Die „gomorrhende“ Feuerhölle – Hilflose Feuerwehr im Bombenhagel

Feuersturm HH

Feuerstürme und Flächenbrände

Am 23. November 1938 trat das „Gesetz über das Feuerlöschwesen“ in Kraft. Die Durchführungsbestimmungen „Organisation der Feuerschutzpolizei“ und „Organisation der Freiwilligen Feuerwehren“, erlassen am 27. September und 24. Oktober 1939 sowie die „Polizeidienstvorschrift 23″ – Ausbildungsvorschrift für den Feuerwehrdienst – schafften beim Übergang von der Berufsfeuerwehr zur Feuerschutzpolizei und der Freiwilligen Feuerwehren zur Hilfspolizeitruppe die Voraussetzungen für einen einheitlichen Aufbau des Brandschutzes vor dem Hintergrund des Luftschutzes.

Ende September 1939 weist Branddirektor Dr. Ing. Otto Zaps im „Bericht über die Erfahrungen beim Aufruf des zivilen Luftschutzes“, auf bestehende Mängel in der Ausstattung, Unterkunft und Verpflegung der Feuerschutzpolizei und der Ergänzungskräfte hin.

Zur Zeit dieser völligen Gefügeänderung bei den Feuerwehren, tobte schon der Luftkrieg über Deutschland und die Aufgaben der Feuerwehren im Luftschutz lagen seit Jahren fest. Nach der 1. Durchführungsverordnung vom 4. Mai 1937 zum Luftschutzgesetz vom 26. Juli 1935, gehörte der „öffentliche“ Brandschutz zu den Aufgaben des „Sicherheits- und Hilfsdienstes“. Daneben waren dem Polizeipräsidenten als öffentlichen Luftschutzleiter noch der Selbstschutz, der erweiterte Selbstschutz und der Werkluftschutz unterstellt.

Die Stadt wurde mit Schutzmöglichkeiten für die Bevölkerung ausgerüstet. Es gab 1.442 öffentliche Luftschutzräume, 772 splittersichere Sonderbauten und 139 bombensichere Bunker. Die vorhandenen privaten Keller waren zu 76 Prozent abgestützt und gegen Splitter geschützt worden. Nahezu alle Zivilisten konnten vor Luftangriffen Schutz finden.

Erste Luftangriffe

In der Nacht vom 17. zum 18. Mai 1940 fielen die ersten Bomben auf Hamburg. Um 00.41 Uhr liefen in der Feuerwache Harburg die Feuermeldungen ein, dass ein Ölbetrieb brenne und dass im Petroleumhafen Feuer ausgebrochen sei. Wenige Minuten darauf kamen weitere Feuermeldungen – überwiegend aus Harburg. Noch während die Bomben krachten und die Flak schoss, begann die Berufsfeuerwehr mit dem Einsatz.

In den ersten anderthalb Jahren Luftkrieg – vom 18. Mai 1940 bis zum 1. Dezember 1941 hatte der FE-Dienst Hamburg bei 112 Luftangriffen 968 Einsätze, die leicht bewältigt wurden.

Acht Monate später entstanden durch einen einzigen Luftangriff 421 Groß-, 127 Mittel- und 1958 Kleinfeuer.

Die Taktik für die erfolgreiche Brandstiftung wurde im „Hamburger Erfahrungsbericht“ aufgezeichnet:

„Durch den Abwurf von Spreng- und Minenbomben waren in größtem Ausmaße Dächer abgedeckt, Fenster und Türen eingedrückt und zerbrochen und die Selbstschutzkräfte in den Keller getrieben worden. Die dann in größter Dichte abgeworfenen Brandbomben aller Art fanden durch die bereits angerichteten Zerstörungen reichlichste Nahrung. Erneute Abwürfe von Spreng- und Minenbomben trieben die Selbstschutzkräfte, die trotz des völligen Ausfalles der abhängigen Wasserversorgung zur Brandbekämpfung eilten, in die Schutzräume immer wieder zurück. Dieser andauernd wechselnde Abwurf von Spreng-, Minen- und Brandbomben ermöglichte an vielen Stellen eine fast ungehinderte Ausdehnung der Brände“.

