Der Kampf um deutsche Kultur in Amerika – Longfellow als Vermittler deutscher Geisteskultur

Lügenkreis-AbbildungWer die Feier von Longfellows hundertstem Geburtstag im Februar 1907 miterlebte, der muß sich wohl der Huldigung von Herzen gefreut haben, die dem volkstümlichsten aller amerikanischen Dichter von alt und jung entgegengebracht wurde.

Besonders schön erschien es mir, wie die Volksschule in Neu-England das Andenken des Kinderfreundes ehrte. Monate vorher waren die Vorbereitungen zur Feier im Gange, die Kinder mußten sich mit dem Leben des Dichters bekannt machen und eine Reihe seiner schönsten und passendsten Gedichte auswendig lernen, die dann, am Tage der Feier, in den niederen wie höheren Schulen hergesagt oder gesungen wurden. Ich war bei zwei dieser Feiern zugegen, und ich konnte an meinen eigenen Kindern merken, wie tief die Wirkung in den kleinen Seelen war. Es läßt sich in der Tat keine größere Huldigung des Dichtergenius denken, als so in den Herzen der Jugend seines Volkes weiterzuleben und kein heilsamerer Einfluß auf das Geistesleben der Nation, als wenn ein Volk die Dichtergedanken, das Beste, was einer seiner geistigen Führer zu singen und zu sagen hatte, sich auf diese Weise zum unvergänglichen Schatz des geistigen Besitzes macht.

Und doch schien es mir, als ob all diesen Feiern, besonders den großen durch die Vertreter der Literatur und Wissenschaft, ein Wesentliches gefehlt habe. Durch viele der Festreden klang es als höchstes Lob des Dichters, daß er würdig befunden worden sei, in die Ruhmeshalle von Westminster Abtey aufgenommen zu werden, zum Zeugnis gleichsam der Einheit englischer und amerikanischer Geisteskultur. Aber von keinem der Redner konnte man hören, wie die Poesie Longfellows ihrem eigentlichsten Wesen nach auf deutschem Einfluß beruhe, ja wie in seinem ganzen Schaffen und Wirken die Charakterzüge deutschen Geistes wiederzuerkennen sind.

Wir Deutsche in Amerika fassen es als unsere höchste geschichtliche Bestimmung auf, der werdenden Kultur unseres neuen Heimatlandes das Beste unseres nationalen Wesens aufzuprägen. Und wie es unsere Pflicht ist, festzustellen, was die deutsche Bevölkerung Amerikas im Laufe ihrer Geschichte zu diesem Ziele beigetragen hat, so ist es uns gleichsam wie eine Bestätigung unserer geschichtlichen Berufsauffassung, wenn wir gewahren, wie eine der hervorragendsten Gestalten amerikanischen Geisteslebens unter deutschen Einflüssen groß geworden ist. Die tiefgreifenden Einwirkungen, die auf amerikanische Literatur, Kunst und Wissenschaft von Deutschland direkt ausgingen, sind ja im Grunde nur die Betätigung desselben deutschen Geistes, der unter den Deutschen Amerikas seit zwei Jahrhunderten lebt und, die neue Umgebung still und stetig umgestaltend, segensreich und befruchtend wirkt.

Die junge Literatur Amerikas ist keine nationale im Sinne etwa der deutschen oder der griechischen, d. h. die unbewußte Blüte des Lebens und Seins oder der Ausdruck der Seele dieser Völker. Sie gleicht vielmehr der römischen Literatur darin, daß sie, nachdem die inneren Verhältnisse der jungen Republik einigermaßen geordnet waren und die buntgemischte Bevölkerung sich als Einheit zu fühlen begann, als eine Art nationaler Schmuck begehrt ward, den man sich beschaffen müsse. Longfellow hat sich selbst über diese bewußte Schaffung einer amerikanischen Nationalliteratur, die besonders zu Anfang der vierziger Jahre viel erörtert wurde, ausgesprochen. So schreibt er in 1844 an einen Freund:

„Mir mißfällt so sehr wie irgend jemand der Ton der englischen Kritik in Bezug auf unsere Literatur. Wenn Sie jedoch sagen: es ist eine beklagenswerte Tatsache, daß unser Land bis jetzt noch keine Schritte getan hat zur Begründung einer Nationalliteratur, so scheint es mir, daß Sie eine der trügerischsten Behauptungen der englischen Kritiker wiederholen. Jede Nationalliteratur ist der Ausdruck nationalen Charakters und Denkens, und da unser Charakter wie unser Denken vom englischen nicht wesentlich abweicht, so kann es auch unsere Literatur nicht. Endlose Wälder, Seen und Prärien bringen an sich keine großen Dichter hervor. Sie sind nur die Szenerie des Dramas und haben mit der eigentlichen Poesie viel weniger zu tun als man sich einbildet.“

Es ist bezeichnend, daß Longfellow die hier zu schaffende amerikanische Literatur noch für einen bloßen Seitentrieb der englischen hält. Einige Jahre später jedoch haben sich seine Ansichten über den in fortwährender Bildung begriffenen amerikanischen Nationalcharakter und die von ihm abhängige Poesie bedeutend geklärt. In seinem Tagebuch vom Jahre 1847 heißt es:

