Der Kampf um deutsche Kultur in Amerika – Über die deutsche Dichtung in Amerika

Lügenkreis-Abbildung

„Deutsch in Amerika“, das ist der sonderbare Titel eines Buches, das vor nahezu drei Jahren in Chicago erschien und denkende Menschen seitdem zu allerlei wehmütigen Betrachtungen angeregt hat.

Nicht darum allein, weil der Verfasser eine Geschichte der deutschen Dichtung in Amerika geben wollte und ihm eine Art Arche daraus geriet, in der er alle möglichen Geschöpfe der Dichtkunst versammelte:

„von dem reinen Vieh und von dem unreinen, von den Vögeln und von allem Gewürm auf Erden.“

Eine kritischere und geschmackvollere Sichtung und vor allen Dingen eine tiefer dringendere und glänzendere Darstellung wäre gewiß möglich gewesen. Aber daß auch ihm nur eine Chronik und auf keinen Fall eine Geschichte der deutsch-amerikanischen Literatur gelungen wäre, das ist eine der schmerzlichsten Überzeugungen, die das Buch zurückläßt.

Überblickt man den Inhalt des Buches, dessen größter Vorzug es ist, daß es die einzelnen Dichter aus zahlreichen Proben ihrer Werke reden läßt, dann tritt uns in großen Umrissen die Geschichte der deutschen Einwanderung entgegen, mit allem, was sie uns von dem Elend vaterländischer Staats- und Kulturgeschichte und von dem gewaltigen Aufschwung des jungen Landes zu erzählen hat. Sie ist, wie bekannt, meist schub- und stoßweise erfolgt, diese neue Völkerwanderung, die nun schon über zwei Jahrhunderte währt und ihr Ende gewiß noch lange nicht erreicht hat. An ihrem Anfang steht die Patriarchengestalt des edeln Pastorius, der im Jahre 1683 mit einer stattlichen Anzahl rheinischer Glaubensgenossen in den Wäldern Penns eine Friedensstätte suchte und als Gründer eines deutschen Gemeinwesens im „Urwald“, durch sein Wirken nach innen und außen für die deutschen Ansiedlungen der Zukunft ein Vorbild wurde. Denn er war nicht der einzige, der wie ein Moses seine Gläubigen aus dem deutschen Diensthause führte. Leider fehlen uns fast alle Daten, die uns bestimmen ließen, wie oft solche Züge im Laufe des achtzehnten Jahrhunderts und später noch sich in Bewegung setzten. Wenn aber der alte Goethe im Jahre 1827 mit klugem Auge gerade einen solchen Auswandererzug jungen Dichtern zur epischen Behandlung empfiehlt — auch der greise Faust stirbt ja im Hochgenuß seiner Kolonisationsarbeit —, dann dürfen wir wohl annehmen, daß er damit eine Erscheinung meinte, die seinen Zeitgenossen gar wohlbekannt war.

