Der Kampf um deutsche Kultur in Amerika – Das Faust-Jubiläum

Und an alle Geschlechter ergeht ein göttliches Machtwort, Was du mit heiliger Hand bildest, mit heiligem Mund Redest, wird den erstaunten Sinn allmächtig bewegen; Du nur merkst nicht den Gott, der dir im Busen gebeut, Nicht des Siegels Gewalt, das alle Geister dir beuget.

Schiller (Der Genius)

Lügenkreis-AbbildungNie vielleicht im Laufe der Geschichte hat sich die Zaubermacht des Genius über das Menschengemüt glänzender bewahrheitet, als durch die Wirkung der Dichtung, deren erstes Erscheinen vor einem Jahrhundert wir heute festlich begehen.

Was die Sagen der Völker über die Wunderkraft der Poesie in grauer Vorzeit berichten, wo der Dichter als Priester und Weiser die Geheimnisse der Gottheit und des Menschenherzens dem aufhorchenden Sinn zum ersten Male enträselte, das sollte am Anfang des vorigen Jahrhunderts ein deutsches Dichtwerk in noch größerem Maße leisten. Denn nicht auf sein eigenes Volk blieb der wunderbar befreiende und erhebende Eindruck des Faustdramas beschränkt. Goethe sollte es noch erleben, daß auch die übrigen Kulturvölker Europas staunend in diesem Werk die höchste Leistung moderner Poesie anerkannten.

Worin bestand der Zauber, der von dieser einzigen Dichtung ausstrahlte und alle Geister ihr sich beugen hieß?

Aus der gärenden Reformationszeit war die Sage von einem Gelehrten überliefert, der, von unersättlichem Drange nach verborgenem Wissen und heißem Durst nach Lebensgenuß erfaßt, seine Seele dem Teufel verschreibt, als gaukelnder Zauberer und schwelgender Wüstling die Lande durchzieht und nach abgelaufener Frist unter gräßlichen Qualen vom Teufel geholt wird. Aus dem innersten Sehnen und Ahnen des Zeitgeistes geflossen, übte die Sage als roh zusammengeschriebenes Volksbuch, wie später als weitberühmtes Volksschauspiel, seine magische Wirkung auf das deutsche Volksgemüt. „Wie verliebt war Deutschland in seinen Doktor Faust und ist es zum Teil noch“, ruft Lessing noch im Jahre 1759 aus. Mit geheimem Schauder mochten die Zuschauer an dem grausigen Schicksal Doktor Fausts dunkel das Bild des modernen Menschen erkennen, der sich unter den furchtbarsten Kämpfen, die Himmel und Hölle um seine Seele fechten, dem altgewohnten, beengenden Frieden der Kirche entreißt, um der Natur ihre Geheimnisse abzuringen und im Genuß der Güter dieser Welt seine Persönlichkeit auszuleben.

So hatte die Sage, verachtet von den Gelehrten, fast 300 Jahre in den breiten Schichten des deutschen Volkes gelebt, als die Zeit der großen deutschen Geistesrevolution, die Geniezeit, anbrach, unter deren Nachwirkung wir heute noch stehen. Kein anderes Volk hat dieser Zeit Gleiches an die Seite zu setzen. Nie zuvor, auch nicht während der Renaissanceperiode, war ein ähnlicher Versuch gemacht worden, das Menschenwesen aus den eigenen, eingeborenen, ewigen Lebensquellen zu erneuern. Eine Gärung erfaßt die jungen Geister jener Tage, die wir heute kaum noch nachempfinden können. Mit der Verachtung des Kopfwissens vereint sich in ihnen der heiße Drang nach eigenem, ursprünglichem Leben, das sich in der Fülle des wiederentdeckten Herzens offenbart, die Ahnung verborgener, ins Zentrum der Welt reichender Tiefen der Menschenbrust, das Sehnen nach intuitiver, umfassender, gottgleicher Erkenntnis.

Und aus dem Gewoge dieser geistigen Erregung ohnegleichen erhebt sich glänzend ein neues Menschenideal, das Ideal des Genius, der, mehr als Mensch, mit höchster Schöpferkraft ausgerüstet, im Wettkampf mit Gott, der Schöpfer des neuen Lebens sein soll.

