Rußlanddeutsche unter dem roten Stern

Ich, Samuel Kautz (Junior) bin geboren 1918 in einer Bauernfamilie in einem lutherischen Dorf Neu-Orloff, Kreis Jenakijewo, Donezkgebiet, Ukraine. Gegründet wurde dieses Dorf 1888, die Gründer stammten von den Taganrog – Jeysk und Ludwigstahl Gemeinden. Das Land gehörte den berühmten Brüdern Grafen Orloff, und die Dörfer hießen auch entsprechend Neu-Orloff oder Nowo Orlowka, Brunnwald oder Malo-Orlowka. Mein Vater Samuel Kautz ist 1894 geboren, mein Großvater David Kautz ist 1873 geboren, mein Urgroßvater Jakob Kautz ist 1851 in der Ukraine, im Don-Gebiet geboren.

Insgesamt hatte mein Vater 8 Geschwister, von denen drei als kleine Kinder verstorben sind. Am Leben sind geblieben Daniel, David, Emma, Marta und Rosalie. Mein Vater hat 1917 meine Muter geheiratet – Olga Leipi. Sie hatte auch 4 Geschwister: Philipp, Eduard, Johanes und Marta, 1919 ist meine Schwester Frieda geboren, 1920 – Bruder Emanuel, 1921 – Schwester Olga, 1929 – Schwester Gerta. Ich kann mich noch gut erinnern, vom Jahre 1923, unser Großvater David Kautz hat uns ein (altes Pferd) Schimmel geschenkt, und der Vater von meiner Mutter schenkte uns ein Rind, Land haben wir ein bisschen gehabt und so hat mein Vater angefangen zu wirtschaften, soweit das unsere Kräfte erlaubt haben. Die Ernte im Jahr 1923 war sehr gut, wir wussten nicht, wie wir fertig werden sollten.

Meine Eltern haben mit der Sichel gemäht, und dann sind die Garben gebunden worden, und ich habe sie zusammen geschleppt auf einen Haufen. Anno 1924 hat der Vater noch ein Pferd gekauft. Und aus dem Rind ist eine Kuh geworden. Irgendwann 1922-23 kam Befehl aus Moskau, das Land an die Bauern zu verteilen, pro Person wurden zwei Hektar Land zugesprochen. So haben wir mehr Land gehabt und viel mehr Arbeit. 1925 ist es uns schon viel besser gegangen, denn wir hatten 4 Pferde und drei oder 4 Milchkühe. Ich war 7 Jahren alt und musste dem Vater helfen. Er hat mich an den Sitz der Mähmaschine angebunden, damit ich nicht runterfalle, falls ich einschlafe, und so habe ich die Pferde getrieben. 1927 hat der Vater den Dachstuhl unseres Hauses umgebaut und mit verzinktem Blech gedeckt.

Und Land haben wir noch dazu gepachtet, ich glaube es waren 20 Hektar. Die Geschwister sind auch schon beigewachsen. Und dann hat er Hilfe gebraucht für die viele Arbeit, und so wurden zwei Leute in die Familie aufgenommen, ein Mann und eine Frau, um uns bei der täglichen Arbeit zu helfen. Das ganze Jahr waren sie bei uns, wie die eigene Familie. Wir haben zusammen im Stall geschlafen, hinter den Pferden.-Zu dieser Zeit hatten wir sechs bis acht Pferde gehabt, und die mussten gepflegt werden, auch nachts. Morgens vor dem Sonnenaufgang waren wir schon auf dem Feld. Es ging uns immer besser, Vater hat eine Buttermaschine gekauft, denn mit dem Butterfass konnten wir das alles nicht verarbeiten. Eine Dreschmaschine war auch gekauft, Getreide, meistens Mehl, Hühner, Eier haben wir in die 20 km entfernte Stadt Jenakiewo auf den Markt gebracht und verkauft, ein Pud (16 Kilo) Mehl hat damals weniger als ein Rubel gekostet, ein Pferd 15 bis 20 Rubel, eine Kuh 60 – 65 Rubel. Es waren auch Zeiten, dass man kein Geld hatte, aber wir Kinder brauchten Kleidung, Schuhe und die Ladenbesitzer in Jenakievo waren meistens Juden. Die haben uns Deutsch angesprochen: „Vader, Vader, komm mal rein.“ Da sagte der Vater: Ja, ich habe kein Geld. „Ich schreib dir auf! Wenn du die Ernte verkaufst, dann bringst du mir das Geld“.

Das war das Jahr 1928, da war die Zeit der NÖP – Neue Ökonomische Politik. Von Weltpolitik oder Inlandpolitik haben wir nichts mitgekriegt, es ging uns immer besser, wir waren starke Bauern, aber reich waren wir nicht, es gab manche, die viel reicher waren als wir. Auf einmal kam die Veränderung zu uns ins Dorf, 1929 hat man uns stimmlos gemacht weil meine Eltern Mietarbeiter hatten – Knechte und Mägde. Das war die erste Stufe vom stalinistischen Terror. Danach hat man uns mit hohen Steuern belegt, meistens mussten wir Getreide liefern, dafür hat man uns auch bezahlt, aber sehr wenig.

Also, 1929 sind wir damit noch fertig geworden, aber 1930 ist das schon ganz anders gekommen. Dann sind sogenannte Sozi organisiert worden, es waren noch nicht Kolchosen, das Land war gemeinsam zu bewirtschaften, Samen und Getreide ist auch zusammengefahren worden. Aber das Vieh war bei jedem zuhause. Es gab nur Durcheinander. Es ist das Jahr 1931 eingebrochen mit schrecklicher Hungersnot, dazu hat man noch die Kolchose organisiert, aber da sind wir nicht aufgenommen worden. Uns hat man als Kulaken anerkannt. Aber was das eigentlich hat bedeuten sollen, konnten wir noch nicht begreifen!