„Man spricht heutzutage viel von einer Nationalliteratur. Bedeutet dies überhaupt etwas? Solch eine Literatur ist der Ausdruck des Nationalcharakters. Der unsere ist oder wird ein zusammengesetzter sein, der französische, spanische, irische, englische, schottische und — deutsche Züge an sich tragen wird. Derjenige Dichter, der am meisten von diesen Zügen in sich vereinigt, wird unser wirklicher Nationaldichter sein. Mit anderen Worten, wer von uns am universellsten ist, wird auch am nationalsten sein. Emersons Gedichte sind vom Publikum nicht so begeistert aufgenommen worden, wie ich geglaubt hatte.“

Damit hat er denn nicht nur das Wesen dieser neuen, bewußt geschaffenen amerikanischen Literatur, sondern zum Teil auch sein eigenes literarisches Streben charakterisiert. Freilich nur zum Teil. Denn, daß auch dies Streben selbst, d. h. seine Richtung, die verschiedensten Literaturen zu umfassen, ja der ganze Charakter seiner eigenen Poesie doch im letzten Grunde und am tiefsten von deutschem Geiste beeinflußt war, das möchte ich hier kurz ausführen.

Wie das ganze höhere Geistesleben der zivilisierten europäischen Welt am Ende des 18. und zu Anfang des 19. Jahrhunderts französisch gefärbt war, so herrschte auch in den besseren Kreisen Amerikas damals ausschließlich französischer Geist. Ja gerade in diesem Lande war der französische Einfluß noch besonders dadurch verstärkt, daß Frankreich dem um seine Freiheit ringenden Volke seine Teilnahme in großmütiger Weise entgegengebracht hatte. Noch ist die Geschichte der inneren Kultur Amerikas nicht geschrieben, und es wäre lehrreich, im einzelnen zu verfolgen, wie der französische Geist auch hier verderblich wirkte und in ernsteren Gemütern den Widerspruch, wie die Sehnsucht nach Besserem und Höherem weckte.

Da erschien im Jahre 1813 ein französisches Buch, das in der europäischen Welt außerhalb Deutschlands geradezu revolutionär wirkte. Ich meine das Buch der geistreichen Französin Madame de Stael „Über Deutschland“ (De LAllemagne), das für die damalige Kulturmenschheit die Entdeckung einer ganz neuen Welt bedeutete. Das unbekannte, verachtete, unterdrückte Deutschland, das sie mit dem Buche an seine geistigen Reichtümer erinnern wollte, zum Tröste in den furchtbaren Stürmen des Krieges, wurde hier als das Herz Europas, als das Vaterland des Gedankens gefeiert. Und sie schilderte nicht nur, was die Deutschen, allen Völkern voraus, auf allen geistigen Gebieten, besonders auf dem der Philosophie und Literatur, geleistet hatten, sondern mit feinem Instinkte fühlte sie in der deutschen Geistesarbeit die Bürgschaft für die ersehnte Wiedergeburt der ganzen Menschheit. „Es mag sein,“ so schreibt sie,

„daß die Jugend der Menschheit jetzt für immer vorüber ist, indessen glaubt man jedoch in den Schriften der Deutschen eine neue Jugend zu spüren.“

Es ist uns bezeugt, daß kein Buch am Anfang des 19. Jahrhunderts so tief und weithin wirkte in Amerika, als Madame de Staels Schrift „Über Deutschland“. Besonders in Neu-England, dessen Geisteskultur in der Harvard-Universität ihren Mittelpunkt hatte, und in der North American Review, der bedeutendsten und vornehmsten Zeitschrift Amerikas, ihren Ausdruck fand. Diese Zeitschrift ist uns denn auch der getreueste Spiegel der gewaltigen Wirkung des Staelschen Buches. Vor mir liegt eine Liste der Mitarbeiter, die vom Jahre 1816 an über deutsche Literatur und Wissenschaft schrieben. Darunter eine Reihe der glänzendsten Namen Neu-Englands, Männer wie E. Everett, George Bancroft, C. C. Felton u. a. Die Freude am Entdecken der herrlichen deutschen Geisteswelt, die in ihren Artikeln atmet, gepaart mit der Überzeugung, daß das erwachende höhere Geistesleben in jener Welt sein Vorbild zu finden habe, üben noch heute ihren Zauber aus. Und eine Art heiliger Zorn ergreift uns, wenn man die Begeisterung dieser Männer für deutsches Wesen gewahrt und sich dann des sträflichen Leichtsinns erinnert, mit dem Hunderttausende unserer Landsleute, damals wie später, ihre Muttersprache und die darin beschlossenen Güter von sich warfen. Jenem ersten Einzug deutscher Ideen und Anregungen in die höhere Geisteswelt Amerikas folgte ein zweiter Stoß Ende der dreißiger und Anfang der vierziger Jahre von noch tieferer Wirkung. Ich meine die Bewegung des sogenannten „Transzendentalismus“, die einer genauen Darstellung vom deutschen Standpunkt aus immer noch harrt.