Wir freuen uns heute zuweilen an dem schönen geschichtsphilosophischen Gedanken, der die erste Besiedlung und den Aufschwung Amerikas als köstliche Frucht der Reformation, des Kampfes um Glaubens- und Gewissensfreiheit, zu preisen liebt. Nur zu leicht vergessen wir aber darüber, wieviel politisches, soziales und kirchliches Elend in Wirklichkeit unsere Volksgenossen in die Fremde trieben. Gewiß hat es von jeher einzelne gegeben, welche die Abenteuerlust oder persönliches Mißgeschick zur Auswanderung bestimmte. Aber wir gehen kaum fehl, wenn wir behaupten, daß sich auf den großen Wanderzügen nach dem Westen zumeist die zusammenfassen, die das Vaterland aus religiösen, politischen oder sozialen Gründen absichtlich von sich gestoßen hatte und um die es sich nie wieder bekümmerte. So träumten zur Zeit des deutschen Soldatenhandels die Stürmer und Dränger, wie Lenz, Klinger, Schubart u. a., von dem jungen Freiheitland, wohin deutsche Fürsten Tausende ihrer Untertanen gnädigst verkauften, so strömten in den Reaktionsjahren nach dem Wiener Kongreß, nach der Julirevolution und besonders nach 1848 Millionen der Neuen Welt zu, — jedesmal in einem Zeitraum deutscher Geschichte, dessen man sich heute wahrlich nicht gern erinnert. Ein jeder dieser großen Wanderzüge brachte mit der Masse des herdsuchenden Volkes auch Gebildete, ja Dichter mit, und der Verfasser des Buches „Deutsch in Amerika“ hat gut getan, als er seine literarische Übersicht nach den großen Einwanderungsperioden einteilte. Und ganz natürlich ist es, wenn die eingewanderten Sänger zunächst die angelernten Weisen des alten Vaterlandes weiterpflegen. So hören wir in den Zeiten der religiösen Auswanderung die Nachklänge des deutschen Kirchenliedes und frommer Sektenpoesie, der hölzernen Töne des Meistersanges nicht zu vergessen, die in den Kreisen des Handwerkerstandes bis auf den heutigen Tag nachschnarren. Auch die moralisch-lehrhafte Dichtung aus der Mitte des achtzehnten Jahrhunderts erlebt ihre Fortsetzung und nährt die Ausgewanderten bis weit in unser Jahrhundert hinein. Bezeichnend genug für den Bildungsgrad der Kolonisten wie für die Volkstümlichkeit unserer klassischen Dichter ist es, daß sich die Nachwirkungen dieser Dichtung erst nach dem Tode Goethes mit der Ankunft gebildeterer Elemente in den dreißiger und vierziger Jahren zeigen. Daß aber mit den Flüchtlingen von 1848 auch die vormärzliche Lyrik auswanderte und seitdem in allen Tonarten erklang, daß schließlich gar die schreihälsigen Reimereien des Sozialismus, ja selbst die „Jüngsten“, ihre Nachzirper fanden, läßt sich folgerichtig erwarten.

Das ausgewanderte Echo der vaterländischen Dichtkunst möchte ich es nennen, was seit zweihundert Jahren, bald leise, bald lauter, in der Neuen Welt erklingt. Ach, daß sie fast nur Echo geblieben ist, irrendes, schattenhaftes Echo, die deutsche Poesie in Amerika, — das bereitet dem Denkenden so tiefe Schmerzen. Denn nur wenige Töne von eigener Klangfarbe hat sie in der Fremde gefunden. Zwar ist es ergreifend, zu sehen, wie sie vom Heimweh verzehrt werden, die das Vaterland oft herzlos von sich gestoßen hat, und nie in der Geschichte der Dichtung ist es sonst wieder zu vernehmen, wie die Klage um das verlorene Vaterland, unerwidert von diesem, sich durch volle zwei Jahrhunderte zieht und von jedem frisch eingewanderten Geschlecht aufs neue angestimmt wird. Auch die Schönheiten und Wunder des neuen Landes finden ihren Preis, und es wäre nicht schwer, eine Art gereimter Geographie Amerikas zusammenzustellen, zu der selbst zeitgenössische Dichter noch immer beitragen. Horcht man aber genauer, gerade auf die eigenartigsten Töne, dann wird ein geübtes Ohr gar schnell gewahren, daß die Seele der Dichter doch noch im alten Vaterlande weilt, daß ihr die Neue Welt nicht zur trauten Heimat wurde, in der sie sich heimisch und wohl fühlte und die sie darum mit dem Goldglanz der Poesie umwoben hätte. Nur vereinzelte Ansätze kann ich dazu finden, daß der Dichter ohne sentimentalen Rückblick auf das alte Vaterland seine neue Umgebung mit liebender Seele mutig umfaßt und das eigenartige Leben der neuen Heimat in künstlerischem Bilde dargestellt habe. Auch die englisch-amerikanische Literatur hat bis in unser Jahrhundert hinein in völliger Geistesabhängigkeit von England, dem Mutterlande, hinvegetiert, bis sich der amerikanische Dichter auf seine Selbständigkeit besann, kühn ins frische Leben seiner Umgebung griff und so nach und nach eine Literatur schuf, der niemand die Eigenart absprechen wird. Daß der deutsch-amerikanische Dichter die letzte und höchste Aufgabe, welche die Schöpfung einer selbständigen Literatur voraussetzt, noch nicht gelöst hat, liegt weniger am Mangel des Talentes als daran, daß er nicht, wie sein englischer Sangesgenosse, ein Volkstum von geschichtlich ausgeprägter Eigenart vorfand. Seit den Tagen der ersten Einwanderung traf er in Amerika wohl Deutsch redende Landsleute von kürzerer oder längerer Ansässigkeit, aber kein deutsch-amerikanisches Volk. Es gibt so wenig eine Geschichte der deutsch-amerikanischen Dichtung wie eine Geschichte des deutsch-amerikanischen Volkstums.

