Der Kampf um deutsche Kultur in Amerika – Die Deutschen in der amerikanischen Geschichtschreibung

Lügenkreis-Abbildung

Der langgehegte Wunsch von Tausenden meiner deutsch-amerikanischen Landsleute ist heute endlich erfüllt: zum ersten Male seit dem fünfundzwanzigjährigen Bestehen der American Historical Association erscheint die Geschichte der amerikanischen Deutschen als gleichberechtigter Teil der amerikanischen Geschichte auf der Tagesordnung ihrer Verhandlungen.

Als Vertreter des deutsch-amerikanischen Nationalbundes darf ich vielleicht gerade darum, was ich über die Bedeutung der deutsch-amerikanischen Geschichte zu sagen habe, mit einer persönlichen Erinnerung einleiten.

Es war im Oktober 1883 als die Zweihundertjahrfeier der Gründung von Germantown, der ersten bleibenden deutschen Ansiedlung in Amerika, gefeiert ward. Noch erinnere ich mich lebhaft des mächtigen und tiefgehenden Eindrucks, den diese Feier auf mein eigenes geschichtliches Denken und das vieler Deutsch-Amerikaner machte. An der Überlieferung, daß uns verschiedene Generationen deutscher Einwanderer in Amerika vorausgegangen seien, hatte es unter uns Deutsch-Amerikanern ja nicht gefehlt. Aber nun entdeckten wir uns plötzlich als Glieder eines gewaltigen Volkstums, das in Amerika seine eigene Geschichte hatte, eine Geschichte, deren Anfänge mit der Gründung von Pennsylvanien zusammenfielen, derselben Kolonie, die den Gedanken der Religions- und Gewissensfreiheit zuerst verwirklicht hatte.

Wenige Wochen nach der Feier ward die vierhundertjährige Wiederkehr von Luthers Geburtstag festlich begangen. Das Gedächtnis an den Verkünder der Glaubens- und Gewissensfreiheit sollte den Eindruck jener ersten Feier, die uns den Blick in die geschichtliche Weite geöffnet hatte, nur noch vertiefen. Denn wer hätte den ursächlichen Zusammenhang verkennen mögen, der zwischen Luthers Tat und der Pflanzung Penns bestand, dem Vorbild aller modernen Staatswesen, die seitdem auf dem unerschütterlichen Felsen der Glaubens- und Gewissensfreiheit errichtet wurden?

Ja mit Recht dürfen wir in der kleinen Schar deutscher Ansiedler, die Penn bei der Gründung seines neuen Staates treu zur Seite standen und, erfüllt vom Geiste wahrer Freiheit und Humanität, den ersten Protest gegen die Sklaverei erließen, die bescheidenen Vorkämpfer geschichtlicher Ideen erblicken, die seitdem alle modernen Staaten umgewälzt haben.

Das bedeutsame und folgenreiche Erwachen des Interesses an ihrer Vergangenheit danken die Deutschen Amerikas nicht zum wenigsten der Forscherarbeit Oswald Seidenstickers. Seine Aufsätze über die frühe Geschichte der Deutschen in Pennsylvanien, die im Laufe der siebziger Jahre erschienen, dürfen noch immer als Muster wissenschaftlicher Genauigkeit und Gründlichkeit gelten. Und noch heute wird der Leser den warmen Hauch patriotischen Gefühls empfinden, der in diesen Aufsätzen weht. Es ist dies ein Gefühl von so eigentümlicher Klangfarbe, daß sein Ton dem Ohr des Anglo-Amerikaners nicht weniger leicht entgeht, als er von reichsdeutschen Besuchern dieses Landes gewöhnlich mißverstanden wird. Ich meine jenen wunderbaren Zusammenklang von echt amerikanischem. Patriotismus und heißer Liebe zum deutschen Vaterland und seinen Kulturgütern, der in der Brust eines jeden wahren Deutsch-Amerikaners lebt, und worin zugleich das stolze Bewußtsein schwingt, daß, was der Deutsche in der Neuen Welt geleistet hat und geworden ist, er sich selbst verdankt. Denn allen Schmähungen, die ein bekannter amerikanischer Politiker in grüner Unwissenheit gegen die Bindestrich-Amerikaner geschleudert hat, zum Trotz: es gibt doch ein ausgeprägtes Deutsch-Amerikanertum und ein bestimmtes deutsch-amerikanisches Gefühl.