Ralph Waldo Emerson, wohl ihr bedeutendster Vertreter, hat uns selbst erzählt, wie damals in Boston ein Kreis hochbegabter, wahrheitsuchender Männer und Frauen, ergriffen von Carlyles Begeisterung für deutsche Literatur und Philosophie, sich zusammenschloß, um in deren Studium Licht und Erhebung zu finden. Zusammenkünfte und Vorträge genügten dem Kreise bald nicht mehr, man wollte, daß die neuen Ideen auch weiter wirkten, und so ward unter der literarischen Leitung Margaret Füllers die Vierteljahrschrift „The Dial“ gegründet. Sie brachte es nur auf zwei Jahrgänge, aber noch heute legen die beiden Bände lebendiges Zeugnis ab von dem Sturm und Drang und der Gärung, welche die deutschen Gedanken in diesen Geistern erregten. Mit Recht sagt Thomas Wentworth Higginson in seinem Buche „Eminent Women of the Age“ hierüber:

„Ich kann bezeugen, welchen außerordentlichen Einfluß diese Zeitschrift ausübte, selbst auf solche, die erst ein oder zwei Jahre nach ihrem Erscheinen mit ihr bekannt wurden. Ja, mir scheint heute noch, daß, trotz der augenscheinlichen Mängel des Dial, in keiner späteren Zeitschrift ein so frischer Hauch und frühlingsduftiger Erdgeruch weht.“

Aber auch an Kampf gegen die Unwissenheit und gegen eingerostete Vorurteile, theologische und moralische, fehlte es nicht. Will man sich einen Einblick verschaffen in das, worum es sich in dieser Bewegung eigentlich handelte, so lese man den nachstehenden Auszug aus einem köstlich satirischen Aufsatz von Theodore Parker im ersten Bande des „Dial“:

„Wenn wir glauben dürfen, was allgemein berichtet und angenommen wird, dann existiert irgendwo in Neu-England eine Gruppe unzufriedener Männer und Jungfern, die sich verschworen hat, alles Teutonische zu lieben, von holländischen Schlittschuhen bis zum deutschen Unglauben. Man nimmt an, oder behauptet wenigstens, daß diese mißleiteten Personen jede andere Literatur als die deutsche aus der Welt verbannen oder ihr wenigstens den Vorzug vor allen übrigen geben möchten. Sie bewundern alles, was deutsch heißt, besonders aber die unmoralischen und irreligiösen Schriften, die die Deutschen mit der edeln Absicht verfassen, die Jugend der Welt zu verderben. In schonender Weise hält man es für ausgemacht, daß die Bewunderer deutscher Philosophie und Kunst in unserer Mitte entweder von selbstloser Liebe für alles Deutsche oder, was wahrscheinlicher ist, von selbstloser Liebe fürs Böse beseelt sind, daß sie vom Teufel angestachelt werden von dem man im vollen Ernste behauptet, daß er sich mit verschiedenen der geachtetsten deutschen Schriftsteller verbündet habe. Diese deutsche Epidemie, so sagt man uns, sei weitverbreitet. Man hat uns mitgeteilt, daß sie unsere Colleges, ja Universitäten ergriffen habe, und daß die Fakultäten wie die Verwaltungsbehörden Symptome der tödlichen Seuche gezeigt hätten. Colleges sagten wir? In der Tat, kein Ort ist mehr heilig, selbst die Kirche nicht.

„Das Heilmittel ist sehr einfach; es besteht in einer starken Einspritzung von Stumpfsinn. Dies wird die Patienten von der schlimmsten Form der Seuche, der philosophischen Tollheit, kurieren, die in Colleges und unter jungen Frauenzimmern grassieren soll. Die Kanzeln sind unseres Wissens davon noch nicht befallen worden. —

„Was uns nun selbst betrifft, so sind wir noch nie einer dieser gefährlichen Personen, die an übertriebener Bewunderung für alles Deutsche leiden, begegnet, noch weniger dem Wunsch, die Moral und Religion aus der Welt hinauszutreiben. Dagegen haben wir wirklich Männer und auch Frauen getroffen, die in dieser anstößigen Literatur wohl belesen sind: es waren wirklich lauter harmlose Menschen. Sie ehren was sie nach ihrem Geschmack Gutes finden, sei es nun in der deutschen Literatur oder sonstwo.

„Aber auf der anderen Seite hören wir und glauben es auch teilweise, daß es ,eine Partei klardenkender, verständiger, bescheidener und ehrlicher Menschen hier gibt, die die deutsche Literatur, Philosophie und Theologie hassen. Wir haben irgendwo gelesen, daß geschrieben steht: wer da urteilt, ehe er gehört hat, dem ist es eine Torheit und eine Schande. Wir empfehlen dies der Aufmerksamkeit jener Richter. Sie verurteilen die deutsche Literatur im großen wie im kleinen. Vor ihren ehrbaren Gerichtshof schleppen sie Goethe und Schleiermacher und Schiller, Arndt, Kant, Leibniz, Heine, Jakob Boehme und Schelling, Hegel und Strauß samt ihren Genossen und Helfershelfern und verdammen sie als Mystiker, Ungläubige oder Pantheisten, mit einem Worte als Deutsche. Der deutschen Literatur ergeht es in unserer Mitte wie einst den Klassikern im Mittelalter. Sollen wir Amerikaner, die wir allen nötigen Geist und alle Kultur schon besitzen, die Bücher der Deutschen lesen, Bücher von Ungläubigen? Die Deutschen leben nur in den Wolken und sind nach göttlichem Ratschluß nur fähig, Tabak zu rauchen und Wörterbücher zu machen.