Bis Juli 1943 überstand Hamburg 318 Fliegeralarme, davon 137 Luftangriffe. Dabei wurden 1.431 Einwohner getötet, 4.675 verwundet und 24.000 obdachlos. Die schwersten Brände jedoch, sollte Hamburg vom 25. Juli bis zum 3. August 1943 überstehen.

Unternehmen „Gomorrha“ – Größter Flächenbrand des 2. Weltkrieges In High Wycombe, ca. 50 km westlich von London, betritt am 24. Juli 1943 um 09:00 Uhr Luftmarschall Sir Arthur Harris den Kartenraum und verkündet seinem Stellvertreter Luftmarschall Sir Robert Saundby:

„Wir werden uns heute Nacht Hamburg vornehmen. Unternehmen „Gomorrha“, genau nach Plan“.

Beabsichtigt war: dieser Luftangriff sollte die 1,6 Millionenstadt bis auf den Grund, im vollsten Ausmaß aller Fähigkeiten und Möglichkeiten völlig zerstören.

Um 00:33 heulen die Sirenen, Fliegeralarm. Der dritte seit 24 Stunden. In der Befehlszentrale des Polizeipräsidiums und im Bunker des Gauleiters Kaufmann wird befürchtet, dass es bei dem Alarm nicht bleiben wird.

„Diesmal sind wir dran“,

sagen die Uniformierten an der Luftlagekarte mit ruhigen Stimmen. Sie sind der Überzeugung, dass Hamburg auf einen Angriff gut vorbereitet ist. Im schlimmsten Fall rechnete man mit sechzig- bis einhunderttausend Obdachlosen. Schließlich hatte der Senat einen „Organisationsplan für einen durch Luftangriffe herbeigerufenen großen Katastrophenfall“ ausarbeiten lassen.

Aber es sollte alles viel schlimmer kommen.

Eilbek

In vier schweren Angriffen warfen über 3000 Flugzeuge etwa 1200 Minenbomben, 25000 Sprengbomben, 3000000 Stabbrandbomben, 80000 Phosphorbomben, 5000 Flüssigkeitsbrandbomben, 500 Phosphorkanister und 500 Leuchtbomben auf dicht besiedelte Wohngebiete ab.

Der zweite nächtliche Großangriff vom 27. zum 28. Juli entfachte in den Stadtteilen Hammerbrook und Rothenburgsort große Flächenbrände, die verheerend waren.

Im Gesamtbericht über den 132. bis 144. Angriff wird diese größte Flächenbrandkatastrophe des zweiten Weltkrieges in Europa so beschrieben:

„ausgedehnte Teile dieser Gebiete wurden in kaum einer halben Stunde in ein einziges Flammenmeer verwandelt. Die Zehntausende von Einzelbränden verbanden sich in den geschlossenen und teilweise besonders engbebauten Gebieten innerhalb kürzester Zeit zu ausgedehnten Flächenbränden. Es entwickelten sich Feuerstürme von orkanartiger Gewalt, die 25- bis 30jährige Bäume glatt abdrehten“.

OG-OEin Zugwachtmeister berichtet:

„beim Hammer Weg liegen Menschen auf der Straße. Wir steigen aus, um zu retten. Da gibt es plötzlich längs der Landstraße eine gewaltige Stichflammenbildung, der ich durch Vorlaufen zu entrinnen versuche. Der Fahrer konnte durch Wenden des Fahrzeugs nach der Horst-Wessel-Straße entkommen. Der Feuersturm ist ein Orkan. Kein Rauch auf der Straße, nur Flammen und Funkenflug wie dichtes Schneegestöber. Im Laufen sehe ich kaum erkennbar einzelne Menschen und Gruppen jammernd umherirren. Die Hitze auf der Hammer Landstraße ist unerträglich. Ein Glas meiner Schutzbrille springt und fällt heraus. Die Luft wird sehr knapp. Ich laufe bis zur Erschöpfung. Gegenüber am Rumpfsweg sehe ich noch Menschen sitzen. Instinktiv werfe ich mich dorthin. Einige Menschen liegen schon leblos. Die Sitzenden wimmern apathisch vor sich hin. Auf meine Anrufe reagieren sie gar nicht. Ich liege mit dem Stahlhelm gegen den Wind am Kantstein, Gesicht und Hände muss ich mit meiner Mütze verbergen. Abwechselnd muss ich mit einer Hand die sengende Kleidung löschen. Eine Krise, die etwa anderthalb Stunden dauert (00:30 bis 04:30 Uhr). Ich sauge den Sauerstoff direkt vom Pflaster ab. Dieses wird mit der Zeit so heiß, dass ich Brandverletzungen an der Nase, den Atmungswegen und an den Knien bekomme. Alle umliegenden Menschen sterben. Bei den weiblichen Personen fängt die Kleidung teils Feuer, so dass sie im Nu wie entkleidet daliegen. Der Tod ist bei den meisten vermutlich durch Ersticken und Hitzschlag erfolgt. Die Austrocknung des Körpers war enorm. Gegen fünf Uhr arbeite ich mich weiter zurück zur Horst-Wessel-Straße“.

Ein Bereitschaftsführer erlebte den Feuersturm so:

„Im Steindamm brannten am unteren Ende bereits zu beiden Seiten die Häuser in einer Länge von etwa 80 bis 100 Metern. Ich versuchte hier durchzukommen, weil die Straße bisher noch von Trümmern frei war; außerdem ließ ich beide Kradmelder als Späher vorfahren. Als wir die größte Hitzewelle bereits durchfahren hatten, stürzten unmittelbar vor dem Lübecker Tor Steinmassen auf die Fahrbahn. Hierdurch kamen beide Kradmelder zu Fall und die ganzen Einheiten zum Stillstand. Uhrzeit: 03:30. An ein Weiterfahren bzw. Wenden war nicht zu denken, so dass wegen der großen Hitze bzw. Flammen die Fahrzeuge schnellstens verlassen werden mussten. Ich selber mit noch fünf anderen Männern lief in Richtung Lübecker Tor, die übrigen Männer, etwa 35, in Richtung Hauptbahnhof. Je weiter ich nun in der Lübecker Straße vorankam, um so stärker wurde der Feuersturm. Wir versuchten, in Richtung Sechslingspforte an die Alster durchzukommen. Dieses gelang uns zunächst nicht, weil der Feuersturm derart stark war, dass man sich einfach in aufrechter Stellung nicht mehr fortbewegen konnte. Der Feuersturm änderte auch plötzlich seine Richtung, einmal von der Lübecker Straße nach der Alster, dann plötzlich umgekehrt, dann wieder als Wirbelsturm. Ich selber lag dann noch etwa eine halbe Stunde unter einer eisernen Planke vom Lohmühlenkrankenhaus an der Sechslingspforte“.

Die Flächenbrände und Feuerstürme stellten den FE-Dienst vor ein völlig neues Problem, da oft Tausende auf den Straßen vom Feuer eingeschlossen waren. Nur Im Schutz der Schleier von Wassergassen, mit denen sich die Löschkräfte bis 350 Meter tief in die Flächenbrandgebiete kämpften, konnten die Eingeschlossenen auf sichere Plätze gebracht werden. In Hamburg wurden etwa 18000 Menschen über Wassergassen gerettet. Obwohl alle Hamburger Löschkräfte und viele Einheiten von außerhalb eingesetzt waren – in der Feuersturmnacht vom 27. auf den 28. Juli 1943 insgesamt 98 Bereitschaften oder Kompanien und 550 Löschgruppen – waren die Auswirkungen der sieben Luftangriffe der „Juli-Katastrophe“ furchtbar: 26409 Menschen kamen um, Zehntausende wurden verwundet, Hunderttausende obdachlos. 35719 Wohnhäuser und viele Industriebetriebe wurden völlig zerstört, Verkehrs- und Versorgungsanlagen erheblich beschädigt, sämtliche Fernsprechverbindungen und die Sammelwasserversorgung fielen aus.

