Deutsche Schwestern in Sibirien – Engel unserer Kriegsgefangenen

Im und nach dem 1. Weltkrieg gingen deutsche Schwestern nach Sibirien um die deutschen Kriegsgefangenen zu pflegen und ihre Freilassung zu fördern…

Gefangen in Sibirien

Deutsche Soldaten in Gefangenschaft. Eingepfercht in Güterwaggons werden sie bis nach Sibirien über das sowjetische Reich verteilt. In der Heimat erfährt niemand, wohin die Kriegsgefangenen gebracht werden… Tatsachenberichte – Als Kriegsgefangener nach dem 2. Weltkrieg in Sibirien

Wer von uns kennt den Tatsachenbericht “Deutsche Kraft in Fesseln”, der in knappen, sachlichen Strichen festgehalten hat, was deutsche Schwestern fern der Heimat in sibirischen Gefangenenlagern in aufopfernder und selbstloser Weise geleistet haben?

Anne-Marie-Wenzel

Deutsche Kraft in Fesseln: Fünf Jahre deutscher Schwesterndienst in Sibirien – Anne-Marie Wenzel – Erinnerungen… hier weiter

Was Sibirien, was Omsk, was Totzkoje heißt, wissen wir aus den Büchern Dwingers, wie z.B. „Die Armee hinter Stacheldraht„, aus den Aufzeichnungen der russischen Studentin Rachmanova und aus den vielen anderen Erlebnisberichten jener Zeit. Wir wissen, daß an diesen Stätten des Grauens Elsa Brandström mit schier übermenschlicher Kraft und Güte gearbeitet hat. Der Beiname “Engel Sibiriens”, den deutsche Gefangene der Schwedin gaben, sagt zur Genüge, was die Tätigkeit dieser Frau ihnen in ihrer Not und Verlassenheit bedeutet hat. Aber daß auch deutsche Schwestern fünf lange Jahre in der sibirischen Hölle ausharrten und schafften, ist nur wenigen bekannt… 

Deutsche Schwestern in Sibirien – Engel unserer Kriegsgefangenen

Durch Zufall fiel uns der schmale Band “Deutsche Kraft in Fesseln” in die Hand. Eine Anfrage beim Verlag, und einige Tage später saßen wir in Kassel der jetzigen Oberin, der deutschen Schwester Anne-Marie Wenzel, gegenüber. Mit großer Anteilnahme steht und lebt die heute Fünfundsechzigjährige im Geschehen der Gegenwart. Sie ist nicht hart, nicht verschlossen und einseitig, wie so manche von denen, die das Grauen des großne Krieges durchlebten, sondern Wärme und Güte steht in ihren Augen, und echte Fraulichkeit spricht aus ihren Worten, selbst wenn sie von den Schrecken, Nöten und Gefahren jener sibirischen Jahre berichtet. Sie hat sich nicht unterkriegen lassen von dem Nierdrückenden, dem Zersetzenden jener Zeit, sondern hat auch damals aufzubauen, zu helfen und zu schaffen gewußt und ist so ihrer schweren Aufgabe gerecht geworden.

Nicht abseits vom politischen Geschehen ist Anne-Marie Wenzel aufgewachsen. Kaum zwanzigjährig ging sie als Schwester ins Ausland, lernte in England, Frankreich und Amerika früh jene Arbeit und Hetze gegen Deutschland kennen, die dann später trotz aller Opfer und troz allen Kampfes zur Novemberrevolte führten.

Als der Krieg ausbrach, ging, gleich so unendlich vielen, auch Anne-Marie Wenzel mit hinaus. Sie war in einem Kriegslazarett in Flandern tätig. Dort erreichte sie die Aufforderung, als Delegierte des deutschen Kriegsministeriums unter dänischem Schutz nach Rußland zu gehen. Anfang Juni 1916 erhielt sie mit sechs deutschen und fünf österreichisch-ungarischen Schwestern die Einreiseerlaubnis über Schweden; und gemäß Vereinbarung der beteiligten Kriegsministerien suchten nun Russinnen die Gefangenenlager in Deutschland auf. Sie beklagten sich später lediglich, daß die Bettwäsche der russischen gefangenen Mannschaften nicht sauber genug wäre.