Man verstehe mich nicht falsch. Niemand kann höher als ich den gewaltigen Einfluß schätzen, den der Deutsche seit seinem Auftreten in der Neuen Welt auf allen Lebensgebieten ausgeübt hat. Eine Geschichte des Kultureinflusses der Deutschen auf Amerika wird früher oder später einmal geschrieben werden, so wenig der Deutsch-Amerikaner bisher auch getan hat, einem zukünftigen Geschichtschreiber dafür die Quellen zu liefern. Ist es doch überhaupt erst 25 Jahre her, seit sich Deutsche hie und da besinnen, daß ihre Volksgenossen in Amerika auch eine Vergangenheit haben. Aber die Geschichte des Kultureinflusses einzelner Ansiedlungen ist noch keine Geschichte eines Volkstums, so lange man da nur Geschichte suchen darf, wo Zusammenhang und Wechselwirkung der Individuen und Generationen besteht, so lange Geschichte nicht ohne den Begriff der Entwicklung zu denken ist. Nur in diesem Sinne leugne ich die Existenz einer Geschichte der Deutschen in Amerika. Denn wer sich je mit der Vergangenheit des amerikanischen Deutschtums näher beschäftigte, der wird wohl bemerkt haben, daß er es mit der Entwicklung eines in sich geschlossenen Volkstums und dessen bewußter Einwirkung auf die umgebenden Verhältnisse gar nicht zu tun habe. Meist stößt er auf die Geschichte einzelner Personen oder Ansiedlungen, in denen deutsches Bewußtsein zwar eine Zeitlang lebendig war, die aber dieses Bewußtsein in den folgenden Generationen verlieren, falls ein. frischer Zustoß von Einwanderern es nicht wieder mit sich bringt, um es dann nach kurzer Zeit auf gleiche Weise versinken zu lassen. Von einem dauernden, großen Zusammenhang des Deutschtums, einem dadurch bedingten deutsch-amerikanischen Geistesleben, woraus sich eine zusammenhängende Geschichte unseres Volkstums von selbst ergeben hätte, kann in keiner Weise die Rede sein. Den Gründen dieser sonderbaren und traurigen Erscheinung nachgehen, heißt den Zersetzungsprozeß begreifen, den der Germane seit seinem Eintritt in die Geschichte fast immer durchgemacht hat, wenn er sich unter fremden Nationen ansiedelte. Ich möchte sogar behaupten, daß nur der Historiker den klanglosen Untergang der zahlreichen, von Kraft strotzenden Germanenstämme während der Völkerwanderung gründlich verstehen wird, der sich mit den Problemen vertraut gemacht hat, die ihm die Schicksale der modernen Wanderungen nach Amerika darbieten.

Daß es die politische Organisation nicht allein ist, die den Fortbestand und Zusammenhang eines Volkstums sichert, zeigt ein Blick auf die Geschichte der Juden. Der Traum eines deutschen Sonderstaates in Amerika konnte daher auch nur für kurze Zeit manche verworrene Köpfe begeistern. Weit mächtiger als politische Zusammengehörigkeit bilden dagegen Religion, Sitte und vor allem die Sprache den Kitt, der die Glieder eines Volkes unauflöslich verbindet. Man hat es denn auch seit den Anfängen der Einwanderung in den jungen Ansiedlungen, sei es instinktiv, sei es klar bewußt, gefühlt, daß mit der Zerbröcklung des Sprachkittes das eigenste Wesen der deutschen Nationalität schwinde. Und so begegnen wir der höchst sonderbaren und widerspruchsvollen Erscheinung: auf der einen Seite von jeher das ernste Bestreben, die Muttersprache zu erhalten, und auf der anderen Seite kein selbstbewußtes, in sich geschlossenes Volkstum, das seine Sprache wirklich bewahrt, von Generation auf Generation vererbt, und das es weiter gebracht hätte als zu indirektem Einfluß auf das geistige, politische und soziale Gesamtleben Amerikas.

