Das Schutzgebiet der Neuguinea-Kompagnie

Kaiser Wilhelmsland (181000 qkm), der Bismarck-Archipel (52000 qkm) und die nordwestlichen Salomonen (22000 qkm) stellen mit 255000 qkm Gesamtfläche unsern ausgedehntesten Südseebesitz dar und sind zugleich die einzige deutsche Kolonie, die noch nicht Staatseigentum ist. Sie gehört vielmehr einer Privatgesellschaft, der Neuguinea-Kompagnie, deren selbst gewählter Landeshauptmann die staatlichen und wirtschaftlichen Angelegenheiten leitet.

Kaiser Wilhelmsland umfasst den nordöstlichen Teil der politisch unter England, Holland und Deutschland geteilten Insel Neuguinea, die das Bindeglied zwischen Asien und Australien und die zweitgrösste Insel der Welt ist. Die durch landschaftliche Schönheiten ausgezeichnete Küste kann ohne Fährlichkeiten befahren werden, weil die sie begleitenden Korallenriffe sich in schmalem Saum dicht am Ufer halten und rasch zu grosser Meerestiefe absinken und weil vortreffliche Einfahrten in die geschützten Häfen führen, die obendrein durch deutliche Landmarken, meist durch Vulkaninseln, bezeichnet werden. Somit sind die Gestade Kaiser Wilhelmslandes, die Finsch-, Hansemann-, Maclayküste u. s. w., dem Seeverkehr viel günstiger als die afrikanischen Küsten, und ebenso besitzen die Salomonen 1) und der Bismarck-Archipel2) sichere und brauchbare Ankerplätze, nur dass hier die zahllos vorgelagerten Riffe den Zugang in mehr oder minder hohem Grade erschweren. Namentlich die quellenreiche Gazellenhalbinsel auf Neupommern hat Überfluss an Buchten. An der Blanchebai liegt Herbertshöhe, der Hauptverwaltungssitz für den östlichen, die Salomonen und den Bismarck-Archipel umfassenden Verwaltungsbezirk, während auf den benachbarten Eilanden Matupi und Mioko die wichtigsten Plantagen und Faktoreien des Inselgebietes errichtet sind.

1) Die Inselgruppe wurde um die Mitte des 16. Jahrhunderts von dem spanischen Seefahrer Mendana entdeckt und nach dem Könige Salomo benannt, weil er sie für goldreich hielt und in ihr das Ziel der Ophirfahrten jenes Königs gefunden zu haben glaubte.

2) Vor der deutschen Besitzergreifung hiess die Gruppe Neubritannia-Archipel, und auch die grösseren Inseln trugen andere Bezeichnungen.

Die 800 km lange Küste Kaiser Wilhelmslandes zeigt zwar nur zwei auffällige Einbuchtungen grösseren Umfangs, aber sie ist im einzelnen ebenfalls reich gegliedert und umschliesst eine ganze Reihe ausgezeichneter Reeden. Auf den landschaftlich reizvollen Huongolf folgt der wegen seiner bösartigen Fieber und wegen des Mangels an fruchtbarem Hinterland wieder aufgegebene Finschhafen. An ihn reiht sich die geräumige Astrolabebai, die mit ihren ausgedehnten Pflanzungen den wertvollsten und am meisten ausgenutzten Kästenteil, das Kulturcentrum Kaiser Wilhelmslandes, bildet und wiederum in eine Anzahl kleinerer Wasserbecken zerfallt. Das beste von ihnen, der tiefe, viel verzweigte, geräumige Friedrich Wilhelmshafen, gestattet grossen Schiffen, ihre Ladung unmittelbar am Lande zu löschen. Die Nachbarstationen Erimahafen, Konstantinhafen und Stephansort sind der Sitz einer blühenden Plantagenwirtschaft, und Stephansort ist zugleich der Mittelpunkt für den westlichen Verwaltungsbezirk.

Das gesamte Schutzgebiet ist noch sehr wenig bekannt, einmal wegen der bis zur Unwegsamkeit sich steigernden Steilheit der Gebirge, dann wegen des verkehrshindernden Urwaldes und endlich wegen der Unmöglichkeit, von den meist feindlich gesinnten oder ausserordentlich scheuen Binnenbewohnern die notwendigen Lebensmittel zu erhalten. Von den grösseren Inseln weiss man überhaupt nur, dass sie langgestreckt, schmal und hoch, zum Teil bis 3000 m hoch sind und ins Meer versunkenen Gebirgen gleichen, von denen bloss noch die Gipfel aus dem Wasser emporragen. Sonst sind noch nicht einmal die Küstenumrisse genau festgelegt, und ins Innere ist man erst an wenigen Punkten und auf kurze Entfernungen eingedrungen. Auch die Oberflächengestaltung Neuguineas ist kaum in den allgemeinsten Zügen erforscht. Sie wird durch ein gewaltiges, reichgegliedertes Kettengebirge bestimmt, das gleichsam als ein Rückgrat die Mitte der Insel von Südost nach Nordwest durchzieht und einzelne zeitweilig schneebedeckte Gipfel trägt, deren Höhe auf 4—5000 m geschätzt wird. Die mächtige Felsmauer besteht aus uralten Gesteinen, aus Gneis, Granit und krystallinischen Schiefern, die von alt- und jungvulkanischen Gesteinen und von Quarzgängen durchsetzt werden und zweifellos Goldfundstätten enthalten1). Nordwärts sendet der Hauptkamm kürzere Ausläufer bis zum Meere vor oder wird durch niedrigere Vorlagerungen begrenzt.

1) Diese Annahme ist dadurch begründet, dass das Bismarckgebirge demselben Gebirgssystem und denselben Gesteinsformationen angehört wie die goldführenden Gebirge von Britisch-Ncuguinea. Ausserdem sollen am Südabhang des Gebirges unweit der deutschen Grenze bereits Goldfunde gemacht worden sein.

