Der Kampf um deutsche Kultur in Amerika – Gedanken über die Zukunft des Deutschtums in Amerika

Lügenkreis-AbbildungDas Gedächtnis an die große Pfälzerwanderung im Jahre 1710, das wir in diesen Tagen feiern, der eigentliche Anfang unserer Geschichte in diesem Lande, weckt mit dem sinnenden Rückblick in die Vergangenheit und der freudigen Umschau in die Gegenwart auch Gedanken der Zukunft.

So mischen sich ja auch an den Festtagen unseres eigenen Lebens Gefühle der Erinnerung an vergangene Tage mit Vorsätzen und Entschlüssen fürs kommende Leben. Und aus dieser Stimmung heraus gebiert sich im Gemüte gesunder Menschen und Völker eine Selbsterneuerung und Erhöhung des eigensten Lebens, die die Quelle alles wahren Fortschritts ist. Dürfen wir heute von einer Erneuerung deutsch-amerikanischen Lebens reden? Gibt es überhaupt ein deutsch-amerikanisches Volkstum?

Deutsch-Amerikanertum

Nur wenige Reichsdeutsche, selbst länger hier ansässige, vermögen das eigentlich Unterscheidende im deutsch-amerikanischen Charakter zu fassen und nachzuempfinden, jenes eigentümliche, aus deutschen und amerikanischen Tönen zusammenklingende Gemeingefühl, das uns im Grunde alle beseelt. Darum die häufige Unzufriedenheit mit uns, der vorschnelle, uns unreif und oft dünkelhaft anmutende Tadel, vorzüglich bei reichsdeutschen Besuchern, ja die offene oder heimliche Mißachtung alles Deutsch-Amerikanischen unter denen, die sich zu vornehm dünken für ihre Volksgenossen und lieber um gesellschaftliche Anerkennung von „Vollblutamerikanern“ werben.

Das amerikanische Deutschtum ist kein politisches Anhängsel des Deutschen Reiches, es bekennt sich zu einer idealen Deutschheit, die jenseits der bloßen Reichsangehörigkeit thront. Wie wir daher jeden Versuch, uns in deutsch-politische Dienste zu ziehen, entschieden zurückweisen würden, so freuen wir uns in stolzem Gefühl über alles, was das deutsche Volk groß und geachtet macht. Und trauern und schämen uns über jede deutsche Niederlage. Wer war es doch, der mit mächtigem, weithin hallendem Proteste den amerikanischen Kriegshetzern Halt gebot, damals, während des Spanischen Krieges, als unsere deutsche Diplomatie, die die Deutsch-Amerikaner nur von oben herab ansah, durch unzutreffende Berichte das Deutsche Reich in die gefährlichste Lage gebracht hatte? Wir Deutsch-Amerikaner protestierten damals nicht, um der deutschen Politik die Kastanien aus dem Feuer zu holen, sondern weil wir als deutsche Bürger Amerikas erkannten, daß ein Krieg zwischen Deutschland und Amerika die Vernichtung bedeutet hätte für die Pflege jener idealen deutschen Lebensgüter, die uns ans alte Vaterland knüpfen, wie sie uns hier Zusammenhalten, ja unsern geschichtlichen Beruf in der neuen Heimat bedingen. Und an dieser hohen Auffassung unseres Verhältnisses zum alten Vaterlande werden wir für alle Zeiten festhalten.

Durch das deutsch-amerikanische Gemeingefühl, das der Reichsdeutsche nicht verstehen mag, zittert etwas von jener unsagbaren Wehmut, mit der wir des Elternhauses, der Jugend und unserer Mutter gedenken, schwingt etwas von jener Verehrung, mit der wir vergangene Zeiten umgolden und verklären und klingt es wie letztes, mütterliches Mahnwort, das überkommene Erbe zu wahren und zu mehren. Für immer!

Aber hier, in der neuen Heimat, haben wir Wurzeln geschlagen und sind gewachsenen der Luft und im Tau der Freiheit. Wohl wissen wir, was die schwer errungene Einheit und Stärke der deutschen Nation für unsere Stellung bedeutet, hier, wo wir so lange als einzelne, wie als Deutsche überhaupt, national verwaist standen, aber immer wieder bricht es dennoch in uns hervor mit dem Stahlklang berechtigten Stolzes, wenn wir auf unsere Geschichte in Amerika zurückblicken:

Rühmend darf’s der Deutsche sagen,
Höher darf das Herz ihm schlagen:
Selbst erschuf er sich den Wert.

