Der Kampf um deutsche Kultur in Amerika – Zur deutschen Frage in Amerika

Lügenkreis-Abbildung

Für den denkenden Deutschen gibt es heute wirklich eine deutsche Frage in Amerika, die endlich einmal zum Austrag gebracht werden muß. Freilich existiert sie eigentlich schon lange, und jede Schule, jede Kirche, jeder Verein ist ein Versuch, sie zu lösen.

Niemand wird nun leugnen wollen, daß alle diese Versuche, dem deutschen Charakter so recht gemäß, vereinzelte, zersplitterte waren, so ganz im seligen bundestaglichen Geiste, daß ihnen ein gemeinsamer, kräftiger, großer Zug fehlte. Nur ein Motiv liegt allen Bestrebungen verborgen oder ausgesprochen zugrunde, und das ist — sonderbar und charakteristisch genug — die Religion. Im Einklang oder im Widerspruch zur religiösen Weltanschauung haben die Führer der verschiedenen Parteien das Deutschtum zu erhalten gesucht. Nun hat sich seit einigen Jahren jedoch ein Umschwung vollzogen. Allen Schreihälschen zum Trotz, die sich im stillen für Bismarcke halten, hat die Wiedererrichtung des Deutschen Reiches auch uns aufs tiefste beeinflußt. Der gewaltige Hauch nationaler Begeisterung hat über den Ozean her auch uns berührt. Wir fühlten uns nicht mehr allein als Bayern, Schwaben und Krähwinkler, nicht mehr bloß als Protestanten, Katholiken oder Atheisten, sondern als Deutsche. Und während wir mit stolzer Freude, wie ein Mann, der über Nacht reich geworden ist, uns darauf besinnen, daß wir einem Volke angehören, das viel größer ist, als wir eigentlich gedacht hatten, sehen wir, wie die Amerikaner in ihren besten Erziehungsanstalten durch Erlernung der deutschen Sprache sich die Schätze deutschen Geistes anzueignen streben. Wahrlich, wir wären ein unbegreiflich verblendetes Geschlecht, wollten wir nicht wenigstens erhalten, was diese erst mühsam anstreben.

Und wie uns ein gesteigertes deutsches Gefühl, wie uns das Vorbild der Amerikaner mahnt, unser Deutschtum zu bewahren, so gebieten uns noch ganz andere Erwägungen, für dessen Fortbestand zu kämpfen. Es liegt mir fern, das deutsche Volkstum als ein besonders heiliges zu preisen. Wer jedoch die furchtbare politische Korruption, die erschreckende Gewissenlosigkeit in Geldsachen und die tiefer verborgenen, oft grauenerregenden gesellschaftlichen Schäden mancher Kreise hier beobachtet und dabei den Anteil und das Verhalten des Deutschtums im allgemeinen erwägt, der mag sich doch vielleicht der größeren sittlichen Freiheit seines Volkes freuen. Sieht er nun ferner, wie es die Kirche in ihrem Wirken meist nur zum entgegengesetzten Extrem bringt, dem, wie z. B. in der fanatischen Temperenzbewegung, jeder Begriff von sittlichem, wahrem Lebensgenuß abgeht, wie sie im besten Falle dem Menschen vor der innewohnenden Bestie Angst macht, ohne dieselbe doch zähmen zu können, dann wird er sich auch wohl fragen, warum es im ganzen bei unserem Volkstum anders steht. Und ohne Überhebung, denn jeder aufrichtige Mensch ist sich seiner Schranken und Schwächen stets bewußt, darf er sich sagen, daß es allein die deutsche Erziehung ist, die wohl imstande wäre, unser ganzes Volksleben veredelnd umzugestalten.