Zu ihnen gehören im Osten das krystallinische Victor Emanuelgebirge (3600 m) im Quellgebiet des Kaiserin Augustaflusses, das Bismarckgebirge (über 4300 m), das Krätkegebirge, das in der Hauptsache vulkanische Finisterregebirge (3500 m) und das Rawlinsongebirge (1200 m) im Westen. Das aus Diorit, Gneis und Gabbro bestehende Bismarckgebirge, das übrigens nach den neuesten Untersuchungen Karl Lauterbachs um 100 km südwestlicher liegt als die Karten angeben und sich südwärts vielleicht bis zu den Bergmassiven des englischen Gebietes fortsetzt, ist die gewaltigste und grossartigste unter jenen Felsmauern, und ihre Hauptzinne, der zeitweilig in Schnee gehüllte Ottoberg, scheint die höchste Erhebung des Schutzgebietes zu sein. Die ausserordentlich schroffen, oft unter 50—70 Grad ansteigenden Bergwälle enden in stark gegliederten, scharfen, schmalen Graten, deren Erklimmung meist nur mit Hilfe der Alles bedeckenden üppigen Vegetation möglich ist. Bald schieben sich die einzelnen Kämme coulissenartig hintereinander, bald strahlen sie von einem Punkte aus oder folgen sich ganz ungeordnet, wobei die nach der Küste zu fallenden Ketten aus steil aufgerichteten Urgesteinen, Thonschiefern, Sandsteinen, Tuffen und Konglomeraten bestehen. Während die wild zerklüfteten Gebirgszüge zwischen sich nur enge, schluchtenartige Flussrinnen frei lassen und selten breitere Thalauen umkränzen, haben die Wasseradern im Unterlaufe mehr oder minder ausgedehnte Ebenen aufgebaut, die ihre grösste Entwickelung in der Nachbarschaft der Küste erreichen. Erwähnenswert sind vor allem die Jombaebene beim Friedrich Wilhelmshafen, die fruchtbare, mit mächtigem Hochwald bedeckte Astrolabeebene im Unterlaufe des Gogol, die vom Ramu durchflossene Niederung und endlich das weite Flachland, das der Kaiserin Augustafluss durchströmt.

Das unten mit dichtestem Urwalde bedeckte und oben bis in den Bereich des ewigen Schnees hineinragende Binnengebirge bedingt im Verein mit der Lage der Insel im regenreichsten Teile der Tropen die Wasserfülle Kaiser Wilhelmslandes. Ausser zahllosen, das ganze Jahr über fliessenden Giessbächen, deren kurzer, reissender und von Wasserfällen unterbrochener Lauf sich wohl zum Flössen, aber nicht zur Schifffahrt eignet, giebt Neuguinea drei grossen Strömen, dem Fly auf englischem Gebiet, dem Amberno oder Rochussen auf holländischem Boden und dem Kaiserin Augustaflusse im deutschen Anteil, Ursprung. Bei einer Lauflänge, die ungefähr derjenigen der Oder gleichkommen dürfte, ist der Kaiserin Augustafluss schon 703 km stromaufwärts mit kleinen Dampfern befahren worden und zeigte dort noch bei normalem Wasserstände 300 m Breite und 4 m Tiefe. Weil er allem Anschein nach bis zum Gebirgsfusse schiffbar ist und obendrein durch eine wohlbesiedelte, fruchtbare Niederung fuhrt, so ist er unzweifelhaft dazu berufen, in der zukünftigen Entwickelung des Landes eine hochwichtige Rolle zu spielen. Da der stattliche Strom eine ausgesprochene Tiefebene durchzieht, so beschreibt er vielfache Krümmungen und ist reich an Inseln, Altwässern und Nebenarmen, während ihm merkwürdigerweise nur wenige Nebenflüsse zueilen. Nicht minder bedeutsam ist der Ramu oder Jagei, der, wie nunmehr endgiltig nachgewiesen, die Fortsetzung des in der Nachbarschaft des Kaiserin Augustaflusses mündenden Ottilienflusses bildet. Er muss als zweitgrösster Strom Kaiser Wilhelmslandes und als drittgrösster Strom von Neuguinea gelten, denn er ist auf einer 450 km langen Strecke teils mit einem Dampfer, teils in Booten befahren und setzt sich von seinem fernst erreichten Punkte aus noch mindestens 100 km in gleicher Grösse südostwärts fort. Der Ramu stellt also ebenfalls eine brauchbare Wasserstrasse zwischen dem Bismarck- und Finisterregebirge und eine natürliche Eingangspforte ins Innere dar und erschliesst gleich dem Kaiserin Augustaflussc eine dichtbevölkerte, üppige Niederung mit ausgedehnten Flächen des besten Kulturlandes.

