Die Erwerbungs- und Entwickelungsgeschichte der deutschen Schutzgebiete

Wir kommen nunmehr zum zweiten Abschnitt der deutschen Kolonialbestrebungen, die das Eintreten Deutschlands in die Reihe der Kolonialmächte zur Folge hatten und sich in zwei Hauptteile, in die Erwerbungs- und Entwickelungsgeschichte unseres überseeischen Besitzes, zerlegen lassen.

Aus unscheinbaren, wenig versprechenden Anfängen ist unser Kolonialreich hervorgegangen. Im April des Jahres 1883 kaufte der Bremer Kaufmann Adolf Lüderitz an der Südwestküste Afrikas die Bucht von Angra Pequena samt ihrer öden, unwirtlichen Umgebung und allen Hoheitsansprüchen für 200 Gewehre und 2000 Mark von dem unabhängigen Häuptlinge jenes Gebietes. Von dieser Erwerbung, die später den Namen Lüderitzland erhielt, hatte er vorher dem Kaiserlichen Auswärtigen Amte zu Berlin Mitteilung gemacht und um Reichsschutz gebeten. Der Kanzler wollte sich erst über etwaige Anrechte Englands vergewissern, erhielt jedoch aus London keine Antwort, und auf eine zweite Anfrage wurde ihm eröffnet, dass England zwar nur die Walfischbai und einige Guano-Inselchen als Eigentum besitze, dass es aber nichtsdestoweniger die ganze Küste zwischen dem Kapland und den portugiesischen Kolonien als ihm gehörig und jedes Vorgehen einer fremden Macht als einen Eingriff in seine Rechte betrachte. Mit andern Worten, kraft eines lediglich den Briten zustehenden „Bcsitznaturrechts“ sollte schon die Nähe englischen Gebietes die Besitzergreifung herrenlosen Nachbarlandes durch ein anderes Volk verbieten. Diese späterhin noch mehrmals wiederholte Zumutung wurde entschieden zurückgewiesen, und als das immer bestimmtere Gerücht auftauchte, dass die Kapkolonie Lüderitzland besetzen wollte, da sandte Fürst Bismarck am 24. April 1884 das denkwürdige Telegramm an den deutschen Konsul in Kapstadt: „Nach Mitteilung des Herrn Lüderitz zweifeln die Kolonialbehörden (des Kaplandes), ob seine Erwerbungen nördlich vom Oranjestrom auf deutschen Schutz Anspruch haben. Sie wollen amtlich erklären, dass er und seine Niederlassungen unter dem Schutze des Reiches stehen.“ Diese Depesche darf als Ausgangspunkt und der Tag, an dem sie abgeschickt ward, als der Geburtstag der neuen deutschen Kolonialpolitik gelten. Damit hatte sich eine weltgeschichtliche Thatsache vollzogen. Unser Vaterland hatte die kolonialen Überlieferungen Kurbrandenburgs wieder aufgenommen und den ersten Schritt zur Weltpolitik gethan; und man erzählt sich, dass der alte Kaiser Wilhelm I. aus diesem Anlass gesagt haben soll, nun erst könne er wieder dem Standbilde des Grossen Kurfürsten offen ins Auge schauen.

Im Juli 1884 erkannte die Britische Regierung die deutsche Schutzherrschaft über Lüderitzland mit Ausnahme der Walfischbai und der Guano-Inseln wohl oder übel an. Dagegen musste Lüderitz die Sta. Lucia-Bai an der Südostküste Afrikas, die er inzwischen durch den Reisenden und Photographen August Einwald hatte erwerben lassen, wieder herausgeben, weil dort thatsächlich ältere englische Rechte Vorlagen. Dafür gewannen die Deutschen die ganze Südwestküste zwischen den englischen und portugiesischen Kolonien und dehnten ihr Machtbereich immer tiefer ins Innere aus. Zwar hatten die Engländer durch die schleunige Besitznahme des Betschuanalandcs der weiteren Ausdehnung unseres Einflusses in sein natürliches Hinterland einen Riegel vorgeschoben und eine Scheidewand gegen die Staaten der niederdeutschen Buren errichtet. Aber trotzdem sicherte uns 1885 ein vorläufiges Abkommen den ungeheuren Raum zwischen dem Meere^und dem 20. Grad östlicher Länge. Freilich umfasste unser eigentliches Machtgebiet, in dem die erworbene Oberherrschaft thatsächlich ausgeübt werden konnte, nur einen verschwindend kleinen Bruchteil des Ganzen. Doch war mit den weiter im Innern wohnenden Häuptlingen auf Grund von Schutz-und Freundschaftsverträgen ein friedliches Verhältnis angebahnt, und die entlegensten Grenzstrichc endlich bildeten die sogenannte Interessensphäre, d. h. dasjenige Gebiet, in dem keine andere Macht ausser Deutschland Hoheitsrechte ausüben durfte.

Um die einmal eingeleitcte Kolonialpolitik thatkräftig weiter zu führen, forderte die Reichsregierung die Hansestädte 1883 auf, über die Lage ihres westafrikanischen Handels und die für seine Sicherung und Hebung wünschenswerten Massnahmen zu berichten. Bei diesen Verhandlungen wurde besonders die Wichtigkeit der Sklavenküstc und des Busens von Guinea betont und unverzügliches Handeln beschlossen. Der Kaiserliche Generalkonsul in Tunis, Dr. Gustav Nachtigal, wurde zum Reichskommissar für Westafrika ernannt und mit weitgehenden Vollmachten betraut. Man hätte wahrlich keinen besseren Mann finden können als den berühmten, gewandten und erfahrenen Afrikarcisenden, der diese seine letzte Ruhmesthat leider mit dem Leben bezahlen sollte. Er starb als ein Opfer des heimtückischen afrikanischen Fieberklimas am 20. April 1885 auf der Rückreise in die Heimat.

An der Togoküste sah sich Nachtigal zum ersten Male zum Eingreifen veranlasst. Um den drückenden Steuern und Zollbelästigungen zu entgehen, denen Bremer Kaufleute auf britischem Kolonialgebiete ausgesetzt waren, hatten sie ihre Faktoreien in das unabhängige Togoland verlegt, wo ihre Waren steuerfrei ein- und ausgingen. Natürlich wurden die Engländer durch die Umgehung ihres Zollgebietes erheblich geschädigt und vcranlassten die Häuptlinge, von den zu ihnen übergesiedelten Händlern ebenfalls hohe Abgaben zu erheben. Durch fortgesetzte Umtriebe hatten sie die Eingeborenen schliesslich so gegen die Deutschen aufgehetzt, dass schon einmal ein deutsches Kriegsschiff einschreiten musste. Kaum war es wieder weiter gefahren, als die Engländer ihr Ränkespiel von neuem begannen. Der Bezirkskommissar Firmingcr suchte zuerst durch Geld die Häuptlinge zur Annahme der englischen Oberhoheit zu bewegen und erklärte, als ihm das nicht gelang, dass sie binnen vier Wochen die deutschen Kaufleute zu vertreiben hätten, widrigenfalls er zu Gewaltmassregeln greifen würde. In gleissnerischer Freundlichkeit warnte er die Deutschen, vor den Eingeborenen auf der Hut zu sein und stellte ihnen für den Notfall seine schwarzen Soldaten zur Verfügung. Kurz, er suchte nach einem Vorwände, um die Wegnahme des Landes rechtfertigen zu können. Sein unredliches Gebahren wurde indes durch die Offenheit der Neger aufgedeckt, die ohne weiteres mit der Annahme der deutschen Schutzherrschaft einverstanden waren.

Gerade zur rechten Zeit erschien Dr. Nachtigal an Bord der „Möve“ und schloss am 5. Juli 1884 mit dem König von Togo ein Schutz- und Trutzbündnis ab. Zum ersten Male wurde auf afrikanischem Boden, an der Sklavenküste, die deutsche Kriegsflagge feierlich aufgezogen, und nachdem dieser Vorgang sich an mehreren andern Küstenpunkten wiederholt hatte, ward der deutsche Besitz später ins Binnenland ausgedehnt. Grenzstreitigkeiten mit England und Frankreich, die schon den wichtigsten Teil des Landes besassen oder ihn sich durch Verträge so gut wie gesichert hatten, wurden auf diplomatischem Wege ausgeglichen, und damit hatte gegen Ende des Jahres 1885 das deutsche Togogebiet ebenfalls eine vorläufige Begrenzung erhalten. Frankreich gab zwei Häfen heraus, die es an der Togoküste beanspruchte, und erhielt dafür die in Französisch-Guinea gelegene Dembiahkolonie am Dubrekaflusse zurück, die auch den Namen Colinsland führte, nach ihrem Erwerber, dem Stuttgarter Kaufmann Friedrich Colin, der lange Jahre als Vertreter einer grossen französischen Firma in jenem Gebiete gelebt hatte.

Das nächste Ziel Nachtigals war Kamerun, wo Hamburger Kaufleute Niederlassungen angelegt und ihren. Handel zum bedeutendsten des ganzen Gebietes gestaltet hatten. Englische Eifersucht bestimmte deshalb 1882 mehrere Häuptlinge, die britische Oberhoheit nachzusuchen. Als sie aber 1 ½ Jahr ohne Antwort blieben, traten sie ihre Rechte an die deutschen Kaufleute ab, die sie ungesäumt auf das Reich übertrugen. Auch hier war es höchste Zeit, dass die „Möve“ anlangtc und dass mit den Negern bindende Verträge abgeschlossen wurden. Denn bereits hatten die Engländer durch Lügen und Drohungen die Eingeborenen wieder wankelmütig gemacht, und jeden Augenblick erwartete man die Ankunft eines britischen Beamten, der die Schutzherrschaft seines Landes verkünden sollte. Thatsächlich traf er zwei Tage später als Nachtigal ein, freilich nur um zu erfahren, dass er zu spät gekommen sei. Er musste sich mit einem Protest begnügen, der aber die Deutschen nicht hinderte, nach und nach die ganze Küste unter ihre Herrschaft zu bringen. Bloss die Missionsstation Victoria fiel den Engländern zu, und dieser Pfahl im deutschen Fleische bildete sehr bald den Ursprungsherd einer bedrohlichen Empörung.

Kaum war nämlich die „Möve“ nach Angra Pequena weiter gedampft, um auch dort überall längs des Meeres die deutsche Flagge zu hissen, als die neidischen Briten sofort die augenblickliche Schutzlosigkeit ihrer Nebenbuhler benutzten und einen grossen Teil der Eingeborenen durch Vorspiegelungen von der Ohnmacht Deutschlands aufwiegelten. Sic fanden bei ihren Umtrieben einen erwünschten Bundesgenossen in dem Polen Scolz-Rogozinski, eigentlich einem polonisierten Deutschen namens Schulz, der sich durch die Erforschung des Kamerungebirges verdient gemacht hat und 1896, erst 35 Jahre alt, in Warschau gestorben ist. Der den Deutschen freundlich gesinnte King Bell wurde verjagt, sein Dorf niedergebrannt, und die Lage war so schwierig geworden, dass sich die Neger bedenkliche Ausschreitungen zu schulden kommen liessen. Da erschien, wiederum als Retter in der Not, ein vom Admiral Knorr befehligtes Geschwader, bestehend aus den Kriegsschiffen „Bismarck“ und „Olga“, dessen Mannschaft die Ortschaften der Empörer erstürmte und einäscherte. Leider gelang es nicht, den Wörmann’schen Agenten Pantänius zu retten, den die Aufrührer als Geisel fortgeschleppt und erschossen hatten. Er fiel als erstes Opfer der kolonialen Sache. Im übrigen erfüllte die nachdrückliche Züchtigung der Unruhestifter ihren Zweck, und das deutsche Ansehen ward in der Kamerunbucht und an verschiedenen andern Punkten vollständig wieder hergcstellt. 1885 wurde die Süd- und Nordgrenze des Schutzgebietes nach langen und geschickten Verhandlungen mit Frankreich und England bestimmt und gleichzeitig ein zusammenhängender Küstenstreifen für Deutschland gewonnen. Die Engländer verzichteten auf Victoria und erhielten dafür das von Nachtigal während der Rückreise an der Nigermündung erworbene Mahingebiet. Weil die in Kamerun ansässigen Kaufleute ebensowenig wie die in Togo die Ausübung der Oberhoheit und Verwaltung und die damit verbundenen Kosten übernehmen wollten, so erhielten beide Kolonien einen kaiserlichen Gouverneur und traten in das Verhältnis von Reichskolonien.

An der Ostküste Afrikas, vornehmlich im Gebiet des Sultans von Sansibar, war der deutsche Handel seit den 40er Jahren ebenfalls der herrschende geworden und übertraf 1874, als der damalige Sultan sein Land vergeblich unter deutschen Schutz zu stellen suchte, den englischen Handel um das dreifache. Um ihn noch mehr zu fördern und durch eigenen Landbesitz in Zukunft sicher zu stellen, trat Dr. Karl Peters, der Sohn eines Pfarrers aus Neuhaus in Hannover, im April 1884 mit mehreren gleichgesinnten Männern in Berlin zur Gesellschaft für deutsche Kolonisation zusammen, die sich als erste deutsche Gesellschaft entschloss, praktische Kolonialpolitik zu treiben, noch che die Besitznahme Angra Pequcnas erfolgt war. Sic bereitete in der Stille die Erwerbung Ostafrikas vor und hat trotz aller Schwierigkeiten und Hindernisse so Hervorragendes geleistet, dass sie durch ihr thatkräftiges, zielbewusstes Vorgehen einzig in unserer Kolonialgcschichtc dasteht. Die Seele des Ganzen war der damals 27jährige Peters, der durch einen mehrjährigen Aufenthalt in England dessen koloniale Riesengrösse erkannt hatte und der die Vorteile, die es aus den Kolonien zog, auch seinem Vaterlande zuwenden wollte. Mag man über ihn urteilen wie man will: das ist gewiss, dass wir ohne ihn Ostafrika überhaupt nicht besässen und dass wir ohne seine spätere Thätigkeit wohl kaum über das beschränkte Gebiet der ersten Erwerbungen hinausgekommen wären. Bedauerlicherweise fehlte es nicht an den gehässigsten Angriffen, die nicht zum wenigsten von deutscher Seite ausgingen und das Unternehmen bald abenteuerlich, bald ungenügend vorbereitet nannten. Man warnte alle Welt vor den Schwindlern, die den Leuten nur das Geld aus der Tasche ziehen wollten, und voll bitterer Ironie rief Peters kurz vor der Abreise aus: „Man hatte uns abgeraten, man hatte vor uns gewarnt, man hatte uns bekämpft; mehr konnte man nicht thun. So schieden wir unter den Segenswünschen der Nation, wie sie sich uns in ihren berufensten Vertretern dargestellt hatte, um unsern Zug nach Usagara anzutreten.“ Kaum war das notwendigste Kapital, die sehr bescheidene Summe von 65000 Mark, aufgebracht, als Dr. Peters, Referendar Jühlke, Graf Pfeil und Kaufmann Otto unter falschem Namen nach Sansibar abreisten und unbehelligt und ohne dass man den wahren Zweck ihrer Expedition erkannte, ins Hinterland eindrangen. Dort schlossen sie in der überraschend kurzen Zeit von sechs Wochen 12 Verträge mit den Beherrschern von Usagara, Useguha, Ukami und Nguru und gewannen dadurch ein ausgedehntes Gebiet, das mit 140000 qkm Fläche etwa der doppelten Grösse des Königreichs Bayern entsprach. Das war in der That eine erstaunliche Leistung, aber sie rieb die ohnehin aufs äusserste angestrengten Kräfte der Europäer rasch auf. Alle vier erkrankten an heftigen Fieberanfällen, denen kurz darauf Otto erlag. Peters kehrte eilends nach Hause zurück und erhielt, nachdem die von ihm vorgelegten Urkunden als rechtsgültig anerkannt worden waren, für seine Gesellschaft am 27. Februar 1885 einen Kaiserlichen Schutzbrief, den ersten, den die deutsche Geschichte kennt.

Freilich war der Wert der Peters’schen Verträge nicht über jeden Zweifel erhaben, und sie fanden deshalb eine sehr geteilte Aufnahme. Einmal war das Ansehen der Häuptlinge gering, und der Sultan von Sansibar besass wenigstens einen Schein der Oberhoheit, wenngleich seine Macht im Innern auf ziemlich schwachen Füssen stand. Dann geschah der Vertragsschluss in keineswegs einwandsfreier Weise, indem der lediglich in deutscher Sprache abgefasste und deutsch verlesene Inhalt der Schriftstücke den Negern ebenso unverständlich blieb, als die politische Tragweite der Unterzeichnung. Peters selbst macht aus dem von ihm angewendeten Verfahren kein Hehl. Kam er in ein Dorf, so knüpfte er mit dessen Herrscher sofort ein recht freundschaftliches Verhältnis an und brachte ihn durch einen Trunk guten Grogs von Anfang an in eine sehr vergnügliche Stimmung. Dann wurden die Geschenke ausgelegt, unter denen rote Husarenjacken eine wichtige Rolle spielten, und nach dem Essen begannen die diplomatischen Verhandlungen, die durch feierliche Unterschrift des Kontraktes, durch Hissen der deutschen Flagge und durch Gewehrsalven besiegelt wurden. Bei allen Bedenken darf man indes nicht vergessen, dass andere Reisende beim Abschliessen von Verträgen in ähnlicher Weise verfuhren, und dass es vor allem darauf ankam, in den Urkunden eine Anwartschaft auf die Zukunft zu haben, indem man das in den Vereinbarungen bezeichnete Gebiet für Fremde, insbesondere für die Oberhoheitsansprüche des Sultans von Sansibar, unantastbar machte.

So hatte die Gesellschaft ungeahnte Erfolge errungen. Noch aber fehlte ihr das wichtigste, ein freier Zugang zur Küste, der geradezu eine Lebensfrage für die gedeihliche wirtschaftliche Ausnutzung und Entwickelung des jungen Besitzes bedeutete. Inzwischen hatte jedoch der britische Einfluss seine Wirkung auf den Sultan von Sansibar nicht verfehlt. Er war um so misstrauischer geworden, als kurz zuvor die Gebrüder Denhardt mit dem Sultan von Witu ein Schutz-und Handclsbündnis eingegangen waren, das durch ein deutsches Kriegsschiff bestätigt und später durch Ausdehnung des deutschen Interessenbereiches bis zum Jubaflusse im Somalilande erweitert wurde. Jetzt erkannte er auf die Einflüsterungen seiner englischen Ratgeber, die ihm von der angeblichen Schwäche Deutschlands zur See erzählten, in einem geharnischten Protesttelegramm den Kaiserlichen Schutzbrief nicht an und liess Truppen nach Witu und in die von Peters erworbenen Landschaften einrücken. Sofort legte die deutsche Regierung ebenso entschieden Verwahrung ein, die den Sultan zu schleunigster Zurückziehung seiner Streitkräfte bewog. Um ihn aber auch über die Stärke der deutschen Flotte nicht länger im unklaren zu lassen, erschien plötzlich ein aus acht Kriegsschiffen bestehendes Geschwader vor Sansibar. Der Anblick desselben übte eine solche Wirkung aus, dass die Engländer nun selbst den Sultan bestimmten, die deutschen Forderungen bedingungslos anzunehmen. Obendrein räumte er der Dcutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft, die inzwischen aus der Gesellschaft für Deutsche Kolonisation hervorgegangen war, den sehr brauchbaren Hafen Dar es Salăm ein und schloss einen für Deutschland sehr günstigen Handelsvertrag ab.

Nunmehr entfaltete die Deutsch-Ostafrikanische Gesellschaft eine fieberhafte Thätigkeit, um ihren Besitzstand abzurunden und zu ver-grössern. Zahlreiche Männer aus den besten Kreisen, Offiziere, Beamte, Techniker und Kaufleute, traten in ihre Dienste; und allein im Jahre 1885 gingen unter Führung von Jühlke, Hörnecke, Rochus Schmidt, Krenzier, Weiss, v. Zelewski, v. Bülow, v. Gravenreuth, St. Paul d’Illaire u. s. w. 11 Expeditionen ins Innere ab, die fast sämtlich von Erfolg begleitet waren. Allerdings brachten spätere Unternehmungen manches Missgeschick und als schwersten Schlag die Ermordung des verdienstvollen Jühlke durch die räuberischen Somali. Dennoch konnte die Gesellschaft bald ein gewaltiges Landgebiet ihr eigen nennen, bis die fortschreitende Ausbreitung der deutschen Herrschaft eine Regelung der verwickelten Verhältnisse auf diplomatischem Wege unvermeidlich machte. Als übliches Nachspiel folgte die Auseinandersetzung mit England. Der Vertrag von 1886 bestimmte die Grenzen zwischen den beiderseitigen Interessengebieten in Ostafrika und erkannte die Selbständigkeit des dem Sultan von Sansibar verbliebenen Küstenstreifens nebst den vorgelagerten Inseln an.

Seinen letzten Kolonialbesitz erwarb Deutschland in den fernen Gewässern des Stillen Ozeans, und gerade in der Verteidigung des deutschen Südseehandels liegen die Wurzeln unserer spät begonnenen Kolonialpolitik, indem 1878 und 1879 auf dem Samoa-, Marshall- und Neubritannia-Archipel mehrere Kohlenstationen errichtet wurden. Seitdem drohten die englisch-australischen Kolonien, die von der Südsee schon lange als von „unserm Meere“ (Our Ocean) zu sprechen gewohnt waren, sämtliche noch unabhängige Inselgruppen mit Beschlag zu belegen, alle Fremden vom Handel und Grunderwerb auszuschliessen und deren blühenden Verkehr dadurch völlig lahm zu legen. Ebenso hatte ihr verkappter Sklavenhandel die übelsten Nachwirkungen zur Folge, indem die Eingeborenen sich in unzugängliche Schlupfwinkel zurückzogen oder den Weissen, die sie leicht erklärlicherweise für Feinde hielten und an denen sie sich für die schlechte Behandlung rächen wollten, mit Waffengewalt entgegentraten. Um nämlich die notwendigen Arbeiter zur Bewirtschaftung ihrer Pflanzungen aufzubringen, scheuten sich die australischen Plantagenbesitzer nicht, die kräftigen Südseeinsulaner mit List oder Zwang wegzuführen. Obendrein kürzten sie ihnen öfters den ausbedungenen Lohn, brachen den Vertrag oder hingen ihnen statt der Zahlung europäische Schundwaren auf. Die Kapitäne der Werbeschiffe (labours) wurden bei den Arbeiteranwerbungen oder Arbeiterjagden mit der Zeit so rücksichtslos, dass sie auch vor Übergriffen gegen die Pflanzungen und Arbeiter der Deutschen nicht zurückscheuten. Der Reichskanzler sandte deshalb ein Kriegsschiff in das bedrohte Gebiet und trat dem Hansemannschen Plane der Kolonisierung Neuguineas wieder näher, den er früher zurückgewiesen hatte. Die einschlägigen Erörterungen erregten aber die Aufmerksamkeit der Australier, und die Kolonie Queensland nahm, ohne erst die Genehmigung des Mutterlandes abzuwarten, den ganzen nicht holländischen Anteil Neuguineas für England in Besitz. Gleichzeitig licss sie deutlich durchblickcn, dass sie die gesamte lnsclflur von Neuguinea bis zur Fidschigruppe als natürliches Anhängsel Australiens und damit kraft des „Besitznaturrechtes“ als unbestreitbares Eigentum betrachte. Glücklicherweise erklärte der britische Kolonialminister den Schritt Queenslands für ungiltig, worauf Deutschland zur Sicherung seiner Interessen gegen ein ähnliches Vorgehen Verwahrung einlegte.

Inzwischen hatte die Neuguinea-Kompagnie — so hiess die von Herrn v. Hansemann und Genossen gegründete Kolonisationsgesellschaft — im Stillen ihre Vorbereitungen getroffen und eine Expedition ausgeschickt, die, um die öffentliche Meinung zu täuschen, äusserlich einen streng wissenschaftlichen Anstrich trug. Im Oktober 1884 erschien der tüchtige Reisende Otto Finsch auf dem vom Kapitän Dallmann befehligten Dampfer „Samoa“ an der Nordostküste der gewaltigen Insel und zog auf fünf Fahrten hier und im Neubritannia-Archipel die schwarz-weissrote Flagge auf, in welcher Thätigkeit ihn sehr bald zwei deutsche Kriegsschiffe unterstützten. Gleichzeitig wurden viele der seitdem so bekannt gewordenen Hafenplätze zum ersten Male auf ihre Brauchbarkeit als Stationen geprüft und der später oft genannte Kaiserin Augustafiuss entdeckt. Als die Engländer und Australier sahen, dass sie trotz ihrer verzweifelten Anstrengungen die Festsetzung ihrcrNebenbuhler nicht hatten verhindern können, verloren sic alle Fassung, und ihr lange angehäuftcr Vorrat von Groll und Missgunst durchbrach die Maske ihrer scheinbaren Freundlichkeit. Hatten sic erst durch endlose Verhandlungen die Deutschen hinhalten wollen, insgeheim aber die australischen Kolonien zu schnellstem Handeln angetrieben, so erklärten sie nunmehr und nicht zum wenigsten durch die hochgradige Erregung der Australier dazu gedrängt, ihre beabsichtigte Herrschaft auch auf Deutsch-Neuguinea ausdehnen zu wollen. Schon damals tauchte der Plan auf, der deutschen Eitelkeit durch die Abtretung Helgolands zu schmeicheln, natürlich bloss gegen reichliche Entschädigungen in der Südsee. Noch unverfrorener und naiver war der Vorschlag, England solle das ganze nicht holländische Neuguinea erhalten, wofür cs grossmütig die deutschen Ansprüche auf den Neubritannia-Archipel anerkennen und die nach Ausbeute des Guanos so ziemlich wertlos gewordenen Küsteneilande von Angra Pequena, nicht aber die ungleich wichtigere Walfischbai abtreten wollte. Als diese Anmassung die gebührende Zurückweisung erfahren hatte, nahm die Sprache beiderseits an Schärfe zu, und englische Schiffe hissten sogar an mehreren Stellen des deutschen Gebiets ihre Flagge.

Da gelang es dem Fürsten Bismarck, durch seine berühmte Reichstags« ede vom 2. März 1885 eine fast vollständige Übereinstimmung unter den Parteien zu erzielen, und nach überraschend kurzer Zeit bequemte sich England zu einem Vergleich. Er setzte die Grenzen Deutsch-Neuguineas oder Kaiser Wilhelmslands fest und erweiterte das deutsche Interessenbereich über den Neubritannia-Archipel, der fortan den Namen Bismarck-Archipel führte, bis zu den Marshall-Inseln. Nach Beseitigung der diplomatischen Schwierigkeiten erhielt die Neuguinea-Kompagnie ebenfalls einen kaiserlichen Schutzbrief und ausgedehnte Hoheitsrechte, und schon im nächsten Jahre vergrösserte sich ihr Gebiet durch die Einverleibung der nordwestlichen Salomonen, die durch das deutsch-englische Abkommen von 1886 uns ebenfalls zugewiesen waren.

Als deutsche Kriegsschiffe 1885 die unserm Interessengebiet zugefallenen und als herrenlos geltenden Karolinen in Besitz nehmen wollten, machten die Spanier plötzlich ältere Rechte geltend und erhoben ein lautes Geschrei. Die spanische Presse begann einen hitzigen Federkrieg, in Madrid fand eine grosse deutschfeindliche Demonstration statt, an der gegen 30000 Menschen teilnahmen, und der Pöbel verursachte gröbliche Ausschreitungen gegen die deutsche Gesandtschaft. Einer der Hauptschreier, der General Salamanca, schickte das ihm verliehene Grosskreuz des Roten Adlerordens mit einem Begleitschreiben zurück, in dem er u. a. ausführte: „Die von dem deutschen Geschwader auf den Karolinen verübte That, welche die rudimentärsten Gefühle der Freundschaft und des Völkerrechts verletzt, entzieht besagter Dekoration den einzigen Grund, der mir gestattete, sie ohne Schädigung meiner Ehre anzulegcn, und deshalb gebe ich sie zurück, indem ich mir vornehme, die Lücke, die dadurch auf meiner Brust entsteht, durch eine andere im Kampfe gegen Deutschland erworbene Auszeichnung auszufüllen.“ Als der preussischc General v. Loë, an den Brief und Orden abgesandt waren, um beide dem Kronprinzen zu übermitteln, Aufklärung forderte, gab der Grosssprecher nach, wurde aber trotzdem als tapferer Patriot gefeiert und mit Albums und Ehrendegen beschenkt. Weil er trotz verschiedener Bemühungen seinen Orden noch immer nicht los werden konnte, erbarmte sich endlich die preussische Regierung des armen Salamanca und teilte ihm mit, dass er von der Liste der Träger des Roten Adlerordens gestrichen sei.

In Deutschland hatte man den Streit sehr zurückhaltend und ruhig aufgefasst, und Bismarck erklärte sich, nachdem er für die der deutschen Gesandtschaft zugefügte Beleidigung Genugtuung erhalten hatte, bereit, den Vermittelungsvorschlag des Papstes Leo anzunehmen. Die Entscheidung fiel in der Weise aus, dass die Oberhoheit Spaniens über die Karolinen anerkannt wurde. Doch verpflichtete es sich, dort eine geordnete und zum Schutze der Europäer ausreichende Verwaltung einzuführen, Deutschland das Recht zur Anlage einer Flotten- und Kohlenstation zu gewähren und den ansässigen deutschen Kaufleuten gleiche Handelsrechte wie den Spaniern zuzusichern. So klang die leidige Angelegenheit friedlich aus, und die heissblütigen Spanier, die eben noch „Krieg mit Deutschland!“ schrieen, lachten jetzt im Puppentheater über die Kinder Germania und Hispania, die sich um die Puppe Karolina zankten, bis Papa kam und den weisen Spruch fällte, die Puppe gehöre der Hispania, Germania aber dürfe mit ihr spielen.

Dieser Zwischenfall verzögerte die Besetzung der Marshall-Inseln, die aber noch in der zweiten Hälfte des Jahres 1885 erfolgte und sich in durchaus friedlicher Weise vollzog. Der Vertragsabschluss wurde dadurch wesentlich erleichtert und beschleunigt, dass ein günstiger Zufall fast sämtliche Oberhäuptlinge unseres kleinsten deutschen Schutzgebietes auf der Hauptinsel Jaluit zu einer Beratung versammelt hatte, wodurch der B.esuch der verschiedenen Inselgruppen überflüssig wurde.

Die Sicherstellung der deutschen Interessen auf Samoa hatte ebenfalls schon seit Jahren zu politischen Massnahmen Veranlassung gegeben. Der Archipel war wegen seiner centralen Lage inmitten der Inselwolken des Stillen Ozeans und wegen der üppigen Fruchtbarkeit seines Bodens der Ausgangspunkt und Hauptsitz der grössten kaufmännischen Unternehmung jenes Gebietes, der deutschen Handels- und Plantagengcsellschaft für die Südsee, geworden. Der deutsche Handel war der älteste und bedeutendste und der deutsche Besitzstand an Ländereien der ausgedehnteste und bestentwickclte. Leider hatte das Reich den rechten Zeitpunkt für die Besitzergreifung versäumt, und als obendrein die beklagenswerte Ablehnung der Samoavorlage durch den Reichstag erfolgte, war dem Einflüsse Englands und der Vereinigten Staaten von Nordamerika Thür und Thor geöffnet. Beide hatten schon früher mit rührigem Eifer die Annektierung der Inselgruppe betrieben und nutzten zu diesem Zwecke die Zwistigkeiten aus, die von jeher unter den Eingeborenen herrschten. Statt eines allgemein anerkannten Oberkönigs gab es drei Parteien, deren Oberhäupter den Titel Malietoa, Tamasese und Mataafa führten und sich gegenseitig erbittert befehdeten. Als der Malietoa Laupepa infolge fremder Aufhetzung Gewaltthätigkeiten gegen die deutschen Pflanzungen begann und die geforderte Genugthuung verweigerte, wurde er 1887 von den Deutschen gefangen genommen und in die Verbannung geschickt. Die Zustände wurden aber keineswegs besser, indem dem deutscherseits anerkannten Tamasese sehr bald ein Gegenkönig in dem von den beiden andern Mächten begünstigten Mataafa erwuchs, der den deutschen Plantagenbetrieb ebenfalls empfindlich schädigte. Auf einem Strafzuge gegen die von einem Amerikaner geführte Übermacht erlitten die Mannschaften der Stationsschiffe „Eber“, „Adler“ und „Olga“ im Dezember 1888 bei Vailele eine verlustreiche Niederlage, die 2 Offizieren und 15 Mann das Leben kostete, während 1 Offizier und 38 Mann verwundet wurden. Zwar ward die Scharte nachdrücklichst wieder ausgewetzt; aber ein neues schweres Unglück brachte im nächsten März ein furchtbarer Orkan, der den „Adler“ und „Eber“ und zwei amerikanische Kriegsschiffe an den Korallenriffen des Hafens von Apia zerschellte. 95 deutsche und 50 amerikanische Seeleute fanden dabei ihren Tod in den Wellen.

Um den Wirren endlich Einhalt zu thun, traten die Bevollmächtigten der drei gleichberechtigten Mächte in Berlin zur Samoakonferenz zusammen. Der Malietoa Laupepa wurde wieder als Oberkönig anerkannt, die Rechtspflege einem vom König von Schweden ernannten Oberrichter übertragen und die Aufsicht über die Verwaltung der für unabhängig und neutral erklärten Inselgruppe den Vertretern der drei Vertragsmächte unterstellt. Wie vorauszusehen, war auch dieses Auskunftsmittel wegen der gegenseitigen Eifersucht Deutschlands, Englands und Amerikas wirkungslos. Der von ihnen genährte Bürgerkrieg der Samoaner dauerte fort, und erst 1893 konnte der von England unterstützte Mataafa vollständig besiegt und zeitlebens verbannt werden. Amerika hat zwar seitdem seinem Einflüsse mehr und mehr entsagt, aber die Verhältnisse sind eben so unhaltbar und beschämend wie früher, und die Ordnung wird nur mühsam durch die ständige Anwesenheit der fremden Kriegsschiffe aufrecht erhalten. Leider haben die ewigen Wirren die deutsche Kulturthätigkeit auf Samoa empfindlich geschädigt. Statt der 30 deutschen Dampf- und Segelschiffe, die 1891 den Verkehr vermittelten, kamen 6 Jahre später nur noch 12 kleine Segelkutter, dafür aber 37 britische Dampfer an, weil inzwischen die Kopraausfuhr grösstenteils in englische Hände übergegangen war. Wenn trotzdem die Einfuhr aus Deutschland 1897 340000 Mark gegen 200000 Mark im Vorjahre betrug, so ist cs höchste Zeit, dass ernstliche Schritte zur Erhaltung des mit unendlicher Mühe und erheblichem Kapital geschaffenen deutschen Handels geschehen. Dauernde Besserung ist freilich bloss dann zu erhoffen, wenn eine auswärtige Macht allein die Herrschaft über Samoa ausübt. Dass Deutschland in erster Linie dazu berufen ist, liegt bei dem Überwiegen seiner Interessen und seines Plantagenbesitzes auf der Hand.

Mit den Erfolgen in Afrika und in der Südsee endet die Erwerbungsgeschichte der deutschen Kolonien, die man wohl auch die Periode des Flaggenhissens oder, wie die Gegner sagten, das Spazierenführen der deutschen Flagge genannt hat. Mit überraschender Schnelligkeit war ein weiter und noch immer ausdehnungsfähiger Besitz gewonnen und seitens der europäischen Staaten anerkannt worden. Nunmehr galt es, für die bisher ungewöhnlichen Verhältnisse neue Verordnungen aufzustellen, die rechtliche Stellung der Schutzgebiete und der mit ihrer Ausnutzung beschäftigten Gesellschaften zu regeln und mit der eigentlichen Kulturarbeit zu beginnen. Ein anderer wichtiger Schritt war die Errichtung und staatliche Unterstützung regelmässiger Dampferlinien, die Neudeutschland fest mit dem Mutterlande verbinden und uns jederzeit von fremden Schiffahrtsgesellschaften unabhängig machen sollten. Nach schweren parlamentarischen Kämpfen nahm der Reichstag die vom Kanzler eingebrachte Vorlage im März 1885 an. Kurz zuvor hatte die deutsche Diplomatie auf der Berliner Kongokonferenz einen neuen Sieg errungen. England, das sich im Kongo- und Nigergebiet durch Erwirkung von Monopolen und Vorrechten eine ganz besonders bevorzugte Stellung schaffen wollte, musste sich wegen des allseitig erhobenen Einspruchs herbeilassen, die Gleichberechtigung sämtlicher europäischen Nationen bezüglich des Handels anzuerkennen, worauf im Herzen des dunklen Erdteils ein neuer selbständiger Staat, der Kongostaat, gegründet und der König von Belgien zu seinem Herrscher gewählt wurde. Englands Unterschrift unter die Kongoakte hinderte es allerdings nicht, die bezüglich der freien Schiffahrt auf dem Niger übernommenen Verpflichtungen von 1888 ab gröblich zu verletzen, und die von Bismarck kräftig eingeleitete Abwehr fand an seinem Nachfolger Caprivi nur eine matte, wirkungslose Fortsetzung.

Aber mit der wirtschaftlichen Erschliessung und politischen Ausgestaltung der deutschen Schutzgebiete begannen auch sofort die Sorgen, weil es nach wie vor des grössten staatsmännischen Geschicks bedurfte, um den noch werdenden Besitz auswachsen zu lassen, die Küsten durch die Sicherung des Hinterlandes nutzbar zu machen und den Grund für die Entwickelung des Handels zu legen.

Die geringsten politischen, dafür indes nicht unerhebliche wirtschaftliche Schwierigkeiten haben unsere Südsee-Schutzgebiete verursacht. Hier waren von Anfang an die gegenseitigen Interessengebiete fest begrenzt, und es konnte unverzüglich mit der Erforschung des noch ganz unbekannten Landes begonnen werden, um ein Urteil über seinen wirtschaftlichen Wert und die Art seiner Ausbeutung zu gewinnen. Die mustergiltigen Küstenaufnahmen des Vizeadmirals und ersten Landeshauptmanns Freiherrn v. Schleinitz, die Vermessungsarbeiten deutscher Kriegsschiffe, die Unternehmungen der Beamten der Neuguinea-Kompagnie und die Expeditionen von Schräder, Schellong, Grabowsky, Hollrung, Zoller, Hellwig, Lauterbach, Tappenbeck, Kersting und anderer haben trotz rührigster Thätigkeit diesem Bedürfnis erst zum Teil Rechnung getragen. Auf ihnen wurden die Küsten- und Inselumrisse genauer fcstgelegt und im Innern Kaiser Wilhelmslands hohe Schncebcrge und schiffbare Ströme entdeckt. Schräder und Hollrung befuhren 1887 den Kaiserin Augustafluss auf einer Dampfbarkasse bis 4° 13’S und gelangten dabei noch 128 km über den fernsten Punkt hinaus, den sie im Vorjahre mit Schleinitz erreicht hatten. 1888 glückte cs Zoller und Hellwig, das schroffwandigw Finisterre-Gebirge bis zu 2660 m Meereshöhe zu erklimmen und einen lehrreichen Einblick in die Hochgebirgswelt des Innern zu gewinnen. Auch an schweren Schlägen hat es nicht gefehlt. Das verderbliche Fieberklima des Finschhafens, dem binnen wenigen Wochen 13 Europäer zum Opfer fielen, zwang zum Aufgeben der Station, und bald darauf verloren zwei andere Beamte der Gesellschaft bei einem furchtbaren Vulkanausbruch das Leben. Zwei neue Beamte und zwei Missionare wurden von den Eingeborenen getötet, und endlich gingen zwei Schiffe verloren. Diese Häufung von Unglücksfällcn lähmte den Unternehmungsgeist der Kompagnie, -die ihr Kolonisationswerk mit so grossartigen Mitteln begonnen und den bedeutendsten Teil zu den Kosten der Erforschungsexpeditionen beigetragen hatte. 1895 wurde der bekannte Weltreisende Otto Ehlers von seinen eigenen Leuten ermordet, als er den Ostzipfel Neuguineas zu durchqueren suchte. Bei der Verfolgung der Verbrecher ward leider der Landeshauptmann v. Hagen erschossen. Mehr Erfolg hatte die Lauterbach’sche Expedition, die 1896 nach Besteigung des Örtzengebirges und nach Überschreitung der Wasserscheide den zweitmächtigsten Strom des Schutzgebietes, den Ramu, 250 km weit befuhr. 1898 hat Tappenbeck die vielverheissende Wasserstrasse bis zur Mündung verfolgt und damit den Nachweis erbracht, dass Ottilienfluss und Raniu nur verschiedene Namen eines und desselben Wasscr-laufes sind.

Auf dem Bismarck- und Marshall-Archipel 1)  waren einige Gewaltthaten der Eingeborenen und Übergriffe fremder Händler zu ahnden, doch hat es zur Wiederherstellung der Ordnung keiner kostspieligen Machtentfaltung bedurft. Im übrigen ist die ruhige Entwickelung nicht beeinträchtigt worden und scheint namentlich auf den Marshall-Inseln ungehindert fortzuschreiten, wo nach Durchführung der Entwaffnung und des Verbotes der Munitionseinfuhr vollständiger Friede herrscht. Obendrein hat die den Archipel bewirtschaftende Jaluitgesellschaft der Regierung alle Kosten abgenommen, indem sie die vom Staate eingesetzten Beamten bezahlt. Die geldkräftige Neuguinea-Kompagnie trägt ebenfalls die Kosten ihres Besitzes selbst, des einzigen, der noch nicht Reichsschutzgebiet ist, indem der von der Kompagnie eingesetzte Landeshauptmann gleichzeitig die wirtschaftliche Verwaltung und die Oberhoheit ausübt. Doch drängt sich immer mehr die Notwendigkeit auf, dass das Reich nicht nur die landesherrlichen Befugnisse der Privatgesellschaft übernimmt, wie es schon einmal zwei Jahre lang der Fall war, sondern dass letztere auch von ihren grossen Opfern in irgend einer Weise entlastet wird. Überdies machen sich neuerdings Anzeichen für eine feindselige Haltung der Eingeborenen bemerkbar, die von 1893 969 Weisse und 13 farbige Arbeiter getötet haben und seitens der Kompagnie aus Mangel an Schiffen und Mannschaften nicht gebührend gezüchtigt werden konnten. Umsomehr ist es Pflicht des Staates, seinen Angehörigen den erforderlichen Schutz angedeihen zu lassen, den nur er allein zu gewähren vermag. Es ist schon im Werke gewesen, die Sonderstellung der Gesellschaft zu beseitigen, doch haben sich die im Reichstag darüber geführten Verhandlungen zerschlagen.

Ganz andere und viel wichtigere Aufgaben waren im dunklen Erdteil zu lösen. Die Binnengrenzen zwischen den deutschen und fremden Kolonien waren noch völlig unbestimmt, und in dem Wettbewerb um die Erweiterung des Hinterlandes suchte eine Macht durch List und Schnelligkeit der andern zuvorzukommen. Hier war also dem Wagemut und dem diplomatischen Geschick noch ein weiter Spielraum geblieben, und daraus erklärt es sich, dass unser afrikanischer Besitz das allgemeine Interesse viel mehr in Anspruch genommen hat als die entlegenen Südseegcbiete.

1) Um die Erforschung des noch sehr wenig bekannten Salomonen- und Bismarck-Archipels haben sich ausser den Offizieren unserer Kriegsschiffe und den Beamten der Neuguinea-Kompagnie besonders Penny, Parkinson, Guppy, Zoller, Graf Pfeil und Dahl verdient gemacht. Über die Marshall-Inseln liegen ausser amtlichen Berichten die Arbeiten von Hernsheim und Steinbach vor.

Die Togoküste war durch die Verträge von 1885 nicht gerade glücklich begrenzt worden. Der hafenlose Meeressaum hatte nur 52 km Länge, und die beiden schiffbaren Flüsse Volta und Mono, die zugleich die West- und Ostgrenze bildeten und den Löwenanteil des Binnenverkehrs aufnahmen, mündeten auf fremdem Boden. Deshalb war die Ausdehnung des deutschen Einflussbereiches dringend geboten, und teils aus politischen, teils aus wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Gründen sandte die Regierung 1888—1890 drei Expeditionen aus, die das unbekannte Innere erforschen und mit den Eingeborenen Verträge abschliessen sollten. Hauptmann Kurt v. Francois, der Führer der ersten Expedition, gelangte längs des Volta nach der damals noch blühenden Handelsstadt Salaga, unternahm einen Vorstoss nach Gambaga und Mossi und kehrte auf einem östlichen Wege durch das Adeliland zur Küste zurück *). Die zweite Expedition unter Stabsarzt Dr. Ludwig Wolf sicherte und eröffnete den Osten des Togolandcs durch Gründung der Station Bismarckburg. Nach einem Besuche Salagas zog Dr. Wolf durch das Tshautyoreich bis in die nördlichen Grenzländer von Dahome, wo er in Dabari (Ndali) am Fieber oder an Gift starb. Sein Nachfolger Premierlieutenant Kling, der von Bismarckburg aus den Niger erreichen wollte, wurde in Borgu von den feindlichen Binnenstämmen zur Umkehr gezwungen und erlag später den Nachwirkungen des verderblichen Klimas.

Weil Bismarckburg zu weit abseits der grossen Karawanenstrassen lag und somit seinen Hauptzweck, den Verkehr aus den Nachbargebieten anzuziehen und zur deutschen Küste abzuleiten, nicht erfüllte, so wurde es nach sechs Jahren (1894) als Hauptstation wieder aufgegeben und durch eine Militärstation in dem ungleich wichtigeren Handelsmittelpunkte Kete Kratshi ersetzt, die in Bismarckburg einen kleinen Posten unterhält. Somit verschob sich der Schwerpunkt der deutschen Interessen westwärts zum Volta, nachdem schon 1890 Licutnant Hering die Station Misahöhe zur Deckung der von Lome nach Kete Kratshi führenden Handelsstrasse angelegt hatte. Doch hat man Bismarckburg neuerdings wieder dauernd mit einem Europäer besetzt, weil sonst die reichen Kautschukbestände des Adelilandes infolge schonungsloser Ausbeutung über kurz oder lang der völligen Vernichtung anheimgefallen wären.

*) Auf einer zweiten Reise war v. Francois bereits bis Salaga gekommen, als er abberufeu wurde, um den Oberbefehl über die neugebildcle südwestafrikanische Schutztruppe zu übernehmen.

Inzwischen waren Ereignisse eingetreten, die ein Vorschieben der deutschen Grenze nach Norden unabweisbar machten. Die Franzosen eroberten das Negerreich Dahome, und die Engländer führten den seit langer Hand vorbereiteten Feldzug gegen die Asante durch. Nicht genug, dass Togo damit im Osten und Westen umklammert und eine Weiterausdehnung unmöglich war, so wurde es nunmehr auch im Norden ernstlich bedroht. Das französische Ausbreitungsbedürfnis drängte den Senegal aufwärts dem Sudan zu, ging bis zum Nigerbogen vor und fasste die Vereinigung der getrennten Besitzungen ins Auge. Eine Expedition folgte der andern, und es war deutscherseits dringend geboten, dieses Vorgehen zu durchkreuzen. Der Reichskanzler Caprivi sah jedoch unthätig zu, wie die Franzosen den Zugang zum grössten und für den Sudanhandel wichtigsten Strome Westafrikas, dem Niger, zu versperren begannen. Deshalb entschloss sich im letzten Augenblicke eine Privatvereinigung mit dem Konsul a. D. Ernst Vohsen an der Spitze, das deutsche Togo-Komitee, zum Eingreifen. Da die Mittel aus privaten Kreisen sehr spärlich flössen, während die französische Opferwilligkeit zu demselben Zweck Millionen auf brachte, so leistete die deutsche Kolonialgesellschaft einen beträchtlichen Zuschuss, und das Reich bewilligte ebenfalls eine Unterstützung. Unverweilt brach 1894 Dr. Hans Gniner, der Leiter der Station Misahöhe, mit Dr. Döring und Lieutenant v. Carnap-Quernheimb auf, um zu retten, was noch zu retten war. Raschestes Handeln war unerlässlich, denn beim Wettlaufe nach dem Niger galt cs, eine englische und eine französische Expedition zu überflügeln. Thatsächlich gelang es den Reisenden, über Salaga und Yendi nach Sansanne Mangu zu gelangen, mit den Sultanen von Mangu, Gurma und Gando Schutz Verträge zu vereinbaren und dadurch die Verbindung mit dem Niger herzustellen, worauf Grüner auf dem Landwege zur Küste zurückkehrte und später die Verwaltung der Station Sansanne Mangu übernahm. Die Ansprüche der beteiligten Staaten auf die Länder innerhalb des Nigerknies waren aber durch ihr gleichzeitiges Vorgehen ausserordentlich verwickelt geworden. Manche eingeborenen Herrscher hatten sowohl die Oberhoheit der einen als der andern Macht angenommen, und deutsche und französische Posten standen mehrfach in unmittelbarer Nachbarschaft bei einander. Diese Verwirrungen führten schliesslich zum deutsch-französischen Togo-Abkommen vom 10. Oktober 1897, das erst nach sieben Wochen langwieriger diplomatischer Verhandlungen zu stande kam und bekanntlich eine sehr verschiedene Beurteilung erfahren hat.

Frankreichs politische Wünsche bezüglich des Nigergcbictes und der unmittelbaren Verbindung seiner Besitzungen gingen in Erfüllung. Denn wir mussten u. a. Gurma wieder herausgeben, weil der Sultan, mit dem die Deutschen verhandelten, wohl selbständig, aber nicht der eigentliche Oberherrschcr war und weil letzterer schon vorher mit den Franzosen einen Schutzvertrag abgeschlossen hatte. Abgesehen davon also, dass die Franzosen bessere Rechtstitel besassen, ist cs fraglich, ob ein Zugang zum Niger für uns von solcher Bedeutung gewesen wäre, um es darüber zu einem Zerwürfnis mit Frankreich kommen zu lassen. Gurma ist gegen das uns zugesprochene Tshautyoreich ein dünnbevölkertes, armes Land, das, nur stellenweise gut bewässert und bewohnt, einen bedingten wirtschaftlichen Wert hat und auch als Durchgangsgebiet wenig wichtig ist. Dann schien es von vornherein fraglich, den gewaltigen Sudan durch die Verbindung mit dem Niger an den schmalen Streifen unseres Schutzgebietes zu ketten. Durch eine Eisenbahn hätten wir allerdings den Niger mit unserer Küste verbinden können, allein unsere europäischen Nebenbuhler würden, da sie unter günstigeren Verhältnissen arbeiten, bald Mittel und Wege finden, dieses Unternehmen wirtschaftlich tot zu machen. Um den oberen Niger, der bis zur französischen Flottenstation Bammaku schiffbar ist und von Kanonenbooten und flachen Dampfern befahren wird, vom Unterlaufe des Stromes aus zollfrei zu erreichen, erstreben die Franzosen durchaus einen Umladeplatz unterhalb der Schnellen von Bussang und sind deshalb mit den Engländern in Streit geraten. Gelänge es ihnen, den blühenden Sudanhandel abzulenkcn, dann wäre freilich Togo als Handelskolonie kalt gestellt. Das Schicksal der Station Bismarckburg hat jedoch gezeigt, dass es ohne kostspielige Bahn-und Strassenbauten schwer hält, den althergebrachten und hartnäckig festgehaltenen Karawanenwegen der Neger ein anderes Ziel aufzuzwingen. Nun hat uns der Vertrag zwei viclbegangcne Strassen aus dem Norden und Osten gesichert, die in Kete Kratshi zusammenlaufen, das am schiffbaren Volta inmitten wohlhabender, handelskräftigcr Negerstaaten liegt und auch für Binnenhandelswegc aus den entgegengesetzten Himmelsrichtungen einen wichtigen Mittelpunkt darstellt. Ferner erhielten wir ausser anderen Gebietserweiterungen das fruchtbare, dicht bevölkerte Mündungsland des Mono, eines ebenfalls fahrbaren Flusses, der durch die Lagune von Klein-Popo einen Zugang zum offenen Meere besitzt und uns somit von den französischen Zollschranken unabhängig macht. Welche Folgen diese Abtretung schon jetzt gehabt hat, geht daraus hervor, dass von zwölf grossen Handelshäusern des französischen Küstenplatzes Grand Popo neun nach dem deutschen Monoufer übersiedeln wollen. Denn einmal ist Grand Popo, das bisher allen Handel aus dem Monodreieck an sich zog, die ungehinderte Zufuhr aus dem Hinterlande westlich des Mono durch die Grenzverschiebung abgeschnitten, und dann müssten die Waren, die für die nunmehr auf deutschem Boden liegenden Faktoreien bestimmt sind, zwei Zollgrenzen passieren, wodurch sie natürlich eine den Handel erheblich beeinträchtigende Preissteigerung erfahren würden.

Jedenfalls bedeutet der Togovertrag unter dem Gesichtspunkte einer extensiven Kolonialpolitik eine herbe Enttäuschung, weil er uns endgültig vom Niger abdrängte und der Ausdehnung unserer Kolonie nach Norden ein Ziel setzte. An diesem Ergebnis werden auch die noch ausstchenden Abmachungen mit England nicht viel ändern. Eine extensive Kolonialpolitik hat aber nur dann Zweck, wenn man das erworbene Land wirtschaftlich auszunutzen vermag, wenn also die Möglichkeit intensiver Kolonialpolitik vorhanden ist. In dieser Beziehung, d. h. vom wirtschaftlichen Standpunkte aus scheinen wir kein schlechtes Geschäft gemacht zu haben, wie u. a. die eben erwähnten Aussichten im Monodreieck darthun. Unsere wirtschaftlichen Interessen liegen vor allem im Küstengebiet, und hier ist jeder Quadratmeter wertvoller als hunderte von Quadratmeilen im Innern. Die Ölpalme, deren Erzeugnisse die Hauptmasse des westafrikanischen Handels ausmachen, nimmt mit wachsender Entfernung von der Küste allmählich ab, und gleiches gilt von dem Verbreitungsgebiet des zweitwichtigsten Handelsgcgcnstandcs, des Kautschuks. Öl und Kautschuk haben zusammen einen Handelswert von 9 Millionen Mark, während die Gesamtausfuhr jenes ganzen küstennahen Gebietes jährlich 10 Millionen Mark beträgt. Weiter im Innern werden nur noch sehr geringe Elfenbeinmengen gewonnen; sonst erzeugt das Hinterland lediglich Gegenstände für den eigenen Gebrauch der Eingeborenen, die für die Ausfuhr nach Europa ohne Belang sind.

Alles in allem haben im Sinne extensiver Kolonialpolitik die Franzosen, in wirtschaftlicher Beziehung die Deutschen den Hauptvorteil gehabt, und wir können mit dem Ausgange um so zufriedener sein, als es auf Grund der kolonialen Versäumnisse des zweiten Kanzlers unmöglich war, bessere Zugeständnisse zu erlangen. Dafür müssen wir bei der Festlegung der Westgrenze und der nicht lange mehr hinausschiebbaren Aufteilung des neutralen Gebietes von Salaga und Yendi, das sich als ein breites Viereck keilförmig in unser Schutzgebiet einschiebt, England gegenüber bestrebt sein, das Mündungsland und den unteren Thalweg des Volta einzutauschen. Als Entgelt muss das für die Briten hochwichtige, für uns nunmehr bedeutungslose Reich Gando am Niger dienen, mit dessen Sultan Grüner vollgiltige Verträge abgeschlossen hat. Besitzen wir die Wasserstrasse des untern Volta, so wird nicht bloss Kete Kratshi, sondern ganz Togo eine Zukunft haben. Denn dann können die Erzeugnisse des deutschen Hinterlandes auf dem Volta und Mono bequem und billig zur deutschen Küste gelangen und werden nicht mehr wie bisher zum Schaden unseres Handels und unserer Zollverwaltung den Engländern und Franzosen in den Schoss fallen.

So bildet das Togo-Abkommen in jeder Beziehung einen wichtigen Abschnitt in der Geschichte unseres kleinsten afrikanischen Schutzgebietes, und wir können fortan ungestört in seiner Erschliessung fortfahren. Die Entwickelung der Kolonie nimmt einen erfreulichen Fortgang, abgesehen von einigen örtlichen Unruhen und einem Angriff der kriegerischen Dagomba auf die Expedition des Premierlieutenants v. Massow, der mit einer völligen Niederlage der Neger endete (1897). Eine Reihe von Militärstationen in Kpando, Misahöhe, Kete Kratshi, den Strassenknotenpunkten Bassari und Bafilo, Paratau, der Hauptstadt des Tshautyoreiches, Dadaura, Sansanne Mangu u. s. w. ist an den Hauptverkehrswegen tief ins Innere vorgeschoben. Sie sollen nicht nur bei kriegerischen Verwickelungen Schutz und Rückhalt bieten, sondern vor allem die Beziehungen der Deutschen zu den Eingeborenen festigen, Handel und Bodenbewirtschaftung heben und das Hinterland mit der Zeit enger an die Küste ketten. Heute ist Togo eine blühende Kolonie, die sich bereits selbst erhält und auch fernerhin zu den besten Hoffnungen berechtigt.

Ähnlich wie in Togo lagen anfänglich die Verhältnisse in Kamerun. Als wir von der Küste Besitz nahmen, war das weite Hinterland so gut wie unbekannt. Man musste es also erst erforschen und zum Schutze der Europäer zugleich ausgedehntere Verwaltungs- und Sicherheitsmassregeln treffen. Dadurch wurden wieder die Ausgaben weit über das Mass der Einkünfte gesteigert und machten eine gründliche Umgestaltung des Zollwesens erforderlich. Um die schwerere Belastung tragen zu können, brauchte der Handel neue Einfuhr- und Ausfuhr-gebicte, und zur Erreichung dieses Zieles galt es, eine starre Schranke zu durchbrechen, welche die Handelseifersucht der Dualla, Bakoko, Bakwiri und anderer Küstenstämme errichtet hatte. Sie verweigerten sowohl den europäischen Kaufleuten als den Eingeborenen des Binnenlandes den freien Durchzug, so dass beide nur vermittels des Zwischenhandels ihre Erzeugnisse austauschen konnten. Natürlich kauften die schlauen Küstenneger die Waren möglichst billig ein und verkauften sic möglichst teuer, wodurch ihnen selbst ein leichter und lohnender Gewinn zufiel, andrerseits aber ein gedeihlicher Handelsaufschwung unmöglich war. Deshalb sandte die deutsche Regierung zahlreiche Expeditionen ab, um jenes mit der Zeit unerträglich gewordene Monopol zu beseitigen und gleichzeitig den Bestrebungen der Engländer und Franzosen entgegenzuarbeiten. Namentlich die letzteren drangen auf den bequemen Wasserwegen der nördlichen Kongozuflüsse und vom Sudan aus ungehindert in unser Hinterland ein und vereinigten sich in den Uferlandschaften des Tsadsees. Die Deutschen dagegen, denen kein schiffbarer Strom zur Verfügung stand, mussten sich mühsam durch die feuchten Urwälder und feindlichen Völkerstämme hindurcharbeiten und gelangten trotz aller Anstrengungen über eine verhältnismässig bescheidene Entfernung von der Küste nicht hinaus. Daher haben wir bloss das erste Ziel, die Durchbrechung der Zwischenhandelsschranke, durch Anlage von Stationen unter vielen Schwierigkeiten und ausserordentlichen Geldopfern erreicht. Die Verwirklichung des zweiten, politischen Zieles ist uns nur teilweise gelungen.

Gleich die ersten beiden Expeditionen des Jahres 1885 schlugen fehl. Dr. Bernhard Schwarz kam den Mungo aufwärts nur bis Kebinde, wo ihn eine auf die Elefantenjagd ziehende Eingeboroncnschar, der er ganz ohne Grund feindselige Absichten unterlegte, zur Umkehr veran-lasste. Die andere Expedition unter Flegel, Staudingcr, Hartert, Gürich und Semon, die gleichzeitig auf dem Wasserwege des Niger-Benuë nach Adamaua Vordringen sollte, scheiterte an dem Tode ihres Führers Robert Eduard Flegel und an dem Widerstande der englischen Nigerkompagnie. Die erste Bresche in den Handelsring legten 1888 und 1889 die Lieutenants Kund und Tappenbeck, die nach Gründung der Yaundestation zwischen den Flüssen Sannaga und Nyong mehrere erfolgreiche Vorstösse durch den Urwaldgürtel in das Grasland Südkameruns ausführten. Den Zeitraum von 1886—92 umfassen die Reisen des verdienstvollen Forschers Dr. Eugen Zintgraff, der am Nordosthange des Kamerungebirges die Barombistation*) anlegte und als erster Europäer von der Kamerunküste über Jbi am Benuë und Gashaka nach Yola, der lebhaften Hauptstadt des lindes Adamaua, gelangte. Er erkannte sofort die hohe handelspolitische Bedeutung des Niger-Benuëgebietes. Leider gingen die Hoffnungen, die er auf die von ihm angelegte Station Baliburg setzte, nicht in Erfüllung, weil seine Verbündeten, die Bali, von ihren kriegerischen Nachbarn, den Bamufut und Bandö, empfindlich geschlagen wurden. Der Übermacht von 10000 Feinden konnten die 5000 Bali nicht widerstehen. Sie erlitten schwere Verluste, und auch von Zintgraffs Expedition fielen 4 Europäer und 170 Neger in dem erbitterten Kampfe, der auf Jahre hinaus kolonisatorische Schritte in jenen Gegenden unmöglich machte und die Wiederaufgabe Baliburgs zur Folge hatte. Bald darauf schied Zintgraff wegen der vielen Schwierigkeiten, die ihm der Gouverneur Zimmerer, der Nachfolger des ersten Gouverneurs von Kamerun, Freiherrn v. Soden, bereitete, aus dem Reichsdienste aus. 1896 kehrte er aber mit Dr. M. Esser und G. Conrau von neuem zu dem treu gebliebenen Balihäuptling Garega zurück, schloss mit seinen Gegnern Frieden und widmete sich dann unermüdlich der Förderung des Pflanzungsbetriebes, bis er gleich so vielen Europäern im Dezember 1897 ein Opfer des verderblichen Fiebers ward.

*) Späterhin wieder aufgelassen, ist sie durch die benachbarte Station Johann Albrechtshöhe ersetzt worden.

Ebenbürtig zur Seite steht dem rührigen Reisenden Hauptmann Kurt Morgen, der von 1889—91 mehrere ergebnisreiche Kreuz- und Querzüge im Gebiete des Hauptflusses unserer Kolonie, des Sannaga-Mbam, unternahm und das von Kund und Tappenbeck in Südkamerun begonnene Werk in glänzender Weise fortsetzte. Über Ngila, Tibati und Gashaka wandernd, erreichte er den Benuë bei Jbi und hatte damit die zweite Durchkreuzung der Kolonie ausgeführt.

Um Adamaua, den politischen und in vieler Beziehung auch wirtschaftlichen Schwerpunkt des Kamerungebietes, zu sichern, sollte der durch seine Thätigkeit in Ostafrika rühmlichst bekannte Hauptmann Freiherr v. Gravenrcuth einen Zug zum Tsadsee ausführen. Leider fiel er, der mit der westafrikanischen Kampfesweise nicht vertraut war, bei der Erstürmung von Buca, des Hauptdorfcs der aufständischen Bakwiri, ehe er überhaupt den Marsch ins Innere angetreten hatte. Sein Nachfolger Ramsay wurdc durch eine Meuterei der Negersoldatcn wieder zur Umkehr gezwungen, und die von ihm 1892 am Mbam angelegte Balinga-station ging noch in demselben Jahre wieder verloren. Dabei fand der Befehlshaber, Lieutenant v. Volckamer, einen martervollcn Tod, weil er trotz inständigster Bitten ohne Unterstützung gelassen war. Da auch der Gouverneur die in Kamerun ansässigen Kaufleute im höchsten Masse gegen sich aufbrachte und für seine Hauptaufgabe, die wirtschaftliche Eroberung des Kamerungebirges, wenig Verständnis zu haben schien, so musste er von seinem Posten zurücktreten. Aber das unverantwortliche Benehmen des ihm im Amte folgenden Kanzlers Leist verursachte eine Empörung der aus unzuverlässigen Dahomencgern bestehenden Polizeitruppe, der leider ein Unschuldiger, der eben erst eingetroflene Assessor Ricbow, zum Opfer fiel. Zwar scheint der Aufstand, bei dem wohl auch die Dualla ihre Hand mit im Spiele hatten, seit längerer Zeit geplant gewesen zu sein, und man kann zu Lcists Gunsten eine Reihe von Rechtfertigungsgründen geltend machen. Immerhin hat er durch sein Benehmen, das den unruhigen Elementen einen willkommenen Anlass zum Beginn der Feindseligkeiten bot, die Würde des deutschen Beamtenstandes tief verletzt, und gleiches gilt von seinem Genossen, dem Assessor Wehlan. Glücklicherweise blieb der Aufstand ohne ernstere Folgen, worauf die Dahomeleute durch eine kaiserliche Schutztruppe aus Sudanesen ersetzt wurden.

Ein erfreulicheres Glied in dieser langen Kette von Bitternissen bedeutet das Freundschaftsbündnis, das Rittmeister v. Stetten nach einem erfolgreichen Marsche durch das Kameruner Hinterland — über Tibati und Banyo — 1893 in Yola mit dem Beherrscher von Adamaua abschloss. So war die Verbindung zwischen Kamerun und Adamaua durch wiederholte Reisen angebahnt. Aber schon hatten die Franzosen besorgniserregende Fortschritte gemacht und waren vom Kongo aus in die Sudanländcr eingedrungen. Da unsere Kolonialleitung keine Gegenmassregeln traf, so musste wiederum eine Privatgesellschaft sich der bedrohten Interessen annchmcn. Es war das vom Konsul Ernst Vohsen ins Leben gerufene Kamerun-Komitee, aus dem später zu ähnlichem Zweck das deutsche Togo-Komitee hervorging. Mit Mühe wurden 60000 Mark aufgebracht, zu denen die Regierung 5000 Mark beisteuerte. Durch frühere Erfahrungen klug gemacht, wählte man diesmal nicht den Land-, sondern den Wasserweg, und weil sich die Hamburger Rheder, die man um Überlassung eines kleinen Dampfers angegangen hatte, sehr wenig entgegenkommend zeigten, so war es um so freudiger zu begrüssen, dass die englische Nigerkompagnic unter gewissen Bedingungen ein Fahrzeug zur Verfügung stellte. Dadurch glückte es der deutschen Expedition, die unter der Leitung des Freiherrn von Üchtritz und des Dr. Passarge stand, eine im Anmärsche befindliche französische Expedition um mehrere Monate zu überholen. Benuëaufwärts ging es bis nach Garua, und von dort aus wurden auf drei Vorstössen nach Bubandjidda, Marrua und Ngaumdere die einflussreichsten Häuptlinge des oberen Benuëgebietes gewonnen. Somit entschied die Expedition, die trotz ihrer bescheidenen Mittel in wissenschaftlicher und politischer Beziehung Hervorragendes geleistet hat, noch im letzten Augenblicke zu unsern Gunsten und bot der Regierung eine Handhabe, um die Franzosen zu Zugeständnissen zu bewegen.

Durch die Verträge mit England und Frankreich vom 15. November 1893 und 15. März 1894 hat auch Kamerun feste Grenzen erhalten, und eingekeilt zwischen das Kolonialgebiet unserer Nachbarn besitzt es eine wunderliche flaschenähnliche Gestalt. Uns gehört jetzt der grösste und beste Teil Adamauas nebst dem Oberlauf des Benuc; leider nur fehlen uns geeignete Zugänge zu unserm Hinterland. Denn den natürlichen Wasserweg des Niger und Benuë, der für ganz Nordkamerun die einzige bequeme Verkehrsstrasse darstellt und für dessen Sicherung der früh verstorbene Afrikareisende Eduard Flegel seine ganze Kraft einsetzte, besitzen die Engländer. Damit haben sic den Norden unseres Schutzgebietes in der Hand, dessen Oberflächcngestaltung und Bewässerung durchaus auf den Bcnuc hinweist. Den Briten ist ferner der politische Mittelpunkt Yola zugefallen, wenngleich zugegeben werden muss, dass er von dem uns zugesprochenen Garua immer mehr überflügelt wird. Die Franzosen erhielten den kupfer- und elfenbeinreichen Südosten samt den natürlichen Handelswegen vom Benuë bis zum Kongo und dadurch die Herrschaft über den regen Verkehr, der aus dem Zusammenstreben zweier gewaltiger Stromgebiete entspringt. Da uns nur ein schmaler Uferstreifen zwischen den Grenzflüssen Sanga und Ngoko geblieben ist, so haben wir die zweifelhafte Möglichkeit, das südöstliche Hinterland unserer Kolonie vom Kongo aus zu erreichen. Voqj Tsadsee ist uns ebenfalls bloss ein schmaler Ufersaum überlassen, den Löwenanteil haben sich unsere beiden Nachbarn angeeignet. Freilich ist das ausgedehnte Wasserbecken wegen seiner übergrossen Seichtigkeit und der weithin versumpften Flachufer für den Handel von sehr geringer Bedeutung. Viel wichtiger aber als der sumpfige Binnensee sind seine Zuflüsse, vor allem der Logone und Schari, und von diesen Zufahrtslinien beherrschen wir keine ihrer ganzen Länge nach oder auf beiden Ufern. Wir sind eher von den bequemen Wasserstrassen abgedrängt und müssen mit den mühsamen, langwierigen Landwegen vorlieb nehmen, da die Flüsse unseres Schutzgebietes wegen ihrer Stromschncllen und Wasserfälle nicht schiffbar sind. So wenig dienen sic dem Verkehr, dass der Handel des Hinterlandes nie nach der viel näheren Küste, sondern vielmehr nach dem Tsadsee und dem Mittelmeer gerichtet war. Die Zwischenhandelsschranke der Küstenneger mag allerdings nicht unwesentlich zur Ablenkung des Verkehrs beigetragen haben. Was die Handelsfreiheit auf dem Benue betrifft, so hat die englische Nigerkompagnie die entsprechenden Bestimmungen der Kongokonferenz gröblich verletzt, und sie kam der Üchtritz-Passargeschen Expedition nur deshalb so bereitwillig entgegen, weil ihre eigenen Interessen von den Franzosen bedroht waren. Wollen wir den Zugang zu unserm Hinterlande nicht verlieren, so müssen wir nachdrücklichst auf die Durchführung allgemeiner Verkehrsfreiheit auf dem Niger und Benue dringen und die Wasserstrasse nötigenfalls durch Kanonenboote und Kohlenstationen schützen. In gleicher Weise müssen wir uns den Kongoweg offen halten, dürfen aber nie vergessen, dass wir unser Hinterland erst dann wirtschaftlich und politisch ausnützen können, wenn wir es wirklich beherrschen. Ob sich jedoch die kräftigen mohamedanischcn Reiche, die bei der Aufteilung ihres Gebietes nicht um ihre Einwilligung gefragt sind, den neuen Herren ohne weiteres fügen werden, ist eine Frage, die erst die Zukunft lösen wird.

Alles in allem haben wir bei den Kamerunverträgen entschieden den kürzeren gezogen, was freilich bei den Anstrengungen und Erfolgen unserer Nebenbuhler nicht zu verwundern war. Immerhin besitzen wir ein ausgedehntes, reiches Kolonialgebiet, dessen Entwickelung sich von Jahr zu Jahr günstiger gestaltet. Eine Reihe kleiner Unruhen, die ihren Grund in der fortgesetzten Einschränkung des Zwischenhandel-Monopols hatten, waren niederzuwerfen. Die militärischen Massnahmen richteten sich vor allem gegen die Bakwiri und Bakoko, die nunmehr durch Militärstationen im Zaume gehalten werden. Mit ihrer Unterwerfung ist die Ruhe im Küstcnlande gesichert und die Grundlage für die Erforschung des oberen Sannaga geschaffen. Der jüngst beendete Zug des Lieutenants v. Carnap-Quernheimb, der ohne jedes Blutvergiessen durchgeführt ward, hat diese Aufgabe zum Teil schon gelöst und zugleich den lange vernachlässigten Südostzipfel Kameruns bis zum Sanga erschlossen. Der Reisende gelangte den Sannaga aufwärts zum französischen Grenzorte Kunde, befuhr den Sanga bis zur Einmündung in den Kongo und erreichte auf letzterem wieder die Küste. Carnaps erfolgreiche Unternehmung und die gleichzeitige französische Expedition Gentil nach dem Scharibecken und dem Tsadsee haben die Aufmerksamkeit wieder auf Kamerun hingelenkt, wo sich mancherlei vorzubereiten scheint. In erster Linie soll gegen Ngila, den Oberhäuptling der Wute, eingeschritten werden, der eine Vorhut des Islam bildet, seit der Ermordung des Lieutenants v. Volckamer den Durchgangsverkehr gänzlich gesperrt hat und die Nachbarstämme durch unaufhörliche Sklavenjagden beunruhigt. Dann erscheint es dringend geboten und namentlich die Zollverhältnissc drängen darauf hin, die Ostgrenze der Kolonie genau festzulegcn und am Ngoko eine Station zu errichten. Alle diese Massnahmen werden dazu dienen, unser Machtbereich nicht unerheblich zu erweitern und einen heilsamen Einfluss bis tief nach Adamaua hinein auszuüben.

Wenden wir uns nunmehr dem Schmerzenskinde unter unsern Schutzgebieten, Deutsch-Südwestafrika, zu.

Zu Beginn der deutschen Herrschaft war ein grosser Teil des Landes durch ältere Reisen und durch die jahrzehntelange Thätigkeit deutscher Missionare in grossen Zügen bekannt, während die Kenntnis der wirtschaftlichen Verhältnisse noch sehr viele Lücken aufwies. Deshalb rüstete A. Lüderitz eine bergmännische Expedition aus, die unter der Leitung des Bergwerksdirektors H. Pohle, des Geologen Dr. A. Schenck und des Botanikers H. Schinz stand und die Kolonie auf zahlreichen Streifzügen nach allen Richtungen hin durchforschte. Ihre Arbeiten wurden durch W. Belck, C. G. Büttner, G. Gürich und andere (1888—89) nicht unwesentlich gefördert.

Leider erwies sich die Firma Lüderitz der Aufgabe, die sie durch den Erwerb Angra Pequenas übernommen hatte, nicht gewachsen, und um die erste deutsche Kolonie vor dem drohenden Zusammenbruch zu bewahren, wurde sie von der zu diesem Zwecke gegründeten deutschen Kolonialgesellschaft für Südwestafrika übernommen. Lüderitz widmete ihr auch fernerhin seine Dienste und unternahm dabei jene verhängnisvolle Küstenfahrt, die ihm das Leben kosten sollte. Das Boot schlug in der Brandung um, und er ertrank nebst seinem Begleiter. Die neue Gesellschaft musste ihre Thätigkeit ebenfalls bald für längere Zeit einstellen, da sie ihre Mittel gleich anfangs aufbrauchte. Zu allen diesen inneren Schwierigkeiten gesellten sich schon nach wenigen Jahren äussere Gefahren, die das Eingreifen des Reiches unabweisbar machten. Trotz des gegenseitigen Übereinkommens von 1885 setzte nämlich die Kapkolonie ihre Umtriebe fort, umsomehr, als auf deutschem Boden einige unerhebliche Goldfunde gemacht worden waren. Weil der Reichskommissar Dr. Göring nicht über die geringsten Machtmittel verfügte, so konnte er dem Ränkespiel keinen Einhalt thun, und es wurde einem Abenteurer namens Lewis leicht, 1888 den ihm tief verschuldeten Oberhäuptling Kamaherero zur Vertreibung aller Deutschen und zur Aufhebung der ihnen gewährten Vorrechte zu bewegen. Die Deutschen mussten sich schleunigst zur Küste zurückziehen, und Lewis, der sich auf eine augenscheinlich gefälschte Urkunde berief, ging in seiner Überhöhung so weit, dass er den Vertretern der in Südwestafrika thätigen Bergwerksgesellschaften folgendes Verbot zugehen liess: „Herr! Auf Grund der mir gemachten Mitteilung, dass Minenarbeiten in diesem Lande unter Ihrer Leitung ausgeführt werden, fordere ich Sie hierdurch auf, diese Arbeiten sogleich einzustellen, da sämtliche Mineralschätze und das alleinige Recht, sie auszubeuten, kraft einer Urkunde vom 9. September 1885 mir allein zugesagt sind. Ich mache Sic ferner darauf aufmerksam, dass eine Nichtbeachtung dieser Mahnung streng und unverzüglich geahndet wird, hoffe jedoch, dass ich nichf gezwungen bin, Gewalt zu gebrauchen. Ich habe bis jetzt noch nicht die Zeit gehabt, die Verwaltung dieses Landes unter englischer Oberhoheit zu organisieren und bitte auch zu bemerken, dass alle durch Ihre Handlungen entstehenden Verluste oder Unkosten von Ihnen selbst getragen werden sollen. Ich ersuche Sie, durch Überbringer dieses mir eine umgehende Antwort zukommen zu lassen.“

Inzwischen war aber eine kleine Schutztruppe eingetroffen*), und wenn sie auch bloss 50 Mann zählte, so genügte ihr Erscheinen, um die Ruhe notdürftig wieder herzustellen und den prahlerischen Lewis zu eiligster Flucht zu veranlassen. — Der bald darauf Unterzeichnete Sansibarvertrag von 1890 schuf England auch in Südafrika eine starke Stellung und bannte unser Schutzgebiet in erheblich beschnittene Grenzen. Statt des früher viel breiteren Hinterlandes, das einen natürlichen Zugang zu der wichtigsten Wasserstrasse Südafrikas, dem Sambesi, darstellte und nördlich von 22 ° S über den Ngamisee nach Osten reichte, erhielten wir einen schmalen Verbindungsstreifen zweifelhaften Wertes, jene vielverspottete Bleistiftspitze, mit der vermutlich der Sambesi deutscherseits gekitzelt werden soll. Ob er jemals seinen Zweck erfüllen wird, erscheint fraglich, da eine Flussverbindung zwischen Okavango und Sambesi nicht besteht und da der sehr ungünstig gelegene Landzipfel den Sambesi an einer nicht mehr schiffbaren Stelle erreicht. Obendrein kommt er wegen des gefährlichen Tropenklimas für Kolonisationszwecke überhaupt nicht in Frage, solange das ausgedehnte Südwestafrika günstigere Landstriche zur Verwertung darbietet. Durch den Keil, den England tief ins Herz Südafrikas vorgetrieben hat, ist der Verbindung unserer Kolonie mit den stammverwandten Buren ein Ziel gesetzt. Unsere schlauen Nachbarn fühlten sehr wohl die Gefahr, die ihnen durch die Vereinigung der Deutschen und Buren erwachsen wäre, und haben nunmehr die letzteren fast auf allen Seiten fest umklammert. Obgleich die Versuche, die Buren mit Waffengewalt zu unterwerfen, stets an ihrer Tapferkeit und Freiheitsliebc gescheitert sind, so werden ihre Staaten schliesslich doch durch das friedliche und ungleich gefährlichere Mittel einer beständig zunehmenden britischen Einwanderung eine Beute des englischen Länderhungers werden. Dass wir die Walfischbai nicht erhalten haben, ist ein Verlust, den wir heute verschmerzen können, weil jenes wichtigste Eingangsthor Südwestafrikas immer mehr versandet und überdies durch die auf deutschem Gebiet errichtete Rhede Tsoachaubmund zusehends überflügelt wird.

Auch der neue Vertrag brachte keine Ruhe. Die Kapkolonie wühlte nach wie vor, und ihrer offenkundigen Unterstützung ist der hartnäckige Widerstand zuzuschreiben, den uns der Hottentottenführer Hendrik Witbooi solange geleistet hat.

*) Ihr Befehlshaber Kurt v. Francois gelangte auf seinen ausgedehnten Kreuz- und Querzügen 1889—90 bis in die Kalahari und zum Ngamisee, der um dieselbe Zeit von Dr. E. Fleck genauer untersucht wurde.

Seit alters lagen die schwarze und gelbe Rasse, die Herero und Hottentotten, miteinander im Kampfe, und schon vor der deutschen Besitzergreifung hatte der Hottentottenstamm der Witboois aus seinem armen, wüstenhaften Berglande ununterbrochene Einfälle in die herdenreichen Weidegründe der benachbarten Herero unternommen. Wegen des englischen Waffenschmuggels und der Ohnmacht der deutschen Verwaltung wurden sie, 600 wohlbewaffnete, gut berittene und trefflich geübte Krieger, immer kühner und erlangten schliesslich eine Machtstellung, die für die politische und wirtschaftliche Entwickelung des Schutzgebietes gefährlich zu werden drohte. Die ständige Unsicherheit, die zunehmende Verödung der von den Viehräubern heimgesuchten Landschaften und die immer deutlicher hervortretende Missstimmung gegen die unthätig zuschauende Regierung wirkten auf jede Thätigkeit lähmend ein, und erst als die Lage unhaltbar geworden war, liess sich der Reichskanzler Caprivi 1893 herbei, dem unwürdigen Zustande ein Ende zu machen. Nachdem der Bestand der Schutztruppe eilends auf 340 Mann erhöht war, glaubte der neu ernannte Landeshauptmann Major Kurt von Francois die Zeit zum militärischen Einschreiten für gekommen. Vielleicht hätte er den Gegner ohne kriegerisches Vorgehen zur Anerkennung der deutschen Herrschaft bewegen können. Seinen Weisungen gemäss wählte er jedoch den Weg der Gewalt und brachte dem Feinde durch die Erstürmung seiner festen Stellung bei Hoornkrans eine verlustreiche Niederlage bei. Damit nahm der langwierige, verhängnisvolle Witbooikrieg seinen Anfang, der bis zu seiner Beendigung eine ganze Reihe von Zügen und Gefechten und ständigen Nachschub von Verstärkungen verlangte, weil man die Gewandtheit und Kühnheit der Hottentotten erheblich unterschätzt hatte. Ihr energischer, kluger Führer war auf der Flucht entkommen, und es sollte sich bald zeigen, dass er wohl geschlagen, keineswegs aber entmutigt und vernichtet war. Indem er einem Zusammenstoss ängstlich auswich, hielt er die Schutztruppe in dem schwierigen Gelände durch einen geschickt geführten kleinen Krieg in ununterbrochener Thätigkeit, zerstörte die landwirtschaftliche Versuchsstation Kubub und überfiel einen grossen Wagenzug, dessen eingeborene Treiber er erbarmungslos niederschiessen liess. Erst als 1894 Major Leutwein, der nächst Wissmann einer unserer populärsten ,,Afrikaner“ geworden ist, den Oberbefehl übernahm, wurden die Feinde nach unsäglichen Schwierigkeiten in der Naukluft südlich von Hoornkrans entscheidend geschlagen und so vollständig umzingelt, dass ein Entweichen unmöglich war. Hendrik Witbooi musste sich bedingungslos ergeben, und teils aus Edelmut, teils aus praktischen Gründen schonte Leutwein sein Leben, da der geradezu als Prophet verehrte Gegner einen grossen Anhang besass, der möglicherweise den Kampf bis aufs Messer fortgesetzt hätte. Witbooi gelobte unverbrüchlichen Gehorsam und ist den Deutschen thatsächlich ein treuer Freund geblieben, die er in der Folge wiederholt mit seinen Leuten unterstützte.*)

Die Unterwerfung der Witboois beseitigte zwar die grösste Gefahr, allein die Zeit der Unruhen war noch immer nicht vorüber. Die Khauashottentotten versuchten unter der Führung ihres Kapitäns Lambert einen Aufstand, bei dem die Kapkolonie wiederum die Hand im Spiele hatte, die Hereros im Osten des Windhocker Gebietes empörten sich ebenfalls, und 1896 brach ein ernster Krieg gegen den Hererostamm der Ovambandyeru und gegen die trotz ihrer stark zusammengeschmolzenen Zahl noch immer verwegenen und gefährlichen Khauashottentotten aus. Der mit schweren Opfern verbundene, aber mit glänzender Tapferkeit geführte Feldzug endete mit der gänzlichen Niederlage des Feindes, und die Hinrichtung der Haupträdelsführcr verfehlte ihren Eindruck nicht. Sonst würde wohl weder die Absperrung der Grenze gegen das drohende Gespenst der Rinderpest noch die Impfung im Hererolande ohne erhebliche Schwierigkeiten verlaufen sein. Sind auch noch hier und dort in den Grenzgebieten einzelne Empörungen zu dämpfen, so reicht der deutsche Einfluss heute über den ganzen mittleren und südlichen Teil des Schutzgebietes, was umsomehr sagen will, als die nur 540 Mann starke, auf zahlreiche Stationen verteilte Schutztruppc ein schwer zugängliches Land von der 1 ½ achen Grösse des deutschen Reiches zu überwachen hat.

Was zum Schlüsse unsern grössten Kolonialbesitz betrifft, so hatte die Deutsch-Ostafrikanische Gesellschaft erfreuliche Fortschritte gemacht. Die Zukunft schien um so glänzender, als der Sultan von Sansibar 1888 bewogen worden war, der Gesellschaft die ganze Küste und die Erhebung der Zölle pachtweise zu überlassen, worauf sie das Schwergewicht ihrer Thätigkcit viel weniger auf die wirtschaftliche Erschliessung als auf die Ausnutzung der Zölle legte. Aber dieser Erfolg, der den Deutschen die Herrschaft des Landes in die Hand gab, war nur ein scheinbarer und barg die Keime ernster Verwickelungen in sich, da der Sultan unter dem Drucke der Umstände und nicht ganz freiwillig so weitgehende Zugeständnisse eingeräumt hatte. Die Araber  fürchteten nicht mit Unrecht die Beeinträchtigung ihres Handels, die Unterbindung des von ihnen mit Gewinn betriebenen Schmuggels und die Unterdrückung des Sklavenhandels, der für sie geradezu eine Lebensfrage war, weil er ihnen die nötigen Arbeitskräfte zur Bewirtschaftung der Pflanzungen lieferte.

*) Obwohl der Witbooikrieg die Erforschung der Kolonie in jeder Weise hemmte, wurde sie keineswegs unterbrochen. In jene Zeit (1891—95) fallen die vornehmlich wirtschaftlichen Interessen dienenden Reisen von F. J. v. Bülow, E. v. Üchtritz, Graf Pfeil, Dr. Karl Dove, Dr. R. Hindorf und Lieutenant Dr. Hartmann. Die Wanderungen des letzteren, die in erster Linie der Untersuchung des Kaokofeldes galten, sind von allen Expeditionen der letzten Jahre die ausgedehntesten und ergebnisreichsten gewesen.

Die Deutsch-Ostafrikanische Gesellschaft selbst erregte durch ihre vollständige Unkenntnis der Verhältnisse, durch rücksichtslose Verletzung bestehender Bräuche, durch ein leider oft brutales Benehmen ihrer Beamten und durch unangebrachte Neuerungen und Verordnungen bei den von Haus aus friedfertigen Eingeborenen viel böses Blut. Dabei besass sie ausser den durchaus unzuverlässigen Sultanssoldaten nicht die geringste Militärmacht und wagte cs trotzdem, ihre eigene Flagge, die sogenannte Usambaraflaggc, neben derjenigen des altangestammten Landesherrn zu hissen. Erklärlicherweise beugten sich dessen arabische Beamte, die bisher ziemlich selbständig geschaltet hatten, nur widerwillig den ihnen aufgedrungenen europäischen Vorgesetzten, und nicht weniger unzufrieden waren die in Sansibar ansässigen indischen Kaufleute, die bisher die Zölle gepachtet hatten und den Verlust dieser lohnenden Einnahmequelle nicht verwinden konnten. Endlich liessen die Engländer keine Gelegenheit vorübergehen, das heimlich glimmende Feuer zu schüren. Alle diese Gründe, nicht, wie man fälschlich hören konnte, der religiöse Fanatismus, führten noch in demselben Jahre zu einem furchtbaren Aufstande, der die Schöpfungen der Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft im Nu wegfegte. Dass die Bewegung nicht religiösen Charakters war, geht daraus hervor, dass die Missionen anfangs geschont wurden, während später mehrere deutsche und englische Stationen den Empörern zum Opfer fielen. Sie versuchten einen Handstreich auf die Station der Berliner Missionsgesescllschaft bei Dar es Salăm, aber am schwersten hatte die weiter landeinwärts gelegene katholische Mission Pugu zu leiden. Drei Mitglieder wurden getötet, vier andere gefangen genommen und erst nach einigen Wochen gegen ein hohes Lösegeld wieder freigegeben.

Die Seele des Aufstandes, der wahrscheinlich vom Sultan von Sansibar insgeheim unterstützt wurde, war der Mischlingsaraber Buschiri ben Salim. Binnen wenigen Wochen befand sich der gesamte deutsche Besitz mit Ausnahme der durch Kriegsschiffe gedeckten Häfen Bagamoyo und Dar es Ssaläm in der Hand der Rebellen, und in Kilwa fielen als erste Opfer der Empörung die beiden Beamten Krieger und Hessel. Der eine wurde beim Besteigen eines Baumes erschossen, als er der unthätig am Strande liegenden und dann wieder abfahrenden „Möve“ Notsignale geben wollte. Hessel nahm sich durch einen Revolverschuss selbst das Leben, um nicht den grausamen Feinden in die Hände zu fallen.

Trotz des überraschend schnellen Zusammenbruchs der deutschen Herrschaft wurde der Aufstand von der Regierung anfänglich unterschätzt. Als sie sich im Verein mit England und Portugal endlich zu einer Küstenblockade entschloss, hatte Buschiri trotz mehrerer Misserfolge bereits soviele Anhänger gewonnen, dass man ihm zu Lande zu Leibe gehen und für diesen Zweck erhebliche Mittel flüssig machen musste. Der berühmte Durchwanderer des schwarzen Erdteils, Hermann v. Wissmann, wurde mit der Zurückeroberung des verlorenen Gebietes beauftragt. Nachdem er eine 1500 Mann starke Schutztruppc aus Sudanesen und Sulus angeworben, erstürmte er mit Hilfe der Besatzungen der Kriegsschiffe Buschiris stark verschanztes Lager bei Bagamoyo. Leider gelang es dem Bandenführcr, zu entkommen, doch verlor er durch seine Niederlage den grössten Teil seines Anhangs im Küstenlande und wagte es nicht mehr, den Deutschen offen entgegenzutreten. Bald darauf wurde auch der zweite Rebellenführer Bana Heri empfindlich geschlagen. Darauf wandte sich Wissmann der Eroberung des Binnenlandes zu, wo Buschiri die Station Mpwapwa zerstört und eigenhändig einen deutschen Beamten umgebracht hatte. Zum Schutze des wichtigen Strassenknotenpunktes wurde ein Fort errichtet. Inzwischen schlug Wissmanns Stellvertreter Hauptmann v. Gravenreuth bei Bagamoyo die Räuberhorden der Mafiti und Wahehe bis zur Vernichtung, die, von Buschiri aufgewiegelt, mordend und sengend ins Küstenland eingefallen waren. Nun war Buschiri von allen seinen Anhängern verlassen, und nachdem er eine neue Schlappe erlitten hatte, wurde er auf der Flucht gefangen genommen und nach kriegsgerichtlicher Verurteilung gehängt. Den Ruf der Ritterlichkeit, den er sich anfangs erworben und u. a. dadurch bewiesen hatte, dass er die Forschungsreisenden Dr. Hans Meyer und Dr. Oskar Baumann gegen ein gutes Lösegeld freigab*), befleckte er später durch empörende Greuelthaten und durch die verwerflichen Mittel, die er zur Verbreitung der Empörung anwandtc. Sein Tod beraubte die Araber ihres letzten Rückhaltes, und damit war jeder Widerstand gebrochen. Bana Heri musste sich nach Wegnahme seines festen Lagers bei Saadani ebenfalls ergeben, und nunmehr wurde mit aller Kraft die Wicdcrcrobcrung der südlichen Küstenplätze durchgeführt.

*) Glücklicher als seine Vorgänger Baron Karl Klaus von der Decken, Thomson, Johnston, Otto Ehlers, Ludwig v. Höhnel und Graf Telcki, hatte Dr. Meyer 1887 den Kilimandjaro bis zur Eiswand seines Hauptgipfels erklommen. Auf der zweiten Reise kam er nebst seinem Begleiter O. Baumann überhaupt nicht ans Ziel, und beide gerieten durch den mittlerweile ausgebrochenen Aufstand in ernste Lebensgefahr, da sie von Buschiri gefangen genommen wurden. 1889 gelang ihm endlich mit dem Alpinisten Purlscheller die vollständige Bezwingung des Kilimandjaro, der seitdem wiederholt z. B. durch Lent und den Botaniker Volkens untersucht worden ist.

Kaum war der Feldzug siegreich beendet, als der deutsch-englische Vertrag vom 1. Juli 1890 das mühsame Werk Peters’ und Wissmanns wieder vernichtete. Jenes Abkommen bildet für alle Zeiten einen dunklen Punkt in unserer Kolonialgeschichte, und sein Endergebnis lässt sich dahin zusammenfassen, dass wir nichts Wesentliches gewonnen, wohl aber sehr viel verloren haben.

Wir erhielten den ungeheuren Raum vom Indischen Ozean bis zu den grossen Seen und vom Ruwuma bis zum Kilimandjaro, ein gewaltiges Gebiet, das dem Unternehmungsgeiste auf Jahre hinaus ein weites Arbeitsfeld sichert. Genau derselbe Besitz war uns indes schon 1886 zugesprochen, und wir erhielten ihn wieder, beeinträchtigt durch das den Engländern zugestandene Durchzugsrecht, das nach Stanleys Ansicht fast einem wirklichen Besitze gleichkommt. Nur im Südwesten gewannen wir einigen Landzuwachs und dazu die eben erst wieder eroberte Küste, für die wir dem Sultan von Sansibar 4 Millionen Mark Entschädigung zahlen mussten. Ferner bekamen wir eine 0,5 qkm grosse Inselklippc, das uns so teuere Helgoland. Kann man auch die Abtretung des alten deutschen Eilands aus nationalen Gründen mit Freude begrüssen, so giebt es andererseits in den russischen Ostseeprovinzen deutsche Städte, deren Nichtbesitz uns wenig schmerzt. Für diese völlig minderwertige Gegenleistung, über deren militärische Bedeutung die Ansichten sehr geteilt sind und deren Erwerb die erlittenen Verluste an Landbesitz und politischem Ansehen nicht im entferntesten aufwiegt, wurden den Engländern weite Gebiete überlassen, die bis dahin unser unbestrittenes Eigentum waren und zu den uns gemachten Zugeständnissen in keinem Verhältnis stehen. Zuerst gaben wir das von Peters erworbene Königreich Uganda preis, das nicht bloss der Schlüssel zu den Ländern des westlichen Sudan ist, sondern als wasserreichstes, fruchtbarstes, best bebautes und dichtest bevölkertes Land Innerafrikas in wohlthuendem Gegensätze zu den dürren, menschenarmen Steppen des benachbarten deutschen Gebietes steht. Dann opferten wir das Sultanat Witu und mit ihm seinen uns treu ergebenen Herrscher, der im Vertrauen auf den deutschen Schutz der Todfeind der Engländer geworden war und von ihnen schleunigst beseitigt wurde. So stiess man einen der aufrichtigsten Anhänger Deutschlands von sich und verwandelte die Freundschaft der Wituleute in glühenden Hass. Neun Deutsche wurden in einem alsbald ausbrechenden Aufstand ermordet und ihre Pflanzungen vernichtet. Den Engländern gab diese Empörung einen willkommenen Vorwand, den Sultan abzusetzen und sein Land in eine Provinz zu verwandeln, obwohl sie die Selbständigkeit Witus ausdrücklich anerkannt hatten. Dass die Entschädigungsansprüche der Gebrüder Denhardt und der ehemaligen deutschen Wituland-Gesellschaft noch immer nicht erledigt sind, sei nur beiläufig erwähnt.

Drittens traten wir die Somaliküste ab, wo die Deutsch-Ostafrikanische Gesellschaft auf Grund früherer Verträge und Flaggenhissungen ebenfalls vollwichtige Ansprüche geltend machen konnte, und endlich verzichteten wir auf die Inseln Sansibar und Pemba, von denen allein die erstere 3000mal grösser als Helgoland ist. Obendrein stellt ihre gleichnamige Hauptstadt den uralten Mittelpunkt für den ostafrikanischen Auslandshandel dar. Sie ist das Aus- und Eingangsthor fast aller Karawanenstrassen des benachbarten Festlands, und in ihr ist im Gegensätze zu Westafrika der grösste Teil des Verkehrs centralisiert, so dass die deutschen Kaufleute noch jetzt ihre wichtigsten Firmen in Sansibar unterhalten. Das, was Natur, Geschichte und wirtschaftliche Entwickelung fest aneinandergekettet, das hat der Vertrag gewaltsam zerrissen und zwar zu einer Zeit, wo sich der Handel von Sansibar zu Dreiviertel in deutschen Händen befand und uns über kurz oder lang von selbst zugefallcn wräre. Durch Sansibars Verlust ist zwar Deutsch-Ostafrika nicht wertlos geworden. Aber es wird eine sehr schwierige Aufgabe sein, die wirtschaftliche Abhängigkeit zu lösen und den Festlands-verkchr in unsere Häfen abzulenken, zumal unmittelbar vor den Thoren unserer Kolonie die grösste und kapitalkräftigste Kolonialmacht der Welt sitzt, die es ebenfalls nicht an Anstrengungen zur Hebung ihres Besitzes fehlen lassen wird. England hat darin einen um so grösseren Vorsprung, als auf Sansibar Handel und Plantagenbau seit langem in grosser Blüte stehen, während in Deutsch-Ostafrika die durch den Aufstand zerstörten Pflanzungen und Handelsverbindungen erst wieder hergestellt werden mussten. Als Konkurrenzplatz gegen Sansibar ist deutscherseits der Hafen Dar es Ssaläm bestimmt worden. Obwohl er von dem britischen Festlandshafen Mombas, dem Ausgangspunkte der englisch-ostafrikanischen Bahn, noch erheblich übertroffen wird, so ist er immerhin so vortrefflich, dass er schon einmal in den 6oer Jahren an Stelle Sansibars vorübergehend zum Hauptstapelplatz erhoben wurde und eine Zeit lang den Karawanenverkehr aufnahm.

Nicht bedeutungslos ist endlich die Ausbiegung der Nordgrenze, die Taveta dem englischen Gebiete einverleibt. Denn hier treffen die den Kilimandjaro umgehenden Karawanenstrassen zusammen und machen den Ort zum Mittelpunkte eines lebhaften Elfenbeinhandels, dessen Vorteile nicht zum wenigsten unsern Nachbarn zufallen. Wie aber der Handelswert Deutsch-Ostafrikas im Norden und Osten beschnitten ist, ebenso wird er durch das Rückgrat, das die Briten in Innerafrika errichtet haben, im Süden und Osten beeinträchtigt. Wohl schiebt sich der deutsche Besitz wie ein Keil zwischen das englische Nord- und Südafrika, allein dieses Hindernis ist durch das den Engländern zugestandene Durchzugsrecht zu einem guten Teile wieder wettgemacht. Da sie ausserdem Mitbeherrscher der einzigen natürlichen Wasserstrasse des inneren Äquatorialafrika sind, die aus dem Sambesi mit geringen Landunterbrechungen durch die grossen Binnenseen in den Nil führt, so ist es ihnen leicht, den Karawanenverkehr in ihr Gebiet abzulenken.

Alles in allem haben wir, wie Stanley sehr richtig bemerkte, für einen alten Knopf eine neue Hose hingegeben und eine schwere politische, wirtschaftliche und moralische Niederlage erlitten. In Deutschland verursachte der Hosenknopfvertrag, wie er seitdem genannt wird, eine solche Verbitterung, dass das Auswärtige Amt entgegen seiner sonstigen Gepflogenheit in einer Denkschrift die Beweggründe zu dem verhängnisvollen Abkommen zu rechtfertigen suchte und dabei auf die gespannte politische Lage hinwies, die uns den Engländern in die Arme trieb und die übereilte Annahme des Vertrags veranlasste. England hatte übrigens 1890 ebensoviel Ursache, gegen Russland und Frankreich auf der Hut zu sein als Deutschland, und es musste ihm vielleicht mehr an unserer Freundschaft gelegen sein, als uns an einem guten Einvernehmen mit den Briten. Wie trügerisch ausserdem die Hoffnungen waren, die wir auf Grossbritannien setzten, das hat sich bald nach dem Aufgeben der den Engländern soviel wie möglich misstrauenden Bismarck’schen Politik gezeigt, und die britische Freundschaft, deren greifbare Beweise stets gefehlt haben, hat uns nur Nachteile, unsern Vettern jenseits des Kanals nur Vorteile gebracht. In ähnlicher Weise verstand die englische Ländergier die Italiener und das kleine Portugal übers Ohr zu hauen.

Das Witzblatt „Punch“ hat dies seiner Zeit trefflich zum Ausdruck gebracht: Vor seiner Villa steht Mister Bull, ausgezeichnet genährt und trefflich gekleidet, und blickt mit wohlwollender Herablassung auf zwei fahrende Musikanten, Portugal und Italien, die ihn um eine milde Gabe, ein bischen Afrika, anflehen. Sie deuten dabei auf einen dritten armen Teufel, der eben, das verabreichte Almosen einsteckend, sich vergnügt entfernt, Deutschland.

Da der Araberaufstand gelehrt hatte, dass nur das Reich die Aufrechterhaltung der Ordnung zu gewährleisten vermochte, so wurde Deutsch-Ostafrika zur Reichskolonie erklärt. Die Deutsch-Ostafrikanische Gesellschaft erhielt für die Abtretung ihrer Hoheitsansprüche ausser weitgehenden Vorrechten eine jährliche Entschädigung von 600000 Mark und widmete sich fortan gleich den andern im Schutzgebiet thätigen Privatgesellschaften ausschliesslich wirtschaftlichen Aufgaben. Nachdem im Küstenlande der Friede wieder eingezogen war, stellte cs sich bald heraus, dass eine Besetzung gewisser Punkte des Innern notwendig sei, um die grosse Karawanenstrasse nach dem Tanganyikasee und dem Victoria Nyansa zu sichern, das Binnenseengebict dem deutschen Einfluss unterthan zu machen und dem Treiben der Sklavenhändler Einhalt zu thun. Deshalb brach eine grosse Reichsexpedition unter Emin Pascha1) und Dr. Franz Stuhlmann über Tabora zum Victoria Nyansa und darüber hinaus auf (1890—1892) und gründete an seinem Westufer die vielgenannte Station Bukoba. Im Auftrage des Antisklavereikomitees wurde ebenfalls eine ganze Reihe von Expeditionen ins Seengebiet unternommen. Am erfolgreichsten war die Forschungsreise des rührigen Topographen Dr. Oskar Baumann durch das Massailand zum Victoria Nyansa und zur Nilquelle, während Graf Schweinitz, Kapitän Spring und Lieutenant Meyer drei Segelboote auf den See brachten.2) Auf ihrem Wege hatten sie heftige Kämpfe mit den Eingeborenen zu bestehen und kamen gerade rechtzeitig, um das bedrohte Tabora vor dem mächtigen deutschfeindlichen Sultan Sike von Unyamwesi zu retten. Wissmann endlich unterwarf die Stämme um den Kilimandjaro, brachte einen Dampfer auf den Nyassasee und säuberte die zwischen ihm und dem Tanganyika gelegenen Landstriche von der Plage der arabischen Menschenjäger und ihrer eingeborenen Helfershelfer, der Wawemba. Ein rücksichtsloses Vorgehen war hier dringend geboten, wenn nicht das ganze Gebiet veröden sollte, das wegen seiner dichten, kulturell nicht unentwickelten Bevölkerung politisch und wirtschaftlich zu den wertvollsten Teilen der Kolonie gehörte.

1) Emin Pascha war nach seiner „Befreiung“ eben erst mit Stanley und Casati zur Küste zurückgekehrt. Drei Jahre früher hatte Dr. Wilhelm Junker Deutsch-Oslafrika durchzogen, während die zu seiner Unterstützung ausgesandte Dr. G. A. Fischer’sche Expedition (1886) nicht über den Victoriasee Vordringen konnte.

2) Das Seengebiet ist seitdem wiederholt aufgesucht worden, z. B. durch Lieutenant Werlher, den Zoologen Oskar Neumann, Graf Götzen und Oberstlieutenant v. Trotha.

Leider waren diese Unternehmungen die letzten greifbaren Erfolge in der Zeit des Rückgangs, die auch für Dcutsch-Ostafrika angebrochen war. An ihr trug vielmehr die Kolonialleitung in Berlin als der neue Civilgouvemeur Freiherr v. Soden die Schuld, der sich um die Erschliessung von Kamerun hochverdient gemacht und in Ostafrika ebenfalls wirtschaftlich Anerkennenswertes geleistet hat. Die Kolonie war für eine Civilverwaltung mit ihrem Heere von Rechnungs- und Gerichtsbeamten noch nicht reif, und um die nötigen Mittel für den kostspieligen Apparat aus dem Lande zu gewinnen, wurden die bedenklichsten Bahnen eingeschlagen. Als überdies die beträchtlich verminderte Militärmacht in eine Schutz- und Polizeitruppe geteilt und in eine Anzahl kleiner Besatzungen zersplittert ward, da war sie den überall erfolgenden Angriffen und Übergriffen nicht mehr gewachsen. In den August des Jahres 1892 fällt die furchtbare Niederlage der Expedition Zelewski gegen die Wahche. Obwohl deren stürmische Angriftsweisc und plötzliches Erscheinen bekannt war und einen streng gehandhabten Sicherheitsdienst erforderte, liess man es auf dem Marsche an der nötigen Vorsicht fehlen. Die Folge war ein vollständig überraschender Überfall der Wahche, die 10 Europäer, darunter den Führer Hauptmann v. Zelewski, und 350 Farbige niedermetzelten und den Kern der Schutztruppe vernichteten. Bald darauf fielen die Lieutenants v. Bülow und Wolfrum gegen die aufständischen Eingeborenen des Kilimandjaro, die vom englischen Nachbargebiete aus mit Waffen unterstützt wurden. Wohl wurde nun der Civilgouverneur nach zweijähriger Thätigkeit wieder durch einen Militärgouverneur, Oberst v. Scheie, ersetzt. War jedoch ersterer zu bureaukratisch, so war letzterer zu militärisch und begann zur Sicherung oder Errichtung der deutschen Macht zahlreiche Strafexpeditionen, die ebenso nutzlos als kostspielig waren, weil sie alle keinen dauernden Erfolg hatten und die Lage verschlimmerten, statt sie zu bessern. Jeder unbekannte Stamm im Innern, zu dem nicht die geringsten Beziehungen bestanden, sollte zur Anerkennung der deutschen Herrschaft gezwungen werden. Natürlich vermehrte er infolge der Gewaltmassregeln, die man gegen ihn anwandte, die Zahl der Unzufriedenen, und so wurde die Schutztruppe durch das System der Militärpolitik in eine endlose Kette von Streitigkeiten verwickelt, während die ungleich wichtigere Friedens- und Wirtschaftspolitik gänzlich in den Hintergrund trat. Wohl wurden die Wahehe bei der Erstürmung ihres Hauptplatzes empfindlich gezüchtigt, aber sie waren keineswegs beruhigt und griffen, wenn auch erfolglos, die abziehende Schele’sche Kolonne von neuem an.*) Kaum hatte der Gouverneur durch die entscheidende Niederlage, die er den Empörern bei Moschi beibrachte, in einem Teile des Kilimandjaro-Gebietes Ruhe gestiftet, als an einer anderen Stelle des Gebirges die jungen Gelehrten Lent und Kretschmer ermordet wurden. Den ganzen Süden endlich machte der Sultan Machemba und noch mehr der Sklavenhändler Hassan bin Omari unsicher, der auf einem Streifzug zur Küste sogar den Hafenplatz Kilwa einäscherte.

*) Die grosse Schele’sche Fxpedition war reich an wissenschaftlichen Ergebnissen, da sie den wenig bekannten Süden der Kolonie zweimal durchquerte und namentlich das Quellgebiet des Rufiyi nebsi dem Anlande des Nyassasees erforschte.

Da wurde in dem allgemeinen Wirrwarr Wissmann wieder auf seinen alten Posten berufen (Mai 1895), den er wie so viele tüchtige „Afrikaner“ unter den veränderten Zeitläuften hatte verlassen müssen. Durch schneidiges Vorgehen gegen Hassan bin Omari, Machemba und andere Aufrührer, die entscheidend geschlagen und teils gefangen gesetzt, teils hingerichtet wurden, stellte er im Süden die Ruhe wieder her. Ebenso setzte er sich mit den Wahehe friedlich auseinander und liess ihr Land durch Militärstationen überwachen. Endlich leitete er durch zweckmässige Massnahmen, vor allem durch die Neuordnung der Landeigentumsfrage, die den überhandnehmenden unsoliden Scheinkäufen einen Riegel vorschieben sollte, die wirtschaftliche Entwickelung der Kolonie in gedeihliche Bahnen. So hat sich Wissmann als tapferer Soldat ebenso bewährt wie als tüchtiger Kolonisator und Verwaltungschef. Wenn er auch 1896 nach kaum dreivierteljähriger Wirksamkeit sein Amt aus Gesundheitsrücksichten niederlegte, so hat er seinem Nachfolger Oberst Liebert das Schutzgebiet in bester Ordnung übergeben. Allerdings waren noch immer Strafexpeditionen notwendig, z. B. gegen die räuberischen Meruleute, welche die beiden Missionare Seegebrock und Ovir getötet hatten, gegen die den Süden beunruhigenden Wangoni oder Magwangwara und vor allem gegen die Wahehe. Ihre Macht wurde durch den Kompagnieführcr Prince, einen unserer ältesten „Afrikaner“ in einer Reihe von Gefechten und durch Anlage einer festen Station im Herzen ihres Landes endgültig gebrochen. Da aber der alte Oberhäuptling trotz unausgesetzter Verfolgung in seiner schwer zugänglichen Heimat zahlreiche Schlupfwinkel findet und sein Volk zu einem hartnäckigen Verzweiflungskampfe auf hetzt, so dauert der kleine Krieg fort, und es wird wohl nicht eher Ruhe eintreten, als bis der Sultan mit seinen Anhängern unschädlich gemacht worden ist. Im übrigen waren für die neue Verwaltung wirtschaftliche Interessen, die Hebung der kulturellen Thätigkeit, des Pflanzungsbetriebes und des Handelsverkehrs, massgebend, und das Gouvernement bietet alle Gewähr, dass auf der einmal betretenen Bahn unentwegt fortgeschritten wird. Vielleicht ist die Zeit nicht fern, wo alle unsere Schutzgebiete ihre kolonialen Kinderkrankheiten überstanden haben und wo durch friedliche Arbeit das erhalten und gefördert werden kann, was der Wagemut deutscher Männer so mühsam erwarb.

Blicken wir nochmals auf die Geschichte unserer Kolonialpolitik zurück, so haben wir als gefährlichsten Gegner in dem Widerstreite überseeischer Interessen die Engländer kennen gelernt. Sie gingen von der richtigen Erkenntnis aus, dass der im Vergleich zu den übrigen Tropenländem arme Riesenkörper Afrikas nur dann einen lohnenden Gewinn abwerfen könnte, wenn man möglichst viel von ihm und seinen Haupthandelsstrassen besässe. Daher haben sie mit aller Kraft und durch eine grossartige, mit klaren Zielen angelegte Kolonialpolitik die Gründung eines vom Kap bis nach Ägypten sich erstreckenden Reiches angestrebt und sich sowohl der Quantität als der Qualität nach den Löwenanteil Afrikas gesichert. Sie beherrschen die an Afrika vorüberfuhrenden Weltverkehrslinien nach Asien und Australien und ebenso mit Ausnahme des Kongo die ins Herz des dunklen Erdteils führenden Wasserstrassen. Der Niger-Benuë eröffnet ihnen weite Handelsgebiete, der Sambesi die fruchtbaren, goldreichen Hochebenen des Südens, und der Nil giebt ihnen den Schlüssel zum östlichen Sudan. Die Nilländer decken den Seeweg nach Ostindien, und das Hinterland der Kapkolonie gewährleistet den Briten das politische und wirtschaftliche Übergewicht in Südafrika.

Wie wir England hätten entgegenarbeiten sollen, das haben uns die Franzosen gelehrt, deren Besitz unmittelbar hinter dem englischen folgt. Vom Senegal, Niger und von Algerien ausgehend, haben sie im westlichen Sudan ein gewaltiges Kolonialreich geschaffen, vom Kongo aus sind sie ins obere Nilgebiet eingedrungen und haben auch am Roten Meere Fuss gefasst. So steht dem nord-süd verlaufenden Britisch-Afrika ein west-ost verlaufendes Französisch-Afrika gegenüber. Eine Macht sucht die Pläne der andern zu hintertreiben, und das Nil-und Nigergebiet sind diejenigen Stellen, wo ihre Interessen sich kreuzen. Beiden Staaten ist noch ausgiebig Gelegenheit zur Erweiterung ihres Besitzes gegeben. Unsere Kolonien dagegen sind an der Grenze ihrer Ausdehnungsfähigkeit angelangt und werden politisch und handelspolitisch umklammert. Der Traum eines zusammenhängenden deutschen Afrikareiches, der zu seiner Verwirklichung allerdings englischer oder französischer Mittel bedurft hätte, ist vorüber,*) und wir müssen uns im dunklen Erdteil bescheiden mit der zweiten Stelle begnügen, an die wir durch die bekannten Nachgiebigkeitsverträge gerückt sind. Immerhin hat uns die Entwickelungsgeschichte unserer Kolonien gar manche heilsame Lehre gegeben, und drei Abschnitte lassen sich in ihrem Gange unterscheiden.

*) Auf seinem Zuge über den Victoria Nyansa westwärts, der ihm in den Urwäldern des Kongo den Tod brachte, leitete Emin Pascha vielleicht der Plan, eine Verbindung zwischen Deutsch-Ostafrika und Kamerun herzustellen.

Der erste, vielversprechende Zeitraum umfasst die Schaffung eigenen Überseebesitzes durch das diplomatische Geschick des Fürsten Bismarck, das uns in wenigen Jahren zur viertgrössten Kolonialmacht erhob zu einer Zeit, wo die Welt schon vergeben war und wir uns mit den Resten begnügen mussten. Bedächtig erwog der eiserne Kanzler die deutschen Interessen und die Klippen der auswärtigen Politik, prüfte genau etwaige Ansprüche anderer Nationen und gab in zweifelhaften Fällen lieber nach, als dass er eine dauernde Verstimmung erregte. Andererseits hielt er aber mit Entschiedenheit an dem einmal Gewonnenen fest und hätte den Sansibarvertrag nie unterzeichnet. Er war seiner eigenen Versicherung gemäss kein Kolonialschwärmer und erklärte ausdrücklich, dass er mit Geheimräten und Generälen keine Kolonialpolitik treiben könne. Vielmehr sollte die Flagge dem Handel folgen, indem der Kaufmann beim Landerwerb vorangehen und das Reich seine Interessen, wenn sie begründet seien, schützen müsste. Deshalb lautet auch die amtliche Bezeichnung unserer Besitzungen nicht deutsche Kolonien, sondern deutsche Schutzgebiete. Wirklich haben Kaufleute und Privatunternehmer den Grund zu unserm Kolonialreich gelegt, doch zwangen die Ereignisse den Kanzler sehr bald, aus dem engen Rahmen seiner Kolonialpolitik hcrauszutreten und seine Anschauungen, die wohl in der Südsec, nicht aber in Afrika durchführbar waren, erheblich zu ändern. Die „friedliche Eroberung“ des schwarzen Erdteils erwies sich als eine schwer lösbare Aufgabe, und die „tatsächliche Eroberung“, die occupation effective der Franzosen, ist die Eigentümlichkeit der heutigen Kolonialpolitik geworden. Trotz aller Wechselfalle hat Fürst Bismarck die deutschen Kolonialbestrebungen in hohem Masse gefördert, aber ebensowenig vergass er die innere Kolonisation, die in erster Linie der Förderung des Deutschtums in unsern Ostmarken dienen sollte. Er begann eine erfolgreiche Ansiedelungspolitk in den östlichen Provinzen, und nach fachmännischem Urteil giebt es wenige Gebiete, wo das Gedeihen der Ansiedler so sorgsam und verständnisvoll vorbereitet wurde, wie in Posen und Westpreussen.

Dann kam die Zeit des zweiten Kanzlers, unter dem unsere auswärtige Politik eine Politik der Entsagung wurde und zwischen den verschiedensten Verwaltungsgegensätzen des Bureaukratismus, Assessorismus und Militarismus planlos hin- und herschwankte. Caprivi war der kolonialen Bewegung und ihren Vorkämpfern von Haus aus abgeneigt und betrachtete den überseeischen Besitz als ein lästiges Erbe, das man wohl oder übel behalten musste, das aber auf keinen Fall vergrössert werden durfte. Getreu seinem Grundsatz, so wenig von Afrika als nur möglich, liess er die günstigen Gelegenheiten unbenutzt vorübergehen, die uns im dunklen Erdteil und auch sonst im Auslande festen Fuss zu fassen gestattet hätten. Vielmehr liess er sich ruhig die Verkümmerung unseres Besitzes gefallen, gab der englischen South-West-African Company das Damaraland durch einen unerhört günstigen Vertrag preis und leitete mit Grossbritannien wegen der Abtretung Südwestafrikas Verhandlungen ein, die allerdings nicht zum Ziele führten.

Die Notwendigkeit wirtschaftlicher Förderung der Kolonien war in jener Zeit so wenig klar, dass man die Schutzgebiete vielmehr als einen grossen Kasernenhof für abenteuerlustige Offiziere und als eine Versorgungsanstalt für Beamte betrachtete. Statt nach englischem Muster die Erschliessung unseres Überseebesitzes dem freien Wettbewerb privater Unternehmer und Gesellschaften zu überlassen und die Selbstverwaltung der Kolonien so wenig als möglich zu beschränken, wurde eine kostspielige, verwickelte und trotzdem nur unvollkommen arbeitende Verwaltungsmaschine geschaffen, lange bevor sie die wirtschaftlichen Interessen notwendig gemacht hatten. Wenn man wenigstens die Oberleitung erfahrenen Praktikern übertragen hätte! So aber hielt man sic ängstlich fern und betraute mit ihr Juristen, denen bei aller sonstiger Tüchtigkeit jede Kenntnis kolonialer Angelegenheiten abging. Ein Erlass jagte den andern oder musste häufig wieder zurückgenommen werden, weil er verfehlt war, und die Registraturen füllten sich mit Journalnummern und Aktenbündeln. Es wird erzählt, dass ein neuer Beamter bloss deshalb nach Pangani geschickt wurde, weil dort niemand das Heften von Akten gründlich genug verstand, und ein anderer, weil keiner mit den Geheimnissen der Registraturarbeiten in wünschenswerter Weise vertraut war. So wurden die bestehenden Verhältnisse umgeworfen, trotzdem sie sich gut bewährt hatten, und die Neuerungen brachten cs mit sich, dass nach und nach die tüchtigsten „Afrikaner“ vom Schauplatze ihres Wirkens abtraten. Der Wiedereroberer Deutsch-Ostafrikas, Hermann v. Wissmann, musste sein Amt niederlegen, weil er während des Araberaufstandes die Rechnungen nicht so peinlich genau geführt hatte, wie es für gut befunden war. Der verständige, freilich gern in Sensation arbeitende Berichterstatter des Berliner Tageblattes, Eugen Wolf, wurde ausgewiesen, als er scharf und freimütig die in Ostafrika herrschenden Zustände aufdeckte. Der um die wirtschaftliche Entfaltung Kameruns hochverdiente Zintgraff zog sich grollend zurück, weil ihm beständige Zerwürfnisse mit den leitenden Behörden ein gedeihliches Arbeiten unmöglich machten. Dass die wirtschaftliche Seite der Kolonialpolitik gänzlich vernachlässigt ward, dass viele Unternehmungen fehl schlugen, die Ausgaben immer grösser und die Einnahmen immer kleiner wurden, war Nebensache. Karl Kärger hat nachgewiesen, dass der ostafrikanische Handel 1892 nicht, wie verkehrte Änderungen in den zollstatistischen Aufnahmen glauben machen wollten, um 600000 Mark zugenommen, sondern vielmehr um 1 ½ Millionen Mark abgenommen hat. Nicht genug, dass sich die Beamten mit lächerlichen Rangstreitigkeiten gegenseitig verfeindeten, sahen sie in den eigentlich produktiven Bevölkerungsklassen, den Händlern, Kaufleuten und Pflanzern, häufig ein recht lästiges oder überflüssiges Element, statt ihren Wünschen und Bedürfnissen in entgegenkommender Weise Rechnung zu tragen. So verschärfte sich die Spannung zwischen Offizieren, Beamten und Privatleuten immer mehr, und die unerquicklichen Verhältnisse waren nicht dazu angethan, verlockend und einladend auf neuen Zuzug einzuwirken. Kurz, wirtschaftlicher Stillstand und Rückgang und ungeheuere Etatsüberschreitungen waren die Ergebnisse einer solchen Kolonialpolitik. Nur das kleine Togo und die fernen Südseegebiete zeigten eine, wenn auch bescheidene, so doch stetig anhaltende Entwickelung. Ebenso muss es als ein Fortschritt bezeichnet werden, dass auf Veranlassung Dr. Kaysers nach dem Sansibarvertrag der aus sachkundigen Mitgliedern bestehende Kolonialrat errichtet wurde, der das Vertrauen zur kolonialen Sache wieder heben sollte. Er hatte den Zweck, der kurz vorher gegründeten Kolonialabteilung des Auswärtigen Amtes beratend zur Seite zu stehen, und wurde, weil er sich gut bewährte, zu einer wertvollen dauernden Einrichtung. Der Leiter der Kolonialabteilung, der seit 1894 die gesamte Verwaltung der Schutzgebiete einschliesslich der Behörden und Beamten untersteht, der viel und vielfach mit Unrecht angegriffene Geheimrat Dr. Paul Kayser (gestorben 1898), widmete sich seiner keineswegs leichten Aufgabe mit voller Hingebung und hat sich unbestrittene Verdienste um die Hebung des deutschen Kolonialbesitzes erworben, den er in einer schweren Zeit übernahm. Der Vertrag vom 1. Juli .1890, an dem er nicht beteiligt war, hatte eine tiefe Verstimmung hervorgerufen, die Mittel der Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft waren infolge des Araberaufstandes erschöpft, in Deutsch-Südwestafrika begann der langwierige Witbooi-Aufstand, und Kamerun fristete ein kümmerliches Dasein. Unter Kaysers sechsjähriger Amtsthätigkeit mehrten sich die Stationen, die weisse Bevölkerung wuchs, die Zahl der kaufmännischen Geschäfte vergrösserte sich nicht unerheblich, und es entstanden Plantagenunternehmungen, von denen 1890 kaum die Rede war. Die Gesundheitsverhältnisse in den Kolonien besserten sich auffällig, und das Missionswesen nahm einen ungeahnten Aufschwung, mit einem Worte, Kayser verstand es, neues Leben in das deutsche Kolonialwesen zu bringen. Aber auf die Dauer vermochte er nicht gegen die vielfachen Schwierigkeiten und Anfeindungen anzukämpfen, die den letzten Funken kolonialer Begeisterung zu vernichten drohten. Kein Wunder, dass die Mehrheit des Reichstages der Kolonialpolitik völlig abgeneigt war und dass kein Mensch mehr Geld für koloniale Zwecke hergab. Allgemein griff das Gefühl der Unsicherheit und Verbitterung Platz, und schliesslich schien die deutsche Kolonialpolitik thatsächlich auf einen toten Strang gelaufen zu sein.

Da erfolgte 1894 der Umschlag, und die Februarsitzungen des Reichstags bedeuteten eine schonungslose Verurteilung der Caprivi’schen Politik. Von 397 Reichstagsmitgliedern versuchte auch nicht ein einziges den aufs schärfste angegriffenen Kanzler in Schutz zu nehmen, und dieser einmütige Widerspruch war wohl die beste Kritik des von ihm so warm verteidigten Systems, das seinen Sturz mit herbeiführte. Nun war die Bahn wieder frei, und der kräftige Schwung des alten Kurses, der dem neuen Kurs gänzlich fehlte, begann unter dem neuesten Kurs wieder aufzuleben. Noch zu Caprivis Zeit, aber auf Veranlassung des Kaisers erfolgte der wirksame Einspruch Deutschlands gegen den Pachtvertrag, den England mit dem Kongostaat wegen eines Grenzstreifens am Tanganyikasee getroffen hatte, um seinen nord-und südafrikanischen Besitz zu verbinden und Deutsch-Ostafrika allseitig abzusperren. Die Absendung zweier Kriegsschiffe nach der Delagoabai zur Wahrung der durch England bedrohten deutschen und portugiesischen Interessen und zum Schutze der rings von britischem Kolonialgebiet umgebenen Burenstaaten, denen jene Bucht die einzige freie Verbindung mit dem Meere darbietet, leitete die Zeit des Kanzlers Hohenlohe ein. Lebhafteste Zustimmung fand im ganzen Reiche das Telegramm, in dem der Kaiser die Buren zu ihrem Siege über den englischen Friedensstörer Jamcson beglückwünschte, und infolge des entschiedenen deutschen Protestes mussten die Briten ihre Truppen zurückziehen, die sie widerrechtlich ins neutrale Salagagebiet hatten einmarschieren lassen. Die jüngste und folgenreichste Bethätigung des Reiches in seinen überseeischen Aufgaben und ein weiterer Schritt auf dem Wege zur Weltpolitik war aber unsere Festsetzung in dem chinesischen Hafen Kiautschou. Dass wir auf dieser Bahn unentwegt fortschreiten möchten, ist der Wunsch eines jeden Vaterlandsfreundes. Denn die Kolonialpolitik ist ja nur ein Zweig der Weltpolitik, auf die Deutschland zur Sicherung seiner europäischen Stellung und zur Förderung seiner Zukunft im Wettbewerb auf dem Weltmarkt nimmermehr verzichten darf. Freilich muss an die Stelle jugendfrischer, aber mehr oder minder kritikloser Schwärmerei und unstät hin- und hertastender Versuche die ernste, angestrengte Arbeit treten, damit unser Besitz zu wirtschaftlicher Selbständigkeit gelangt und für das Mutterland zu einer Quelle lohnenden Gewinnes werde. Und wahrlich, viel bleibt zu diesem Zwecke noch zu thun übrig und nicht genug können wir hierbei von den Erfahrungen des grössten Kolonialvolks, unserer kolonialen Gegner und Lehrmeister, der Engländer, lernen. Nur an wenigen Punkten der Küste, der Grenzen und der Haupthandelswege haben wir bisher unsere Macht befestigt und friedliche Verhältnisse geschaffen, und bis zur vollen Gewöhnung der Völker an Ruhe, Ordnung und Achtung vor dem Gesetz wird es noch grosser Anstrengungen bedürfen. Zur Verwirklichung dieses Zieles ist vor allem ein militärischer Rückhalt nötig, und die Geschichte lehrt, dass die kolonialen Ausbreitungen der Portugiesen, Spanier, Russen, Franzosen und Engländer stets von Soldaten eingeleitet wurden. Neben dem Soldaten dürfen jedoch auch die eigentlichen Pioniere in der Erschliessung eines Landes, die Kaufleute, Pflanzer, Gewerbetreibenden und Missionare, nicht fehlen, denn nur sie können die Kolonien ihrer wahren Bestimmung dienstbar machen. Die Geschichte unserer Kolonialpolitik ist noch zu jung, um schon jetzt ein entscheidendes Urteil über sie fällen zu können. Aber für unsere neuen Erwerbungen, deren Wert erst die Zukunft richtig zu ermessen vermag, gilt voll und ganz das Dichterwort:

„Hier hilft nun weiter kein Bemühn,

Sind’s Rosen — nun, sie werden blühn.“

Kurt Hassert.

I. Abschnitt:

Deutschlands Kolonien – Geschichtlicher Überblick

II Abschnitt:

Die Erwerbungs- und Entwicklungsgeschichte deutscher Schutzgebiete

III. Abschnitt:

Landes- und Volkskunde der deutschen Schutzgebiete: Deutsch-Ostafrika

IV. Abschnitt:

Landes- und Volkskunde der deutschen Schutzgebiete: Togo

 V. Abschnitt:

Landes- und Volkskunde der deutschen Schutzgebiete: Kamerun

VI. Abschnitt:

Landes- und Volkskunde der deutschen Schutzgebiete: Deutsch-Südwestafrika

VII. Abschnitt:

Das Schutzgebiet der Neuguinea-Kompagnie

VIII. Abschnitt:

Die Marshall-Inseln

IX. Abschnitt:

Die Kiautschou-Bucht

X. Abschnitt:

Die wirtschaftliche Bedeutung der deutschen Kolonialpolitik und der deutschen Schutzgebiete

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