Bald erinnerte man sich nun auch in weiteren Kreisen, daß bereits vor Seidensticker einzelne Gelehrte und Geschichtsliebhaber sich mit der Erforschung der deutsch-amerikanischen Geschichte beschäftigt hatten. So hatte Franz Löher, der bekannte Historiker, schon im Jahre 1847, während seines Besuches in Amerika, den kühnen Versuch gewagt, eine Geschichte der Deutschen in Amerika zu schreiben. Wie mangelhaft und unvollständig damals das Material auch war, auf das er sich stützen konnte, und so vielfach er in seinen Angaben und Urteilen darum auch irregehen mußte, so kann man doch nicht umhin, den historischen Blick zu bewundern, mit dem er den Wert der erreichbaren Quellen erkannte und das Ganze des geschichtlichen Stoffes ordnete. Vor allem aber verdient die deutsche Gesinnung, aus der dieser Versuch geboren wurde, höchster Anerkennung. Entrüstet gewahrt Löher, wie man in Amerika „der Deutschen nur als Menschen gedenkt, die ihrer Arbeit wegen etwas wert seien“, aber je mehr er sich mit ihrer Geschichte beschäftigt, um so stolzer kommt es ihm zum Bewußtsein,

„daß die Deutschen in Amerika eine höhere Bestimmung haben, als zum Verzehr der Yankees und als Völkerdünger zu dienen“.

Auch hat Löher zuerst gesehen und ausgesprochen, warum die anglo-amerikanischen Geschichtschreiber nichts von deutsch-amerikanischer Geschichte berichten: „weii sie nur danach suchen, was zur Verherrlichung ihrer eigenen Landsleute dient, und von alters her sich gewöhnt haben, das Wirken der deutschen Amerikaner in den früheren Zeiten als nicht vorhanden zu betrachten.“ Freilich, „auch von deutscher Seite ist kaum das Notdürftigste geleistet, um diesem Mangel abzuhelfen“.

Ungefähr zwanzig Jahre nach Löhers Versuch, unternahm es Friedrich Kapp, einer der geistig bedeutendsten unter den Flüchtlingen des Jahres 1848, angeregt von dem amerikanischen Historiker A. R. Broadhead, die Geschichte der Deutschen im Staate New York zu schreiben. Obwohl das Buch, das über die älteste Ansiedlerzeit nicht hinauskam, den Charakter einer politischen Tendenzschrift nicht verleugnen kann, so steht es als historische Leistung doch turmhoch über den amerikanischen Geschichtswerken jener Zeit, und mit Recht darf Professor Osgood in Larneds „Literature of American History“ davon sagen, daß es eine der besten sozial-historischen Studien sei, deren sich unsere Literatur rühmen könne.

Noch wertvoller, weil bedeutend reichhaltiger und historisch treuer, war das Buch von Gustav Körner:

„Das deutsche Element in den Vereinigten Staaten von Nord-Amerika 1818—1848.“

Als Bericht eines Augenzeugen, des hervorragendsten Deutsch-Amerikaners jener wichtigen Periode, darf das Werk als wahre Schatzkammer von Tatsachen, gleich wichtig für den Historiker, den Nationalökonomen und den Dichter gelten, wie Friedrich Kapp es in einer längeren Besprechung in der „Deutschen Rundschau“ charakterisiert hat.

Und als reichstes Vorratshaus geschichtlicher Tatsachen, aus dem sie alle ihre Weisheit holten, die in den letzten Jahren berufen oder unberufen über deutsch-amerikanische Geschichte schrieben, muß schließlich die Zeitschrift „Der Pionier“ bezeichnet werden, die H. A. Rattermann, der hochverdiente Nestor deutsch-amerikanischer Geschichtschreibung, jahrelang unter großen persönlichen Opfern geleitet und mit bahnbrechenden Arbeiten geschmückt hat.

