„Ich entkam dem Todesblock im Ochsenstall“

https://i0.wp.com/img.radio.cz/pictures/historie/postoloprty_masakr.jpgKurt Hantl überlebte das tschechische Massaker an deutschen Zivilisten in Postelberg – Nach 65 Jahren bricht er sein Schweigen.

„Über 65 lange Jahre habe ich gezögert, die schlimmen Ereignisse von Postelberg niederzuschreiben, der Völkermord der sich dort ereignete, hat mich bis heute verfolgt.

Und es gibt bis zum heutigen Tag zwar Anklagen gegen die verantwortlichen tschechischen Täter und ihre Helfershelfern, alle Verfahren wurden jedoch von tschechischen Gerichten niedergeschlagen beziehungsweise die Taten, wie in einem verhandelten Fall, sogar als im Interesse des tschechischen Volkes für richtig befunden“.

Obzwar bis heute deutsche Kriegsverbrecher [Anm.: ZZ: Zu Kriegsverbrechern deklarierte Deutsche?] angeklagt und verurteilt werden, interessiert sich weder die deutsche Regierung noch der internationale Gerichtshof für dieses Massaker, dessen Opfer überwiegend willkürlich ausgewählte Zivilisten meines Heimatbereiches waren.

Leider waren mir nach meiner Entlassung aus dem Saazer Gefängnis, wo ich zuerst als entlassener Wehrmachtssoldat nach meiner Wiederkehr in die böhmische Heimat landete, nur wenige Tage zu Hause gegönnt. Am Vormittag des 3. Juni 1945 donnerten Kolbenschläge an unsere Haustüre in der Theodor-Körner-Straße in Saaz. Zwei tschechische Swoboda-Soldaten brüllten: „Alle Männer von 12 bis 65 sofort zum Marktplatz.“ Noch mit dem Zusatz, wer nicht geht wird sofort erschossen. Mein Stiefvater und ich machten uns auf den Weg in die Stadt. Schon unterwegs sahen wir, wie die tschechischen Soldaten der Swoboda-Armee (Svobodovci genannt, der tschechische General Svoboda hatte in der roten Armee eine tschechische Division aufgestellt, die an der Ostfront gegen uns kämpfte) mit Knüppeln und Peitschen die Männer zum Laufschritt antrieben.

„Brutale Peitschenschläge und Erschießungen beim Marsch“

Am Ringplatz angekommen sahen wir, dass schon eine große Anzahl der männlichen Bevölkerung (etwa 4.000 bis 5.000 Deutsche) der Stadt dort zusammengetrieben worden waren. An allen Straßen, die vom Ringplatz wegführten, waren durch Soldaten Sperren errichtet, so dass niemand mehr entkommen konnte. Hier trafen wir auch meinen Stiefbruder Helmut und so warteten wir auf die Dinge, die nun kommen sollten. Wir hörten Schüsse, an einer Mauer eines Hauses auf der Nordseite des Ringplatzes wurden bereits Männer erschossen. Im Laufe des Tages wurden Kolonnen zusammengestellt, und wir marschierten in Sechserreihen in Richtung Postelberg.

Der Weg nach Postelberg führte vom Saazer Ringplatz an der Stadtkirche vorbei durch das Priestertor hindurch, den Pflasterberg hinunter, über die Egerbrücke auf die Landstraße nach Postelberg. Die Kolonne wurde beidseitig von mit Maschinenpistolen oder Gewehren bewaffneten Swoboda-Soldaten eskortiert. Schon während des Marsches wurden Männer aus der Kolonne von den Begleitwachen ausgeplündert, so auch ich. Dabei kam es zu brutalen Schlägen mit Peitschen und Kabelstücken sowie Holzknüppeln. Auch waren Schüsse am Ende der Kolonne zu hören, wir aber konnten an der Spitze der Kolonne nicht sehen, was sie bedeuteten. Später erfuhren wir, dass Menschen, die wegen ihrer Gebrechen nicht mitlaufen konnten, am Straßenrand  erschossen wurden. Als ich die Situation, in der wir uns befanden, überdachte, sagte ich zu meinem Stiefvater und Stiefbruder, jetzt schaffen sie uns bestimmt nach Russland. Aber es sollte ganz anders kommen. Erinnern kann ich mich noch an den Durchmarsch durch den Ort Horka, in dem weinende Frauen an der Straße standen.