Wie weit es einer angeborenen Charakterschwäche des Deutschen, wie weit seinem jahrhundertelangen politischen Niedergange, seinem mangelhaften Nationalgefühl und anderen angestammten und anerzogenen Untugenden zuzuschreiben sei, daß er sich so häufig des Schatzes seiner Muttersprache bald nach der Einwanderung leichtsinnig entäußerte, kann hier nicht untersucht werden. Denn der deutsch-pennsylvanische Dialekt, eine Mischung der pfälzischen und anderer Mundarten mit dem Englischen, die sich tatsächlich fast zwei Jahrhunderte erhalten hat, darf als hoffähig für die Literatur so wenig wie für die Erhaltung des Deutschen überhaupt in Betracht kommen. Genug: in den geschilderten Verhältnissen findet sich nun der deutsch-amerikanische Dichter, — und wir dürfen uns nicht wundern, wenn eine geschichtliche Übersicht über sein zweihundertjähriges Schaffen in Amerika ebenfalls nur eine Chronik der einzelnen Namen und ihrer Leistungen, nicht aber eine Geschichte im wirklichen Sinn ergibt. Wie möchte man auch von einem Zusammenhang früherer Dichter mit späteren, von einer literarischen Einwirkung und Entwicklung reden, wo sich das Sängergeschlecht, ausschließlich fast, aus zufällig Eingewanderten zusammensetzt, die, je nach dem Zeitraum, in dem sie Deutschland verließen, nur von den poetischen Reminiszenzen des Vaterlandes zehren und von ihren dichterischen Vorgängern in Amerika oft gar nichts wissen? In ihrem Heimweh, ihrem Preis des neuen Wunderlandes und ihrem Lob der Muttersprache sind sie alle einig, d. h. sie stehen alle da, wo die früher Gekommenen standen, und alle kranken an der Auszehrung eines langsam, aber stetig verschwindenden Volkstums.

Und das sollte für immer so bleiben? Es gab eine Zeit, wo das freche Wort Bruno Bauers, der Deutsche habe den weltgeschichtlichen Beruf des Kulturdüngers, getäuschten politischen Hoffnungen einen Trost bieten mochte. Aber nicht jeder vermag es, sich in diesen Beruf zu fügen. Und der Glaube, daß es vielleicht gerade dem deutsch-amerikanischen Dichter noch Vorbehalten sei, das zu schaffen, was für eine zukünftige Entwicklung des deutschen Volkstums in Amerika den Keim bilden könnte, ist noch lange nicht so abenteuerlich, wie er einer materialistisch versumpften Zeit wohl Vorkommen will. Oder darf man es einem wirklich literarisch Gebildeten heute noch sagen, daß es die Dichterkraft war, die vor hundert Jahren die bleibenden Grundsteine legte zur politischen Einheit Deutschlands, zu dem Bau, den dann schließlich Bismarck so herrlich aufführte?