Obwohl die Bücher, die ich hier genannt habe, nur einzelne Perioden oder gewisse Episoden aus der deutsch-amerikanischen Geschichte behandelten, so wiesen sie den Leser doch auf einen ausgesprochenen historischen Zusammenhang unseres Volkstums hin, der wesentlich durch die Bande einer hochentwickelten Zivilisation, durch Sprache und Gebräuche, sowie durch religiöse und sittliche Anschauungen hergestellt wurde. Ein nie versiegender Strom der Einwanderung, der nun schon seit mehr als zwei Jahrhunderten sich ergießt und den Vereinigten Staaten in dieser Zeit wohl ein gutes Drittel ihrer heutigen Bevölkerung zugeführt hat, verstärkte diese Kulturbande immer wieder von Generation zu Generation. Ja diese Bande wurden in der Umgebung eines fremden Volkstums von den Deutschen vielleicht um so stärker gefühlt, weil die Mehrzahl das Vaterland zu einer Zeit verlassen hatte, als dieses nach Friedrich Meineckes Wort noch eine „Kulturnation“ war, d. h. seiner heutigen politischen Organisation noch entbehrte.

Die Frage erhebt sich von selbst: in welchem Umfang hat die anglo-amerikanische Geschichtschreibung dies mächtige Volkselement anerkannt, das heute mindestens ein Drittel der amerikanischen Bevölkerung bildet, das am Auf- und Ausbau des amerikanischen Staatswesens so hervorragend sich beteiligt hat, und das, obgleich seinem politischen Geiste nach völlig amerikanisch, doch auch heute noch im Volkskörper eine Kultureinheit darstellt, die sich im nationalen Leben kräftig geltend macht. Ich stelle diese Frage nicht, um etwa in Zukunft in unseren amerikanischen Geschichtswerken die besonderen Tugenden und Verdienste des deutschen Einwanderers gepriesen zu sehen. Wir Deutsch-Amerikaner bedürfen dieses Trinkgeldes huldvoller Anerkennung für unsere Leistungen nicht.

Ich stelle die Frage vielmehr, um der amerikanischen Geschichtschreibung willen, die, sonderbar genug, eines der allerwichtigsten Probleme amerikanischer Geschichte bisher nicht einmal gesehen hat. Und doch hätte die bloße Tatsache, daß während der letzten Jahrzehnte in unserer Mitte eine Anzahl historischer Gesellschaften entstanden, die sich der Erforschung der amerikanischen Vergangenheit gewisser Nationalitäten, wie der deutschen, der irischen usw. zum Zwecke setzten, unseren Berufshistorikern sagen müssen, daß in ihrer hergebrachten Auffassung und Methode der Geschichtswissenschaft etwas falsch sei. Denn bewußt oder unbewußt fühlte man in jenen Gesellschaften, daß sich unsere amerikanischen Geschichtswerke, auch die besten, im Grunde nur mit einem Teile der Nation befaßten, den sie, wie schon Löher richtig gesehen, irrtümlich für das Ganze nahmen; daß sie mit einem eingebildeten, künstlich zurecht gemachten Menschentypus arbeiteten, den sie fälschlich den „Amerikaner“ nannten; kurz, daß sie von der historischen Wahrheit weit entfernt seien.

Gewisse amerikanische Historiker haben diese Ausstellungen, wie zu erwarten war, als unwahr gescholten, ja sogar als unamerikanisch, d. h. als unpatriotisch, verdammt. Es wäre ihnen, wie der amerikanischen Geschichtschreibung überhaupt, viel heilsamer gewesen, wenn sie sich bescheiden gefragt hätten, wie weit diese Kritik berechtigt sei. Oder haben meine Kinder vielleicht nicht dasselbe Recht, wie die Sprößlinge von Puritanern und Holländern, in unseren Geschichtsbüchern zu lesen, was ihre deutschen Vorfahren für dies Land geleistet haben?