Russland-Anne-Marie-Wenzel

Wie ganz anders hingegen in Rußland! Erdbaracken mit Holzpritschen ohne Strohsack, ohne Stuhl, ohne Tisch, ohne Waschgelegenheit – angefüllt mit unausrottbarem Ungeziefer; Ratten, Wanzen, Flöhen und Läusen. Stätten von Seuchen, Krankheiten, Not und Elend waren hier die Lager. So wurden allein in Totzkoje in vier Monaten von 25,000 Gefangenen 17,000 dahingerafft.

Davon berichtete uns Schwester Anne-Marie, als wir sie jetzt in Kassel aufsuchten, und von all den Fahrten durch Sibirien und Turkestan, auf denen Tausende von Gefangenen aufgesucht und ihnen Geld und Lebensmittel, und vor allem neuer Mut und neuer Glaube an die Heimat gegeben wurden.

Nach zwei Monaten kehrte die deutsche Kommission nach Deutschland zurück. Schwedische Delegierte nahmen in allen Bezirken, die die reichsdeutschen Schwestern verlassen mußten ihr Werk auf. Ihre Namen sind unvergessen in der Geschichte der Kriegsgefangenen in Rußland. Das ganze schwedische Volk nahm teil an dem Schicksal unserer Gefangenen und brachte große materielle Opfer für sie.

Nachdem Schwester Anne-Marie ein Jahr lang im Feldlazarett der IV. Armee an der Dpern-Front gearbeitet hatte, wurde sie erneut nach Rußland gerufen. Das Weltgeschehen des großen Krieges hatte in Rußland alle Traditionen zerschlagen. Im März 1917 war die Revolution ausgebrochen. Zar Nikolaus II, hatte am 15. März 1917 abgedankt [gv*Ist abgedanket und ermordet worden von den Juden die sein Land überrumpelt haben]. Menschewikenpartei [gv*Teile und Herrsche indem sich die Geteilten gegenseitig umbringen, schon ewiger Plan der Judenmacht] unter Kerenski und Bolschewikenpartei unter Trozki käempften um die Vorherrschaft in der Regierung.

Am 7. November 1917 wurde die Kerenski-Regierung gestürzt, die jüdisch-bolschewistische Sowjetregierung unter Trotzki und Lenin erhielt die Staatsgewalt. Nun wurde die Aufgabe des Heimtransportes brennend. Vom deutschen Kriegsministerium wurden achtzehn Kommissionen ausgerüset, die diesen Heimtransport leiten sollten.

Ging die erste Reise der deutschen Kommission im Zarenreich fast durchweg reibungslos vonstatten, so wurde sie nun unmittelbar hineingeführt in die Kämpfe zwischen Weiß und Rot, wurde verfolgt und terrorisiert vom Argwohn der Bolschewiken. Ungeheures hatten die Gefangenen in dieser Zeit zu erdulden. 200 Gramm Haferbrot mit eingebackenen Spelzen und einmal dünne, mit Oel gefettete Kohl- oder Fischsuppe war in den meisten Lagern die Tagesration. Unermüdlich waren die deutschen Kommissionen tätig, um den Gefangenen einen Weg in die Heimat zu schaffen.

Von Arbeitsstelle zu Arbeitsstelle fuhr Schwester Anne-Marie, um die Gefangenen mit Geld zu versehen und zur schnellen Abreise zu veranlassen. “Tagelang”, so erzählte sie, “fuhr ich in der Troika auf unbeschreiblichen Wegen zu den Holzhauern und Kohlenbrennern im Urwald. Auf Lokomotiven und den Trittbrettern der Postwagen durfte ich sitzen, um weiterzukommen. Regelrechte Züge verkehrten nicht. An zerstörten Brücken, besetzten Ortschaften vorbei ging einige Zeit später die Fahrt. Am Wege lagen unbeerdigte Soldaten. Eines Morgens befanden wir uns in der Weißen Armee Koltschaks.”

Sie waren damit auf der anderen Frontseite und wurden der Spionage verdächtigt. In einem vergitterten Arrestantenwagen wurden sie in tagelanger Fahrt nach Omsk, der Gouvernements Westsibiriens gebracht. In kleinen schmutzigen Güterwagen von Doppelposten bewacht, befanden sich bereits hier mehrere deutsche Kommissionen. Wochenlang lebten sie nun in der Gefangenschaft. Ein hoher tschechischer Offizier teilte ihnen in höhnenen Worten den Ausbruch der Revolution in Deutschland mit.