Was das ist, hat auch niemand gesagt. Eines Tages sind durch unser Dorf mehrere Pferdekutschen vorbeigefahren aus dem Russennachbardorf, es war ein reicher Gutsbesitzer Solomachin, er ist enteignet worden, er hatte ca. 300 Hektar Land, Dampfmühle, Ölmühle, großen Laden, alles weggenommen. Was aus ihm geworden ist, kann ich nicht sagen, aber es hat nicht lange gedauert, dann waren wir an der Reihe, man hat uns das Land und Vieh geraubt aber die Steuer ist geblieben. Eine Kuh hat man uns gelassen, gelebt haben wir von dem Grundstück, was ums Haus war. Vater hat zeitweilig im Bergbau unter Tage gearbeitet aber zum Festeinstellen brauchte er eine Bescheinigung vom Dorfrat, und die hatte man ihm nicht gegeben, und so musste er aufhören zu arbeiten.

Im Jahr 1932 hat man uns noch mit mehr Steuern belegt, vor Angst haben wir – ich, mein Vater, mein Bruder – nicht mehr zuhause geschlafen. Nachts sind NKWD-Leute gekommen und haben die Leute verhaftet, Ende 1932 sind sie auch zu uns gekommen: „So Kautz, du hast nichts ausgeliefert, nichts bezahlt, jetzt wird versteigert“. Das Haus mit allem was drin und draus war, war weg, meine Eltern, meine Geschwister, wir sind auf der Straße gelandet. Wohin jetzt? Was tun? Auf einmal war alles weg, nichts zu essen, überhaupt nichts. Die Oma und der Opa waren noch da gewesen, auch die Brüder von meiner Mutter waren noch nicht enteignet. Und so haben wir bei Verwandten Unterkunft gefunden. Die NKWD-Mitarbeiter haben weiter nachts die Leute abgeholt, jeder war dran, wenn nicht heute, dann morgen. Eine Nacht waren wir an der Reihe, mein Vater ist durch die Hintertür rausgewitscht.

Einen Stiefel hat er angezogen, und den anderen hatte er in der Hand! Weg war er, und so haben wir, ich glaube ein halbes Jahr, nichts gehört von unserem Vater. Eines Tages haben wir von ihm einen Brief bekommen, ich kann mich nicht mehr erinnern wer ihn gebracht hat. Aber es war eine Nachricht vom Vater. Es ist ihm gelungen nach Jenakievo zu fliehen. Dort hat er einen guten Mann getroffen, der ihn auf die Arbeit in der Kohlengrube Sofiewka genommen hat, ohne Bescheinigung aus der Kolchose. Dann bin ich hin, 20 km zu Fuß gelaufen. Auf der Arbeit hat Papa Lebensmittelkarten bekommen für Brot und bei sich selbst hat er auch gespart, um uns das Brot zu geben, das ich zwei-, dreimal in der Woche abgeholt habe. Bin vor der Schule morgens früh 20 km zu ihm gelaufen, habe das Brot zusammengerafft und wieder zurück ins Dorf, und nachmittags in die Schule. Die Familie war immer noch zerstreut.

Die Mutter ist auch in die Stadt zum Vater gegangen. Erst haben sie sich eine Wohnung gemietet. Und dann haben sie die Trauringe verkauft und eine Zweistubenwohnung in einem Haus gekauft. Das war eine aus Lehm zusammengebaute Bude. Und so haben wir mit zwei anderen Familien unter einem Dach gewohnt, zwei Stuben bewohnte die Familie Gotthold Brecht, in der Mitte wir, und auf der anderer Seite Familie Henzel August. Auf dem Hof stand noch ein Haus das gehörte Familie Hinkel Jakob. Wir waren arm aber glücklich, dass wir zusammen sind. Ich hatte in der deutschen Schule die 7. Klasse beendet, meine Geschwister sind auch zu Schule gegangen. Und eines Tages kam unser Vater von der Arbeit, gab mir einen Zettel an Dorfratvorsitzenden Genosse Klein, in dem er ihn gebeten hat, meinem Vater eine Bescheinigung zu geben für die Arbeit in der Stadt. Es war Sommer, Barfuss ohne Hemd bin ich hingegangen zum Dorfsrat ohne Hoffnung, die Bescheinigung zu bekommen. Genosse Klein war derjenige, der unseren Besitz versteigert hat, im Dorfsrat bin ich vormittags angekommen, habe erfahren, Genosse Klein sei bei einer Versammlung im Dorf. Ich habe beim Sekretär gefragt, ob ich warten darf, die Antwort war ja.