Da die geschichtlich-gesellschaftliche Wirklichkeit, die der Historiker zu erkennen sucht, im letzten Grunde aus Einzelpersönlichkeiten besteht, so läßt sich verstehen, wie leicht sich zwischen den Historiker und seine Quellen ein erdichteter Typus von Mensch einschleicht. Für den Geschichtschreiber einer Nation, die uns als einheitliches Volkstum gegenübertritt, mag es ein Vorteil sein, wenn er sich eines solchen künstlichen Typus bedienen darf, und in diesem Sinne etwa vom „Deutschen“, vom „Engländer“ oder „Franzosen“ als sochem redet. Für den Historiker einer Mischnation, wie die amerikanische, bedeutet dies Verfahren Mißverständnis. Nicht nur wird er die psychologischen und sonstigen Eigenschaften seines künstlich konstruierten, partikulari-stischen Menschentypus, sagen wir des „Puritaners“ oder des „Kavaliers“, für die allgemein nationalen halten, sondern er wird auch gewisse Anschauungen, ja sogar ganz äußerliche Gebräuche und Gewohnheiten in einem bestimmten Teil des Landes für. den typischen Ausdruck amerikanischer Zivilisation nehmen.

Hier liegt nach meiner Meinung der fundamentale Irrtum der amerikanischen Geschichtschreibung, das Resultat trügerischer Abstraktion, vor der sich der Historiker vor allem zu hüten hat. Denn er setzt damit die Existenz einer einheitlichen, fest ausgeprägten nationalen Kultur voraus, der die Wirklichkeit nicht entspricht. Wir sind wohl eine nationale Einheit soweit die politische Form unseres Staatslebens in Frage kommt, auch haben wir ja schon gewisse Ideale entwickelt, die man wohl nationale nennen kann. Aber als eigentliche Nation im höchsten Sinne des Wortes befinden wir uns immer noch im Werden. Denn was eine Nation in diesem höchsten Sinne kennzeichnet, ist nicht der Körper ihrer politischen und sozialen Organisation, sondern die lebendige Seele einer höheren Kultur, die sich in der Schöpfung ursprünglicher und bleibender Werte auf den Gebieten des höheren Menschheitslebens auswirkt.

Weil nun diese höhere Kultur bei uns noch immer erst im Werden begriffen ist, darum glaube ich, daß unsere Geschichtswissenschaft gerade hier mit dem Studium der Volkselemente einsetzen müßte, aus denen unsere werdende Nation sich bildet. Bei Völkern, die, wie das deutsche oder das griechische, wesentlich aus einer einheitlichen Rasse bestehen, ist die Entwicklung ihrer höheren nationalen Kultur das unbewußte Entfalten ihrer innersten Seele, wie es in Dichtung, Kunst und Wissenschaft erschlossen vor uns liegt. Bei einer aus verschiedenen Volksrassen gemischten Nation, wie der amerikanischen, ist der Schöpfungsprozeß einer höheren nationalen Kultur zum großen Teil ein bewußter, ja in gewisser Hinsicht lenkbarer. Sein Erfolg wird darum von der Beschaffenheit der geistigen Führer und deren Zielen abhängen.

In diesem Lichte betrachtet, lassen sich Aufgabe und Beruf des amerikanischen Historikers nicht höher und fesselnder denken. Aber wie wenig ist bisher geschehen zur Lösung all der wichtigen Probleme, die des Geschichtschreibers warten! Gewiß, wir haben eine ganze Reihe politischer und verfassungshistorischer Geschichten der Vereinigten Staaten, wir haben Geschichten, die nach dem jüngsten Rezept der soziologischen oder evolutionistischen Mode verfaßt sind, und wir besitzen sogar Geschichtswerke, die uns verraten, wie sich die Geschichte des amerikanischen Volkes nach einem göttlichen Plane oder nach philosophischen Ideen im Sinne der metaphysischen Gespenster Hegels entwickelt habe. Dagegen haben wir kaum die Anfänge zu einer Geschichte der amerikanischen Zivilisation, ja wir haben bis heute nicht einmal einen Ausdruck geprägt, der dem deutschen Worte und Begriffe der „Kulturgeschichte“ entspräche.

