Der Kampf um deutsche Kultur in Amerika – Das Deutschtum in Amerika zu Lincolns Zeit

Lügenkreis-AbbildungDie einfachen Urzustände der Menschheit, die, zur Rettung gegen die Gefahren der Überkultur, Herder, Goethe und andere deutsche Dichter im Morgenlande, in der Patriarchenluft des Ostens, sehnend gesucht hatten, waren in Amerika wiedergekehrt.

Auf jungfräulichem Boden, unberührt von der Überkultur der Alten Welt, ja im Kampfe mit ihr, hatte sich hier ein neues freies Staatswesen gebildet, das wie die Erfüllung schien der Träume, wie sie die fortgeschrittensten der politischen Denker und Seher Europas geschaut hatten. Und innerhalb dieses neuen Gemeinwesens ein Menschengeschlecht, das im Kampfe um die Eroberung und Erschließung endloser Länderstrecken, in der Entwicklung des gewaltigsten Agrikulturstaates der Welt, wirklich zu den einfachsten Zuständen menschlichen Daseins, zu den Anfängen der Kultur zurückgekehrt war. Denn nicht in der handeitreibenden Gesellschaft des Ostens, die sklavisch den Traditionen europäischer Kultur nachfolgte, sondern in den Massen der langsam westwärts ziehenden Pioniere lag bald der Schwerpunkt des neuen Staatswesens.

Aus den Reihen dieses einfachen, unverdorbenen Pioniergeschlechtes sollte der Führer hervorgehen, als jener innere Kampf ohnegleichen ausbrach, der das junge Staatswesen bis in seine letzten Fugen erschütterte, ja, seine Existenz überhaupt in Frage stellte. Was in diesem Bruderkampfe nottat, war nicht ein Führer, der seinem Volke vorausgeeilt wäre oder einen Teil von ihm mit sich gerissen hätte. Hier galt es, den Mann zu finden, der unerschütterliche Festigkeit und unbeugsame Kraft mit klarem Verstände und höchster Klugheit vereinte, den Volkshelden, der seinen höchsten Beruf in echt germanischer Weise schließlich darin fand, daß er in dem schweren Bruderkampfe ein Versöhner und Friedebringer zu sein habe. Und weil Lincoln diesem Ideale vor allen seinen Zeitgenossen am nächsten kam, weil er sein Lebenswerk schließlich mit dem Märtyrertode besiegelte, darum gedenkt das amerikanische Volk seiner mit grenzenloser Verehrung.

Die Deutsch-Amerikaner aber dürfen sich, als einem Teile der Nation, nicht unbedeutende Mithilfe an seinem Lebenswerke zuschreiben.

Wohl weiß ich, daß die amerikanische Geschichtschreibung Lincoln gern als den alleinigen Befreier der Sklaven und Erhalter der Union preisen möchte. Aber niemand würde stärker dagegen protestieren als der einfache, wahrheitsliebende Lincoln. Vor allem aber ziemt es gerade den Deutschen, der geschichtlichen Wahrheit gerecht zu werden, in deren Lichte das Verdienst des Mannes um so heller und bleibender strahlen wird.

Wollen wir der Bedeutung Lincolns und der deutschen Mithilfe an seiner Leistung gerecht werden, so bedarf es eines kurzen geschichtlichen Rückblicks.