„Doch verlassen wir nun diesen türkischen Gerichtshof und blicken der deutschen Literatur einen Augenblick ins Angesicht oder lassen sie für sich selbst sprechen. Nach unserer Meinung ist die deutsche Literatur die schönste, reichste, originellste, frischeste und religiöseste aller neueren Literaturen. . . . Aus welchem Lande kommen uns doch die Klassikerausgaben, die da wert sind, gelesen zu werden und in denen zur Erklärung des Textes die moderne Wissenschaft herangezogen ist? Wir stehen nicht an, zu behaupten, daß in unserem Jahrhundert kein römischer oder griechischer Klassiker in England irgendwie erträglich herausgegeben wurde, es sei denn mit Hilfe eines deutschen Gelehrten. Die schönen Ausgaben griechischer Autoren, die aus Oxford und London kommen, sind alle die Frucht deutscher Gelehrsamkeit, deutscher .Mühe und deutschen Geistes. Der wissensdurstige Fleiß, der niemals ermüdet, das tiefe Wissen und philosophische Denken, das den ganzen Geist Griechenlands umfaßt, um damit eine einzelne Stelle zu erklären, alles dieses ist deutsch und nur deutsch. . . .

„Von dem Einfluß, den diese reiche, geliebte und schöne Literatur Deutschlands auf unser eigenes minderjähriges Schriftwesen ausüben wird, versprechen wir uns die glücklichsten Resultate. . . . Die Inspiration, die wir früher von England empfingen, geht jetzt von den Deutschen aus.“

In diese Bewegung, die es auf die bewußte Schaffung eines eigenen höheren Geisteslebens nach deutschem Vorbild abgesehen hatte, trat auch Longfellow. Gerade bei ihm aber sollte der Einfluß deutschen Geistes um so tiefer wirken, als er für ihn zu einem inneren Erlebnis wurde, das ihn recht eigentlich zum Dichter weihte.

Die Jugendgeschichte Longfellows brauche ich hier nicht zu wiederholen. Es ist bekannt, in welcher Umgebung der träumerische, poetisch begabte Knabe aufwuchs, wie er dann Bowdoin College bezog und bald, nachdem er dieses absolviert hatte, zum Professor der modernen Sprachen an dieser Anstalt ernannt wurde. Moderne Sprachen studieren bedeutete damals nicht etwa neuere Philologie treiben, sondern sich vor allem die Kenntnis des Französischen und vielleicht auch noch des Italienischen aneignen, zum Zweck der Konversation und der Bekanntschaft mit der Literatur jener Länder. Auch für das Spanische war durch Washington Irvings vorzügliche Schilderungen ein größeres Interesse erregt worden.

Um sich in diesen Sprachen, von denen er nur Französisch dürftig konnte, auszubilden, reiste Longfellow nach Europa und hielt sich längere Zeit in Frankreich, Spanien und Italien auf. Obwohl ihn sein Vater auf die Bedeutung der deutschen Sprache hingewiesen hatte, so besuchte er Deutschland auf dieser Reise nur ganz kurz. Das Deutsche schien ihm eine ganz außerordentlich schwierige Sprache.

Erst auf seiner zweiten Reise, die er im Jahre 1835 unternahm, um sich auf die neue Professur in Harvard vorzubereiten, sollte er Deutschland eigentlich entdecken. Und es war das Erlebnis, von dem ich schon vorhin sprach, das ihn dem deutschen Geiste für immer zuführte. In Amsterdam war ihm die geliebte Gattin. gestorben. Mit blutendem Herzen, wie vernichtet von dem Schlag, trostsuchend für die vereinsamte Seele, wandte er sich nach Deutschland. Seiner schönen Lage und des billigen Lebens wegen ließ er sich in Heidelberg nieder. Hier war es, wo sich die innere Umwandlung vollziehen sollte.

Noch lag um die schöne Musenstadt am Neckar ein Abglanz des poetischen Schimmers, den die Romantiker um sie gewoben hatten, und noch schien es vom Schlosse und den nahen Bergen her wie leises Echo zu klingen, jener Tage, wo Arnim, Brentano, Görres und Eichendorff hier geschwärmt und gedichtet hatten. Es war die schwüle Zeit vor dem Ausbruch der Revolutionsstürme in den vierziger Jahren, als Longfellow nach Heidelberg kam, die Zeit, wo die Romantik noch einen kurzen Nachsommer erlebte. Von dem Lärm, den das junge Deutschland erregt hatte, schien kaum ein Ton in die weltverlorene Stille Heidelbergs gedrungen. Noch lebte hier die Überlieferung des Besten, was die Romantik einst gebracht hatte: der Gedanke von der Einheit, von Poesie, Philosophie und Religion, die Begeisterung für das Mittel-alter, für altdeutsche Poesie und für das Volkslied.