Auch das wichtige ethnische Problem der amerikanischen Geschichte hat bisher kaum die oberflächlichste Beachtung gefunden. Es gibt eigentlich nur eine einzige Geschichte der Vereinigten Staaten, die der Viertelmillion deutscher Einwanderer und ihrer Nachkommen im 18. Jahrhundert mehr als bloß vorübergehend erwähnt; aber der Verfasser überschreibt das Kapitel, worin er darüber berichtet: „Die Ankunft der Ausländer“ (foreigners) und sucht den sonderbaren Titel mit dem Sprachgebrauch des 18. Jahrhunderts zu rechtfertigen.

Nichts kann den engherzigen Partikularismus unserer amerikanischen Geschichtschreibung besser illustrieren als die Art, mit der in dieser Überschrift ein wesentlicher Bestandteil des amerikanischen Volkskörpers als nicht ganz gleichwertig auf die Seite geschoben oder gleichsam gezwungen anerkannt wird. Wir fragen mit Recht: gibt es in Amerika überhaupt Ausländer? Ist nicht jeder Volksteil dieser Mischnation seinerzeit einmal „ausländisch“ gewesen? Der puritanische Yankee so gut wie der südliche „Kavalier“ und der Deutsche. Dazu kommt, daß in dem erwähnten Kapitel über die Deutschen kein Versuch gemacht wird, die tieferen Ursachen zu ergründen, die den Angelsachsen und den Deutschen nach zwölfhundertjähriger Trennung zusammenführten, damit beide in Zukunft gemeinsam die Geschicke der Neuen Welt gestalten möchten. Denn diese Ursachen waren nicht bloß volkswirtschaftlicher und politischer Art. Dahinter stehen die gewaltigen geistigen Bewegungen, die, im 16. Jahrhundert von Deutschland ausgehend, ganz Europa erschütterten und unter den Vertretern der neuen, weltbewegenden Ideen ein Gefühl der Brüderschaft und der Solidarität schufen, das wir heute nicht mehr ganz verstehen. Der Schutz und die Unterkunft, die deutsche Städte und später Holland, den flüchtigen englischen Protestanten, den Presbyterianern und Puritanern gewährten, waren in England nicht vergessen, als dieses, hundert Jahre später, verfolgte deutsche Protestanten einlud, sich in seinen amerikanischen Kolonien anzusiedeln. Und lange gedachte man in England dankbar der Tatsache, daß Deutschland die eigentliche Heimat der Kirchenreformation und der neuen Ideen gewesen war.

Im Hinblick auf die Bande der Stammes- und Rassenverwandtschaft, die den Angelsachsen und den Deutschen verknüpften, im Hinblick ferner auf die zahllosen, geistigen und religiösen Beziehungen, die zwischen diesen beiden, an Zahl fast gleichen Volksteilen in Amerika bestehen, dürfen wir wohl sagen, daß sich das ethnische Problem, das unser deutsches Volkselement der amerikanischen Geschichte aufgibt, wesentlich in die Frage auf löst: was ist, verglichen mit der englischen, der verhältnismäßige Wert der deutschen Kultur und was ist der Beitrag gewesen, den beide Volkselemente ztir höheren amerikanischen Kultur geliefert haben und noch liefern.

Da die Zeit der Völkerwanderung ähnliche ethnische Probleme zeigt, so könnte man versucht sein, die Ansiedlungen zahlreicher Germanenstämme, wie der Franken, der Goten, Langobarden u. a., unter Kelten und Römern zum Vergleich heranzuziehen. Allein dieser Vergleich würde nur sehr bedingungsweise zutreffen. Denn so hoch die germanischen Völkerschaften auch an innerem sittlichen Werte, namentlich über den Römern, stehen mochten, so waren ihnen diese doch an äußerer Zivilisation bedeutend überlegen, was den Germanenstämmen zum Verhängnis wurde. Eins aber mögen unsere Schwärmer, die von einer überlegenen amerikanischen Bastardrasse der Zukunft träumen, aus diesen germanischen Ansiedlungen lernen. Es ist die biologische Tatsache, daß Rassenmischung streng den Gesetzen der Vererbung folgt und den Fortbestand der ursprünglichen Rassentypen aufweist. Dies gilt nicht nur physiologisch, sondern ebenso sehr von dem Weiterbestand von Charakterzügen und geistigen Eigenschaften.