So habe ich bis spät in die Nacht gewartet, die Versteigerung hatte ich noch vor Augen und ich erinnerte mich: Vater hat seine Jacke ausgezogen um sie abzugeben, da fragte Genosse Klein ob das die einzige Jacke ist? Mein Vater sagte ja. Na gut, du darfst sie behalten. Da saß ich und habe gezittert, endlich war er da, und fragte wer ich bin, Kautz antwortete ich. „Gut“, sagt er: „Komm rein ins Zimmer“, ich habe ihm den Zettel vom Vater gegeben. Überraschenderweise hat er mir die Bescheinigung ausgestellt, ohne was zu sagen. Der Mann hat sein Leben riskiert, ich war ihm sehr dankbar. Und mit dieser Bescheinigung nachts bin ich dann fünf Kilometer von dem einen Dorf durch den Wald zu dem anderen gelaufen. Ich habe meine Füße nicht gespürt, so bin ich gelaufen, nicht wegen der Angst! Nicht wegen der Nacht, ich war froh wegen dieser Bescheinigung. Das war natürhch eine große Freude, weil der Vater einen Festplatz bekommen hat, aber zu allem Unglück ist Vater erkrankt. Rheuma, alle Glieder waren geschwollen, er konnte nicht gehen. Da haben mein Bruder und ich ihn auf einem Wagen zur Arbeit gebracht, dort hat er in einer Werkstube gearbeitet, etwas mit Holz zu tun gehabt. Aber er brauchte nicht weit gehen oder etwas Schweres tragen, das hat man im erlaubt es gab immer noch Menschen, die den anderen geholfen haben. Und abends nach der Arbeit, da haben wir ihn abgeholt. Und dann hat uns eine Frau zufällig ein Mittel mitgeteilt, was die Krankheit lindert. Das haben wir auch gemacht, und so ist der Vater wieder auf die Beine gekommen, ist allein auf die Arbeit gegangen. 1934 haben wir so viel Geld zusammengespart, dass mein Vater ein Pferd und einen Wagen kaufen konnte.

Und in der Stadt war so ein Speditions-Betrieb – eine Genossenschaft, Mitglieder waren meistens Juden, Vater ist auch als Mitglied beigetreten und hat mit seinem Pferd und Wagen vom Hauptbahnhof verschiedene Ware zu bestimmten Adressen transportiert. Die Arbeit war schwer, aber besser als in der Kohlengrube. Wir haben ganz friedlich gelebt, meine Mutter hat mich nach meiner 7. Klasse Ausbildung in die Berufschule gebracht, ich konnte kein Wort russisch, deswegen hat sie mit dem Schuldirektor abgemacht, dass ich die Prüfung für die Aufnahme nur schriftlich mache. Das heißt Mathematik, Physik und Chemie. Ich war sehr gut in der Schule, die Aufnahmeprüfung habe ich bestanden und habe mir große Mühe gemacht, die russische Sprache zu erlernen, damit sie mich in die Berufsschule aufnehmen.

Ich hatte vier Stunden Unterricht und vier Stunden Praxis als Maschinenschlosser im Metallurgiebetrieb. 1935 habe ich die Schule bendet und durfte weiter als Schlosserhelfer arbeiten. Natürlich haben wir gewusst, was los war mit unserem Onkel in Hoffentahl. Vaters Cousine mit Familie sind ausgesiedelt worden nach Ural. Aber wir dachten, dass für uns das alles vorbei ist. Man hatte uns doch alles weggenommen! Wie haben wir uns geirrt. Es war der Anfang von allem Unheil. 1936 hat mein Meister mich in die Hauptverwaltung geschickt, ich bin hin und dort sagte man mir: „Du musst heute um 5 Uhr in das Gebäude zum NKWD kommen“. „Mein Gott“, sagte ich, „was soll ich dort?“ „Dort wirst du hören“, sagt er „was die von dir wollen“. Und ich, ein 18 jähriger Junge, der am Tag gearbeitet hat, abends studiert, ich wollte Ingenieur werden, jede freie Stunde bin ich zu meiner Freundin gelaufen.

Und jetzt musste ich in diese Löwenhöhle. Ich habe geweint, geflattert und gezittert und konnte mich nicht beruhigen. Ja, da bin ich hin vor das Gebäude, ich habe ja natürlich gewusst, wo das in der Stadt ist. Ich habe angeklopft, komme rein: „Na, wie ist dein Name?“ Ich sagte Kautz, man hat mich dann in ein Zimmer reingeführt und dort war der Chef vom NKWD. Schinöv war der Name von dieser Missgeburt. Sein Revolver lag auf dem Tisch. Der hat mich den ganzen Sommer 1936 zwei – drei Mal pro Woche zu sich bestellt. Er wollte von mir haben, ich soll spionieren. Ich als Agent vom NKWD: „Du gehst arbeiten, bist mit Arbeitern zusammen, mit den Studenten, und zu Hause bist Du mit Deutschen“, sagte er, „und du hörst doch alle Meinungen, und weißt wie die Menschen gestrickt sind. Und das schreibst du für mich auf.“ „Nein so was tue ich nicht“, er hat geschimpft, geschrien und gedroht. Am Ende musste ich jedes Mal unterschreiben, was wir untereinander gesprochen haben, das darfst du keinem Mensch erzählen. Wenn du das weiter erzählst, dann musst du vor das Revolutions-Tribunal, das heißt: nur eine Kugel. Jedes Mal gab er mir einen Entlassung-Ausweis, anders kommt man aus dem Gebäude nicht raus. Eines Tages fragte meine Mutter: „Warum kommst Du so spät? Die Arbeit ist doch längst vorbei?“ Meine Mutter konnte ich nicht belügen. Habe ihr alles vom NKWD erzählt. Wir haben nur geweint Ich musste immer wieder zum NKWD, aber nicht jede Woche. Bei unserem letzten Gespräch hat er noch von meinem Vater gesprochen und Verwandten im Dorf. Ich war für ihn kein Gehilfe, der hat sich geärgert und mir gedroht. „Ich kann dich jetzt erschießen wie einen Hund, ich schicke dich dorthin, wo Makar seine Kälber nicht gehütet hat“. (Ein russischer Spruch). Da war mir schon ganz klar, dass meine Zeit auch schon abgemessen ist. Am 20. November 1936 war es so weit. Ich glaube, das war zwei oder drei Uhr nachts, jemand klopfte an der Tür, Mama fragt: „Wer ist da?“ „NKWD, machen Sie auf!“ Es waren zwei Männer, einer war Russe, sein Name war Bykov, der andere ein Jude, Karlstein.