Für die Umwandlung, die sich in dieser Luft tief in Longfellows Seele vollzog, ist sein Roman „Hyperion“ so recht das Zeugnis. Zwar ein wirklicher Roman sind diese handlungslos aneinandergereihten Stimmungsbilder, Gespräche und Reflexionen gar nicht, aber die Geschichte seines langsam genesenden Innern zieht sich durch das Ganze. Er erzählt uns, wie er in „des Knaben Wunderhorn“ schwelgt. .„Ich kann das Buch fast auswendig“, sagt er. „Unter allen deutschen Büchern wirkt es am aufregendsten und zauberhaftesten auf meine Phantasie. Ich habe eine wahre Leidenschaft für diese Volkslieder.“ Die deutsche Sagenwelt und die Poesie der Minnesänger wirkt nicht weniger berauschend auf ihn. Auch Herder studiert er, und an ihm mag ihm der Gedanke der Weltliteratur aufgegangen sein, der Entschluß, dem amerikanischen Volke das Beste der europäischen Literatur zu vermitteln, wie er später in der Sammlung „The Poets and Poetry of Europe“ (1845) und in seiner berühmten Übersetzung Dantes (1867 bis 1870) tat. Dann wieder erfahren wir, wie er sich an Jean Paul Richter, „dem Einzigen“, wie er ihn nennt, begeistert und wie er redlich versucht, Goethe näherzukommen. Eine Reihe glänzender Übersetzungen von Liedern Wilhelm Müllers und Uhlands sind gleichsam Versuche, ganz in das Wesen deutscher Poesie einzudringen und es sich zu eigen zu machen. Besonders tief wirkt Uhlands Art auf Longfellow. An ihr geht ihm auf, wie das Wesen deutscher Dichtung darin besteht, „Gefühl und Phantasie im Hörer zur Selbsttätigkeit zu wecken“. Der Wert des unaussprechlichen, in die Tiefen des Unendlichen reichenden Gefühls gegenüber dem flachen Verstände kommt ihm an Uhland erst voll zum Bewußtsein. „Warum müssen wir denn immer erklären wollen,“ ruft er aus, „gewisse Gefühle sind unaussprechbar. Es gibt keine Sprache für sie. Sie leuchten uns durch das Halbdunkel der Phantasie wunderbar schön entgegen, aber sobald man sie unter das Licht des Verstandes bringt und sie in der Nähe betrachtet, verschwindet ihre Schönheit plötzlich; so wie die Johanniswürmchen, die im Dunkel der Nacht so geisterhaft leuchten, Würmchen sind, wie andere, sobald man sie im hellen Kerzenlichte sieht.“

Wie Longfellow so in der deutschen Luft, zumal an Uhlands Vorbild, zu neuer, echt deutscher Auffassung des Dichterberufes erwacht, so gesundet er in der natürlich-wahren Umgebung auch als Mensch von seinem schweren Leide. „Ich liebe die Deutschen,“ schreibt er, „die Männer sind so frisch und gesund und die Mädchen so gefühlsinnig und wahrhaft.“

In ergreifender Weise schildert er uns, wie ihm in einer kleinen deutschen Kapelle, hoch oben in den österreichischen Alpen, Trost und Mut zu neuem Leben in die Seele niedersteigen. Es ist ein heißer Sommertag, und er tritt in das stille, einsame Gebirgskirchlein. Niemand war darin. Die Wände waren mit Bildern und Schnitzereien der einfachsten Art bedeckt, daneben einige Gedenktafeln. Nichts, was das Herz zur Andacht hätte bewegen können — und doch, in dieser Stunde war Flemings (d. h. Longfellows) Herz weich — weich wie das eines Kindes. Er sank in die Knie und weinte. Und ach! wie viele enttäuschte Hoffnungen, wie viele schmerzliche Erinnerungen, wieviel verletzter Stolz und unerwiderte Liebe zitterten in den Tränen, durch die er gegenüber die Marmortafel sah, worauf die trostreiche Inschrift stand:

„Blicke nicht trauernd in die Vergangenheit. Sie kommt nie wieder. Benutze weise die Gegenwart. Sie ist dein. Und gehe der dunkeln Zukunft furchtlos und mit männlichem Herzen entgegen.“

Dann, auf der Rückreise, besucht er in Stuttgart den siebenund-achtzigjährigen Bildhauer Dannecker, den Schöpfer von Schillers Büste. Der Friede und die Ruhe, die den greisen deutschen Künstler umstrahlen, offenbaren ihm plötzlich ein Lebensideal, höher als was er in Amerika hätte finden können. Und auf seinem Rückweg in seine Wohnung dachte er bei sich selbst: „ob es dir wohl auch beschieden ist, eine Leistung zu vollbringen, die dich überleben wird, etwas Bleibendes aus diesem schnell vorüberfliehenden Leben zu erhaschen — und dann im Alter, heiter wie der Künstler, dich niederzusetzen und die Hände still zu falten.“