Deutsch-Amerikanische Geschichte

An jener nationalen Verwaistheit, die der einzelne, sobald er unter ein fremdes Volkstum tritt, in all ihrer beschämenden und erniedrigenden Schärfe fühlt, hat es vorzüglich gelegen, daß das Deutschtum Amerikas sich so lange als bloß geduldet gefühlt hat. Noch lange nach 1870. Es ist nicht überflüssig, daran heute noch zu erinnern, wo gewisse ängstliche Gemüter uns aus Furcht vor den Angloamerikanern zum Leisetreten mahnen.

Freilich, viele Hunderttausende von Deutschen retteten ihr bloßes Leben an diese Gestade, ähnlich wie die zahllosen Enterbten anderer Nationalitäten, und blickten darum dankbar für die gewährte Unterkunft zu den länger Angesessenen als den eigentlichen Herren des Landes auf. Aber es kamen daneben auch Millionen unserer Landsleute hierher, die sich, seit den Tagen des Pastorius, ihren Landbesitz mit schwerem Gelde kauften. Hätte man nicht von diesen wenigstens erwarten dürfen, daß der Eintritt in die Demokratie ihr Selbstbewußtsein wecken und stärken würde? Auf allen Gebieten — laut bezeugt es die amerikanische Geschichte — traten sie als Pioniere auf oder als siegreiche Wettbewerber mit den länger Angesessenen; aber von jenem stolzen Herrengefühl, das die Neu-Engländer, ja sogar die Irländer bald nach ihrer Ankunft auszeichnet und sich vorzüglich in der Politik auswirkt, war bei den Deutschen selten eine Spur zu finden. Sobald man sie an ihre Herkunft erinnerte, womöglich mit dem Beiwort „Foreigner“ oder gar mit dem Scheltwort „Dutchman“, hielten sie sich für bloß Geduldete.

Hier nun hat die erwachende Pflege deutsch-amerikanischer Geschichte erlösend gewirkt. Wenn heute ein neuer Lebenshauch, dem Frühling gleich, durch die Geister Deutsch-Amerikas zieht, dann ist er von der erwachenden geschichtlichen Selbstbesinnung ausgegangen. Was uns Deutsch-Amerikanern so lange fehlte, war das Einheitsbewußtsein, das seine Kraft aus der Überlieferung gemeinsamer Sprache, Sitten und Anschauungen, wie aus dem lebendigen Gefühle einer großen Vergangenheit zieht. Freilich, eine von Generation zu Generation fortgepflanzte Überlieferung gemeinsamer Sprache, Sitten und Anschauungen, wie sie die Neu-Engländer und andere altangesessene Volksteile haben, besitzen wir nicht. Aber von Tag zu Tag steigt klarer und erhebender vor uns auf, welchen Anteil deutscher Geist und deutsche Tatkraft an der Entwicklung Amerikas hatten. Und, überall, wo wir von Deutschen lesen, daß sie in den Urwald drangen, die Prärien in blühende Felder verwandelten, Industrien schufen, auf Schlachtfeldern für die Freiheit kämpften oder forschend und lehrend dem amerikanischen Geistesleben die Wege wiesen, da tritt uns entgegen, was unseres eigenen Wesens Kern noch heute ist: hingebende Treue, unermüdlicher Fleiß, Gründlichkeit, Redlichkeit, idealer Sinn, harmlose Lebensfreude und tiefes, warmes Gemüts-leben. Und mehr noch. In dem Schicksal zahlloser einzelner Deutscher, wie ganzer Ansiedlungen, die, von Hoffnung erfüllt, das Land der Freiheit aufsuchten, sich durch bitterste Enttäuschung und quälende Not, durch Unglück und Feinde siegreich hindurchschlugen zu sicherer, unabhängiger Existenz, ohne die Erinnerung an die alte Heimat und die deutschen Ideale zu verlieren, erkennen wir ergriffen unser eigenes Geschick.

Ja, die deutsch-amerikanische Geschichte allein vermag es, das Einheitsgefühl zu wecken unter uns Deutschen von heute, und in unser Bewußtsein zu rufen, daß wir mit denen, die gleichen Sinnes uns vorangingen, eine lebendige geschichtliche Macht sind. Denn indem sie uns erzählt, was wir als Deutsche der werdenden Kultur Amerikas waren und noch sind, verkündet sie uns zugleich, daß wir im Laufe von zwei Jahrhunderten dem Lande Millionen ganzer, in harter Lebensschule herangereifter Menschen gegeben haben, die selbst und durch ihre Nachkommenschaft der amerikanischen Nation ihren heutigen Charakter aufprägen halfen. Mit Recht darum darf sich in das Gemeingefühl, das uns Deutsch-Amerikaner beseelt und immer mehr noch beseelen soll, der Stahlton berechtigten Stolzes mischen: selbst erschufen wir uns unseren Wert! Und welche Aufgaben harren unser noch!

