Triefender Haß: Der Morgenthau-Plan

Der Morgenthau-PlanDieser Band gibt erstmalig und in vollem Umfang den einundzwanzigseitigen Morgenthau-Plan wieder. Er bringt ebenfalls eine Auswahl der bedeutendsten britischen und amerikanischen Dokumente, die sich auf den Plan beziehen, obwohl die Darstellung damit noch nicht vollständig ist. Denn viele Teile der diesbezüglichen Unterlagen des
britischen Auflenministeriums bleibender Öffentlichkeit weiterhin unzugänglich – eine Ausnahme von der allgemeinen Regel, daß geheime Dokumente nach Ablauf von 30 Jahren zur Veröffentlichung freigegeben werden.

Der Morgenthau-Plan, formell unter der Bezeichnung „Plan des Schatzministeriums für die Behandlung von Deutschland“ bekannt, wurde im Sommer des Jahres 1944 vom engsten Mitarbeiter des amerikanischen Schatzministers, Harry Dexter White, und von Minister Henry Morgenthau Jr. ausgearbeitet. Morgenthau hatte soeben die Schlachtfelder der Normandie besichtigt und sich mit General Dwight D. Eisenhower, dem Oberbefehlshaber der Alliierten Streitkräfte, unterhalten. Er war daraufhin zu Besprechungen mit Mr. Winston Churchill, dem britischen Premier-Minister, und seinen Beratern nach England gereist.

Während wichtige Bestandteile des Planes, wie beispielsweise die subtil ausgedachte Umerziehung der Deutschen durch eigens hierfür in England geschulte politische Flüchtlinge und der Abbau der deutschen Schwerindustrie zur Förderung des britischen Exportgeschäfts, in Kraft traten, wurden die Hauptteile des Morgenthau-Plans, darunter die Befehle, ganze Gruppen von Personen, die im Verdacht standen, NS-Kriegsverbrecher zu sein, auf einfache Identifizierung hin zu liquidieren und die gesamte deutsche Nation „im eigenen Saft schmoren zu lassen“, formell nicht umgesetzt.

Der Morgenthau-Plan hätte den Tod von etwa zehn Millionen Deutschen durch Hunger und Seuchen in den ersten zwei Nachkriegsjahren zur Folge gehabt […]


Buchauszug:

Harry Dexter White entwirft den Plan


Harry Dexter White

Harry Dexter White stellte den ersten Entwurf des Plans am 1. September 1944 fertig. Unmittelbar darauf erfuhr die britische Gesandtschaft von dem, was Morgenthau vorhatte.

Am 2. September zog sich Morgenthau zum Labor-Day-Wochenende, einem amerikanischen Feiertag, auf seinen Landsitz zurück. White schickte ihm den fertigen Entwurf direkt dorthin. Präsident Roosevelt und seine Frau fuhren von Hyde Park ins benachbarte Fishkill zu Morgenthaus, um dort unter den Bäumen Tee mit ihm zu trinken, wobei dieser dem Präsidenten den Entwurf zeigte.

Henry Morgenthau

Die Gedankengänge Roosevelts über Deutschland waren recht einfach: keine Flugzeuge, keine Uniformen, kein Marschieren. Morgenthau sagte: „Das ist schon sehr interessant, Herr Präsident, aber ich glaube nicht, daß dies nur annähernd weit genug geht.“ Er wollte das Ruhrgebiet demontiert und die Maschinen an die notleidenden Nachbarn verteilt sehen. „Mir ist klar, daß dies 18 bis 20 Millionen Leute arbeitslos machen würde“, gestand er sorglos. „Aber es dürfte England und Belgien zwanzig Jahre Wohlstand garantieren. Arbeitsfähige Deutsche könnten nach Zentralafrika als Sklaven zu ‚irgendeinem großen TVA-Projekt‘ deportiert werden.“ TVA war das Wasserkraftwerksprojekt der Tennessee Valley Authority, mit dem die Beschäftigung in den USA in Roosevelts „New Deal“ gefördert wurde. Dann machte er einen Gedankensprung und dachte jetzt über die Umerziehung der Deutschen nach. „Man wird völlig neue Lehrbücher entwerfen müssen“, sagte er. Am Montag, dem 4. September, flog Stimson nach Washington zurück und hatte am gleichen Nachmittag eine Besprechung mit General Marshall: „Besprach mit ihm meine Sorgen hinsichtlich der Behandlung der Deutschen und der Methode, nach der wir gegen die Gestapo ermitteln und diese dann bestrafen sollten. […] Es war recht interessant festzustellen, daß Offiziere der Armee in diesen Dingen das Gesetz eher achten als die Zivilisten, die über die Dinge reden und dann dabeigehen, jedem den Kopf abzunehmen, ohne Gerichtsverfahren und rechtliches Gehör“.