Als wir Postelberg erreichten, sahen wir, dass die Stadt menschenleer war. Dortselbst wurden wir in die alte österreichische Kavalleriekaserne getrieben, deren Baulichkeiten als Ställe dienten und mussten uns sofort auf dem ehemaligen Kasernenhof flach auf den Boden legen. Am Eingang hatten die Tschechen ein Maschinengewehr postiert und rund um die Menschenmasse standen Posten mit Maschinenpistolen und Knüppeln. Eng aneinander auf dem Boden liegend verbrachten wir die folgende Nacht. Als sich am nächsten Morgen die liegenden Menschen regten und aufrichteten, kam es zur willkürlichen Tötung mehrer Personen. Ein Posten uns gegenüber rief auf Tschechisch: „aufstehen“, der andere gegenüber rief „nieder“. Die nun hin und her wogende Menschenmasse wusste nun nicht, was zu tun sei. So schossen die Posten mit Maschinenpistolen wahllos in die Menge. Wer sich aufrichtete wurde erschossen. Das Resultat waren Tote und Verwundete, aber alle lagen nun wieder auf der Erde.

Ich kann nicht sagen, wie viele damals getötet oder verwundet wurden. Ich schätze, es waren mindestens sechs oder sieben Männer. Auf Befehl der Posten wurden die Opfer, auch die Verwundeten, mit dem Befehl „Vier Kamerad“ von einigen unserer Männer zu einem Luftschutzsplittergraben im Kasernenhof geschleppt, die Verwundeten erschossen und alle im Splitterschutzgraben notdürftig beerdigt. Das geschah in der Nähe des Brunnens im Kasernenhof. Ich kann mich gut daran erinnern, weil aus dem Brunnen später Wasser geschöpft wurde, das zum Teil auch über die Leichen floss und in den Brunnen zurücklief. Das Wasser aus diesem Brunnen wurde später von uns sehnlichst erwartet, als wir bei heißem Wetter den dritten Tag kein Wasser bekommen hatten. Nun erfolgte durch den Kommandanten Marek und seine Helfer eine Selektion der gefangenen Männer. Man musste an einen Tisch vortreten und wurde nach Zugehörigkeit zur Partei, SA, SS, Wehrmacht und so weiter nach allen NS-Organisationen gefragt.

„Wir standen dicht gedrängt im Stall, Mann an Mann“   

Danach wurden Gruppen gebildet und die nach Organisationen selektierten Männer in einzelne Ställe der ehemaligen Kavalleriekaserne eingesperrt. Bei meiner Vernehmung wurde ich nach Wehrmachtszugehörigkeit und Kampfgebiet befragt. Ich sagte Ostfront und das genügte, um in einen besonderen Stall mit einem Käfig davor eingesperrt zu werden, in dem vor allen Dingen Angehörige und sogenannte Kapitalisten waren. Mit zwei weiteren Männern bildeten wir eine Gruppe von jüngeren Insassen, alle anderen Männer waren wesentlich älter. Durch meine lange Abwesenheit von Saaz (Praktikum in Mittweida, Studium in Berlin) kannte ich nur wenige der Anwesenden persönlich.

Plötzlich wurden wir auf Befehl in den daneben liegenden Ochsenstall buchstäblich hineingepresst, wir standen dicht gedrängt, Mann an Mann. Das Tor wurde verschlossen und eine schlimme Nacht und ein böser Tag folgten. Die Fenster des Stalles waren alle mit Holzsichtblenden zugeschlagen. und so stellte sich langsam Sauerstoffmangel ein. Die ersten älteren oder kranken Männer sackten zusammen und blieben zwischen den Stehenden eingeklemmt. Ein Opersänger mit Namen Raul Ruzizka, der etwas von Atemtechnik verstand, machte mit uns Atemübungen, sonst wären wir fast erstickt.

