerlei Eindruck auf Wilson gemacht hatten, mußte Dmowski zu seiner großen Enttäuschung erkennen, als er Anfang November einer Sitzung des amerikanischen Senats beiwohnte, in welcher Wilson über die den Deutschen vorzulegenden Waffenstillstandsbedingungen berichtete. Kaum war die Sitzung beendet, ließ sich Dmowski bei Wilson melden, um sich von ihm zu verabschieden, in Wirklichkeit aber, um ihn zur Rede zu stellen. Wilson, dem die Ausführungen Dmowskis höchst ungelegen kamen, versuchte auch jetzt noch, seinen Standpunkt, welcher die polnischen Forderungen ablehnte, zu verteidigen.

Nunmehr beschloß Dmowski, sein „letztes Argument“ anzuwenden, und das war die unverhüllte Drohung. Er berichtet darüber in seinen Memoiren:

„Herr Präsident – sagte ich –, Sie wissen zweifellos, wie nahe diese Frage Ihren amerikanischen Polen geht. Die an ihrer Spitze stehenden Leute stammen vorwiegend aus den von Preußen geraubten polnischen Ländern. Wenn wir also die uns zukommende Grenze mit Deutschland nicht erhalten, wenn wir nicht nur Posen, sondern auch Schlesien und unser Ostseegebiet mit Danzig nicht erhalten, so wird keiner von ihnen verstehen, warum das geschah. Und das sind Leute, welche heute fest an Sie glauben.“

Wilson erwiderte, indem er Dmowski scharf ansah: „Ich hoffe, daß sie sich nicht täuschen werden.“ Der Präsident hatte die Worte Dmowskis wohl verstanden. Er wußte, daß es diesem gelingen würde, die fast vier Millionen amerikanischer Polen gegen ihn mobil zu machen, indem er ihn der Deutschfreundlichkeit verdächtigt hätte. Und damals gerade standen die Wahlen zum Kongreß vor der Tür, bei denen Wilson jede Stimme brauchte.

Bald nach dieser letzten Unterredung mit Wilson kehrte Dmowski nach Europa zurück.

Inzwischen war das Schicksal Danzigs und Westpreußens Gegenstand einer der Besprechungen gewesen, welche die Alliierten vor der Überreichung der Waffenstillstandsbedingungen an Deutschland untereinander gehabt hatten. In der Verhandlung vom 2. November 1918 forderte Marschall Foch, daß Deutschland alle die Gebiete räumen solle, welche vor dem Jahre 1772 zum polnischen Staat gehört hätten und nannte hierbei auch ausdrücklich Danzig. Und der französische Außenminister Pichon pflichtete ihm mit der Erklärung bei:

„Ich wünsche die Wiederherstellung des ehemaligen Polens mit einem Zugang zum Meere.“

Höchst bedeutsam war die Entgegnung des englischen Außenministers, Lord Balfour, der erklärte:

„Ich habe diesen Vorschlag mit Bestürzung gehört. Das Polen von 1772 – sagen Sie – sollte das Polen von 1918 werden. Dazu haben wir uns nicht verpflichtet. Wir haben uns dazu verpflichtet, ein aus Polen bestehendes Polen wiederherzustellen.“

Am gleichen Tage stellte Balfour einen Antrag, dessen Ausführung für Danzig und Westpreußen leicht hätte verhängnisvoll werden können. Er meinte, die Alliierten müßten dafür sorgen, daß sie über Danzig freien Zutritt zu Polen hätten, um dieses mit Waffen, Polizeitruppen und Lebensmitteln versehen zu können. Tatsächlich ist auch ein dahin lautender Passus in die Waffenstillstandsbedingungen aufgenommen worden.