Durch den unermüdlichen Einsatz von Elsa Brandström wurden sie im April 1919 endlich freigelassen und unter Bewachung auf einem Truppentransportschiff nach Thigaco gebracht, von wo sie im August 1919 in die Heimat, in den “Staat von Versailles,” zurückkehren konnten.

Der Juni 1920 sah Schwester Anne-Marie erneut auf der Fahrt nach Wladiwostok; denn immer noch waren Tausende von deutschen Kriegsgefangenen in Sibirien. Erneut wurde nun unter ungeheuren Schwierigkeiten der Rücktransport durchgeführt. Schlecht und unterernährt sahen die Gefangenen aus; denn die Bolschewiken hatten sie als freie Ausländer erklärt, die sich selber erhalten mußten. So entstand die Industrie der Kriegsgefangenen, die alles herstellte, was im russischen Wirtschaftsleben fehlte. Mit primitivsten Mitteln schufen sie, was das tägliche Leben braucht: Makkaroni, Seife, Spitzen, Knöpfe, Messer, Wagen und Schlitten.

Schwerste Anforderungen stellte diese Zeit an die deutsche Kommision. Sie lebte zwischen den Fronten. Schießereien und Bedrohungen durch Kosakenpatrouillen waren an der Tagesordnung. Die Lebens- und Geldmittel waren knapp, und dennoch mußten tagsüber durchweg dreitausend Kriegsgefangene verpflegt werden, das alles bei einer Kälte von -30 bis -40 Grad, so daß das Innere von Güterwagen von Eis glitzerte. Vielen Tausenden wurde aber so die Rückkehr in die Heimat ermöglicht, bis dann endlich im Frühjahr 1921 die deutsche Kommission und mit ihr Schwerster Anne-Marie mit einem Gefangenentransport-Dampfer über Indien, Triest nach Deutschland zurückkehren konnte.  –

So können wir Mädel lernen von den deutschen Frauen, die in Sibirien Dienst taten, denn sie zeigen uns durch ihr Leben und ihre Arbeit, daß stärker als alles Grauen und alle Not ein unbeugsamer Glaube und ein selbstloser Wille ist.

Hilde Munske.

Aus:

Deutsche Kraft in Fesseln

Ein Feldpostbrief meiner Oberin Hanna Krüger bringt mir Ende 1915 die Anfrage in ein Kriegslazarett in Flandern, ob ich bereit wäre, als Delegierte des deutschen Kriegsministeriums unter dänischem Schutz zu unseren Gefangenen nach Rußland zu gehen.

Das ist eine schwere Frage! Ich kenne keine schönere Schwesternpflicht, als unsere verwundeten Soldaten im Feld- und Kriegslazarett pflegen zu dürfen. Fühle ich mich doch hier draußen als Mutter und Schwester derer, die das Höchste für die Heimat einsetzen. Teilnehmen darf ich gleichsam am Kampfe um die deutsche Heimat. Das ist Krönung meiner Schwesternarbeit!

Und nun soll ich nach Rußland! Ich kenne meine Aufgaben dort noch nicht. Werde ich helfen können? Wird die Liebe zu meinem Volke mir den rechten Weg zeigen, denen Mutter und Schweser zu sein, die den Kampf aufgeben mußten und sich nun in jahrelangem, zermürbendem seelischen und körperlichen Leid nach dem Tage der Befreiung sehnten?

Man schreibt mir, es ginge unseren Gefangenen in Rußland schlecht. Nur wenig wisse man über ihr Schicksal. Die Verbindung mit der Heimat fehle fast ganz. Drei deutsche Schwestern, Erica von Passow, Gräfin Uerküll und Magdalene von Walsleben, jetzt von der ersten Delegationsreise zurückgekehrt, hätten die schlimmsten Nachrichten mitgebracht. Es wäre nötig, eine neue Delegation auszusenden, die die Gefangenen besuche und ihnen Geld und Grüße der Heimat überbrächte, sowie Verhandlungen und Verbesserungen mit den russischen Behörden anknüpfe. –

Meine Ungeduld, zu den Gefangenen zu kommen, ist schier unerträglich. In Nishnij-Nowgorod begegne ich den ersten. Sie erkennen Landsleute. Wir reden miteinander. Ich gebe ihnen Geld trotz der sie begleitenden Posten, und werde von meinem russischen Begleiter zum ersten Male dafür gerügt, daß ich ohne Erlaubnis mit Gefangenen spreche.