Jahrzehntelang hatten die Besten des deutschen Volkes nach diesem Genius gerufen. Da erschien er, umstrahlt von einer Fülle und Kraft des Geistes, die alles Ahnen und Hoffen weit überstieg, in der Gestalt des jungen Goethe. Ihm, dem Führer des Stürmergeschlechtes jener Tage, war es verliehen, die geheimsten Regungen der deutschen Volksseele zu belauschen und die quellenden Ideen seiner Zeit in festen, unsterblichen Gestalten darzustellen. Früh erkennt er die Verwandtschaft zwischen den treibenden geistigen Mächten seiner Zeit und jener Sagengestalt des 16. Jahrhunderts. Schon als 20jähriger Student in Straßburg, wo er unter der Leitung seines großen Lehrers Herder zum Gefühle seiner unbegrenzten genialen Schöpferkraft erwachte, hatte ihn der tiefe, geheimnisvolle Sinn der Faustfabel ergriffen. Es ist das Ideal des modernen, freien Menschen, der im Drange nach absoluter Wahrheit und unbegrenztem Schöpfervermögen seiner eigenen Geisteskraft vertraut und trotzig mit Gott in die Schranken tritt, was ihm an dieser Fabel aufgeht und ihn zu seiner eigenen Fausttragödie begeistert. Darin beruht im letzten Grunde der Zauber, der von diesem Weltgedichte ausstrahlt: es hat in unvergänglicher Schönheit das Geheimnis ausgesprochen, das den Menschen, den Deutschen vor allem, seit den Tagen der Reformation im innersten Herzen bewegt.

Nur langsam reifte das Werk heran, dessen gewaltigste Szenen der Dichter im Rausche höchster Begeisterung hingeworfen hatte. Und wie es zunächst nur ein kleiner Kreis entzückter Freunde war, der von dem Schatz wußte, so waren es nur wenige der Besten, wie Schiller, die den Dichter verstanden, als er im Jahre 1790 das Fragment von Faust veröffentlichte.

Aber die Zeit sollte kommen, die Zeit nationaler Not, wo das deutsche Volk die größte Dichtung seiner Sprache wie eine Offenbarung mit aller Inbrunst der Seele ergriff. Es war die Zeit tiefster nationaler Erniedrigung und Zerknirschung, damals, nach der Schlacht bei Jena, wo es schien, als habe Napoleon die deutsche Nation für immer vernichtet. Nur in der Seele der Tapfersten im deutschen Volke lebte noch die Hoffnung auf eine Erhebung aus der Schmach. Längst hatten ja die Romantiker zur Einkehr ins eigene deutsche Leben gemahnt und hingewiesen auf die Kraft und Pracht altdeutscher Poesie. Nun erkannte man, welche Heilkraft in dem Jungbrunnen deutscher Vorzeit fließt. Und eben waren Fichtes erschütternde Reden an die deutsche Nation verklungen, die sein Volk zur geistigen und sittlichen Wiedergeburt aufriefen, und beschworen: wenn ihr versinkt, so versinkt die ganze Menschheit mit. Da erschien, nun gerade vor 100 Jahren, der vollendete erste Teil von Goethes Faust.

Das stolze Gefühl, daß nur ein Deutscher diese gewaltigste aller Dichtungen habe schaffen können, ging erhebend durch die verzagenden Geister. Nun empfand man in seiner ganzen Wahrheit, was der Philosoph Schelling über Goethes „Faust“ gesagt hatte: „Es ist das eigenartigste Gedicht der Deutschen, das einen ewig frischen Quell der Begeisterung geöffnet hat, die Wissenschaft zu verjüngen und den Hauch eines neuen Lebens über sie zu verbreiten. Wer in das Heiligtum der Natur eindringen will, der nähre sich mit diesen Tönen einer höheren Welt und sauge in früher Jugend die Kraft in sich, die wie in dichten Lichtstrahlen von diesem Gedicht ausgeht und das Innerste der Welt bewegt.“

Ja, es war deutsche Natur, die traut und anheimelnd, in all ihrer Schönheit und Innigkeit, in ihrer trotzigen Kraft und unergründlichen Tiefe aus diesem Gedichte sprach. Die lachende deutsche Frühlingslandschaft, wie die wilde, geisterhafte Sturmnacht, das ehrwürdige Dunkel des Domes, wie die stille Heimlichkeit des deutschen Bürgerhauses. Und im gespenstigen Hintergründe die Schauer des Hexen-und Geisterwesens, das die deutsche Phantasie seit Jahrtausenden sich mit heimlichem Grauen gesponnen hatte.

Wie rang hier in leidenschaftlichster Erregung der deutsche Geist, um den Schleier des großen Weltgeheimnisses zu lüften, nahezukommen dem Spiegel ewiger Wahrheit und eins zu werden mit dem Unendlichen, Göttlichen. Wie tobte hier in heiligstem Schmerze der deutsche Wahrheitssucher beim Gefühle der Schranken, die dem endlichen Menschengeiste gesetzt sind, und wie stritt er in verzweifeltem Kampfe mit der höllischen Macht des Bösen, bis dieser, höhnend, spottend und schmeichelnd, seine ermattete Seele willig findet, ihm auf seiner Straße abwärts zu folgen.