Wie sehr amerikanische Historiker es heute auch beschönigen und als politische Weisheit preisen mögen, daß die amerikanische Konstitution, die so stolz die natürlichen Rechte des Menschen verkündet, den Neger von diesen Rechten einstweilen ausschloß: die Tatsache bleibt doch bestehen, daß jener Mangel an Prinzipientreue das Geschwür der Sklaverei am jungen Staatskörper verschuldete, die diesen immer weiter durchfraß und schließlich zu vernichten drohte. Gleich hier aber möchte ich auf einen fundamentalen Unterschied zwischen deutscher und anglo-amerikanischer Charakter- und Denkart hinweisen, wie er sich nicht nur im Kampfe um die Sklavenfrage offenbart. Während der Deutsche, wenigstens damals, zur Zeit des abstrakten Denkens und der „unbedingten Ideale“, an einem für recht oder wahr erkannten Prinzipe mit aller Zähigkeit und leidenschaftlichen Treue seiner Natur festhält, und jedes Nachgeben oder Zurückweichen als moralischen Selbstverrat ansieht, ja sich nicht selten in halsstarrige Prinzipienreiterei verrennt, vermag es der realistische Amerikaner, vom Vorteil des Augenblicks und dem Bestand der Tatsachen geblendet, sich leichter mit seiner Überzeugung abzufinden. Daher denn, besonders auf dem Gebiete der amerikanischen Politik, die Vergötterung des Kompromisses, die nur zu oft und zu leicht in den politischen Schacher ausartet.

Allein der Gang der Geschichte sollte den unwiderleglichen Beweis führen, daß Kompromiß und Schacher in den höchsten sittlichen Fragen zum Verderben und Ruin führen, ja, daß diese Fragen schließlich dennoch mit eherner Notwendigkeit zur blutigen Entscheidung drängen.

Jenem ersten Kompromiß, den vermeintliche politische Weisheit in der Konstitution zwischen den Interessen des Nordens und des Südens geschlossen hatte, indem sie die Sklaverei anerkannte, folgten andere, schlimmere. Was wollte es bedeuten, daß man sich nach dem Vorgänge Englands gezwungen sah, den Sklavenimport aus Afrika zu verbieten? Als nach der Erfindung von Whitneys Maschine die Baum-wollkultur des Südens, und damit sein Reichtum, einen Riesenaufschwung nahm, da legten sich die Pflanzer der nördlichen, vom Baumwollbau bereits ausgesogenen Sklavenstaaten, wie z. B. Virginien, aufs Negerzüchten. An die Stelle des Sklavenhandels mit Afrika trat der Sklavenhandel zwischen den südlichen Staaten. Und während die Sklavenbarone ihre Arme immer gieriger nach jedem neu erschlossenen Gebiete des Westens ausstreckten, hielten sie mit ihrem Gelde und Einfluß die politische Macht in den Händen, vergifteten das öffentliche Leben und zwangen in schmachvollen Kompromissen — ich brauche nur das Missouri-Kompromiß und die Kansas-Nebraska-Bill zu nennen — dem Kongreß Zugeständnis über Zugeständnis ab. Um seine Zwecke zu erreichen, schloß der Sklavenadel des Südens ein politisches Bündnis mit dem Pöbel des Nordens. Damals entstand das korrupte professionelle Politikertum, der Unsegen Amerikas bis auf diesen Tag. Damals war es, daß die unerhörtesten Pöbelexzesse gegen die eingewanderten Deutschen stattfanden. Und schon damals begannen die gebildeten Klassen im amerikanischen Norden sich immer mehr von der Politik zurückzuziehen. Das schlimmste vielleicht aber war, daß in diesem unwürdigen Kampfe politischer Sonderinteressen das Bewußtsein von der Einheit und Größe der Union immer mehr verblaßte; ja, daß sogar in den kleinen patriotischen Kreisen, die in der Sklaverei das nationale Übel erkannten und bekämpften, Anfang der dreißiger Jahre Interesse und Angriffsmut erlahmten.

