Architektur im Dritten Reich

Architektur-im-Dritten-Reich

Geleitwort

Wenn man dem Leser den Ausdruck der Bauten des Dritten Reiches anschaulich machen will, so bedarf es dazu der Anzeigung eines Doppelgesichtes: einmal des Gesichtes des Hauses, wie es als Zielbild im Sinne eines neuen Deutschland erscheint, zum anderen aber des Gesichtes der Bauten, die wir ablehnen, ja, die wir leidenschaftlich bekämpfen, da wir in ihnen die Vertreter einer Weltanschauung erblicken, die aus einem neuen Deutschland verschwinden muß.

Auch Bauten haben ein Gesicht, ein Gesicht mit einem ganz bestimmten seelischen Ausdruck, in welchem der Kundige zu lesen vermag, wie in einem menschlichen Antlitz. Da gibt es alle Schattierungen vom hellsten Licht zum dunkelsten Schatten, und auch das schauspielernde Gesicht, das seine Rolle im Leben weiter zu spielen versucht, fehlt bei den Häusern nicht.

Zu dem, was das Dritte Reich ablehnt, gehört zunächst fast alles das, was das letzte Zweidrittel des gesamten neunzehnten Jahrhunderts hervorgebracht hat. Es läßt sich genau verfolgen, wo die Ursachen des Abstiegs zu suchen sind, und welche weltanschaulichen Wandlungen ihnen zu Grunde liegen.

Kein tiefer Blickender kann heute daran vorbeisehen, daß diese unheilvolle Wende, wie sie das neunzehnte Jahrhundert brachte, nur mit der Abkehrung von einer blut- und bodengebundenen Kultur und der Übernahme einer liberalistisch-demokratischen Lebenseinstellung zu erklären ist. Dies Gesicht, das im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts das allgemein herrschende geworden war, verändert sich nun in der Nachkriegszeit und nimmt unverhüllt anarchistische Züge an. Es gelingt für kurze Zeit, den Schein einer Alleinherrschaft zu erzeugen, die unter denselben Zeichen auftritt, wie die gleichzeitige politische Macht: Gleichheit der Menschheit, Internationalität, Kollektivismus und grimmige Verfolgung alles Blut- und Bodengebundenen.

Das deutsche Volk, das in seiner rührenden Bravheit und Gründlichkeit nicht allein den ihm im Grunde durchaus wesensfremden Liberalismus übernahm, hatte sich in den Kopf gesetzt, es sei seine sittliche Pflicht, auch erst einmal die kommunistischen Ideen am eigenen Körper wenigstens zu probieren, ehe es sie zur Tür hinausweist. Und so läßt heute die brave Gründlichkeit des Deutschen, aber auch seine Gedankenlosigkeit und sein unaustilgbarer Respekt vor allem, was von jenseits der Grenzen kommt, es nicht zu, den baulichen Ausdruck einer ihm gänzlich artfremden Geistesrichtung mit entschiedener Deutlichkeit abzulehnen, sondern er hält es sogar noch für seine Aufgabe, auch dem Feinde, der nichts anderes vorhat, als ihn zu vernichten, „gerecht“ zu werden, und, anstatt zu kämpfen, ihn „objektiv“ zu betrachten.

Gott sei Dank lebt nun aber neben dieser Engels- und Lammesgeduld des Deutschen auch noch genug von dem furor teutonicus in ihm, der kämpferische Pflichten wachruft. Und wenn das Signal zum Sturm gegeben wird, dann wirft auch der Deutsche seine lähmenden Hemmungen beiseite. So ist heute der Aufbruch der Nation zu verstehen, der über Nacht gekommen ist und uns zeigt, daß sich das deutsche Volk nicht gewandelt, sondern, daß es geschlafen hat. Eine große Wende ist im Anbruch, und mit ihr wird ganz von selbst mit der Befolgung der Lehren, die der Glaube an Blut und Boden lebensgesetzlich zur obersten Pflicht macht, auch das Gesicht aller Taten des Volkes sich wandeln. Also auch das seiner Bauten. Das ist ein Vorgang, der sich nicht künstlich erzeugen läßt, denn die Bauten sollen nicht Gesichter schneiden lernen, sondern es sollen die Gestalten führend hervortreten, deren angeborenes Gesicht die Züge des echten Deutschen trägt.

Der rechte Führer muß zielweisend vorangehen und im Kampfe seinen Mann stellen. Er muß aber auch dafür sorgen, daß sich in seine Truppe nicht Überläufer oder gar Verräter einschleichen. Der Stoßtrupp muß rein und stark erhalten bleiben. Nichts schwächt den Kampfgeist mehr, als eine Beimischung von Flauen und Feigen. So darf das Dritte Reich auch nicht einen Augenblick die Gefahr verkennen, die ihm von den ewig „Objektiven“ droht, von den Konjunkturisten, die sich beständig „umstellen“, von denen, die überall dabei sein wollen, von denen, die sich rasch „auf den Boden der Tatsachen stellen“. All die Leute fehlen auch in dem Reich des Bauens nicht.

Es wäre noch ein Wort über den heute in Dilettantenkreisen eine so große Rolle spielenden Baustoff und seine Gesetze zu sagen. Es ist keine Entdeckung von heute, daß sich aus jedem Baustoff besondere und ihm eigentümliche Formen entwickeln. So führt der Holzbau zu anderen Werkformen wie der Steinbau, und so hat auch der Eisenbau seine besonderen Bedingungen, wobei man aber immer den journalistischdilettantischen Denkfehler vermeiden muß, als ob es überhaupt einen in sich geschlossenen Eisenbaustil gäbe. Eisen bleibt immer das Material für das tragende Gerüst, wie es etwa bei einer Brücke oder dem Eiffelturm eindeutig in Erscheinung tritt. Es ergeben sich also ästhetische Erfahrungen im Gerüstbau, was aber noch in keiner Weise bindende Schlüsse auf Bauten ziehen läßt, deren Sinn und Bedeutung in keiner Weise im tragenden Gerüst erschöpft ist —so wenig, wie ein Steingewölbebau, auf das nackte statische Moment beschränkt, dadurch zum gotischen Dom würde.

Neben den selbstverständlichen Folgerungen, die sich aus dem Baustoff hinsichtlich seiner ihm gemäßen handwerklichen Behandlung ergeben, wird man im Dritten Reich aber auch nicht die volkswirtschaftliche Frage des Baustoffes übersehen; ja es wird sie zu einem Grund- und Eckpfeiler ausbauen. Im liberalistischen Zeiltalter gaben allein händlerische Gesichtspunkte den Ausschlag. Wer die Stoffe lieferte, und wo sie gewonnen wurden, wer sie verarbeitete und in Form brachte, spielte überhaupt keine Rolle, wenn nur am Umsatz verdient wurde.

Im Dritten Reich wird sich das grundsätzlich wandeln. Wenn auch sein Ziel nicht ein reines geschlossenes Wirtschaftssystem sein kann, so wird doch die unbedingte Bevorzugung des eigenen Erzeugnisses den Ton angeben. Und damit wird auch die Frage des Baustoffes wieder von ganz anderen Gesichtspunkten aus angesehen werden. Die Bedeutung der heimischen Erzeugung, die einfache Erreichbarkeit und die Verbundenheit mit den heimischen Handwerkern wird bei allen Bauten sehr mitsprechen, bei den meisten entscheidend werden.

Von all dem soll in diesem Buche ausführlicher die Rede sein. Zweck dieser Zeilen, die ihm das Geleit geben sollen, ist nur, in ganz kurzer Form die kulturpolitische Linie anzudeuten, die sich aus den Glaubenssätzen des Dritten Reiches ergibt.

Saaleck, Herbst 1932.

Prof. Dr. Paul Schulfze-Naumburg, M. d. R.


Haben wir den Neuen Baustiel?


,,Stile werden ebensowenig proklamiert wie Menschenrechte.“

Paul Schmitthenner.

Um es vorweg zu nehmen: wir haben ihn nicht, den neuen Baustil! So wenig es unserer Zeit Vorbehalten blieb, aut dem Gebiete des Theaters ensemblebildend oder repertoirebildend zu wirken, ebensowenig ist es ihr gelungen, auf dem Gebiete der Architektur stilbildend zu sein.

Eine kurze Überlegung zeigt klar die Gründe auf, weshalb unserer Zeit die Bildung eines Ensembles oder Repertoires einerseits, eines Baustiles andererseits versagt bleiben mußte. Die Zeiten der Klassiker, die Zeiten der Nachklassiker waren ensemble- und repertoirebildend; die Zeiten der Gotik, der Renaissance, des Barock förderten die Bildung eines allgemein anerkannten Baustiles. Keinem Menschen fiel es ein, nach der Ursache dieser Erscheinung zu fragen. Das Ensemble, das Repertoire, der Baustil — sie waren einfach da. Ein gemeinsamer, innerer, tiefgelagerter Zusammenhang ließ rein natürlich und ohne besonderes Dazutun etwas entstehen, um das wir heute verzweifelt kämpfen müssen.

Worin bestand nun dieser gemeinsame Zusammenhang, der wie ein Rätsel erscheinen mag? Die Zeiten der Klassiker, der Nachklassiker auf der einen Seite, die Zeiten der Gotik, der Renaissance, des Barock auf der anderen waren Epochen einer geschlossenen Weltanschauung. Auf diesem glücklichen Boden erwuchsen — um bei der Architektur zu bleiben — die Stile. Stile wachsen organisch aus dem fruchtbaren Mutterboden geschlossener geistiger Epochen. Was nicht auf diesem Boden wächst, was gewaltsam zum Stil erhoben wird, erleidet dasselbe Schicksal, das die Pseudostile der letzten fünfzig Jahre erfahren haben: sie müssen sich als unechte Kinder einer als unecht erkannten Mutter verfolgen lassen, bis wieder eine starke und geschlossene Weltanschauung der neue Mutterboden für einen neuen Stil wird.

Stile werden also niemals in weltanschaulich uneinheitlichen, zerrissenen Epochen,mit anderen Worten in Übergangszeiten, geboren werden.

Wer aber wollte ernstlich bestreiten, daß die Zeit, in der wir leben, das untrügliche Bild einer Übergangszeit spiegelt! Alle Begriffe, mit denen die Hoch-Zeit eines Volkes ohne weiteres rechnen kann, sind aufgehoben, zum mindesten so erschüttert, daß sie als geistiges Gemeingut nicht in Frage kommen. Lange vor dem Kriege hat die Zersetzung unseres Volkes begonnen. Das Erlebnis des Krieges hat sie nur vollendet. Auf allen lebenswichtigen Gebieten, zu welchen die Kunst in erheblicherem Maße gezählt werden darf, als man es im allgemeinen gewohnt ist, hat das deutsche Volk — in tausend Gegensätze zerrissen — längst aufgehört, eine kulturbildende Einheit zu sein. Zu einer solchen Einheit gehört mehr, als das Danaergeschenk der „Neuen Sachlichkeit“, die sich in Zweck, Konstruktion und Material erschöpft. Nur wo sich dem Mechanisch-Zweckmäßigen der Technik das Metaphysische der Kunst zu einer Dauerehe verbindet, entsteht das, was man Stil nennt. Alles übrige ist bestenfalls Experiment, Konfektion, Mode.

Einer der bekanntesten Exponenten der modernen Bauweise, verschließt sich zwar der Meinung, daß wir es bei ihr mit einer vorübergehenden Mode zu tun haben; er ist der Ansicht, daß für die Ursprünglichkeit der Sachlichkeitsbewegung und für ihren innigen Zusammenhang mit dem Geistesleben der Zeit vor allem der Umstand ihres internationalen Charakters spreche; daß sie gleichzeitig und mit gleichgerichteten Zielen in fast allen zivilisierten Ländern aufgetreten sei, dürfe als Beweis angesehen werden, daß es sich um eine geistige Bewegung handle.

Diese Anschauung scheint uns über das Ziel hinaus zu schießen. Was gleichartig und gleichzeitig aufgetreten ist, sind doch nur die auf Grund einer überall geltenden Technik bestehenden Konstruktionsmöglichkeiten, die den Schein einer allen Völkern gemeinsamen geistigen Bewegung Vortäuschen. Wer von diesen technischen Möglichkeiten allein die Geburt eines neuen Stils erwartet, befindet sich in einem Irrtum. Wenn gewisse Baukünstler es nicht verschmäht haben, sich die neuen Konstruktionsmöglichkeiten zunutze zu machen, so haben sie ebenso klug gehandelt, wie irgend ein Arzt, der auch keinen Verrat darin sieht, wenn er das in einem anderen Lande entdeckte oder erfundene Mittel gegen irgendeine Krankheit in seinem Lande anwendet.

1. Haus am Rupenhorn in Berlin, Heerstraße. (Eine dem Deutschen wesensfremde Komposition aus Stahl und Glas)

Wie es aber von einem Arzt unverantwortlich wäre, ein Mittel auch dann noch anzuwenden, wenn es sich für ein anderes Organ als für das zu heilende als schädlich erwiesen hat, ebenso wäre es von den Baukünstlern verwerflich, eine Bauweise weiterzuführen, von der sie erkannt haben, daß sie nur eine Mode und nicht die lebendige Grundlage für einen gewachsenen Stil darstellt.

2. Hier wird man vor lauter Hygiene und Sachlichkeit zum Hypochonder

Auch ein die neue Bauweise auf ihre Vorzüge so ernst prüfender Vertreter unserer Baukunst wie Schmitthenner glaubt in der Erscheinung der internationalen Gültigkeit nicht unbedingt den Sieg des neuen Baustils erkennen zu dürfen; er ist der Überzeugung, daß es sich bei dem, was als der neue Baustil proklamiert wird, mehr um Mode, als um eine geistige Angelegenheit handelt. Wie heute die kubische Baugestaltung mit starkem Anklang an orientalische Vorbilder eine internationale Erscheinung sei, so sei auch bis vorgestern der alte Baukitsch eine internationale Erscheinung gewesen. Nichts erobere langsamer die Welt, als geistige Dinge, nichts schneller, als Modeerscheinungen.