Sie setzten sich an den Tisch und sagten: „Her mit faschistischer Literatur, mit Briefen aus Deutschland“. Wir sind Christen, die Bibel haben wir gehabt, das Testament, die Gesangbücher. Die haben alles durchgewühlt im Haus, im Stall, natürlich nichts gefunden. Die Bücher und die Bibel haben sie eingepackt, und den Vater mitgenommen. Der Vater ist weg und wir alle zusammen, die Mama und ein Haufen von Kindern, haben gesessen und geweint. Aber das Leben ging weiter, ich habe gearbeitet und dann im März 1937 haben die mich rausgerufen in eine andere Stadt Krasnyj-Lutsch Woroschilowgrad Gebiet. Dort war ein riesengroßes Gefängnis, da war auch unser Vater eingesperrt. Die haben mich unten in den Keller rausgerufen, der Untersuchungsführer Tkatschenko sagte: „Du sollst Zeuge sein, das dein Vater das Metallurgiewerk sprengen wollte und den Flughafen auch! „Mein Gott, sagte ich“. „Mein Vater ist ein Bauer, ungelernter Bauermensch, der hat doch keine Ahnung von so etwas“. Dann hat er angefangen zu fluchen. „Du brauchst dir nichts ausdenken, du musst nur die Wahrheit sagen“. Ich sagte: „Ich kann ihnen nichts anderes sagen, als die Wahrheit. Mein Vater hat sich nicht damit beschäftigt.“ „Gut“, sagte Tkatschenko, wir bringen mal deinen Vater. Dann haben sie meinen Vater gebracht, der hat gestunken, der war ganz geschwollen, ganz blau, ich habe meinen eigenen Vater nicht erkannt. Ich wollte ihm die Hand geben, der hat seine Hand versteckt, wahrscheinlich waren seine Finger gebrochen. „Ja“, sagte mein Vater zu mir: „Mein lieber Sohn, unterschreibe alles, was sie dir vorlegen, ich komme sowieso hier nicht mehr raus. Unterschreibe und die lassen dich gehen, du bist der Älteste, du kannst deine Geschwister ernähren helfen“. Ich sagte: „Nein, ich unterschreibe nichts.“

Ich habe mir gedacht, wenn ich es unterschreibe, dann ist es sein Todesurteil, aber sie haben ihn auch ohne meine Unterschrift erschossen. Von 9.00 Uhr morgens bis 17:00 Uhr abends haben sie mich mit vier Mann verhört. Einer war Tkatschenko, zwei andere waren Juden, die Namen habe ich vergessen und wer der vierte war, weiß ich nicht mehr. Dreimal haben sie meinen Vater nach oben gebracht und immer wieder das Gleiche gefragt und mich haben sie mit einer Pistole bedroht. Zuletzt verabschiedete sich mein Vater mit den Worten: „Mein lieber Sohn wir sehen uns nie wieder.“ Die haben dann gesehen, das ich nichts unterschreiben würde und haben mich mit den Worten verabschiedet: „Du kommst auch dorthin wo dein Vater hinkommt“. Die haben mich dieses Mal entlassen und ich bin mit dem Zug nach Hause gefahren und habe meiner Mutter alles erzählt, dass ich den Papa nicht erkannt habe, so schrecklich hat er ausgesehen. Wahrscheinlich haten sie ihn dort halbtod geschlagen und am 12. April 1937 erschossen. Davon wusste ich aber nichts bis 1990. Ich habe weiter gearbeitet im Metallurgiebetrieb, meine Schwester Frieda hat dort auch einen Arbeitsplatz gefunden in einem Lager, überall wurden die Leute verhaftet, alle unserere Nachbarn: Brecht Gotthold, Henzel August, Hinkel Jakob mit seinen 17 jährigen Sohn. So wie auch unsere Verwandten im Dorf: Valentin Pölz, David Kautz, Philipp und Johannes Leippi so wie viele, viele andere. Und am 20 Dezember 1937 um 3:00 Uhr nachts war auch ich dran, das wusste ich dann gleich. Sie sind reingekommen, Kommando: „Hände hinter den Rücken“ und abgeführt. Ein Soldat mit einem Gewehr hat mich in die Innenstadt geführt zum NKWD. Unterwegs habe ich gedacht, packe ich ihn am Kragen und schmeiß ihn in den Fluss und laufe irgendwo weg. Andererseits dachte ich, ich habe doch nichts verbrochen, sie werden mich bestimmt frei lassen. Ja, sie haben mich freigelassen, aber erst nach neun langen Jahren. Aber zuerst haben sie mich eine Zelle reingesteckt. Dort waren 54 Leute. Dann hörte ich: „Mein Kind, was willst du hier?“ Das war unser Nachbar Onkel Jakob Hinkel, der saß auf dem Fußboden in seinen Arbeitsklamotten, sie haben ihn von der Arbeit verhaftet. „Ja“, sagte ich, das weiss ich auch nicht, Onkel Jakob.“ Und so waren wir dort mit 54 Mann, die ganze Zeit auf dem Fußboden gesessen und geschlafen. Es war mir bewusst, dass ich irgendwann zum Verhör muss.

