Die Annexion Stettins durch Polen

stettin-luftbild-1930

Stettin (Luftbild 1930) wurde ohne alliierte Absprache wild von den Polen geraubt! Vor 1945 war Stettin mit 460 km² Fläche die flächenmäßig drittgrößte Stadt des Deutschen Reiches

Gemeinhin besteht bei uns und wohl auch im Westen die Vorstellung, die vom gesamten Osten seit Jahren als „unantastbare Friedens- und Freundschaftsgrenze” ausgegebene Oder-Neiße-Linie verlaufe entlang dieser beiden Flüsse von der böhmischen Grenze bis zur Ostsee.

Tatsächlich aber greift die Oder-Neiße-Linie am Unterlauf der Oder bis zu der Tiefe eines Tagesmarsches auf mitteldeutsches Gebiet über und schließt mit der alten deutschen Großstadt und Wirtschaftsmetropole Stettin, die sich westlich der beiden Mündungsarme der Oder ausbreitet, noch die Stadt Neuwarp und sechs Landgemeinden mit 62 Dörfern ein.

Das gesamte mitteldeutsche Landgebiet, das sich gleich den deutschen Gebieten östlich von Oder und Lausitzer Neiße und dem südlichen Teil der Provinz Ostpreußen seit nunmehr bald 63 Jahren unter polnischer Verwaltung befindet, ist etwa 800 Quadratkilometer groß und wies bei der letzten reichsdeutschen Volkszählung am 17. Mai 1939 rund 440000 deutsche Bewohner auf, 383000 allein in Stettin, dessen Stadtkreis sich damals auch über die nordwärts davon gelegene, heute wieder selbständige Stadtgemeinde Pölitz erstreckte.

Diese Vorstellung wird genährt durch das Wissen um den provisorischen Grenzverlauf, wie er in den Beschlüssen der Potsdamer Konferenz vom 2. August 1945 von den drei Großmächten im Abschnitt IX, Teil b, verbindlich festgelegt wurde. Darin heißt es nach dem Hinweis, daß „die endgültige Festlegung der Westgrenze bis zu der Friedenskonferenz zurückgestellt werden soll”, in wortgetreuer deutscher Übersetzung:

„Die Häupter der drei Regierungen stimmen darin überein, daß bis zur endgültigen Festlegung der Westgrenze Polens die früher deutschen Gebiete östlich der Linie, die von der Ostsee unmittelbar westlich von Swinemünde und von dort die Oder entlang bis zur Einmündung der westlichen Neiße und die westliche Neiße entlang bis zur tschechoslowakischen Grenze verläuft, einschließlich des Teiles Ostpreußens, der nicht unter die Verwaltung der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken gestellt wird, und einschließlich des Gebietes der früheren Freien Stadt Danzig unter die Verwaltung des polnischen Staates kommen und in dieser Hinsicht nicht als Teil der sowjetischen Besatzungszone in Deutschland betrachtet werden sollen.”

So sehr man den Inhalt der Potsdamer Beschlüsse auch drehen und wenden mag, der Wortlaut besagt eindeutig, daß das westwärts der Oder gelegene Stettiner Gebiet im Bereich der sowjetischen Besatzungszone verbleibt und nicht in den provisorischen polnischen Verwaltungsbereich gehört, welcher sich nur über die deutschen Gebiete ostwärts der Oder und der Lausitzer Neiße sowie über den Südteil von Ostpreußen erstreckt.

Unter dem steten Drängen der provisorischen polnischen Regierung bemühten sich die Sowjets bereits auf der Potsdamer Konferenz, im Sinne der weiteren polnischen Expansionswünsche und Forderungen auch Stettin in polnische Hände zu spielen, doch setzten die Westmächte den von den Amerikanern noch am 30. Juli 1945 auf der Konferenz eingebrachten Vorschlag wenigstens in Bezug auf Stettin durch, der die vorläufige polnische Westgrenze „east of ä line running from the Baltic Sea through Swinemünde, and thence along the Oder” vorsah.