Theodore Roosevelt

Zum Essen mit Morgenthau am gleichen Abend eingeladen, traf Stimson McCloy und Harry Dexter White vom Schatzministerium dort an. „Wir alle hatten das Gefühl“, notierte Stimson, „daß die Behandlung der deutschen Frage mit Sicherheit zueiner scharfen Kontroverse führen würde. Morgenthau ist, nicht ohne Grund, sehr erbittert, und da er in Geschichte und erst recht in Wirtschaftswissenschaften ungenügende Kenntnisse hat, wurde ganz klar, daß er sich voll für eine Behandlung Deutschlands einsetzen würde, die ich für sehr unklug hielt. Aber im Laufe des Abends besprachen wir die Sache mit Mäßigung und gutem Willen, und mehr konnte man in dieser Lage nicht erwarten. Immerhin haben wir uns voll über die Frage der in Deutschland auszugebenden Währung geeinigt, nämlich daß wir Alliierte Militär-Markstücke zu einem 10-Cent-Wert für die Mark ausgeben sollten. Morgenthau wünschte anfangs nur 5 Cent, um Deutschland durch einen niedrigen Kurswert der Mark zu bestrafen.“

Cordell Hull

Der Dreierausschuß des Kabinetts tagte zum erstenmal am 5. September 1944 in der Behörde von Auflenminister Cordell Hull. Hull war vorsichtig. „Wir dürfen noch keine Pläne für die Teilung Deutschlands aufstellen“, sagte er, „bis die Ansichten der Briten und Russen bekannt sind.“ Stimson war in der Minderheit. Seine Meinung über den Morgenthau-Plan war: „Dieser Vorschlag wird ungeheures Unheil heraufbeschwören“, so seine Tagebuchaufzeichnung. „Die Deutschen werden dadurch zu permanenten Bettlern, und die dann aufkommenden Haßgefühle und Spannungen werden die Schuld der Nazis verdunkeln und die Brunnen vergiften für einen künftigen Frieden.“

Morgenthau konterte ungerührt: „Mein Plan wird die Deutschen daran hindern, jemals wieder ihre Herrschaft mit Gewalt auszudehnen. Keine Sorge. Das übrige Europa kann ohne sie weiterleben!“

Stimson überzeugte das nicht. „Dieser Plan wird einen Krieg nicht verhüten, sondern herbeiführen.“

„Es ist schon sonderbar“, so schrieb er an Marshall, „ich bin der Chef des Ministeriums, dem das Töten in diesem Krieg obliegt, und doch bin ich der einzige, der anscheinend überhaupt ein Erbarmen mit der Gegenseite hat.“

Hulls Vorstellungen waren nicht weniger extrem als die von Morgenthau.

John Jay McCloy

Stimson kehrte in sein Arbeitszimmer zurück und diktierte folgenden Vermerk in sein Tagebuch: „Sobald ich mich der Besprechung anschloß, wurde mir klar, daß Morgenthau hinter den Kulissen herumgewählt hatte und durch Gespräche mit dem Präsidenten und anderen den Weg für seine eigenen Ansichten gut geschmiert hatte. Wir konnten jedoch die Währungsfrage im Sinne der Beschlüsse regeln, die wir am Abend vorher gefaßt hatten. Dann legte Hull den Entwurf einer Tagesordnung vor. […] Und kaum hatte die Besprechung darüber eingesetzt, so nahm ich zu meinem großen Erstaunen war, daß Hull genauso erbittert über die Deutschen war wie Morgenthau und bereit, sich über alle Grundsätze hinwegzusetzen, die er in den zurückliegenden zwölf Jahren auf dem Gebiet des Handels verfochten hatte. Er und Morgenthau wollten Deutschlands riesiges Gebiet an der Ruhr und an der Saar vollkommen abwracken und diesen Raum in ein zweitklassiges Agrarland verwandeln, ohne Rücksicht auf all das, was dieses Gebiet bedeutete. […] Hopkins ging immerhin so weit mit ihnen, daß er die Stahlproduktion unterbinden wollte […], womit ziemlich alles andere sabotiert worden wäre. Ich befand mich mit meiner einen Stimme in der Minderheit und kämpfte entschieden, aber ohne jede Chance, gegen meine Kollegen. In all diesen vier Jahren, in denen ich hier war, hatte ich noch nie eine solch schwierige und unerfreuliche Sitzung, obwohl natürlich keine persönlichen Kränkungen ausgetauscht wurden. Dafür kannten wir einander viel zu gut. Doch waren wir in unseren Ansichten unversöhnbar gespalten. Schliefllich wurde entschieden, daß Hull dem Präsidenten sein Memorandum senden sollte, während jeder von uns seine eigene Stellungnahme dazu einreichen würde.“

Henry L. Stimson

Hull hatte eine Abhandlung mit dem Titel „Für den Präsidenten bestimmte Empfehlungen des Kabinettsausschusses hinsichtlich der Behandlung Deutschlands“ vorgelegt. In seiner Entgegnung vom 5. September verwarf Stimson dieses Papier ganz entschieden. „Ich kann den Vorschlag nicht als realistisch betrachten, daß beim gegenwärtigen wirtschaftlichen Zustand der Welt ein derartiges Gebiet in ein unproduktives ‚Land der Geister‘ verwandelt werden sollte, wenn es doch zum Zentrum eines der industriell am höchsten entwickelten Erdteile geworden ist, bewohnt von Menschen mit Energie, Tatkraft und Fortschrittsgeist.“ Bezüglich der Vernichtung der Kohlenbergwerke usw. fügte er hinzu: „Es übersteigt meine Vorstellungskraft, solch ein Geschenk der Natur in einen Schutthaufen zu verwandeln.“

[…]

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