Eine deutsche Frage existiert für uns aber noch viel mehr, seitdem das erwachende Nationalgefühl im alten Vaterlande den Aderlaß der jährlichen Auswanderung ganz empfindlich zu merken beginnt. Da der alte Kosmopolitismusschwindel glücklicherweise nur noch in den Köpfen von Sonderlingen spukt, so fragt sich das deutsche Volk jetzt mit Recht: was wird denn aus unseren Landsleuten jenseits des Ozeans? Die deutsche Regierung, welche diese Frage noch aus anderen Gründen stellt, scheint sogar Emissäre in unsere Mitte zu senden, um den Stand der Dinge zu erforschen. Diese geben dann in Vorträgen*), Broschüren und Zeitungsartikeln, die leider nicht ganz unwahre Antwort, daß unser Deutschtum als solches hier seinem Untergang entgegenschreite. Und früher oder später muß diese Antwort auch einmal auf die Auswanderung zurückwirken. Nun gibt es bei uns zwar Leute, die kurzsichtigerweise den Rückgang des Deutschtums in Abrede stellen oder sich und ihrem Anhang wenigstens einreden, es wäre dem nicht so. Meist sind es solche, die in ihrem Kreise von der Einwanderung, d. h. dem Import leben, denen es in ihrer Weisheit nie aufgegangen ist, daß ein Volkstum zu existieren aufgehört, hat, sobald es kein eigenartiges, den neuen Verhältnissen entsprechendes Geistesleben entwickelt. Und auf welchem Gebiete haben wir denn mehr als die schwächsten Ansätze hierzu aufzuweisen?

Die alten Ratschläge sind längst aufgebraucht. Karl Schurz hat uns gesagt:

„treibt Musik und lehrt eure englischen Mitbürger Feste feiern“.

Wir sind es müde, nur „clowns“ und Musikanten zu sein. Ein Anderer rät uns:

„lernt Englisch und importiert euern geistigen Bedarf vom Vaterland“.

Ist längst geschehen, und mit dieser Klugheit haben wir es dahin gebracht, daß bald kein Deutscher mehr im Kongreß sitzen wird. Ja, das deutsche Volk hat vollkommen recht, wenn es seinen Auswanderern abrät, auf solche Weise zum amerikanischen Kulturdünger zu werden.

*) Vgl. A. Sariorius, Die Zukunft des Deutschtums in Amerika. Deutsche Zeit-und Streitfragen, Heft 212.

Noch mehr aber empört sich unser eigenes Gefühl gegen diese Düngermission. Das amerikanische Deutschtum ist eine geistige, eine sittliche Macht kraft seiner Erziehung, kraft nationaler Geistesschätze ohnegleichen. Will es diese Macht aber betätigen, dann muß es mit der wahren deutschen Erziehung, die ganz andere Menschen bildet als die landläufige, bei der eigenen Jugend neu beginnen und durch Lehre und Vorbild auf die Volksschulen des Landes einwirken. Vor allem aber müssen wir uns, über Parteien und Meinungen hinweg, in dem einenden Bande der Muttersprache zusammenschließen.

Gestützt aber auf das weitverbreitete Verlangen unseres deutschen Volkes in Amerika, für welches die wenigen charakterlosen Überläufer nicht in Betracht kommen, dürfen wir es wohl wagen, die Erhaltung des Deutschtums zur Volkssache zu machen und damit auch seine Zukunft zu sichern. Wir schlagen darum vor, daß sich alle diejenigen, in denen das stolze Gefühl noch lebt, dem größten Kulturvolk der Neuzeit anzugehören, und welche durch die Erhaltung unserer Sprache und Kultur an der Zukunft dieses Landes mitarbeiten wollen, sich zu tätiger Gemeinschaft zusammenschließen.