Wo die Gebirgsausläufer fehlen, setzt ein welliges Vorland ein, das seinerseits wieder steil am Meere endet und nur stellenweise einen schmalen Sandstrand oder beschränkte, mangrovenbewachsene Flachküstenstreifen frei lässt. Vielmehr steigt der vorwiegend aus Korallenkalk zusammengesetzte Ufersaum in deutlich ausgeprägten Stufen an, und oft liegen, durch 10—15 m hohe Absätze voneinander getrennt, bis 16 solcher ungerechter Terrassen übereinander, die durch unterirdische Kräfte über den Meeresspiegel gebracht wurden. Noch höher sind auf den Salomonen Gesteinsschichten, die ursprünglich am Grunde des Ozeans entstanden, über die Meeresoberfläche emporgehoben wforden. Dass jene Kräfte immer noch nicht zur Ruhe gekommen sind, bezeugen ausser häufigen Erdbeben und heissen Quellen verschiedener Art die Küsteneilande Kaiser Wilhelmslandes, die aus jungvulkanischen Gesteinen aufgebaut und wie die Vulkane Afrikas auf einer langgestreckten Bruchspalte emporgequollen sind. Diese Spalte kreuzt sich im Bismarck-Archipel mit einer andern, der die nördlichen Inseln jener Gruppe samt den Admiralitäts-Inseln und den Salomonen mit ihren thätigen oder schlafenden oder längst erloschenen und verfallenen Feuerbergen angehören. Wenn auch viele der grösseren Inseln — das durch Halbinselansätze mannigfach gestaltete und von einer Vulkanreihe durchzogene Neupommern (25 100 qkm), das äusserst hafenarme Neumecklenburg (14300 qkm), die Admiralitäts-Insel Taui (1940 qkm) und die wegen der weitvorgelagerten Korallenriffe schwer zugänglichen Salomoneninseln Bougainville (10000 qkm), Choiseul (5850 qkm) und Ysabel (5840 qkm) — ein Grundgerüst aus krystallinischem Urgestein oder aus jüngeren Kalk- und Sandsteinen erkennen lassen, so sind sic doch überall von vulkanischem Gestein durchbrochen oder grösstenteils aus ihm aufgebaut. Selbst dort, wo ein höhlenreicher Kalkstein die Oberfläche bedeckt, birgt das Innere einen oft stark veränderten Kern vulkanischen Gesteins, und ausser den noch in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts arbeitenden Vulkanen giebt es auch heute zahlreiche thätige Feueressen. Im 3000 m hohen Kaisergebirge auf Bougainville stösst der Bagama ständig Dampf aus und hatte 1884 einen heftigen Ausbruch.

Dem Nordufer Neuguineas zieht eine Reihe von Inselvulkanen, Hansavulkaninsel, Dampier-, Rich-, Long-, Rook-, Tupinier-und Ritterinsel, entlang, die mit ihren Rauch-und Feuersäulen dem Seemann als willkommene Leuchttürme dienen. Eine gewaltige Explosion zerstörte 1888 den Vulkan des Rittereilandes und verursachte eine verheerende Flutwelle, die am gegenüberliegenden Ufer Neupommerns zwei Beamte der Neuguinea-Kompagnie und mehrere Dörfer der Eingeborenen verschlang. Die Namen der beiden Europäer, v. Below und Hunstein, sind zwei erloschenen Vulkanriesen beigelegt worden, die sich an der Westspitze Neupommems zu 2000 m Meereshöhe erheben, bis zum zackigen Krater mit Wald bewachsen und am Fusse von gewaltigen Aschenmassen umlagert sind. Bekannt ist ferner auf Neupommern die Vulkangruppe Vater (1219 m), Nordsohn (495 m) und Südsohn (900 m) und ihr Gegenstück, der Muttervulkan (630 m) mit seinen beiden Töchtervulkanen (Nordtochter 580 m, Südtochtcr 470 m) auf der mit Bimssteinmassen bedeckten Gazellcnhalbinsel. Tiefgreifende Verwitterung bei reichlicher Bewässerung durch Regen und Nachttau hat ihren Aufschüttungsboden durchweg fruchtbar gemacht, sodass er überreiche Erträge abwirft. Gegen die Mitte erhebt sich der Varzinberg, eine 547 m hohe Aufschüttung von Asche und Bimsstein. Grössere Flussläufe fehlen der Halbinsel, da der durchlässige Untergrund das Wasser schnell aufsaugt. An den Küsten rinnen jedoch allerorts Bäche und Quellen zum Meere und zur Blanchebai ab, die wiederum einen durch Schwefelausbrüche gelb gefärbten, zeitweise Dampf ausstossenden Inselvulkan, den Ghaie (250 m), umschliesst. Die Hufeisenform des Bismarck-Archipels und der ihn im Norden und Süden verlängernden Inselgruppen weist auf einen Ring um ein Meeresbecken hin, das die Stelle eines in die Tiefe gesunkenen Landes ausfüllt und demnach einen Kesselbruch darstellt, an dessen Rändern die vulkanischen Gesteine empordrangen. Neben den grossen, meist zugleich hohen, wald- und wasserreichen Vulkaninseln giebt es noch zahllose kleine und kleinste Eilande, die ihre Entstehung der unermüdlichen Thätigkeit der rifi bildenden Korallen verdanken. 1) Im Bismarck-Archipel zählt man gegen 200 solcher Inselchen, ebensowenig fehlen sie der Admiralitätsgruppe und dem Ostrand der Salomonen. Sie sind niedrig, wasser- und pflanzenarm und haben wirtschaftlich keine sonderliche Bedeutung. Nur die zwischen Taui und dem Friedrich Wilhelmshafen gelegenen Purdyinseln genossen wegen ihres Reichtums an Phosphaten vorübergehend einen gewissen Ruf; doch ist der Abbau wegen der Schwierigkeit der Ausbeutung und Verschiffung als zu wenig einträglich wieder eingestellt worden.

1) Über die Entstehung der Koralleninscln vergl. das nächste Kapitel. hier treten sie zurück gegen die hohen Inseln, die zwar meist von Korallenriffen umgeben und teilweise aus ihnen aufgebaut sind, in der Hauptsache aber aus ganz anderen Gesteinen bestehen.

Die nicht unerheblichen Abweichungen abgerechnet, die eine Folge des wechselnden Oberflächenbaues und der Nachbarschaft des Meeres sind, besitzt das Schutzgebiet ein ausgesprochenes, feuchtheisses Tropenklima mit allen Vorteilen und Nachteilen der tropischen Witterungsverhältnisse.