Was Longfellow sich hier als Inhalt und Ende seines Lebens wünschte, ist ihm beschert worden. Das Buch Hyperion aber ist das schönste Zeugnis der Umwandlung eines der edelsten Vertreter neuengländischen Wesens durch den deutschen Geist. Daß er damit gänzlich aufgehört habe Neuengländer zu sein, meine ich natürlich nicht. Er kann sich nicht satt genug trinken am deutschen Geist, ohne ihn doch ganz zu bewältigen. Das zeigt sich so recht in seinem Verhältnis zu Goethe. Er bewundert und verehrt ihn, aber daß er ihn völlig verstanden habe, möchte ich nicht behaupten. Wer da glaubt, wie Longfellow, daß die ganze Goethische Lebensweisheit in Horazens seichter Ode an Thaliarchus schon enthalten sei, oder wer in unserem größten Dichter eine Art „gereimten Ben Franklin“ findet, der hat kaum einen Hauch des gewaltigen Dichtergeistes an sich verspürt. Dazu fehlt ihm auch jede Spur philosophischen Tiefsinns, ohne den man an den wahren Goethe nicht herankommt. Longfellow läßt sich einmal von einem Freunde Faust vergleichen, der das Höchste und Tiefste greifen wolle und von Begierde zum Genuß taumele. Man muß über den Vergleich lächeln. Der biedere, musterhafte Neuengländer hat auch keinen Tropfen Titanenblut in sich. Man lese doch Goethes Zeus und dem Schicksal trotzende Prometheusdichtung und dann die zahmen Prometheus-verse Longfellows!

Und wie fast alle Amerikaner, hat Longfellow kein Verständnis für das Naive. Diese Reflexionsmenschen kranken förmlich am Bewußtsein, ja sie bilden sich sogar ein, mit Bewußtsein zwingen zu können, was sich doch, wie z. B. die höchsten Leistungen der Dichtung, Musik und Kunst in der Tiefe des Unbewußten gebären muß. Wie hätten sie daher Goethe verstehen können, der da singt:

All unser redlichstes Bemühn

Glückt nur im unbewußten Momente;

Wie möchte denn die Rose blühn,

Wenn sie der Sonne Herrlichkeit erkennte!

Der letzte Grund aber für den Mangel an Verständnis für das Naive, wie für das krankhafte Überbewußtsein, ist der Mangel an gesunder Sinnlichkeit. In Longfellows Briefwechsel ist eine Stelle, die genau den wunden Punkt trifft: The bother with the Yankee is that he rubs badly at the junction of soul and body. Das ist’s. Der gesunde, naive Mensch kennt den krankhaften Zwiespalt zwischen Geist und Sinnlichkeit nicht oder — sucht ihn zu überwinden. Der Puritaner, den eine mönchische Religionsauffassung seit Jahrhunderten lehrt, die Sinnlichkeit als Quelle aller Sünde zu unterdrücken — nur gelingt es ihm nicht — kann daher, mit dem Pfahl des Zwiespaltes in sich, das Naive als Quelle aller Kunst gar nicht verstehen. Daher denn auch der unselige Hang zum Moralisieren in der Poesie, selbst bei einem Künstler wie Longfellow. Wie schade, daß ihm Schillers gewaltige, philosophische Geistestat verschlossen blieb, dem es aufgegeben war, Kant gegenüber der gottgegebenen gesunden Sinnlichkeit zum Rechte zu verhelfen und in dem ganzen, harmonischen Menschen, in der Einheit von Geist und Sinnlichkeit, von Pflicht und Neigung das letzte Ziel der Bildung aufzustellen.

Um ein wahres Bild von Longfellow als Vermittler deutscher Geisteskultur zu zeichnen, war es nötig, auch auf die Schwächen hinzuweisen, die ihm seine Eigenart bei der vollen Erfassung unseres Wesens setzte. Es war, wie wir sahen, die deutsche Spätromantik, die ihm, wunderbar genug, ihre Züge als Dichter aufprägte. Und diese Züge trägt denn von nun an seine Poesie, denn erst von seiner Rückkehr aus Deutschland an tritt er als wirklicher Dichter auf. Den deutschen Einflüssen auf Longfellows Dichtung im einzelnen nachzugehen, wäre wohl eine lohnende Aufgabe. Ich muß mich hier auf Andeutungen beschränken.

