Die Kiautschou-Bucht

Als der Friede von Schimonoseki 1895 den Krieg zwischen China und Japan beendet hatte, zögerten die am ostasiatischen Handel beteiligten Mächte nicht, ihre Interessen nachdrücklichst zu wahren und sich wichtige Vorteile für die Unterstützung zu sichern, die sie dem geschlagenen Riesenreiche bei den Friedensverhandlungen hatten angedeihen lassen. Es ward immer deutlicher, dass sich der wirtschaftliche und industrielle Fortschritt Chinas nicht mehr aufhalten liess. Das ungeheure Land war für die Erschliessung durch europäisches Kapital reif geworden und versprach, einer der zukunftsreichsten Weltmärkte zu werden, nachdem sich seine riesige, arbeitsame Bevölkerung solange gegen das Ausland ablehnend verhalten hatte. Sehr fraglich ist es, ob Chinas Teilnahme am Welthandel dereinst zum Heile Europas sein wird und ob wir uns späterhin der chinesischen Nebenbuhlerschaft werden erwehren können. Nachdem aber der mehr oder minder gewaltsame Eröflfnungsprozess einmal eingeleitet ist, gilt es, möglichst viel von dem zunächst zu erwartenden Gewinn einzuheimsen. Zu diesem Zwecke und um gleichzeitig die politische Entwickelung im fernen Osten besser zu überschauen, beeilten sich Russland, England und Frankreich, den massgebenden Einfluss, den sie bereits auf jenem verheissungsvollen Schauplatze des wirtschaftlichen Wettbewerbs ausübten, noch mehr zu festigen. Nur Deutschland unterliess es, sich eine starke Stellung zu schaffen, obgleich sie eine unabweisbare Notwendigkeit war. Das zeigte nicht bloss der eben zu Ende gegangene Krieg, sondern nicht minder drängte darauf hin der deutsch-chinesische Handel, der in den letzten Jahrzehnten sich verdreifacht hatte und heute unmittelbar, wenn auch in weitem Abstande, hinter dem englischen folgt. Musste doch die erst 1886 eingerichtete Reichspostdampferlinie sehr bald die Zahl ihrer Schiffe verdoppeln und statt des vierwöchigen den 14-tägigen Betrieb einfuhren!

Allerdings erhielten wir beim Friedensschluss zwei sogenannte Kronkonzessionen d. h. zwei Gebiete, die, obwohl chinesisches Eigentum, uns zu alleiniger Benutzung überlassen wurden. Das eine Konzessionsgebiet befindet sich in Tientsin, dem Vorhafen der Reichshauptstadt Peking, das andere liegt in Hankou am Jangtsestrom. Letzteres ist von besonderer Bedeutung, weil die wichtige Zweimillionenstadt, die trotz ihrer weiten Entfernung von der Küste (600 km) von den grössten Dampfern erreicht werden kann, den Hauptstapelplatz für den Theehandel und die Einfuhr in die chinesischen Mittelprovinzen darstellt. Einmal besassen jedoch die andern Staaten längst diese Vergünstigung, und dann bot ein solcher Besitz weder einen geeigneten Stützpunkt, noch einen zweckentsprechenden Beobachtungsposten dar, so dass Deutschland nach wie vor eine nur durch Verträge in China zugelassene Macht blieb. Ein Volk aber, das in dem Masse auf den Weltmarkt hingewiesen ist wie das deutsche und das in Ostasien schwerwiegende Interessen zu verteidigen hat, musste schliesslich daran denken, ebenfalls ein wenn auch noch so kleines Küstengebiet als unbeschränktes, unter seinem Hoheitsrecht stehendes Eigentum zu erwerben. Wollten wir in China und Japan wirtschaftlich und politisch nicht an zweiter Stelle stehen, so mussten wir eine Heimstätte besitzen, damit die deutsche Arbeit und Intelligenz dem eigenen Vaterlande Nutzen bringen und nicht mehr wie früher Fremden zu gute kommen sollte. Ferner machte die zunehmende Ausdehnung unseres Handels seit Jahren die dauernde Anwesenheit eines schützenden Kriegsgeschwaders in den ostasiatischen Gewässern notwendig. Die Kriegsschiffe brauchen aber ebenso wie die Handelsschiffe einen Zufluchtsort, in dem sie ausgerüstet und ausgebessert werden, Kohlen und Lebensmittel einnehmen oder Unterschlupf und Ersatz finden und dadurch ihre Schlagfertigkeit verdoppeln können, ohne von dem guten und manchmal auch weniger guten Willen neidischer Nachbarn abhängig zu sein.

Das Verlangen nach einem befestigten Stützpunkte in Ostasien ist nicht neu, sondern seit mehr als 30 Jahren sind Vorschläge in diesem Sinne gemacht worden. Der berühmte Erforscher Chinas, Freiherr v. Richthofcn, wies schon 1870 angelegentlich auf die Kiautschou-Bucht hin, deren grosse Vorzüge er klar erkannte, und einige Jahre darauf regte Kronprinz Friedrich Wilhelm, der spätere Kaiser Friedrich III., wiederum die Erwerbung eines chinesischen Küstenplatzes an. Alle jene Pläne gerieten indes über anderen politischen Aufgaben wieder in Vergessenheit, und erst der Ausbruch des chinesisch-japanischen Krieges, in dessen Verlauf Deutschland anfänglich auf Japans Seite stand, dann aber eine Schwenkung zu Chinas gunsten vollzog, brachte die Frage von neuem ins Rollen. Bald nach Friedensschluss suchte die deutsche Kolonialgesellschaft in einer Eingabe an den Reichskanzler den Nachweis zu führen, dass Deutschland ein gleich gutes Recht wie die andern Handelsmächte auf einen ihm von China zu gewährenden Vorteil habe, der im Hinblick auf die dort vertretenen Interessen in der Anlage einer Flotten-und Kohlenstation bestehen müsse. Die Gesellschaft richtete ihre Bitte dahin, es möchten, noch bevor China sich wirtschaftlich und militärisch gekräftigt hätte, Massnahmen zur Besitzergreifung eines geeigneten Platzes getroffen werden. Auf Grund dieser und anderer gewichtiger Stimmen erhielt unsere Kriegsmarine den Auftrag, die chinesische Küste nach einem passenden Punkte abzusuchen. Zur Prüfung der vorgeschlagenen Häfen sandte die Regierung später einen Fachmann, den Geheimen Marinebaurat Georg Franzius, ab und leitete gleichzeitig Verhandlungen mit dem chinesischen Auswärtigen Amte, dem Tsungli Yamen, ein. Diese wollten indes nicht vorwärts kommen, da man chinesischerseits die Angelegenheit unter allen möglichen Vorwänden in die Länge zu ziehen suchte. Das Unternehmen wäre vielleicht gänzlich gescheitert, wenn es der Kaiser nicht persönlich in die Hand genommen und sich selbst mit dem Zaren Nikolaus von Russland ins Einvernehmen gesetzt hätte. Im Sommer 1897 waren unsere leitenden Kreise endgültig entschlossen, die Erwerbung der Kiautschou-Bai als maritimen Stützpunkt und als Eingangsthor zu den nordchinesischen Märkten mit aller Kraft zu erstreben. Alles war aufs sorgfältigste vorbereitet, das ostasiatische Geschwader «aufs beste ausgerüstet, und es fehlte nur noch ein triftiger Anlass zum Einschreiten. Die Gelegenheit, das im Frieden von Schimonoseki Versäumte nachzuholen, sollte nicht lange auf sich warten lassen. Im November 1897 wurden in der Provinz Schantung bei einer von den chinesischen Behörden geduldeten Aufhetzung die beiden deutsch-katholischen Missionare Nies und Henle von einer fanatischen Volksmenge ermordet, während ein dritter, Stenz, durch Zufall dem Tode entging. Da erschienen noch in demselben Monat, am 14. November, plötzlich und unerwartet drei deutsche Kriegsschiffe unter Viceadmiral von Diederichs vor der Kiautschou-Bucht und besetzten das die Einfahrt deckende Lager von Tschingtau, ohne seitens der 1600—2000 Mann starken Besatzung den geringsten Widerstand zu finden. Vielmehr war eine Ehrenkompagnie zum Empfange aufgestellt. Der chinesische General Chang erstaunte aber nicht wenig, als die deutschen Landungstruppen die Befestigungen und Munitionshäuscr besetzten und ihn aufforderten, binnen drei Stunden mit seinen Leuten abzurücken. Angesichts der Überlegenheit des Gegners gab der Befehlshaber nach, und am Nachmittag wurde unter dreimaligem Hurra die deutsche Flagge gehisst. Somit war die Besetzung der Bai ohne Blutvergiesscn erfolgt und wurde alsbald auf die Umgebung, vorübergehend auch auf die Städte Kiautschou und Tsimo ausgedehnt. Zum Zeichen, dass Deutschland gesonnen war, die eben errungene Stellung unter allen Umständen zu halten, wurde fast die gesamte Marineinfanterie und ein neues Panzergeschwader unter dem Oberbefehl des Prinzen Heinrich nach Ostasien gesandt.