Von der Brutalität der Ermittler habe ich schon gewusst und wurde gewarnt. Mich hatten die einmal nachts zum Verhör geholt, da hat ein Man auf dem Betonboden gelegen, Hände hinter dem Rücken mit einem Seil gefesselt. Und da stand einer mit dem Fuß auf dem Mann und hat aus der Teekanne Wasser auf das Seil gegossen dass es sich zusammenzieht, die Finger waren Blau und dick, er hat geschriehen wie verrückt. Von den Methoden, was die alles gemacht haben, möchte ich nicht erzählen, wenn das jemand lesen wird, der wird es nicht glauben. Mit diesen Folterungen haben sie aus jedem das erfundene, erlogene und mit perverser Fantasie zusammengeschusterte Geständnis rausgeholt. Und jetzt war ich dran. Der Ermittler hat gesessen, Tee getrunken und mich gefragt: „Hast du Schrauben in die Maschinen im Betrieb reingeschmissen?“ „Nein“, sagte ich, „nur repariert“. Er hat dann weiter Tee getrunken und geschrieben. Dann die nächste Frage: „Hast du Agitation geführt?“ „Nein“, sagte ich, „nie.“ „Hast du auf den Sturz der sowjetischen Regierung gewartet? Das sieht man dir an!“

Ich habe alles am Ende mit nein beantwortet, das Untersuchungsprotokoll unterschrieben und in die Zelle zurück. Dort haben wir eine Zeit lang beim NKWD gesessen. Zu essen haben wir morgens ein Stück Brot bekommen, ein bisschen Zucker und Tee, zu Mittag ein Теllег Brühe, Erbsen hätten da drin sein sollen, aber es waren keine, drei – vier Stück nicht mehr, und abends haben wir nur Tee bekommen. Wer gedacht hat, dass das zu wenig ist, der hat sich geirrt. Meine Mutter hat mich unterstützt und alle zwei Tage etwas Zucker gebracht, das habe ich dazu gegessen. Irgendwann hat man uns in die Stadt Artömowsk ins Gefängnis gebracht, das Gebeude hat noch die Katharina die Große gebaut. Soviel wie ich gehört habe, waren hier 12.000 Mann eingesperrt. Was für ein mörderisches Haus!

Den Nachbar Onkel Jakob haben die in ein anderes Gefängnis gebracht, der ist spurlos verschwunden, kein einziger Brief, nichts, und sein 17 Jähriger Sohn auch. Das hat mir meine Mutter später 1946 erzählt. Aber jetzt in Artömowsk, eine Zelle für 375 Mann, wir haben zwei Tage und zwei Nächte gestanden, gestanden und gestanden, kein Platz zum sitzen, nichts. Nach zwei Tagen sind Leute bewusstlos umgefallen. Die Inhaftierten haben an der Tür geklopft, dann sind die gekommen und haben 100 Personen rausgeholt, jetzt war es ein bisschen besser, wir konnten uns hinsetzen. Knie an Knie, Mann an Mann, 22 Reihen, zweieinhalb Monate lang von Januar bis Ende März 1938. Ich kann mich gut daran erinnern. Es ist ein Ältester von den Häftlingen gewählt worden, damit einer was zu sagen hat.

Zum Beispiel: in der Ecke hat ein Fass gestanden, das war die Toilette. Wenn einer „musste“, ist er aufgestanden und auf die Knie von anderen Häftlingen draufgetreten und hat sich an ihren Köpfen fest gehalten. Nachdem er zurück kam, war der Platz weg. Dann hat der Älteste z.B. gesagt: „Reihe 8, alle aufstehen.“ Alle sind aufgestanden, danach alle gleichzeitig hinsetzen, anders konnte man sich nicht hinsetzen. Wir waren alle nackt, nur kurze Unterhose, und so haben wir gehockt auf dem Betonboden. Die Beine, die Füße alles war geschwollen, geplatzt, durchgefault. Mit der Zeit hat man sich auch geeinigt mit dem Sitznachbar, dass man ihm die Beine auf die Schulter drauflegen durfte, und derjenige der hinter mir saß, der hat seine Beine auf meine Schulter draufgelegt, und mit einem Lappen haben wir die Beine zusammengebunden das sie dem anderem Mann nicht ins Gesicht fallen. Und so haben wir gesessen 22 Reihen – 275 Mann.

Kein Ausgang, nur einmal in der Woche sind wir in die Badestube geführt worden, gebadet haben wir uns nicht, wir haben uns auf dem Betonboden hingelegt die Füße in die Höhe gesteckt und so lagen wir ca 45 Minuten. Danach wieder in die Zelle und weiter sitzen. Gefüttert haben die uns besser als beim NKWD, mehr Brot und Suppe, die war aus geschnetzeltem, ungeputztem Kuh-Wampen, die hat gestunken, aber wenn man Hunger hat? Und Ende März ist eine ärztliche Kommission gekommen, hat uns untersucht, kurze Zeit später hat man uns zum Bahnhof gebracht und in die Vieh-Waggons geladen. In den Waggons waren zweistöckige Pritschen aus Brettern. Für 36 Mann war Platz genug, um sich hinzulegen und die Beine auszustrecken. Und so habe ich zwei Tage und zwei Nächte durchgeschlafen, ohne aufzuwachen. Sogar vergessen, dass man noch essen muss.