So etwa war die trostlose Lage, als Ende der zwanziger, anfangs der dreißiger Jahre ,der Ström deutscher politischer Flüchtlinge einzusetzen begann, der dann, nach dem Jahre 1848, Hunderttausende von hochgebildeten, freiheitbegeisterten und ideal gesinnten Männern nach Amerika führte. Was die Ankunft dieser Männer mit ihren Schätzen an Geist und Gemüt für die unfertige, nur langsam aufstrebende Kultur Amerikas bedeutete, ist gar nicht auszusprechen. Die Wirkung ihres außerordentlichen Kultureinflusses sollte zunächst auf politischem Gebiete^ sich an die Öffentlichkeit drängen. Aufgeiwachsen in den politischen Wehen und Krämpfen, die in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts das deutsche Vaterland durchrüttelten, und sie, die sogenannten Revolutionäre, selbst an die Ufer Amerikas geworfen hatten, mußten sie die politische Lage hier mit ganz anderen, klareren Augen überschauen, als die meisten der Eingeborenen. Wie hätten sie, die ihre Jugend an der Blüte deutscher Geisteskultur, unserer klassischen Literatur und Philosophie genährt hatten’, in der Sklaverei etwas anderes als einen unbegreiflichen Schandfleck und ein schreiendes Verbrecheir gegen wahre Menschlichkeit sehen können? Und jedes Kompromiß mußte ihnen als Verrat, als noch größeres Verbrechen erscheinen. Sie, die den Fluch der Kleinstaaterei und politischen Zerrissenheit ameigenen Leibe erfahren hatten, erkannten viel klarer, als die Einheimischen, die Gefahr einer Zersplitterung der Union, der die verblendete Politik der rücksichtslosen und selbstsüchtigen Politiker jener Zeit immer mehr zutrieb. Ja, mit Stolz dürfen wir Deutsch-Amerikaner heute darauf hinweisen, wie diese Männer den Gedanken der Einheit des Vaterlandes, der sie selbst von Haus und Hof vertrieben hatte, mit aller Begeisterung ihres Herzens auf die neue Heimat übertrugen. Sie fühlten sich in erster Linie als Amerikaner und nicht als Bürger dieses oder jenes einzelnen Staates, und Tausende haben für diesen Gedanken freiwillig und freudig ihr Blut vergossen. Und mehr noch. Vor den klaren Augen der philosophisch geschulten Führer des Deutschtums jener Tage zerriß das Phrasennetz von Freiheit und Gleichheit, hinter dem sich oft nur Roheit und Barbarei versteckten. Sie erkannten zuerst, daß die amerikanische Freiheit im Kampfe gegen die Sklaverei aufs neue zu erobern sei, daß dieser Kampf eine sittliche Wiedergeburt für die ganze Nation bedeuten müsse. Wenn wir heute sagen dürfen, daß das amerikanische Volk als Nation gereinigt, gestärkt und geeint aus dem mörderischen Kampfe hervorging, dann dürfen wir auch stolz darauf hinweisen, daß die Deutschen zuerst diesen Erneuerungsprozeß von Anfang an prophetisch erkannten und forderten. Zahllos sind die Dokumente hierfür.

Unter den Männern, die zuerst die Frage in diesem hohen nationalen Sinne auffaßten und ihre Existenz dafür in die Schranken warfen, gebührt, eine der hervorragendsten Stellen Karl Folien. Durch seine berühmte „Rede an das amerikanische Volk über die Sklaverei“, die er im Jahre 1834 in Boston hielt, klingt der Erzton Fichtischer Beredsamkeit und sittlichen Zornes.. Kein Argument gegen das schändliche Institut, das in diesem glänzenden Dokumente nicht vorgebracht wäre! Dabei nichts von den religiösen Sentimentalitäten oder der haarspaltenden Advokatenlogik, denen wir in gleichzeitigen Pamphleten so häufig begegnen. Folien war der einzige Universitätsprofessor in Amerika, der den Mut hatte, in dieser nationalen Frage öffentlich aufzutreten und Stellung zu nehmen.