Anfänglich glaubte man allgemein, dass der überraschende Schritt Deutschlands geschehen sei, um für die Ermordung der christlichen Glaubensbotcn Genugthuung zu erhalten. Wenn aber auch die häufigen Angriffe gegen das Leben und Eigentum unserer deutschen Missionare einen starken und dauernden Schutz wünschenswert erscheinen Hessen, so lagen doch die wahren Gründe, die erst nach und nach bekannt wurden, viel tiefer. Denn der an sich beklagenswerte Zwischenfall wäre wohl auf diplomatischem Wege oder, um eine schnelle Erfüllung der Forderungen zu veranlassen, durch vorübergehende Besetzung eines Küstenplatzes erledigt worden, wenn nicht schwer wiegende wirtschaftliche und politische Erwägungen die dauernde Fussfassung Deutschlands im Reiche der Mitte veranlasst hätten.

Die Verhandlungen zwischen den beiderseitigen Regierungen schnitten jede Besorgnis kriegerischer Verwickelungen ab und führten am 6. März 1898 zur Unterzeichnung eines Vertrages, der uns in der Provinz Schantung weitgehende Bergwerks- und Eisenbahngcrechtsame cinräumte und den lang ersehnten Stützpunkt brachte. China verpachtete uns nämlich, vorläufig auf 99 Jahre, das gesamte innere Wasserbecken der Kiautschou-Bai bis zur Hochwassergrenze, ferner die beiderseits des Eingangs vorspringenden Halbinseln Lauschan und Hwangtau bis zu deren natürlicher Begrenzung durch geeignete Höhenzüge, sowie die der Bucht vorgelagerten Inseln. Die grössten von ihnen sind die Eilande Toloschan und Thsalientau; dazu gesellen sich innerhalb des Wasserbeckens die Inseln Tschiposan oder Hwangtau (8 qkm) und Yintau oder Potato Island (30 qkm). Das so umschriebene Gebiet umfasst insgesamt 920 qkm Fläche, wovon der grössere Teil (550 qkm) auf den Wasserspiegel der Bucht entfallt. Aber der deutsche Einfluss reicht noch weiter, indem die Bai halbkreisförmig von einer neutralen Zone umgeben wird, die bei 50 km Länge rund 7100 qkm Flächeninhalt besitzt und die Stadt Kiautschou mit einschliesst. Wenn auch dieser breite Landgürtel nicht unter deutscher Oberhoheit steht, so darf die chinesische Regierung doch keine Massnahmen und Anordnungen ohne vorhergehende Zustimmung Deutschlands treflen. Innerhalb des eigentlichen Pachtgebictcs dagegen, dessen Pachtsumme übrigens gering ist, verzichtet China vollständig auf seine Oberhoheitsansprüche, so dass der deutsche Pächter wie im eigenen Lande schalten und walten kann. Alles in allem sind die Bedingungen derart, dass die Pachtung nur eine aus politischen Rücksichten gegen China gewählte Form ist und dass vielmehr der Fall einer verschleierten Abtretung vorliegt.

So war Deutschland zum zweitenmal seit der Erwerbung seiner afrikanischen und Südseekolonien aus seinem heimatlichen Machtbereiche herausgetreten. Ohne jeden Verlust war durch das umsichtige, thatkräftige Einschreiten der Regierung und der Kriegsmarine ein Stützpunkt gewonnen, der für die Weiterentwickelung unseres ostasiatischen Handels von ausschlaggebender Bedeutung zu werden verspricht und deshalb seitens der Mehrheit unseres Volkes die lebhafteste Zustimmung fand. Um aber das durch die Besetzung von Kiautschou in Ostasien gestörte Gleichgewicht wiederhcrzustcllen, traten auch die andern Mächte mit Forderungen an China heran und zwangen cs zu weiteren erheblichen Zugeständnissen. Russland erhielt auf 25 Jahre die Südspitze der Halbinsel Liautung mit der Bucht von Talienwan und dem wichtigen Kriegshafen Port Arthur, der die Einfahrt in den Pctschili-Golf und damit den Zugang nach Peking beherrscht. Für dieselbe Zeitdauer wurde England der Kriegshafen Weihaiwei an der Nordküste der Schantung-Halbinsel zugesprochen, der ebenfalls den Busen von Petschili bedroht. Frankreich endlich sicherte sich das Vorkaufsrecht auf die grosse Insel Hainan und pachtete die ihr gegenüberliegende Kwangtschou-Bucht. Ausserdem bestimmte China selbst noch drei Küstenplätze zu Vertragshäfen, so dass deren nunmehr 28 dem ausländischen Verkehr geöffnet sind.

Warum begnügte sich Deutschland mit einem verhältnissmässig so kleinen Küstenstrich, und warum legte es seine Hand gerade auf die Bai von Kiautschou?

Es ist klar, dass Kiautschou anders zu bewerten ist als unsere afrikanischen Kolonien und Südseeschutzgebiete, deren Wert davon abhängt, ob ihr Grund und Boden die Ausbeutung lohnt, ob sie die Kolonialerzeugnisse der Tropen in reichlicher Menge liefern oder deutschen Auswanderern den Aufenthalt gestatten. Schon die Grösse unserer ostasiatischen Besitzung zeigt, dass sie keine Kolonie im bisherigen Sinne ist.