Wie lange und wohin, habe ich mit der Zeit nicht mehr wahrgenommen, irgendwann ist der Zug nach Norden angekommen, im Gebiet Archangelsk. Aus den Waggons ausgestiegen, Monat März, kalt, noch Winter, überall Schnee und überall Soldaten mit Gewehren und Hunden: „Alle hinlegen! Alle hinlegen! Bis alle aus den Wagonens ausgestiegen sind. Dann aufstehen und in einer Kolonne antreten. Achtung! Ein Schritt nach rechts oder nach links, dann wird geschossen ohne Vorwarnung. Vorwärts, Marsch!“ Durch die Taiga hat man uns getrieben in ein Gefangenen-Sammellager. Dort sind wir im Dunkeln angekommen, aber aufs Lagergelände hat man uns ohne Kontrolle nicht reingelassen. Es gab einen Befehl: „Kolonne hinsetzen“, in den Schnee, bis Sonnenaufgang. Am Morgen bin ich dann aufgestanden und meine Hosen sind in der Kniekehle gebrochen, die waren fest gefroren.

Dann ist der Lagerkommandant gekommen und hat laut der Unterlagen von jedem uns persönlich rausgerufen. So wurde ich auch befragt: „Kautz, wer hat dich verurteilt?“ „Ich weiß es nicht, keiner. Moskauer Sondertribunal, Paragraph 58 – 1. Zehn Jahre Lager, hat er gesagt. Und da wusste ich nicht, was besser ist, sterben oder da sein.“ Nach drei, vier oder fünf Tagen hieß es, heute gehts aufs Etap! Da sind wir, glaube ich, ich möchte ja nicht übertreiben, aber 250 km waren das bestimmt, bis zum nächsten Lager zu Fuß gelaufen. Die Feldküche hinterher, wir durften nicht an Hunger sterben, wir mussten arbeiten, umsonst und noch so lange wie möglich.

So war ich in meinem zweiten Lager angekommen, wie viele waren es noch später? Habe ich nicht mehr gezählt, aber jetzt in dem Lager waren große Baracken gewesen, in der Baracke waren drei Gußöfen gestanden, um im Winter heizen zu können.

Am Morgen bei Sonnenaufgang wurden wir in Brigaden eingeteilt, 20-25 Mann. Der Begleitsoldat hat wie davor, auch jeden Tag danach gewarnt. „Ein Schritt nach links oder rechts, ich werde schießen ohne jegliche Warnung, verstanden? Scharfer Marsch!“ Wie wir am Arbeitsplatz angekommen sind, hat der Wächter mit dem Beil jedem seine Arbeitsnorm und damit 131% zugeteilt. Wenn man es geschafft hat, kriegt man 950 Gramm Brot, und dreimal am Tag essen. Schafft einer es nicht, bekommt er nur noch 450 Gramm Brot und zwei Mahlzeiten am Tag. Ich habe mich langsam an das Leben im Lager gewöhnt, nachts habe ich auf meinen nassen Klamotten geschlafen, damit sie am nächsten Tag einigermaßen trocken sind. 1939 musste ich meine Sachen packen: „Kautz du bist von Beruf Schlosser, und wir brauchen Schlosser. Es ist eine Papierfabrik gebaut worden, du kommst dorthin.“ „Gott sei Dank“, dachte ich, „endlich komme ich aus dem Wald raus.“ Bin hingekommen, aber von Schlosserarbeit war keine Rede. Die Grube für die Fundamente haben wir ausgehoben, und die Erde mit Schubkarren rausgefahren, die Norm war 18 Kubikmeter, das ist eine Menge Erde! Aber der Hunger hat getrieben. So wurde die Fabrik gebaut, und ich als „Schlosser von der Schubkarre“, musste zurück in den Wald.

In das Lager mit Tausenden unbekannten Gesichtern. Ab und zu hat man Freundschaften geschlossen, oder einen Deutschen getroffen, wie Fritz Becker. Der war aus Dnjepropetrowsk. Das war, als 1941 der Krieg angefangen hat, ich war im Lazarett, hatte Leistenbruch gehabt, wurde operiert. Weil ich nach der Operation schwach war, durfte ich in der Küche arbeiten, Kartoffeln schälen und so weiter, und der Küchenchef war Fritz Becker. Ich habe mich gefreut! Wir haben Deutsch miteinander gesprochen. Auf einmal hat man uns festgenommen. Mit Sack und Pack. Wieso? Warum? Weiß ich immer noch nicht, später habe ich erfahren, für das Unterhalten in Deutsch. Ihn haben die erschossen. Und ich bin ausgeliefert worden in ein Straflager. Und hier wusste ich auch nicht, was besser war, Sterben oder da sein. Im Straflager bin ich wieder erkrankt, ich war in der Baracke, dort waren auch zwei, drei andere Häftlinge. Und ein Häftling hat von zu Hause ein Paket bekommen, das hat ihm jemand gestohlen. Aus mir unerklärlichem Grund hat man mich des Diebstahls beschuldigt. Und nun war ich im Straflager noch in einer Strafzelle – Karzer – eingesperrt, mit Mördern zusammen. Außer mir waren dort noch fünf, sechs Mann. Die haben die ganze Zeit Karten gespielt, sich gestritten und geprügelt. In der Zelle waren keine Bretter mehr, das man drauf schlafen konnte, sondern runde Knüppel, keine Matratze, keine Fensterscheiben.

Winter, 20 – 30° Kälte, weil die Häftlinge auf den Fussboden uriniert haben, war alles vereist. Ich bin weiter zu Arbeit gegangen, das Brot was ich bekommen habe, haben die mir alles weggenommen. Eine Woche war ich schon drin, und seit einer Woche nichts mehr gegessen. Da bin ich im Wald umgefallen, bewußtlos. Man hat mich in den Karzer zurück gebracht. Da dachte ich was soll ich jetzt machen? Zu Arbeit muss ich sowieso gehen. Ich muss was unternehmen.