Rettungsinsel Hauptfeuerwache

OG-O2Vier Feuerwachen brannten in diesen Bombennächten aus. Beim ersten Juli – Angriff die Wache 9 in der Quickbornstraße, sechs Angehörige des Feuerlöschdienstes wurden getötet. In der Nacht vom 27. auf den 28. Juli die Wache 6 in der Reginenstraße, während die Wachbesatzung Tausenden an der Elbbrückenauffahrt Wasserschutz gab. Einen Tag später die Feuerwache Freiligrathstraße und in der nächsten Nacht die Feuerwache Mörkenstraße. Im Luftschutzkeller der Wache starben dabei fünf Männer.

Die Hauptfeuerwache kam bei den Juli-Angriffen mit Druckluftschäden und einigen Treffern von Brandstäben, die schnell unschädlich gemacht wurden, davon. Inmitten von Feuersturm, Tod und Verwüstung war sie eine Rettungsinsel für viele tausend Hamburger. Der Hauptfeuerwache galt, vor allem wegen der einzigen intakten Fernsprechzentrale Hamburgs, am 18. Juni 1944 ein Zielangriff amerikanischer Verbände. 30 Sprengbomben schlugen in die Gebäude oder die Umgebung ein, zerstörten das Vordergebäude völlig und beschädigten andere Trakte schwer. Acht Menschen starben in den Trümmern. Wie durch ein Wunder blieb die Einsatzzentrale unversehrt.

Vier Monate später wurde die Feuerwache Ottensen durch einen Volltreffer zerstört. Ein Auszug aus dem Depeschenbuch gibt ein Lagebild:

21:37 Uhr: Volltreffer auf Fw 17.
21:38 Uhr: Abfahrt der örtlichen Leitung zur Roonstraße.
21:48 Uhr: Eintreffen an Schadensstelle. Es sollen noch 25 Männer lebend eingeschlossen sein.
22:05 Uhr: Telefonische Meldung an Herrn General Dr. Zaps: Westflügel des FschP. – Wache 17 eingestürzt und die Wohnungen des Osl. Kattenstroth und Bet. Hptm. Ducat zerstört. Die Besatzung des Löschzuges 21 /VII im Keller eingeschlossen, einige Männer verletzt, aber noch lebend geborgen.
22.25 Uhr: Abtransport der ersten Verletzten ins Krankenhaus. Eintreffen des Generals. 22.45 Uhr: Festgestellt, dass von den Eingeschlossenen bis jetzt 26 Personen lebend geborgen sind. Acht Männer noch vermisst, fünf Deutsche und drei Ukrainer.

Ein Einzelschicksal am Rande: Der Hauptwachtmeister Werner Tietjen war beim Angriff auf die Feuerwache Mörkenstraße am 27. Juli 1943 mit knapper Not mit dem Leben davongekommen und gehörte auch jetzt noch zu dieser Wache. Da seine Frau am 13. Oktober Geburtstag hatte, verlegte er seinen Nachturlaub auf diesen Tag. Als Fliegeralarm gegeben wurde, meldete er sich an der Wache Ottensen, der nächstgelegenen, wie es in der Vorschrift stand. Dort ging er mit der Wachbesatzung in den Luftschutzraum und kam dabei dann um.

Aus den Reihen der Feuerschutzpolizei und der Freiwilligen Feuerwehren erhielten im Laufe des Krieges immer mehr Angehörige ihren Einberufungsbefehl oder wurden zu Feuerschutzpolizei-Regimentern abgeordnet. Die Lücken versuchte man mit Luftschutzpolizei-Kräften im Feuerlösch- und Entgiftungsdienst aufzufüllen, darunter gegen Ende des Krieges auch mit so genannten „Ostvölkern“, wie Ukrainer, Tschechen und Polen.


Quelle

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