Jazz statt Gas – Nigger-Swing im Konzentrationslager

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Die Ghetto-Swingers unter Leitung von Martin Roman, Standfoto mit Coco Schumann, Fricek Weiss, Fritz Goldschmidt, Nettl, Ratner

Entartete Musik

„Entartete Musik“. Plakat von Hans Severus Ziegler aus dem Jahre 1939. Vor allem der „Nigger-Jazz“ war in den offiziellen Kreisen besonders verpönt.

Vor der Kulisse des Steinbruchs im früheren KL Mauthausen fanden im Jahre 2005 spektakuläre Veranstaltungen statt: Die Wiener Philharmoniker unter Sir Simon Rathe gaben Beethovens Neunte. Der Jazzer Joe Zawinul („Es wäre völlig vermessen, Authentizität herstellen zu wollen“) ließ mit massiver technischer und multimedialer Verstärkung zum 60. Jahrestag des Baubeginns seine Mauthausen-Kantate erschallen. Doch keiner der Schaulustigen, die zu dem Ereignis erschienen waren, ahnte auch nur im leisesten, daß Musik längst in der Luft lag, als das Lager noch von Häftlingen belebt war.

„Daß sich so viele Häftlinge so oft mit Musik beschäftigt haben, überrascht und wurde bisher kaum zur Kenntnis genommen“,

bedauert der tschechische Musikwissenschafter Milan Kuna:

„Die Gelegenheiten und Anlässe, zu denen musiziert wurde, waren dabei ebenso unterschiedlich wie die Musik, die dabei gemacht wurde.“

Im August 1942 hatte SS-Gruppenführer Heinrich Müller („Gestapo-Müllen“) allen KL-Kommandanten befohlen, in jedem Hauptlager eine Kapelle zu bilden. Öffentlich spielten die Orchester auf dem Appellplatz, musikalisch begleiteten sie die Häftlinge, wenn diese frühmorgens in Kolonnen durch das Lagertor zur Arbeit ausrückten und nach Feierabend wieder geschlossen ins Lager zurückkehrten. Auch bei hohem Besuch traten die Kapellen in Aktion: Noch im Januar 1945 hieß man Himmler in Mauthausen mit dem „Hochzeitsmarsch“ aus Wagners Lohengrin und mit dem

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SS-Standartenführer Franz Ziereis

Florentinermarsch willkommen, anläßlich eines noch späteren Besuchs mit Suppes Leichter Kavallerie und Schuberts Unvollendeter, beides Lieblingsmelodien auch des Lagerkommandanten Franz Ziereis.

„Im Lager als Musiker anerkannt zu sein, brachte kleine Vorteile mit sich“,

erklärte Kuna. Die Orchester waren zwar als Arbeitskommando organisiert, wurden aber, wenn sie nicht gerade musizierten, zu leichteren Arbeiten eingeteilt. Sie unterhielten nicht nur die Mithäftlinge, sondern sonnten sich auch in der Huld der Hierarchie. Der Kommandant des Lagers Flossenbürg mutierte zum sanften Lamm, wenn ihm die Lager-Musik sein Lieblingslied Warum hat die Eule so geheult? zu Gehör brachte.

In Dachau, dem ältesten KL auf deutschem Boden, war die Musik-Kapelle gar ein eigenes Arbeitskommando. Die Mitglieder probten jeden Tag, erhielten hierfür eine Zulage und begrüßten auswärtige Besucher mit deutschen Märschen und mit leichter Musik. Standard waren unter anderem die zweite Ungarische Rhapsodie von Franz Liszt sowie die Ouvertüren zu Offenbachs Orpheus in der Unterwelt, Rossinis Diebischer Elster und Suppßs Dichter und Bauer. Auch Strauss-Walzer spielte man.

„Eines der erstaunlichsten Kapitel in den KL aber war der Jazz. Bekanntlich hatten die Nationalsozialisten den von ihnen sogenannten ‚Nigger-Jazz’ in Acht und Bann getan und erlaubten erst später einige Erleichterungen. ‚Umso unglaublicher scheint es, daß in deutschen Konzentrationslagern Jazzmusik gemacht werden konnte’, wunderte sich Kuna Tatsächlich wurde Häftlings-Jazz nicht nur geduldet, sondern sogar von SS-Angehörigen gern gehört. Der offizielle Boykott ließ die Bewacher kalt, die Häftlinge konnten ‚hotten’, was die Saxophone hergaben.“

In Buchenwald jazzte eine 14köpfige Combo namens „Rhythmus“. Der französische Kommunist Louis vMarccw Markovitch gab musikalisch den Ton an und beherrschte Tenorsaxophon und Klarinette, sein Landsmann Ives Darikt, bekannt unter dem Künstlernamen Jean Roland, schrieb die Arrangements. Der Däne Finn Jacobsen und der Niederländer Lena bliesen die Trompete. Die „Rhythm-Boys“ mit dem Russen Nikolay an der Gitarre, John Verden am Schlagzeug und Herbert Goldschmied am Piano übten „Etüden“ von Duke Ellington, Cole Porter, Glenn Miller, W. Chandy und Irving Berlin. Hinzu kamen Hits der Jazz-Genies von Louis Aarmstrong über Artie Shaw bis zu Fats Waller. Abgesehen von größeren Unterhaltungskonzerten in der Kinohalle wanderten die Jazzer in kleiner, wechselnder Besetzung von Block zu Block:

„Bei solcher Gelegenheit konnten sie dann beispielsweise auch mit Glenn Millers In the Mood aufwarten, das im besetzten Europa noch fast nirgendwo zuhören gewesen war.“

Damit das Buchenwalder Jazzorchester spielen konnte, mußten einflußreiche Funktionshäftlinge begabten Musikern solche Arbeitsplätze verschaffen, die ihnen Kraft und Muße für das Musizieren ließen, anerkannte Kuna, um jazzgerechte Arbeitseinteilung kümmerte sich der kommunistische Professor Herbert Weidlich, der seit 1942 in Buchenwald einsaß und sich um die Pflege des Jazz im KL größte Verdienste erwarb. Er nutzte seine Funktion weidlich aus und hielt seine Hand über die Interpreten. Sein „Arbeitseinteilungskommando“ hatte, wie er betonte, auch einen bedeutenden Anteil an der „antifaschistischen Widerstandsleistung“.

In Sachsenhausen wiederum saßen Jungtschechen, die an verbotenen Studentendemonstrationen teilgenommen hatten. Diese sogenannten „Sing-Sing-Boys“ sangen Schlager von Jaroslav Jezek, die wegen ihres Textes im Dritten Reich verboten waren. Der Chor löste sich ersatzlos auf, als die „Boys“ im Laufe des Jahres 1942 wieder nach Hause reisen durften. Gepflegten Tschechen-Jazz hörte man auch in Mauthausen: Dort erwehrte sich der promovierte Blockfriseur Dr. Jaroslav Tobiasek, der zum Großen Lagerorchester gehörte, aber auch Motor der Mini-Jazzband war, erfolgreich der Rivalität des Dirigenten Rumbauer, der die Combo als Konkurrenz behinderte. Die Mitglieder der Kapelle stammten aus allen Ländern Europas, Saxophonist war Rudolf Dudäk.

Selbst in Bistritz bei Beneschau, einem Klein-KL südwestlich von Prag, wurde Jazz gespielt: Die Pianisten Kopecky, Manc und Zschok entlocktenden Klavieren Melodien aus Gershwins Werken Rhapsody in Blue und Ein Amerikaner in Paris. Fischers Tanzorchester intonierte Kompositionen von Cole Porter, Duke Ellington, Charlie Chaplin und Irving Berlin. Hinzu kamen noch allerlei Lieder, interpretiert von Pospisil, So-Besky oder vom „Lager-Caruso“ Kabourek.

In Auschwitz, wo die Swing-Combo „Die Fröhlichen Fünf“ (poln. „Weso a Pitka“) existierte, nahm SS-Unterscharführer Pery Broad Anteil am Jazzgeschehen:

„War Broad besserer Laune, hörte er zu, wenn moderner Jazz gespielt wurde, oder nahm selbst daran teil, wobei er mit fachmännischer Leichtigkeit auf einem Multiregisterakkordeon swingte.“

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Einladung des Gerron-Swingorchesters

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Von oben: Coco Schumann um 1942; das Signet der Ghetto-Swingers; der Sinti Django Reinhardt, der die Kriegsjahre unbehelligt in Paris verbrachte.

Wegen Beihilfe zum Mord wurde der SS-Jazzfan im ersten Auschwitzprozeß in Frankfurt am Main verurteilt.

Vor seinem Auftreten mit dem Prager Geiger Otto Sattler und dem niederländischen Duo „Jonny und Jones“ in Auschwitz hatte sich der aus Berlin gebürtige Häftling und Jazzgitarrist Coco Schumann (*1924 ) als „Ghetto-Swinger“ in Theresienstadt bewährt. Dort wetteiferte das „Weiss-Quartett“ mit dem „Dixieland-Orchester“ von Erich Vogel. Bedoich Weiss, genannt „Fricek“, war schon dem Prager Publikum der dreißiger Jahre als einer der profiliertesten Jazzer ein Begriff und machte nun im Camp seinen „Doktor Swing“. Nicht nur äußerlich ähnelte er Benny Goodman, der von den Nationalsozialisten als „Swing-Jude“ verunglimpft wurde, er spielte auch in diesem Stil. Unter der Ägide des begabten deutschjüdischen Pianisten Martin Roman schlossen sich beide Kapellen zusammen, um fortan als „Ghetto Swingers“ zu firmieren. Der bekannte Roman, ein Goodman-Verehrer wie Weiss, war aus rassischen Gründen von Berlin nach Amsterdam ausgewandert und hatte vor 1940 die bekannten Amerikaner Louis Armstrong, Coleman Hawkins und Lionel Hampton auf Tourneen begleitet. Roman war auch mit dem „Zigeuner-Baron“ Django Reinhardt unterwegs gewesen. Von dem holländischen KL Westerbork nach Theresienstadt geholt, übernahm er die künstlerische Leitung und arrangierte mit Weiss an die dreißig neue Kompositionen, Zur Kennmelodie wählte man Gershwins/Cot Rhythm. Der Tenor Fredy Haber und ein feminines Trio im Stil der „Andrews Sisters“ wirkten als Vokalisten.

Die Ghetto-Swingers, die im Cafe am Marktplatz auftraten, jazzten auch im Film Der Führer schenkt den Juden eine Stadt, auf dem der jüdische Regisseur Kurt Gerron (1897-1944 ) das Vorzeige-KL für Werbezwecke auf Zelluloid bannte. Die Bandmitglieder, die im Film mit einem Swingarrangement des „Bugle Call Rag“ einheizten, trugen einen blauen Blazer, der mit dem Davidstern verziert war.

„Ist all das nicht ein Wunder?“

fragte sich in seinem Tagebuch der musikalische Willi Mahler unter dem Eindruck des „Großen Festkonzerts“ am 25. Juni 1944 in Theresienstadt.

„Der deutsche Soldat verliert den Kampf um sein Dasein im Westen, Süden und in Osteuropa, und die Juden, eingeschlossen in der Theresienstädter Atmosphäre, haben die Möglichkeit, Promenadenkonzerten ihrer Kapelle zuzuhören und dazu noch auf Befehl der deutschen Leitung unserer Siedlung.“

Doch je näher die Rote Armee rückte, desto frecher texteten die Tschechen:

“…am Ende werden wir alle lachen, wenn jeder auf Deutschland scheißt.“

Der Prager Musikant Karel Hasler (Unser tschechisches Lied) hatte hierzu keine Gelegenheit mehr. Er wurde in Mauthausen von Mithäftlingen ermordet. Dem Saxophonisten Rudolf Dudak rettete sein Instrument das Leben, als ein US-Flieger aus heiterem Himmel auf die Opfer des Faschismus im Lager schoß:

„Der Angriff erfolgte am hellen Tag, während gerade die Lagerkapelle auf dem Appellplatz musizierte. Die Musiker stoben auseinander, um vor den Querschlägern Deckung zu suchen. Rudolf Dudak trug dabei zum Glück das Saxophon an einem Band um den Hals, so daß das Instrument seinen Bauch deckte. Ein Geschoß streifte das Metall, glitt ab wie an einem Stahlhelm, und Dudak kam mit dem Leben davon.“ Fred Duswald


Quelle

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3 Kommentare

  1. Waffenstudent

    „Sport in Auschwitz“ […]

    Waffenstundent: Ich mußte Deine Zeilen leider löschen. Sicher, sie waren zum Thema passend, aber doch nicht in der Lügenversion, bitte. Über den „Erlebnisspark Auschwitz“ gibt es nämlich auch viel Glaubwürdigeres zu berichten, wie das hier, zum Beispiel:

    https://criticomblog.files.wordpress.com/2013/12/auschwitz-birkenau.jpg?w=710

    „730 bis 820 Meter (800 to 900 yards) von der Stelle, wo die Öfen waren, wurden die Gefangenen in kleine Wagen gequetscht, die auf Schienen fuhren. In Auschwitz hatten diese Wagen verschiedene Dimensionen und konnten bis zu 15 Personen fassen. Sobald ein Wagen beladen war, wurde er auf einer schiefen Ebene in Bewegung gesetzt, die bei voller Geschwindigkeit einen Korridor hinunterfuhr. (Anm.: laut orthodoxer Grammatik fuhr die schiefe Ebene: set in motion on an inclined plane that traveled at full speed down a corridor.) Am Ende des Korridors gab es eine Wand und in der Wand war die Tür zum Ofen. Sobald der Wagen die Wand traf, öffnete sich automatisch die Tür, und der Wagen tauchte nach vorn ein (dip forward) und warf seine Ladung lebender Menschen in den Ofen. Gleich dahinter kam ein weiterer Wagen und so weiter.“

    Quelle

    Ein ironischen Gruß vonne Förde! 😉

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  2. nisof

    KRISTENTUM UND KOMMUNISMUS SIND JUDISCHE ERFINDUNGEN!!! HEIL HITLER!

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  3. Coco der Hausaffe

    Hier sabbelt der Lügen-Coco auch seine Märchen:


    IN FULL SWING‘ Swing in Berlin – damals und heute

    Swing strahlt Lebensfreude aus.
    Dies gilt heute wie damals.
    Durch Gespräche mit Zeitzeugen, die trotz Auflagen des Naziregimes dieser undeutschen Musik treu blieben,
    und über Interviews mit Akteuren der gegenwärtigen SwingSzene in Berlin, zeigt dieser Film in Wort und Bild, dass Swing mehr als einfach nur eine Musikrichtung oder ein Tanzstil ist.

    Ein Film von:
    Katherina Lörsch

    mit:
    Tycho Pfäfflin
    Birgit Linse-Mohn
    Andrej Hermlin
    Manfred Omankowski
    Coco Schumann

    Realisation:
    Swantje Bahnsen
    Birte Hoffmann
    Katherina Lörsch
    Laura Martin
    Alexandra Peewa
    Nina Rudolph

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