Am nächsten Morgen durften wir die Toten aus dem Stall entfernen. Dadurch entstand etwas mehr Platz. Für die Notdurft stand im Stall ein großes Fass, das aber schon voll war, als wir hinkamen. Also machte jeder unter sich. Von den Vorgängen im Kasernenhof bekamen wir nur wenig mit. Gebrüll, Jammerlaute und Schüsse hörten wir zwar, erfuhren aber erst später, was sich im Hof ereignet hatte. Es waren Erschießungen von fünf Jugendlichen, alle im Alter von 14 bis 15 Jahren, die wegen angeblichen Fluchtversuches von den Wachen mit Knüppeln geschlagen wurden. Dann wurden die Väter geholt, und sie mussten zusehen, wie ihre Kinder an der Garagenwand der Kaserne erschossen wurden. Auch sagten uns Augenzeugen aus der Gruppe der Wehrmacht, dass ein Hauptmann namens Langer, der von Kommandant Marek die Behandlung der Wehrmachtsangehörigen als Kriegsgefangene verlangt hatte, erschossen wurde.

So wie mir berichtet wurde, ging Hauptmann Langer aus der Wehrmachtskolonne auf Marek zu und sagte ihm seine Bitte. Daraufhin schickte Marek ihn zurück in die Kolonne, und als er ihm den Rücken kehrte, schoss ihm Marek in die Knie, so dass er nach vorne auf die Hände fiel. Darauf ging Marek an ihm vorbei und gab ihm einen Genickschuss. Er rief: „So geht es allen, die sich beschweren wollen.“ Im Laufe des vierten Tages wurde das Rufen nach Wasser immer lauter. Die Posten brachten zu unserem Stall einen Eimer mit Wasser. Wir noch aktiven Jungen waren der Ansicht, dieses Wasser sollte in erster Linie den Zusammengebrochenen gegeben werden, um sie zu retten. Als der Eimer in den Stall gereicht wurde, entstand aber zur Freude der Posten ein wüster Kampf um das Wasser, erwachsene Männer benahmen sich aus Durst wie Verrückte.

Als wir Jungen endlich den Eimer in der Hand hatten, war nur noch wenig Wasser für die Halbtoten im Eimer. Das meiste Wasser war im Kampf darum verschüttet worden. Die Posten, die lachend dem Drama zugesehen hatten, meldeten dies und dann kam der Kommandant Marek und gab einen Befehl. Soldaten bildet eine Gasse zum nächsten Stall. Dann wurden wir mit Peitschen und Knüppeln in den neuen Stall getrieben. Vor mir verlor ein Mann einen Schuh und durch das Aufheben bekamen einige, darunter auch ich, mehr Prügel mit Kabeln und Knüppeln als andere Opfer. Der neue Stall war größer, aber der Boden war voll Mist, denn es waren vorher Ochsen im Stall gewesen. Auf diesen Mist ließ Marek ungefähr zehn Zentimeter hoch Wasser laufen und sagte hämisch grinsend: „Da habt ihr was zu saufen.“ So standen wir nun im Jauchenwasser und konnten natürlich nichts trinken. Wir setzten uns dann auf den Jaucheboden, denn bereits beim Aufstehen wurde mir durch den Wasserverlust schon sehr schwindlig. Nachdem wir wussten, dass das Wasser auf dem Stallboden irgendwo hergekommen sein musste, klopften wir die Stallwände ab und suchten nach Leitungen in der Wand. Jedoch ohne Erfolg.

Tagsüber wurden immer wieder Männer namentlich aus dem Stall geholt und kamen meistens nicht wieder. Auf einen Mann, beruflich ein Brunnenbauer, hatten es die Posten besonders abgesehen. Er wurde immer wieder geholt und musste den vor dem Stall befindlichen Misthaufen immer wieder auf eine andere Stelle versetzen. Wenn er aus Erschöpfung nicht weiterkonnte, wurde er geprügelt. Im Laufe des Tages gab es dann tatsächlich Wasser aus dem Brunnen und je 16 Mann bekamen ein Kilo Brot. Da wir keine Messer hatten, war das Teilen ein echtes Problem.