Warum wir Deutsche keine kulturbildende Einheit mehr sind, erklärt sich daraus, daß wir nicht mehr aus dem Kern unseres Wesens leben. Diesen Gedanken vertritt der Schriftsteller Wilhelm Kotzde mit der ganzen Kraft der ihm eigenen Leidenschaft und er beantwortet die Frage nach dem Kern unseres Wesens mit den Worten:

,,Die Geschichte sagt uns, daß ein Volk, solange noch das gleiche Blut in ihm pulst, sich nicht geistig und seelisch auf eine neue Grundlage stellen kann, ohne zu verderben. Gewiß werden in einer sich verändernden Umwelt gewisse Wandlungen eintreten; aber es muß die Sorge der Führer und Gestalter sein, daß die einem Volk gewiesene Linie nicht verwirrt oder gar verwischt wird. Die notwendige Folge wäre, daß es in der Mißachtung seines Lebensgesetzes ausgelöscht würde … Ein Volk ist, an irdischem Maßstab gemessen,(kulturell) unvergänglich, solange es sein Lebensgesetz, d.h.die ihm blutsmäßig von der Geschichte vorgeschriebene Linie der Entwicklung achtet.“

3. Der Schreibtisch aus Eisenbeton. Maschinell hergestellt, entbehrt er des Persönlichen.

Mit diesen Sätzen dürfte sich der Leitgedanke des Dritten Reiches decken. Wenn wir also dem uns immanenten Lebensgesetze wieder die Achtung entgegenbringen, die wir ihm schulden, dann werden wir auch wieder eine kulturbildende Einheit sein. Dann werden die Führer und Gestalter, die unter uns leben und nur zeitweise in den Hintergrund gedrängt sind, als die wahren Hüter unseres Lebensgesetzes erkannt werden, und die Geburtsstunde eines Stiles wird nicht mehr ferne sein. Dieser Stil wird aber nichts Fremdes, nichts durch seine äußere Erscheinung verblüffend Neues sein, sondern wird, anknüpfend an die Fäden, die eine wilde Sensationslust zerrissen, zu Gestaltungsprinzipien führen, die wieder eindeutig Art und Wesen des deutschen Volkes zum Ausdruck bringen.

Wir wollen — denn das widerspräche dem Kern unseres Wesens, das auf eine gewisse Zurückhaltung abgestimmt ist — nicht in einem Glashause (Bild 1) sitzen. Die „Verbundenheit mit der Natur“ stellen wir natürlicher her, als dadurch, daß wir uns bei jeder Tätigkeit zuschauen lassen.

4. Der Stahlstuhl beleidigt unser statisches Gefühl

Wir wollen nicht in den Gemeinschaftsräumen eines „Laubenhauses” unsere kurzen Tage verbringen, denn wir können in dieser Wohnform nur einen Hotelaufenthalt und damit einen Notbehelf sehen. Wir wollen nicht zeitlebens in einem Operationszimmer (Bild 2) wohnen, das uns vor lauter Hygiene zum Hypochonder macht. Wir wollen unsere Liebesbriefe — sofern uns die Sachlichkeit überhaupt gestattet, noch solche zu schreiben — nicht an einem Schreibtisch aus Beton (Bild 3) verfassen. Wir wollen nicht auf Stahlstühlen (Bild 4) ausruhen, da wir immer noch der Meinung sind, es gebe bequemere und dem Zweck entsprechendere Sitzmöbel. Wir wollen mit einem Wort (und das braucht nicht die wirklichen Errungenschaften der Sachlichkeit auszuschließen) in unserer Wohnung uns wieder „daheim“ fühlen (Bild 5), denn dies allein entspricht dem Kern unseres Wesens.

6. „Haus Roser“ bei Stuttgart. Architekt: Prof. Paul Schmitthenner – Stuttgart


Von der internationalen Bautechnik zum nationalen Baustil


„Was wir brauchen, ist eine zeitgemäße, d. i. einfach klare, aber blutvolle und erdgebundene Zeitstilform; eine Form, die sachlich ist, ohne seelenlos zu sein, die nicht eine Theorie, d. i. etwas Erdachtes ist, sondern die aus dem Bewußtsein wachsen muß, Ausdruck einer nationalen Kultureinheit zu werden.“

R. A. Brandes.

Während in früheren Jahrhunderten der Weg vom nationalen Stil auf dem Umweg über eine an die jeweilige Nation gebundene Modifizierung zum international anerkannten Stil führte (siehe z.B. das Barock, das in Frankreich seinen Ursprung hat, im Dresdner Zwinger seine deutsche Modifizierung erlebte, um sich dann über die ganze zivilisierte Erde zu verbreiten), geht unsere Zeit den umgekehrten Weg. Sie „stabiliert” die internationale Technik wie einen „rocher de bronce” und überläßt es dem Selbstgefühl der Nationen, den nationalen Baustil daraus herzuleiten.

Von einem solchen Selbstgefühl, das nur in einer kraftvoll lebendigen Volksgemeinschaft entstehen kann, ist in Deutschland wenig zu spüren. Erst seitdem eine dauernd erstarkende Bewegung sich bemüht, weite Teile des deutschen Volkes zu einer geschlossenen Kultureinheit zusammenzuschweißen, ist dieses Selbstgefühl im Erwachen. Noch aber ist das durch die internationale Technik (die auch irrtümlicherweise Baukunst genannt wird) zum Ausdruck gebrachte Spiegelbild unserer Kultur weit entfernt davon, den Willen zu einem nationalen Baustil erkennen zu lassen. Noch täuscht die internationale Technik einen Sieg auf dem Gebiete der Baukunst vor, aber es ist ein Pyrrhussieg.

Befangen in einem Netze über den ganzen Erdball verbreiteter Jdeologien (unter denen die van de Velde’sche vom Wert der ,.verstandesmäßigen Schöpfung” obenan steht) einerseits, andererseits im Banne der Diktatur neuer Baustoffe (unter denen nur dem Eisen eine wirklich umwälzende Bedeutung zukommt) glaubt unsere Zeit den Sinn für nationale Ansprüche dem Popanze der Internationalität opfern zu dürfen. Doch erwacht bereits die Erkenntnis, daß die Ideologie von der „verstandesmäßigen Schöpfung” die Menschheit auf die Dauer nicht befriedigt, und daß die Anwendung neuer Baustoffe mit Ausnahme des neuartige Konstruktionen erlaubenden Eisens (eine Eigenschaft, auf die wir noch an anderer Stelle zurückkommen) sich weder durch größere Billigkeit noch durch besondere Güte rechtfertigen läßt.

Die Lehre, daß der nüchterne Verstand genüge, um mit dem Komplexe Leben in jeder Beziehung fertig zu werden, verdanken wir einer Zeit der Hypertrophie der Natur- und technischen Wissenschaften, die keinen Platz für die Gebiete der Metaphysik, des Übersinnlichen, haben. Im Rausche ihrer Erfolge vergaßen sie, daß im Leben — nach Keyserling — nicht nur das Prinzip des Logos (männliches Prinzip) sondern auch das Prinzip des Eros (weibliches Prinzip) herrscht und daß nur die harmonische Durchdringung beider neues Leben zu zeugen vermag. Diese Epoche der rein materialistischmechanistischen Lebensauffassung findet denn auch in der Baukunst unserer Tage ihren entsprechenden Ausdruck, und wenn wir ihn seelenlos, intellektuell, unkünstlerisch, errechnet, nüchtern, kalt nennen, so sind dies alles Attribute, die nur dem rein Verstandesmäßigen zukommen.

Mit diesem Zivilisationsstandpunkt kann sich ein Volk nicht länger abfinden, das kulturell einmal an der Spitze der Nationen marschierte und als Hort einer hochstehenden Kultur von allen Nationen anerkannt war. Aber es ist keineswegs ungesunder Ehrgeiz oder etwa Treitschke’sche Überheblichkeit, die „an deutschen Wesen die ganze Welt genesen“ lassen will, sondern es geht ein tiefes Sich-auf-sich-selbst-besinnen durch das deutsche Volk. Der im Irrationalen wurzelnde Drang, im eigenen Hause wieder Ordnung zu schaffen, Eigenschaften wieder zum Lichte zu heben, die ein nebelhaftes Welt-verbrüderungsgefühi verschüttet hat, den Glauben an Werte zu wecken, die jenseits alles und nur Zweckmäßigen, Errechenbaren und Meßbaren liegen, ist nicht mehr länger aufzuhalten. Wir wollen nach dem langen Winter der Gefühlsleere und Gefühlskälte wieder den fruchtbaren Sommer innerlichen Reichtums, nach der vernichtenden Eiszeit der Technik wieder das wärmende Klima der Kunst, nach der einseitigen Halbheit einer Homunkulusepoche wieder die Ganzheit eines gottgebundenen Menschentums.

Es ist selbstverständlich, daß diese Rückkehr zur Quelle unseres Volkstums die notwendige Vorbedingung für die baukünstlerische Gestaltung unserer Tage darstellt. Dabei ist es unsere feste Überzeugung, daß diese von der Seele des Volkes durchdrungene Baukunst einen nationalen Stil hervorbringen wird, der mit den Erzeugnissen der internationalen Technik nur das gemein haben wird, was unumgänglich nötig und als wahrer Fortschritt anzuerkennen ist.

Was die hypermoderne Baukunst unserer Tage grundsätzlich von der Architektur kultureller Hoch-Zeiten unterscheidet, ist die Überbetonung des technischen Bestandteiles. Auch Dome wie das Freiburger Münster oder das Deckengewölbe des Würzburger Schlosses von Balthasar Neumann sind ohne Technik nicht denkbar. Aber sie sind dennoch Bauwerke von einer unerhörten Harmonie und einer restlosen Ausgeglichenheit. Auch heute gibt es noch Bauaufgaben, die sich an Größe und Umfang mit den genannten messen können. Aber wenige sind aus einem einzigen Guß. Einigen merkt man an, daß der entwerfende Architekt schwankte, ob er sich mehr der Architektur oder mehr der Technik zuwenden soll. Die meisten schwanken überhaupt nicht, sondern stellen Bauwerke hin, bei denen nur das Technisch-Konstruktive die Gestaltung bestimmte. Mag dies zum Teil als verständliche Reaktion auf eine Zeit der Überbetonung der Architektur, und noch dazu einer verlogenen Architektur, aufzufassen sein, so ist dies auch gewiß darauf zurückzuführen, daß unsere Gegenwart an einer Unzahl von Architekten krankt, die in überwiegender Mehrheit als Mitläufer anzusprechen sind und naturgemäß das verwässert und verdünnt von sich geben, was ein halbes Dutzend Bauingenieure als Gestaltung angesprochen wissen will; trotzdem sind auch diese technischen Gestalter, die nichts als die technische Vollkommenheit gelten lassen wollen, keine Vollnaturen, wie sie z. B. ein Balthasar Neumann verkörperte. Sie sind einseitige Halbnaturen, die ein Bauwerk schon für gestaltet halten, wenn es den Forderungen der Technik entspricht.

Daß aber in einem Bauwerk, das wir als gekonnt empfinden sollen, beide Faktoren, die Technik und die Kunst, stillschweigend zusammenzuwirken haben, ist ernstlich wohl nicht zu bestreiten.

Was wir von der künftigen Architektur erwarten, ist, daß sie ein harmonisches Ganzes darstellt, mit anderen Worten, der ,,verstandesmäßigen Schöpfung“ die vernachlässigte intuitive Schöpfung ebenbürtig an die Seite stellt (Bild 6). Denn nur die intuitive Schöpfung spricht die Sprache einer im Wesen eines Volkes wurzelnden Lebens- und Weltanschauung. Lebt diese als Gemeingut in einer zur Einheit gewordenen Volksgemeinschaft, dann ist der Schritt zum nationalen Stil in der Architektur nur noch Sache umfassend empfindender Persönlichkeiten, die im Bauwerk den Charakter ihres Volkes zum Ausdruck zu bringen wissen.

6. Neue Neckarbrücke in Mannheim.

Architekt: Prof. Abel -München. (Die Brücke ist ein harmonisches Ganzes; sachlich, zweckmäßig und dabei ästhetischen Ansprüchen durchaus genügend. Die Leuchttürme am Anfang und Ende der Brücke sind beachtenswert)


Sinn und Unsinn der Neuen Sachlichkeit


„Darüber wollen wir uns ganz im Klaren sein: in ein paar Jahren wird der ganze Konstruktivismus verzweifelt uninteressant sein.“

Peter Meyer-Zürich.

Als das Schlagwort von der „Neuen Sachlichkeit“ zum ersten Male auftauchte, atmeten diejenigen auf, die in ihr den Kampfruf gegen die Verlogenheit der Architektur des letzten halben Jahrhunderts erblickten. Endlich machte eine Gruppe von Architekten ernst. Lange genug hatte man Postämter und Bahnhöfe mit den äußerlichen Merkmalen des romanischen oder gotischen Stiles versehen. Fabriken und Industriebauten waren als Ritterburgen maskiert. Privathäuser und Villen im Renaissancestil erzählten von dem Reichtum ihrer Besitzer und Brückenköpfe (Bild 7) glichen armierten Festungen.

Für diese Verirrungen machte man die Architekturabteilungen unserer Technischen Hochschulen, die in unbegreiflicher Weise Semester um Semester ihre Hörer die historischen Stilformen lehrten, verantwortlich, ohne zu bedenken, daß eine Zeit der inneren Leere nichts anderes hervorbringen konnte. Zu schwach, einen eigenen Stil zu schaffen — schon damals nahm die hoffentlich bald überwundene Übergangszeit ihren Anfang — zehrte man von dem Erbe einer kulturell stärkeren Generation. Einwänden Einsichtiger und Warnender begegnete man mit dem Hinweis darauf, daß man die Tradition hochhalte, ein damals gerngehörtes, aber mißverstandenes Wort. Daß aber Tradition die Anlehnung an den Geist und nicht an die äußerliche Form bedeutet, wollte man nicht wissen. Daß Tradition nicht sklavische Nachahmung ist, sondern Überlieferung und Verarbeitung des Wesenhaften, war damals noch eine unbekannte oder wieder vergessene Erfahrung.

Ende des 19. Jahrhunderts geht eine Welle der Besinnung durch die Reihen der besten Köpfe unserer Architektur (Theodor Fischer, Schultze-Naumburg, Riemerschmied, Muthesius u. a. m.). Daß es so nicht weiter gehen kann, steht fest. Eine fast noch unseligere ,,Kunst“-Richtung tritt auf, welche sich um die Intentionen der genannten Köpfe nicht kümmert; sie ist es, die den Historizismus ablöst. Der mit Unrecht „Stil“ genannte „Jugendstil“ — einen Sinn hat er nur als Protestaktion gegen ein überlebtes Stilgut — tritt in Erscheinung. Da er kein Stil im Sinne der Wesensgestaltung eines Volkes ist, da er nicht den Inhalt einer geschlossenen Geistesepoche zum Ausdruck bringen kann, verschwindet er so schnell wie er gekommen ist. Aber als Anstoß zu etwas Neuem hat er seine Pflicht getan. Da bricht der Krieg aus und reißt die Faden ab, die tastende Hände in bauliches Neuland zu spinnen im Begriffe sind.