Am nächsten Tag in der Taiga habe ich mit einem Weißrussen zu zweit gearbeitet, alleine war ich nicht mehr in der Lage, die Säge zu ziehen. Zu ihm habe ich gesagt: „Ich mache Schluß, ich halte es nicht mehr aus“, habe mein Bein gegen einen Baum angelehnt, das Beil genommen und in die Wade reingehackt, zwei Mal, das hat mir fast mein Leben gekostet. Der Russe sagte; „Du bist verrückt, sie werden dich erschießen.“

Und mein Gedanke war, entweder die Kugel, oder ich bin gerettet. Da hat er den Konvoi gerufen, der hat dann zwei Schüsse abgefeuert, das heißt, jemand muss aus dem Lager kommen, ein Verletzten oder Kranken abzuholen. So hat man mich ins Lazarett gebracht. Und das war Gottes Glück, da waren zwei gute Ärzte, einer hieß Peter Sawatzki, den anderen Namen kenne ich nicht mehr. Ich habe ihnen die Wahrheit gesagt und sie haben mich gerettet. Der Lagerchef und die NKWD haben gesagt: „Das hat er extra gemacht!“ Aber die Ärzte, denke ich, haben das anders erklärt, das war meine Rettung. Ich bin zum wiederholten Mal dem Tod entkommen, weil die Ärzte mich geschützt haben. Im Lazarett habe ich auf die Wunde Salzwasser draufgeschüttet, damit es nicht heilen sollte, ja, ich wollte überleben.

Von meiner Mutter habe ich ein Paket bekommen und einen Brief. So habe ich erfahren, dass meine Familie nach dem Kriegsausbruch nach Sibirien verschleppt wurde. Und dass der Ehemann von meiner Schwester Frieda auch verhaftet wurde, Onkel Dawid Kautz, Bruder von meinem Väter und Onkel Pölz Valentin, Ehemann von meiner Tante Rosalie, alle, alle 1938 verhaftet. Wohin sie hingekommen sind, weiß man nicht, aber meine Mutter hat erfahren, wo ich bin, mit vier Kindern hat sie mich auch noch unterstützt und mein Leben gerettet. Im Paket, was sie mir geschickt hat, war sibirischer Tabak. Ich war Nichtraucher, den Tabak habe ich gegen Brot getauscht, Tabak für drei Zigaretten gegen 200 gr Brot. Die Leute haben das gegeben und wegen dem Tabak sind sie auch verhungert und gestorben. Aber ich wollte leben, als freier Mann und in einer vernünftigen Gesellschaft, und dass ich sowas erzählen muß, ist eine Schande für mich, ich schäme mich. Aber ich konnte anders nicht, und das hat mein Leben gerettet. Also, das Paket mit Tabak konnte ich nicht aufbewahren, das habe ich den Ärzten gegeben. Ja, die haben beide geraucht und haben mich im Lazarett gehalten, so lange, bis es mir gut ging. Dann haben sie mich entlassen, aber nicht mehr in die Strafzelle, sondern in eine Baracke. Dort waren alle schwachen Menschen versammelt, und durften leichte Arbeit verrichten. Ich war verantwortlich für die Baracke, habe aufgeräumt, geputzt, die Arbeit war nicht schwer. Ich habe gut gegessen, und mich schnell erholt. Abends, um etwas Essen dazu zu verdienen, bin ich ins Lazarett gegangen und habe die Leichen in eine Scheune gebracht. Eines Tages ist eine Kommission gekommen und hat mich angesehen und ich musste wieder in die Тaigа, Вäumе fällen. Dort habe ich gedacht: „Das ist mein letztes Lebensjahr.“ Also, 1941-42-43 bin ich immer in ein neues Lager gekommen, die haben uns nie länger als sechs, acht Monaten in einem Lager gehalten. 1943 haben die mich als Pferdefahrer eingestellt, ich musste Baumstämme ziehen – acht km zur Eisenbahn liefern. Unterwegs konnte ich mich ausruhen, es war keine schwere Arbeit. Und dazu habe ich noch 1 kg Brot bekommen. Ich habe mich gut erholt. Man hat uns besser gefüttert, sogar amerikanische Konservendosen-Nahrung haben wir bekommen.

Und dann ist wieder einer gekommen, hat mich ageschaut und sagte: „So ein starker Mann kann in der Taiga arbeiten, Bäume fällen, komm mal mit“. Ich wollte nicht, ich habe gezögert, aber dort wurde nicht gefragt. Wenn du musst, dann gibt‘s keine Widerrede. So bin ich wieder in eine Brigade gekommen und musste in der Taiga arbeiten. Dort war ein Waldmeister, sein Name war Baranowski Juli, von Beruf Ingenieur. Hat auch 10 Jahre Straflager bekommen, und er hat jedem ein Waldgebiet zugeteilt, dabei hat er mich immer bevorzugt. Er hat gesehen dass ich ein kraftiger junger Mann bin und hat mir immer guten Wald zum Fällen zugeteilt. Meistens war ich schnell mit meiner Arbeit fertig, und habe nichts mehr zu tun gehabt, ab und zu habe ich den anderen mitgeholfen.

