Die Bombennacht in Wiesbaden – Eine 17-jährige Dotzheimerin hält sie in ihrem Tagebuch fest

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WIesbaden – Die Heimat in Trümmern

Diese Nacht war die bisher schlimmste in meinem Leben. Wenn ich mir diese Nacht vor Augen halten will, die Schrecken, Tod und unzähliges Leid über meine Heimatstadt brachte, so tue ich es nur aus dem Gedanken heraus, dass alle guten Vorsätze, die ich in jener Nacht, als ich den Tod vor Augen hatte, gemacht habe, wach und lebendig in mir bleiben. Jene Nacht war für mich mehr als eine Angriffsnacht voller Schrecken; sie bildete den Abschluss einer Epoche, die reich war an schönen Kindertagen, an lustigen Tagen in der Schule, die den Krieg mit seinen ersten Triumphjahren, aber auch die jetzigen Zeiten voller Leid und Schrecken brachte.

Diese Zeilen sollen mich immer daran erinnern, wie ich in jener Nacht voller Verzweiflung beim Rauschen der Bomben und beim Pfeifen der Luftminen zu Gott betete, er möge uns nicht sterben lassen. Ich werde diese Nacht nun schildern. Eigentlich waren es nur 50 Minuten – mir kamen sie vor wie eine Ewigkeit.

Das Heulen der Sirenen

Ich gehe – oder vielmehr renne – wie jeden Abend nach Hause. Renne aus Angst vor Alarm und Fliegern und Bomben. Eine Unruhe ist in mir, aber die habe ich ja jeden Abend. „Wenn ich nur heimkomme“, so denke ich, denn um diese Zeit ist meist schon Alarm. Gott sei Dank, das hätten wir mal wieder geschafft, ich bin zu Hause. Josef ist am Packen. Morgen früh um fünf geht es wieder an die Front. Wir wollen ihn alle zum Bahnhof begleiten. Ich esse zu Abend, und mir wird auf einmal so komisch zu Mute. Ahnungen? Quatsch! Mit allen Kleidern lege ich mich ins Bett, und schon schlafe ich fest. Wie lange? „Rosel, aufstehen! Es ist Voralarm!“ So höre ich Mama rufen. Ängstlich, wie ich bin, stehe ich sofort auf. Schlaftrunken ziehe ich den Mantel und die Gummistiefel an. Die Kleinen schlafen noch. Mama, Josef und Maria sind noch am Packen von Josefs Tornister. Sie stört das unheimliche Gebrumm unserer Nachtjäger nicht. Und dass draußen der Feind sein unheimliches Werk mit Hunderten von Leuchtschirmchen beginnt, sieht ja niemand. Die Verdunklung nimmt jede Sicht. Ich drehe das Radio an. Still!!! „Es ist 23 Uhr. Achtung, Achtung, die Luftlage! Kampfverband im Anflug auf Südwestdeutschland!“ Das sind wir, denke ich. Als ich auf der Treppe bin, gibt es Hauptalarm. Ein unheimliches Gefühl überfällt mich. Ist es das grausige Heulen der Sirenen oder die Ahnung, dass ich zum letzten Mal unsere Treppe hinuntergehe? Unsere Treppe, die ich tausend Mal hinuntergegangen und -gesprungen bin. Als Dreijährige zum Spielen in den Hof oder später in die Schule und dann in die Lehre.

Zittern ohne Ende

Rösemanns sind schon im Keller. Nun kommen auch unsere Kleinen. Sogar Josef kommt. Keine Spur von Angst in seinem Gesicht. Er hat an der Front mehr erlebt als solch einen Luftangriff. „Die Wiesbadener können heute was erleben“, sagt er. Wenn Josef das sagt!! Schon fange ich an zu zittern. Ich komme gegen dieses Zittern nicht an. Nun kommen Mama und Maria. Dann beginnt ein furchtbarer Krach in der klaren Nacht von Maria-Lichtmess. Ein Heulen, Zischen und Krachen, bald nah, bald von ferner. Dazwischen das Getöse von Hunderten von Flugzeugen. Ich presse die Hände an die Ohren und treibe Vogel-Strauß-Politik. Das mache ich immer, wenn es ganz schlimm ist.

Einer nach dem anderen verlässt seinen Stuhl und legt sich auf die Erde. Niemand spricht ein Wort. Oder doch?? Ich lasse für ein paar Sekunden die Hände von den Ohren und höre Margaretchens Kinderstimme: nicht wie sonst. Voller Verzweiflung stößt sie das Gebet heraus: „Maria breit‘ den Mantel aus.“ „Lass die Gefahr vorübergehn“, sagt sie gerade, als ein ungeheurer Luftdruck das ganze Haus erschüttert. Die Glastür wird aufgerissen, die Carbid-Lampe erlischt. Das Ofenrohr fliegt heraus, und der ganze Keller steht unter Dreck. Man kann ihn kauen.

Ein riesiges Flammenmeer

Ich bin kein denkender Mensch mehr, sondern nur noch ein zitterndes Nervenbündel. Marianne stößt mich an und deutet nach dem Fenster. Alles um uns scheint ein riesiges Flammenmeer. Dann wieder Schlag auf Schlag. Man duckt sich in eine Ecke und wartet auf den Tod. Mit 17 Jahren!

Was schreit da Papa? Alles raus, unser Haus brennt! Ein Gedanke kommt uns allen: der Großvater. Er ist noch oben. Er will nie in den Luftschutzkeller. „Er ist nicht mehr“, sagt Papa. „Herr, gib ihm die ewige Ruhe“, sagt Hildegard.

Nun geht es über herausgerissene Türen, Fensterscheiben und Schutt hinaus ins Freie in die hell erleuchtete Nacht. Ein kurzer Blick nach oben. Unsere Seite ist schon stark in Mitleidenschaft gezogen. Da sehe ich Josef mit unserem Großvater auf seinen Armen. Gott, ich danke Dir. Unheimlich prasselt das Feuer – und dazwischen noch immer das Krachen der Bomben…

Feuerwehr ist keine zu sehen. Wir wundern uns nicht, denn ein Blick zur Stadt sagt uns alles. Man kann nichts tun als zuzusehen, wie alles den Flammen zum Opfer fällt. Es geht auf den Morgen zu, als wir auf einem Fußboden bei Nachbarn Ruhe finden. Der Morgen dämmert, und ein grauer Tag ohne Freude beginnt. Eine Melodie klingt mir in den Ohren: „Glaubst du, dass jemals die Sonne wieder scheint?“ Ich glaube ja, denke ich. Denn ich bin erst 17.


Quelle

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