Die mittlere Jahreswärmc beträgt 26—28° C. und ist so geringen Schwankungen unterworfen, dass der Unterschied zwischen der jemals beobachteten höchsten und niedrigsten Temperatur, +35 und + 190 C., nur 16° C. ausmacht. Im Gebirge nimmt die Wärme mit der unvermittelten Erhebung über den Meeresspiegel rasch ab, und Lauterbach beobachtete zweimal, wie sich die höchsten Zinnen des Bismarckgebirges nach kühlem, regnerischem Wetter in eine weisse Schneekappe hüllten.

Die Jahreszeiten hängen von den Winden ab, und zwar weht vom Mai bis zum November der Südostpassat, während im Südsommer das stark erhitzte Australien die Luft von Norden her ansaugt und dadurch zur Entstehung des der vorigen Luftströmung entgegengesetzt wehenden Nordwestmonsuns Veranlassung giebt. Beide Winde sind Regenspender, da sie den Ozean überwehen und sich mit Feuchtigkeit beladen. Dank seiner glücklichen Lage und Oberflächengestaltung wird nun Neuguinea nahezu gleichmässig bald von der einen, bald von der andern Luftströmung getroffen, und hieraus erklärt sich sein Niederschlagsreichtum, der keinen scharfen Unterschied zwischen Regen- nnd Trockenzeit aufkommen lässt und in der Missionsstation Simbang am Huongolf 1895 auf 5500 mm stieg. Doch wechselt die Regenmenge von Jahr zu Jahr, und zeitweilig tritt merklicher Niederschlagsmangel ein, der auf den Pflanzungsbetrieb ungünstig einwirkt. 1889 fielen z. B. im Finschhafen gegen 4000 mm, 1890 nur etwas über 1900 mm Niederschläge. Dort, wo ein Bergzug quer zur Hauptwindrichtung verläuft, sind ebenfalls auffällige Gegensätze wahrgenommen worden. Im Huongolf ist der Südwestmonsun, in der unmittelbar benachbarten, aber durch das Finisterre-gebirge getrennten Astrolabcbai der Südostpassat Regenbringer. Demnach fällt die Hauptregenzeit hier in den Südwinter, dort in den Südsommer 1).

1) Auf Grund mehrjähriger Beobachtungen beträgt die mittlere Regenhöhe des Jahres im Hatzfeldhafen 2485 mm, Konstantinhafen 2962 mm, Finschhafen 2737 mm, Friedrich Wilhelmshafcn 3840 mm und Herbertshöbe 1795 mm. Die Niederschläge sind somit in Kaiser Wilhclmsland durchweg ergiebiger als auf dem Bismarck-Archipel. Für die Salomonen liegen noch keine Messungen vor.

Ein solches Klima begünstigt die Entwicklung der Pflanzenwelt in hohem Grade, andrerseits birgt es aber auch alle Nachteile für den Europäer in sich. Wegen der unbedeutenden Wärmeschwankungen erhält der Körper nie die wohlthucndc Erfrischung, die ein starker Temperaturgang mit sich bringt, und keine Quelle spendet einen frischen Trunk. Leider fehlen Fieber und Dysenterie nicht, die in der Regenzeit besonders gefährlich werden, selbst die Eingeborenen nicht verschonen und 1891 im Finschhafen binnen wenigen Wochen 13 Europäer wegrafften, so dass der sonst vortreffliche Ankerplatz aufgegeben werden musste. Auf den Inseln ist das Klima gesünder, und die Fieber treten seltener und in viel milderer Gestalt auf.

Die überreiche Wasserzufuhr und die geologische Zusammensetzung des Bodens erzeugen im Verein mit der gleichmässigen Wärme eine strotzende, kraftvolle Pflanzendecke, die in schärfstem Gegensätze zu der Pflanzenarmut des benachbarten Australkontinents steht und sich in unsern afrikanischen Besitzungen nur in dem klimatisch ähnlich begünstigten Kamerun wiederfindet. Mit Ausnahme des der Nordspitze Australiens benachbarten Gebietes weist Neuguinea die typische Akazien-, Eukalypten- und Steppenflora jenes Erdteils nicht auf. Viel wahrscheinlicher ist eine frühere, wenn schon seit langem gelöste und möglicherweise niemals vollkommen durchgeführte Verbindung mit der südostasiatischen Inselflur. Dass Neuguinea als Insel ein hohes Alter besitzen muss, wird durch die grosse Zahl endemischer oder einheimischer Pflanzen bewiesen. Man kennt deren bisher 50, eine Zahl, die bloss von Neukaledonien (70 Arten), Madagaskar (156 Arten) und den Hawaiischen Inseln (370 Arten) übertroffen wird. Doch ist es zweifellos, dass Neuguinea bei genauerer Untersuchung Neukaledonien noch überflügeln wird.