Sollte es gelingen, auf dieser breiten Grundlage unseres gesamten hiesigen Deutschtums einen allgemeinen Verband zur Erhaltung der deutschen Sprache und Kultur zu errichten, so müßte dieser naturgemäß sich nicht bloß nach unsern Verhältnissen organisieren, sondern nach diesen auch seine letzten Zwecke bemessen. Während wir gern bereit sind, vom ausländischen Vorbild zu lernen, sind wir doch stark genug, auf eigenen Füßen zu stehen. Hat uns das Fiasko des deutsch-amerikanischen Schulvereins doch gezeigt, wie geistloses Importieren zum Untergang führt. Lassen wir uns von diesem Fiasko aber nicht ab-schrecken, denn es war der Abschluß des letzten Versuchs einer Richtung, die überhaupt nur vom Importe lebt. Wenn wir uns aber ermannen und endlich selbstschöpferisch auftreten, dann sei es uns nicht hohle Phrase, daß politische wie religiöse und antireligiöse Agitation für immer ausgeschlossen sein muß. In dem heißen Wunsche, die deutsche Sprache zu erhalten, begegnet sich unser ganzes hiesiges deutsches Volk trotz aller Verschiedenheit der Meinungen und Richtungen, die hier und da leider auf Kosten der Einheit unseres Volkstums geflissentlich wachgehalten werden. Hinweg darum mit aller Cliquenwirtschaft, hinweg mit den falschen Propheten, die alle der deutschen Sache zu dienen vorgeben und dabei nur ihre eigenen Zwecke fördern. Warum aber sollte das höchste Gut eines Volkes mit all den Schätzen an Geist, Gemüt, Sitte und Kultur, unsere Muttersprache, nicht ebensogut ein Band der Einheit abgeben wie der nationale Gedanke, der seit 1870 die verschiedensten Elemente des alten Vaterlandes zur Weltmacht vereinigt?

Freilich gilt es für unser ganzes hiesiges Geistesleben einen neuen´Wurf zu tun, und besonders unsere Schulverhältnisse wären im Geiste der vorstehenden Kritik umzuschaffen. Man fürchte jedoch nicht für das bestehende Alte. Alle die Äußerungen unseres gesellig geistigen Lebens, die Vereine, Schulen, Kirchen wie die Presse können dabei nur erstarken. Das fast ausschließliche Zehren von der Einwanderung und dem Import der verschiedensten Art, das endlich doch einmal, wie jede kopflose Wirtschaft, zum Bankerott führen muß, wird aufhören, indem auch hier die Lebenskeime unseres unverwüstlichen Volkstums zur Entfaltung kommen.

Und glauben wir nicht, daß uns das einsichtige Amerikanertum, das ja längst bei den Deutschen in die Schule geht, in unsern deutschen Bestrebungen entgegengetreten werde. Hier findet sich oft mehr Verständnis und Unterstützung als bei den eigenen Volksgenossen.

„Wie im Mittelalter das Lateinische, so ist heute das Deutsche die Sprache der Gelehrsamkeit und Bildung, und kein Student kann auf diese Anspruch machen, welcher das Deutsch nicht gründlich ‚beherrscht‘,“

sagte kürzlich der Präsident unserer besten amerikanischen Universität. — Den eingefleischten Nativisten dürfen wir aber entgegenhalten, daß das Deutschtum zufällig auch eine Geschichte hat in Amerika, daß auch deutsches Blut und deutscher Fleiß die Größe unserer Republik haben gründen helfen, daß wir als echte amerikanische Bürger uns darum das Recht nicht nehmen lassen, ein eigenes Geistesleben zu führen.

An uns aber wird es liegen, ob wir, ähnlich den Helden des Revolutions- und Bürgerkrieges, zur geistigen Entwicklung dieses Landes beitragen, was an uns ist, oder ob wir, noch immer mit dem alten Fluche beladen, klanglos nach und nach zerbröckeln und in ein anderes Volkstum aufgehen, nachdem wir das reiche geistige Erbe des Vaterlandes mit der Muttersprache elend vergeudet haben. Das Verhalten unseres Deutschtums in der nächsten Zeit wird die-Antwort auf diese wichtige Frage sein

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