Und neben diesem Bilde titanenhafter, erschütternder Seelenkämpfe das Bild des deutschen Mädchens in all seiner berückenden Schönheit und Lieblichkeit. In dem Zauberkreise der Unschuld, der Gretchen umgibt, erwacht das Beste in Fausts Seele. Wir fühlen es von Anfang an, daß allein die Kraft dieser Liebe ihn aus den Klauen des Bösen zu retten vermag. Süßere und ergreifendere Töne der Liebe und der Sehnsucht hatte der deutsche Liedermund nie gefunden. Die alles opfernde Hingabe, die grenzenlose Güte, die entzückende Unschuld des deutschen Frauengemütes war nie schöner verherrlicht worden. Und mit welch elementarer Gewalt brach aus der gemarterten Seele des unglücklich verführten und verlassenen Mädchens, noch durch den Nebel des Irrsinns, das reine, sittliche Gefühl hervor, das den sühnenden Tod einem Leben in Freiheit und Schande vorzieht!

Mit Recht durften E. M. Arndt und F. Jahn, die Führer der Volkserhebung jener großen Tage, Goethes „Faust“ für das deutscheste Gedicht erklären. Von dieser Zeit an lebt Goethe als Dichter des „Faust“ im Gedächtnis seines Volkes. Und bis auf diesen Tag haben Philosophen, Musiker und Maler gewetteifert, den Tiefsinn, die Wahrheit und die Schönheit des Gedichtes zu erschließen.

Bald aber sollte der Ruhm der Dichtung auch ins Ausland dringen, und wie durch seltsame Fügung sollte es eine Französin sein, die ihre Weltwirkung vermittelte. Wie einst die Germania des Tacitus der zivilisierten Welt des Altertums die Kunde brachte von dem wunderbaren Volke der Germanen, so trug jetzt, im Jahre 1813, das geistvolle Buch der Madame de Stael „Über Deutschland“ eine ähnliche Kunde zu den Kulturvölkern Europas. Wir Deutsch-Amerikaner aber haben ganz besonderen Grund, dies Buch dankbar zu verehren; denn es hat auch den Amerikanern damals zuerst die Augen geöffnet über deutsches Wesen und den Anstoß gegeben, daß sich das höhere Geistesleben dieses Landes bis auf diesen Tag unter deutschem Einfluß entwickelt hat.

Obwohl Madame de Stael der eigentlichen Bedeutung des „Faust“, dem sie ein ganzes Kapitel mit zahlreichen, wenn auch schlecht übersetzten Auszügen widmet, nicht gerecht wird, so fühlten doch ihre Leser, in Frankreich wie in England, daß aus diesem Gedichte die machtvollste Offenbarung deutschen Geistes spreche. Es gewährt nun einen außerordentlichen Reiz, den Zusammenstoß zu beobachten zwischen dem deutschen Geist und der französischen Bildung, die damals die Welt beherrschte.

Die Wirkung des Gedichtes, wie der deutschen Literatur überhaupt, ist zunächst revolutionär, in Frankreich nicht weniger als in England. Noch herrschte dort der französische Klassizismus mit seinem „falschen Regelzwange“ und seinem „rednerischen Pathos“, der dünkelhafte ungeschichtliche Rationalismus, der auf das „dunkle Mittelalter“ wie auf alles Wunderbare mit Verachtung herabsah. Dieser tiefgewurzel-ten, hochmütigen Denkweise fehlt nun jeder Maßstab für die deutsche Dichtung, die Himmel, Erde und Hölle umfaßte, den geheiligten Regeln ins Gesicht schlug und gar den „Aberglauben“ poetisch verherrlichte. Daher denn, besonders in Frankreich, zuerst der laute Vorwurf über das Dunkle, Sonderbare und Überspannte im „Faust“, seine Regellosigkeit und seine Vorliebe für den Aberglauben.

Die französischen Vorurteile gegen Goethes „Faust“ waren im Grunde ästhetischer Art. In England stieß er noch außerdem auf die religiöse Bigotterie und die pharisäische Scheinheiligkeit der literarischen Kritik. Dazu kam die philisterhaft prosaische Weltansicht jener Kreise und, was damit stets Hand in Hand geht: die Vorliebe für die seichteste Sentimentalität. „Und in der Wahrheit findet man das Schöne“, hatte Schiller einst von der deutschen Poesie gesungen. Wie aber hätten jene Kreise die erschütternde Wahrheit der „Faust“-Dichtung erfassen können, die sich damals an der Übersetzung der Rührstücke eines Kotzebue als an literarischen Meisterwerken erbauten!