Dieser vertraglich fixierten vorläufigen Grenzregelung entsprechend, unterblieb zunächst die Besetzung Stettins durch die Polen, obwohl diese seit April 1945 bereits mehrere, aber immer wieder gescheiterte Versuche unternommen hatten, wenigstens die Verwaltung der Stadt Stettin in ihre Hände zu bekommen.

Schon am 28. April 1945, zwei Tage nach der Eroberung der Stadt durch die Sowjets, trafen zwei Vertreter einer einzurichtenden polnischen Stadtverwaltung in Stettin ein, von denen der eine, ein Ingenieur namens Zaremba, prompt schon am nächsten Tage von der Warschauer provisorischen Regierung zum Stadtpräsidenten von Stettin ernannt wurde.

Sein Bemühen war in erster Linie darauf gerichtet, polnische „Ansiedler” nach Stettin hereinzubringen, ein Bemühen, das insofern Erfolg hatte, als am 4. und 5. Mai auch tatsächlich ein paar Hundert aus Posen eigens übergeführter Polen als erste polnische Bewohner nach Stettin eingeschleust wurden.

In den folgenden Tagen scheinen noch viele Polen über die Oder nach Stettin gekommen zu sein, denn als kurz darauf, für die Polen sicher völlig unerwartet, von sowjetischer Seite der Befehl erging, daß alle Polen bis zum 19. Mai 1945 die Stadt Stettin zu verlassen und sich wieder ostwärts über die Oder zu begeben haben, verließen mit dem polnischen Stadtpräsidenten etwa 4500 Polen die deutsche Metropole, in deren von den Sowjets freigegebene Stadtteile nun Zehntausende vorübergehend geflüchtete Deutsche zurückkehrten.

Ab den 19.Mai 1945 durften zehntausende Deutsche wieder ins zerbombte Stettin zurückkehren, es bestand berechtigte Hoffnung, daß Stettin deutsch blieb

Am 20. Mai 1945 erfolgte, den strikten Weisungen der Sowjets entsprechend, in Stargard auch die offizielle Auflösung der in Stettin etablierten polnischen Stadtverwaltung, gleichzeitig wurde jedoch von den Polen die „Operationsgruppe Stettin” gebildet, die am 24. Mai 1945 bis nach Köslin zurückging, insgeheim aber mit dem Auftrag, einen neuen Stamm von Verwaltungskräften zu bilden und für eine spätere Übernahme Stettins bereitzustellen.

Inzwischen scheint Warschau in Moskau heftige Vorstellungen erhoben zu haben, mit dem Erfolg jedenfalls, daß am 6. Juni 1945 ein neuer sowjetischer Befehl erging, nach dem den Polen das Betreten der Stadt Stettin wieder gestattet wurde. Einschränkend wurde allerdings verfügt, daß in Stettin keine staatliche polnische Behörde in Erscheinung treten dürfe.

Am 9. Juni 1945 zog die polnische „Operationsgruppe Stettin” wieder in Pommerns Hauptstadt ein, doch kam es bald zu heftigen Auseinandersetzungen zwischen Deutschen und Polen, da letztere die Arbeit der seit einiger Zeit wieder bestehenden und sogar unter einem deutschen Oberbürgermeister arbeitenden deutschen Stadtverwaltung zu sabotieren und immer weiter einzuschränken versuchten.

Die Rolle der sowjetischen Militärverwaltung als eines Schiedsrichters war gewiß recht schwierig, auch mit Rücksicht auf die zu erwartenden Rückwirkungen seitens der Westmächte, von denen die Amerikaner in offiziellen Noten an die Sowjetregierung vom 8. April und vom 8. Mai 1945 Anfragen wegen der eigenmächtigen Übergabe ostdeutscher Kreise in polnische Verwaltung gestellt und um Aufklärung gebeten hatten.

Auf die amerikanische Note vom 8. April und die zunehmende Verschlechterung des Verhältnisses zwischen den Westmächten und der Sowjetunion war auch das Zentralkomitee der Polnischen (kommunistischen) Arbeiterpartei auf seiner Vollsitzung vom 3. bis zum 5. Mai 1945 eingegangen, auf der Wladislaw Gomulka mahnend seine Stimme erhob, freilich in einem umgekehrten Sinne, als es der Absicht der Westmächte entsprach:

“Wenn wir nicht die früheren deutschen Gebiete so rasch wie möglich polonisieren, werden wir keine Begründung für die Erhebung von Ansprüchen haben, die sie uns bereits verweigern!”