Ein vierjähriger mit allen Mitteln der Technik geführter Krieg, läßt mit einem Male und überzeugend die ungeheure Macht der technischen Apparatur in die Augen springen. Die Stunde der Neuen Sachlichkeit — mit der Technik auf Du und Du — hat geschlagen. Man weiß zwar, daß man in der Baugeschichte früherer Jahrhunderte auch nicht ohne Sachlichkeit ausgekommen ist und nennt deshalb die neuentdeckte Sachlichkeit „Neue Sachlichkeit”; man vergißt diese Tatsache aber rasch und gebärdet sich, als ob es nie eine Sachlichkeit gegeben hätte. Was hinzukommt, ist die Entdeckung des Eisens als Baustoff. Dieser Baustoff, wie kaum ein zweiter, erlaubt sachlich zu sein, verführt aber andererseits, wie wir sehen werden, dazu, die Sachlichkeit so weit zu treiben, daß sie in ihr Gegenteil verkehrt wird.

Zunächst empfindet man die klaren Linien, die glatten Wände und die fast ans Primitive grenzender; Ausdrucksformen der Neuen Sachlichkeit wie eine Erlösung aus dem Stilwirrwarr vergangener Jahrzehnte. Mit ihrer Zwillingsschwester, der Zweckmäßigkeit, regiert sie unumschränkt. Ganz allmählich aber tritt ihr Doppelwesen zu Tage: als Zweckmäßigkeit wirkt sie anziehend und überzeugend, als Nüchternheit abstoßend und übertreibend. Soll man den offenbaren Mangel in Kauf nehmen um des Vorzuges willen? Wo gestern noch nicht der leiseste Zweifel hörbar war, was zu tun sei, regen sich heute schon schwerste Bedenken. Sachlichkeit versteht sich, wie das Moralische, von selbst. Sie ist das Postulat jeder echten Baukunst. Die Neue Sachlichkeit dagegen mit ihrer ewig sich wiederholenden Horizontalen und dem eintönigen Nebeneinander gleichmäßig geformter Fenster, die als „rhythmisches Prinzip” deklariert werden, macht sich verdächtig. Einer versucht die öde Gleichmacherei mit den Worten zu stützen: „Rhythmisches Prinzip moderner Baukunst ist die scheinbar gleichförmige und eintönige Wiederholung. Aber Wiederholung bedeutet, sofern ein Gleiches in gemessenen Abständen immer wieder neu erlebt wird, eben nicht nur Wiederholung, sondern Steigerung, Verstärkung, Intensivierung. In dem sachlichen und schroff betonten Nebeneinander gleichmäßig geformter Fenster, in dem starken Hervortreten horizontaler oder vertikaler Parallelen, was beides bezeichnend ist für den neuen Stil, steckt gestaltete Intensität.“ Nun, mit welcher Berechtigung der Schreiber dieser Sätze in der Wiederholung eine Steigerung erblickt, bleibt sein Geheimnis. Mit demselben Rechte sieht ein anderer in den endlosen Wiederholungen nur ermüdende Stilübungen und in dem sachlichen Nebeneinander gleichmäßig geformter Fenster statt „gestalteter Intensität“ nur gestaltete Langeweile (Bild 8). Der Verteidiger versteigt sich jedoch in seinem Fanatismus noch zu folgendem Geständnis:

„Bezeichnend für diesen Sieg des Anorganischen in der modernen Baukunst ist auch die Tatsache, daß es im Grunde für sie gleichgültig ist, ob diese Linienfluchten horizontal oder vertikal verlaufen. Moderne Baukunst besitzt kein sinnliches Verhältnis zur Erde, kein Wurzelgefühl, sie hat die Möglichkeit, horizontal und vertikal mit einander zu vertauschen . . . Die Frage nach dem moralischen Charakter neuer Bauformen mußte einmal gestellt werden. Moderne Kunst ist sittlich indifferent. Sie rechtfertigt das Leben nicht als organisches, beseeltes Sein, nur als unpersönliche Energie. Die sittlichen Empfindungen entläßt sie ins Chaos.“

Ist dies nicht die offene Bankerotterklärung einer Richtung, die im Chaos endet? Alle bis jetzt geltenden ewigen Gesetze der Baukunst werden auf den Kopf gestellt. Was wir in einem Witzblatt als Witz belacht hätten, wird hier als toternste Sache verteidigt. Vertikal und horizontal können vertauscht werden, ohne dem Wesen Gewalt anzutun (Bild 9): daß die moderne Kunst „sittlich indifferent“ ist, wer hätte noch daran gezweifelt!

Wäre es die Horizontale, wären es die durchlaufenden Fensterbänder, wäre es das Kugel- oder Stelzenhaus (Bild 10), wäre es die oft aller Sachlichkeit hohnsprechende Formgebung eines Gebäudes (Bild 11), oder wären es die ob ihrer unverhältnismäßigen Größe ebenso unsachlichen Fensterflächen allein gewesen, der Kampf gegen alle diese gehäufte Unsachlichkeit würde nicht so heftig entbrannt sein, hätte die moderne Richtung wenigstens vor der Tüchtigkeit und Ehrlichkeit des steilen Daches haltgemacht.

Die beiden immer wieder ins Feld geführten Hauptargumente für das Steildach (das Klima und die Landschafts-Verbundenheit) sind zu oft wiederholt worden, als daß wir sie noch einmal betonen wollen. Aber so oft dieses Problem nun auch schon durchgekaut sein mag, es wäre eine unverzeihliche Lücke in dieser Schrift, wenn wir etwas übergingen, was wie nichts anderes, zum Symbol der Gesinnung geworden ist. Das Steildach ist so gut zum Panier der nationalen Bewegung geworden, wie das Flachdach zum Aushängeschild der internationalen Einstellung. Daß es letzten Endes beim Gegner weder um Güte noch um Billigkeit des Daches geht, sondern um ein drastisches Mittel der Propaganda, hat uns Josef Frank-Wien mit einer verblüffenden Offenheit gesagt: ,,Wodurch ist das flache Dach ein Symbol der modernen Architektur geworden? Es ist der deutlichste Ausdruck der Klarheit, die der Betrachter an anderen, vielleicht wesentlicheren Merkmalen nicht so leicht erkennen kann. Das ist der wahre Grund, weshalb das flache Dach in den Wohnhausbau eingeführt wurde.“ Noch deutlicher wird Geheimrat Hermann Muthesius-Berlin. In einem Aufsatz „Der Kampf um das Dach“ sagt er:…..nicht um das Dach streitet man sich, sondern um die sogenannte kubische Bauweise.“

Wir hätten uns nie so weit von der Sachlichkeit entfernt, wie unsere Gegner, und unsererseits das Steildach zum architektonischen Symbol der Baukunst des Dritten Reiches gemacht, wenn nicht dem Steildach alle jene Vorzüge innewohnten, die dem Flachdach fehlen. Besser kann das, was das Steildach vor dem flachen Dach voraus hat, gar nicht zusammengefaßt werden, als dies der Verfasser eines sehr instruktiven Buches über den Ziegelbau (Akad. Verlag Dr. Fritz Wedekind & Co., Stuttgart), Konrad Werner Schulze, mit den Worten tut: „Das sachliche Urteil muß mehr für das steile Dach sprechen, zumal dieses den allgemeinen Bedürfnissen auch heute noch in viel weitgehenderem Maße entgegenkommt, abgesehen davon, daß das steile Dach schließlich nicht nur einen technisch sowie praktisch einwandfreien Hausabschluß darstellt, sondern auf eine sehr tiefe symbolische Bedeutung zurückgeht . . . Das Steildach ist billiger, als die horizontale Abdeckung, und zwar wie der „Deutsche Ausschuß für wirtschaftliches Bauen” erst vor kurzem feststellte, für einen Kleinwohnungsbau um etwa dreißig Prozent. Der Ausschuß hat deshalb das flache Dach für den Klein Wohnungsbau als unwirtschaftlich erklärt.“ (Bild 12.)

12. Wimpfen (vergleiche hierzu Kap. 11). Ausschließlich die Dachflächen, die von wundervoller Farbenstimmung sind, halfen die Massen der Baukörper zusammen. Ein besonders gutes Beispiel dafür, welch außerordentliche Bedeutung die Dachform für die Gesamtwirkung eines Stadtbildes hat

Das steile Dach ist nicht das Einzige, was man im Namen der „Neuen Sachlichkeit“ aufgeben zu müssen glaubte. Mit dem Dache fielen auch alle die Einzelformen am Hauskörper, von welchen man sich einbildete, sie seien alle nicht mehr, als überflüssige Zutaten und sinnlos gewordener Zierat. Dies ist eine Torheit insofern, als ja auch heute noch ein jeder Bau aus einer großen Zahl der verschiedensten Baustoffe und Bauteile sich zusammensetzt und sich damit eine Reihe von Zusammenfügungen ergibt, die sich alle irgendwie als „Nähte“ im Sinne Gottfried Sempers zeigen. Hemmungslos entkleidet man oft den Hauskörper aller seiner Gliederungen und vermeidet alles, was allein durch sein bloßes Dasein am rechten Platze die Wahrheit und Echtheit des Bauwerks ausmacht. Man schmeichelt sich, auf diese Weise zur Sachlichkeit und zum Stil der Zeit zu kommen und erreicht statt dessen nur eine tote Glätte. Diese tote Glätte soll uns nicht blenden. Wir sehen deutlich, wie nun alles in entsetzlicher Armut des Ausdrucks einerlei Gesicht trägt: Wohnhaus und Werkstatt, Schule und Fabrik, Kino und Kirche. Uniform und charakterlos steht alles da wie große Kartonagen, wie zusammengeklebte Pappschachteln (Bild 13,14).

Wenn so die moderne Bauweise sich um ihren obersten Grundsatz, die Sachlichkeit, selber betrügt, dann ist wohl das Vertrauen, sie wäre imstande, den neuen Stil heraufzuführen, mehr als erschüttert. Einer organischen Entwicklung, für welche sich die Architekten des Dritten Reiches einzusetzen haben, bleibt es Vorbehalten, den ungesunden Übertreibungen einer sich ins Extreme verlierenden Sachlichkeit Einhalt zu bieten und ihren Unsinn wieder auf ihren wahren Sinn zurückzuführen.


Wieder Schmuckverlangen in der Architektur


„Solange die Freude die höchste Triebfeder alles Lebens und die Basis allen Kunstschaffens ist, ist jedes Leugnen des Schmuckwillens eine Lüge.“

Otto Schubert.

Es ist noch gar nicht so lange her, daß Begriffe wie ,,Neue Sachlichkeit” und „Schmucklosigkeit” indentisch waren. Neue Sachlichkeit und Schmuckverlangen schlossen sich einfach aus. Der Architekt, der sich erkühnte, an einem Bauwerk irgendwie Plastik anzubringen, setzte sich der Gefahr aus, für veraltet erklärt zu werden. Mit Recht waren das zur Formel gewordene Ornament ebenso wie die seelenlose Dekorationsfigur (meist noch aus unedlem Material wie Gips oder Stuck) geächtet. Aber es ist ein anderes, ob Schmuck angewendet wird lediglich als sinnlose Dekoration oder als künstlerisches Mittel, für das die reine Zweckform nicht ausreicht.

In den drei Jahrzehnten des laufenden Jahrhunderts lösen sich in der Architektur, was den Häuserschmuck anbelangt, drei Phasen der Entwicklung deutlich ab. Während die erste noch im Zeichen überladenen Schmuckes der Häuserfronten (Bild 15 und 16) steht, zielt die zweite Phase auf die restlose Beseitigung jeglichen Schmuckes am Bauwerk ab und glaubt, in der glatten Wand den Ausdruck der Zeit sehen zu dürfen (Bild 17), um schon Im Keime die dritte Phase vorzubereiten, in der das Verlangen nach sparsamem und echtem Schmuck wieder laut wird (Bild 18, 19, 20 und 21).

Ohne weiteres muß zugegeben werden, daß der Gebäudeschmuck im ausgehenden 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts an Verlogenheit und falscher Romantik das Menschenmöglichste geleistet hat. Auf einem Gang durch unsere Großstädte, voran Berlin, kann man den ganzen griechischen Sagenschatz ebenso wie den der Germanen von den überladenen Wänden und Giebeln der Häuser ablesen. Meist in unechtem Material ausgeführt, widert dieser Dekor in seiner gespreizten Aufmachung besonders aufdringlich an. Was Wunder, daß auf diese Epoche der Überladenheit die zweite Phase, die der kahlen Wand, folgte. Nach dem Gesetze ,,les extremes se touchent” setzte die zweckbestimmte Neue Sachlichkeit mit einer Konsequenz ein, die weit über das Ziel hinausging. Der gewiß berechtigte Kampf gegen die Verlogenheit des Stuckes wurde mit einem Ernst betrieben, der beispiellos war. Als ob man sich mit dem Stuck von dem ganzen übrigen Schwindel, dessen symbolischer Ausdruck er war, befreien wollte, ging man gegen ihn vor. Auch Neubauten, und gerade sie, konnte man sich nur glatt und schmucklos denken. Wer den geringsten Versuch machte, Schmuck anzubringen, war „historisierend“.

Aber die übertriebene Schmucklosigkeit forderte bald den Widerspruch heraus. Es bildenden Künstlern erhoben wurde. Doch hätte er nie zu einer Umkehr in der Anschauung führen können, da einer Richtung, die in der Notlage eines Standes ihren Ursprung hat, jede innere Berechtigung hierzu fehlt. Der Schrei nach Wiederbelebung einer in ihrer toten Glätte erstarrten Architektur muß tiefere Ursache haben, und er hat sie. Berufen, der sinnbildliche Ausdruck der in einem Volke oder in einer Volksgemeinschaft ringenden Kräfte zu sein, ist die Architektur im Begriffe, den Forderungen nach Verbreitung von Wärme und seelischer Erhebung wieder nachzukommen.