So darf es uns denn auch nicht wundern, wenn William Taylor von Norwich, damals einer der wenigen Kenner des Deutschen in England, den „Faust“ für ruchlosen, unzüchtigen Schund erklärt, und der Dichter Coleridge, der Deutschland doch so viel verdankte, in seinen Tischgesprächen mit Stolz berichtet: „Ich überlegte bei mir, ob es meinem moralischen Charakter zieme, daß ich eine Dichtung ins Englische übertrage und damit anerkenne, deren Sprache ich größtenteils für gemein, unzüchtig und blasphemisch halte.“

Und doch — der Goethische Geist sollte seine befreiende und verjüngende Kraft auch im Ausland bewähren. Wie die „Faust“-Dichtung bald einer zündenden Fackel gleich auf das jüngere Poetengeschlecht in Frankreich wirkte, so auch in England auf die jungen Dichter, wie Shelley und Byron. Zugleich aber erstand damals der deutschen Dichtung in Thomas Carlyle ein begeisterter Apostel, der mit tiefstem Verständnis und glühender Beredsamkeit die Botschaft von Goethes „Faust“ in die weitesten Kreise der englischen Welt trug.

Ihm geht zuerst die Erkenntnis auf, daß Goethe, als Verkünder der Wahrheit, eine Einheit von dichterischen und philosophischen Kräften darstelle, wie die Welt sie fast nie gesehen habe. So fühlt er denn auch, viel früher als die abstrusen philosophischen Ausleger „Fausts“ in Deutschland, das Übermenschliche in Fausts Charakter und in seinem Streben nach Wahrheit. Er ahnt das tief Religiöse wie den tragischen Schmerz in dem leidenschaftlichen, scheinbar vergeblichen Ringen Fausts nach dem Unendlichen. Und er, der selbst so qualvoll unter dem Geiste der Verneinung und des Zweifels gelitten, findet auch das wahre Verständnis für die Gestalt des Mephistopheles. Während der Durchschnitts-Engländer, im Banne des Kirchenglaubens befangen, vor Goethes Behandlung des Teufels mit heimlichem Grauen sich bekreuzigte, erkannte Carlyle, daß Goethes Teufel gewiß nicht das Phantom des Aberglaubens mit Hörnern und Klauen, wohl aber der böse Geist des Zweifels und der Verneinung sei, der mit dem höheren Wissen unserer Zeit Hand in Hand gehe. Daher die befreiende Macht der Goethischen Dichtung für die moderne Welt. „Wie vielen Herzen,“ so ruft er aus, „die heute noch in der Verwirrung des Zweifels befangen sind, bringen die wilden, herzerschütternden Töne Fausts und der Angstschrei seiner Verzweiflung nicht das langersehnte Wort der Erlösung!“

Carlyles Botschaft von Goethes „Faust“ fand ihre dankbarsten und begeistertsten Hörer in Amerika, wohin ja Madame de Staels Buch die Kunde von dem wunderbaren Werke schon gebracht hatte. Es war keine alte, in den Vorurteilen eigner literarischer Tradition befangene Kulturwelt, auf die die deutsche Dichtung hier stieß. Es war das junge, eben erwachte höhere Geistesleben eines jugendlich aufstrebenden Volkes, dem jetzt eine glückliche Fügung die deutsche Literatur als Quelle der Bildung erschloß und als Vorbild der neuen, noch zu schaffenden Literatur hinstellte. Freilich schienen die furchtbaren Seelenkämpfe eines Faust zunächst wenig Verständnis zu finden in dieser jungen Welt, wo sich die ganze Geisteskraft auf das wirkliche Leben, auf die Schöpfung eines neuen Staatswesens und die Erschließung eines ungeheueren Landes geworfen hatte. So klagt denn auch der junge George Bancroft im Jahre 1824, bald nach seiner ersten Bekanntschaft mit Goethes Poesie, im Hinblick auf „Faust“, der Dichter könne nicht populär werden in Amerika, weil seine Werke die Leiden der Phantasie darstellten und die Gebrechen, die aus den Lastern der Kultur entsprängen. Er könne darum nur die Sympathien derer finden, die die Qual ähnlicher Leiden empfunden hätten.