Die polnische Publizistin Krystina Kersten, die solches ganz unverblümt mitteilt 1), bemerkt förmlich im gleichen Atemzuge, daß es wegen des ständig wachsenden Konflikts zwischen den Westmächten und den Sowjets für die Polen notwendig gewesen sei, so rasch wie möglich, wenn schon nicht de jure, so doch zumindest de facte vollzogene Tatsachen zu schaffen und die deutsche Bevölkerung in einer breiten Zone von der Oder-Neiße-Linie völlig zu vertreiben!

Aus diesem Grunde wurde ja auch schon am 3. Juni 1945, kurz vor dem Erlaß der vier Kapitulationsdeklarationen der vier Siegermächte, in denen Deutschland in den Grenzen von 1937 als eine fortbestehende staatliche Einheit betrachtet und ausdrücklich anerkannt wird, das polnisch-kommunistische Militärsiedlungswesen entlang der Oder-Neiße und der pommerschen Ostseeküste geschaffen, mit der Aufgabe, das gesamte von Polen erstrebte neue Grenzgebiet von der deutschen Bevölkerung in kürzester Frist vollständig zu räumen, um hernach den Anspruch auf die gesamten deutschen Ostgebiete mit bereits vollzogenen Tatsachen begründen zu können. 2)

Aber auch das zweite Mal blieb die neuerlich in Stettin eingerichtete polnische Stadtverwaltung infolge des zögernden und unschlüssigen Verhaltens der Sowjets nur eine Episode.

Schon acht Tage nach dem Wiedereinzug der Polen in Stettin wurden sie von den Sowjets angewiesen, binnen zwei Tagen Stettin wieder zu verlassen.

Nichts beweist die Hartnäckigkeit der Polen im Verfolg ihrer expansionistischen Absichten so sehr wie die Tatsache, daß die wieder in eine „Operationsgruppe Stettin” zurückverwandelte polnische Stadtverwaltung von Stettin nochmals nur in Lauerstellung ging, diesmal gleich etwas weiter ab, bis nach Köslin, um die nächstbeste Gelegenheit zur Wiederbesetzung Stettins abzuwarten.

Diese Gelegenheit stellte sich freilich sehr bald ein. Sie stand, was bemerkenswert ist, in unmittelbarem Zusammenhang mit dem allgemeinen Rückzug der amerikanischen Truppen aus Sachsen und Thüringen sowie mit dem Abzug der britischen Truppen aus dem westlichen Mecklenburg und der auf diese Weise weit nach Westen erweiterten sowjetischen Besatzungszone, die es wiederum den Sowjets gestattete, die Polen nachzuziehen und nach Stettin einzulassen.

Drei Tage nach dem Abzug der Briten und der Amerikaner, am 3. Juli 1945, erging die nun wohl schon fast risikolos erscheinende sowjetische Entscheidung, die dann nicht mehr rückgängig gemacht wurde, wider den Beschlüssen von Potsdam, welche die Einbeziehung von Stettin in den provisorischen polnischen Verwaltungsbereich nicht erwähnen und auch nicht vorsehen.

Stettin war im Juli 1945 wieder von 84000 Deutschen bewohnt! Nur etwa 2500 illegal zugezogenen Polen hielten sich im Stadtgebiet auf.

Doch nun wurde der deutsche Oberbürgermeister abgesetzt, die weitere Rückkehr der deutschen Bevölkerung nach Stettin verboten, ebenso die weitere Aufnahme von Vertriebenenzügen aus dem Osten und aus Nordböhmen.

Schon am 14. Juli 1945 wurde die deutsche Bevölkerung von der „Möglichkeit der Ausreise nach dem Westen” in Kenntnis gesetzt, womit praktisch schon damals auch im Stadtbereich von Stettin die Vertreibung der Deutschen begann.