Der in großen Zusammenhängen denkende Verfasser eines Buches „Architektur und Weltanschauung”, Otto Schubert, hat der Frage, ob die Zeitgebundenheit unserer Aufgaben sich überhaupt ins Transzendentale erheben kann, dahin beantwortet:

„Nein, wenn der Transzendentalismus nur an das Leben nach dem Tode gebunden ist. Ja, wenn wir allen den Fragen, die einem Volke oder einer Gemeinschaft im Stadium des Ringens als Ewigkeitswerte vorschweben, das gleiche Recht einräumen. Wurden doch z. B. zum Teil das Barock und mehr noch das Rokoko hauptsächlich aus der Lebensbejahung einer festfreudigen Zeit geboren, und spiegelt sich doch dieser erdgebundene Gegenwartssinn auch in vielen Kunstbauten jener Zeit wieder. Selbst wenn sie dem Repräsentationsbedürfnis ihre Entstehung verdanken, waren sie letzten Endes bestimmt, die Seele in die Gefilde der Ewigkeit zu erheben . .. Diese Feste mit ihren vergänglichen Dekorationen erhoben sich zur Staatsraison und drangen mit ihrem flüchtigen Zierat auch in die Architektur ein, bestrebt, den festlichen Sonnenschein froher Stunden im Stein zu verewigen.“

Die Zeiten des sorglosen Festefeierns sind vorüber. Eine über die Maßen ernste Zeit ist über uns hereingebrochen. Aber gerade sie ist gesättigt von Problemen, unter welchen das über die Gegenwart hinausragende Sehnen nach einer Vertiefung des Lebens den ersten Platz einnimmt. Dieses Sehnen verlangt nach der ihm adäquaten Ausdrucksform. Daß diese nicht in industriell hergestellten Massenartikeln, im glücklich überwundenen Ornament von früher erblickt werden kann, bedarf keiner näheren Begründung.

Hiermit haben wir ein Gebiet berührt, das dem Vorangegangenen aufs engste verbunden ist: der Kampf zwischen Industrie und Handwerk. Dieser Kampf, der von Seiten der Industrie nur dort einen Sinn hat, wo das Handwerk sichtlich im Schlepptau einer auf Stilnachahmung eingestellten Epoche liegt, ist in dem Augenblick sinnlos, da das Handwerk sich aus dieser unwürdigen Fessel befreit und wieder selbständig wird. Dieser Zeitpunkt ist herangerückt. Denn so wahr es ist, daß eine Anzahl handwerklich hergestellter Erzeugnisse auf dem Wege maschineller Herstellung billiger auf den Markt gebracht werden kann, ebenso wahr ist es aber, daß dem Handwerk immer ein bestimmter Teil der Produktion Vorbehalten bleiben muß, und zwar jener Teil, der eine individuelle Gestaltung verlangt, wo mit anderenWorten die Form von der Persönlichkeit des Erzeugenden abhängt, und nicht durch mechanische Zwangsläufigkeiten ersetzt werden kann.

In dieser individuellen Gestaltung aber hat der Architekt des Dritten Reiches die Ausdrucksform des Sehnens nach einer Vertiefung des Lebens zu sehen. Es wird also mit dem Schritt zum nationalen Baustil eine völlig zwanglose Erneuerung des Handwerks Hand in Hand gehen. Und mit der Erneuerung des Handwerks wird auch der Wille zum Schmuck wieder seinen siegreichen Einzug halten. Aber die Schmuckform wird eine gebändigte sein. Sie wird sich einer gewissen Zurückhaltung befleißigen. Sie wird nicht mehr Selbstzweck sein. Sie wird als Dienerin einer höheren Kunst-Einheit ihren berechtigten Platz ausfüllen. Sie wird am Bauwerk nicht mehr die Rolle äußerlichen und daher unwesentlichen Zierats spielen, sondern der sinnbildliche Ausdruck seelischen Bekennens sein.

Beispiele für den Versuch, dem Schmuckbedürfnis wieder entgegenzukommen.


Vom Geist der Tradition


,,Non dobbiamo sfruttare ll palrimonio del passato.“

Mussolini.

Vielleicht in keinem Punkte ist unsere Auffassung über die Aufgaben der künftigen Architektur derjenigen der Moderne so entgegengesetzt, wie im Punkte der Tradition.

Während die Moderne, vertreten durch den französischen Architekten le Corbusier und einen Kreis deutscher Nachbeter, auf dem Standpunkt steht, Tradition sei ein archaistischer Begriff, und mit der modernen Bauweise stehe die Architektur an ihrem Anfänge, erklären wir die Tradition für eines unserer heiligsten Guter und für eine der wichtigsten Grundlagen, auf der sich eine neue, das Wort „Stil“ verdienende Architektur aufbaut. Für die Begriffsverwirrung, die im Lager der extremen Vertreter der jüngsten Baugestaltung herrscht, gibt es kaum ein schlagenderes Beispiel wie dies: auf der einen Seite reden sie vom Sieg des neuen Baustils und auf der anderen sorgen sie in jeder Weise für Abschaffung und Verächtlichmachung der Grundlagen, auf denen allein ein Stil erwachsen kann. So ist auch der Begriff Kultur längst durch den der Zivilisation ersetzt. Aber Zivilisation, ein Komplex gleichmäßig über die ganze Welt verbreiteter äußerlicher Merkmale, ist etwas, das mit dem Innenleben, mit dem Wesenhaften eines Volkes nichts zu tun hat. Nur Kultur hängt mit der Wesensart eines Volkes zusammen. Verläßt es freiwillig und leichtfertig den Boden dieser Kultur, dann geht es der nur ihm gemeinsamen Wesenszüge und damit der Kraft, einen seiner Wesensart adäquaten Stil zu schaffen, verlustig. Kultur ist Achtung vor der Vergangenheit, vor der Tradition.

„Nur darum —schreibt Ernst Robert Curtius in einem Aufsatze der ‚Literarischen Welt’— möchten wir die Tradition bei uns neu und höher gewertet sehen, weil sie eine unvergleichliche Intensivierung des Lebens ermöglicht. Der Lebensinhalt eines die Tradition leugnenden Menschen wird an Gehalt immer arm und dürftig sein. Die Gegenwart der Tradition im Einzel- und Gesamtleben bedeutet Steigerung, Reichtum, Vervielfachung der Möglichkeiten und der Weltaspekte. Richtig verstanden ist die Tradition also kein Museumsgegenstand, sondern ein Präzisionsinstrument zur Verstärkung der Wellen, die das Universum auf uns entsendet. Wer nur in der Aktualität lebt, empfängt von der Welt zu wenig.“

Es scheint das Schicksal ewiger Wahrheiten zu sein, nur in Vollnaturen lebendig zu werden, um mit ihnen auch wieder zu sterben. Schon einmal in dem hinter uns liegenden halben Jahrhundert verworrener Stilgeschichte hat ein Mann die Lage unseres Volkes richtig gesehen und vor dem Abgleiten in eine rein äußerliche Zivilisationsepoche gewarnt. Julius Langbehn, der Rembrandtdeutsche, hat wie kaum ein zweiter den Jungbrunnen unserer Kraft in der Hochhaltung der Stammeseigentümlichkeiten des deutschen Volkes gesehen. Er beklagt, daß das Gefühl hierfür vielfach abhanden gekommen und damit ein Stück Volksseele verloren gegangen sei, das wieder erobert werden müsse; denn nur in ihr kann er die wahre Grundlage für eine echte Kunst, für eine echte Kultur erblicken. Was die deutschen Baumeister nach 1870 gebaut, ist für ihn Afterkunst und Scheinkultur. Auch er sieht in der im Volkscharakter verankerten Tradition den Grundpfeiler einer echten Baukunst, die allein zum Stil führt:

„Gott hat die Sprache der Bauleute verwirrt . . . Werden die Deutschen wieder selbständig (d. h. aus ihrem und nur ihrem Erleben heraus) bauen lernen, so werden sie auch wieder einen Stil haben.“

Rund fünfzig Jahre hat es gedauert, bis diese unter dem Schutt internationaler Zivilisation begrabene ewige Wahrheit von einer Bewegung wieder ans Licht gehoben wurde, die in der Pflege der Tradition den Urquell eines Volkes ehrt und sich darin eins weiß mit den Besten der Nation. Daher ist es unerheblich, wenn die Modernen in dem Sinn für Tradition nur Verknöcherung und Verkalkung sehen wollen, wo sie Ehrfurcht sehen sollten vor dem, was uns eine gewiß nicht arme Vergangenheit hinterlassen hat. Es ist unerheblich, wenn sie gegen die Tradition als einen Komplex abgestorbener und ihres Inhaltes beraubter Ideale den „lebendigen Geist“ ausspielen. Zum „lebendigen Geist” gehört mehr, als die fanatische Anbetung einer Richtung, die dem Augenblick dient. Geist und vor allem solcher, der den Anspruch auf Lebendigkeit erhebt, weht durch Jahrhunderte. Es ist kein Zufall, daß die moderne Bauweise den Stempel des Primitiven trägt. Wer den Wert der Tradition nicht in einer Steigerung, nicht in einer Bereicherung des Lebens erblickt, kann gar nicht anders wie primitiv sein. Nur dertraditionsbewußte Mensch ist imstande, unserem Volke Führer zu sein durch das steinige und dornenvolle Ödland der Gegenwart. Führung, die nicht aus dem tiefen und klaren Born der Tradition schöpft, hat in einer die Erneuerung unseres Volkes erstrebenden Bewegung keinen Platz. „Tradition ist die gesiebte Vernunft des gesamten Volkes: sie tragt die Seele, den Grundwillen des Volkes, von einem Jahrhundert in das andere. Deshalb kann man sich für sie begeistern“, sagt die gewiß über allen Verdacht der Verkalkung oder der Einseitigkeit erhabene Schriftstellerin Ricarda Huch. Wenn sie statt „gesiebte Vernunft“ gesiebtes Wesen und statt „kann“ muß man sich begeistern gesagt hätte, wäre der Ausspruch in seiner lapidaren Einfachheit eines der schönsten Denkmäler deutschen Geistes.

Die Vertreter der modernen Bauweise machen es sich leicht. Indem sie die ganze Vergangenheit leugnen, sich sozusagen an den Anfang allen Geschehens setzen, versuchen sie das, was sie bauen, der Kritik zu entziehen. Sie dekretieren, sie schreiben vor, daß das, was sie schaffen, gut ist. Das Recht, Vergleiche mit der Baukunst früherer Jahrhunderte anzustellen, ersticken sie diktatorisch im Keime. Eines der gültigsten Lebensgesetze, das Gesetz der Entwicklung, setzen sie außer Kraft und glauben damit die Herren der Situation zu sein. Aber noch nie haben, wofür die Geschichte mehr als ein Beispiel aufzuweisen hat, die strengen Herren lange regiert. „Notverordnungen“ können sich nur in Zeiten der Ausnahmezustände für kurz oder lang halten. Dann wird eine stärkere Zeit rücksichtslos über sie hinweggehen. Diese stärkere Zeit ist im Anbruch. Wir stehen vor dem Ereignis einer neuen Götterdämmerung, in der das Schicksal der Götter die extremen Architekten der neuen Bauweise treffen wird.


Baukunst oder Ingenieurkunst?


„Technik ist in dem Augenblicke, wo sie wirtschaftsdienstbar geworden ist, ein abgeschlossener Prozeß. Baukunst nimmt aber da ihren Anfang wo die Technik authört.”

Franz Brönner.

Daß es sich in der Überschrift nur um eine rhetorische Frage handelt, ist selbstverständlich. Was sie uns stellen läßt, ist nicht die Absicht, die Notwendigkeit der einen Kunst unter Ausschluß der anderen zu bejahen, sondern den Standpunkt zu präzisieren, den eine deutsche Baukunst einnimmt. Wenn sich das Thema auch eng mit dem berührt, was wir im Kapitel über die Sachlichkeit behandelt haben, so ergeben sich aus der Gegenüberstellung der beiden Begriffe „Baukunst“ und „Ingenieurkunst“ doch so viele neue Gesichtspunkte, daß wir glauben, näher darauf eingehen zu müssen.

Was die Baukunst grundsätzlich von der Ingenieurkunst trennt, ist die bei der Verwendung des Eisens als Baustoff begründete Aufhebung bestimmter Funktionen einzelner Bauteile. So hat z. B. die gemauerte Wand die Funktion des Tragens eingebüßt. Sie, die in der Baukunst die Aufgabe hatte, die Baumasse zu tragen, ist in der Ingenieurkunst nur noch als „hängende Haut“ des Baukörpers anzusehen (Bild 22). Schon dies eine Beispiel genügt, um klar zu machen, daß dies kein Grund ist, die Frage, ob Baukunst oder Ingenieurkunst zu gelten habe, im Sinne der Ingenieurkunst zu bejahen.

Denn nicht die Tatsache, daß etwas überhaupt ausgeführt werden Kann, entscheidet hier, sondern wo etwas ausgeführt wird. Dies ist ja der grundlegende Irrtum der Ingenieurbauleute, daß sie sich von ihrem Baustoff, dem Eisen, verleiten und verführen lassen, alles ohne höhere Rücksichten und sogar gegen ihren obersten Grundsatz der Sachlichkeit auszuführen, was der Baustoff nur immer erlaubt, und dieser erlaubt vieles. So erlaubt er u. a. weit ausgreifende Kragplatten-Konstruktionen, die oft (im Gegensatz zu den Bildern 23 und 24) sinnlos sind und sich nur aus der kindlichen Freude erklären lassen, gegen alle Vernunft aus dem Baustoffe sämtliche Möglichkeiten herauszuholen. Dieses Spielen mit den Möglichkeiten wird in seiner ganzen grotesken Weise sofort erkannt, wenn man bedenkt, daß man doch auch nicht alles hinunterschlingt, von dem man weiß, daß es der Magen nicht verträgt, nur weil die Konstruktion der Speiseröhre erlaubt, es zu schlucken.

So verständlich die Begeisterung für neue ungeahnte und unbegrenzte Möglichkeiten der Ingenieurkunst ist, so fängt man doch auch im gegnerischen Lager an zu begreifen, daß nicht alle Bauaufgaben für den Ingenieur und die Maschine geeignet sind. Neben der Rücksicht auf die Wirtschaftlichkeit und neben der wünschenswerten Beschränkung des Eisens und Eisenbetons auf den Hochbau, sind es vor allem die im Wesen des Menschen liegenden Imponderabilien, die von selbst die Grenzen ziehen. Nicht alle Aufgaben sind für ein und dieselbe Lösung geeignet. Die Gleichmacherei in formalen Äußerlichkeiten, zu der das Eisen nur zu leicht verführt, kann daher nicht als Lösung und Neuschöpfung angesehen werden (Bild 25). Der Mensch ist nun einmal trotz aller moderner Ideologien noch nicht das Massenprodukt, das die Voraussetzung für die einheitliche Massenwohnung ist.