Die deutsch-amerikanische Geschichte, ursprünglich von einzelnen aus Liebhaberei oder antiquarischem Interesse gepflegt, ist immer noch in den Anfängen. Wieviel kostbares Material liegt unbenutzt, ja unbekannt noch in Bibliotheken und Archiven! Wieviel wertvolle geschichtliche Erinnerung geht nicht jährlich mit dem Ableben älterer deutscher Männer und Frauen für immer klanglos zu Grabe! Und wie oft ist das alles schon beklagt worden! Noch haben wir nicht einmal die erschöpfende Geschichte des Deutschtums in irgendeinem der einzelnen Staaten, geschweige denn der Deutschen in Amerika. Die Bemühungen begeisterter Dilettanten, so anerkennenswert sie sind, können nicht länger genügen. Wir beschweren uns darüber, daß in amerikanischen Geschichtswerken und deren Verdünnung, den Schulbüchern, so gut wie nichts über unsere Geschichte zu finden sei. Wo sollen die amerikanischen Geschichtschreiber, bei ihrer ohnehin oft dürftigen Kenntnis des Deutschen, denn schöpfen? Als ich vor einiger Zeit einen hervorragenden amerikanischen Historiker, der auf meine Veranlassung in seiner Geschichte Amerikas dem Anteil der Deutschen gerecht werden wollte, auf das bisher Geleistete aufmerksam machte, sagte er mir nach genauer Durchsicht dieser Schriften: „Warum treiben Ihre Landsleute nicht gründliche historische Forschung, die wir Historiker benützen könnten? Warum wiederholen sie immer wieder schon Gesagtes?“ Ja, warum? Das sollten wir Deutsche, die wir einen Mommsen, einen Ranke und einen Lamprecht unser eigen nennen, doch wissen, daß nur ein geschulter Historiker, der zugleich die Gabe künstlerischer, wie packend volkstümlicher Darstellung besitzt, Geschichte schreiben kann. Die Erforschung und Darstellung unserer Geschichte in Amerika ist aber eine Lebensaufgabe, deren Lösung wir nicht von Männern erwarten können, die andere Berufspflichten haben. Wenn aber von der Pflege deutsch-amerikanischer Geschichte die Weckung unseres Einheitsbewußtseins und nationalen Selbstgefühls, mithin der eigentliche lebendige Fortbestand, ja die Lebenskraft des Deutschtums abhängt, dann ist es die heilige Pflicht patriotischer Deutsch-Amerikaner, ein Institut zu schaffen, wo diese Geschichtspflege systematisch betrieben und ihre Ergebnisse in die Massen verbreitet werden. Die Männer, dieses zu leisten, wären schon da. Man sehe doch, was die Amerikaner, in Neu-England zumal, in dieser Hinsicht tun! Einerlei, was wir von dem Geschichtsunterricht in unseren amerikanischen Volksschulen mit seiner Schönfärberei, seiner Einseitigkeit und unwahren Übertreibung denken: er erzieht glühende Patrioten. Und dieser Unterricht wird im Leben fortgesetzt. Kein historisches Fleckchen im Lande, wohin man nicht walfahrtet, kein geschichtlicher Gedenktag, an dem nicht Umzüge, Redner und Zeitungen immer wieder und — was am wichtigsten ist — ohne die Übersättigung zu fürchten, wie sie der deutsche Bildungsphilister so gern vorgibt, die alten, großen, geschichtlichen Tatsachen wiederholen. So feiert der Neu-Engländer jährlich übers ganze Land hin den sogenannten Pilgrimstag, wo im stillen Kreise der Familie die Schicksale und Taten der Pilgerväter erzählt werden. Welche unauslöschliche Wirkung muß das auf das Kindergemüt haben! Zahlreich sind ferner die amerikanischen Blätter, die täglich in ihren Spalten einen Abschnitt aus der amerikanischen Geschichte bringen. Warum tun unsere deutsch-amerikanischen Zeitungen nicht das gleiche? Haben wir Deutsche doch die doppelt schwere Aufgabe, geschichtliches Bewußtsein und deutsch-amerikanisches Selbstgefühl nicht nur bei uns selbst und bei den jährlich neu Einwandernden, sondern vor allem auch in unserer Jugend zu wecken. Niemand aber wird diese Aufgabe für uns lösen als wir selbst. „Dir selbst vertraue selber“, ist einer der tiefsinnigen Sprüche der Edda. Und folgen wir der Weisheit dieses Rates, dann wird die Anerkennung unserer amerikanischen Mitbürger schon von selbst kommen.