Im Frühjahr 1946 waren kaum mehr 60000 Deutsche in Stettin anwesend.

Schon einen Monat nach Potsdam, im September 1945, glaubte die Sowjetregierung, das Odium eines offenen Bruches der Potsdamer Beschlüsse auf sich nehmen und es riskieren zu können, dem ständigen Drängen Warschaus nachzugeben und die Stadt Stettin sowie sein gesamtes westliches Vorland auch formell in polnische Verwaltung zu übergeben.

Sie ließ es zu, daß eine polnische Delegation völlig unbehindert die Gebiete westlich der Oder inspizieren konnte, die im stillschweigenden Einvernehmen zwischen Moskau und Warschau bereits für die Übergabe an die Polen bestimmt waren.

Am 21. September 1945 wurde in Schwerin, der Hauptstadt Mecklenburgs, ein sogenanntes Grenzabkommen abgeschlossen, das auf sowjetischer Seite von Generalleutnant Chabarow und auf polnischer Seite von zwei Vertretern der polnischen Regierung wohl unterzeichnet, aber offensichtlich mit Rücksicht auf die Westmächte, deren neuerlichen Einspruch man befürchten mußte, niemals veröffentlicht wurde.

Einzelheiten dieses sogenannten Grenzabkommens, vor allem auch über die neue eigenmächtige Abgrenzung des sowjetischen Besatzungsgebietes von dem provisorischen polnischen Verwaltungsgebiet, sind lediglich durch polnische Publikationen bekannt geworden, die von dem Posener Westinstitut, der politisch-propagandistischen Zentrale jeglicher polnischer, gegen Westen gerichteter imperialistischer Bestrebungen, herausgegeben wurden 3).

Bedrückend die polnischen Schilder in Stettin: Die Oderstadt wird unter Bruch des Potsdamer Abkommens an Polen verhöckert. Stettin war bis Kriegsende 1945 seit Jahrhunderten eine reine deutsche Stadt!

Nach den nicht weiter überprüfbaren polnischen Behauptungen wurde schon damals im großen Ganzen der heutige Verlauf der Oder-Neiße-Linie westwärts der Oder festgelegt.

In dem sowjetisch-polnischen „Grenzabkommen” sei auch bestimmt worden, daß der neue Verlauf der Oder-Neiße-Linie in diesem Abschnitt zwischen dem 4. und dem 8. Oktober 1945 noch “im Gelände” genau festgelegt werden soll.

Swinemünde, Adolf-Hitler Platz – die Stadt und ihre Umgebung wurde wie Stettin unter Bruch des Potsdamer Abkommens durch die Sowjets von den Polen geraubt!

Die eigenmächtige Übernahme des gesamten Stettiner Gebietes in polnische Verwaltung geschah dann am 19. November 1945, nachdem die Sowjets am 5. Oktober auch Swinemünde mit seinem westlichen Vorland, zwei Landgemeinden mit mehreren Dörfern sowie einen breiten Küstenstreifen westlich von Danzig den Polen übergeben hatten 4).

Daß es den Polen nicht nur „um die seelische Selbstbehauptung als Nation aus einer jahrhundertelangen Geschichte heraus geht, die die Existenz dieser Nation immer wieder in Zweifel gezogen hat”, sondern auch um fremde Rechte und Gebiete, die ihnen in keiner Hinsicht zukommen und zustehen, und daß „für sie die Oder-Neiße-Linie das Symbol einer geistigen Existenz der Nation” sei, diese freundliche, etwas professoral anmutende Beschönigung der handfesten polnischen Expansionsbestrebungen noch über die Oder-Neiße-Linie hinaus wird in harter Weise auch durch einen weiteren polnischen Vorstoß ad absurdum geführt, den die Polen am 5. November 1947 in Form eines militärischen Handstreiches unternahmen.

Damals besetzten sie in der unverkennbaren Absicht, auch die westlich der Oder verlaufende Hohensaaten-Friedrichsthaler Wasserstraße in ihre Hand und unter ihre Kontrolle zu bekommen, einen etwa 50 Kilometer langen und bis zu 10 Kilometer breiten mitteldeutschen Gebietsstreifen bei Schwedt.

Nähere Einzelheiten über diese Aktion sind nicht bekannt geworden. Man weiß nur 5), daß der mitteldeutsche Funktionär, der nach Lage der Dinge wohl nur ein deutscher Kommunist gewesen sein kann, als er die sowjetische Besatzungsbehörde von diesem Handstreich unterrichtete, zur Antwort bekam, daß es sich bei dieser neuerlichen polnischen Aggression nur um „eine geringfügige Angelegenheit” handle. So wurde der damals allein mögliche deutsche Einwand förmlich mit einer geringschätzigen Geste abgetan, als Bagatelle, obwohl es sich um die völlig ungerechtfertigte Besetzung eines weiteren deutschen Gebietes von mehreren hundert Quadratkilometern handelte.

Das von den Polen bei Schwedt gewaltsam besetzte Gebiet wurde ihnen allerdings von den Sowjets später, wenigstens zum Teil, wieder abgenommen.

Wann dies geschah, ist nicht festzustellen, vermutlich aber bereits zu einem Zeitpunkt, als sich die Sowjets schon mit der Absicht trugen, aus ihrer Besatzungszone in Deutschland unter ihrer Patronanz so etwas wie ein eigenes Staatswesen aufzuziehen.

Die SED hatte durch ihre Vertreter bis in das Jahr 1948, gerade auch wegen der angestrebten gutnachbarlichen Beziehungen zu Polen, immer wieder erklärt, daß die Oder-Neiße-Linie genauso abgelehnt werde wie Grenzveränderungen im Westen.

Als aber am 7. Oktober 1949 die sogenannte DDR gegründet worden war, wurden deren Repräsentanten von seiten Moskaus veranlaßt, ihre bisherige Meinung wegen der deutschen Ostgebiete grundsätzlich zu verändern und die Oder-Neiße-Linie als „Friedens- und Freundschaftsgrenze” endlich anzuerkennen.

Der Charakter einer Friedens und Freundschaftsgrenze wurde zwar in den vertraglichen Abmachungen zwischen den kommunistischen Ländern immer wieder behauptet, ja selbst als eine bewundernswerte Schöpfung kommunistischer Staatskunst dargestellt, doch hat sie diesen Charakter im Alltag bis heute noch nicht erhalten.

Warnschilder auf deutscher Seite verhinderten selbst jede persönliche Annäherung an diese sonderbare Grenze, die drüben, auf polnischer Seite, durch Drahtverhau und Wachtürme, durch Grenzmiliz und kommunistischpolnisches Wehrbauerntum feindselig abgeschirmt wurde. Zu einem „Abkommen” zwischen dem kommunistischen Regime der SBZ und Polen kam es erst gegen die Mitte des Jahres 1950. Nach voraufgegangenen Verhandlungen wurde am 5./6. Juni 1950 in Warschau eine „Deklaration” abgeschlossen, in der die Oder-Neiße-Linie als „unantastbare Friedens- und Freundschaftsgrenze” erklärt und deren Markierung innerhalb Monatsfrist bestimmt wurde.

Aber noch das „Grenzmarkierungsabkommen” von Görlitz, das am 6. Juni 1950 zustande kam, enthält noch keinen eindeutigen Hinweis, daß die Gebiete westwärts der Ostoder einschließlich der Stadt Stettin auch wirklich zum provisorischen polnischen Verwaltungsbereich gehören sollten.

Erst in dem sogenannten „Grenzmarkierungsabkommen”, das am 27. Januar 1951 zwischen dem SBZ-Regime und der polnischen Regierung in Frankfurt an der Oder abgeschlossen wurde, wird der heutige Verlauf der Oder-Neiße-Linie genau angegeben.

Polen wollte noch weiteres deutsches Gebiet in einer künftigen Friedenskonferenz rauben!

Noch zu der Zeit, als Churchill am 16. August 1945 im Unterhaus erklärte:

„Ich muß meine Meinung zu Protokoll bringen, daß die provisorische Westgrenze, die Polen zugebilligt worden ist und die ein Viertel des blühenden Landes von Deutschland in sich schließt, keine gute Vorbedeutung für die Zukunft Europas hat”,

und fortfuhr:

„Hier ist, wie ich glaube, ein Fehler gemacht worden, wobei die provisorische polnische Regierung ein hitziger Verhandlungspartner gewesen ist, indem sie weit über das hinausging, was Notwendigkeit und Gleichwertigkeit erfordern”,

und der damalige Außenminister Eden am 20. August 1945 im Unterhaus, nachdem er seiner Meinung Ausdruck gegeben hatte, daß Polen Ostpreußen, Oberschlesien und einen kleinen Teil Ostpommerns erhalten sollte, auch wörtlich feststellte:

“Wir waren niemals glücklich darüber, daß die polnische Grenze sogar bis an die Oder-Linie heranreichen sollte … Wir glaubten, es wäre unklug, auch nur bis an die Oder-Linie heranzugehen oder ihr gar zu folgen. Jetzt haben wir diese weitere Forderung, direkt bis zur westlichen Neiße vorzurücken”

– just zu diesem Zeitpunkt also bereiteten die Polen bereits Verwaltungskarten vor, in denen der Verlauf der polnischen Verwaltungsgrenze durchweg westlich von Oder und Neiße angegeben und nicht nur das gesamte Westufer der Oder, sondern auch noch die Hohensaaten-Friedrichsthaler Wasserstraße, als zur Wojewodschaft Stettin gehörend, in das polnische Verwaltungsgebiet einbezogen wurde.

Die polnischen Behörden haben demnach schon im Jahre 1945 nicht nur das Land zwischen Ostoder und Westoder auch südwärts von Gartz, sondern auch noch das Gebiet zwischen der am Oberlauf bei Fiddichow noch nicht geteilten Oder und den westwärts durch mitteldeutsches Gebiet führenden Kanal als dem polnischen Verwaltungsbereich zugehörig eintragen lassen 6).

Auch die vom polnischen militärgeographischen Institut in Warschau 1947 herausgegebene Verwaltungskarte der Republik Polen schließt das gesamte Westufer der Oder auf einer Linie, die zwischen Oderberg und Zehden nordwärts verläuft, in das polnische Hoheitsgebiet ein.

Es ist wohl notwendig, einmal auch darauf hinzuweisen, daß die Polen den heutigen Verlauf der am Unterlauf der Oder bereits auf mitteldeutschen Boden übergreifenden Oder-Neiße-Linie nicht etwa als ein Maximum des auf Kosten Deutschlands erreichbaren Gebietsgewinns betrachten, sondern lediglich als ein Minimum, über das gar nicht erst noch verhandelt werden könne.

Schon aus der polnischen Denkschrift zur Londoner Konferenz im Januar 1947 geht hervor, daß sich Polen ausdrücklich das Recht vorbehält, ein „ausführliches Projekt der Delimitierung der deutsch-polnischen Grenze” vorzulegen 7). Es wurde dabei, wie polnische Karten und kartographische Darstellungen zeigen, an die Einbeziehung des gesamten Einzugsgebietes westlich von Oder und Neiße unter polnische Gebietshoheit gedacht, vor allem an die Inbesitznahme des beiden Flüssen westlich benachbarten Wasserkanalsystems.

Das Westinstitut in Posen bereitet seit Jahren Materialien als Unterlagen für die künftige Friedenskonferenz vor, um auf dieser auch die weiteren polnischen Expansionsbestrebungen „motivieren” und ein weiteres Vorrücken einer polnischen Westgrenze entsprechend begründen zu können.

Soweit bisher erkennbar, zielten die Expansionsbestrebungen der Polen bereits bis in die Gegend von Anklam. In der vom Westinstitut in Posen herausgegebenen Publikation „Um das linke Ufer der Oder” 9) wurde die gesamte Insel Usedom gefordert, weiter die Ausweitung des künftigen polnischen Staatsgebietes von der Einmündung der Peene wenige Kilometer ostwärts von Anklam südwärts auf einer neuen Grenzlinie, die quer durch die Uckermark über Prenzlau bis zum Oderknie verläuft, und zwar derart, daß Oderberg auf polnischer Seite verbleibt, weiter am linken Oderuferrücken entlang, um auch die Straßenführung von Freienwalde nach Lebus und Frankfurt an der Oder in ihrer ganzen Länge in die Hand zu bekommen. Weiter südwärts soll, offenbar um spätere polnische Vorstöße vorzubereiten, mit ganz Görlitz als Kern ein polnischer Brückenkopf westwärts der Lausitzer Neiße entstehen.

Es ist nicht im deutschen Interesse, an die damals nach Westen gerichteten polnischen Expansionsbestrebungen vorbeizusehen und die von den Polen westwärts der Oder bereits vertragswidrig geschaffene Situation unter den Teppich zu kehren!

Aus dem Gebiet von Stettin wurde die gesamte Bevölkerung westwärts vertrieben; 180000 Stettiner lebten später allein in der Bundesrepublik Deutschland, wie aus der Bundesstatistik der Vertriebenenausweise hervorgeht 10). Die Kriegs- und Nachkriegsschäden, die im gesamten Stettiner Gebiet und in den dortigen gewaltigen Hafenanlagen verursacht wurden – auch noch nach dem Abzug der Sowjets, als ganze Stadtviertel völlig unbewohnt blieben, aber ausgeschlachtet und im übrigen dem Zahn der Zeit überlassen wurden -, wurden zynischerweise als polnische Kriegsschäden ausgegeben und zweifelsohne Deutschland vorgerechnet. Und dabei sprachen die Polen von deutscher Dreistheit, wenn sie die Friedensnote der Bundesregierung auf ihre Weise beantworteten.


1) In den vom Historischen Institut der polnischen Akademie der Wissenschaften herausgegebenen “Acta Poloniae Historica”, Nr. 10, S. 28.

2) Vgl. vom gleichen Verf.: Militärbesiedlung der deutschen Ostgebiete. In: “Außenpolitik”, Heft 6/64, Juni 1964, S. 386-395.

3) Es seien hier nur genannt: St. Leszczycki: Ustalenie granic wspolczensnej Polski / Die Festlegung der Grenzen des heutigen Polens. In: “Przeglad Zadiodni, Nr. 4/5, Oktober/November 1945, und “Szczecin dawniej i dzisiaj” (Stettin früher und heute), Posen, Westinstitut. – Mit neuen, zum Teil überraschenden Einzelheiten über die Vorgänge bei der Besetzung Stettins durch die Polen wartet J. Kaczkowski in der Warschauer kulturpolitischen Zeitschrift “Kultura” vom 24. 4. 1966 auf. Er berichtet, daß noch im Jahre 1945, vor dem Beginn der “gelenkten” Austreibungen, 30000 Deutsche Stettin verlassen mußten; nach dem Beginn der Aussiedlungsaktion im Februar 1946 seien noch 52000 Deutsche aus Stettin in die sowjetische und in die britische Besatzungszone transferiert worden.

4) Vgl. “Osteuropa-Handbuch”: Polen, S. 226, Fußnote 1.

5) Nach einer Aufzeichnung in Keesing’s Archiv der Gegenwart vom 5. 11. 1947, Sp. 1241.

6) Vgl. J. Dylik: “Geografia Ziem Odzyskanych” (Geographie der wiedergewonnenen Gebiete). Warschau 1946.

7) Vgl. J. Kokot: “Logika Poczdamu” (Die Logik von Potsdam). Kattowitz 1957, S. 47.

8) Vgl. A. Klafkowski: “Podstawy prawne granicy Odra-Nisa na tle umöw jaltnskiej i poczdamskiej” (Die rechtlichen Grundlagen der Oder-Neiße-Grenze im Spiegel der Vereinbarungen von Jalta und Potsdam), Posen 1947, S. 48/49.

9) Polnisch: “O lewy brzeg Odry”. Posen 1946, S.9

10) Der Eingliederungszustand von Vertriebenen und Sowjetzonenflüchtlingen. Hrsg. Statistisches Bundesamt.


Quelle: aus Eissner in der Zeitschrift: “Aussenpolitik, 1966, Nr.7, Seiten 438-444

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