Um ein Reich des Geistes, nicht um ein politisches Reich handelt es sich freilich für die Deutschen Amerikas. So wenig wie die deutsche Rede je zur Umgangssprache werden kann in der Neuen Welt, so wenig wird der Deutsch-Amerikaner je an einen politischen Sonderverband seiner Volksgenossen denken in der Republik, die er gründen und ausbauen half und der er gern als Bürger angehört. Mit der Annahme einer anderen Umgangssprache geht ihm aber noch lange nicht jener köstlichste und unveräußerlichste Besitz verloren, der ihn nicht an diese oder jene Scholle seines alten Vaterlandes, wohl aber für immer an sein deutsches Volk fesselt: der Schatz einer wahren höheren Geistes-kultur. Und wie ihm dieser Schatz einst allein durch die Muttersprache zugeflossen ist, in der die Dichter und Denker seines Volkes von Jugend auf zu ihm redeten, so wird ihm diese Sprache für ewig als heilig und unveräußerlich gelten. Viel schärfer wohl als der daheimgebliebene, vermag aber der ausgewanderte Sohn des deutschen Volkes aus der Ferne das Bleibende, Ewige in der deutschen Geistesbildung und in ihren literarischen Produkten von dem Vorübergehenden, Seichten zu unterscheiden. Die deutsche Einwanderung des vorigen Jahrhunderts konnte freilich nur wenig von dem geistigen Besitz mitbringen, den der gebildete Deutsche heute mit Stolz sein Eigen nennt, dank der großartigen Dichter-, Denker- und Forscherarbeit seines Vaterlandes. Ja, selbst heute noch lebt nur wenig von diesem Besitz — den vielgerühmten deutschen Schulen zum Trotz — in der Masse der Einwanderer, die doch nicht alle aus den untersten Ständen kommt. Aber das höhere Geistesleben eines Volkstums und vor allem sein literarisches Schaffen, das untrüglichste Zeichen seiner Lebensfähigkeit, ist nie von der Masse, sondern stets von dem kleineren Kreis der Gebildeten ausgegangen, der die Masse dann zu sich hinaufzog. Und der gebildete Deutsche in Amerika gewahrt dazu noch mit Freuden, wie die ganze höhere amerikanische Geistesbildung, d. h. die seiner Englisch sprechenden Mitbürger, heute unter dem Einfluß Deutschlands steht. Nicht nur, daß es heute keine wirklich gediegene höhere Lehranstalt mehr gibt, in der die deutsche Sprache und Literatur nicht gelehrt würde, in der die Vertreter der einzelnen Wissenschaften ihre Fachbildung nicht auf deutschen Universitäten genossen hätten: auch in weiteren Volkskreisen wird das Studium des Deutschen mit Eifer und Hingebung getrieben. Das ist nicht Modesache allein, dahinter steht die Ahnung oder die bewußte Erkenntnis, daß nur der deutsche Geist dem zum Höchsten aufstrebenden amerikanischen Volke Befreiung bringen und die rechten Wege zur Weiterentwicklung weisen kann. Gibt es aber eine beschämendere Tatsache, als daß Tausende von Amerikanern weder Mühe noch Opfer scheuen, um die deutsche Sprache mit ihrem Bildungsgehalt zu erwerben, während unzählige unserer Landsleute das angeerbte Gut leichtsinnig von sich schleudern?

Hier hätte der deutsch-amerikanische Dichter einzusetzen, als Vermittler gleichsam zwischen dem eigenen und dem amerikanischen Volkstum, um das verglimmende Selbstbewußtsein seiner Volksgenossen zur Flamme anzufachen, während er den englischen Mitbürgern zum Führer würde. Dazu will aber die Heimwehklage und ähnliches nicht genügen, das erfordert ganz andere Arbeit in den Tiefen der Dichterseele. Die edelste Rebe des Rheingaues, nach Kalifornien verpflanzt, bleibt ja gewiß dieselbe Rebe an Gestalt, aber wie ändern Boden und Klima den Duft ihres Traubensaftes! Auch für den deutsch-amerikanischen Dichter gilt es eine wirkliche Verpflanzung, das innigste Verwachsen mit der neuen Heimat, nicht bloß eine Verrückung des Wohnortes mit den dadurch bedingten poetischen Motiven, wie Heimweh, Trauer um den Untergang der Muttersprache usw., — Motiven, die sämtlich nicht fördern. Und läßt sich wohl eine größere Aufgabe für den Dichter denken, als daß er, mit der edelsten deutschen Geistesbildung ausgerüstet, für seine Volksgenossen wie für seine englischen Mitbürger der Deuter und Wegweiser ihres Lebens, der Prophet eines zukünftigen Menschentums werde, in dem sich das Beste des deutschen und amerikanischen Geistes vermählt? Und welcher Weltstoff stünde ihm zur Verfügung! Wenn sie es nur wüßten, was hier an ungehobenen Schätzen liegt, die stoffhungerigen Novellen- und Schauspielfabrikanten in Deutschland, die von Jahr zu Jahr die alten moderigen Puppen neu aufputzen, sie würden uns wie die Heuschrecken zuwandern. Wie müßten die „Jüngstdeutschen“, die Sturm- und Drangzwerge, verstummen vor dem Bilde gewaltiger Menschenschicksale, des größten Märtyrer- und Heldentums, das ein wahrer Dichter nur aus dem rauschenden Leben heraus in die klare Luft des Zukunftglaubens, wo kein trüber Nebel des Pessimismus und sonstiger Philosopheme drückt, zu heben brauchte, um es mit fester Hand zu gestalten! Was hat nicht schon Sealsfield, der größte deutsch-amerikanische Dichter, aus seinen amerikanischen Erfahrungen gewonnen! Und sollte sich der alte, in poetischen Dingen nicht ganz unerfahrene Goethe etwa getäuscht haben, als er in dem vorhin erwähnten Aufsatz sagte, daß „weder ein epischer noch dramatischer Dichter je zur Auswahl einen solchen Reichtum von Charakteren vor sich gesehen“ hätte?