Amerikanische Beziehungen

Auch dem Amerikaner wird es nicht leichter als manchen Reichsdeutschen, das Eigentümliche und die Berechtigung des Deutsch-Amerikanertums zu verstehen. Es ist bekannt, wie Theodore Roosevelt in seinen Jugendjahren gegen die „Bindestrich-Amerikaner“ pathetisch wetterte. Erst als Präsident, auf einer seiner westlichen Reisen, ist ihm, wie ich von ihm persönlich weiß, die Macht und die Bedeutung der Deutsch-Amerikaner im Ganzen der Nation aufgegangen und damit hoffentlich auch die überflüssige Verkehrtheit seiner früheren Kritik.

Wir Deutsch-Amerikaner betrachten uns gerade wegen unserer deutschen Herkunft als Voll-Amerikaner im besten Sinne des Wortes. Der ruhmvollen Vergangenheit unserer Vorfahren getreu kennen wir unsere Pflicht. Haben wir nicht alle den Bürgereid geschworen? Welcher ehrbare Mensch würde im gemeinen Leben es nicht für eine Selbstschändung halten, die Wahrheit seines Eides noch besonders versichern zu müssen? Und zeugt nicht die deutsch-amerikanische Geschichte seit mehr als zweihundert Jahren laut genug für unser Amerikanertum? Freilich, davon wissen sie nichts, die sich so eifrig als Amerikaner bekennen.

Noch weniger scheinen sie zu wissen, wie die einzelnen Zweige dieser „Amerikaner“ auf ihre Familienabstammung halten und sich stolz ihrer Abkunft von England, Schottland, Holland, ja Irland rühmen. Wie viele dunkle Ehrenmänner sind nicht an wohlbezahlter Arbeit, um Wappen und Stammbäume zu erfinden für jene eingebildete „Aristokratie“, die sich auf du und du mit dem Deutschen Kaiser und dem deutschen Adel stellen möchte. Mit welchem Schmunzeln berichten die Zeitungen von amerikanischen „Herzoginnen“, „Fürstinnen“, „Gräfinnen“ usw. und tischen als wichtige Neuigkeiten den albernsten Hofklatsch auf.

Und uns Deutschen, die wir auf diese Komödie herabsehen, uns wollte man zu verwehren wagen, daß wir uns als Einheit fühlen und stolz sind, Abkömmlinge zu sein des größten Kulturvolkes der Neuzeit?

Die Frage der Beziehungen des Deutschtums zum Amerikanertum löst sich, da über die politische Gleichgesinntheit der beiden kein Streit sein kann, im letzten Grunde in die Frage nach den Kulturwerten auf, die beide Volksteile verkörpern.

Über den Wert unserer deutschen Kultur sind wir uns selbstverständlich einig. Sie ist seit den Tagen unserer großen Dichter, Denker und Musiker ein vollentwickeltes Ganzes gewesen, so sehr sie auch von Generation zu Generation, innerstem Triebe folgend, weitergebildet wurde und noch werden mag. Die Millionen von Deutschen, die im Laufe des vergangenen Jahrhunderts hier einwanderten, haben in größerem oder geringerem Maße alle an ihr teilgenommen, sie haben in ihrem Besitze bewußt oder unbewußt als ihrem Lebenselement geatmet und den selbstverständlichen Drang empfunden, darin zu beharren. Weil nun, neben altererbten, traulich heimatlichen Sitten und Bräuchen, das eigentliche Wesen unseres Volkstums, mit allem was seine höhere Geisteskultur durch Dichter und Denker geschaffen hat, sich in der deutschen Sprache verkörpert, so ist deren Erhaltung und Pflege stets als gleichbedeutend mit der Bewahrung deutscher Kultur betrachtet worden.

Von einer ausgesprochen amerikanischen Kultur, im Sinne wie die deutsche mit ihrem hochentwickelten eigenwüchsigen Geistesleben, kann noch keine Rede sein. Sie ist, wie ihre Lobredner sie auch preisen mögen, noch im Werden begriffen, vielfach überhastet, voll schreiender Widersprüche und auf den höchsten Gebieten des Geisteslebens ursprünglicher Schöpferkraft noch entbehrend. Bis tief ins 19. Jahrhundert hinein war sie, von zeitweiser, starker französischer Färbung abgesehen, ein Ableger der englischen Kultur, aber durchtränkter als diese von puritanisch theologischen Anschauungen und ausgerüstet mit dem angelsächsischen Missionseifer, der sich berufen wähnte, seine alleinseligmachenden Überzeugungen der Umgebung zur Ehre Gottes aufzwingen zu müssen. Da brach gegen die Mitte des vorigen Jahrhunderts die deutsche Geisteswelt aufregend, verwirrend und doch zunächst für einzelne befreiend, in diese selbstzufriedenen Kreise. Es wird für die deutsch-amerikanische Geschichtschreibung eine der anziehendsten und lohnendsten Aufgaben sein, den Einwirkungsprozeß deutscher Kultur auf das höhere Geistesleben Amerikas, das dabei doch erst eigentlich erwacht, die Gärung und den Kampf, die Befruchtung durch deutsche Literatur, Wissenschaft und Musik, Schritt für Schritt zu verfolgen; im Gewebe aller heutigen Kulturarbeit Amerikas den deutschen Einschlag bloßzulegen und das freudig überraschende Resultat zu lesen, daß die Besten und Einsichtigsten unserer amerikanischen Mitbürger, mag es ihr Nationalstolz auch ungern gestehen, oder gar verleugnen, doch dem deutschen Kulturideal zustreben.