Ich begreife nicht, wie man mich zwingen könne, unerkannt an ihnen vorübergehen zu sollen, und weiß ich werde immer zu ihnen sprechen und sagen: “Lieber, die Heimat denkt an dich!”

In den mir vorgeschriebenen zwei Monaten besuche ich die Gefangenen in Städten, die fernab von der Eisenbahn oder der Wasserverkehrsstraße liegen. Wenn ich nach einer Troikafahrt von zweihundert Kilometern in einem Gefangenenlager ankomme, begegnet mir die freudig erstaunte Frage: “Schwester, wie kommen Sie in diese russische Einöde?” “Ich bin gefahren, während Sie wochenlang laufen mußten”, antworte ich fröhlich.

Es lohnt sich zu ihnen zu kommen, so überwältigend dankbar sind sie für jedes teilnehmende Wort. Ich sehe Lager, in denen der Tod grausame Beute gefordert hat. Tausende sind dem Fleckentyphus erlegen. Frage ich nach einem, den ich hier suche, dem ich Botschaft von daheim bringen möchte, so erhalte ich die Antwort: “Umgekommen, Schwester.” Aus den Arbeitsstellen sind sie mit Flecktyphus in das Lager gekommen.

Der russische Arzt hat keine Trennung von Kranken und Gesunden vorgesehen. Die kriegsgefangenen Ärzte erhielten zu spät Erlaubnis, einzugreifen. Medikamente fehlen. Die Epidemie ergriff Hunderte, Tausende. Die kriegsgefangenen Aerzte starben, und ein kleiner Rest Überlebender blieb zermürbt zurück. So ist es in Jaranst, Gouvernement Wjatka. So ist’s nicht nur in Jaranjk.

Ein anderes Mal fahre ich auf der Kama. Spähend stehe ich auf dem Oberdeck des kleinen Dampfers, der mich zu den großen Lagern am Ufer des Flusses führen soll. Nur der russische Steuermann und zwei Matrosen sind in meiner Nähe. Ruhelos wandern meine Augen über die sich endlos dehnenden Birkenwälder, deren herbstliches Gold meine Begleiter immer erneut die Schönheit der weltfremden Einsamkeit preisen läßt. Ich habe jetzt keine Sinn dafür. Meine ganze Seele ist erfüllt von dem Leid der gefangenen Landsleute, die hier in den Wäldern und Bergwerken fronen. Ich darf sie nicht sehen. Die Arbeitsstellen bleiben mir verschlossen und doch: wo finde ich eine Spur der Stätten, da sie ihr Heimweh in Arbeit begraben? Ragt nirgends der Schlot eines Eisenwerkes aus dem goldenen Laubgewirr, steigt nirgends Rauch empor? In einigen Minuten soll der Dampfer anlegen, um Eisen aufzunehmen.

Da – plötzlich entdecken meine bangen Blicke drei Gestalten mit lieben deutschen Feldmützen auf dem Kopfe. Sie heben sich scharf ab von dem Kohlenhaufen, an dem sie arbeiten. Erregt schwenke ich mein Taschentuch. Da schaut einer herüber. Ich zeige ihnen das rote Kreuz auf meiner Armbinde, unbeweglich starrt er. Ich rufe: “Deutsche Schwester” Er ruft zurück “Was”. Dann läuft er dem Dampfer nach. Die beiden anderen arbeiten stumpf weiter. Ich zittere vor Freude, abseits der mir zugewiesenen Straße Landsleute gefunden zu haben. Was macht es, daß vom unteren Deck her das haßerfüllte Gesicht des mich beobachtenen russischen Polizisten herauflugt?