„Solange das Wohnhaus uns mehr bedeutet, als unser Reisekoffer — sagt Schultze-Naumburg — so lange ist uns mit einem Haus, das als Massenartikel hergestellt wird, nicht gedient.“

Wer den Fabrikstil auf den Wohnhausbau übertragen wissen will, bekennt sich als unüberlegten und einseitigen Anhänger der Ingenieurkunst und begeht denselben Fehler, in den vergangene Architekturen fielen, als sie Fabrikanlagen zu Ritterburgen frisierten. Neues im Wohnhausbau kann im Augenblick nur durch neue und sparsame Grundrißlösung entstehen. Was sonst noch versucht worden ist (neue Formgebung; neue Baustoffe wie Platten, Lehmstampf, Blechbedachung; neue Baumethoden) hat sich durchweg entweder teurer gestellt, oder es war schlechter.

Aber die Zuspitzung des Konfliktes zwischen der Baukunst und der Ingenieurkunst, der sich in unseren Tagen so sichtbar in der Architektur dokumentiert, (Bilder 26, 27 und 28), ist nicht nur in der Verwechslung des Aufgabenkreises begründet, sondern die Rivalität zwischen Baukunst und Ingenieurkunst ist letzten Endes die Rivalität zwischen Seele und Verstand. Und diese Rivalität, die sich nach dem Kriege und unter den Eindrücken des Krieges verstärkt hat, ist das Verhängnis des abendländischen Menschen. Unter dem Eindrücke dieses Konfliktes und seiner Ausstrahlungen hat Spengler den Untergang des Abendlandes prophezeit, hat ein weniger bekannt gewordener Schlesier, Alfred Seidel, sein Manuskript „Bewußtsein als Verhängnis“ hinterlassen und 1924 als Neünundzwanzigjähriger die Konsequenzen gezogen.

Nun ist der Konflikt nicht dadurch aus der Welt zu schaffen, daß man die Berechtigung der Ingenieurkunst oder des Verstandes leugnen wollte, vielmehr genügte es, die Baukunst und mit ihr die Seele wieder in ihre Rechte einzusetzen.

Daß die Ingenieurkunst droht, der Baukunst den Rang abzulaufen, scheint uns u. a. mit darin zu liegen, daß gewisse Schönheitswerte, die einer Reihe technischer Bauten nicht abzusprechen sind, mit Kunst verwechselt werden. So vermögen unerhörte Größenverhältnisse, noch nie dagewesene Formengebung die abgestumpften Nerven so zu erschüttern, daß wir dem Reize der Neuheit willenlos erliegen und diese Erzeugnisse „schön“ finden. Daß sie aber nur als Surrogate für wirkliche Kunst anzusprechen sind, enthüllt sich alsbald. Da sie nur die Verstandesseite unseres Ichs befriedigen, langweilen sie, sobald sie den Reiz der Neuheit verloren haben. Im Gegensätze hierzu stellt sich Langeweile dort nicht ein, wo ein Bauwerk sein Dasein wirklicher und echter Kunst verdankt, d. h. wo seelische Werte dem Bauwerk die Form gegeben haben. Nicht Verblüffung wird den Beschauer überfallen, sondern ein der Erhebung oder Andacht ähnliches Gefühl.

Auch die französische Kultur hatte im Zeitalter Ludwigs XIV. einen Höhepunkt erreicht, den sie der damaligen Entwicklung französischen Wesens dankte: der verstandesbeherrschten Durchdringung und Bändigung der Natur und alles Naturhaften. Das rein Verstandesmäßige dieser Kultur hatte aber zur inneren Erschlaffung geführt, zu einem Zustand, in welchem das gesamte geistige Leben unter der Einwirkung rationalistischer Reglementierung erstarrte oder in spielerischer Künstelei verflachte.

Wie damals in Frankreich, so sehnt sich heute der deutsche Volkswille nach neuem Lebensinhalte. Immer häufiger begegnen wir dem Gedanken, daß die einseitige Ingenieurkunst in eine Sackgasse sich verrannt und in ihrer überbetontheit die Erstarrung der Baukunst verschuldet hat. Aus dieser Sackgasse hilft nur die Besonnenheit auf beiden Seiten. Erkennt der Baukünstler einerseits neidlos gewisse Fortschritte der Technik an, indem er jene sich dienstbar macht, gibt andererseits der Ingenieur-Architekt zu, daß er ohne die seelischen Werte der Baukunst auf die Dauer nicht auskommen kann, dann ist die Hoffnung begründet, daß wir in der Synthese von technischer und künstlerischer Gestaltung die nächste Zukunft der Architektur erblicken dürfen. Daß sie sich ebenso sehr von dem Historizismus früherer Jahrzehnte wie von dem Internationalismus des hinter uns liegenden letzten Dezenniums unterscheiden wird, dessen können wir gewiß sein.

Wenn wir wieder mit Lichtwark sagen können: „Diese Treppe heraufzusteigen (er meint die Treppe in der ‚Comödie francaise‘) ist ein Raumerlebnis der Seele,“ dann dürfte der Konflikt zwischen Seele und Verstand, zwischen Kunst und Technik, zwischen Baukunst und Ingenieurkunst für die nächsten Jahrzehnte beigelegt sein.

28. Sanatorium Sonnenstrahl, Hilversum (Holland), Architekten: B. Byvoet und J. Dulker, Amsterdam. (Beispiel für Ingenieurkunst; Im Hinblick auf die von Ihr geforderte Sachlichkeit der Glptel der unsachlichen Gestaltung. Der Beschauer glaubt den neuesten Typ eines Dampfschiffes vor sich zu haben.)


Individualismus oder Kollektivismus in der Architektur?


„Das Bestreben geht (in Amerika) unverkennbar darauf hinaus, dem Wohnhause mehr von dem verstandesmäßig nicht zu bewertenden Inhalt zu geben, der auf das Gefühl, auf den Heimatsinn hinwirken soll . . Der Kern der Bestrebungen ist eben das individuelle Haus für den Minderbemittelten.“

Cornelius Gurlitt.

Als Goethe das Wort prägte „Höchstes Glück der Erdenkinder ist doch die Persönlichkeit” ahnte er nicht, daß er der individualistischen Richtung im Kampfe um die Architektur eine Waffe geschmiedet hatte, die hundert Jahre später dem Kollektivismus gefährlich werden konnte.

Wenn es auch den Anschein haben mag, als wäre das individualistische Zeitalter im Erlöschen begriffen, so trügt dies nur. Was den Sieg des kollektivistischen Gedankens vortäuscht, ist nur als eine schnell vorüberziehende, aus dem Erlebnis des Krieges und der Nachkriegszeit zu erklärende Zeiterscheinung zu werten. So kurzlebige Zeiterscheinungen sind aber nicht mächtig genug, um das Wesen eines Volkes von Grund aus umzugestalten. Wer die Erbanlage eines Volkes für wichtiger und ausschlaggebender hält, als seine Erziehung, der weiß, daß der individualistischen Veranlagung des deutschen Volkes nicht so leicht eine Gefahr droht.

Um richtig verstanden zu werden, müssen wir den Begriff „kollektivistisches Bauen“ abgrenzen. Wir sehen in der kollektivistischen Bauweise das „Gemeinschaftshaus”, das „Laubenhaus“, wie es etwa Prof. Gropius auf der Berliner Bauausstellung im vergangenen Jahr empfohlen hat. In zwölfstöckigen Mietkasernen, in welchen die Menschen nur zum Schlafen in Einzelzimmern untergebracht sind, während für die übrigen Beschäftigungen „den Gemeinsinn fördernde“ Gemeinschaftsräume zur Verfügung stehen, spielt sich das Leben der Bewohner ab.

Wenn auch ohne weiteres zugegeben werden darf, daß den Persönlichkeitswerten, die unser Volk kulturell und wirtschaftlich groß gemacht haben, durch solche Attentate hart zugesetzt wird, so haben diese doch das Gute, daß sie als Warner am sichtbarsten auftreten. Freilich wird der Gefahr viel von ihrer Schärfe durch die Überlegung genommen, daß die kollektivistische Bauweise die Folge einer rein äußerlichen Tatsache, nämlich der verzweifelten Wirtschaftslage, ist. Nur dieser Umstand konnte die Utopie des kollektivistischen Bauens erzeugen. Diese Zwangslage als vorübergehende Erscheinung erkannt, entkleidet den Kollektivismus in der Architektur seines bedrohlichen Charakters. Eines Tages wird die Wirtschaftsnot behoben sein, und die Menschen werden gezählt werden können, die freiwillig die Wohnform des Kollektivismus noch akzeptieren. Denn mit der „Förderung des Gemeinsinns“ im Laubenhaus dürfte es doch hapern. „Wenn diese Wohnform den Gemeinsinn förderte — schreibt der Geschäftsführer des „Deutschen Vereins für Wohnungsreform,“ Bruno Schwan, — dann müßten die Mietkasernen der Vorkriegszeit eine hohe Mission erfüllt haben,“ und skeptisch fährt er fort: „Mir ist ein solches Massenquartier im oberschlesischen Industriegebiet bekannt, das den Namen „Injurienhaus“ trägt, weil die Beleidigungsklagen von Tür zu Tür nicht abreißen. Das ist kein glänzendes Zeugnis für die Erstarkung des Gemeinsinns im Gemeinschaftshaus.”

Seit das Wort vom „Normalmenschen, der wie eine zellenbauende Biene lebt, jeder in gleicher Zelle“ (le Corbusier) geprägt wurde, hat sich vieles geändert, und langsam beginnen die einzelnen Verfechter dieses schönen Schlagwortes einzulenken, um den Anschluß an eine neuere Auffassung nicht zu verpassen, die den seelischen Kräften im Menschen wieder gerecht zu werden sich bemüht. Mit der Anerkennung seelischer Kräfte geht die Respektierung der Individualität Hand in Hand, und sie ist es, die der programmäßigen Gleichmacherei ein Ende setzt.

Wer die umwälzenden Reformen in Sowjetrußland im allgemeinen und im besonderen auf dem Gebiete des Bauwesens verfolgt hat, wird mit Erstaunen wahrgenommen haben, daß sogar im Geburtslande des Kollektivismus ein Umschwung erfolgt ist, den ein Ukas des Zentralkomitees der kommunistischen Partei mit der Forderung einleitete, von dem sozialistischen Kollektivstil abzurücken. Die Gründe weiß die gewiß gut unterrichtete „Bauwelt“ mitzuteilen, der wir, da sie auch uns interessieren, auszugsweise nachfolgende Stellen entnehmen: „Die Wendung von der sozialistischen Kollektivstadt und ihrer Sinfonie in Stahl, Beton und Glas, in Hochhäusern und Riesenklubs zu einfachen Siedlungshäuschen in Holz, ist ein Schlag gegen die kommunistischen Theorien . . . Selbstverständlich ist für die Partei und die Regierung bei der Rückkehr vom „sozialistisch-kollektiven“ zum altgewohnten Individualbau in erster Linie der Gedanke maßgebend gewesen, daß man mit dem Holzbau sehr viel schneller und billiger und mit sehr viel mehr Aussicht auf baldige Erfolge der Wohnungsnot zu Leibe gehen kann. Daneben aber kann nicht übersehen werden, daß auch die Stimmung der Bevölkerung und gerade der Arbeiterbevölkerung sich stark gegen die Kollektivwohnung auflehnte. Es ist kein Geheimnis: der russische Arbeiter lehnt in seiner großen Mehrheit das Kollektivhaus ab. Der Student, der Jungarbeiter finden sich mit dieser hotelähnlichen Kasernierung ab — aber sobald sie heiraten, wollen sie ein „Heim“, ein individuelles, ein noch so kleines, aber eigenes Heim, wo sie sich und der Familie leben und die Tür nach draußen fest zumachen können.“

Damit hat sich der Russe unseren Richtlinien wieder genähert. Der Deutsche, der eine gewisse Zurückhaltung zu seinen besten Eigenschaften zählt, Sinn für Familienleben hat, seineWohnung gerne nach seinem eigenen Geschmack einrichtet, in seinem Heim den Spiegel seiner Persönlichkeit erblickt, wird sich nie und nimmer eine Behausung aufdrängen lassen, in der er als „zellenbauende Biene“ auf ein Eigenleben verzichten muß. Er sieht in seinem Haus, in seiner Wohnung mehr, als eine „Wohn-maschine”. Wenn er sich in dem von Tag zu Tag verschärfenden Wettrennen schon gefallen lassen muß, in irgendeinem Betriebe als Nummer geführt zu werden, dann will er wenigstens zu Hause fühlen, daß er mehr ist, als nur ein Rädchen im großen Uhrwerk des zermürbenden Daseins. Das aber kann er nur fühlen in einem Hause, in dem ein individuelles Leben Raum hat.


Die Flachbauwohnung als Ziel der Volkswohlfahrt


„Gerade weil wir heute nicht in der Lage sind, wirklich geräumige Wohnungen den Minderbemittelten zur Verfügung zu stellen, sollte wenigstens das einzige wertvolle Ausgleichmittel der Engräumigkeit, nämlich die Erdnähe der Kleinwohnung, unter allen Umständen angestrebt werden“

Altred Grotjahn-Berlin.

Das Problem „Familie und Wohnung“ ist unter dem Gesichtspunkte des Geburtenrückganges in Deutschland vielleicht noch nie mit so viel Recht in den Vordergrund des Interesses gerückt worden, wie in unseren Tagen. Die Statistik hat festgestellt, daß wir, was den Rückgang der Geburten angeht, zum ersten Male vor Frankreich, dem typischen Lande des Geburtenrückganges, rangieren.