Sieht man von dem Mangrovegürtel ab, der stellenweise den schlammigen Uferrand Kaiser Wilhelmslandes umsäumt, so kann man als Hauptpflanzenformen das Grasland und den Urwald unterscheiden. Einzelne Küstenstrecken und Flussauen sind mit einer hohen Grasart, dem Allang-Allanggrase (Imperata arundinacea), bedeckt, das wirtschaftlich wenig Wert hat, weil seine Halme rasch hart und scharf werden und bloss in ganz jungem Zustande als Viehfuttcr brauchbar sind. Die Wurzeln lassen sich schwer aus dem Boden entfernen und ersticken jedes andere Pflanzcnleben, vor allem Blumen und Futtergräser, so dass der Boden dort, wo sich das Aliang-Allanggras eingenistet hat, erheblich an Brauchbarkeit verliert. Im Übrigen ist aber die Kolonie ein grosses und grossartiges tropisches Waldgebiet. Es wird von einem unabsehbaren Urwald eingenommen, der sich aus unzähligen Laubholzarten in so mannigfacher und wechselnder Weise zusammensetzt, dass zusammenhängende Bestände irgend einer Baumart nicht Vorkommen, sondern Hunderte von Arten auf einer verhältnismässig kleinen Fläche beisammenstehen. Neben riesigen Baumfarnen stehen nützliche Brotfruchtbäume (Artocarpus incisa), Banianen, Pandangs mit ihren dornigen Blättern und hohen Stelzwurzeln und andere gewaltige Strebepfeilerbäume. Zu ihnen gesellen sich Rot-, Sandcl-, Eisen- und Ebenholz und andere kostbare Bau-, Nutz- und Farbhölzer, während ausgedehnte Bestände von Bambusgewächsen und wildem Zuckerrohr dazu beitragen, das Durchstreifen der Waldungen zu erschweren. Nicht minder abwechsclungs-voll ist die Palmenflora. Denn Neuguinea ist eins der palmenreichsten Länder der Erde und birgt in der Arcka- oder Bctclpalme (Areca Catechu), deren Nuss zusammen mit den Blättern des Betelpfeflers (Piper Betle) in ganz Südostasien gekaut wird, der Kokospalme und der in sumpfigen Niederungen kleine Dickichte bildenden Sagopalme (Metroxylon Rumphii) wirtschaftlich hochwichtige Vertreter dieser ebenso schönen als charakteristischen Tropenbäume. Auf sämtlichen Inseln ist namentlich die Kokospalme zu Hause. Noch in 600 m Meereshöhe gute Erträge liefernd, dient sic neben der dornenbesetzten Sagopalme und einigen Knollengewächsen als Grundlage für den Haushalt der Eingeborenen und versorgt den Weltmarkt ausgiebigst mit dem getrockneten und zerschnittenen Fleisch ihrer Nüsse, das unter dem Namen Kopra bekannt ist und bei der Öl-, Seifen- und Fettbereitung eine wesentliche Rolle spielt.

Das Dickicht beschränkt sich nicht nur auf das Tiefland, sondern klimmt auch hoch im Gebirge empor. So eng stehen die schlanken, bis 50m hohen Stimme nebeneinander und so dicht sind ihre Kronen, dass kaum ein Sonnenstrahl durch das Blätterdach bis zum Boden gelangen kann. In dem Halbdunkel entwickelt sich, begünstigt durch die stehende, feuchtwarme Luft, ein engmaschiges Gewirr von Gummilianen und anderen windenden und kletternden Schmarotzern, unter denen neben den kautschukliefernden Pflanzen die Rotang- oder Kletterpalme, auch als Stuhlrohr oder spanisches Rohr (Calamus Rotang) bekannt, für den Handel am wertvollsten ist. Wie die Lianen steigt sie hoch in die Wipfel der Bäume, deren Riesenstämme oft bis zur Unkenntlichkeit umschlungen sind, und in dem unerbittlichen Kampfe um Luft, Licht und Raum ist ein Gewächs bestrebt, das andere zu töten. Doch wirkt der düstere Urwald wie überall in den Tropen trotz der unendlichen Mannigfaltigkeit der ihn zusammensetzenden Arten in hohem Grade eintönig und entbehrt des regen Lebens, das unsere Wälder auszeichnct. Nur die Vogelwelt, die das Tierlebcn in der Hauptsache vertritt, macht sich bemerkbar, und das dämmerige Dickicht, in dem man sich mühsam mit Axt und Buschmesser einen Weg durch das 3—10 m hohe Unterholz bahnen muss, hallt bis zu 1000 m Seehöhe von den mannigfachsten Vogelstimmen wieder.

Au dem feuchtigkeitsärmeren Bismarck-Archipel ist der Urwald vielfach lichter und wechselt öfters mit baumfreien Grasflächen ab. Ebenso geht er hier und auf Neuguinea mit wachsender Meereshöhe in den Bcrgwald über, der niedriger, trockener und leichter gangbar wird. Die Bäume werden kleiner und sparrigcr, die Schlinggewächse verschwinden, und statt ihrer nisten sich Orchideen, Moos- und Flcchtenpolster ein, während ein dichtes Unterholz von Lorbeer-, Myrten- und Farnkrautbüschen den Boden überzieht. Stellenweise treten seltene Nadelhölzer, Araukarien und die fast vorzeitlichen Koniferengeschlechter Libocedrus und Phyllocladus waldbildend auf, und an ihrem Fussc grünen hohe Heidelbeerbüsche in reichlicher Artenzahl, bis endlich von 3600 m ab die Vegetation strauchartig wird. Saftige Alpenmatten überziehen die Gehänge und sind in scharfem Gegensätze zu den eintönigen Allang-Allangflächen mit farbenprächtigen Alpenrosen, Veronikas, Stiefmütterchen, Fingerkräutern (Potentilla), Johanniskraut, Enzian und andern Blumen bunt durchwirkt, die mitten im Herzen der Tropen das freundliche Bild unserer heimatlichen Berg- und Alpenlandschaftcn hervorzaubern.

Auffallend verschieden von der Üppigkeit und Mannigfaltigkeit der Pflanzenwelt ist das einheimische Tierleben, das hier wie überhaupt im Südseegebiet sehr zurücktritt. Durchaus abweichend von der Fauna unserer afrikanischen Kolonien zeigt es eine entschiedene Verwandtschaft mit Australien, und seine dürftige Entwickelung spricht ebenfalls für ein hohes Alter der insularen Selbständigkeit Neuguineas.