Da sich alle historische Erkenntnis im letzten Grunde auf Anthropologie und Psychologie gründet, so ist die Methode zur Lösung unseres ethnischen Problems eigentlich von selbst gegeben. Wollen wir genau feststellten, was die verschiedenen deutschen Ansiedlungen, vom Anfang ihres Auftretens in diesem Lande an, zur Entwicklung der amerikanischen Kultur beigetragen haben, dann gilt es, den Kulturstand der einzelnen Generationen deutscher Einwanderung durch sorgfältiges Studium zu ermitteln. Hierzu gehört eine intime Bekanntschaft mit der Geschichte deutschen Kulturlebens, sowie die Kenntnis des Geistes und der eigentümlichen Züge des deutschen Nationalcharakters, wie er sich in Sprache und Sitte, in Literatur, Kunst und Wissenschaft ausgedrückt hat. Auch die noch wenig erforschten äußeren und inneren Ursachen, die zur Auswanderung führten, und, wie im Falle der Achtundvierziger, später die Haltung und den Einfluß der Ansiedler in wichtigen Kulturfragen bestimmen, bedürfen eingehender Untersuchung. Wie sticht nicht z. B. die Behandlung der Sklavenfrage bei Männern wie Folien, Heinzen, Schurz und Kapp von allem ab, was Eingeborene über diese Frage vorzubringen hatten, in deren Seele kein Freiheitsbild glühte, wie in den Herzen jener Flüchtlinge!

Mit den Ergebnissen von Forschungen dieser Art wären dann die Resultate zu vergleichen, die sich aus der Untersuchung des Kulturzustandes anderer amerikanischen Ansiedlungen, wie z. B. der englischen, irischen oder holländischen, gewinnen lassen. Nur so ist es möglich, den Kulturbesitz der verschiedenen Volkselemente bei ihrer Ankunft in Amerika festzustellen und dessen relativen Wert für die werdende Kultur dieses Landes zu bestimmen. So wage ich z. B. auf Grund historischer Zeugnisse, die in meinem Besitze sind, zu behaupten, daß der Bildungsstand der deutschen Einwanderer im 18. Jahrhundert, dank dem besseren Schulwesen im protestantischen Deutschland, weit höher war als der Bildungsstand unter den Kolonisten von Neu-England oder Neu-Holland. Und ich fürchte, daß gar vieles in der landläufigen Darstellung kolonialer Zustände als verlogene Schönfärberei aus unseren Schulbüchern und Geschichtswerken wird verschwinden müssen.

Wir haben bis jetzt nur die Anfänge zu genaueren Forschungen über die geographische Verteilung der deutschen Ansiedlungen in Amerika. Und doch ist gerade diese Frage eine der wichtigsten, weil von ihrer Beantwortung die Lösung zahlreicher anderer Probleme abhängt. Vor allem das Problem der psychischen Veränderung, die in den Kolonisten vorgeht. Manche Schriftsteller, wie Ratzel u. a., wollen diese seelische Umwandlung auf den Wechsel äußerer Gründe zurückführen. Daran mag etwas Wahres sein, allein die wirklichen Ursachen müssen doch tiefer gesucht werden.