„Beinahe alle Mitgefangenen endeten im Massengrab“

Bemerken konnte ich, wie diszipliniert die SS-Männer waren, die im Stall daneben eingesperrt waren. Sie standen bei der Wasserausgabe in einer Reihe und warteten diszipliniert, bis sie dran waren. Nicht so bei uns im Ochsenstall, hier kämpften Menschen mit dem Rest ihrer Kräfte wie Verrückte um einen Schluck Wasser. Wie lange wir eingesperrt waren, kann ich heute nicht mehr sagen, jedes Zeitgefühl hatte ich verloren. Plötzlich hieß es: SA, Politische Leiter, NS-Funktionäre und Kapitalisten heraustreten.

Als dies erfolgt war, waren wir nur noch zu dritt im Stall, denn wir waren schließlich Wehrmachtsangehörige. Durch Ritzen in der Stalltüre sah ich, dass viele Männer im Hof angetreten waren. Sie standen in Viererreihen, wobei jeweils ein Außenmann den linken oder rechten Arm auf die Schulter des Vordermannes legen musste. Sie marschierten ab und niemand hat sie jemals wieder gesehen. Heute weiß man, dass allein diese 763 Personen ein Massaker erwartete, da einer dieser Männer bei der Erschießung durch Maschinengewehre sich im ausgehobenen Massengrab tot stellte und in der Nacht fliehen konnte. In den folgenden Nächten konnte dieser Überlebende trotz eines Lungensteckschusses tatsächlich die sowjetische Besatzungszone in Sachsen erreichen.

Nach einiger Zeit kamen zu uns Verbliebenen drei Mann im Stall zwei junge tschechische Posten der Wachmannschaft. Einer rief „Hantl mit Gepäck sofort mitkommen“, und so nahm ich meinen Hut und folgte den beiden. Sie führten mich dann in den nächsten Nebenraum, in dem vorher die SS-Männer gewesen waren und forderten mich auf, sofort mein Hemd auszuziehen. Dann musste ich die Arme heben und sie untersuchten mich auf eine Tätowierung der Blutgruppe unter den Armen. So waren alle Angehörigen der SS aus medizinischen Gründen gekennzeichnet. Das Gleiche suchten sie auch hinter den Ohren. Als sie keine Tätowierungen fanden, fragten sie mich: “Warst du wirklich nicht bei der SS?“ Als Beweis erzählte ich ihnen, dass ich erst vor einigen Tagen aus dem Saazer Gefängnis von den Tschechen entlassen worden war, weil meine Mutter belegen konnte, dass ich nur bei der Wehrmacht war. Schließlich sagten sie: „Setz dich zur Wehrmachtskolonne.“

Wie ich später erfuhr, hatte mich mein Stiefbruder zuvor erkannt. Er sagte dies einem Postelberger, der sich mit ihm in der Wehrmachtskolonne befand. Dieser Postelberger wiederum kannte einen der tschechischen Wachposten persönlich und sagte ihm, dass ich als Wehrmachtsangehöriger doch nicht in den Todesblock gehöre. Durch dieses Ereignis, für mich fast ein Wunder, entkam ich dem Todesblock im Ochsenstall. Am nächsten Tag wurden wir wieder in einer Kolonne von Postelberg zurück nach Saaz geführt und in das sogenannte „Schießhauslager“ (Zwangs-) Arbeitslager) gebracht. Sofort ging ich dort zum deutschen Lagerleiter (ehemaliger Offizier der tschechoslowakischen Armee) und meldete ihm den Verbleib meiner zwei Mitgefangenen, die ebenfalls Wehrmachtsangehörige waren, in der Postelberger Kaserne. Etwas später trafen sie dann tatsächlich im Lager Schießhaus in Saaz ein.

Kurt Hantl wurde 1924 in Saaz geboren und diente seit 1942 als Funker in der Wehrmacht. Er wurde 1946 aus seiner sudetendeutschen Heimat vertrieben und lebt heute bei Augsburg.

Dieser Erlebnisbericht wurde in der „JUNGE FREIHEIT“, Nr. 31-32/10, unter „Geschichte und Wissen“ am 30. Juli 2010  veröffentlicht.


Quelle

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