Ja, wir haben heute ein doppeltes Recht als Deutsch-Amerikaner, an unseren geistigen Lebensgütern festzuhalten. Unsere deutschen Vorfahren des 18. Jahrhunderts mochten wohl, obschon sie an Bildung den länger hier Angesessenen nicht nachstanden, in der englischen Kultur jener Tage ein Überlegenes erblicken und darum leichter in ihr aufgehen. Der gebildete Deutsche von heute vermöchte dies nicht einmal aus Höflichkeit, ohne zum Lügner zu werden. Äußerer Zivilisationsfirnis ist nicht gleichbedeutend mit wahrer Kultur.

Aber das erhöhte Bewußtsein unseres Wertes als Vertreter des größten Kulturvolkes legt uns auch höhere Pflichten auf. Wir haben ein Recht, das Beste unseres Wesens und unserer Kultur zu erhalten und der werdenden amerikanischen Kultur dieses Landes einzufügen, nur so lange als das, was wir erhalten und einpflanzen wollen, nicht bloße Phrase ist oder ein Zerrbild dessen, was der Amerikaner selbst als deutsche Kultur verehrt. Wir müssen etwas sein, um etwas geben zu können. Dadurch allein erst unterscheidet sich unsere Stellung von dem Bestreben anderer Nationalitäten nach Selbsterhaltung: daß wir sittlich und geistig für die werdende amerikanische Kultur etwas bedeuten. Und daß wir unsere Aufgabe in diesem Lande mit dem heiligen Ernste eines geschichtlichen Berufes, einer höheren Mission erfassen. „Wer nur mit ganzer Seele wirkt, irrt nie“, sagt einer unserer tiefsinnigsten deutschen Dichter.

Ein verdummendes Bier- und Skatphilistertum hier erhalten zu wollen, ist kein geschichtlicher Beruf. Aber unsere Mission ist es, den tiefsittlichen Gedanken der Freude in unser amerikanisches Leben zu tragen, das so oft trostlos oder in hysterischen Lustausbrüchen verläuft. Wer hat denn, aus qualvollen Seelenkämpfen heraus, den befreienden, göttlichen Gedanken wahrer Freude zuerst entdeckt und jubelnd besungen, als unsere deutschen Dichter, Klopstock voran und vor allem Schiller? Und wer hat ihn als eine Erlösung der Menschheit mit nie gehörten Zungen herrlicher gepriesen als unser Beethoven in seiner letzten Symphonie?

Mit dem sittlichen Werte der Freude verwandt aber ist der deutsche Gedanke sittlichen Genusses. Wie hat sich der deutsche Geist jahrhundertelang abgerungen im Kampfe zwischen dem Mönchsbegriff unsittlich verlogener Askese und dem antiken Gedanken verlotterter Sinnenlust, dem Erbteil des abfaulenden Altertums, um schließlich durch unsere größten Dichter und Denker das Ideal wahren sittlichen Genusses zu finden! Wer denkt nicht bei diesem Kampfe an die innersten Erfahrungen, die Goethe an ihm für sich und für uns Deutsche alle machte? An den angstvollen Aufschrei aus seiner Jugendzeit, als er es in Leipzig mit der bloßen Sinnenlust probiert hatte:

Was hilft es mir, daß ich genieße?

An die Seelenqualen, welche die Genußfrage seinem Faust bereitet, und schließlich an die milde, hohe, letzte Weisheit in seinem Gedichte „Vermächtnis“:

Genieße mäßig Full’ und Segen,
Vernunft sei überall zugegen,
Wo Leben sich des Lebens freut.