Er sollte erfahren, daß auch das freie Land für die akademische Freiheit im Sinne Fichtes und der Göttinger Sieben keinen Raum hatte. Er verlor seine Stellung am Harvard College und mußte fortan seine Existenz mühselig mit dem Bettelbrot eines amerikanischen Landgeist-lichen fristen, bis er, treu seiner Pflicht und Überzeugung, auf einem brennenden Schiff einen furchtbaren Tod fand. Wir Deutsch-Amerikaner aber gedenken seiner als eines der ersten unserer Märtyrer für die große Sache. Es ist unmöglich, die deutschen Männer alle einzeln aufzuzählen, die in den folgenden Jahrzehnten in den Kampf eingriffen.

Den Epigonen von heute sind die Achtundvierziger oft ein Ziel des Spotts. Aber die Zeit wird kommen, wo man sich an der furchtlosen aufrechten Gesinnung, der Opferfreude und der unbestechlichen Freiheitsliebe dieser Männer wieder stärken wird. Inzwischen halte ich es für eine der heiligsten Aufgaben der deutsch-amerikanischen Geschichte, den Einfluß im einzelnen festzustellen, den die politischen Flüchtlinge seit den zwanziger Jahren, besonders aber die Achtundvierziger, auf die ganze Kulturentwicklung und die politischen Geschicke Amerikas ausübten. Nicht etwa mit der kleinlichen Absicht, das Verdienst anderer zu schmälern, sondern allein um der geschichtlichen Wahrheit willen, die schon darum so Vielen verborgen ist, weil die Quellen des deutsch-amerikanischen Lebens und Wirkens jener Zeit nur durch die Kenntnis der deutschen Sprache zugänglich sind.

Gerade in den Jahren, als die südlichen Sklavenhalter auf dem Gipfel ihrer Macht standen, und sich die demokratische Partei, zu der die früher eingewanderten Deutschen fast ausschließlich gehörten, zum gefügigen Werkzeug gemacht hatten, in den Jahren 1850—54 landeten über 700000 Deutsche. Politisch denkend und politisch, zum Teil wenigstens, geschult, nahmen diese Einwanderer, meist jüngere Männer von hoher Begabung, sofort den lebhaftesten Anteil an den öffentlichen Fragen. In der politischen Oppositionsbewegung, die sich schließlich zur republikanischen Partei verdichtete, waren sie das eigentlich treibende Element. Nicht nur bei der Begründung der Partei, auf dem Konvent von Pittsburg, wie uns Gustav Körner in seinen Erinnerungen berichtet, sondern vor allem in dem Wahlkampf von 1856. Mit Recht sagt ein Zeitgenosse, daß der sittliche Ernst, die gehobene Stimmung und die hohe Begeisterung der Massen in jener Wahl zum großen Teile dem deutschen Idealismus zuzuschreiben sei, dessen gärende Kraft damals in der amerikanischen Politik zuerst sich geltend machte. Er sollte seine siegreiche, verjüngende und umgestaltende Macht in noch viel höherem Maße bei der nächsten Wahl zeigen, die im Jahre 1860 Lincoln zum Präsidenten erhob.

Es sei dem verdienstvollen Gustav Körner nie vergessen, daß er zuerst die Reinheit des Charakters und die geistige Bedeutung Lincolns erkannte und seine Ernennung zum Präsidentschaftskandidaten während der denkwürdigen Konvention von Chicago durchsetzte. Kein anderer der Kandidaten war in seinem Wesen dem Deutschen so wahlverwandt und sympathisch als dieser Mann, der sich vom Arbeitsknecht und Holzhacker aus den trübseligsten Verhältnissen zum Advokaten einer Landstadt emporgearbeitet hatte und dabei ein echtes Naturkind geblieben war: bei hellstem, scharfem Verstände ein echt germanischer Gemütsmensch, bald wehmütig-melancholisch, bald ausgelassen fröhlich und heiter und sprudelnd von Witz und Humor, kein genialer Übermensch im krankhaft-modernen Sinne, aber ein ganzer, harmonischer Mensch, selbstlos, treu und zuverlässig. In reinere und treuere Hände konnte das Schicksal der jungen Republik nicht gelegt werden. Daher der Zauber, der von seiner kindlich-genialen Persönlichkeit ausging, daher die Verehrung, die ihm auf Jahrhunderte hin gewiß ist.

