Neujahrsempfang 1942 im Verbannungsort

Das sibirische Dörfchen „Lopatka“ war unser Verbannungsort. Fünf deutsche Familien waren hier untergebracht. Unter ihnen war auch unser Mitschüler Wolodja Maier.

Einen recht melancholischen Anblick boten die kleinen Häuschen in diesen Dörfchen. Sie waren in einem unglaublich verwahrlosten Zustand und schienen sich zu wundern, dass unter ihrem Dach überhaupt noch Menschen wohnten.

Keine Umzäunung, keine Tore. Hier gab es keine Elektrizität, kein Radio. Telefon nur im Kolchosgebäude. Auch hier erinnerte alles an den Krieg, welcher wie eine Windhose auch hierher eindrang.

Es näherte sich das Jahr 1942. Ich erinnere mich an den Empfang des Neuen Jahres 1942 in der Verbannung – Sibirien. Ich ging mit meinem Bruder Heinrich als Gast zu unserem ehemaligen Mitschüler Wolodja Maier. Seine Eltern bewirteten uns zum Neuen Jahr mit Pellkartoffeln, Kräutertee und einem Stückchen Brot. Nach Unterhaltung und Erinnerung an unsere Schuljahre und über unsere weitere Zukunft, beim Licht einer Petroleumlampe, bedankten wir uns ganz herzlich für die Bewirtung und verließen das gastfreundliche Haus. Wir gingen durch die dunklen Straßen des Dorfes. Ein kalter Nordwind wehte uns entgegen. Der Tag war kalt, die Nächte waren eisig. Der Wind drang durch die Kleidung und jagte Frostschauer über meine Haut. Eisiger Wind schnitt ins Gesicht, die Augen tränten.

Plötzlich klang aus einem kleinen Häuschen ein Lied auf, ein altes deutsches Volkslied. Wir blieben stehen. Es klang so rein, so echt deutsch. Beglückt ging ich näher und hörte zu. Ich spürte keine Kälte mehr. Da schwang noch etwas anderes in mir, etwas unsagbar Glückliches, Sehnsuchtvolles. Auch hier in der Verbannung, unter dieser Demütigung, verschwand das Deutsche nicht.

„O, Gott! Unglaublich, dass unter diesem friedlichen Himmel gleichzeitig auf dieser Erde furchtbare Kriege wüten“, sagte ich mir. Dann atmete ich mit voller Brust die kalte Luft tief ein und schrie auf deutsch:

„Hallo, Neues Jahr! Wir wünschen Dir Gesundheit! Mach Ende mit dem Krieg und hab Erfolg für Frieden und Wohl der Menschheit!“

Das deutsche Echo meiner Stimme unterbrach die nächtliche Stille und schallte weit über das nächtliche, sibirische, russische Dörfchen, wo es schließlich versank.

Aber niemand von uns konnte damals ahnen, welchen zusätzlichen Todesschlag die Russlanddeutschen nach zwei Wochen des Jahres 1942 bekommen würden – die Zwangsarbeitslager.

…Der Zug fuhr an, und wieder trug er Tausende zusammengepferchte russlanddeutsche Männer ins Ungewisse.

 

Gottlieb Eirich, Schweinfurt


Ost-West-Panorama

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2 Kommentare

  1. Lena

    Es tut mir sehr leid für Sie, Herr Gottlieb Eirich, Sie sind Juden in die Falle gegangen oder selbst sogar einer.
    Auf dieser Seite, sind auf den Bildern nur jüdische Menschen für mich erkennbar und
    ich habe ein sehr gutes Gespür:

    https://www.schweinfurt-evangelisch.de/inhalt/mutter-der-spaetaussiedler

    Doch es kann nicht sein, das Deutsche sich von Juden einfangen lassen!
    Diese Zeiten haben wir über mehrere 1000 Jahre gehabt.
    Für Sie hoffe ich, daß Sie nur gutgläubig in diese Falle geraten sind.
    Bitte stehen auch Sie auf zum Kampf gegen die Judenherrschaft!

    Gefällt 1 Person

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