Wiederaufbau nicht erwünscht: Deutsches Kulturgut wird gesprengt – Das Berliner Stadtschloß

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Das Berliner Schloss wurde am 3. Februar 1945 von mehreren schweren Spreng- und unzähligen Brandbomben getroffen. Aber das riesige Bauwerk war weniger zerstört als z.B. das Charlottenburger Schloss. In seinen Mauern stand es, zwar ausgebrannt, dennoch festgefügt da. Seine Sprengung war ein reiner Willkürakt.

Es brannte fast vier Tage lang. Löschversuche wurden nicht unternommen, angesichts der nun schon fast zwei Jahre dauernden, täglichen Bombenangriffe hatten die Berliner resigniert. Was nützte es, zu löschen, wenn schon morgen ein weiter Angriff alle Mühe zunichte machte.

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Die Berliner Stadtmitte am Kriegsende 1945

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Das Berliner Schloss im Mai 1944 nach einem ersten, schweren Bombentreffer auf der Lustgartenseite. Das Zeughaus im Vordergrund war damals schon ausgebrannt.

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Der Sprengbombentreffer durchschlug die linke Seite des Eosanderrisalits und zerstörte die Große Bildergalerie und die darunterliegenden Königskammern, löste jedoch kein Feuer aus.

Die DDR-Führung wollte die preußische Geschichte aus ideologischen Gründen tilgen. Deswegen wurden das Berliner und das Potsdamer Schloss sowie die Potsdamer Garnisonskirche gesprengt, obwohl ihr Wiederaufbau möglich gewesen wäre, wie man an den Beispielen des Schlosses Charlottenburg, der Würzburger Residenz und vielen nach dem Krieg wieder aufgebauten Kunstwerken der Architektur sieht.

Als im Juli 1950 vom Ministerrat der DDR beschlossen wurde, daß Schloss zu sprengen, schlugen die Wellen hoch: überall regte sich Protest. Hier einige noch heute emotionalisierende Äußerungen der Befürworter der Sprengung und des Protestes dagegen:

„Das Zentrum unserer Hauptstadt, der Lustgarten und das Gebiet der jetzigen Schlossruine, müssen zu dem großen Demonstrationsplatz werden, auf dem der Kampfwille und Aufbauwille unseres Volkes Ausdruck finden.”

(Walter Ulbricht, Generalsekretär der SED, 1950)

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Portal IV, Lustgartenfassade, 1950

„Solange man mir den Mund nicht gewaltsam verschließt, werde ich nicht aufhören, gegen den Beschluß zu protestieren, und zwar nicht als Angehöriger des Westens, sondern als ein Sohn des Ostens, der aufs Innigste mit Berlin und seiner Kultur verknüpft ist und der bemüht ist, in kulturellen Fragen dem Osten das Gewicht zu erhalten, auf das er durch die großen Hinterlassenschaften der Kunst, wie das Berliner Schloss, einen Anspruch hat.”

(Prof. Dr. Richard Hamann, Dekan der Kunsthistorischen Fakultät der Ostberliner Humboldt-Universität, 1950)

„In Anbetracht seiner europäischen künstlerischen, seiner geschichtlichen, seiner städtebaulichen und sozialgeschichtlichen Bedeutung, in Anbetracht dessen, daß das Schloss ein Zeuge der Berliner Baukunst durch fünf Jahrhunderte ist, wendet sich die Deutsche Akademie der Wissenschaften mit schwersten Bedenken gegen eine etwa geplante endgültige Zerstörung des Schlosses. Die Akademie tut dies in der Erfüllung ihrer Kompetenz und ihrer Pflicht, sich an der Fürsorge für die Kulturgüter des deutschen Volkes im allgemeinen und an der Denkmalpflege im besonderen zu beteiligen. Unter den von dieser zu betreuenden Objekten steht das Schloss an erster Stelle.”

(Prof. Dr. Johannes Stroux, Präsident der Akademie der Wissenschaften, Berlin-Ost, 1950)

„Hier steht wahrhaft zeitlose und große Form vor uns, auch in der Ruine spricht sie noch laut und eindrucksvoll genug. Man sollte sie retten, wiederherstellen. In Berlin aber wird weiterhin gesprengt und eingerissen – die Sprengung des Berliner Schlosses ist ein unbgreiflicher Akt fanatischen Zerstörungs-willens, den die Geschichte als sinnlos und frevelhaft verurteilen wird.”

(Prof. Dr. Ernst Gall, Generaldirektor der Preußischen und Bayrischen Verwaltung der Schlösser und Gärten, 1950)

Blick aus dem Vestibül des Elisabethsaals in den Schlüterhof, 1950. Über der Nordfassade sieht man die ausgebrannte Kuppel des Berliner Doms.

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Hauptrisalit des Schlüterhofs, kurz vor seiner Sprengung im Herbst 1950.

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9. September 1950. Sprengung der Südwestecke des Schlosses

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Die FDJ wurde zu Hunderten zu „freiwilligen Aufbauschichten” in die gesprengte Ruine abkommandiert. Mit den Bildern von Grotewohl, Stalin, und dem Staatspräsidenten der DDR, Pieck(v.l.) im Neptunsbrunnen vor Portal II, unterstützt von Blasmusik, baute man am neuen Berlin, dem öden Aufmarschplatz.

„So ist mein Gewissen beruhigt. Jetzt schreien alle, und wenn das Schloss weg ist, kräht kein Hahn mehr danach.”

(Otto Grotewohl, SED, Ministerpräsident der DDR, 1950)

Die dann entstehende, gestaltlos zerfließende Fläche würde an ihrem Ostrande, aber nicht einmal in dessen Mitte, als einzigen Akzent den Dom tragen, eben jenes pseudotektonische Gebilde mißverstandener Pompentfaltung, das schon immer störte und jetzt in der Isolierung um so aufdringlicher zur Geltung kommen müßte. Will man das wirklich? Neben der hochragenden Dom-kuppel kann kein Gebäude, das in gleicher Flucht – nur um Straßenbreite getrennt – errichtet werden soll, irgendwie platz-beherrschend wirken, stets wird der Dom es erdrücken.”

(Ernst Gall, 1950)

„Wir hatten die Wahl – Schloss oder Dom. Hätten wir den Dom abgerissen, dann hätte der Westen für einige Jahre Wasser auf der Mühle gehabt und von ‘Kirchenstürmerei’ gesprochen. Dann lieber das Schloss. Mit den Kunsthistorikern werden wir schon fertig!”

(Wilhelm Girnus, später Staatssekretär für Fach- und Hochschulwesen der DDR, 1951)

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9. September 1950. Die Südwestecke des Schlosses ist niedergelegt. Erste große Sprengbresche im großen Schlosshof.

Das Quergebäde ist niedergelegt, Blick in den Großen Schloßhof, September 1950

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Sprengung des nächsten Teils an der Südfassade. Die Straßenkehrer haben die Warnung nicht gehört und zucken beim Sprengknall erschreckt zusammen.

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Sprengung weiterer Abschnitte der Südfassade bei Portal II

„Wer auch nur eine Spur von Gefühl für Architektur hat, weiß, daß man mit dem Ausbau von einzelnen Architekturteilen niemals der Nachwelt eine Vorstellung von dem Riesenatem eines solchen Werkes vermitteln kann.”

(Kurt Reutti, Journalist, 1950)

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Sprengung des Schlüterschen Eckrisalits an der Südostecke

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Sprengung des Schlüterhofs

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Das blieb nach der Beseitigung des Schlosses: Die öde Aufmarschfläche 1951. Hier stand einst das mächtige Eosanderportal mit der Kuppel.

„Die Machthaber des östlichen Berlin vernehmen den Ruhm des Schlosses als Mißlaute eines längst vergangenen Fürstenkults. Diese haben ihre empfindlichen Trommelfelle irritiert und sollen jetzt zum Verstummen gebracht werden. Sie wollen lieber ihre eigenen Laute hören auf dem Aufmarschplatz, den sie auf dem Grundstück des abgerissenen Schlosses anlegen. Auch dieser öde Platz wird eines Tages wieder ein Denkmal sein, ein Denkmal der Pietätlosigkeit, der Engstirnigkeit und der geistigen Armut” .

(Prof. Ragnar Josephson, Svenska Dagbladet, Stockholm, 1950)

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Blick in die Kapelle vom Schlüterhof aus

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Teile des Netzgewölbes im Chor waren bis zum Schluss erhalten.

Durch den Brand 1945 stürzte die von Schinkel für den Ausbau der Wohnung von Friedrich Wilhelm IV. heingezogene Zwischendecke ein. So konnte man die Kapelle noch einmal in ihrer ganzen gotischen Höhe und Schönheit sehen.


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