Dmowski erkannte sogleich, daß hier die Möglichkeit sich bot, die Entscheidung der Friedenskommission in der von ihm gewünschten Richtung vorzubereiten, indem er eine vollendete Tatsache schuf. Hauptsächlich aus deutschen Deserteuren polnischer Abstammung war hinter der französischen Front eine polnische Armee gebildet worden, deren Oberbefehl dem ehemaligen Legionsgeneral Haller übertragen worden war. Mit Hilfe dieser Truppen hoffte Dmowski jetzt, die Frage der künftigen deutsch-polnischen Grenze und damit auch das Schicksal Danzigs mit dem Schwert entscheiden zu können. Sogleich nach seiner Rückkehr aus Amerika stellte er bei den Alliierten den Antrag, daß diese Haller-Armee über Danzig nach Polen transportiert werde. Man antwortete ihm aber, dies sei nicht möglich, denn die Deutschen würden gegenüber der Ausladung polnischer Truppen Widerstand leisten und es würde ein neuer Krieg, und zwar zwischen Deutschland und Polen entbrennen. Dmowski ließ sich aber noch nicht abweisen, sondern machte den Vorschlag, man solle mit einigen Divisionen alliierter Truppen, denen die Deutschen doch keinen Widerstand zu leisten wagen würden, die Stadt Danzig und die Eisenbahnlinie Danzig–Bromberg–Thorn besetzen und unter dem Schutze dieser Truppen dann den Transport der Haller-Truppen durchführen. Der Vertreter Englands erklärte jedoch, daß England hierfür nicht einen Soldaten zur Verfügung stellen würde. Und als Dmowski dann meinte, Frankreich könne diese Aktion allein unternehmen, entgegnete man ihm, die französischen Truppen und die öffentliche Meinung in Frankreich hätten schon derart genug vom Kriege, daß der Versuch, einige Divisionen in ein neues kriegerisches Unternehmen zu schicken, einen scharfen Protest hervorrufen würde.

So unterblieb der Durchmarsch der Haller-Truppen durch Danzig und Westpreußen, der höchstwahrscheinlich eine ähnliche Bewegung entfesselt haben würde, wie der Besuch des polnischen Klaviervirtuosen Paderewski in Posen, der bekanntlich das Signal zum Aufstande vom 27. Dezember 1918 gab. Paderewski hat die geheimen Gedanken und Hoffnungen Dmowskis offen ausgesprochen, als er meinte:

„Westpreußen und Danzig würden polnisch sein, sobald Hallers Divisionen auf Danziger Boden ständen.“

Danzig ist damals vor einer großen Gefahr bewahrt worden, denn es ist fraglich, ob die Entscheidung in Paris zugunsten einer Freien Stadt Danzig ausgefallen wäre, wenn die Haller-Truppen vorher eine vollendete Tatsache geschaffen hätten. Aber noch mehrfach tauchten beunruhigende Nachrichten wegen eines Durchmarsches der Haller-Truppen durch Danzig und Westpreußen auf, so daß sogar Amerika in diese Frage eingriff. Damals erklärte Paderewski dem Obersten House, dem bekannten nächsten Berater Wilsons:

„Die Polen sind niemals und in keiner Weise ein aggressives Element gewesen, obwohl sie Danzig mit viel Legitimität reklamieren, als eine unerläßliche Bedingung für ihr politisches, ihr Handels- und Wirtschaftsleben.“

Inzwischen hatten sich im Laufe des Dezember 1918 die Vertreter der alliierten und assoziierten Nationen zur Friedenskonferenz in Paris versammelt, deren erste Sitzung am 12. Januar stattfand. Aus der Vollkonferenz bildete sich bald ein kleiner Ausschuß, der Rat der Zehn, der aus den Ministerpräsidenten und den Außenministern der fünf großen Mächte bestand. Vor diesen Rat wurde Dmowski am 29. Januar 1919 gerufen und entwickelte hier in einer zweieinhalbstündigen Rede das Programm der polnischen territorialen Forderungen. Bemerkenswert ist, daß er auch bei dieser Gelegenheit den Antrag erneuerte, daß den Haller-Truppen die Möglichkeit gegeben werde, über Danzig nach Polen zu gelangen.

Anfang Februar wurde dann eine besondere Kommission eingerichtet, welche die Aufgabe hatte, die deutsch-polnische Grenze festzulegen. Vorsitzender dieser Kommission war der ehemalige Botschafter Frankreichs in Berlin, Jules Cambon, und stellvertretender Vorsitzender der General Le Rond. Zu den übrigen Mitgliedern gehörte vor allem der amerikanische Universitätsprofessor Dr. R. H. Lord.