Raubtiere und Affen fehlen gänzlich, und von Säugetieren sind vornehmlich Beuteltiere beobachtet worden. Zu nennen sind mehrere kleine Känguruharten, darunter das plumpe Baumkänguruh (Dendrolagus), Borstenbeutler (Perameles), die in ihrer Lebensweise an den Igel erinnern, statt der Stacheln jedoch Borstenhaare tragen, ein Beutelbär (Cuscus), zwei Ameisenigel, fliegende Hunde, einige Beutclaffen, Ratten-und Mäusearten, so dass Neuguinea trotz seiner Ausdehnung die säugetierärmste Insel unserer Erde ist. Das Schwein ist ebenso wie der Hund in früherer Zeit eingeführt, und beide Tiere werden teils als Haustiere gehalten, teils leben sie halbverwildert in den Wäldern. Weit reichhaltiger und durch wunderbare Farbenfülle ausgezeichnet ist dagegen die Vogelwelt, wenngleich auch ihr viele der im grössten Teile der alten Welt heimischen Gattungen fehlen. Flamingos, Spechte, Finken, Ammern, Fasanen, Hühner u. s. w. sucht man vergebens. Die Stelle der letzteren vertreten die Grossfusshühner (Megapodius), die ihre Eier nicht selbst ausbrüten, sondern sie im sonnendurchwärmten Sande oder in Laubhaufen eingraben. Während der an Australien erinnernde Helmkasuar seltener geworden ist, giebt es Papageien, Kakadusi Loris und Tauben in ungeheurer Menge, darunter die prachtvollen, truthahngrossen Krontauben mit ihrer schillernden Federhaube. Andere eigentümliche Vögel sind Honigsauger (Meliphaga), Eisvögel, Glanzstaare und ein Nashornvogel, auch treffend Eisenbahnvogel genannt, weil er beim Fliegen ein einer keuchenden Lokomotive ähnelndes Geräusch verursacht. Aber der eigentliche König der Vogelwclt ist der bisher in 50 Arten bekannte Paradiesvogel, der nur auf Neuguinea heimisch ist, auf den Inseln dagegen nicht vorzukommen scheint und wohl als die schönste unter allen Vogelarten gelten muss. Während die Weibchen ein sehr einfaches, schlichtes Gefieder haben, zeichnen sich die Männchen durch ein in den wundersamsten Metallfarben erstrahlendes Federkleid und durch eine eigenartige Formentwickelung der Schwanz- und Flügelfedern aus. Weil die zugerichteten Bälge ohne Füsse in den Handel kamen und die ersten lebenden Paradiesvögel erst vor etwa 50 Jahren durch den berühmten Zoologen Wallace nach Europa gebracht wurden, so umgab den seltenen Vogel Jahrhunderte lang ein Sagenkreis. Der Paradiesvogel sollte keine Füsse besitzen, schwebend in der Luft schlafen u. s. w., und um die alte Fabel zu verewigen, hat ihn Linnd den Fussloscn (Paradisea apoda) genannt. Da man dem scheuen Vogel wegen seines herrlichen Gefieders — das Fleisch ist zähe, lederartig und fast ungeniessbar — eifrig nachstellt, so ist es mit Freude zu begrüssen, dass seine Jagd seit einigen Jahren durch entsprechende Verordnungen wesentlich beschränkt wurde.

Das Meer und die Flüsse wimmeln von Fischen, die den Eingeborenen zur Hauptnahrung dienen und eine überraschend hohe Ausbildung des Fischfangs veranlasst haben. An anderen Scetieren ist ebenfalls kein Mangel, und neben der Schildkröte und der Perlmuschel stellt die unter dem Namen Trepang oder Seegurke bekannte Holothurienart einen in China und Japan sehr geschätzten Leckerbissen dar. In den Flüssen tummeln sich Krokodile, und die Reptilien sind zahlreich in meist kleineren Arten vertreten; Giftschlangen scheinen aber selten zu sein. Die Lichtungen werden von buntfarbigen Schmetterlingen bevorzugt, während holzzerstörende Käfer den geschlossenen Wald lieben. Eine unangenehme Plage sind Mücken und eine winzigkleinc Zeckenart, die, sich in grossen Mengen in die Haut einbohrend, ein unerträgliches Jucken und örtliche Entzündungen hervorruft.

Der Bevölkerung nach unterscheidet man im Bereiche des Stillen Ozeans drei Hauptgruppen, die Melanesier (Dunkelfarbige), Polynesier (Vielinselbewohner) und Mikronesier (Kleininselbewohner). Die Eingeborenen des Schutzgebietes der Neuguinea-Kompagnie, deren Gesamtzahl man, allerdings auf Grund ganz unzuverlässiger Schätzungen, zu etwa 400000 Seelen veranschlagt1), gehören der ersten Völkerfamilie an, die wegen ihres krauswelligen, korkzieherartigen Haares auch den malayischen Namen Papua (Krauskopf) führt. Auf dem Bismarck-Archipel und den Salomonen werden indes polynesische Beimischungen erkennbar, und die Melanesier selbst sind kein einheitlicher Stamm, sondern nach Gesichtsbildung, Hautfarbe und Sprache schon auf kurze Entfernungen hin sehr verschieden. In Kaiser Wilhelmsland nimmt ein Sprachgebiet gewöhnlich nicht mehr als 15 kmKüstenlänge ein, sodass sich die Bewohner benachbarter Ortschaften oft nur schwer oder gar nicht verständigen können und dass Hugo Zoller auf verhältnismässig beschränktem Raume 46 Mundarten festgestellt hat. Zwar haben eingehendere Forschungen viele verwandtschaftliche Beziehungen in diesem Sprachwirrwarr ergeben, aber trotzdem erschwert die Verschiedenheit der Dialekte den Verkehr der Eingeborenen unter sich und mit den Europäern in unerwünschter Weise und ist neben dem wegefeindlichen Urwald wohl mit ein Grund für die überall beobachtete staatliche Zersplitterung.