Daß die Ursache des Geburtenrückganges in Deutschland neben der verzweifelten Wirtschaftslage und der Mutlosigkeit, angesichts dieser eine Familie zu gründen, in weitgehendem Maße in den unzulänglichen Wohnverhältnissen zu suchen ist. dürfte die Bestrebungen derjenigen rechtfertigen, die sich für eine der modernen Flygiene entsprechende Form der Wohnweise einsetzen. So sind gerade in der jüngsten Vergangenheit die Kämpfe und die Anschauung, ob der Hoch- oder Flachbau eine für das Familienleben idealere Wohnweise ist, bis zum äußersten ausgefochten worden. Wenn wir uns nicht irren, scheint die den Flachbau vertretende Richtung den Sieg davon zu tragen. Wenigstens gipfelte die vor kurzem gepflogene Aussprache des vom Reichsministerium des Innern berufenen „Reichsausschusses für Bevölkerungsfragen“ über das Thema „Familie und Wohnung“ in nachfolgender Entschließung:

„Das Familienleben darf nicht nur eine Schlaf- und Abfütterungsstätte sein, sondern muß die Möglichkeit bieten, eine mindestens zur Bestanderhaltung der Bevölkerung ausreichende Zahl gesunder Kinder aufzuziehen und die körperlichen und seelischen Kräfte der Familienmitglieder zu entwickeln und zu schützen. Hierzu ist das Heim nur imstande, wenn es hinreichenden Raum bietet, den hygienischen Forderungen genügt, wenn Erdnähe vorhanden ist (Bild 29) und die Aufwendungen im richtigen Verhältnis zum Gesamteinkommen der Familie stehen. Hochbauten und Zusammendrängungen einer größeren Zahl von Familien in einen Bau erschweren oder verhindern die Erfüllung dieser Aufgaben; Flachbauten mit dem Ziel des Eigenheims fördern sie . . . Vom bevölkerungspolitischen Gesichtspunkte aus ist die mit der Flachwohnung verbundene Erdnähe unersetzlich . . . Für Familien mit Kindern müssen Hochhäuser vom Stande der Volkswohlfahrt abgelehnt werden.“

Man hat gesagt: alles gut und schön, aber diese Forderungen scheitern einfach an der Unwirtschaftlichkeit; die Errichtung ausreichender Flachbauwohnungen ist angesichts unserer verzweifelten finanziellen Lage einfach ein Ding der Unmöglichkeit. Die so denken, gehorchen allzusehr den Geboten des Augenblicks. Die Wirtschaftlichkeit in Zahlen ist ihr einziger Maßstab. Daß es eine Wirtschaftlichkeit gibt, die sich in Zukunft bezahlt macht, und die in anderen Werten wie in Zahlen zu uns zurückkehrt, wollen sie nicht einsehen. Und doch ist die Einstellung „auf weite Sicht“ auf keinem Gebiet so wichtig wie auf dem des Wohnwesens. Diesen Standpunkt vertritt u. a. auch Oberbaurat Heinicke mit den Worten:

„Man versteht immer mehr den Wert einer unmittelbaren Verbindung der Wohnung mit einem Teil der Natur, wenn er auch noch so klein ist. Der Balkon der mehrgeschossigen Wohnung kann niemals den Auslauf ersetzen, der für Kinder notwendig ist, und den nur der Garten bietet . . . Man erkennt wieder die Kinder und Heranwachsende bildende Kraft einer ungestörten Beobachtung der sich ständig entwickelnden Pflanzen- und Kleintierwelt. Man erlebt wieder den erfrischenden Einfluß persönlicher Abgeschlossenheit nach der langen schädigenden Einwirkung unvermeidbarer Gegensätze in den Stunden der Arbeit. Man liebt das Gefühl voller Selbständigkeit und eigener Verantwortlichkeit auf eigenem Grund und Boden.“

Angesichts solcher durchaus einleuchtender Forderungen muten die Bemühungen gewisser Vertreter der Hochhauswohnungen, eine Kongruenz zwischen der modernen Baukunst und dem „Menschen von heute“ herzustellen, indem sie auf eine scheinbare Parallele der Geschichte, nämlich die Kongruenz zwischen der Baukunst und dem Menschen vergangener großer Bauepochen, verweisen, fast komisch an. Abgesehen davon, daß es nicht angeht, die Bauweisen eines Dezenniums in gleiche Linie zu setzen mit Bauepochen, die sich über längere Zeiträume erstreckten, und Epochen geschlossener Weltanschauung mit einer kurzen eben gerade diese entbehrenden Zeitspanne zu vergleichen, ist es irreführend, den „Menschen von heute“ als einen feststehenden Typ aufzustellen und ihm Eigenschaften, Gewohnheiten, und Bedürfnisse nachzusagen, die er in seiner Gesamtheit gar nicht hat. Hier scheint der Wunsch allzusehr der Vater des Gedankens zu sein. In Wirklichkeit entstehen die Wohnhochhäuser ja gar nicht, weil sie die gegebenen Quartiere für den „Menschen von heute“ sind, sondern indem man ihm diese Quartiere als Wohnung anweist, soll er erst zum Menschen von heute gemacht werden. Leider sagt uns keine Statistik und keine Rundfrage, wieviel Prozent unserer Bevölkerung freiwillig in die für sie errichteten Wohnungen eingezogen sind. Es genügt aber zu wissen, mit welchem Widerstreben sie von den ihnen gebotenen Wohnquartieren Gebrauch machen. Eine Kongruenz zwischen der modernen Bauweise und dem ,, Menschen von heute” ist also gar nicht da, vielmehr soll sie künstlich erzeugt werden. Ist sie aber künstlich erzeugt, dann verliert die Bauweise in ihrer heutigen Formgebung ihre innere Berechtigung.

Es kann nur als Scherz aufgefaßt werden, wenn ein bekannter moderner Architekt den Ausspruch getan hat: „Baut Wohnhochhäuser, dann wird das gewonnene Bauland zum Garten!“ Es klingt fast so lächerlich, als wenn le Corbusier seine Häuser auf Stelzen stellt mit der Begründung, daß der so gewonnene Raum unter dem Haus anderweitig verwendet werden könne. Und dennoch müssen die Vertreter des Wohnhochhausgedankens mit den Bedürfnissen des Volkes Fühlung haben. Denn in hochherziger Geberlaune machen sie ihm das Geschenk des — Dachgartens! Daß dieser aber als Ersatz des erdnahen Gartens nicht in Frage kommen kann, braucht nicht erst bewiesen zu werden. Warum den Garten auf dem Umweg über das Wohnhochhaus erstreben, wo er als Attribut der Kleinhaus- und Flachbauwohnung eine Selbstverständlichkeit ist? Wo der Dachgarten aber gar für mehrere Familien gedacht ist, da steigert sich der verfehlte Gedanke zur Absurdität. Wer weiß, wie aufsässig und unverträglich ein paar Familien selbst in abgeschlossenen Wohnungen einer Mietkaserne sind, der kann sich einen Begriff von der gemeinsamen Benutzung eines Dachgartens machen. Man muß schon recht weltfremd sein, wenn man dies für möglich hält!

Den Forderungen nach dem Kleinhaus und der Erdnähe kommt die augenblicklich sehr aktuelle, sowohl vom politischen und wirtschaftlichen, als auch vom rein menschlichen Standpunkt nur zu begrüßende Bauernsiedlungsfrage entgegen. Als Entlastung der Großstadt (laut Statistik entfällt auf dem Lande auf 17 Erwerbstätige 1 Arbeitsloser, in der Großstadt von mehr als 100 000 Einwohnern 1 Arbeitsloser schon auf 3 Erwerbstätige) gar nicht hoch genug einzuschätzen, stellen die Versuche doch nur einen schüchternen Anfang dessen dar, was auf diesem Gebiete dem Dritten Reich zu tun Vorbehalten bleibt. Da es den bäuerlichen Siedlungsplan als eines seiner vornehmsten Ziele betrachtet, wird es als Erwecker des dem deutschen Menschen fast ganz verloren gegangenen Sinnes für den Wert der Scholle und der damit verbundenen ethischen Werte auftreten. Der den Lockungen der Großstadt und dem vermeintlichen Komfort der Mietkaserne erlegene Land- und Bodenflüchtige wird wieder den Pflug zur Hand nehmen und die Mietkaserne mit dem erdnahen Bauernhaus vertauschen (Bild 30). Denn als Symbol des Vertauschbaren, Ungebundenen und Beziehungslosen stellt die Mietkaserne das Gegenteil dessen dar. was als würdige Wohn- und Lebensform dem Dritten Reiche vorschwebt.


Das Problem der Hochbauten

(Nutzbauten — Repräsentationsbauten)


,,Der Formwille, ein Produkt aus Verstand, Gefühl und Charakter, wird sich am freiesten und natürlichsten äußern, wenn der Architekt die auf ihn einströmenden Forderungen ohne Vorurteile in sich aufnimmt und aus ihnen den Bau gestaltet. Das natürliche Eingehen auf Zweckmäßigkeit braucht dabei die Bauten nicht langweilig zu machen.“

Hans Hertlein-Berlin.

Wir haben in den vorangegangenen Kapiteln zu begründen versucht, warum Hochbauten für Wohnzwecke in Deutschland nicht in Frage kommen.

Es hieße hinter den Aufgaben der Zeit Zurückbleiben, wollten wir die Form der Hochbauten für industrielle und repräsentative Zwecke grundsätzlich ablehnen. Es gibt ohne Zweifel Fälle, in welchen Hochbauten in diesem Sinne nicht nur berechtigt, sondern geradezu geboten sind, besonders dann, wenn es sich darum handelt, die „City“ aufzulockern. Dabei darf wohlgemerkt die Auflockerung nicht soweit gehen, daß architektonisch wertvolle Straßenzüge oder Städtebilder zerstört werden (worauf wir im 11. Kapitel zurückkommen); oder es liegt der Fall vor, daß der bauliche Zweck die Forderung stellt, einen Hochbau zu errichten. Dieser Zweck wäre gegeben bei Industrie- und Verwaltungsgebäuden, also „Nutzbauten“ einerseits, andererseits bei Staatsgebäuden, Schulhäusern, Kirchen, also Gebäuden, bei welchen der Repräsentationsgedanke im Vordergrund steht. In diesen Hochbauten architektonisch um jeden Preis ein „Symbol des Fortschritts“ sehen zu wollen, wäre eine Einstellung, die von falschen Voraussetzungen ausgeht.

Die Zeiten, da wir wie fasziniert über den Ozean schauten und die Prosperität eines Volkes sozusagen vom Meterstabe der Wolkenkratzer ablasen (Bild 31), sind vorüber, seitdem der Amerikaner selbst zugegeben hat, daß die New Yorker City nur ein Notprodukt ist. Nie wären New York oder Chicago Wolkenkratzerstädte geworden, wenn die Amerikaner, als es noch Zeit war, einen Generalbebauungsplan gehabt hätten. Praktisch, wie der Amerikaner nun einmal ist, hat er aus der Not eine Tugend gemacht. Bald galt es in der Geschäftswelt als besonders vornehm, sein Büro so hoch wie möglich zu haben. Je höher aber das Büro untergebracht war, desto höher waren die Mieten. Heute, da die Weltwirtschaftslage auch vor Amerika nicht Halt macht, ist eine Ernüchterung eingetreten. Man zahlt keine Phantasiepreise mehr, und das größte Haus, das Empire State Building, ist nur zu einem Viertel vermietet.

Kommen wir zum Architektonischen der Hochbauten! Wir verlangen mit Lewis Mumford, dem Verfasser des ausgezeichneten Buches „Vom Blockhaus zum Wolkenkratzer”, mehr, als daß die ästhetische Seite des Hochhausbaus „mit dem Eingang, dem Personenaufzug und den mit Fenstern durchlöcherten Mauern abgetan“ ist. Was wir bis jetzt in Deutschland an Hochbauten haben, erfüllt oft nicht viel mehr, als diese äußerste Forderung. Daß es nicht die Höhe allein ist, sondern daß noch etwas hinzukommen muß, das die Höhe erträglich macht, ist nur wenigen Baukünstlern unserer Zeit eine Selbstverständlichkeit. Erst dies Hinzukommende — mögen wir es Ordnung, Gliederung, Aufbau nennen — macht ein Bauwerk zu einem Ganzen, das die Bezeichnung „gestaltet” verdient.

Merkwürdigerweise weist das Rheinland im Gegensätze zu Berlin eine ganze Reihe von Hochbauten auf, die sich um Gestaltung bemühen. Wir denken an das Wilhelm-Marx-Haus von Wilhelm Kreis in Düsseldorf (1924), an das Hochhaus des Stumm-Konzerns von Paul Bonatz ebenda (1925) (Bild 32), an das Hans-Sachs-Haus von Alfred Fischer in Gelsenkirchen (1926), an die Ausstellungshallen von Adolf Abel in Köln-Deutz (1927) und vor allem an die Gutehoffnungshütte von Peter Behrens in Oberhausen (1925). In Berlin jagt man währenddessen Utopien nach, die von dem, was wir „gestaltet“ nennen, weit entfernt sind. Eigentlich ist es nur einer, der der Versuchung, sich in utopischen Gebilden zu verlieren, widersteht, und das ist der Oberbaudirektor des Siemenskonzerns in Berlin, Hans Hertlein, der mit seinem Schaltwerk in Siemensstadt (Bild 33), dem ersten Fabrikhochhaus in Deutschland im eigentlichen Sinne, die Aufmerksamkeit weitester Fachkreise auf sich zieht. Hier ist mehr als „Eingang, Personenaufzug und mit Fenstern durchlöcherte Mauern”; vielleicht, weil bei diesem Schaltwerk und bei den übrigen Hochbauten von Siemensstadt die Synthese von Baukunst und Ingenieurkunst zum ersten Male überzeugend gelungen ist. Ist doch für Hertlein in der engen Zusammenarbeit von Architekt und Ingenieur das Geheimnis des neuzeitlichen Industriebaues enthüllt. Freilich übersieht er dabei nicht, daß bei einem der beiden die Führung, die Priorität der Leitung liegen muß, denn auch der Verschmelzungsprozeß des Miteinanderarbeitens erfordert zuletzt die Führung eines Einzigen. Wenn sie, wie bei Hertlein, bei dem Architekten liegt, ist das Ergebnis ein erfreuliches. Man denke sich in das Werden des Schaltwerkes hinein: die Eigenart der Fabrikation verlangte einen Geschoßbau.

Da größtmögliche Beweglichkeit in der Verwendung der Arbeitsräume Bedingung war, ein Umstand, der feste Einbauten verbot, so wurden alle Nebenräume wie Treppen, Toiletten usw. außerhalb des eigentlichen Baukörpers in turmartigen Anbauten untergebracht. Und hier haben wir gleich ein glänzendes Beispiel für den Formwillen dieses Baukünstlers. Bei ihm sehen die Türme nicht etwa willkürlich angeklebt aus. Sie, die gleichzeitig als Windversteifung gedacht sind, bringen in die tote Masse des Baukörpers jene Lebendigkeit, ohne welche die 175 Meter lange Fassade unerträglich wäre.