Dieser Kommission wandte Dmowski seine besondere Aufmerksamkeit zu und übersandte ihr Ende Februar noch einmal in kurzer Zusammenfassung eine Aufstellung der territorialen Ansprüche Polens. Diesmal forderte er die Ostseeküste im Raume östlich von Stolp bis östlich Braunsberg, mithin also auch Danzig für Polen.

Um der Arbeit Dmowskis in Paris noch besonderen Nachdruck zu geben, waren mehrere polnische Universitätsprofessoren als Sachverständige dorthin entsandt worden. Ihr gemeinsames Werk ist eine im März 1919 erschienene Denkschrift („Questions relatives aux territoires polonais sous la domination prussienne“). In dieser haben sich die gelehrten Verfasser auch eingehend mit Danzig beschäftigt. Nach der Behauptung der polnischen Professoren ist Danzig schon seit dem Jahre 997 eine „polnische Stadt“! Im Anschluß daran erklärten die Gelehrten:

„Die Germanisierung Danzigs ist oberflächlich, und sobald die Polen das Recht haben werden, sich in der Stadt niederzulassen, wird sie wieder polnisch werden, wie Krakau und andere Städte in Polen…. Das Beispiel Elsaß-Lothringens und die frühere Geschichte der Stadt selbst beweisen hinlänglich, daß trotz der deutschen Sprache hier leicht eine aufrichtige Anhänglichkeit an den polnischen Staat und ein wirklicher polnischer Patriotismus entstehen kann, der sich auf eine Gemeinsamkeit der Interessen gründet…. Danzig wird bald eine vorwiegend polnische Stadt werden, und das ohne irgendeinen Druck und ohne quälende Maßnahmen von seiten der polnischen Autoritäten.“

Diese Ausführungen haben – es sei ausdrücklich betont – Männer der Wissenschaft wie die Professoren Konopczyński, Bujak, Romer und Nitsch, mit ihrem Namen gedeckt.

Die polnischen Professoren gingen aber noch weiter, indem sie sich der Friedenskonferenz gegenüber zu folgender Drohung verstiegen:

„Die Einstimmigkeit der öffentlichen Meinung in Polen betreffend Danzig ist derart vollständig, daß ein dauernder Friede solange unmöglich sein würde, als die Mündungen des nationalen polnischen Flusses in den Händen der Feinde Polens und der Humanität bleiben würden.“

Es bedurfte gar nicht mehr dieser Anstrengungen von polnischer Seite, denn die wichtigste Persönlichkeit der Friedenskonferenz, Präsident Wilson, war inzwischen vollkommen für die polnische Sache gewonnen worden. Und zwar durch seinen historischen Sachverständigen, den schon genannten Professor Dr. R. H. Lord. Von ihm stammt die Bemerkung, daß die Annektierung Danzigs durch Polen „die einzig sorgfältige Lösung dieses Problems“ gewesen wäre.

Wilson hatte aber zunächst auch in Paris noch nicht den Polen Danzig zusprechen wollen, und erst nach langem Widerstande war er umgestimmt worden. Eines Abends teilte der schon genannte Oberst House dem freudig überraschten Dmowski mit: „Gestern abend hat mir der Präsident gesagt er sei zur Überzeugung gelangt, daß man Euch Danzig zuerkennen müsse.“

Nachdem Wilson einmal diesen Standpunkt eingenommen hatte, hat er ihn auch hartnäckig verteidigt, als es wegen der Danziger Frage in der Sitzung der großen Vier vom 19. März 1919 zu einem scharfen Zusammenstoß kam. Lloyd George, der englische Premierminister, trat für Danzig ein und unterzog den Bericht der, wie schon erwähnt, unter französischer Leitung stehenden Grenzfestsetzungskommission einer derart scharfen Kritik, daß, nach einem amerikanischen Bericht, „das Lächeln von den Gesichtern der Zuhörer verschwand und Furcht ihre Herzen ergriff“. Lloyd George betonte energisch die große Ungerechtigkeit, die darin liegen würde, wenn man diese deutsche Stadt an Polen ausliefern wolle. Wörtlich fuhr er dann fort:

„Wenn wir Danzig den Polen geben, so werden die Deutschen den Vertrag nicht unterzeichnen, und wenn sie nicht unterzeichnen, so ist unsere Arbeit hier ein Mißerfolg. Ich versichere Sie, daß Deutschland einen solchen Vertrag nicht unterzeichnen wird.“

Wie der gleiche amerikanische Bericht verzeichnet, folgte auf diese Worte eine lautlose Stille:

„Jedermann war betroffen, beunruhigt, überzeugt.“

Wilson und Clemenceau versuchten noch einmal, den Standpunkt der Grenzfestsetzungskommission zu verteidigen. Es war vergebens; Lloyd George blieb hart und unerbittlich und erreichte schließlich, daß über die Danziger Frage kein endgültiger Beschluß gefaßt wurde.

Die letzten Tage des März waren recht kritisch für den Zusammenhalt der Friedenskonferenz. Es kam zu einer erregten Auseinandersetzung zwischen Lloyd George und Clemenceau, die damit begann, daß der englische Premierminister alle seine Beschwerden über die Haltung Frankreichs in einer langen Denkschrift vom 26. März 1919, dem sogenannten „Dokument von Fontainebleau“, niederlegte. Vor allem betonte Lloyd George, daß die Friedensbedingungen, die man Deutschland auferlegen wolle, hart sein könnten, aber unbedingt gerecht sein müßten, und fuhr dann fort:

„Aus diesen Gründen bin ich auf das schärfste dagegen, mehr Deutsche als unerläßlich nötig ist, der deutschen Herrschaft zu entziehen, um sie einer anderen Nation zu unterstellen. Ich kann kaum eine stärkere Ursache für einen künftigen Krieg erblicken, als daß das deutsche Volk, das sich zweifellos als eine der kraftvollsten und mächtigsten Rassen der Welt erwiesen hat, rings von einer Anzahl kleiner Staaten umgeben werden soll, von denen viele aus Völkern bestehen, die noch nie vorher eine selbständige Regierung aufgestellt haben, aber jeder breite Massen von Deutschen umschließt, die die Vereinigung mit ihrem Heimatland fordern. Der Vorschlag der polnischen Kommission, 2 100 000 Deutsche der Aufsicht eines Volkes von anderer Religion zu unterstellen, das noch niemals im Laufe seiner Geschichte die Fähigkeit zur Selbstregierung bewiesen hat, muß meiner Beurteilung nach früher oder später zu einem neuen Krieg in Osteuropa führen.“

Clemenceau antwortete zwei Tage später mit einem langen Schreiben, in welchem er sich bemühte, die Behauptungen des englischen Premierministers zu widerlegen. Auf die Danziger Frage ging er nicht besonders ein, sondern erklärte nur allgemein:

„Wenn man diesen jungen Völkern (Böhmen und Polen) die Grenzen gibt, ohne welche sie nicht leben können, und dabei gezwungen ist, ihrer Souveränität Deutsche zu unterstellen, die Söhne derjenigen, welche diese geknechtet haben, so kann man das bedauern, und man darf es nur maßvoll tun. Man kann es aber nicht vermeiden.“

Im übrigen war der Brief in so scharfem Tone gehalten, daß Lloyd George glaubte, hierauf noch schärfer entgegnen zu müssen. Und in dem Konzept zu dieser Erwiderung findet sich der bemerkenswerte Satz:

„Warum Frankreich wirklich besorgt ist, das ist, daß die Deutschen Danzigs den Polen ausgeliefert werden.“

Die Polen in Paris gaben den Kampf um Danzig noch nicht verloren. Auf ihre Veranlassung begannen Pariser Zeitungen eine regelrechte Pressekampagne gegen Lloyd George, die dieser mit der Drohung beantwortete, er werde seine Teilnahme an den Sitzungen der Friedenskonferenz einstellen, wenn sich diese Angriffe wiederholen sollten.