Und das hat der Lagerleiter gesehen. Er fragte, warum ich nicht arbeite? Ich bin in der Brigade und habe die mir zugeteilte Norm von 131% erfüllt, und außerdem lässt mich der Konwoi nicht weiter gehen. Und der Lagerleiter war ein Kommunist, er fragt: „Wann warst du mit der Arbeit fertig?“ „Bis Mittag habe ich das gemacht, Graschdanin Natschalnik“, war meine Antwort. „Wenn ich einen Ausweis hätte oder so eine Art Erlaubnis, dass ich ohne Konwoi frei arbeiten darf?“ „Inhaftierter Kautz, mit ihrem Paragraf 58,1 werde ich bei der Hauptverwaltung NKWD das nicht hinbekommen. Aber wieviel Kubikmeter Wald könntest du fällen, wenn du den freien Ausgang hättest?“ Ich war jung, stark, aber ich wollte es auch nicht übertreiben. Ich sagte „20-30 Kubikmeter am Tag.“ Es sind ein раar Tage vergangen, dann hat er mich rausgerufen, und sagte: „Inhaftierter Kautz! Ich habe dem Kommandeur von dem Konvoj befohlen, er soll dich ohne Ausweis aus dem Lager rauslassen, du darfst gehen wann willst, und darfst kommen, wann du willst. Und dem Waldmeister Baranowski habe ich auch gesagt der soll dir besten Wald zuteilen, damit du gut arbeiten kannst“.

„Na gut“, sagte ich, „wenn das geht, bin ich einverstanden.“ Und tatsächlich, die haben mich rausdelassen ohne Konvoi. Моrgens um Fünf war ich schon in der Taiga und abends wenn‘s dunkel war bin ich erst zurück gekommen. Ich habe Wald gefällt, 20 –25 bis 30 Kubikmeter am Tag. Der Lagerleiter ist jeden Tag in die Taiga gekommen, hat sich alles angeschaut. Das war auch sein Risiko, dass er aus mir einen Freigänger machte. Ich glaube, er war auch froh, dass es alles gut gelaufen ist, (ich konnte ja fliehen.) Und dann sagte er einmal zu mir. „Wenn du weiter so arbeiten würdest wie jetzt, werde ich mich bemühen, deine Haftzeit zu verkürzen. Ich kann es nicht 100 % versprechen, aber ich werde es versuchen. Ich habe mich bei ihm bedankt. Er sagte noch eimal: „Arbeite weiter so, du bist ein Vorbild für das ganze KargopoLAG.“ Und ich habe gearbeitet wie ein verrückter Sklave, manchmal hat der Waldmeister mir sehr schönen Wald zugeteilt, da habe ich 62-64 Kubikmeter Wald gefällt, das waren 2000 %. Da sind alle gekommen, auch aus anderen Lagern und haben gestaunt. Mein Gott, wie kann man so viel fällen? Man hat mich überall als Vorbild gezeigt und gesagt, dass ich mit meiner Arbeit meine Schuld und mein Verbrechen an dem Sowjetvolk bezahle. Und ich habe nur an Freiheit gedacht, obwohl ich wusste, dass viele Häftlinge ihre Zeit verbüßt haben, aber man hat sie trotzdem nicht freigelassen. Viele hatten 15-17 Jahre Haft hinter sich. Trotzdem habe ich weiter gearbeitet. Und am fünften Dezember 1946, spät am Abend, ich habe schon geschlafen, hat man mich geweckt: „Kautz, zum Lagerleiter“. Ich hin und er sagt zu mir: „Inhaftierter Kautz, in ein paar Tagen kommen zu uns Kriegsverbrecher und Volksverräter, die haben keine Ahnung vom Wald schlagen, und wenn du das schaffst, ihnen beizubringen wie man arbeitet, Bäume schlägt, durchsägt, Äste absägt, die Fuhren belädt, wenn du diese drei Brigaden übernimmst, ungefähr 60 Mann, und bis zum 20. Dezember schaffst, dass sie ihre Norm erfüllen und ihr Brot verdient haben, dann ist deine Haftzeit zu Ende, du darfst nach Hause fahren.“ „Mein Gott, das darf doch nicht war sein!“ „Ja, ja“, sagt er, „so ist das. Dann gebe ich dir noch fünf Tage Urlaub.“ „Fünf Tage Urlaub?“ Natürlich bin ich um 4 Uhr morgens in die Taiga raus und habe den Wald geschlagen. Und dann um 9 sind die 60 Leute gekommen, mit Sägen und Beilen. Haben die Äste abgehackt und verbrannt, Bäume geschnitten und geladen. Und das habe ich geschafft. Am 15. Dezember sagte er. „Schluß! Kautz, jetzt musst du ausruhen. Bekommst dein tägliches Brot.“

Es war für mich immer noch ein Traum, ich konnte es nicht glauben, dass ich frei komme. Und in solchen Momenten habe ich gedacht, wieviele gute Menschen habe ich in meinem Leben getroffen, die mir geholfen haben, um das alles zu überleben. Wie viele andere meiner Kameraden: Grassen, Weber, Kunz, Wiebke, Jäger aus Jenakiewo, alles Deutsche, haben nicht überlebt. Auch der Lagerleiter war gut zu mir, als ich in der Taiga Rekorde aufgestellt habe, ist er gekommen und hat mir Milch und Weißbrot gebracht, ein ganzes Stück, dort in den Wald an meine Stelle. Und er hat mir ein Jahr Haft erspart, so bin ich am 20. Dezember 1946 aus der Haft entlassen worden und bin zu meiner Familie gefahren. Und durfte in Sibirien bleiben, unter Hausarrest bis 1956. Ich habe 27 Jahre lang unter Tage in einer Kohlengrube gearbeitet und bin 1990 nach Deutschland gekommen. Das, was ich selbst erlebt und gesehen habe, schreibe ich hier auf. Ich möchte es ausdrücklich betonen! Das war die bittere Wahrheit und Realität. Ich habe hier nicht das beschrieben, was ich gehört habe, sondern nur das, was ich selbst erlebt habe und bezeugen kann.

Samuel Kautz – Hamburg


Quelle

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