Gleich seine erste Gedichtsammlung nennt er „Voices of the Night“ — es klingt wie die Übersetzung von Eichendorffs „Stimmen der Nacht“. Und etwas von dem Ahnungsvollen, der Sehnsucht, der leisen Trauer, dem geheimnisvollen Flüstern und Weben der Poesie der Nacht, die Novalis einst in seinen „Hymnen“ entdeckt hatte und die dann durch die ganze romantische Lyrik klang, lebt auch in Longfellows Gedichten. Sonderbar, wie dieser Mann, in kalt-prosaischer Umgebung, die für diese Töne weder Ohr noch Zeit zu haben schien, sich vom grellen Tageslicht abwendet, um dem tröstenden Schauer der Stimmen der Nacht zu lauschen. Dann, wenn die dunkle Nacht herabgesunken ist und das flackernde Kaminfeuer geisterhafte Schatten auf die Wände des Zimmers zaubert, besuchen ihn die Seelen von geliebten Abgeschiedenen, wie in dem zarten Gedichte „Footsteps of Angels“. Das hatte ihn so sehr zu Uhland hingezogen, wie er im Hyperion erzählt, daß dieser den Blick meist in die Geisterwelt gerichtet habe. Aber so sehr diese Nachtpoesie Longfellows auch von Wehmut durchtränkt ist, so hält er sich doch, gerade wie Uhland, frei von krankhafter Sentimentalität. Freilich, der köstliche, naive Humor unseres volkstümlichsten Dichters fehlt dem Amerikaner. Dafür hat er jedoch eine genügende Portion Nüchternheit und Lehrseligkeit, um ihn vor allzu romantischem Überschwang zu bewahren. Seine höchste Auffassung des Dichterberufes: to charm, to strengthen and to teach ist im Grunde doch bloß eine andere Wendung der alten, durch die deutschen Dichter längst überwundenen Weisheit von Horaz, des prodesse et delectare.

Wo er sich aber von der angelsächsischen Freude an den Ermahnungen des Predigtstils nicht übereilen läßt, da entstehen wunderbare Stimmungsbilder, die vom Geiste echter Romantik durchhaucht sind. Wie hat er es verstanden, seinem Vorbild Uhland ähnlich, in der Landschaft seine eigenen Stimmungen wiederklingen zu lassen, dem Regenbogen wie der Mondnacht, dem Dämmerlicht wie dem hellen Maimorgen ihre innersten Geheimnisse abzulauschen! Und mit echt romantischer Poesie hat er die Dorfschmiede wie den Gottesacker, die Heimlichkeit des Hauses zur Dämmerstunde und das Kinderleben verklärt. Gewiß ist, was er uns so darstellt, allgemein menschlich, aber man wird mir wohl nicht widersprechen, wenn ich sage, es ist mit den Augen der deutschen Romantik geschaut und von deutscher Gemütswärme beseelt. Darin gerade scheint mir die Bedeutung und Größe Longfellows als Vermittler deutscher Geisteskultur zu liegen, daß er das amerikanische Volk gelehrt hat, die sonst so kühle Außenwelt von Jugend auf, anstatt nur mit spähendem Verstände, mit poetischem Blick und warmem Gemüte zu erfassen und damit ein wahres, tieferes Innenleben zu entwickeln.

Ich sollte nun noch darauf hinweisen, wie sich der deutsche Einfluß auch in den größeren Dichtungen Longfellows, besonders in der „Evangeline“ und „Golden Legend“ zeigt. Auch wäre noch zu erinnern, wie sein dichterisches Sinnen sich nach Art der Romantiker gern dem Mittelalter zuwendet, dessen reiche, religiös gefärbte Phantasiewelt ihm besonders zusagt. Hatte er doch von der deutschen Romantik gelernt, zwischen bloßer Nachahmungskunst, für die er die Goethische hielt, und Phantasiekunst zu scheiden. Die letztere galt ihm, wie er im Hyperion sagt, für die edlere und bleibendere.

Doch dies alles bedürfte eingehender Ausführung, für die hier doch nicht der Ort ist. Nur darauf möchte ich noch kurz hinweisen, daß auch seine größte Dichtung, der uns Deutschen durch Freiligraths klassische Übersetzung so vertraute Song of Hiawatha, deutschem Geiste im letzten Grunde wohl seinen Ursprung verdankt.

Es gibt über diese Dichtung eine deutsche Doktordissertation von Otto Brioli, die mit großem Fleiße Longfellows Quellen untersucht. Leider ist dem gelehrten Verfasser jedoch entgangen, daß die erste Anregung zu dem Gedichte ohne Zweifel in die Studentenzeit Longfellows zurückgeht, und zwar auf seine Lektüre des Buches von John Hecke-welder, eines deutschen Indianermissionars: History, Manners and Customs of the Indian Nations. Gleich nachdem er das Buch gelesen hatte, schrieb Longfellow (9. November 1823) darüber an seine Mutter: „Es ist ein sehr interessantes Buch und zeigt den Charakter dieser verachteten und verfolgten Rasse in ganz neuem und viel schönerem Lichte. Aus dieser Darstellung ihrer Sitten geht hervor, daß sie ein Volk sind, das Großmut, Freigebigkeit, Mildtätigkeit und wahre Religion ohne jede Heuchelei besitzt. Dies mag paradox klingen, und doch glaube ich, daß es wahr ist. Die Weißen haben sie mit Worten und Taten barbarisch mißhandelt.“

Diese Worte des jungen Longfellow geben in trefflicher Weise den Eindruck wieder, den Heckewelders Buch auf alle edleren Gemüter machte. Es war das Gefühl des Erstaunens, gepaart mit dem der Scham. Man war gewöhnt, in den Wilden teuflische Raubtiere zu sehen, deren Vernichtung zur amerikanischen Kulturaufgabe gehöre. Und nun zeigte der schlichte Herrnhuter, der sein ganzes Leben geopfert hatte, um sie zur christlichen Zivilisation zu bekehren, daß diese geschmähten Wesen im Grunde auch Menschen seien, einfache, unverfälschte Naturkinder, mit allen Vorzügen und Fehlern von Kindern, voll echten Gefühls, tief religiös gesinnt, ehrlich, treu und gerecht. Erst die Schandtaten der Weißen hatten sie zum Schrecken gemacht und die Bestie in ihnen geweckt. Das ganze Buch klang wie eine unbewußte Anklage gegen die Weißen, die diesen die Schamröte ins Gesicht treiben mußte.