Nur wer an sich selbst erfahren hat, was es heißt, die Lebensluft einer hochentwickelten Kultur mit der dürftigen Geistesatmosphäre zu vertauschen, die bleiern. und atemraubend über den primitiven, kulturlosen Zuständen eines jungen Koloniallandes lagert, nur der wird völlig verstehen, um welche psychischen Prozesse es sich hier handelt. Dumpfe Niedergeschlagenheit, Heimweh und eine trostlose Herabstimmung aller höheren geistigen Bestrebungen ist die unausbleibliche Wirkung, die alle, besonders aber die höher organisierten Naturen ergreift, bis sich langsam die seelische Umwandlung vollzogen hat, aus der gesunde Naturen mit dem Entschlüsse hervorgehen, sich in und aus der neuen Umgebung eine neue eigene Welt zu schaffen. Daher der geistige Rückgang, die Verrostung und Verknöcherung, die wir zunächst in den jungen amerikanischen Kolonien gewahren. Nirgends zeigt sich dies klarer als in den vielgepriesenen Puritaner-Ansiedlungen Neu-Englands und ihrer ablehnenden, ja feindlichen Stellung gegen die großen fortschrittlichen Ideen, die im Mutterlande die Englische Revolution heraufführten. Nicht wenig im amerikanischen Leben von heute läßt sich aus der geistigen Verkümmerung der Kolonialzeit erklären. Geradezu lächerlich aber erscheint in diesem Lichte der Versuch gewisser amerikanischer Historiker, das rohe, geistverlassene Grenzlerleben mit einer Art Romantik zu umspinnen und den Hinterwäldler als typischen Kulturpropheten Amerikas zu preisen!

Will man die seelischen Vorgänge, von denen hier die Rede ist, und die aus ihnen entspringende Stellung der Deutsch-Amerikaner zur Entwicklung der amerikanischen Kultur verstehen, dann lese man die Aufzeichnungen gebildeter deutscher Ansiedler in der Verlassenheit des Urwaldes und studiere vor allem die deutsch-amerikanische Dichtung mit ihren ergreifenden Heimwehklagen. Nur so wird uns klar, wie es möglich war, daß Tausende unserer Volksgenossen, gleichgültig, verbittert und müde geworden, schließlich in die niedriger stehende Kultur ihrer Umgebung versinken konnten. Aber zugleich auch begreifen wir, warum so viele der besseren Deutsch-Amerikaner mit allen Fasern des Herzens an den Kulturbanden hängen, die sie mit der alten Heimat verknüpfen, und wir lernen verstehen, warum sie ihre Sprache, ihre Musikliebe, ihre Sitten und Gebräuche, kurz ihr reiches Kulturerbe auf den neuen Boden verpflanzen wollen. Denn in der Erhaltung und Pflege dieser idealen Kulturgüter, in der Verpflanzung seiner ganzen Welt- und Lebensauffassung in die kommende, höhere Kultur Amerikas, hat der wahre Deutsch-Amerikaner von jeher seine geschichtliche Mission gesehen und erblickt sie darin heute mehr als je.

Bedarf es wohl für den Historiker, der in der Entwicklung einer höheren nationalen Kultur das Endziel der Geschichte sieht, noch der Frage, ob all diese Bemühungen der Deutsch-Amerikaner seiner Beachtung wert sind? Es wäre rückständig-mittelalterliches Denken, wollte man die jetzigen Formen der amerikanischen Zivilisation als für immer gegeben ansehen. Denn wenn das Drama der Geschichte überhaupt einen Sinn hat, so müssen wir ihn im Suchen und Entfalten unseres innersten Wesens, unseres individuellen wie nationalen, finden. Oder in Goethes Worten:

Im Weiterschreiten find’ er Qual und Glück,

Er selbst befriedigt keinen Augenblick.

Als ich vor 25 Jahren meine kleine Schrift „Deutsche Briefe an Karl Biedermann“ veröffentlichte, da schrieb mir Rudolf Hildebrand, einer der größten nationalen Propheten Deutschlands:

„Ich halte es für mehr als wahrscheinlich, daß sich einmal im kommenden Jahrhundert das Beste des deutschen Geistes bei Ihnen vermählen wird mit dem Besten des amerikanischen Geistes, und eine neue Welt heraufführen auch in den höheren Gebieten des Menschheitslebens, für die wir Deutsche doch wohl in neuerer Zeit mehr Kämpfer und größere ins Treffen geführt haben als andere Völker.“

Möge diese Versammlung amerikanischer Historiker einer der ersten Schritte werden zur Verwirklichung dieser Prophezeiung.

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