Wenn es sich bei den jüngsten Vorgängen um eine Teilung Chinas gehandelt hätte, von deren Beginn man öfters reden hört, so wäre die Besitzergreifung eines grösseren Gebietes gewiss angezeigt gewesen. Nach fachmännischem Urteil erscheint jedoch eine Zerstückelung des chinesischen Riesenkörpers wegen der innern Gleichförmigkeit und Geschlossenheit seiner Bevölkerung sehr zweifelhaft, ganz abgesehen davon, dass keine der in Frage kommenden Mächte Geld und Menschen genug besitzt, um mit dauerndem Erfolg gegen eine Volksmenge anzukämpfen, die mit 400 Millionen Seelen die Einwohnerzahl des gesamten Europa noch um ein Beträchtliches übertrifft. Viel eher würde eine Verschiebung der europäischen Interessen nach Asien die Folge sein, und die fremden Eindringlinge würden wie alle früheren Eroberer in den Chinesen aufgehen. Was wir in Ostasien suchten und fanden, war nicht ein Land zur Verwaltung und für deutsche Einwanderung, sondern eine Heimstätte für unsere Schiffe und eine Operationsbasis zur Wahrung und Förderung unserer Handelsinteressen. Hierzu eignet sich ein beschränkter, aber zweckentsprechender Platz, der übrigens weit grösser als die englische Insel Hongkong (83 qkm) ist, viel besser als ein ausgedehntes Gebiet, dessen Besetzung und Beherrschung nur mit einer Kette von Schwierigkeiten verknüpft wäre. Nicht gegen Chinas Willen, sondern mit seiner Genehmigung und womöglich mit seiner Beteiligung sind die bisher errungenen Erfolge weiter auszunutzen, und je mehr der Hafen, das Herz des von ihm abhängigen Hinterlandes, emporblüht, um so nachhaltiger wird der von uns ausgehende Einfluss werden. Sein Besitz, den die erlangten Bergwerks- und Bahngerechtsame erst wertvoll machen, ist doch nur Mittel zum Zweck, denn er bietet einen Punkt dar, von dem aus das Innere erschlossen werden kann, einen Stapelplatz für deutsche Waren, eine Centralstelle für deutschen Unternehmungsgeist und deutsches Kapital, eine Einfallspfortc und endlich eine hervorragende Flotten- und Kohlenstation.

Die Wahl eines geeigneten Küstenplatzes war keineswegs leicht, weil gar viele Gesichtspunkte politischer, militärischer und wirtschaftlicher Art Berücksichtigung erheischten. Vor allem galt cs, einen eisfreien, wohlgeschützten Hafen mit guter Einfahrt und sicherem Ankergrunde zu gewinnen, dessen Ufer genügenden Raum für die Anlage einer Stadt und der notwendigen schiffstechnischen Einrichtungen gewährten. Dann musste das Klima gesund und die Lage so beschaffen sein, dass weder die eigenen Interessen beeinträchtigt, noch die fremden durchkreuzt wurden. Beispielsweise war anfänglich nicht abzusehen, wie sich der Zar zu der geplanten Erwerbung stellen würde; denn da Nordchina ins russische Interessengebiet fallt, so hatten die Russen für den Bedarfsfall ihre Hand bereits auf die Kiautschou-Bucht gelegt und sie für ihre Kriegsschiffe als Winterstation benutzt. Endlich musste der neue Hafen nicht nur ein brauchbarer Rückhalt sein, sondern auch die Kosten für seine Instandsetzung und Befestigung mit der Zeit von selbst aufbringen können.

Sehen wir uns auf Grund dieser Forderungen die chinesische Küste näher an, so besitzt sie trotz ihrer gewaltigen Erstreckung über 20 Breitengrade und ihrer teilweise sehr reichen Gliederung bloss drei, genau genommen zwei Haupteingangsthore. Einmal sind die Flussmündungen sehr oft durch lästige Barren gesperrt; dann erschweren die unmittelbar hinter dem Gestade steil ansteigenden Bergketten die Verbindung mit dem Innern und beschränken den Verkehr auf den Wasserweg, der wegen des kurzen Laufes der meisten Flüsse nicht tiefer als 250 km ins Binnenland reicht und nur ein kleines Gebiet eröffnet. Infolgedessen entspricht der Buchtenreichtum der Küste nicht der scheinbaren Aufgeschlossenheit des Hinterlandes, und demgemäss haben die drei in jeder Weise brauchbaren Zufahrtswege, der Sikiang im Süden, der Jangtsekiang in der Mitte und der Pciho im Norden, eine hohe Bedeutung. Den Verkehr auf dem Sikiang beherrscht die alte Handelsstadt Kanton im Verein mit der portugiesischen Niederlassung Macao und der britischen Insel Hongkong. Die letztere hat im südchinesischen Handel eine erdrückende Machtstellung erlangt, die jeden Wettbewerb ausschliesst, weil sie einen Stapelplatz, Vermittelungs- und Umschlageort für alle die Einfuhrgegenständc bildet, die nicht unmittelbar nach den einzelnen Vertragshäfen verschifft werden oder die einen notwendigen Vorrat für die Befriedigung des Einfuhrbedürfnisses der kleineren Küstenorte darstcllcn. Die 1895 in Hongkong ein- und auslaufenden Schiffe hatten einen Gehalt von 15 Millionen Tonnen — 3 Millionen Tonnen mehr, als der Hamburger Seeverkehr in jenem Jahre aufwics —, und cs ist berechnet worden, dass 45% der chinesischen Einfuhr und 41% der Ausfuhr über Hongkong gehen. Ausserdem ermöglicht der Sikiang mit allen seinen Zuflüssen einen bequemen und billigen Binnenverkehr, der nur kurze Landwege zu überschreiten braucht, um die Waren ins Stromgebiet des Jangtse hinüber zu führen. Da jener Riesenstrom ein ungleich ausgedehnteres Hinterland crschliesst und das ungeheure, weit verzweigte Kanalnetz Mittelchinas aufnimmt, so hat sein Mündungsplatz Schanghai, dem der riesige Verkehr zufliesst, alle andern Küstenstädte ohne Ausnahme weit überflügelt und ist das wichtigste Handelscentrum ganz Chinas geworden. In Schanghai tritt am deutlichsten die Art des chinesischen Binnenverkehrs zu Tage, wie er in den Vertragshäfen üblich ist. Der an der Küste ansässige eingeborene Grosskaufmann kauft von den europäischen Firmen nach vorgelegten Mustern und verschickt die empfangenen Waren weiter ins Innere nach einer grossen Zahl von Handelsplätzen, von denen die meisten den Europäern kaum dem Namen nach bekannt sind. Von dort aus gehen die Güter auf Kanälen wiederum nach allen Teilen des Reiches auseinander, bis sie endlich, oft erst nach sehr langer Zeit, an ihrem letzten Bestimmungsorte anlangen. Die Bedeutung von Schanghai ist um so grösser als nördlich von der Jangtsemündung eine einförmige, unzugängliche Flachküste einsetzt, die nur in dem buchtenreichen Felsgestadc der weit vorspringenden Schantung-Halbinsel eine Unterbrechung erleidet und von fortschreitender Versandung und Verschlammung bedroht wird. Daher beruht die Wichtigkeit des Hafens von Tientsin an der Peihomündung viel weniger auf der Gunst der Naturbeschaflenheit als auf der Nachbarschaft der Hauptstadt Peking.

Die drei eben genannten Eingangspforten kamen aus politischen Gründen für eine friedliche Erwerbung von vornherein nicht in Betracht, und ebenso musste ein Ankämpfen gegen ihre altbefestigten Handelsbeziehungen von Anfang an aussichtslos erscheinen. Es blieb also deutscherseits nichts übrig als sich nach andern Stützpunkten umzusehen, und man dachte zunächst an den Vertragshafeh Amoy, der trotz zahlreicher Riffe im allgemeinen einen guten Ankerplatz darstellt. Doch nahm man von seiner Besetzung bald wieder Abstand, weil das Klima im Sommer nicht günstig und das Hinterland nicht ausgedehnt ist. Obendrein verliert sein Handel, der vornehmlich Theehandcl ist, in zunehmendem Masse, weil er durch die Konkurrenz von Hongkong und Schanghai sehr beeinträchtigt wird. Dann liefert Formosa, seitdem es den Japanern gehört, seinen Thee nicht mehr nach Amoy, sondern nach Japan, und endlich fällt der Wettbewerb des indischen Thees schwer ins Gewicht, weil er durch verbesserte Kultur und geeignete Behandlung immer mehr veredelt wird, während die chinesischen Thecbauern aus Mangel an Mitteln hierzu nicht imstande sind. Noch weniger Vorteile als Amoy bot die nördlicher gelegene, aus fünf Teilbuchten zusammengesetzte Samsahbucht, obwohl sie wahrscheinlich leichter zu erwerben gewesen wäre als ein Vertragshafen. Ihre Gesundheitsverhältnisse und das schwer zugängliche Binnengebiet sind nicht sonderlich günstig, die mit dem starken Flutwechsel verbundenen Strömungen sind unbequem, und ausserdem stand zu befürchten, dass bei der Menge der südchinesischen Vertragshäfen ein neuer Küstenplatz, in dem alles erst geschaffen werden musste, keine ausreichende Handelsbedeutung erlangen würde. Unter solchen Umständen schien es am besten, einen Küstenpunkt in Nordchina aufzusuchen, und die Wahl fiel nach anfänglichen Bedenken auf die Bai von Kiautschou. Denn sie entsprach durch ihre günstige geographische Lage sowohl als durch die Beschaffenheit ihres Hafens und ihrer Umgebung allen militärischen und wirtschaftlichen Anforderungen am ehesten und bot in sich selbst die Möglichkeit der Selbsterhaltung. Auch war die Bucht insofern von nicht zu unterschätzendem Werte als man von ihr aus in 20 Stunden Schanghai, in 24 Stunden die Peihomündung oder den koreanischen Haupthafen Tsche-mulpo und in 30 Stunden die Meeresstrasse zwischen Japan und Korea erreichen kann.

Die Deutung des Namens unserer jüngsten überseeischen Erwerbung — bald Kiautschau oder Kiaotschau, jetzt allgemein Kiautschou geschrieben — hat zu verschiedenen Auslegungen Veranlassung gegeben. Einmal hat man ihn als „stolze Stadt“ erklärt, dann führte man ihn auf eine in alten Schriften öfters erwähnte nichtchinesische Völkerschaft zurück, die hier ansässig war und sich lange unabhängig erhalten hat. Im 6. vorchristlichen Jahrhundert wrurde sie unterworfen, und der damals gegründete Ort erhielt den Namen Kiautschou. Genaue Kenner der chinesischen Sprache haben nun ihre Meinung übereinstimmend dahin abgegeben, dass jener eingeborene Stamm nicht Kiau, sondern Kiai hiess und dass der Name der Stadt auf den benachbarten Kiaufluss zurückzuführen sei. Das für die Silbe Kiau angewendete Schriftzeichen dient zur Bezeichnung von Leim, während Tschou die Kreisstadt heisst und angiebt, dass in dem betreffenden Orte die Regierung des Kreises ihren Sitz hat. Demnach würde die deutsche Übersetzung von Kiautschou „Leimstadt“ lauten, und die Deutschen sind glückliche Besitzer der Leimbucht.

Die nordchinesischc Provinz Schantung entsendet einen gebirgigen Ausläufer gleichen Namens, der das Gelbe Meer vom Golfe von Petschili trennt. Unfern der Stelle, wo der Hals der 350 km langen und im Mittel 125 km breiten Halbinsel dem Fcstlandskörper ansitzt, öffnet sich an der Südostseite unter 36° N die geräumige Bai von Kiautschou. Ihr Eingang ist bei klarem Wetter ohne Schwierigkeit anzusteuern, weil er durch eine Reihe vorgelagerter Felseilande verraten wird und weil der 1400 m hohe Granitwall des schroffen, zackigen Lauschangebirges1) eine weithin sichtbare Landmarke darbietet. Die Erhebungen zur Linken der Einfahrt sind zwar nicht über 675 m hoch, dienen aber dem Seemann ebenfalls als untrügliche Wahrzeichen, und die buchtenreichen Halbinselvorsprüngc des Lauschan im Nordosten, des Tamoschan und Hwangtau im Südwesten treten so nahe aneinander, dass sie nur einen 3,4 km breiten und 20—40 m tiefen Kanal frei lassen, der das eigentliche Kiautschou-Beckcn von der Vorbucht von Tschingtau trennt. Dank dieser Begünstigung ist das Innere der Bucht leicht zu sperren und gut zu verteidigen, und die gegen einen Seeangriff gedeckte Wasserfläche, unter deren Inseln Yintau und Tschiposan die grössten sind, vermag unsern Kriegs- und Handelsschiffen eine erwünschte Zufluchtsstätte vor einem überlegenen Gegner zu gewähren, namentlich dann, wenn der natürliche Schutz durch Anlage von Befestigungen wirksam erhöht werden wird.

Die 33 km lange und 26 km breite Bucht erinnert mit ihrer Umrissgestaltung in mancher Beziehung an den Jadebusen und lässt auch viele der Vorteile nicht vermissen, die den Kieler Hafen auszeichnen.

1)Der Lauschan ist ein Glied eines die Küste begleitenden Gneisgebirges, das durch tiefe Querthäler zerstückelt ist. In manche der das Gebirge quer durchsetzenden Einschnitte, die nur schmale Einfahrten gewahren, ist das Meer eingedrungen und greift in Gestalt von beckenartigen Erweiterungen zwischen die Gcbirgsstöcke ein. Die grösste dieser Buchten ist die Kiautschou-Bucht. Die kleinere, ähnlich gestaltete Tinglsetswi-Bucht diente früher ebenfalls als Hafen, bis sie durch die zunehmende Versandung unbrauchbar gemacht wurde.

Das umgebende Land fällt im Süden und im Bereiche der die Einfahrt einengcndcn Halbinseln steil ab, sonst ist es sanft abgedacht und leicht gewellt oder flach und wird nur selten von niedrigen Einzclkcgcln unterbrochen. Der Unterschied zwischen Ebbe und Flut beträgt 3 bis 4 m, also etwa ebensoviel wie an unserer Nordsccküstc. Die ausgedehnte Wasserfläche erzeugt einen starken Seegang, der zeitweilig, namentlich in den beiden ersten Monaten des Jahres, wo die Nordwestwinde mit unangenehmer Heftigkeit wehen, den Verkehr mit kleinen Booten und Leichterschiffen unmöglich macht. Im übrigen ist die Bai gegen die Gewalt der herrschenden Nordost- und Südwestwinde gut geschützt, und die Umgebung erfreut sich eines den Europäern durchaus zuträglichen Klimas, das allseitig als das vorzüglichste der ganzen Küste gerühmt wird. Infolge dessen und wegen der ausgezeichneten Beschaffenheit des Strandes kann man dem deutschen Hafcnplatz auch als Sommerfrische und Badeort eine Zukunft Vorhersagen, sodass über kurz oder lang die erholungsbedürftige Menschheit Ostasiens an der deutschen Küste ebenso wie heute in Tschifu Heilung und Kräftigung finden wird. Regen und Nebel sind allerdings häufige Erscheinungen, und der Sommer ist, da Kiautschou unter der Breite Siciliens liegt, sehr warm. Aber die beständig wehende kühle Seebrise und die Trockenheit der Luft machen die Hitze weniger drückend. Im Winter treten Frost und Schneefall ein; doch frieren nur die seichten Wattflächen, also die für die Schiffahrt bedeutungslosen Uferstrcckcn im Nordwesten der Bai, zu. Bloss bei besonders strenger Kälte wird die Eisdecke zeitweilig so stark, dass man von Yintau bis zur Insel Tschiposan zu Fuss gehen kann. Dagegen bleiben die für die grossen Seeschiffe zugänglichen Ankerplätze eisfrei oder überziehen sich höchstens mit einer sehr schwachen, schnell vorübergehenden Eishaut, die dcnVerkehr in keiner Weise hindert. Auf dieser klimatischen Bevorzugung beruht nicht zum wenigsten der hohe Wert unseres Besitzes, weil die übrigen nordchinesischen Häfen mit Ausnahme von Tschifu unter gewöhnlichen Verhältnissen allwinterlich zufrieren, so dass in ihnen die Schiftahrt vom Oktober bis zum März ruht. So gewährt die Kiautschou-Bucht jederzeit einen willkommenen Zufluchtsort, dessen Hafenanlagcn freilich erst geschaffen werden müssen, weil bisher bloss beim Lager von Tschingtau zwei Landungsquais vorhanden sind, die den Dampfbooten auch bei Niedrigwasser das Anlegen gestatten. Zum Zwecke der Nutzbarmachung bedarf es glücklicherweise nur geringer Nachhilfe, und die zahlreichen aus Gneis und Kalkstein bestehenden Felsriffe, die sich vom Ufer aus über und unter Wasser fortsetzen, lassen sich ohne erhebliche Kosten durch Aufmauerung zu Landungsdämmen und Wellenbrechern umwandeln. Südlich von Yintau, das, wie es scheint, an der Nordseite durch Anschwemmungen landfest geworden ist, beträgt die Tiefe 20—50 m, und von der trefflichen, wohlgeschützten Tschingtau-Bucht aus setzt sich ein 8—10 m tiefer Kanal in 1000m Breite noch 7 ½ km längs des Nordostrandes der Bai fort, so dass die für Seeschiffe zugängliche Wasserfläche etwa 56 qkm Raum cinnimmt. Im Übrigen vermindern sich die Tiefen binnenwärts bald nach allen Richtungen, und seichter Boden erfüllt einen grossen Teil des Beckens. Doch ist der Untergrund frei von schlammigen Sinkstoffen, so dass er nicht durch kostspielige Baggerarbeiten ständig offen erhalten werden muss. Vielmehr sind überall Sandmassen abgelagert, die von den einmündenden Flüssen im Laufe der Zeit in die Bucht vorgeschoben wurden und sich zu weiten Wattflächen anhäuften. Letztere bedecken nach Franzius allein an der Nord-seite der Bai eine Fläche von mehr als 120 Millionen Quadratmetern und verhüllen als ein breiter, bei Niedrigwasser trocken fallender Strandsaum das anstehende Gestein samt den vom Uferrande auslaufenden Riffen, überall belebt von beutesuchenden Wat- und Schwimmvögeln. Die Versandung ist so erheblich fortgeschritten, dass die Stadt Kiautschou, die bei ihrer Gründung vor 2 ½ Jahrtausenden unmittelbar am innem Ende der Bucht lag, heute durch ein 8 km breites, mit vielen Wasserlachen durchsetztes Sumpfland von ihr getrennt ist. Die Waren müssen auf kleine Boote umgeladen werden, während die chinesischen Handelsschiffe, die Dschunken, früher bis an die Stadtmauer heransegelten. Vielleicht hat auch eine geringe Hebung des Landes, auf die einige Anzeichen hindeuten, die Bildung von Untiefen befördert. Wenn schon diese unangenehmen Erscheinungen die Bai als Hafcnplatz keineswegs untauglich gemacht haben, so erschweren sic doch den Zugang, beschränken die Benutzbarkeit der verfügbaren Wasserfläche und verlangen geeignete Gegenmassregeln, die um so leichter durchführbar sind, als die Versandung nur von einzelnen Punkten, den Flussmündungen, ausgeht. Dort muss man den Sand auffangen und ihn zwingen, sich an solchen Stellen niederzuschlagen, wo er nicht schädlich und gefährlich, sondern nützlich sein kann. Kerner gilt es, die Wurzeln des Übels durch eine umfassende Wiederbewaldung zu verstopfen. Die frühe Besiedelung und die Übervölkerung haben eine unbedachte, rücksichtslose Waldverwüstung zur Folge gehabt, und der Gneis des Berg- und Hügellandes ist bis in grosse Tiefen völlig zersetzt, so dass das schutzlose Gestein vom Wasser leicht zerstört, aufgerissen und fortgeführt werden kann.

Die Zuflüsse der Kiautschou-Bucht und der Provinz Schantung überhaupt sind im allgemeinen bedeutungslos, und ihre sanderfüllten Betten erreichen eine Breite, die in keinem Verhältnis zur Tiefe und Wassermasse steht. Aus unserm Interessengebiet ist erwähnenswert der für kleine Boote fahrbare Kiauho, der im nördlichen Teile der Schantung-Halbinsel entspringt und am meisten zur Versandung der Bai beigetragen hat. Dem nach Süden gerichteten Wasserlaufe kommt der Laiho, der aus dem Pimosee (55 qkm) nordwärts abrinnt und ebenfalls für flache Kähne schiffbar ist, streckenweise so nahe, dass beide nach starken Regengüssen miteinander in Verbindung treten und dass man sie durch einen Kanal in Zusammenhang bringen konnte, der von der Natur vorgezeichnet (Vergl. S. 223) und von den Chinesen schon ums Jahr 1200 angelegt ist. Demgemäss führt quer durch die Halbinsel eine für die Binnenschiffahrt geeignete Wasserstrasse, deren Wert um so höher anzuschlagen ist, als sie das von Taifunen bedrohte Meer und das gc-

fürchtete Kap Schantung umgeht, an dem das deutsche Kanonen-bot „Iltis“ 1896 den Untergang fand. Deshalb trug sich Kaiser Kanghi mit dem Gedanken, die wichtige Flussverbindung für grosse Segelschiffe benutzbar zu machen. Doch wurde der Plan nicht ausgeführt, und der Kanal ist, wenn auch stellenweise noch gut erhalten, so verfallen, dass er jetzt nicht mehr dem Verkehr dient und bis auf einige Wassertümpel trocken liegt. Seine Ausbesserung und Wiederherstellung wird keine besonderen technischen Schwierigkeiten bieten, und der deutsch-chinesische Vertrag bestimmt ausdrücklich, dass der unsererseits geplanten Regulierung der Wasserläufe keine Hindernisse bereitet werden dürfen.

In der Umgebung der Bucht liegen auf deutschem Boden und innerhalb der neutralen Zone nur wenige grössere Siedelnngen. Das seit der Besitzergreifung vielgenannte Tschingtau ist ein kleines Dorf am Nordrande der Bai, das die Einfahrt beherrscht und deshalb nicht nur der befestigte Stützpunkt der Chinesen war, sondern auch von dem neuen Herrn zu diesem Zwecke ausersehen wurde. Ferner ist seine tiefe, eisfreie Reede gegen die heftigen Nordwinde gut geschützt, so dass sie den Winter über den meisten andern Landungsplätzen innerhalb der Bucht vorzuziehen ist und jedenfalls ihre Bedeutung als äusserer Hafenort behaupten wird. Vor der deutschen Besetzung war Tschingtau ein schmutziges Nest; aber der chinesischen Misswirtschaft, der Unsauberkeit und Gleichgiltigkeit in gesundheitlichen Dingen, die in den dichtbevölkerten einheimischen Siedelungen die Träger ansteckender Krankheiten sind, hat das letzte Stündlein geschlagen. Die Strassen werden regelmässig gefegt, die Pfützen beseitigt und zweckentsprechende Brunnen angelegt, das Abfuhrwesen ist geregelt und ein Krankenhaus für die chinesische Bewohnerschaft eingerichtet. So ist in hygienischer Beziehung schon viel geschehen, und namentlich diejenigen können die Fortschritte beurteilen, die von Anfang an in Tschingtau waren und gesehen haben, wie schnell in dem unglaublich verwahrlosten Orte erträgliche Zustände geschaffen wurden. Als bester Platz für die zukünftige deutsche Handelsstadt, deren Plan bereits ausgearbeitet ist, gilt das an der tiefen Wasserrinne liegende Vorland, das unmittelbar jenseits des Eingangs zur Hauptbucht den Südwestfuss des Lauschangebirges umsäumt und eine gute Wegstunde von Tschingtau entfernt ist. — Mehrere Kilometer vom Nordostrande der Bai und dem kleinen Vorhafen Nükukou entfernt ist das bescheidene Landstädtchen Tsimo, das eine ackerbautreibende Bevölkerung von etwa 5000 Seelen birgt und der Sitz der chinesischen Verwaltung ist. Wie die gut erhaltene Umfassungsmauer, die nicht unbeträchtliche Anzahl

von Tempeln und andern Öffentlichen Gebäuden, die monumentalert Thorbögen und die mit Denkmälern reich gezierte Hauptstrasse erkennen lassen, hat Tsimo einst bessere Tage gesehen, und in noch höherem Masse gilt das von dem volkreichsten Orte,* von Kiautschou.

Die alte Kreisstadt, deren Gründung ins 6. vorchristliche Jahrhundert fällt und deren Einwohnerzahl nach sehr widersprechenden Angaben zwischen 30—60000 Seelen schwankt, liegt 36 km vom Eingang, 8 km vom Ende der Bai entfernt, und gleicht in ihrem Aussehen durchaus den gewöhnlichen chinesischen Städten. Sie wird von einer IO m hohen Mauer umgeben, die mit ihrer Ziegelbekleidung aus der Ferne stattlich und gut erhalten, beim Näherkommen aber sehr verfallen erscheint. Vor den Thoren breiten sich wcitläuftigc Vorstädte aus, die wiederum durch eine schadhafte Umfassungsmauer geschützt sind. Nach den vielfach angebrachten Inschriften zu urteilen, war Kiautschou vordem der Sitz grosser Gelehrsamkeit, und eine Reihe gut gebauter Häuser sowie reicher Denkmalschmuck sind ein Zeugnis seiner früheren Wohlhabenheit. Thatsächlich war die Stadt ein hervorragender Handelsmittelpunkt, und allem Anschein nach ist der von den Arabern schon im 8. und 9. Jahrhundert besuchte Küstcnplatz Cantu nichts anderes als Kiautschou gewesen. Sein Hafen, der geräumigste und sicherste in Nordchina, bot zahllosen Schiffen einen vorzüglichen Ankergrund dar und war so tief, dass die Dschunken bis nahe an die Stadt hcranscgeln konnten. Ferner vermittelte Kiautschou durch seine Lage und den einen gefährlichen Umweg abkürzenden Cberlandkanal vor der Erbauung des Kaiserkanals den einzigen bequemen Zugang zur Reichshauptstadt und versorgte nicht nur das Hinterland, die Provinz Schan-tung, ausgiebig mit Waren, sondern dehnte seinen Einfluss bis in die grosse nordchincsische Ebene aus. Nicht gering war endlich die Bedeutung, die cs lange Zeit für den Zwischenhandel von Südchina nach Japan und Korea besass.

Nach und nach geriet Kiautschou in Verfall, und drei Hauptgründe sind cs gewesen, die den unaufhaltsamen Rückgang verschuldet haben. Einmal begannen die vom entwaldeten Gebirge abgeschwemmten Sandmassen den Hafen zu verschütten und die Zufahrt zu erschweren oder aufzuheben. Dann lenkte die grossartige Anlage des 1300 km langen Kaiscrkanals, der den ungeübten chinesischen Fischern eine mässig gute, der unsicheren Seefahrt vorgezogene Wasserstrasse eröffnete, zum Nachteile Kiautschous einen beträchtlichen Teil des aus dem Süden und aus dem Hinterlandc kommenden Verkehrs ab. Aber trotzalledem übte

Kiautschou noch einen massgebenden Einfluss aus und hätte ihn vielleicht nie eingebüsst, wenn nicht 1860 das benachbarte Tschifu als Vertragshafen dem internationalen Fremdhandel erschlossen worden wäre und ungeachtet seiner nicht gerade günstigen Lage und Beschaffenheit dem ganzen Verkehr von Schantung eine andere Richtung angewiesen hätte. Nunmehr war es um Kiautschou geschehen, und die Stadt geriet fast in Vergessenheit. Heute macht sie im allgemeinen einen ärmlichen Eindruck und besitzt einen selbst für chinesische Verhältnisse bescheidenen Verkehr.

Auf der andern Seite steht es aber ausser Zweifel, dass Kiautschou unter einer energischen, verständigen Verwaltung wieder zu seinem früheren Wohlstände gelangen kann, vorausgesetzt, dass die vortrefflichen Eigenschaften der Bucht und ihrer Umgebung nachdrück-lichst durch moderne Verkehrsanlagen ausgenutzt werden. Für die Möglichkeit eines solchen Aufschwungs sprechen die glänzende Vergangenheit der Stadt, die Vorteile, die der Hafen noch heute bietet, und der in Zukunft aus dem Hinterlande zu erhoffende Gewinn.

Sieht man von der kohlen- und metallreichen Provinz Schansi1) ab, die das fernere, leider für sehr erhebliche Summen einer englisch-italienischen Gesellschaft zur Ausbeutung überlassene Hinterland bildet, so ist das nächstliegende Gebiet, das wir unserm Einflüsse gesichert haben, die durch Richthofens Forschungen näher bekannt gewordene Provinz Schantung. Zwischen 34 und 38 ° N gelegen, ist sie mit 150000 qkm Flächeninhalt ebenso gross wie Süddeutschland, Sachsen und die Reichslande zusammen, während ihre auf 25—31 Millionen Menschen geschätzte Bevölkerung die des entsprechenden deutschen Gebietes um das Doppelte bis Dreifache übertrifft. 2) Die Provinzialhauptstadt ist Tsinanfu am Hoangho, der zur Zeit bedeutendste Küstenplatz der Vertragshafen Tschifu. Nennenswert sind ferner der von England besetzte Kriegshafen Weihaiwei und die volkreichen Städte Weishicn, Jentschoufu, Tsining, Poschan und Kiautschou, von denen einige 100—200000 Einwohner haben sollen.

Der Oberflächengestaltung nach ist Schantung zu  56% ein unregelmässig angeordnetes Gebirgsland, das durch die früher erwähnte Senke, in der die Flüsse Kiauho und Laiho eine natürliche Übcrlandverbindung ermöglichen, in eine grössere westliche und eine kleinere östliche Hafte zerlegt wird.

1) Nach F. von Richthofen würden bei dem jetzigen Kohlenbedarf der Welt, der ½ Milliarde Tonnen jährlich beträgt, die Vorräte von Schansi für 2 ½ Jahrtausende ausreichen.

2) Nimmt man die Gesamtbevölkerung von Schantung zu 25 Millionen an, so entfallen im Mittel auf 1 qkm 173, in Deutschland 97 Menschen.

Die 150 km lange und streckenweise bis 100 km breite Furche erweitert sich nord- und südwärts zu ausgedehnten Ebenen und besteht aus tief zersetztem Gneis. Ihre Bildung hängt vielleicht mit tektonischen Vorgängen zusammen; doch ist es nicht minder wahrscheinlich, dass die Senke durch die Verwitterung und die Arbeit der beiderseits abrinnenden Flüsse mehr erniedrigt wurde als das umgebende Gebirge. Der sanftwellige Boden, mit dem sic erfüllt ist, gestattet einen ausgiebigen Feldbau, stellt deshalb den fruchtbarsten, dichtest bevölkerten Teil des Berglandes dar und bezeichnet zugleich die am leichtesten und bequemsten überschreitbare Stelle der Halbinsel.

Dem geologischen Aufbau nach besteht Schantung vorwiegend aus uralten Gesteinen. Gneise, Granite und krystallinische Schiefer mit Marmorcinlagerungen bilden das Grundgerüst, das als ein gefaltetes Grundgebirge ursprünglich in hohen Kämmen aufragte. Durch die Verwitterung und durch die Brandung des allmählich ansteigenden Meeres wurde cs aber zu einer flachwelligcn Fläche erniedrigt, aus der die widerstandsfähigeren Gesteine, namentlich die Gneise, in langen, kühn geformten Rücken oder in oben stark zerschnittenen, plumpen Massen emporstreben. Auf dem archäischen Unterbau ruhen als Oberbau horizontal geschichtete paläozoische Gesteine, vornehmlich kambrische Kalk- und Sandsteine, sowie die Kohlenfonnation, die reiche Steinkohlenlager enthält. Seit jener Zeit ist das Gebirge nicht mehr vom Meere überflutet worden; dafür haben gewaltige Brüche die Gesteinsschichten durchsetzt und aneinander verschoben. Am tiefsten zerstückelt und am meisten zerschnitten ist die Schantung-Halbinsel, so dass sie besonders schroff und wild erscheint. Das Gebirge des Festlandsgebietes hängt mehr zusammen und erreicht im kahlen, ungefügen Taischan mit 1545 m seine grösste Meereshöhe. Es entstand, indem eine Reihe verschieden verlaufender Brüche, die auch die Anlage der verzweigten Thäler bedingt haben, eine ehemals gleichmässig ausgebreitete Platte in eine Anzahl von Schollen zerlegte, die gegeneinander verworfen und meist nach Norden geneigt sind. Längs der Spalten sind alt- und jungvulkanische Gesteine emporgequollen und haben die Unterlage wiederholt durchbrochen.

Vielleicht war das festungsartig aus der fleissig bebauten Niederung aufragende Gebirge einst eine-Insel des damals ausgedehnteren Gelben Meeres, bis es durch die fortgesetzten Schwemmlandsablagcrungen der aus dem Innern kommenden Ströme, vor allem des Hoangho, landfest wurde und an die nordchinesische Ebene anwuchs. Von den andern Gebirgen Chinas wird Schantung durch umfangreiche Senkungsfeldcr geschieden, die ganz mit Sinkstoffen ausgefüllt sind und deshalb als ungeheuere Ebenen erscheinen, die reizlos und völlig flach, aber mit Siedelungen dicht besäet, sich in unabsehbare Ferne ausdehnen. Längs des Bergfusses wird das Tiefland von einer 20—30 m mächtigen Lössschicht, einer durch den Wind zusammengewehten gelben Mergelmasse von staubartiger Beschaffenheit und hoher Fruchtbarkeit, überdeckt. Daneben hat der Gelbe Fluss, der nächst dem Kaiserkanal die Hauptverkehrsader der Provinz ist, die mitgeführten Sand-, Lehm- und Lössmassen rings um das Gebirge zur Ablagerung gebracht. Da die westlichen Gebirgsausläufer weit in die Ebene vorspringen, um dort plötzlich und unvermittelt an grossen Bruchrändern zu enden, so sieht sich der Hoangho vor die Wahl gestellt, das Hindernis entweder im Norden oder im Süden zu umgehen. Zum Unglück für die blühende, dicht bewohnte Umgebung, die seinen Launcn schutzlos preisgegeben ist, wählt er abwechselnd beide Wege. Um des unermesslichen Schadens willen, den der entfesselte Strom dabei anrichtet, und wegen der Millionen Menschen, die seine gelben Fluten schon ins Verderben gestürzt haben, ist er bezeichnenderweise der Kummer Chinas genannt worden. Wegen seines durchweg sehr starken Gefälles leistet der Hoangho der Schiffahrt verhältnismässig geringe Dienste, zumal er seine Mündung allen tiefgehenden Fahrzeugen durch eine mächtige Sandbarre abgesperrt hat.

Aus der Verschmelzung der ursprünglich in Schantung ansässigen nichtchincsischcn Stämme, z. B. der Kiai und Lai, mit den Eroberern hervorgegangen, zeigen die Bewohner unseres Hinterlandes im allgemeinen eine hohe, schlanke Gestalt, eine dunklere Hautfarbe und weniger schräg gestellte Augen als die Chinesen des Südens und tragen einen scharf ausgeprägten eigenen Charakter zur Schau. Sic sind dem Opium-genusse nicht in dem Masse ergeben als die Bewohner anderer Provinzen, wohnen in besser gebauten Häusern und zeichnen sich durch grössere Sauberkeit, Ordnungsliebe und Gesittung vorteilhaft aus. Gegen Fremde verhalten sie sich nicht abweisend oder misstrauisch, denn die Ermordung des Matrosen Schulze, die gegen diese Behauptung sprechen könnte, war auf einen gemeinen Überfall durch chinesisches Gesindel und nicht auf eine allgemeine Misstimmung zurückzuführen. Vielmehr sind die Eingeborenen, abgesehen von ihrer übertriebenen Neugierde und Zudringlichkeit, entgegenkommend, gutmütig und freundlich, so dass das Reisen unter ihnen angenehm ist. Man darf hoffen, sie bei entsprechender Behandlung, Bezahlung und Geduld zu tüchtigen Arbeitern und Handwerkern heranzubildcn, ein Erziehungsverfahren, das sich recht gut mit einem entschiedenen, kraftvollen Auftreten vereinen lässt. Verfährt man gegen die Chinesen, die verstanden sein wollen, klug und geschickt, so wird ein Zusammenstoss mit ihnen nicht leicht zu befürchten sein. Den Eingeborenen von Schantung ist ein ausgeprägter Familien- und Gemeinsinn eigen, und durch geistige Regsamkeit sind sie ihren Landsleuten überlegen. Sic stellen einen nicht unbeträchtlichen Teil der chinesischen Beamten und Gelehrten, aus ihrer Mitte ist mancher namhafte Staatsmann und manche wissenschaftliche Berühmtheit hervorgegangen, und aus Schantung stammt, wie seine Bewohner mit Stolz erzählen, kein geringerer als Konfucius (Kungfutse), der grösste chinesische Weltweise und Religionsverkündcr. Ihm ist einer der fünf heiligen Opferberge Chinas, der Taischan, geweiht, und die Stadt Tainganfu an seinem Kusse, in der jener gefeierte Reformator lebte und wirkte, ist wohl der am meisten besuchte Wallfahrtsort im Reiche der Mitte. In der Nachbarschaft liegt Küfoushien, der Geburtsort und Begräbnisplatz des hochverehrten Mannes, und nicht weit davon entfernt ist Tschoushien, die Heimatsstätte seines nicht minder berühmten Schülers Mentsius (Mengtse). In einer solchen Gegend, in der alljährlich Hunderttausende von Pilgern zusammenströmen, hat die christliche Mission einen schweren Stand, und hier war es auch, wo die deutschen Glaubensboten Nies und Henle von den Chinesen getötet wurden.