Tatsächlich scheint auch Wilson über die unerbittliche Haltung Clemenceaus und der französischen Öffentlichkeit in der Frage der deutsch-polnischen Grenzziehung stark verstimmt worden zu sein. Anfang April ließ er sich ostentativ seinen Dampfer „Georges Washington“ nach Brest kommen und traf Anstalten zur Rückreise nach Amerika. In jenen Tagen dämmerte ihm die tragische Erkenntnis auf, daß er eigentlich nur das Werkzeug für Frankreich und Polen sei, mit welchem diese die deutsche Macht zertrümmern wollten.

Damals entrangen sich dem Präsidenten Wilson die bitteren Worte, die er seinem Freunde Baker anvertraute:

„Das einzige wahre Interesse Frankreichs an Polen besteht in der Schwächung Deutschlands, indem Polen Gebiete zugesprochen werden, auf die es kein Anrecht hat.“

Clemenceau war zu klug, um nicht zu merken, daß er Gefahr lief, den Bogen zu überspannen, wenn er sich weiterhin dafür einsetzte, daß Danzig den Polen gegeben werde. Er gab nach und überließ Wilson und Lloyd George die Regelung der Danziger Frage.

Die letzte Hoffnung setzte man auf polnischer Seite auf den schon erwähnten Paderewski, der mit Lloyd George bekannt war. Aber kurz bevor Paderewski in Paris anlangte, fand am 5. April die entscheidende Besprechung zwischen Wilson und Lloyd George statt, in welcher beide Staatsmänner übereinkamen, aus Danzig eine Freie Stadt zu machen.

Wie Wilson bald nach dieser wichtigen Entscheidung seinem Ratgeber Bowman und dem Engländer Headlam Morley mitteilte, hatte bei dem Entschluß, Danzig den Polen nicht zuzusprechen, das ethnographische Prinzip eine ausschlaggebende Rolle gespielt. Derselbe Bowman und ein anderer Engländer, Mr. Paton, stellten dann auf Grund dieses Prinzips das künftige Gebiet der zu errichtenden Freien Stadt fest und erhielten auch für ihre Vorschläge die Billigung des Rates der Vier.

Dadurch war eines der gefährlichsten Hindernisse für den Fortgang der Friedensverhandlungen aus dem Wege geräumt. Denn mehrere Tage lang hatte es den Anschein gehabt, als sollte die Friedenskonferenz an dieser Frage überhaupt scheitern. Selbst in den Kreisen der nächsten Berater Wilsons wurde die Lösung mit Genugtuung begrüßt. So vermerkt der schon genannte Bowman in seinen Aufzeichnungen:

„Es war ein Gefühl der Erlösung, als wir hörten, daß die Sache so festgelegt worden war.“

Mit dieser von Lloyd George verlangten und durchgesetzten Abänderung gingen dann die Grenzvorschläge der Territorialkommission in den an Deutschland am 7. Mai überreichten Entwurf der Friedensverhandlungen über.

Dadurch wurde die bisher streng geheim gehaltene Regelung der Danziger Frage allgemein bekannt. Auf polnischer Seite war man bestürzt und versuchte noch in letzter Minute, die Alliierten umzustimmen. Der bekannte polnische Historiker und Diplomat, Professor Simon Askenazy, der schon sogleich nach dem Waffenstillstand begonnen hatte, einen älteren Aufsatz über die Beziehungen zwischen Danzig und Polen für die Zwecke der Friedenskonferenz umzuarbeiten, ließ diesen jetzt, zu einem Buch erweitert, in französischer Übersetzung in Paris erscheinen und bemühte sich, in der Vorrede mit allen Mitteln das französische Publikum davon zu überzeugen, daß „die polnische Stadt Danzig seit undenklichen Zeiten gleichsam wie ein natürlicher Bindestrich zwischen Danzig und Polen“ gestanden habe. Er ging sogar noch weiter und behauptete:

„Die Rückgabe Danzigs an Polen, welche die vitalsten wirtschaftlichen und politischen Interessen des gegenwärtigen und künftigen Frankreich berührt, ist aufs engste mit den lebendigen französisch-polnischen Traditionen verbunden.“

In seinen Schlußbemerkungen betonte er:

„Der gegenwärtige deutsche Charakter Danzigs, durchaus äußerlich und scheinbar, kann in keiner Weise ein Argument liefern gegen seinen natürlichen ökonomischen und wirtschaftlichen Charakter, der es mit Polen verbindet und immer verbinden wird.“ Danzig sei „unentbehrlich für das Leben des wiedergeborenen Polen, dessen ewiges und rechtmäßiges Eigentum es ist.“

Auf Grund dieser Behauptungen stellte Askenazy die kategorische Forderung auf:

„Es darf keine Rede davon sein, daß dieser einzige Hafen Polens unter dem Vorwand einer Freien Stadt aus dem zukünftigen Polen herausgelöst wird…. man muß einfach und vollständig Danzig an Polen und Polen an Danzig zurückgeben…. Das alte Danzig, wiedergeboren im wiederauferstandenen Polen, wird zu einer großen mächtigen und polnischen Stadt werden.“

Inzwischen hatte die deutsche Friedensdelegation in fieberhafter Arbeit eine Antwortnote auf den Entwurf der Alliierten ausgearbeitet, die am 29. Mai 1919 überreicht wurde. Zur Danziger Frage war hier u. a. ausgeführt worden:

„Die Abtrennung des größten Teils von Westpreußen würde Ostpreußen völlig vom Deutschen Reiche trennen. Das würde ebensowenig mit dem Wilsonschen Programm übereinstimmen wie mit den Lebensnotwendigkeiten der kerndeutschen Bevölkerung Ostpreußens und des übrigen deutschen Volkes. Soweit – abgesehen von dem Verbindungsweg mit Ostpreußen, der unbedingt für Deutschland erhalten bleiben muß – westpreußische Gebietsteile unzweifelhaft polnisch besiedelt sind, ist Deutschland bereit, sie an Polen abzutreten.“

„Insbesondere steht die in den Artikeln 100 bis 108 verlangte Preisgabe der rein deutschen Hansestadt Danzig und ihrer ebenfalls rein deutschen Umgebung im schroffsten Gegensatz zu allen in den Erklärungen des Präsidenten Wilson gegebenen Zusicherungen…. Selbst die Polen bestreiten nicht ernstlich, daß Danzig stets deutschen Charakter gehabt hat. Der Versuch, Danzig zu einer freien Stadt zu machen, sein Verkehrswesen und die Vertretung seiner Rechte nach außen dem polnischen Staat auszuliefern, würde zu heftigem Widerstand und zu einem dauernden Kriegszustand im Osten führen. Dabei sind die wirtschaftlichen Maßnahmen so getroffen, daß für Danzig jeder Verkehr mit Deutschland aufs äußerste erschwert wird – offenbar zu dem Zweck, dieses rein deutsche Gebiet im Laufe der Zeit durch wirtschaftlichen Druck zu polonisieren. Die deutsche Regierung muß darum die beabsichtigte Vergewaltigung Danzigs ablehnen und die Forderung erheben, Danzig und Umgegend beim Deutschen Reiche zu belassen.   

„Mit der Annahme des Punktes 13 der Rede des Präsidenten Wilson vom 8. Januar 1918 hat Deutschland sich einverstanden erklärt, daß dem zu schaffenden polnischen Staat „ein freier und sicherer Zugang zum Meere zugesichert werden soll“. Die deutsche Regierung tat dies in Kenntnis der Ansprache des Präsidenten Wilson an den Senat vom 22. Januar 1917…

„Die deutsche Regierung ist nach diesen Grundsätzen zur Erfüllung der von ihr übernommenen Verpflichtung, Polen einen freien und sicheren Zugang zum Meere zu geben, bereit, die Häfen von Memel, Königsberg und Danzig zu Freihäfen auszugestalten und in diesen Häfen Polen weitgehende Rechte einzuräumen. Durch eine entsprechende Vereinbarung könnte dem polnischen Staatswesen jede Möglichkeit zur Errichtung und Benutzung der in Freihäfen erforderlichen Anlagen (Docks, Anlegestellen, Schuppen, Kais usw.) vertraglich zugesichert werden. Auch ist die deutsche Regierung bereit, durch ein besonderes Abkommen mit dem polnischen Staat hinsichtlich der Benutzung der Eisenbahnen zwischen Polen und anderen Gebieten des ehemaligen russischen Reiches einerseits und den Häfen von Memel, Königsberg und Danzig andererseits, jede erforderliche Sicherheit gegen Differenzierung in den Tarifen und der Art der Benutzung zu geben… 