Freude und edler Genuß, wie möchten sie in einer Seele bestehen und ausstrahlen ins tägliche Leben, ohne die deutsche Auffassung von wahrer Freiheit! Nirgends erscheint der Unterschied zwischen deutschem und angelsächsischem Denken schärfer, als vor dem Bilde des Freiheitsideals. Man hat uns gesagt, daß der Gedanke der Volksfreiheit und der Selbstregierung als Keim in der Verfassung der puritanischen Kirchengemeinden Neu-Englands gelegen und sich daraus organisch zum Freistaat entwickelt habe. Wer dieses nachspricht, weiß nicht, daß die puritanisch-kalvinistische Kirchenverfassung ursprünglich durchaus aristokratisch war, und daß, was sich darin von Freiheitsideen findet, dem deutschen Täufertum entstammt. Auch von religiöser Freiheit des Gewissens und Denkens wußte man in der Theokratie Neu-Englands nichts. Erst durch die Gründung der Kolonie Pennsylvanien, unter der Mithilfe deutscher Sekten, in denen, bei aller Weltentfremdung, der Drang nach Freiheit dunkel, aber mächtig gärte, ward dieser eine Stätte in Amerika geschaffen, auf der sich der zukünftige Freistaat erheben konnte. Noch ist ja bis heute überhaupt nicht untersucht, wie weit die Freiheitsideen, welche die deutschen Ansiedler als teuerstes Erbe in die Neue Welt trugen, bei der Errichtung der Republik mitgewirkt haben, wofür die Angelsachsen nur die äußeren politischen Formen lieferten.

Aber die ganze Tiefe und sittliche Kraft des deutschen Freiheitsideals offenbart sich erst in der Lebensführung des Einzelnen. Für die Angelsachsen bedeutet sittliches Handeln meist eine ängstliche Erfüllung von selbstgemachten oder blind übernommenen Gesetzen, um die er sich den Schein mystischer Autorität webt. Für den Deutschen ist sittliches Handeln der Ausfluß freier Selbstbestimmung, deren letzte Autorität die freie Persönlichkeit selbst ist. An die Selbstbestimmung der freien Persönlichkeit, das höchste Gut deutschen Wesens und deutscher Bildung, rühren, heißt darum, den Deutschen ins Herz treffen.

Es ist ein anderes, ob der Geist der Ordnung und des Rechtes dem Menschen zur innersten Gesinnung, zur Gewissensmacht wurde, oder ob das Schreckgespenst des „Gesetzes“ auf seinem Wege lauert, dem er sich wohl gezwungen fügt, aber weit lieber entgehen möchte.

Gesetzlosigkeit und Heuchelei sind darum von jeher die Begleiterscheinungen gewesen, wo der angelsächsische Gesetzesdienst geherrscht hat. Ja selbst die eiserne Fuchtel kalvinistischer Kirchenzucht hat sie nicht auszutreiben vermocht, weil auch sie nur Sklaven vermeintlich göttlicher „Gesetze“ und nicht „freie Kinder des Hauses“ kannte. Nicht umsonst haben daher in angelsächsischen Landen Religion und Politik immer wieder einen Bund zu schließen gesucht, um den einzelnen durch „Gesetze“ und Majoritätsbeschlüsse zu knechten.

Wer möchte leugnen, daß gerade in unseren Tagen der Kampf zwischen freier deutscher Persönlichkeit und der Herrschsucht von Kirche und Politik aufs äußerste entbrannt ist. Es ist im letzten Grunde ein Kampf zwischen deutscher und puritanischer Freiheitsauffassung, zwischen deutscher und englischer Lebensanschauung; ein Kampf, dessen Ausgang über den Bestand oder den Niedergang des Deutschtums entscheiden wird. Denn nicht um den an sich gleichgültigen Biergenuß handelt es sich in diesem Kampfe, wie unsere Gegner ausschreien, sondern um eines der heiligsten Güter deutscher Kultur.

Kann es da für den einzelnen Deutschen, wie für das gesamte Deutschtum des Landes, noch eine Frage sein, entschlossen, wie ein Mann, einzutreten für unseren geschichtlichen Beruf: den Geist wahrer Freiheit den äußerlich nur freien Formen unseres Lebens einzuprägen und sich der Tyrannei der Demokratie entgegenzustemmen ?

Opferwilligkeit

In einer Hinsicht ist der englische Volkscharakter dem deutschen weit überlegen und ein Vorbild auf lange Zeiten hin: in der Entwicklung des Gemeingeistes, der sich der großen Volksgemeinschaft gegenüber zu opferwilliger Betätigung verpflichtet fühlt. Früh haben die edelsten Geister Deutschlands dies schmerzlich erkannt. Schon aus der Zeit, wo im zerrissenen und geknechteten Vaterland zuerst die sehnsüchtige Bewunderung für die politische Freiheit Englands aufkeimt, klagt der Dichter Hagedorn:

Wie edel ist die Neigung echter Briten!
Ihr Überfluß bereichert den Verstand.
Des Handels Frucht, und was ihr Mut erstritten,
Wird, unbereut, Verdiensten zugewandt!
Gunst krönt den Fleiß, den Macht und Freiheit schützen.
Die Reichsten sind der Wissenschaften Stützen.