Und so wirkte es denn auch sofort auf die Kritik. Gleich im Jahre seines Erscheinens, 1819, veröffentlichte Nathan Haie in der North American Review eine Besprechung, die diesen Eindruck widerspiegelt und auf das völlig Neue der Auffassung des indianischen Charakters hinwies. Vielleicht, daß Longfellow durch Haies Kritik auf das Buch aufmerksam wurde. Auch an Widerspruch und Ausstellungen fehlte es nicht in den folgenden Jahren, wo die North American Review wiederholt auf das Werk zurückkam. Seine Wirkung aber kann man am besten daran erkennen, daß einer der Kritiker darüber klagt, die parteiische Darstellung Heckewelders habe die Indianerromane Coopers verschuldet! —

Hätten diese Kritiker mehr von ihren deutsch-amerikanischen Mitbürgern und deren Geschichte gewußt, dann hätte sie der Geist des Heckewelderschen Buches nicht so gewundert. Mit Recht dürfen wir Deutsche darauf hinweisen, daß wir von den Tagen des Pastorius an bis auf Karl Schurz mit warmer Teilnahme und wahrer Menschenfreundlichkeit dem Indianer entgegenkamen. Zwar hat es auch unter den Anglo-Amerikanern edle Menschenfreunde gegeben, die sich, wie z. B. der hochverdiente John Eliot, der Übersetzer der Bibel in die Indianersprache, der Wilden annahmen. Aber nur von Deutschen, d. h. vor allem von der Brüdergemeinde, war der andauernde, von unsäglicher Opferfreude zeugende, erfolgreiche Versuch gemacht worden, die Indianer der neuen Kultur zu gewinnen. Und ich brauche nur an Männer wie Konrad Weiser, Christian Friedrich Post und David Zeisberger zu erinnern, um ins Gedächtnis des Lesers zurückzurufen, was ihr Wirken auch für die politische Geschichte dieses Landes bedeutete*).

Eine Tagebuchnotiz vom 19. September 1854 bezeugt, daß Heckewelders Buch über die Indianer auch bei der Ausarbeitung von Hiawatha eine der Quellen des Dichters war. Und gewiß hat Longfellow wohl auch die Charakteristik der Volkslieder von Palvj gekannt, worin die geistvolle deutsche Frau, die seit 1830 in Amerika lebte, gestützt auf Heckewelders Buch, ein glänzendes Bild vom Charakter und der Poesie der Indianer gekennzeichnet hatte. Nicht wenige Züge dieses Bildes kehren in Longfellows Dichtung wieder., Wie sich der deutsche Missionar wohl gefreut hätte, wäre ihm beschieden gewesen, zu erleben, daß seinem geliebten Indianervolke endlich sogar der Sänger erstanden war, dessen unsterbliches Lied die an den Wilden begangene Schmach sühnen wollte!

Ich schließe mit Freiligraths prächtigen Worten über Hiawatha, im Vorwort zu seiner Übersetzung: „Der Urwald und die Steppe waren bisher tot und seellos; die vor dem Gange der Zivilisation flüchtende Rothaut, glaubte man, konnte sie nur mit Rufen der Jagd oder des Krieges füllen; ein höheres Interesse schien sich den ursprünglichen

*) Vgl. des Verfassers Schrift: Das Deutschtum in den Vereinigten Staaten. München, 1903.

Zuständen dieser ,Völkernatur‘ nicht abgewinnen zu lassen. Das Poetische darin, das bei uns schon Schiller anwehte und ihn zu seiner ,Nadowessischen Totenklage‘ begeisterte, wurde von den nächsten Erben des roten Mannes nicht erkannt. … Da kam ein Dichter und bemächtigte sich des bereitliegenden rohen Stoffes, hauchte ihm eine Seele ein, machte ihn lebendig. Der Urwald war jetzt nicht mehr öde. Der Geist des Menschen, nicht auf Mord und Zerstörung bedacht, nein still und sinnig schaffend und den Gang seiner Entwicklung in kindlichen Hervorbringungen, in Bild und Sage widerspiegelnd, trat uns aus ihm entgegen. So ist das Gedicht ein humanistisches und doch auch wieder ein spezifisch amerikanisches.“

Fügen wir hinzu, was Freiligrath nicht wissen konnte: es war ein Deutscher, der den Keim zu dieser menschlichen Auffassung des Indianers, den Geist humaner Gesinnung, der in diesem Gedichte weht, zuerst in die Seele des Dichters senkte.

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