Keine fünf Minuten vergehen, da erscheint mit unheilverkündendem Blick der aus dem Schlummer geschreckte Herr Messojedoff. “Die schreckliche deutsche Schwester hat schon wieder unsere Befehle mißachtet!” Ich wappne mich mit sehr viel Liebenswürdigkeit, glücklich erzähle ich dem Russen, ich hätte drei deutsche Gefangene entdeck und bitte ihn: „Wollen Sie ihnen nicht von dem wollenen Unterzeug, das ich in der Kabine habe, hinübersenden. Sie haben es gewiß nötig. Der Winter ist nahe. Ich selber will sie nicht sprechen um ihnen keine Schwierigkeiten zu machen.” Das weiche russische Herz ist gerührt von so viel Unterwürfigkeit. Er erlaubt mir, die Wolldecken persönlich zu verteilen, nur Geld dürfte ich nicht austeilen, weil sich sonst das herumlungernde russische Volk an den Gefangenen vergreifen würde. Ich nicke nur und eile in meine Kabine, stopfe viele Rubelscheine in Socken, Unterhosen und Hemden, und kehre froh zu Herrn Messojedoff zurück.

Inzwischen hat der Dampfer angelegt. Der Gefangene wartet, auch seine beiden Kameraden sind herbeigekommen. Aufrechte Männer sind sie geblieben, trotz der harten Arbeit im Eisenwerk. Zuversichtlich sprechen sie, trotzdem nie eine Nachricht aus der Heimat zu ihnen gelangt ist. “Die Kameraden in der Heimat machen es schon, wie gern möchten wir noch mit dabei sein!” Unerschütterlich lebt dieser Glaube in ihnen. Die Grüße und Liebesgaben von daheim hellen ihre ernsten Gesicher auf.

Neugieriges Volk sammelt sich. Herr Messojedoff ist in Sorge. Ich kehre auf das Schiff zurück nachdem ich versprochen, den Familien der Gefangenen Nachricht zu geben.

Wieder stehe ich spähend auf dem Deck, während das Eisen verladen wird. Es ist die Zeit des Sonnenunterganges. Da kommen zwei Gruppen deutscher Gefangener vorüber. Ich rufe ihnen den Gruß der Heimt zu. “Es ist verboten, stehenzubleiben, Schwester. Die Polizei straft uns dafür”, rufen sie zurück. So viel Disziplin haben meine russischen Begleiter nicht erwartet, sie erlauben, daß ich zu ihnen gehen darf, es sind Bayern. Ich wiederhole den Gruß, präge mir Namen und Heimataddressen ein und verspreche, ihnen den schwedischen Delegierten mit den Wintersachen aus der Heimat zu senden. Ernst und aufrecht gehen sie ihrer Unterkunftshütte entgegen, an welcher unser Dampfer bald vorüberfährt. Lange sehe ich sie dort stehen, dem entschwindenen Fahrzeug nachschauend. Es trägt ein winziges Stück Heimat…

Einmal gelingt es mir, auf einem Dampfer die im Frachtraum reisenden Gefangenen, welche an eine Arbeitsstelle geschickt werden, mit Bewilligung Herrn Messojedoffs mit Geld zu versehen. Tabak, Pfeifen, Schokolade, Briefpapier, Postkarten, Bleistifte, Mundharmonikas zu verteilen und stundenlang bei ihnen zu sitzen. Die Liebesgaben stammen aus Frankfurt am Main. Ein Frankfurter ist unter den Gefangenen. Gibt das eine Freude! Reichsdeutsche, Österreicher und Ungarn sind sie. Unter letzteren haben die Zigeuner natürlich eine selbstgebaute Geige und singen in die Nacht. Wir singen Heimatlieder und vergessen fast die Fremde. Auf einer der Haltestellen scheiden die Männer ins Dunkel der Nacht. –

Der Winter findet mich in den Barackenlager zu Omsk. Weihnachten geht vorüber, die spanische Grippe kommt zu uns in die Baracke. Schnee deckt unsere Baracke zu bis auf das Dach. Die Soldaten schaufeln am Morgen die Fenster frei. Seit ich im Lager bin, versuche ich mit den übrigen Gefangenen in Verbindung zu kommen. Ich sammele Brotreste in unserer Baracke und bitte meinen Konvoi, mit mir an den Stacheldraht der Katalatschka – Arrestlokal – zu gehen, den Hungernden das Brot zu geben.

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Ist er unwillig so erinnere ich ihn an seinen eigenen Hunger und erreiche meinen Zweck. Manchmal, jedoch nur selten, ist auch etwas Butter, Fleisch und Geld im Sack.