So lag es schon zu Anfang des achtzehnten Jahrhunderts in England. Amerika hat diesen edeln Gemeinsinn, dem der angehäufte Reichtum ein anvertrautes Gut ist, seitdem zur höchsten Blüte entwickelt. Wie viele ungezählte Millionen sind nicht den höheren Bildungsanstalten, Universitäten und Bibliotheken, sind nicht den Zwecken der Wohltätigkeit und des Gemeinwohls schon zugeflossen! Einerlei, welches die Motive dabei im einzelnen gewesen sind, danach hat der Deutsche kein Recht zu fragen, so lange er nicht gelernt hat, seinen Mitteln entsprechend, freiwillig gleiche Opfer zu bringen. Es ist bekannt, daß sich der Dichter Rosegger im vorigen Jahre anheischig machte, zwei Millionen Kronen zum Zwecke der Erhaltung des Deutschtums im Auslande aufzubringen. Er hoffte tausend reiche Leute zu finden, von denen jeder zweitausend Kronen beisteuern würde. Nach elf Monaten war die Summe von zwei Millionen gezeichnet. Darunter waren jedoch nur 75 Bausteine (= 2000 Kronen) aus dem großen und reichen Deutschland, alles übrige wurde von Österreich aufgebracht! Das kennzeichnet den wahren Stand des Nationalgefühls in Deutschland lauter als alle patriotischen Feste und byzantinischen Phrasen.

Jahrhundertelange nationale Armut und staatliche Bevormundung, wir wissend wohl, haben den Gemeinsinn im deutschen Volke verkrüppeln lassen, aber das ist heute weder im reichen Deutschland, noch in Amerika eine Entschuldigung mehr. Es gibt unter uns Geschäftszweige, wie das Braugewerbe u. a., die ihren Millionenreichtum vorzüglich den Deutschen verdanken. Was ist, von ganz vereinzelten rühmlichen Ausnahmen abgesehen, durch die Besitzer dieser Millionen bisher geschehen zum Gemeinwohle ihres Volkstums, ohne dessen Unterstützung, wie z. B. in der Prohibitionsfrage, ihre Existenz auf dem Spiele stände? So gut wie nichts!

Die Kinderzeit, wo wir glaubten, durch öffentliche Umzüge und Festreden beim „Deutschen Tag“ das Deutschtum erhalten zu können, sind vorüber. Wir sind heute wirklich eine organisierte Macht im Lande und werden es von Tag zu Tag mehr. Nun gilt es durch Taten der Opferwilligkeit zu beweisen, daß wir an Gemeinsinn unseren amerikanischen Mitbürgern nicht weichen. Hier zuerst muß die Selbsterneuerung beginnen, die uns die Jahrhundertfeier der Pfälzerwanderung mit gewaltigen Stimmen in die Seele ruft. —

Ausblicke

Ich teile den verzagten Sinn der Schwarzseher nicht, die dem amerikanischen Deutschtum den Untergang prophezeien. Sie hätten wohl recht, wenn wir weiter wirtschafteten, wie wir es bis vor kurzem getan, und von der Hand in den Mund lebten, d. h. uns für unseren Weiterbestand, unbekümmert um die Zukunft, auf die Einwanderung verließen.

Hat man schon bedacht, daß die deutsche Bewegung, die heute, was die Schwarzseher, die Lauen und die Schwachmütigen auch sagen mögen, doch dem Frühling gleich durch die Lande zieht, erst erwachte und wuchs, als der Einwanderstrom zu versiegen begann?

Heilsameres hätte uns nicht geschehen können, als in dieser Weise aut die eigenen schlummernden Kräfte angewiesen zu werden, und gezwungen, ein eigenes Leben unter uns und aus uns heraus zu schaffen. Wir freuen uns über jeden Zuwachs von tüchtigen Männern und Frauen, die uns Deutschland zuschickt, und wir wollen mit der Kultur des alten Vaterlandes, soweit sie gesund und zukunftsfähig ist, in allerengster Fühlung bleiben, weil in ihr die Wurzeln unserer Kraft liegen. Aber keine verstärkte Einwanderung und kein Austauschprofessor löst uns die Aufgaben, die uns von der Geschichte und von unserem Schicksal aufgegeben sind. Nur wir selbst können und müssen uns selber helfen!

Und wie regt es sich bereits übers ganze Land hin an frischen deutschen Kräften, die selbstlos und freudig sich in den Dienst der großen Sache stellen. Ja, es geht ein idealer Zug durch die deutsche Bewegung, und wer im Lande umherkommt, der mag mit heller Freude bemerken, wie ein unsichtbares Band gleicher Begeisterung die besten deutsch-amerikanischen Männer und Frauen umschlingt und die Herzen zusammen schlagen läßt. Denn eine Volksbewegung ist es und muß. Es bleiben, in der sich alle Parteien und Konfessionen und alle Bildungsstände unter dem einen Banner der deutschen Sache finden.