Es ist nicht schwer, in der Laufbahn dieses Mannes, namentlich in der ersten Zeit seiner Präsidentschaft, Mißgriffe und Fehler nachzuweisen, und gerade die Deutschen hielten damals, gewiß zum Heile für Lincoln, mit ihrer Kritik nicht zurück. Er war ihnen, den radikalen Revolutionären, nicht entschieden und energisch genug, sie witterten den verhaßten Kompromißler, wo er zu lange zauderte und nutzlos das Blut der Nation vergießen ließ. Sie vergaßen jedoch, daß auch Lincoln , schließlich ein Kind seines Volkes war und sich aus Furcht vor den „Tatsachen“, eine Zeitlang wenigstens, dem Glauben hingab, eine Frage ewigen Menschenrechts, wie die Sklavereifrage, sei mit der abgöttisch verehrten Konstitution zu bannen. Vor allem aber vergaßen sie, daß das unionstreue amerikanische Volk erst in dem Kriege und durch ihn erzogen werden mußte zu dem Standpunkt, auf dem die Deutschen einmütig von vornherein standen. In diesem langsamen Prozeß, den Lincoln nicht beschleunigen konnte, weil er ihn erst selbst durchmachen mußte, waren die Deutschen der Sauerteig der Nation. Neben Karl Schurz, der sich als Redner und Schriftsteller damals seine größten Verdienste um die Erziehung der Nation erwarb, standen Hunderte von Männern, die in kleineren Kreisen ähnlich wirkten. Ich gedenke hier vor allem Karl Heinzens, des unbeugsamen, wahrheitsliebenden Charakters, der in seinem vielgelesenen „Pionier“ mit unerbittlicher Kritik jede Halbheit und Verlogenheit an den Pranger stellte und die Vernichtung der Sklaverei mit zwingender Logik forderte. „Was ist die Grundüberzeugung aller freisinnigen Deutschen,“ so schrieb er schon 1861, als Lincoln und seine Ratgeber noch schwankten und zauderten, „die sich an diesem Kriege beteiligen? Daß die Sklaverei die Ursache des Unglücks ist, welches dies Land jetzt heimsucht, daß die Sklaverei ausgerottet werden muß, und daß zu ihrer Ausrottung, nicht aber zu ihrer Beschützung und Erhaltung dieser Krieg das wirksamste Mittel und die beste Gelegenheit ist.“

Aber nicht nur reden und schreiben wollten diese Männer, in der Stunde nationaler Not waren sie unter den ersten, die sich bereit fanden, ihr Leben für die neue Heimat zu lassen. Ich will nur daran erinnern, wie nahezu eine Viertelmillion Deutscher als Freiwillige dem Bundesheer sich anschlossen, wie die Deutschen den Staat Missouri für die Union retteten und sich auf den Schlachtfeldern mit Ruhm bedeckten. Auch hier den vollen Umfang deutscher Mithilfe ins rechte Licht zu stellen, ist Aufgabe der deutsch-amerikanischen Geschichtsforschung. Denn an Neidern und Verkleinerern der deutschen Verdienste hat es schon damals nicht gefehlt.

Wer dies bezweifelt, der lese in den Erinnerungen von Karl Schurz nach, wie man, lügnerisch und um die eigene Feigheit zu verdecken, ihn und die deutschen Truppen für den Verlust der Schlacht von Chancellorsville verantwortlich machte, wie er vergebens eine Untersuchung des Tatbestandes durch ein Kriegsgericht forderte, und wie er und seine tapferen Mitkämpfer die maßlosen Schmähungen von Feiglingen und Neidern in der amerikanischen Presse und im Heere schweigend hinnehmen mußten. „Die Lage der Dinge wurde schließlich unerträglich“, schreibt Schurz.