Auf meinen Spaziergängen begleiten mich zwei Hunde. Eines Tages it der große gelbe verschwunden. Die Kriegsgefangenen haben ihn gefangen und gegessen. – Ende Januar bricht in der Baracke neben uns Fleckenthypus und Rückfallfieber aus. Es wird ein großes Sterben. In vier Tagen 160 Neuerkrankungen. Die armen Kranken haben nichts anzuziehen, keine Decken, sich zu bedecken, keine Medikamente.

“Laß die Bande verrecken, dann haben wir keine Last mehr mit ihnen,” sagen die Wärter und kümmern sich nicht darum. Wir haben zwei Ärzte in der Baracke, Dr. Arndt und Feldunterarzt W. Bultmann. Beide erhalten die Erlaubnis, für die Erkrankten zu arbeiten. Sie richten eine Lazarettbaracke ein, instruieren Pfleger, dann erkranken sie selber.

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Es ist mir unerträglich, meinen alten Gefährten Bultmann nicht pflegen zu dürfen, der im Fieber nach mir verlangt. Ich erzwinge die Erlaubnis dazu von dem Vorstand des Feldgerichtes, indem ich ihn daran erinnere, daß er vielleicht auch bald ungehört nach seiner Mutter rufen werde, und erhalte mißmutig den “Propus!” – Passierschein – der mir erlaubt, ohne Konvoi im Lager herumzugehen, Brot in alle Baracken zu bringen und tagsüber bei Herrn Bultmann im Lazarett zu sein.

Dr. Arndt gesundet bald, obwohl er Rückfallfieber und Fleckentyphus hat. Herr Bultmann ist wochenlang schwer krank und dem Tode nahe. Nachts wachen Ärzte und später unsere Offiziere bei ihm. Ich bin sehr froh, ihn tagsüber pflegen zu dürfen. Einige Läuse bringe ich mir immer mit, keine aber, die mir den Flecktyphus bringt. Das ist eine große Gnade!

So vergehen Wochen. Der Sturm fegt durch die vielen Ritzen der Baracken, Schnee treibt herein, einmal haben wir minus 5 Grad Celsius im Raum, draußen sind minus 30 bis 40 Grad Celsius. Es ist schwer, sich bei minus 5 Grad anzukleiden und zu kämmen. Wir wärmen uns während des Ankleidens die Hände unter dem Rücken derjenigen Schwester, die aus Platzmangel beim Ankleiden bis zuletzt liegenbleiben muß. Körperflege wird nie vernachlässigt. Zum Glücke haben wir immer Wasser oder Schnee.

Draußen wird es jetzt, anfangs Februar, etwas milder, 25 Grad Kälte (-25 Grad) spürt man schon als gelinde. Der entsetzliche Wind schafft uns zwar noch einige harte Tage, daß man selbst in der Baracke eine Kopfbedeckung tragen muß, aber an stillen Tagen glaubt man schon an den Frühling. Dafür melden sich andere Nöte. Das Petroleum geht zu Ende. Unsere Ärzte konstruieren die unglaublichsten Beleuchtungsapparate. Bei einer Lichtquelle von einviertel Kerzenstärke wird trotzdem an den langen Abenden fleißig gearbeitet, die deutsche Zähigkeit ist eine unüberwindliche Kraft.

Der Friedensschluß findet mich in Tschita in Sibirien. Es geht jetzt nicht immer ruhig zu bei den Kriegsgefangenen, so unermüdlich die Vertreter der Roten-Kreuz-Kommission um sie bemüht sind. Sie wollen auf jeden Fall fort aus Tschita, selbst wenn sie streckenweise laufen sollten. Jeder hat eine Meinung, viele Pläne entstehen, selbst auf der Amurbahn wollen sie nach Wladiwostok fahren.

Da erscheint die leise Hoffnung, daß die Strecke zur Mandschurei wieder befahrbar, aber von Militärzügen belastet sei. Tag und Nach verhandelt Herr Jona mit den Behörden darüber und hat Erfolg.