Ein Volkstum, das seit mehr als zwei Jahrhunderten, zusammengehalten durch die Kulturbande gemeinsamer Sprache, Sitte und Lebensanschauung, und dem Abfall von Millionen zu einer minderwertigen Kultur zum Trotz, als Einheit im Volkskörper Amerikas sich bewährt hat, kann nicht untergehen. Man hat uns gezürnt, daß wir Deutsch-Amerikaner bisher keine größere Rolle im politischen und geistigen Leben der jungen Nation spielten. Aber wie oft ist es im Laufe der Geschichte nicht vorgekommen, daß ein Volksteil sich im stillen rein und stark erhielt, um im entscheidenden Wendepunkt nationalen Geschickes, wenn andere Teile der Nation sich verbraucht hatten, jugendkräftig hervorzubrechen und die Führung in die Hand zu nehmen. Wie sind nicht in Italien, in Frankreich und Spanien die Nachkommen der scheinbar untergegangenen Germanenstämme in den genialen Feldherren und Staatsmännern, den großen Künstlern und Gelehrten dieser Länder, als die eigentlichen Führer der breiten romanischen Massen heraufgestiegen!

Auch unser Tag wird noch anbrechen in der amerikanischen Geschichte, der Tag deutscher Menschheitskuitur und deutschen Geistes. Schon ist mir, als sehe ich ihn in der Ferne aufleuchten. Es lebt in unserem Volkstum eine geistige und physische Kraft und Ausdauer, mit der sich, wenn sie erst einmal entfesselt ist, kein anderer Volksteil Amerikas messen kann. Immer öfter erscheinen bereits deutsche Namen im öffentlichen Leben, unter den Vertretern amerikanischer Kunst und Wissenschaft, und sie werden es immer mehr, je mehr der Deutsch-Amerikaner an der höheren Bildung des Landes, die ja von deutschem Geiste durchsättigt ist, teilnimrat. Und die Möglichkeit dazu ist selbst dem Unbemittelten in dem kostenfreien Unterricht an unseren glänzend aufgeblühten Staatsuniversitäten so leicht gegeben. Oder sollen uns etwa die Neger beschämen, unter denen sich heute schon der Drang nach Universitätsbildung regt als Rettung für die verkommende Rasse?

Führer zu erziehen aus unseren eigenen Reihen ist unsere Aufgabe. Führer für unser eigenes Volkstum wie für die ganze Nation, damit dieser die Richtung auf das deutsche Kulturideal immer mehr gegeben werde. Darum liegt es an uns, in dem heranwachsenden Geschlechte das Selbstgefühl, den Stolz auf die deutsche Herkunft, auf alles, was Großes aus dem deutschen Volke hervorging, zu wecken. Ich weiß es aus reicher Erfahrung, daß oft nur wenige Worte genügen, dies zu erreichen. Denn die zweite und dritte Generation des Deutsch-Amerikanertums sind uns keineswegs verloren, sie sind vielmehr unser eigentliches Arbeitsfeld. Es gilt nur, sie zurückzuhalten oder sie zurückzuholen vom Versinken in eine andere Kultur und an Stelle der völlig unberechtigten Scham über ihre Herkunft den berechtigten Stolz zu setzen. Nicht nationale Selbstüberschätzung wollen wir ihnen einpflanzen, aber den Glauben an sich selbst als Glieder eines Volkstums, das zum Höchsten berufen ist, den Glauben, der zu allem großen Vollbringen notwendig ist. Nur aus diesem Glauben heraus gebiert sich der Wille zur Tat. Denn bloß zu wissen, was unsere Vorfahren in diesem Lande getan haben, ist nicht genug, sondern selbst einzugreifen, zu handeln und zu gestalten, ist unser Beruf. Von der bloßen Verteidigung deutschen Wesens und deutschen Geistes, die wir so lange schwachmütig betrieben haben, heißt es übergehen zu kraftvollem Wirken, zur Tat.

Was uns vorschwebt, ist kein Neu-Deutschland in Amerika, wie es deutsche Schwärmer einst träumten, sondern ein neues Menschenideal, in dem sich das Beste deutschen Wesens und Geistes zusammengefunden hat, mit dem Besten des Angelsachsentums, um einen neuen Festtag heraufzuführen auf den höchsten Gebieten des Menschenwesens, einen Frühlingstag, an dessen Freiheitslüften und mildem Sonnenstrahl sich dereinst auch das alte Vaterland noch erfreuen und verjüngen mag.

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