Aber das amerikanische Geistesleben entwickelte sich mit Riesenschritten, besonders in Neu-England, das die Führung übernahm. Auch hier wirkte die deutsche Literatur revolutionär, wenn auch in anderem Sinne wie in Frankreich und England. Ihren hartnäckigsten Gegner findet die Geistesfreiheit Goethes in der Beschränktheit, dem moralischen Selbstbetrug und in dem Tugendstolz des Puritanismus. So berichtet uns Karl Folien in seinem Tagebuche vom Jahre 1827, wie er einigen jungen Damen in Boston den „Faust“ vorliest und sich dabei bemühen muß, ihr Vorurteil gegen den unmoralischen Charakter des Stückes zu beseitigen. Ja selbst der große Emerson konnte es in seinen jungen Tagen über sich gewinnen, Goethe einen „falschen Priester“ und seine Muse „ein liederliches Weibsbild“ zu nennen, „welche die sündlich verderbte Menschennatür verewigt“.

Doch auch diesen Gegner sollte Goethes Geist überwinden. Wenngleich Emerson wohl nie zu einem wahren und vollen Verständnis Goethes durchdrang, so hat er ihm doch in seinen „Representative Men“ ein bleibendes Denkmal gesetzt, und in seinem Alter schrieb er an Carlyle: „Für Goethe empfinde ich eine wachsende Achtung“.

Und wunderbar genug: einer amerikanischen Frau, der geistvollen Margaret Füller, gebührt der Ruhm, nicht nur tiefer als Bancroft, Emerson, Longfellow und andere Führer der jungen Literatur in Goethes Wesen gedrungen zu sein, sondern auch mit der sittlichen Hoheit und Freiheit einer edlen Frauenseele den Vorwurf der Unsittlichkeit, den der Puritanismus noch immer vorbringt, zurückgewiesen zu haben.

Will man den Sturm und Drang verstehen, den die deutsche Literatur und vor allem Goethe in den Geistern Neu-Englands, Männern wie Frauen, hervorbrachte, dann lese man Margaret Füllers Zeitschrift „The Dial“ und besonders ihre glänzenden Aufsätze über Goethe. Hier versucht sie als’die erste in Amerika die Gestalt des Dichters historisch zu begreifen. „Wenn man Goethe geschichtlich betrachtet,“ so ruft sie aus, „bedarf er keiner Rechtfertigung. Man schämt sich eigentlich, einen so großen Mann zu tadeln. Es gibt keinen höheren sittlichen Standpunkt, als den, welchen Goethe in seiner wunderbaren Hymne ,Das Göttliche‘ verkündete:

Edel sei der Mensch,
Hilfreich und gut.

Goethes ,FaustEdel sei der Mensch, enthält den großen Gedanken seines Lebens, den einzigen großen poetischen Gedanken, den es für den Menschen überhaupt gibt: die aufwärtssteigende Entwicklung der Menschenseele durch die verschiedenen Stufen ihres Daseins. Sein Höchstes und Bestes aber hat Goethe immer in weiblicher Gestalt dargestellt.“

Welch herrliche Antwort auf Goethes wundersames Wort, das er, einem Vermächtnis an die Menschheit gleich, am Schluß des „Faust“ erklingen ließ:

Das Ewig-Weibliche
Zieht uns hinan!

Die Geisteswelt unserer großen deutschen Dichter kann gar nicht gedacht werden ohne die gebende und empfangende Mitwirkung edler Frauen. Und nun sollte in der neuen Kulturwelt dieses Landes ein tief und fein empfindendes Frauengemüt zuerst in Goethe den sittlichen Führer erblicken und jenen geheimnisvollen Bund bestätigen, von dem Schiller singt:

Drum soll ein ewiges zartes Band
Die Frauen, die Sänger umflechten.
Sie wirken und weben Hand in Hand
Den Gürtel des Schönen und Rechten.

Wohl dem Lande, wo Dichter und Frauen das Wahre, Gute und Schöne, die höchsten Güter reinen Menschentums, die wir Deutschen kennen, hüten und pflegen!

„Wie der Frühling wandelt der Genius von Land zu Land“, singt Hölderlin in einem seiner herrlichsten Gedichte. Freuen wir Deutschen uns in dieser Feststunde, daß es der Genius unseres größten deutschen Dichters war, der, dem Frühling gleich, in die Herzen der Edelsten und Besten des amerikanischen Volkes eingezogen ist und den Samen des Wahren, Guten und Schönen zu einer zukünftigen höheren Menschenkultur in der Neuen Welt streute. Und geloben wir in dieser Feststunde, wo es uns sein mag, als schwebe sein Geist durch diese Räume, festzuhalten für alle Zeit an dem Gute deutscher Sprache und Dichtung, das wir als kostbarsten Schatz unserer neuen Heimat zubringen.

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