Am 4. Dezember soll der erste Eisenbahnzug mit tausend Mann abgehen, die beiden anderen Züge sollen in kurzen Abständen folgen. Es ist ein ungeheures Wagnis, dreitausend Kriegsgefangene auf eine eingleisige Strecke zu schicken, die von hin- und herflutenden Truppen überlastet ist. Nur der Mut der Verzweiflung treibt zu diesem Wagnis. Ich habe meinen alten Freunden versprochen, mit ihnen im ersten Zuge bis zu Wladiwostok zu fahren und mit ihnen in die Heimat zu reisen.

Am 3. Dezember ziehe ich um in den Eisenbahnzug der Kriegsgefangenen. Mein Abteil ist geschmückt mit Kiefernzweigen, die zwei meiner Treuesten weither geholt haben aus den Bergen. Mein Kommen bestärkt die immer zweifelnden Kriegsgefangenen in der Gewißheit: “Es geht weiter nach Wladiwostok!”

Gegen Abend erkrankt ein deutscher Kriegsgefangener an einem schweren Anfall von Blinddarmentzündung. In Decken und Pelze gehüllt fahren wir ihn durch die kalte sibirische Nach etwa acht Kilometer weit in ein russisches Hospital und übergeben ihn dort der Fürsorge einer freundlichen Schwester. Die Stadt ist der Unruhen wegen im Belagerungszustand. Wir werden von russischer Miliz bis Tagesanbruch in einem Wachtlokal festgehalten. Ironie des Schicksals, in der letzten Nacht im Tschita eingesperrt zu sein, bewacht von Kriegsgefangenen-Militz. Offen zeige ich ihnen meine Empörung. Mit uns eingesperrt liegt russisches Volk schnarchend auf Tischen und Bänken. Die Luft ist verpestet. Gegen Morgen läßt man uns abziehen. Durch die sternhelle kalte Nacht wandern wir zu unserem Eisenbahnzüge.

Noch immer glauben unsere Kriegsgefangenen nicht, daß wir heute abfahren. Als Frondienst müssen sie zuerst 3 Lokomotiven mit Kohlen laden, von denen wir eine für unseren Zug erhalten. Endlich steht sie vor unserem Zuge, er rollt an, hält – wir können die Weiche nicht überfahren, weil der Weichenwärter mit dem Schlüssel unauffindbar ist. Das ist echt russisch. Wir lachen.

Bald lassen wir den Bahnhof von Tschita hinter uns, auf dem dreitausend Menschen sieben Wochen lang unsagbar Schweres ertragen haben. Das Rattern und Holpern der Tjeluschken ist unseren Kriegsgefangenen herrliche Musik. Mit allen Unbequemlichkeiten söhnen sie sich aus. Nur vorwärts, ostwärts, weiter nach dem ersehnten Hafen von Wladiwostok! –

Dann fahren wir nach Westen, wochenlang, bis endlich eines Tages die Türme von Briest vor uns auftauchen. Nur noch eine Nacht schlafen wir an Bord. Zwei Vertreter der Regierung, der Abteilung für Kriegsgefangene im ehemaligen Kriegsministerium kommen am nächsten Morgen, die Heimkehrer zu begrüßen. Sie bringen ihnen hunderte von Briefen mit. Aus der Stadt kommen zahlreiche dort ansässige Reichsdeutsche und schenken uns Orangen und Biskuits.

Als wir das Schiff verlassen, fehlt ein ostpreußischer Zivilgefangener. Er hatte nicht den Mut, das Leben in der Heimat von neuem zu beginnen. Angesichts der Lichter von Triest war er über Bord gegangen.

Am nächsten Tag betreten wir hinter Salzburg zum erstenmal wieder deutschen Boden. Rosenheim, München, zuletzt das Lager Lechfeld in Bayern, sind noch kurze Durchgangsstationen. In Lechfeld ist emsiges Treiben. Angehörige sind zur Begrüßung gekommen. Niemand hat Zeit für den anderen.

Der Herdenmensch von gestern ist verschwunden, jeder ist wieder er selbst geworden. Etliche tappen noch mit unsicheren Schritten in der neugewonnen Freiheit, doch in den meisten lebt das Bewußtsein:

Was wir gelitten in Knechtschaft und Fremde – Kraft erwuchs uns daraus zum Segen der Heimat!

Anne-Marie Wenzel

Quellen:

Heft Hitlerjugend: Das Deutsche Mädel – Edwin Dwinger – Chronist unserer Zeit – germanvictims – Deutsche Kraft in Fesseln


Quelle

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