Um verstanden zu werden, sei diesem Schaltwerk der Hochbau Professor Fahrenkamps, das sogenannte ,,Shellhaus“ am Lützowufer in Berlin (Bild 34) gegenübergestellt.


Von ZZ hinzugefügt:

Berlin Tiergarten - Shell-Haus von Emil Fahrenkamp - 1939   Shell-Haus 1939


In kühner treppenartiger Anlage von 5 auf 10 Stockwerke ansteigend, ist der Stahlskelettbau (auch das Schaltwerk ist Stahlskelett, aber in Ziegelummauerung) perspektivisch von hohem Reiz. Wie er auf der einen Seite die Traufenhöhe des Nachbarhauses aufnimmt, zeugt von dem rücksichtsvollen Eingehen auf Vorhandenes. Aber bei näherer Betrachtung der Einzelheiten stellt man fest, daß die Bewegtheit der Wasserfront auf Kosten der inneren Struktur und sogar des Grundrisses erreicht wird, Dinge, die mit der betonten Sachlichkeit der modernen Baukunst in Widerspruch stehen.

Nicht anders ist es mit den Repräsentationsbauten, den Staatsgebäuden und Schulhäusern bestellt. Während die neue Staatsform noch wenig Gelegenheit genommen hat, sich in reinen Staatsbauten zu manifestieren (viele wollen darin eher das Eingeständnis einer Unsicherheit, als den Mangel an Mitteln sehen!) kann sie immerhin mit einer Reihe von Schulneubauten aufwarten. Hier trifft aber die Beobachtung zu, die wir bei den Industriebauten gemacht haben: viel unnötige Härte, Langeweile und Unsachlichkeit bei einem Übermaß von Luxus und Hygiene. Wir brauchen nur etwa das Oessauer Bauhaus von Gropius (Bild 35) der neuesten Schöpfung Schmitthenners, der Hohensteinschule in Zuffenhausen-Stuttgart (Bilder 36 und 37), gegenüberzustellen, um uns verständlich zu machen. Wie kaum ein zweites Werk Schmitthenners bringt die Hohensteinschule das Geheimnis seiner Kunst zum Ausdruck. Schmitthenner ist Elsäßer, ist Alemanne und als solcher der geborene Hüter deutschen Geisteswesens und Formgefühls. Daß er sich der technischen Mittel bedient, soweit sie diesem Formgefühl nicht feindlich werden, ist für ihn eine Selbstverständlichkeit. Ähnlich wie Hertlein sieht Schmitthenner in der Technik die Dienerin der Baukunst, und er hütet sich, sie Herrscherin, Beherrscherin werden zu lassen. Der Bau ist als Massiv-Rohbau in einfachem Hartbrandstein ausgeführt mit Eisenbetondecken. Eine sehr genau vergleichende Berechnung ergab nämlich, daß die Ausführung als Massivbau wesentlich billiger war, als etwa ein Stützenbau in Stahl oder Eisenbeton. Auf die heute beliebte Auflösung in horizontale Glasbänder ist aus Wirtschaftlichkeitsgründen und unter Vermeidung überlichteter Schulräume verzichtet. Beispiele guter handwerklicher Arbeiten erinnern an den Zweck eines Teiles der Schule als Gewerbeschule, in der Handwerker fortgebildet werden sollen.

Weit mehr noch, als in Schmitthenners Hochbauten sehen wir in seinem Wohnhaus und in seinen Siedlungsbauten die gesunde Entwicklung unserer baulichen Zukunft.

So sehr die Entwicklung der profanen Hochbauten unter mancherlei Vorbehalten einem Höhepunkte zuzustreben scheint, so sehr ist auf dem Gebiete des Sakralbaues noch alles im Fluß (Bilder 38 bis 40). Von der nicht ernstzunehmenden, auf der Pressa in Köln gezeigten Stahlkirche eines Bartning bis zur Geburt eines das zweifellos im Erstarken begriffene religiöse Lebensgefühl unserer Zeit verkörpernden Kultbaues, ist wohl noch ein weiter Weg.

Die Versuche, den Eisenbeton als solchen, wie bei rein technischen Anlagen auch im Kirchenbau zu verwenden, sind bisher wenig befriedigend gewesen. Abgesehen davon, daß Eisen und Beton in akustischer Beziehung sich ungünstiger verhalten, als Holz und Ziegelstein, muß auch der Ausdruck des Profanen bei einem kirchlichen Zwecken gewidmeten Gebäude vermieden werden. Erst vor kurzem hat sich der ausgezeichnete Münchener Architekt, Geheimrat Prof. Dr. Bestelmeyer, in diesem Sinne auf dem Internationalen Architekten-Kongreß in Budapest geäußert. Er sagte:

„Je stärker sich der Repräsentationsgedanke in einer Architektur aussprechen soll, desto mehr Anforderungen an Formgestaltungswillen werden gestellt, und es scheint, als ob solchen Gesichtspunkten die Entwicklung der modernen deutschen Baukunst nicht in erwünschtem Maße gerecht werden konnte . . „

Was hier erreicht ist, wird vielfach auf Kosten der sakralen Stimmung erkauft; nach der Richtung der Übereinfachheit hin allzusehr übersteigerte Kirchenbauten laufen Gefahr, an Industrie- oder Kinobauten anzuklingen . . . Denn die Kirche, die sich, ganz aus dem Geist unserer Zeit erfunden, den alten Kathedralen und Klosterkirchen ebenbürtig an die Seite stellen will, muß erst noch gebaut werden.“ Bestelmeyer kennt den Geist unserer Zeit; er kennt aber auch das Volksempfinden, das, gerade im Gegensatz zu dem offensichtlich profanen Wesen der Gegenwart, von einem kirchlichen Gebäude die Betonung des Feierlichen verlangen wird.

Eine Bewegung, die das Dritte Reich vorbereitet, und die in der Erneuerung des nationalen Volksempfindens ihre Grundlage erblickt, eine Bewegung also, der das Volksempfinden eine heilige Angelegenheit ist, wird — zur kulturbildenden Einheit geworden — den Ausdruck für den Kultbau finden, der das religiöse Lebensgefühl der kommenden Zeit verkörpert.




Erfahrungen mit städtischen Siedlungsbauten


„Künftige Geschlechter werden vom Spiegel, den sie dem Bauwesen des jetzt kommenden Zeitalters Vorhalten werden, die soziale und nationale Gesinnung ablesen können.“

Theodor Fischer.

„Unser soziales Gewissen ist geschärft, und dies ist vielleicht die stärkste geistige Erscheinung unserer Zeit. Das sozial geschärfte Gewissen drängt im Wohnungsbau auf Dezentralisation, und wir haben die Siedlungsfrage, die Frage des neuen Wohnens.“

Paul Schmitthenner.

Der Siedlungsbau verdankt einerseits dem sozialen Gedanken, der die Mietkaserne der Vorkriegszeit als eine menschenunwürdige Wohnform erkannt hat, andererseits der nach dem Kriege einsetzenden Wohnungsnot seine Entstehung. Als Antwort auf die grotesken Zusammenballungen von Menschenmaterial an den Zentren der Produktion (Bild 41), mußten die ersten Versuche, diese zu entlasten, geradezu als Erlösung aus einem von gewissenlosem Kapitalismus geschaffenen Zustande begrüßt werden.

Die ersten Siedlungen, die als geschlossene Baublocke mit verhältnismäßig großen Innenhöfen oder Gärten auftauchten, überschritten durch Weiträumigkeit und Aufwand der Ausstattung die einem unter den Lasten eines verlorenen Krieges seufzenden Volke gezogenen Grenzen. Wie sich bald herausstellte, erlaubten die unerschwinglichen Mietpreise nur eine verhältnismäßig kleine Zahl Wohnungsuchender unterzubringen. Inzwischen hatte man auch die Erfahrung gemacht, daß die geschlossenen Blöcke der Durchlüftung Widerstand entgegensetzten. Man entschloß sich, den Baublock aufzuschlitzen: auf diese Weise entstand der Streifen- oder Reihenbau. Hätte er sich als Reihen einzelstehender oder im äußersten Falle als Reihen von Doppelhäusern durchsetzen können, so wäre das Ideal des Kleinhauses, so wie wir es im siebenten Kapitel angedeutet haben, erreicht gewesen. Bei Aneinanderreihung einer größeren Anzahl von Häusern lassen sich aber durch Wegfall einer entsprechenden Anzahl Außenwände usw., Ersparnisse erzielen. So näherte man sich wieder einem Zustande, den man überwunden zu haben glaubte: gleichsam schamhaft trat die Mietkaserne der Vorkriegszeit in verwandelter Form wieder in Erscheinung (Bild 42). Wie wir sie heute sehen, unterscheidet sie sich von ihrer vertikalen Vorgängerin fast nur durch ihre horizontale Anlage. Aber das Zugeständnis, das eine gewisse Erdnähe in sich schließt, wurde alsbald durch so schlimme Mängel wieder aufgehoben, daß es nur zu berechtigt ist, von neuen Mietkasernen zu sprechen. Von der Kleinwohnung glitt man schrittweise über die Kleinstwohnung zur Allerkleinstwohnung, die man unverblümt so nennen sollte, wie sie le Corbusier nennt und empfiehlt — zur Zelle. Daß man sie die ,.Wohnform unserer Zeit“ genannt hat, nimmt ihr nichts von ihrer Trübseligkeit.

Den Begriff „Zelle“ kennt der deutsche Sprachgebrauch nur in Verbindung mit den Begriffen Biene, Kloster, Irrenhaus, Zuchthaus. Die Menschen sind aber weder Bienen, noch sind sie in ihrer Mehrheit Klosterbrüder, Irrenhäusler oder Zuchthäusler. Die Landsleute le Corbusiers haben dem Erfinder der ,,Wohnmaschine“ denn auch die richtige Antwort gegeben. Von der vor drei Jahren in Pessac bei Bordeaux errichteten, aus 51 Häusern bestehenden Siedlung wird trotz billigster Mieten so gut wie kein Gebrauch gemacht. Die Bevölkerung lehnt es einfach ab, sie zu bewohnen. Wie ein deutscher Besucher, Hans Kauders, mitteilt, sind 4 Häuser bewohnt: eines von dem Siedlungswächter, eines von einem Postbediensteten, eines von einem Steuerbeamten und eines von einem Amerikaner, die übrigen 47 stehen leer. Man kann es verstehen, wenn man weiterhört: „Diese Bauwerke wirken nicht wie Häuser“. Mir scheint, alles was den Menschen bisher beherbergt hat, von der Erdhöhle bis zum Palast, hatte etwas vom Mutterleib, etwas Schützendes, etwas Umhüllendes, etwas Wärmendes. Diese haben gar nichts davon, sie wirken in all ihren Bestandteilen so antiorganisch wie möglich .. . Nicht wahr, manche Häuser stehen doch, manche liegen? Aber diese . . .?!“

Nichtsdestoweniger haben deutsche Architekten diese Wohnmaschinen übernommen, und daß sie, ins Deutsche übersetzt, auch der letzten Liebenswürdigkeiten verlustig gehen mußten, ist jedem klar, dem die Eigenschaft des Deutschen, päpstlicher zu sein als der Papst, nicht unbekannt ist. Mit einer beneidenswerten Geschicklichkeit hat man den Satz, daß die Häuser für den Menschen da sind, in sein Gegenteil verkehrt und den Arbeiter, den Handwerker, den kleinen Beamten zum Objekt der Siedlungsgestaltung gemacht. Da aber in Deutschland etwas, das Geltung haben soll, wissenschaftlich unterbaut und beglaubigt sein muß, hat man die vor kurzem eingegangene „Reichsforschungsgesellschaft für Wirtschaftlichkeit im Bau- und Wohnungswesen“ gegründet. Ihr lag ob, einen Wohnungstyp ausfindig zu machen, der sich zur Serienherstellung eignete, d. h. der Wohnungstyp hatte die beste Konstruktion mit der billigsten Herstellung zu verbinden. Was dabei herauskam, soll nur an zwei Beispielen gezeigt werden. Hören wir, wie die Reichsforschungsgesellschaft, die hier als Erbauerin und Kritikerin in einer Person auftritt, ihre eigene Bauweise beurteilt!

Das eine Beispiel betrifft die Siedlung Dessau-Törten. Mit bewundernswerter Offenheit schildert eine von der ,,Deutschen Bauhütte“ auf Grund der Untersuchungen der Reichsforschungsgesellschaft verfaßte Broschüre die Mängel der Siedlung wie folgt:

„Es ist verkehrt, dem deutschen Arbeiter und Siedler eine Form überzustülpen, die, aus modischen Eigenheiten und Absonderlichkeiten entspringend, nur schlecht zu seinem Hausrat und zu seinen herkömmlichen Gewohnheiten paßt. — Übel ist es, wenn der nötige Bodenraum fehlt, und der einzelne sich durch wahllos aneinander gebaute Kisten und Kasten, durch Bretterbuden und Wellblechverschläge im Garten behilft. Dann entsteht das grotesk-lächerliche Bild der verunstalteten Hausrückseiten, das deutlich zeigt, woran es am Haus fehlt. — Übel ist es, wenn wesentliche Dinge, z. B. die hintere Ausgangstüre zum Garten, weggelassen werden, weil das Geld aufgebraucht wurde für die Dachterrassen, die Neunzehntel des Jahres nicht benutzt werden können. — Übel ist es, wenn Schlafzimmer so gebaut werden, daß das Kopfende des Bettes direkt unter das Bänderfenster kommt. — Übel ist es, wenn die Fenster so hoch sind, daß sie das Schauen auf die Straße verhindern. In vielen Wohnungen sind rohe Kisten vor der Fensterbrüstung aufgestellt. — Übel ist es, wenn die Fensterreihen einer Mode zuliebe nur teilweise zu öffnen sind, und ihre Reinigung, anstatt von den Hausfrauen selbst besorgt zu werden, einer Putzkolonne überlassen werden muß. Verfehlt ist es endlich, wenn den Leuten eine nüchterne Sachlichkeit (gekalkte Wände, phantasieärmste Gleichförmigkeit) aufgeredet wird, die nicht zu ihren Anschauungen paßt, und wobei dann durch die eigene Ausstaffierung und Ausschmückung ein viel schlimmerer Kontrast zu der aufgezwungenen Meinung entsteht, als wenn man von Anfang an dem Schmuck-und Wohnlichkeitsbedürfnis Rechnung getragen hätte. Der deutsche Mensch ist nach seiner Erbanlage durchaus kein Massengeschöpf, das sich dem Sachlichkeitsfanatiker zuliebe zum schematischen Formeltier zurecht stutzen läßt. Das Bauwesen aber folgt allein den Gesetzen der Natur und nicht dem parteipolitischen oder dem Bedürfnis einzelner ehrgeiziger Leute, die sich krampfhaft als die Pioniere aufsehenerregender Neuigkeiten aufspielen möchten.„

Das zweite Beispiel betrifft die von dem Frankfurter Stadtbaurat Ernst May errichteten Plattenhäuserinder Siedlung Frankfurt-Praunheim (Bild 43und44), und die Miethäuser Bruchfeldstraße Frankfurt a. M., bei denen ebenfalls durch einen von der Reichsforschungsgesellschaft mit der Prüfung des Feuchtigkeitgehalts beauftragten Fachmann festgestellt wurde, daß die Plattenwände (es wurden 832 Wohnungen mit solchen hergestellt!) 15—24 v. H. Feuchtigkeitsgehalt aufzuweisen hatten gegen einen Feuchtigkeitsgehalt von 1,25 v. H. bei normalem Ziegelbau. Fortwährende Reparaturen seien an der Tagesordnung und schluckten die Differenz, um welche die Plattenbauweise billiger sei, als die übliche Bauweise.