Damals hielten die Deutschen der Stadt New York eine Massenversammlung ab, um gegen das schreiende Unrecht der Lästerungen zu protestieren, ln glänzender Rede wies der hochverdiente Friedrich Kapp die Versammlung auf die großen Verdienste der deutschen Generale und Offiziere, wie Sigel, Schurz, Blenker, Steinwehr, Osterhaus und andere hin, zeigte, wie die Niederlage bei Chancellorsville durch die Unfähigkeit des Generals Howard herbeigeführt wurde, und rief schließlich seine Landsleute auf, sich über das ganze Land hin zu einer Organisation zusammenzuschließen, weil es nur so gelingen könne, die Deutschen als ebenbürtigen Bestandteil der Nation zur Geltung zu bringen und „die Vorgefundene amerikanische Freiheit mit dem Geiste deutscher Gesittung und Humanität zu durchdringen“. „Es ist nicht genug,“ rief er aus, „daß einzelne von uns den Amerikanern das Banner freier Forschung und uneigennütziger Überzeugung vortragen, daß wir ihnen jenen Stolz zum Bewußtsein bringen, welcher vor keiner Konsequenz zurückschreckt und die Wahrheit ganz und ungeteilt will. Nein, unsere Aufgabe ist vielmehr die, daß wir diese unsere Anschauungen und Prinzipien nicht als ungeteilte Tropfen, sondern als einen das ganze Land befruchtenden Regen und großen Verjüngungsprozeß der Nation zufließen lassen. Das kann aber nur dadurch geschehen, daß wir uns organisieren, daß wir einen möglichst selbständigen politischen Einfluß in die Wagschale werfen.“

Auch die übrigen Führer des Deutschtums, Karl Heinzen voran, forderten ihre Landsleute zur Organisation auf. „Die deutsche Einwanderung“, so schrieb er in seinem „Pionier“, „hat nie eine größere Bedeutung für Nordamerika gehabt als gerade jetzt, und eben durch diese Einwanderung steigert sich die Macht des deutschen Elementes jetzt in größerem Verhältnis als je. Dieser Zuwachs durch die Einwanderung aber gibt einen neuen Anstoß wie eine neue Ermutigung, das deutsche Element nicht sinken zu lassen, sondern seine Kräfte zu benutzen und eine Schutzwehr für seine Entwicklung zu schaffen. Diese Schutzwehr aber liegt vor allem in einer Organisation.“

Leider sollten diese Versuche, das amerikanische Deutschtum zum Zusammenschluß zu bewegen, damals fehlschlagen. Sie scheiterten nicht nur, wie Heinzen wahr und treffend bemerkt, „an der Furcht des Untertanen- und Bedientensinnes“, die der Deutsche als Erbteil seiner Geschichte nach dem freien Amerika mitbrachte. Sie mußten auch darum mißlingen, weil ihnen die Kraft fehlte, ihre Ideale und Ziele in eine Volksbewegung umzusetzen, die alle mit sich fortgerissen hätte; weil sie nicht vermochten, an jene gemeinsamen idealen Güter zu appellieren, deren bloßer Name unsere Volksgenossen wie mit einem Zauberwort als Deutsche, unbekümmert um Politik und Religion, zusammengerufen hätte; weil sie schließlich nicht der geschichtlichen Erkenntnis entsprangen von dem großen und bestimmenden Anteil des deutschen Volkstums an der Gründung und dem Ausbau der Union.

Erst in unserer Zeit hat sich das amerikanische Deutschtum auf dieser Grundlage seiner klar erkannten geschichtlichen Kulturmission im „Deutsch-Amerikanischen Nationalbund“ eine allumfassende Organisation geschaffen, die die Aufgabe hat, festzuhalten an den idealen Lebensgütern unseres deutschen Volkstums und sie einzupflanzen der jungen erst werdenden Kultur unserer neuen Heimat.

Schreiben Sie gerne einen Kommentar, welcher dieses Thema ergänzt

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s