Der deutsch-amerikanische Dichter hat, wie gesagt, in der angedeuteten Richtung bisher nur schwache Anläufe genommen. Ist ihm das so sehr zu verargen, wenn er im Kampf um sein physisches und geistiges Dasein unter den denkbar ungünstigsten Umständen weder Zeit noch Mut fand, sich über die letzten Ziele seines Schaffens klar zu werden? Von Deutschland her hatte er keinen ratenden Zuspruch zu gewärtigen.1 Oder hat man sich im alten Vaterland, die kirchlichen Kreise etwa nihmlich ausgenommen, je ernstlich um das geistige Wohl und Weh der ausgewanderten Brüder bekümmert?

Dies sind etwa die wehmütigen Betrachtungen, die das Buch „Deutsch in Amerika“ in denkenden Deutschen erregen kann. Man würde mich aber falsch verstehen, wollte man aus ihnen ein pessimistisches Resultat für die Zukunft unseres Volkstums lesen. Wir sind selbstsüchtig genug, zu hoffen, daß uns ein glücklicher Tag der Zukunft auch wieder einmal Gebildete in größerer Zahl — nicht gelehrtes Proletariat — zuführen möge, die sich ihrer Aufgabe dann vielleicht in dem angedeuteten Sinn entledigen werden. Unterdessen dürften die Schulen des alten Vaterlandes, die höheren wie die niederen, künftige Auswanderer mit mehr stolzer Liebe zu ihrer Muttersprache und ihrer Literatur ausstatten, auf daß man sich seiner Landsleute in dieser Hinsicht nicht mehr zu schämen brauche in der Fremde. Als vor kurzem Tennyson starb, da trauerte das Englisch sprechende Amerika um den Dichter, den man liebte und kannte bis in die fernsten Hütten des amerikanischen Westens. Wie viele aber von unseren ausgewanderten Volksgenossen kümmerte vor einem Jahrzehnt der Heimgang Geibels, von dem sie nichts wußten und der sich, wie man ihn sonst auch beurteilen mag, dem englischen Dichter doch wohl vergleichen durfte?

Die deutsch-amerikanischen Dichter aber, denen, so bescheiden ihr Talent auch sein mochte, die Erhaltung der Muttersprache, die Bewahrung deutschen Wesens und deutscher Kultur das Herz bewegte, sie dürfen wohl vom heißgeliebten alten Vaterland hoffen, daß es dem geistigen Wohl und Wehe der ausgewanderten Brüder endlich einmal seine volle Aufmerksamkeit zuwenden und so eine alte, schwere Schuld, eine nationale Schuld, nach und nach abtragen werde.

Nachschrift

An dieser Stelle möchte ich die Leser mit allem Nachdruck auf das kürzlich erschienene „Deutsch-amerikanische Biographikon und Dichteralbum“ von H. A. Rattermann (Cincinnati, Ohio, Selbstverlag des Verfassers, 3 Bde. 1911) hinweisen. In diesem verdienstvollen Quellenwerke hat der Nestor der deutsch-amerikanischen Geschichtschreibung mit unglaublichem Fleiß und wahrhaft rührender Hingebung die deutschamerikanische Dichtung von 1800—1850 behandelt.

Nicht alle Proben, die Rattermann mitteilt, sind poetisches Gold, aber es finden sich darunter auch viele Stücke von hoher dichterischer Schönheit, und die bloße Tatsache, daß es ihm gelungen ist, ungefähr 175 Dichter verschiedenster Begabung aufzuzählen, gibt uns eine Ahnung von der Fülle der Talente, die in dieser trüben Zeit deutscher Geschichte aus der Heimat weichen mußten. Wie uns die Bände den tiefsten Einblick geben in das Geistes- und Gemütsleben der Ausgewanderten, so gewähren sie zugleich ein Bild der politischen Geschichte jenes Zeitraums, an dem in Zukunft kein Historiker wird achtlos vorübergehen dürfen.

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