Ferner würde die deutsche Regierung bereit sein, die von Polen, Litauen und Lettland durch Ost- und Westpreußen zur Ostsee führenden schiffbaren Wasserstraßen unter weitgehenden Sicherungen zur freien Benutzung und zum freien Durchgangsverkehr den Polen zur Verfügung zu stellen. Die Gegenseitigkeit der Leistung von polnischer Seite ist ebenfalls Voraussetzung.“

Diese in den „Bemerkungen der deutschen Delegation“ zum Ausdruck gebrachten Gedanken waren in der von dem deutschen Außenminister, Grafen Brockdorff-Rantzau, an Clemenceau gerichteten Mantelnote noch einmal in folgenden Worten kurz zusammengefaßt worden:

„Wir waren entsetzt, als wir in jenem Dokument lasen, welche Forderungen die siegreiche Gewalt des Gegners an uns stellt…. Wir sollen zur Wiederherstellung des polnischen Staates auf unbestritten deutsches Gebiet verzichten, fast auf die ganze überwiegend deutsche Provinz Westpreußen… auf das kerndeutsche Danzig, sollen die alte Hansestadt in einen Freistaat polnischer Souveränität umwandeln lassen.“

Daß die energische Sprache des Grafen Brockdorff-Rantzau ihren Eindruck auf die großen Vier nicht verfehlt hatte, zeigte die „Antwort der Alliierten und Assoziierten Mächte“ vom 16. Juni 1919 und vor allem die unter dem gleichen Datum erlassene Mantelnote.

Aus der „Antwort“ seien die nachfolgenden Ausführungen zitiert:

„Die deutsche Note erklärt, daß die deutsche Regierung „den Raub zurückweisen muß, der an Danzig begangen werden soll, und den Anspruch auf das Verbleiben Danzigs und seiner Umgebung beim Deutschen Reiche aufrechterhalten muß“. Eine solche Sprache scheint auf eine gewisse Verkennung der wirklichen Lage hinzuweisen. Die für Danzig vorgeschlagene Lösung ist mit genauester Sorgfalt ausgearbeitet worden und wird den Charakter bestätigen, den die Stadt Danzig durch Jahrhunderte bis zu dem Tage gehabt hat, an dem sie durch Gewalt und entgegen dem Willen ihrer Bewohner dem Preußischen Staate einverleibt worden ist. Die Danziger Bevölkerung ist der großen Mehrzahl nach deutsch und ist dies seit langer Zeit gewesen. Gerade aus diesem Grunde geht der Vorschlag nicht dahin, die Stadt dem Polnischen Staate einzuverleiben. Aber als Danzig eine Hansestadt war, befand es sich, wie viele andere Hansestädte, außerhalb der politischen Grenzen Deutschlands und war mit Polen vereinigt, bei welchem Staate es sich jahrhundertelang weitgehender örtlicher Unabhängigkeit und einer großen Handelsblüte erfreut hat. Es wird sich nun von neuem in der Lage befinden, die der während so vieler Jahrhunderte von ihm eingenommenen ähnlich ist. Die wirtschaftlichen Interessen Danzigs und Polens sind identisch. Danzig, der größte Weichselhafen, bedarf dringend engster Beziehungen zu Polen. Die Einverleibung Westpreußens einschließlich Danzigs in Deutschland hat Polen des unmittelbaren Zugangs zur See, auf den es ein Recht hat, beraubt. Die Alliierten und Assoziierten Mächte schlagen vor, daß ihm dieser unmittelbare Zugang zurückgegeben wird. Es genügt nicht, daß Polen das Recht erhält, sich deutscher Häfen zu bedienen. Von so geringer Ausdehnung der Teil der Küste, der polnisch ist, auch sein mag, er muß an Polen zurückgegeben werden. Polen verlangt, und zwar gerechterweise, daß sich die Verwaltung und Entwicklung desjenigen Hafens, der sein einziger Ausgang zum Meere ist, in seinen Händen befindet, und daß die Verbindungen zwischen diesem Hafen und Polen keiner fremden Kontrolle unterworfen werden, so daß unter diesem Gesichtspunkte, der für die nationale Existenz Polens einer der wichtigsten ist, Polen auf den Fuß der Gleichheit mit den anderen Staaten Europas gestellt wird.“