Gerade das Argument der Verbilligung bei gleicher Güte, mit dem die Ersteller dieser Siedlung ihren Werken die nötige Popularität sichern wollten, hat keiner Prüfung ernstlich standgehalten. Trotz Typisierung, Normung und Rationalisierung ist nichts eingespart worden. Was erreicht wurde, sind Massenquartiere als sichtbares Symbol der mechanisierenden Tendenzen unserer Zeit. Was nicht erreicht wurde, ist die Errichtung von menschenwürdigen Wohnungen, in denen sich der ohnehin von der Mechanik der täglichen Arbeit abgestumpfte Mensch erholen kann. Was von den Häusern gilt, gilt ebenso von den Wohnungen. Selbst ein so modern gerichteter Architekt wie Josef Frank-Wien sagt in einem Aufsatz über die ,.Moderne Einrichtung des Wohnhauses“ („Innenräume“, Akad. Verlag Dr. Fritz Wedekind & Co., Stuttgart, 1928):

,,. . . Die Wohnung ist deshalb das absolute Gegenteil der Arbeitsstätte. Dies bezieht sich nicht nur auf die Bequemlichkeit der Sitz- und Ruheplätze, sondern auf alles Sichtbare, da das Auge sich erholen will, weshalb alle in Fabrik, Büro usw. vorhandenen Dinge vermieden werden sollen . . . Die Wohnung ist auch kein Kunstwerk, deshalb hat sie nicht die Verpflichtung, aufregend zu wirken, was das Gegenteil ihres Zweckes wäre. Einheitlichkeit und Schmucklosigkeit machen unruhig, Ornamentik und Vielfältigkeit verschaffen Ruhe und beseitigen das Pathetische der reinen Zweckform.“

Die Bewegung, die sich eine Erneuerung des Menschen von der Seele her, eine Erlösung des Menschen aus dem zur Formel gewordenen „geometrischen Tier” angelegen sein läßt, wird auch die Wohnform herauskristallisieren, in der das neue Geschlecht zur Erfüllung der ihm gestellten hohen Ziele heranwächst.

„Man wird sich — wie Peter Meyer-Zürich sagt — wieder ernsthaft mit den seelischen Potenzen auseinandersetzen müssen, gerade im Namen des gleichen Lebens, das heute als groteske Begründung für den plattesten Materialismus herhalten muß.“

Das bauliche Symbol aber für dieses Geschlecht wird anders aussehen, wie das ihm gegen seine innere Natur aufgezwungene unserer Zeit. Wenn sich auch das Ideal — das einzelstehende Kleinhaus im Garten —vorerst nur langsam verwirklichen lassen wird, so werden aber doch die Reihenhäuser den Charakter der Zuchthaus oder Irrenhauszelle abstreifen und innen wie außen den Bedürfnissen menschlicher Wesen wieder mehr entgegenkommen (Bild 45 bis 48). Schon stehen Architekten bereit, die den Ruf nach den seelischen Potenzen begriffen haben, und während die unbelehrbaren extremen Konstruk-tivisten die Welt mit ihren letzten Schöpfungen zu beglücken glauben, haben sich die anderen bereits in Marsch gesetzt, um den ehernen Weg einer unbestechlichen Entwicklung zu gehen.


Die Altstadt als Schutzgebiet


. . denn ebensosehr wie die Förderung neuer Baukunst muß uns am Herzen liegen, unsere wertvollen, alten Stadtbilder vor baulicher Beeinträchtigung zu schützen.“

German Bestelmeyer.

Le Corbusiers zynisches Wort, das die jahrhundert- ja jahrtausendalte Tradition aller Kunst als den „Weg der Esel“ und Baustile wie den der Gotik oder des Barock als „ehrwürdiges Aas“ (charognes vénérables) bezeichnet — ein Wort, das von ausländersüchtigen Deutschen alsbald nachgebetet wurde — ist der Ausgangspunkt einer Bewegung geworden, die, analog den Naturschutzgebieten, den Stadtkern einer durch Baudenkmäler ausgezeichneten Stadt möglichst als unantastbar erhalten wissen will.

Wer in der Stadt mehr sieht, als einen zufällig zusammengewürfelten und in Häusern willkürlich untergebrachten Menschenhaufen, der wird zwischen sich und le Corbusier einen dicken Trennungsstrich ziehen und alles aufbieten, unsere Städte vor einer sinnlosen Zerstörung oder Verschandelung zu bewahren. Eine Bewegung, die in der Baukunst die Verkörperung einer Idee sieht, bringt naturgemäß auch den baulich verkörperten Ideen früherer Jahrhunderte jenes Verständnis und jene Achtung entgegen, die sie für sich selber in Anspruch nimmt. Eine Stadt wie Athen verkörpert die demokratische Idee anders wie das kaiserliche Rom die Idee der die halbe Erde umspannenden Weltherrschaft; die Zeit der Gotik die Idee des Machtprinzips der Kirche anders, wie das Barock die Idee des absolutistischen Königtums.

Um Mißverständnissen vorzubeugen, sei der Begriff „Altstadt“ als Teil einer Stadt präzisiert, der durch Ansammlung von baukünstlerisch wertvollen Gebäuden aus den Stilepochen mehrerer Jahrhunderte zu einem Ortsbild von besonderem Charakter geworden ist. Diesen Altstädten drohen von Seiten derjenigen Architekten, die sie als verkehrsstörend empfinden, in Bezug auf die Erhaltung ihres unersetzlichen kulturellen Bestandes die größten Gefahren. Wenn schon den Forderungen gesteigerten Verkehrslebens Rechnung getragen werden soll, so darf dies nicht so weit gehen, daß die paar Altstädte, die Deutschland hat (und deretwegen es eines der besuchtesten Länder der Welt ist) dem Verkehr geopfert werden. Mit einigem guten Willen ließe sich gewiß ein Modus finden, der dem gesteigerten Verkehr einerseits und den Werten alter architektonischer Schöpfungen andererseits gerecht wird. Es soll hier nicht von Rothenburg oder von Dinkelsbühl, von Amorbach oder Miltenberg (Bild 49) gesprochen werden, von Orten und Städtchen, deren Museumscharakter von niemandem angetastet wird. Der Angriffsgeist setzt den Hebel an Städten an, wo er weiß, daß ganz anderes vernichtet wird, als nur ein Museum. Städte vielmehr wie Danzig und Lübeck, wie Braunschweig und Lüneburg, wie Celle und Heidelberg sind die Objekte zielbewußter Zerstörungswut.

Man stelle sich die Altstadt in Danzig vor, deren Rhythmus durch einen Geschäftspalast unserer Zeit entweiht würde. Lübecks Kulturbewußtsein hat es bis heute fertiggebracht, Wesensfremdes seinem Stadtkern fernzuhalten und Neues dorthin zu stellen, wohin es gehört: in Außenbezirke. Man denke sich in die bauliche Geschlossenheit der Marktplätze von Braunschweig oder Lüneburg einen kubistischen Fremdkörper extremer Architekten! Die alte Stadt Celle ist für immer entstellt, und wie sich Heidelberg mit seinem Universitätsneubau das Gesicht seiner Altstadt zerschnitten hat, weiß jeder, den sein Weg auf den Ludwigsplatz geführt hat. Nicht nur, daß der ungegliederte, blendendweiße Baukörper zu seiner baulichen Umgebung (Jesuitenkirche, Alte Universität, Jesuitenkollegium) in heftigstem Mißverhältnis steht — die Ideen zweier Epochen prallen hier besonders unvermittelt aufeinander — (Bilder 52 und 53), ist auch das eingetroffen, was der Entwurf schon ahnen ließ: der sehr lange First des Mitteltraktes schneidet in die hinter ihm schwingende Berglinie eine wie mit dem Lineal gezogene endlose Linie und zerstört mehr als roh den ganzen Kulissenaufbau des Gebirges; der vorgelagerte Platz erweist sich für den Baublock von so ungeheurer Schwere als viel zu klein; der Neubau ist ein Parvenü, ein Emporkömmling mit dem ganzen bitteren Beigeschmack, den das Wort auf der Zunge verbreitet. Und hier sei es einmal gesagt, was selbst Fachleute oft nicht fühlen: die Verteidiger des weißgeputzten Baublocks deuten immer mit großer Geste auf die Vergangenheit hin, in der man sich auch nicht gescheut habe, Häuser aus verschiedenen Stilepochen nebeneinander zu stellen. Der Schluß, man dürfe also auch ein ,,Haus unserer Zeit“ neben einen Renaissance- oder Barockbau stellen, ist, so verführerisch er auch klingt, falsch. Denn zwischen den Stilen früherer Jahrhunderte ist trotz aller äußerer Verschiedenheiten eine Verwandtschaft nachweisbar: sie haben alle eine und dieselbe Mutter — die Seele. Und deshalb passen sie zu- und nebeneinander.

Da der weißgeputzte Baublock aber keine Seele hat, ist und bleibt er ein Fremdling, wo er auch stehen mag, ganz besonders wenn er sich in Stadtteile drängt, deren Kern einer Zeit angehört, da Seelenbesitz eine Selbstverständlichkeit war. Neben dieser Gefahr für die Altstadt taucht seit der ungewöhnlichen Steigerung des Wirtschaftslebens und der Industrie eine neue Gefahr auf, die Wohnzwecken vorbehaltenen Stadtvierteln droht. Immer mehr machen sich industrielle Anlagen in reinen Wohnbezirken breit. Eines der abschreckendsten Beispiele hierfür dürfte Fahrenkamps „Shellhaus“ in Berlin sein, das sich rücksichtslos, in das vornehme, stille Tiergartenviertel einzwängt und den Verstoß gegen die vom Oberbaudirektor Hamburgs, Fritz Schumacher, so tatkräftig erhobene Forderung der sauberen Trennung einer Stadt in Zonen des Wohnens und Zonen der Arbeit ad oculos demonstriert.

Angesichts solcher teils bewußter teils unbewußter Attentate auf das Bild unserer Städte, ist der Ruf nach einem „lebendigen Baugewissen’‘ in Gestalt einer Aufsichtsstelle nur zu berechtigt. Hätte Amerika eine solche Stelle gehabt, wäre die Lage der amerikanischen Großstädte nicht so verzweifelt, wie sie uns der Berliner Stadtbaurat Wagner in seinem Buche über seine Amerikareise schildert, und in welchem er u. a. sagt:

„Die amerikanischen Städte bekommen heute die Rechnung für vergangene Sünden bereits vorgelegt. Ob Städte wie New York und Chicago Ihre in die Milliarden gehenden Rechnungen bezahlen können, wird die nächste Zukunft lehren. Und wenn sie diese gewaltigen Reparaturrechnungen bezahlen, so werden sie ihrem Volke doch niemals den Stadtkörper bieten können, den die europäischen Städte besitzen. In ihren Bilanzen wird stets die leere Stelle stehen, die nachträglich mit Geld nicht ausgeglichen werden kann, und das ist das heimatliche Wohlgefühl, die über äußere Reichtümer erhabene Kultur und die Kostbarkeiten des Lebens, die weder in der Vielheit noch in der Größe, sondern im ethischen und künstlerischen Wert der Dinge liegen.“

An Amerikas Beispiel gemessen, haben wir allen Grund, mit den unsere Städte zu Kulturzentren machenden Baudenkmälern hauszuhalten und dafür zu sorgen, daß unser Städtebild nicht durch die moderne extreme Architektur entstellt wird. Genug, daß auch die Vorkriegszeit Beispiele für den mangelnden Respekt vor baulich Gewachsenem und Gewordenem da und dort aufzuweisen hat (Bild 54).

Ein kurzes Wort sei noch der ,,Bildersturmerei” des 20. Jahrhunderts gewidmet, ein Wort, das aufs engste mit den Attentaten auf unsere Städtebilder zusammenhängt. Als „verkehrstörende Hindernisse“ sind sie einer Gruppe von „Fortschrittlern“ ein Dorn im Auge. Wir erinnern nur an den weithin Aufsehen erregenden Streit im vergangenen Jahre um die Erhaltung der friderizianischen Spittelkolonnaden in der Leipziger Straße in Berlin. Solche „Spittelkolonnaden“ hat fast jede ältere deutsche Stadt zu hüten. Es geht ja auch weniger um das Baudenkmal als solches, als um die durch es repräsentierte Idee. Und es ist in den meisten Fällen gar keine Frage, daß der kulturelle Verlust größer ist, als der durch die Niederlegung erzielte Gewinn.

Sache der Bauorgane des Dritten Reiches wird es sein, sich für die Erhaltung unserer wertvollen Stadtbilder ganz energisch einzusetzen. Als lebendige Versinnbildlichung unserer Geschichte fällt und steht mit ihnen unsere ganze jahrhundertealte Vergangenheit. Zeigen wir uns als würdige Siegelbewahrer des Geistes unserer Vorfahren, denen Goethes Wort „Was du ererbt von deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen,“ eine Selbstverständlichkeit war!


Text aus dem Buch: Die Architektur im Dritten Reich, Verfasser: Straub, Karl Willy


Quelle

Advertisements

Schreiben Sie gerne einen Kommentar, welcher dieses Thema ergänzt

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: