Adolf Hitler – Der junge Nationalist

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a-hitler-mein-jugendfreundVon
August Kubizek

Da es sich um die Darstellung der politischen Gedanken und Ideen des jungen Hitler handelt, höre ich im gleichen Augenblick seine Stimme deutlich wieder an meinem Ohr:

„Das verstehst du nicht!”

oder

„Darüber kann man mit dir nicht reden!”,

manches Mal noch schärfer sogar, etwa wenn ich während seiner politischen Ausführungen an einer bestimmten Stelle zustimmend nickte, statt, wie er es erwartet hatte, in Empörung zufallen:

„Politisch, Gustl, bist du ein Trottel!”

Mir war ja nur eines im Leben wichtig: die Musik. Adolf stimmte mir wohl bei, daß der Kunst der Vorrang vor allen Lebensbereichen gebühre. Aber im Laufe der gemeinsam verbrachten Jahre gewannen doch allmählich politische Interessen die Oberhand, allerdings ohne daß er deshalb seine künstlerischen Bestrebungen vernachlässigt hätte. Man kann es etwa so formulieren: Die Linzer Jahre standen im Zeichen der Kunst, die nachfolgenden Wiener Jahre im Zeichen der Politik. Ich spürte sehrgut, daß ich ihm nur in künstlerischen Dingen etwas bedeuten konnte. Je nachdrücklicher er sich für Politik interessierte, um so weniger konnte ihm unsere Freundschaft geben. Nicht, daß er mich dies etwa hätte fühlen lassen. Dazu nahm er die Freundschaft viel zu ernst, und außerdem war er sich dieser Tatsache vielleicht gar nicht klar genug bewußt.

Immer schon war Politik der kritische Punkt unseres Verhältnisses gewesen. Nachdem ich auf politischem Gebiet kaum eigene Ansichten besaß und, wo diese vorhanden waren, mich keineswegs veranlaßt fühlte, diese Ansichten zu verteidigen oder sie gar anderen aufzudrängen, hatte Adolf an mir einen schlechten Partner. Er hätte mich viel lieber bekehrt als überredet. Ich aber nahm alles, was er vortrug, bereitwillig und unkritisch auf, ich merkte mir auch vieles, so daß ich hin und wieder ganz geschickt mitreden konnte. Aber für einen Widerspruch, den er mitunter gebraucht hätte, reichte es nicht aus; denn das Politische fand einfach bei mir keinen Boden. Ich stand davor wie ein Taubstummer vor einem Symphonieorchester, der wohl sieht, daß gespielt wird, aber nichts hört. Ich besaß einfach kein Organ, um das Politische aufzunehmen.

Das konnte Adolf zur Verzweiflung bringen. Er hielt es für ausgeschlossen, daß es ein so von aller Politik unberührtes Exemplar von einem Menschen, wie ich eines war, auf dieser Erde gäbe. Er hat mich dabei gewiß nicht geschont. Ich erinnere mich, wie er mich in Wien wiederholt nötigte, ihn in das Parlament zu begleiten. Ich hatte dort wirklich nichts verloren und wäre inzwischen lieber am Flügel gesessen. Aber das ließ Adolf nicht gelten. Ich mußte mit ihm kommen, obwohl er genau wußte, daß mich dieser Parlamentsbetrieb immer furchtbar anödete. Aber wehe mir, wenn ich das offen ausgesprochen hätte.

der-vater-adolf-hitlersGewöhnlich nimmt man an, daß Politiker aus einer politisch hochgespannten Umwelt kommen. Dies trifft für meinen Freund keineswegs zu. Im Gegenteil! Hier offenbart sich abermals einer der für Hitler so häufigen Widersprüche. Der Vater politisierte zwar nicht ungern und machte aus seiner freisinnigen Auffassung kein Hehl. Aber er gebot energisch Halt, wenn ein Wort gegen das Kaiserhaus fiel. Die Grenze hielt der alte k. u. k. Zollamtsoberoffizial strengstens ein. Wenn er am achtzehnten August, dem Geburtstage des Kaisers, seine Paradeuniform anzog, war er vom Scheitel bis zur Sohle das Muster eines treuen Staatsdieners. Von Politik bekam der kleine Adolf aus dem Munde seines Vaters vermutlich wenig zu hören; denn Politik gehörte der Meinung des Vaters nach nicht in die Familie, sondern ins Wirtshaus. Wenn es auch beim Bürgertische noch so hoch herging, daheim war davon nichts zu spüren. Ich kann mich auch nicht erinnern, daß sich Adolf bei seinen eigenen politischen Ansichten einmal besonders auf seinen Vater berufen hätte.

Noch weniger war davon in dem stillen Heim in der Humboldtstraße zu spüren. Adolfs Mutter war eine einfache, fromme Frau, der das Politische völlig fern lag. Früher, als der Vater noch lebte, hatte sie ihn wohl hin und wieder vor anderen über politische Verhältnisse poltern gehört, aber nie etwas selbst davon angenommen oder gar den Kindern zugetragen. Dem Vater in seinem cholerischen Wesen war es vielleicht recht, daß das, was er draußen am Bürgertische mit viel Geräusch verfocht, durch seine stille Frau gedämpft wurde und kaum die Häuslichkeit berührte. So blieb es auch fernerhin. Niemand verkehrte in der Familie, der Politik hineingebracht hätte. Ich erinnere mich nicht, jemals bei Frau Hitler politische Gespräche gehört zu haben.

Auch wenn ein bestimmtes politisches Ereignis in der Stadt noch so heftige Wellen schlug, in diesem stillen Heim war nichts davon zu spüren; denn auch Adolf schwieg daheim über dergleichen Dinge. Dort lief das Leben in ruhigem Gleichmaß weiter. Die einzige Veränderung, die ich in der Familie Hitler erlebte, war, daß Frau Klara Ende des Jahres 1906 von der Humboldtstraße nach Urfahr übersiedelte. Darin wirkte aber nicht mehr das unstete Temperament des Vaters nach, vielmehr war dafür einer rein praktische Überlegung maßgebend. Urfahr, inzwischen längst mit Linz vereint, war damals noch eine eigene Gemeinde mit vorwiegend ländlichem Charakter, bevorzugter Aufenthalt der Ruheständler und Pensionisten. Nachdem in Urfahr keine Verzehrungssteuer eingehoben wurde, war dort manches, zum Beispiel das Fleisch, billiger als in der Stadt. Frau Klara hoffte, in Urfahr mit der bescheidenen Pension von hundertvierzig Kronen, neunzig Kronen für sich, je fünfundzwanzig Kronen für Adolf und Paula, besser durchzukommen.

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Stefanie, die Jugendliebe Hitlers

Auch war sie glücklich, wenn sie wieder Wiesen und Felder um sich sah. Das stille Haus in der Blütengasse 9 ist so unverändert geblieben, daß ich manches Mal, wenn ich durch diese abgelegene Gasse gehe, hinter der schon das Grüne liegt, auf dem kleinen, zierlichen Balkon Frau Klara zu sehen glaube. Für Adolf war es ein besonderes Hochgefühl, mit Stefanie „am gleichen Ufer” zu wohnen. Unser abendlicher Heimweg wurde durch die Übersiedlung nach Urfahr noch länger. Das lag durchaus in unserem Sinne; denn auch die Fragen und Probleme, die uns bewegten, waren ergiebiger und nachhaltiger geworden. Der Weg über die Brücke wurde uns manches Mal zu kurz, so daß wir, wenn ein Problem uns besonders beschäftigte, mehrmals über die Donau hin- und zurückgehen mußten, um das Gespräch zu Ende zu führen. Genauer gesagt: Adolf brauchte die Zeit zum Reden, ich zum Zuhören.

Wenn ich an dieses stille Heim denke, in dem Adolf aufwuchs, und mir die politischen Ideen und Aufgaben vergegenwärtige, die ihn von allen Seiten bedrängten, fällt mir unwillkürlich jene seltsame Gesetzmäßigkeit ein, die im Zentrum eines tobenden Orkans einen Raum völliger Windstille entstehen läßt, dessen Ruhe und Beständigkeit um so tiefer ist, je heftiger ringsum der Sturm wütet.

Bei der Betrachtung des politischen Werdegangs eines so ungewöhnlichen Menschen, wie es Adolf Hitler war, muß man äußere Einflüsse von inneren Anlagen trennen, denn diesen kommt meines Erachtens eine viel höhere Bedeutung zu als den von außen herandrängenden Ereignissen. Schließlich hatten ja damals viele junge Menschen die gleichen Lehrer wie Adolf, erlebten die gleichen politischen Vorgänge, begeisterten oder empörten sich darüber, und doch sind diese Menschen trotzdem nur tüchtige Kaufleute, Ingenieure oder Fabrikanten geworden und politisch bedeutungslos geblieben. Die Atmosphäre an der Linzer Realschule war ausgesprochen national. Die Klasse opponierte heimlich gegen alle herkömmlichen Einrichtungen, wie patriotische Aufführungen, dynastische Kundgebungen und Feste, gegen Schulgottesdienst und Fronleichnamsprozession.

Adolf Hitler hat diese Atmosphäre, die für ihn viel wichtiger war als der Unterrichtsbetrieb, in seinem Buche folgend charakterisiert:

„Für Südmark und Schulverein wurde da gesammelt, durch Kornblumen und schwarzrotgoldene Farben die Gesinnung betont, mit ,Heil’ gegrüßt, und statt des Kaiserliedes lieber ,Deutschland über alles’ gesungen, trotz Verwarnung und Strafen.”

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Österreich entschied sich am 13. März 1938 für den Anschluß an das Reich

Der Kampf um die Existenz des deutschen Volksteiles im Donaustaate bewegte damals die jungen Gemüter; verständlich, denn dieses Österreichische Deutschtum stand inmitten der slawischen, madjarischen und italienischen Nationen Österreich-Ungarns allein. Linz lag allerdings von der Volksgrenze weit ab und war eine kerndeutsche Stadt. Aber vom angrenzenden Böhmen kam beständig Unruhe herein. In Prag reihte sich ein Krawall an den anderen. Daß die gesamte k. u. k. Polizei doch nicht imstande war, deutsche Häuser vor dem tschechischen Pöbel zu schützen, so daß mitten im Frieden über Prag der Belagerungszustand verhängt werden mußte, löste auch in Linz Empörung aus. Budweis war damals noch eine deutsche Stadt mit deutscher Verwaltung und deutscher Stadtverordnetenmehrheit. Die Mitschüler Adolfs, die aus Prag, Budweis oder Prachatitz stammten, weinten vor Wut, wenn man sie scherzweise „Böhmen” nannte; denn sie wollten nur Deutsche sein wie die anderen auch. Allmählich begann es sogar in Linz unruhig zu werden. Als stille, bescheidene Arbeiter und Handwerker lebten hier einige hundert Tschechen, von denen niemand bisher, am wenigsten sie selbst, ein besonderes Aufheben gemacht hätte. Nun gründete ein tschechischer Kapuzinerpater namens Jurasek in Linz einen Sokolverein, hielt in der Martinskirche auf dem Römerberg Predigten in tschechischer Sprache und sammelte Beiträge für die Errichtung einer tschechischen Schule. Das erregte in der Stadt großes Aufsehen, und nationale Gemüter sahen in der Aktion des fanatischen Kapuziners die Vorbereitung einer tschechischen Invasion. Das war natürlich übertrieben. Trotzdem gab gerade diese tschechische Aktivität damals den etwas schlafmützigen Linzern das Gefühl, bedroht zu sein, und so stellten sie sich denn einmütig als Mitkämpfer in den ringsum tobenden Volkstumskampf.

„Wer der Jugend Seele kennt, der wird verstehen können, daß gerade sie am freudigsten die Ohren für einen solchen Kampf öffnet. In hunderterlei Formen pflegt sie diesen Kampf dann zu führen, auf ihre Art und mit ihren Waffen… Sie ist also im kleinen ein getreues Spiegelbild des Großen, nur oft in besserer und aufrichtigerer Gesinnung.”

So berichtet Adolf Hitler gewiß sehr zutreffend weiter, wie man sich überhaupt in der Schilderung der äußeren politischen Entwicklung auf „Mein Kampf” verlassen kann. Die nationalgesinnten Lehrer an der Realschule standen in diesem Abwehrkampf voran. Doktor Leopold Pötsch, der Geschichtslehrer, war aktiver Politiker. Als Vertreter im Gemeinderat war er der führende Kopf der deutschnationalen Fraktion. Er haßte den habsburgischen Vielvölkerstaat, der uns heute — welch ein Wandel — geradezu als Vorbild eines übernationalen Zusammenschlusses erscheint, und gab damit der für alles Nationale begeisterten Jugend die politischen Parolen.

„Wer endlich konnte noch Kaisertreue bewahren einer Dynastie gegenüber, die in Vergangenheit und Gegenwart die Belange des deutschen Volkes immer und immer wieder schmählich eigener Vorteile wegen verriet?”

Damit hatte der Sohn einem alldeutschen Programm zuliebe endgültig und unwiderruflich die Bahn seines Vaters verlassen.

Wenn Adolf sich in erregten Gesprächen — ich selbst kam mit dem Zuhören dabei kaum nach, geschweige denn, mit meiner höchst bescheidenen Anteilnahme — immer tiefer in diesen Gedankengängen verlor, fiel mir bei ihm ein Wort auf, das bei solchen Erörterungen regelmäßig wiederkehrte:

„Das Reich!”

Immer stand dieses Wort am Ende langer Gedankenreihen. Geriet er mit einer politischen Überlegung in die Sackgasse und wußte nicht sogleich weiter, so hieß es kurzerhand:

„Diese Frage wird das Reich lösen.”

Wenn ich fragte, wer denn alle diese gigantischen Bauten, die er da auf dem Zeichenbrett entwarf, finanzieren würde, lautete die Antwort:

„Das Reich.”

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Links: Skizze von Adolf Hitler vermutl. aus den 20er Jahren. Rechts der ausgearbeitete Entwurf von Albert Speer

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Der Visionär Adolf Hitler

Aber selbst belanglose Dinge wurden stets auf das „Reich” projiziert. Die unzulängliche Ausstattung der Provinzbühnen reformierte ein „Reichsbühnenbildner”. (Es gab bekanntlich nach 1933 wirklich einen Mann, der diesen Titel führte. Ich erinnere mich, daß Adolf Hitler diesen Ausdruck schon damals in Linz prägte — als Sechzehn- oder Siebzehnjähriger also!) Selbst die Blindenfürsorge oder der Tierschutzverein wurden in seinen Augen Institutionen des „Reiches”.

„Reich” nennt man in Österreich gewöhnlich das Staatsgebiet des Deutschen Reiches. Die Bewohner dieses Staates bezeichnet man bei uns als „Reichsdeutsche”. Wenn aber mein Freund das Wort „Reich” gebrauchte, meinte er damit mehr als nur den deutschen Staat. Zwar vermied er es, den Begriff genauer zu definieren; denn in diesem Wort „Reich” mußte alles Raum haben, was ihn politisch bewegte, und das war viel.

Ebenso heftig, wie er das deutsche Volk und dieses „Reich” liebte, lehnte er alles Fremde ab. Er hatte kein Bedürfnis, fremde Länder kennenzulernen. Jener für junge, weltoffene Menschen so typische Drang in die Ferne war ihm völlig unbekannt. Auch die für Künstler typische Begeisterung für Italien habe ich nie an ihm bemerkt. Wenn er seine Pläne und Ideen auf ein bestimmtes Land projizierte, war es immer nur das „Reich”.

In diesem stürmischen nationalen Kampf, der eindeutig gegen die österreichische Monarchie gerichtet war, kamen die ungewöhnlichen Anlagen zur Entfaltung, die in seinem Wesen lagen. Die eiserne Konsequenz vor allem, mit der er an dem, was er einmal für richtig angesehen hatte, festhielt. Die nationale Ideologie rückte als politisches Bekenntnis in den „unabänderlichen Bereich” seines Wesens. Kein Mißerfolg, kein Rückschlag brachte ihn davon ab. Er blieb bis zu seinem Tode, was er schon mit sechzehn Jahren war:

Nationalist.

Mit diesem unverrückbaren Ziel vor Augen betrachtete und prüfte er die bestehenden politischen Verhältnisse. Nichts war ihm nebensächlich. Auch das anscheinend Geringste beschäftigte ihn. Zu allem nahm er Stellung, je weniger es ihn anging, desto heftiger. Die völlige Bedeutungslosigkeit seiner Existenz glich er durch um so entschiedenere Stellungnahme zu allen öffentlichen Fragen aus. Der Drang, alles Bestehende zu ändern, bekam damit Richtung und Ziel. Es stand ihm ja bei seinem An-allem-beteiligt-Sein so viel im Wege! Überall sah er nur Hemmung und Hindernis, alle verkannten ihn. Dabei wußte ja niemand von ihm. Oftmals tat er mir geradezu leid. Wie schön hätte er sich bei seiner unzweifelhaften Begabung das Leben machen können, wie schwer aber machte er es sich! Dauernd stieß er sich an den Dingen und war mit aller Welt überworfen. Gerade jene gesunde Unbekümmertheit, die junge Menschen auszeichnet, war ihm gänzlich fremd. Ich habe niemals erlebt, daß er sich leichter Hand über etwas hinweggesetzt hätte. Jede Sache mußte bis auf den Grund durchschaut und daraufhin geprüft werden, wie sie sich in das große politische Ziel, das er sich gesetzt hatte, einfügen würde. Tradition bedeutete ihm, politisch gesehen, wenig. In Summe: die Welt mußte gründlich und in allen Teilen geändert werden.

Wer jedoch aus dieser Darstellung schließen würde, daß sich der junge Hitler mit fliegenden Fahnen in die Tagespolitik gestürzt hätte, irrt sich. Ein bleicher, kränklicher, hoch aufgeschossener Jüngling, völlig unbekannt den Leuten und unerfahren in der Stadt, eher verhalten und scheu, als aufdringlich, betreibt diese intensive Beschäftigung völlig für sich allein. Nur die wichtigsten Einfälle und Lösungen, die er gefunden hat, Ideen, die unbedingt ein Publikum brauchen, trägt er abends mir, also einem ebenso unbedeutenden und einschichtig lebenden Menschen, vor. Das Verhältnis des jungen Hitler zur Politik ist ähnlich wie sein Verhältnis zur Liebe — man verzeihe mir diesen nicht sehr geschmackvollen Vergleich. So intensiv ihn das Politische geistig beschäftigt, so intensiv hielt er sich tatsächlich von praktischer politischer Betätigung fern. Er tritt keiner Partei bei, schließt sich keiner Organisation an, beteiligt sich nicht an parteimäßigen Kundgebungen und hütet sich, seine eigenen Gedanken über den engen Kreis seiner Freundschaft hinauszutragen. Was ich damals in Linz an ihm erlebte, möchte ich, um im Bilde zu bleiben, ein erstes „Blickwechseln” mit der Politik nennen, nicht mehr, als hätte er damals schon geahnt, was Politik für ihn einmal bedeuten würde.

Politik blieb für ihn zunächst nur eine Aufgabe im geistigen Bereiche. In dieser auffallenden Zurückhaltung offenbart sich ein Grundzug seines Wesens, der seiner Ungeduld zu widersprechen schien: die Fähigkeit, warten zu können. Politik blieb für ihn jahrelang eine Sache des Beobachtens, der Kritik an gesellschaftlichen Zuständen, des Prüfens, des Erfahrungsammelns, blieb eine völlig private und daher auch für das damalige öffentliche Leben gänzlich belanglose Angelegenheit.

Interessant ist die Tatsache, daß der junge Hitler in jenen Jahren das Militärische scharf ablehnte. Dem scheint eine Stelle in „Mein Kampf” zu widersprechen:

„Beim Durchstöbern der väterlichen Bibliothek war ich über verschiedene Bücher militärischen Inhalts gekommen, darunter eine Volksausgabe des Deutsch-Französischen Krieges 1870/71. Es waren zwei Bände einer illustrierten Zeitschrift aus diesen Jahren, die nun meine Lieblingslektüre wurden. Nicht lange dauerte es, und der große Heldenkampf war mir zum größten inneren Erlebnis geworden. Von nun an schwärmte ich mehr und mehr für alles, was irgendwie mit Krieg oder doch mit Soldatentum zusammenhing.”

800px-zelle_adolf_hitlers_in_der_festungshaftanstalt_landsberg_am_lechIch vermute, daß diese Erinnerung erst durch die besondere Situation in der Landsberger Haft herbeigeführt wurde, in der dieses Buch entstanden ist; denn als ich Adolf Hitler kennenlernte, wollte er von allem, „was irgendwie mit Krieg und doch mit Soldatentum zusammenhing”, nicht das geringste wissen. Natürlich störten ihn die mit Stefanie flanierenden Leutnants sehr. Aber seine Abneigung saß tiefer. Schon allein die Vorstellung eines militärischen Zwanges konnte ihn empören. Nein, niemals würde er sich zwingen lassen, Soldat zu werden. Wenn er es wurde, dann aus freiem Entschluß und niemals im österreichischen Heer.

Ehe ich das Kapitel über den politischen Werdegang Adolf Hitlers schließe, möchte ich noch zwei Fragen herausgreifen, die mir wesentlicher erscheinen als alles, was sonst über Politik zu sagen ist: die Stellung des jungen Hitler zu Judentum und Kirche.

Über sein Verhalten zum Problem des Judentums während seiner Linzer Jahre gibt Adolf Hitler selbst Aufschluß:

„Es ist für mich heute schwer, wenn nicht unmöglich, zu sagen, wann mir zum ersten Male das Wort ‚Jude’ Anlaß zu besonderen Gedanken gab. Im väterlichen Hause erinnere ich mich überhaupt nicht, zu Lebzeiten des Vaters das Wort auch nur gehört zu haben. Ich glaube, der alte Herr würde schon in der besonderen Betonung dieser Bezeichnung eine kulturelle Rückständigkeit erblickt haben. Er war im Laufe seines Lebens zu mehr oder minder weltbürgerlichen Anschauungen gelangt, die sich bei schroffster nationaler Gesinnung nicht nur erhalten hatten, sondern auch auf mich abfärbten. Auch in der Schule fand ich keine Veranlassung, die bei mir zu einer Veränderung dieses übernommenen Bildes hätte führen können.

In der Realschule lernte ich wohl einen jüdischen Knaben kennen, der von uns allen mit Vorsicht behandelt wurde, jedoch nur, weil wir ihm in bezug auf seine Schweigsamkeit, durch verschiedene Erfahrung gewitzigt, nicht sonderlich vertrauten; irgendein Gedanke kam mir dabei so wenig wie den anderen.

Erst in meinem vierzehnten bis fünfzehnten Jahre stieß ich öfters auf das Wort Jude, zum Teil im Zusammenhange mit politischen Gesprächen. Ich empfand dagegen eine leichte Abneigung und konnte ich mich eines unangenehmen Gefühls nicht erwehren, das mich immer beschlich, wenn konfessionelle Stänkereien vor mir ausgetragen wurden.

Als etwas anderes sah ich aber damals die Frage nicht an. Linz besaß nur sehr wenig Juden…”

Das klingt alles sehr plausibel, stimmt aber mit meinen Erinnerungen nicht ganz überein.

Zunächst erschien mir schon das Bild des Vaters zugunsten einer liberalen Auffassung korrigiert worden zu sein. Der Bürgertisch in Leonding, an dem er verkehrte, hatte sich den Ideen Schönerers verschworen. Damit lehnte auch der Vater sicherlich schon das Judentum entschieden ab.

https://i2.wp.com/www.weg-von-hier.at/wp-content/gallery/reichspogromnacht/01_reichspogromnacht1938_linz.jpgBei der Darstellung der Schulzeit wird verschwiegen, daß es an der Realschule ausgesprochen antisemitisch eingestellte Lehrer gab, die auch vor den Schülern ihren Judenhaß offen bekannten. Schon der Realschüler Hitler muß also von den politischen Aspekten der Judenfrage einiges erahnt haben. Ich kann es mir gar nicht anders denken; denn als ich Adolf Hitler kennenlernte, war er bereits ausgesprochen antisemitisch eingestellt. Ich erinnere mich genau, wie er einmal, als wir durch die Bethlehemstraße gingen und an der kleinen Synagoge vorbeikamen, zu mir sagte:

„Das gehört nicht nach Linz.”

Meiner Erinnerung nach ist Adolf Hitler bereits als ausgeprägter Antisemit nach Wien gekommen. Er brauchte es nicht erst zu werden, wenngleich die Erlebnisse in Wien ihn über diese Fragen noch radikaler denken ließen als bisher.

Die Tendenz, die der Selbstdarstellung Adolf Hitlers zugrunde liegt, ist meines Erachtens diese: Schon in Linz, wo die Juden keine Rolle spielten, war ihm diese Frage nicht gleichgültig. Erst in Wien wurde er durch die große Zahl der Juden gezwungen, sich mit dieser Frage zu beschäftigen.

Etwas anders liegen die Dinge auf kirchlichem Gebiet. In „Mein Kampf” findet sich hierzu kaum eine biographische Angabe, außer einer Schilderung der Kindheitserlebnisse in Lambach:

„Da ich in meiner freien Zeit im Chorherrenstift zu Lambach Gesangsunterricht erhielt, hatte ich beste Gelegenheit, mich oft und oft am feierlichen Prunke der äußerst glanzvollen kirchlichen Feste zu berauschen. Was war natürlicher, als daß genauso wie einst dem Vater der kleine Herr Dorfpfarrer nun mir der Herr Abt als höchst erstrebenswertes Ideal erschien. Wenigstens zeitweise war dies der Fall.”

Die Ahnen Hitlers waren sicherlich fromme, kirchengläubige Menschen, wie das bei Bauern selbstverständlich ist. Die Familie Hitler war in dieser Hinsicht zwiespältig: die Mutter fromm, der Kirche treu ergeben, der Vater liberal, ein lauer Christ. Sicherlich standen die kirchlichen Fragen dem Vater näher als das Judenproblem. Als Staatsbeamter konnte er es sich bei der engen Verbindung von Thron und Altar nicht leisten, offen antiklerikal zu sein.

Solange der kleine Adolf inder Nähe der Mutter blieb, war er ganz ein Kind nach ihrem Sinne, fromm und allem Großen und Schönen, das die Kirche darbot, aufgetan. Der kleine, blasse Sängerknabe ging damals völlig in frommem Kirchenglauben auf. So wenig Hitler darüber sagt, so viel bedeuten diese Worte, die mehr verschweigen, als sie sagen. Das prunkvolle Stift war ihm vertraut geworden. Er fühlte sich mit kindlicher Empfänglichkeit von der Kirche angezogen. Die Mutter hat ihn gewiß auf diesem Wege bestärkt.

Je mehr er sich in den kommenden Jahren dem Vater näherte, desto weiter rückte dieses Kindheitserlebnis von ihm fort, desto mehr gewann die freisinnige Haltung des Vaters Oberhand. Die Schule in Linz tat ein übriges dazu. Franz Sales Schwarz, der Religionslehrer an der Realschule, war wenig geeignet, um auf diese Jugend einzuwirken. Die Schüler nahmen ihn nicht ernst!

Meine eigenen Erinnerungen darüber lassen sich mit wenigen Sätzen sagen: Solange ich Adolf Hitler kannte, erinnere ich mich nicht, daß er einen Gottesdienst besucht hätte. Er wußte, daß ich jeden Sonntag mit meinen Eltern in die Kirche ging, und nahm das als Gegebenheit zur Kenntnis. Er versuchte nicht, mich davon abzubringen, sagte wohl hin und wieder, daß er dies von mir nicht ganz verstehen könne, seine Mutter sei doch auch eine fromme Frau, trotzdem lasse er sich von ihr nicht zur Kirche nötigen. Doch solche Worte waren von ihm immer nur am Rande gesprochen, mit einer gewissen Nachsicht und Duldung, die sonst gewiß nicht an ihm zu beobachten war. Aber in diesem Fall ging es ihm anscheinend gar nicht darum, seine persönliche Auffassung durchzusetzen. Ich kann mich nicht entsinnen, daß Adolf, wenn er mich sonntags nach Schluß des Gottesdienstes bei der Karmeliterkirche abholte, einmal über diesen sonntäglichen Kirchgang abfällig gesprochen hätte, noch viel weniger an ein irgendwie ungebührliches Verhalten von ihm. Zu meinem Erstaunen machte er aus diesem gegensätzlichen Zustand nicht einmal eine Streitfrage.

Doch eines Tages kam er sehr erregt zu mir und zeigte mit ein Buch über Hexenprozesse, ein anderes Mal eines über die Inquisition. Aber bei aller Empörung über die in diesen Büchern geschilderten Vorgänge vermied er es, politische Forderungen daran zu knüpfen. Vielleicht war ich in diesem Falle doch nicht das richtige Publikum für ihn.

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Paula Hitler

Seine Mutter ging am Sonntag immer mit der kleinen Paula zur Messe. Ich kann mich nicht entsinnen, daß Adolf einmal seine Mutter in die Kirche begleitet hätte, auch nicht daran, daß ihm Frau Klara deshalb Vorstellungen gemacht hätte. So fromm und gläubig sie selbst war, hatte sie sich anscheinend damit abgefunden, daß ihr Sohn eine andere Bahn einschlug. Vielleicht stand ihr in diesem Fall auch das anders geartete Verhalten des Vaters im Wege, dessen Vorbild und Beispiel für ihren Einfluß auf den Sohn immer noch maßgebend war.

Zusammenfassend kann ich die damalige Haltung Hitlers der Kirche gegenüber folgendermaßen formulieren: keineswegs war ihm die Kirche gleichgültig, aber sie konnte ihm nichts geben.

Überschauend kann also gesagt werden: Adolf Hitler wurde Nationalist. Ich habe erlebt, mit welcher bedingungslosen Hingabe er sich dem Volke, das er liebte, bereits damals verschrieb. Allein in diesem Volke lebte er. Er kannte nichts anderes als dieses Volk.

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Und dieses Volk war ebenfalls verliebt, verliebt in Hitler


*

Siehe auch:

Gebt mir vier Jahre Zeit„Die letzten vier Jahre standen unter dem Namen des Führers. Sie werden eingehen in die Geschichte als die historische Zeitspanne seiner ersten großen Aufbauperiode; unvergänglich werden seine Leistungen sein. In diesen vier Jahren ist Deutschland wieder eine Weltmacht geworden. Wir alle können uns wieder mit Stolz Bürger dieses Reiches und dieses Volkes nennen.

Das, was in diesen vier Jahren in Deutschland geschaffen wurde, ist so vielfältig und so umfangreich, daß seine Darstellung nicht ein Buch, sondern eine ganze Bibliothek füllen würde. So kann es im Rahmen dieses Buches nur Aufgabe sein, einen Überblick über die wichtigsten Lebensgebiete und das, was auf ihnen geleistet wurde, zu geben. Allein schon dieser Überblick ist ein überwältigendes Dokument nationalsozialistischer Arbeit und nationalsozialistischer Politik.“

„Gebt mir vier Jahre Zeit“

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