Die Ausführungen der „Mantelnote“ hatten vor allem die Aufgabe, die vom Grafen Brockdorff-Rantzau geäußerte Befürchtung, daß Danzig der Souveränität Polens unterstellt werden solle, zu zerstreuen. Und so betonte hier Clemenceau:

„Die Stadt Danzig soll die Verfassung einer Freistadt erhalten; ihre Einwohner sollen autonom sein; sie sollen nicht unter die Herrschaft Polens kommen und werden keinen Teil des polnischen Staates bilden. Polen soll gewisse wirtschaftliche Rechte in Danzig bekommen; die Stadt selber ist von Deutschland abgetrennt worden, weil es kein anderes mögliches Mittel gab, ihr jenen „freien und sicheren Zugang zum Meere“ zu verschaffen, welchen Deutschland abzutreten versprochen hatte.“

Man wird kaum fehlgehen, wenn man diese beruhigenden Ausführungen, besonders in der Mantelnote, auf den Einfluß von Lloyd George zurückführt. Tatsächlich sind auch beide Noten durch Philipp Kerr, den Sekretär des englischen Ministerpräsidenten, redigiert worden. Wie aus dem Buche von Tardieu hervorgeht, hat Lloyd George gerade in der ersten Hälfte des Juni versucht, wesentliche Milderungen der Friedensbedingungen durchzusetzen, indem er immer wieder darauf hinwies, daß Deutschland den ihm vorgelegten Friedensentwurf nicht unterzeichnen werde. Besonders verlangte Lloyd George Zugeständnisse der Alliierten in folgenden Fragen: Entwaffnung, Besetzung der Rheinlande, Reparationen, Danzig und Oberschlesien.

In Wahrheit gelang es ihm aber nicht, wesentliche Änderungen durchzusetzen. Die Befürchtungen Lloyd Georges, daß Deutschland den Vertrag nicht unterzeichnen werde, wurden von Clemenceau barsch abgetan mit den Worten:

„Wir kennen die Deutschen besser als Sie.“

Diese Auffassung stützte Clemenceau auf die Berichte seiner Horchposten in Weimar, der französischen Professoren Haguenin und Hesnard, die während der ganzen schicksalsschweren Zeit zwischen dem 7. Mai und 28. Juni 1919 in Berlin und Weimar als Friedensvermittler überall ein- und ausgingen und die französische Regierung über die in den maßgebenden deutschen Regierungs- und Parlamentarierkreisen herrschende Stimmung orientierten. Clemenceau war durch diese beiden Franzosen davon unterrichtet, daß die Kreise, welche für die Unterzeichnung eintraten, das Übergewicht erlangt hatten.

Lloyd George hatte sich demgegenüber von der in der deutschen Delegation zutage getretenen Stimmung leiten lassen. Denn bekanntlich hatte die deutsche Delegation sich geschlossen um ihren Führer, den Grafen Brockdorff-Rantzau geschart, in dem festen Entschluß, den Friedensvertrag nicht zu unterzeichnen. Noch heute liest man mit tiefer Erschütterung, zugleich aber auch mit aufrichtiger Dankbarkeit und Stolz das mannhafte Gutachten, mit welchem die deutsche Friedensdelegation der Reichsregierung rät, den Friedensvertrag nicht zu unterzeichnen.

Die innenpolitischen Erwägungen erlangten dann aber im Reichskabinett das Übergewicht. Graf Brockdorff-Rantzau trat zurück, und am 28. Juni 1919 wurde der Traktat von Versailles unterzeichnet. Damit war auch das Schicksal Danzigs entschieden.


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