1) Die hohen Binnengebirge scheinen menschenleer zu sein, die Flussthäler des Innern und die mitteihohen Gebirge sind dünn bewohnt, während am Unterlaufe der Flüsse eine sehr dichte Bevölkerung sesshaft ist.

Die zahllosen kleinen Gemeinwesen haben kaum den Zusammenhang der Dorfgemeinschaft überschritten, und bei vielen Stämmen geniessen nur die Familienoberhäupter ein sehr geringes Ansehen. Auf dem Bismarck-Archipel ist die Häuptlingswürde in gewissen Familien erblich, und auf den Salomonen wird sie oft dem Tapfersten übertragen. Ausgebildetc Staatswesen gab es dagegen auf den Fidschi-Inseln; denn mit der steigenden Kulturentfaltung nimmt die staatliche Organisation ostwärts in demselben Grade zu, als sich der polynesische Einfluss in Melanesien mehrt. Eine gewisse weitergehende, nicht bloss auf ein Dorf oder auf eine Insel beschränkte Macht übt auf dem Bismarck-Archipel die Duk-Dukbrüderschaft aus, die teils ein religiöser Geheimbund, teils eine Art staatlicher Einrichtung zu sein scheint. Ihre schreckhaft maskierten Mitglieder fahren zu gewissen Zeiten von Insel zu Insel, einmal um reichliche Geld- und Nahrungsspenden einzutreiben, dann um schuldige oder angeklagte Personen zur Rechenschaft zu ziehen.

Der starke Haarwuchs, ein allen Melanesiern gemeinsames Merkmal, ist ein Gegenstand eifrigster Pflege, wie denn die Eingeborenen einen ausgesprochenen Sinn für Tätowierung, Bemalung und Schmuck haben, während sich die Kleidung kaum auf das Allemotwendigste beschränkt und über die Bedeckung der Hüftgegend nicht hinausgeht. Als Hauptnahrung dienen die Erzeugnisse des Pflanzenreiches, in erster Linie das Mark der Sagopalme, die Früchte der Kokospalme und des Brotfruchtbaums. Ausserdem werden Taro (Colocasia antiquorum), Bataten (Ipomoca batatas) und Yams (Dioscorea batatas), deren Wurzelknollen unsere Kartoffel vertreten, mehr oder minder sorgsam angebaut, und weit verbreitet ist die als Nahrungspflanze geschätzte Banane. Einen erwünschten Beitrag zur Pflanzenkost gewähren die Erträgnisse des Fischfangs; die Fleischnahrung dagegen beschränkt sich bei der spärlichen Anzahl jagdbarer Tiere auf die um ihres Fleisches willen gezüchteten Hunde und Schweine. Weniger aus dem Verlangen nach tierischer Nahrung als vielmehr aus der Lüsternheit der Eingeborenen, aus Hass und aus abergläubischen Vorstellungen ist der entsetzliche Brauch des Kannibalismus hervorgegangen, der noch heute in ganz Melanesien blüht. Fast alle Stämme huldigen der Menschenfresserei, die mancherorts einen solchen Umfang angenommen hat, dass nicht nur die gefallenen oder gefangenen Feinde, sondern alle Stammesfremden und selbst die verstorbenen Angehörigen der eigenen Dorfschaft verzehrt werden. Nicht minder furchtbar sind die namentlich auf den Salomonen ausgeübten Kopfjagden, die in erster Linie dem Bestreben dienen, Menschenfleisch für das Volk und möglichst viele Schädel als Trophäen für die Häuptlinge zu gewinnen, nebenbei aber auch den Zweck haben, Sklaven zur Bewirtschaftung des Bodens zu erbeuten. Das Koppensnellen, wie es die Holländer nennen, hat ganze Inseln entvölkert oder deren Bewohner von der leicht erreichbaren Küste ins schwer zugängliche Gebirge getrieben, und die deutsche Regierung sollte mit aller Kraft dem Unwesen steuern, da die Salomonen wahrlich ein besseres Loos verdient haben, als den meist aus dem englischen Anteil des Archipels herüberkommenden Menschenfängern ergiebige Jagdgründe zu bieten.

Im allgemeinen liegen die einzelnen Stämme in ewiger Fehde, weil der hinterlistige grausame Charakter der Papuas, ihr verräterischer Sinn und ihr unbändiges Hass- und Rachegefühl ein friedliches Nebeneinanderwohnen unmöglich machen. Das Bewusstsein beständiger Unsicherheit hat die Schwächeren oft veranlasst, sich auf Pfahlbauten zu flüchten oder ihre Hütten auf gewaltigen Bäumen 25 — 30 m über dem Erdboden anzulegen. Nur die Küstenbevölkerung Kaiser Wilhelmslandes zeigte sich den Fremden gegenüber friedlich und freundlich, sonst wurden sie überall mit Argwohn und Misstrauen oder mit offener Feindseligkeit empfangen und pflegten deshalb die Melanesier von Anfang an aufs rücksichtsloseste zu behandeln. Leider ist dieser traurige Zustand durch die Gewissenlosigkeit deutscher und australischer Werber noch mehr verschlechtert worden, indem man die kräftigen Eingeborenen mit List und Gewalt aus ihrer Heimat schleppte und sie bei unwürdiger Behandlung jahrelang auf den fernen Baumwollenplantagen festhielt. Für jene Schändlichkeiten, die mit den Greueln des afrikanischen Sklavenhandels wetteiferten, nahmen die Melanesier erklärlicherweise bei jeder sich darbietenden Gelegenheit Rache, und der ständige Kriegszustand ist der hauptsächlichste Grund, weshalb Kultur und Mission auf der verschlossenen Inselflur so geringe Fortschritte machen. Die wenigen Weissen haben einen schweren Stand und leben in steter Lebensgefahr, und gar mancher harmlose Kaufmann, Missionar oder Reisende, der sich in friedlicher Absicht der Küste näherte, ist von den blutdürstigen Wilden ermordet worden. Erst 1896 fand der österreichische Geologe von Foullon-Norbeck nebst mehreren Begleitern auf der Salomoneninsel Guadalcanar den Tod, und mustert man auf dem europäischen Kirchhofe zu Mioko die Grabkreuzc, so ist auf der Mehrzahl der älteren das Wort „ermordet“ eingegraben. Namentlich die Salomoneninsulaner sind in den Ruf gekommen, die wildesten, grausamsten und rohesten Melanesier zu sein; doch ist zu betonen, dass gerade sie unter den Gewaltthätigkeitcn der Weissen am meisten zu leiden hatten. Seit der deutschen Schutzerklärung ist dem zügellosen Treiben der Werbeschiffe Einhalt gethan und das Verhältnis zwischen Weissen und Eingeborenen, die wir zur Bearbeitung unserer Pflanzungen selber notwendig brauchen, etwas gebessert worden. Zögernd beginnen Handel und Christentum auf den Inseln Fuss zu fassen. Auf einigen Eilanden des Bismarck-Archipels sind blühende Plantagen und Faktoreien angelegt, und selbst auf den verrufenen Salomonen haben sich neuerdings wagemutige Händler und Missionare1) niedergelassen. Die kräftigen Bewohner der nördlichsten Salomoneninsel Buka verdingen sich immer zahlreicher als Arbeiter, freilich nur stossweise und für kürzere Zeit, weil bei der übergrossen Bedürfnislosigkeit der Tropenmenschen die Erzeugnisse der europäischen Kultur keinen nachhaltigen Reiz auszuüben vermögen. Doch darf man auch den Bukaleuten noch lange nicht trauen. Es ist erinnerlich, dass die Mörder des Weltreisenden Otto Ehlers und des Landeshauptmanns v. Hagen von jener Insel stammten.

1) Im westlichen Neuguinea sind auch moham0414146286danische Sendboten mit sichtlichem, allerdings meist lusserlichem Erfolg thätig.

Was bei allen Melanesiern in Erstaunen setzt, ist ihr hoch entwickelter Kunstsinn, der auf nicht unbedeutende geistige Anlagen schliessen lässt. Die mit künstlerischem Geschmack verfertigten Waffen, Geräte, Boote und Schnitzarbeiten sind um so mehr der Bewunderung wert als sie nur mit unvollkommenen Werkzeugen aus Holz, Stein und Muscheln hergestellt wurden. Viele Stämme des Schutzgebietes leben noch jetzt in völliger Steinzeit, und bei denen, die durch die Berührung mit den Europäern den Nutzen der Metalle schätzen gelernt haben, gilt eine eiserne Axt oder ein Messer als der erstrebenswerteste Besitz. Ein Gemeingut der Papuas, aber den Polynesiern durchaus unbekannt, ist die ohne Drehscheibe ausgeführte Töpferei. Bemerkenswert ist ferner, dass sich bei dem Verkehr zwischen den Eingeborenen des Bismarck-Archipels ein Zahlungsmittel herausgebildet hat, das in der Verwendung vollständig unserm Gelde entspricht, nämlich das auf Fäden gereihte Muschelgeld Dewarra. Die Dewarrafaden werden innerhalb der einzelnen Dörfer im gemeinsamen Schatzhause aufbewahrt und sorgfältig gehütet.

Alles in allem stehen die Papuas noch auf einer tiefen Kulturstufe, und die Europäer, die etwa 200 Seelen zählen und meist Beamte oder Angestellte der Neuguinea-Kompagnie sind, können für absehbare Zeit an einen gewinnbringenden Handel mit den selbstzufriedenen Naturkindem nicht denken. Um so wichtiger wird das Schutzgebiet durch die Fülle von Nutzhölzern, die der tropische Urwald birgt, und noch mehr verheisst es als Plantagenkolonie, deren fruchtbares Erdreich mit dem berühmten Boden Kameruns wetteifert. Mit der europäischen Kolonisation offenbart sich aber den Eingeborenen eine Fülle früher nie gekannter Wünsche und Begriffe. Die mohamedanischen Sendboten und Händler im Westen, die christlichen Missionare im Osten, die deutschen Beamten, Pflanzer und Kaufleute, die als Arbeiter eingeführten chinesischen und malayischcn Kulis, sie alle sind die Träger einer neuen Zeit, die laut und vernehmlich an die Thore des abgelegenen Neuguinea-Schutzgebietes anklopft und es über kurz oder lang dem Welthandel erschliessen wird.

Kurt Hassert.

I. Abschnitt:

Deutschlands Kolonien – Geschichtlicher Überblick

II Abschnitt:

Die Erwerbungs- und Entwicklungsgeschichte deutscher Schutzgebiete

III. Abschnitt:

Landes- und Volkskunde der deutschen Schutzgebiete: Deutsch-Ostafrika

IV. Abschnitt:

Landes- und Volkskunde der deutschen Schutzgebiete: Togo

 V. Abschnitt:

Landes- und Volkskunde der deutschen Schutzgebiete: Kamerun

VI. Abschnitt:

Landes- und Volkskunde der deutschen Schutzgebiete: Deutsch-Südwestafrika

VII. Abschnitt:

Das Schutzgebiet der Neuguinea-Kompagnie

VIII. Abschnitt:

Die Marshall-Inseln

IX. Abschnitt:

Die Kiautschou-Bucht

X. Abschnitt:

Die wirtschaftliche Bedeutung der deutschen Kolonialpolitik und der deutschen Schutzgebiete

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