In auffallendem Gegensätze zu der überwiegenden Mehrzahl ihrer Landsleute ist der Handelsgeist der Bewohner Schantungs gering entwickelt, und gleiches gilt von der gewerblichen Thätigkcit. Der Handel liegt grösstenteils in der Hand von Angehörigen anderer Provinzen, und die Industrie beschränkt sich auf wenige Betriebszweige, von denen für den Aussenhandel in erster Linie Strohborten und Seide in Betracht kommen. Gleichwohl darf nicht geleugnet werden, dass sic in den letzten Jahrzehnten sichtlich fortgeschritten ist und unter europäischer Leitung noch mehr gehoben werden kann. Die ältesten Industrien entstanden in der Nähe der Kohlenlager, die gutes, billiges und leicht zu erlangendes Brennmaterial darbieten. Dank dieser natürlichen Begünstigung ist Poschan noch heute eine der gewerbthätigsten Städte, die durch ihr schmutziges, geschwärztes Aussehen und die überall aufsteigenden Rauchwolken schon von weitem ihren Charakter als Fabrikort verrät. Die Töpferei und Farbstoffbcrcitung, die Erzeugung von Glaswaren aller Art und buntem Schmelz für das Email Cloisonné stehen in Poschan in hoher Blüte. Der sehr belebte Strassenknotenpunkt Weishiën ist der Hauptsitz der Seidenindustrie, die in den letzten 30 Jahren ebenfalls einen unverkennbaren und um so bemerkenswerteren Aufschwung genommen hat, als der Maulbeerbaum trotz sorglältiger Pflege im Berglande keinen recht zusagenden Boden zu finden scheint. Daher wird statt des Maulbeerbaumspinners vornehmlich das Gespinnst des Eichenspinners verarbeitet, und die daraus gewonnene sogenannte wilde, oft irrtümlich Pongee genannte Seide gelangt vornehmlich nach Nordchina, das keine Rohseide erzeugt. Da in Deutschland ebenfalls fast gar keine Rohseide hergestellt wird, so liegt die Förderung dieses zukunftsvollen Gewerbezweiges durch europäische Fachleute nahe, der uns vom Auslande unabhängig machen und die für Einfuhrseide verausgabten Millionen uns selbst erhalten würde. Aber der wichtigste und gangbarste Stapelartikel sind die Strohborten, die aus dem Stroh der verschiedenen Getreidearten verfertigt und hauptsächlich zur Hutfabrikation verwendet werden.

Trotz der wenig sachgemässcn Behandlung kann das Übergewicht Schantungs in diesem Handelszweige als gesichert gelten, der noch mehr Einnahmen abwerfen wird, wenn man erst die Strohborten unseres Hinterlandes gegen die japanischen und italienischen Fabrikate konkurrenzfähig gemacht hat. Denn cs ist nicht zu leugnen, dass in den letzten Jahren die Ausfuhrziffern in der Strohbortenindustrie ganz beträchtlich zurückgegangen sind, und zwar trägt an diesem Rückgänge der scharfe Wettbewerb Japans die Schuld, dem durch geeignete Mittel gesteuert werden muss.

Alles in allem sind die einheimischen Gewerbe noch unvollkommen entwickelt und bedürfen eines kräftigen Antriebes, um auf dem Weltmärkte eine Rolle spielen zu können. Hochwichtig ist dagegen der Ackerbau, der die bei weitem überwiegende Hauptbeschäftigung der Eingeborenen ausmacht und sie trotz gegenteiliger Ansichten zu einem erfreulichen Wohlstände gebracht hat. Nur auf der unfruchtbaren Schantung-Halbinsel herrscht ständige Not. Sonst macht das Land trotz des überall in China bemerkbaren Verfalles auf den Reisenden keinen unvorteilhaften Eindruck. Die Schantunger sind genügsame, fleissige Bauern und leben in allererster Linie vom Boden, der wegen seiner Beschaffenheit, der breiten, wohlbewässerten Thäler und der sanft geneigten, sonnigen Gehänge eine ausgiebige Bewirtschaftung gestattet. Aus diesem Grunde überwiegen in der Provinz die Dörfer weit über die Städte. Zwar ist in der nächsten Umgebung der Kiautschou-Bucht von menschlicher Thätigkeit nicht viel zu verspüren; aber je weiter man ins Innere gelangt, um so freundlicher wird das Bild trotz seiner landschaftlichen Eintönigkeit. Ist auch das Bergland in allen seinen Thälern gut angebaut und verhältnismässig dicht bewohnt, so liegt doch der wirtschaftliche Schwerpunkt in den Randgebieten der grossen Ebene, die einer ausgiebigen Bewässerung fähig sind. Eine Unzahl bald ärmlicher, bald behäbiger Dörfer mit plump aus unbehauenen Feldsteinen aufgeführten Häusern und engen, winkligen Gassen ist über die unabsehbare Niederung zerstreut, auf der sich Feld an Feld reiht. Jedes verfügbare Fleckchen Erde wird durch einen ungemein sorgsamen und vielseitigen Gartenfeldbau ausgenutzt und aufs beste gepflegt. Am Gebirgsfusse ist der Boden stellenweise von Brunnen siebartig durchlöchert und, soweit die Bcwässcrungsverhältnisse es irgend erlauben, in Kultur genommen. Alle die Höhenzüge jedoch, auf die das Rieselwasser nicht mehr hinaufgeleitet werden kann, sind völlig kahl und stehen durch ihre abstossende Nacktheit in wunderlichem Gegensätze zu den fruchtbaren Thalauen. Denn die Jahrtausende alten Erfahrungen vermochten einen verhängnisvollen Raubbau nicht zu hindern, der die gänzliche Vernichtung des Brennmaterials in einem Lande herbeiführte, das in seinen Steinkohlenlagern überreichen Brennstoff aufgehäuft hat. Bis auf einige Kiefernbestände, die den Rücken des Lauschan und Taischan zieren, und abgesehen von mehreren kleinen Tempelhainen alter hochstämmiger Bäume sind Wälder und Wiesen überall verschwunden, so dass die erforderlichen Bau- und Nutzhölzer eingeführt werden müssen. Wo das Erdreich nicht künstlich angebaut ist und wo das Stroh der Getreidcartcn nicht von selbst Heizungsmaterial liefert, dort wühlt man den Boden mit einer Harke auf und rcisst nicht bloss die spärlichen Sträucher und das niedrige Krüppelholz, sondern auch die unter dem günstigen Klima sich glücklicherweise immer wieder erneuernden Gräser und Kräuter aus, um sic zu trocknen und zur Feuerung zu verwenden. So gründlich und rücksichtslos wird das Zerstörungswerk betrieben, dass der nächste Regenguss die aufgelockerte Krume leicht fortschwemmen kann und dass die Fläche, auf der das nackte Gestein zu Tage tritt, von Jahr zu Jahr wächst. Nur eine ausgedehnte, streng durchgeführte und nach Erschliessung der Kohlenlager leicht durchführbare Wiederaufforstung, die unter dem feuchten Klima keineswegs aussichtslos erscheint, vermag dem Übel nachhaltig zu steuern.

Obwohl Schantung in der Breite der südlichen Mittelmeerländer liegt, weicht es klimatisch von ihnen erheblich ab. Der Winter, der eine ähnliche Mitteltemperatur wie Centraleuropa aufweist, ohne jedoch unsere Kältegrade zu erreichen, bringt häufig leichten Schneefall und rasch vorübergehenden Frost, dazu trockene, oft stark und andauernd wehende Landwinde aus nördlicher Richtung. Im Sommer herrschen feuchtwarme, regenspendende Seewinde aus südlicher Richtung vor und mildern die im Innern oft drückende Hitze. Demgemäss ist der Regcnfall vorwiegend in den Sommer zusammengedrängt, und zwar entfallen nach den in Tschifu und am Kap Schantung gewonnenen Beobachtungen auf den Sommer 64,8%, auf den Herbst 17,7%. auf den Frühling 11,5% und auf den Winter nur 6% der jährlichen Niederschlagsmenge, die im Jahresmittel 603 mm beträgt. Dieses Verhältnis ist für den Ackerbau nicht ungünstig; nur wenn die ohnehin nicht reichlichen Frühlingsregen ausbleiben, haben die Gebiete, in denen keine künstliche Bewässerung möglich ist, unter Dürre und Hungersnot zu leiden. Der Theestrauch gedeiht im allgemeinen nicht mehr, wohl aber der Reis, der vornehmlich in den wasserreichen Tiefebenen gewonnen wird. Ferner werden im Überfluss Weizen, Gerste, Hirse, Kauliang (Sorghum) und Bohnen, daneben Baumwolle, Mohn (für die Opiumgewinnung), Tabak, Hanf und Ölpflanzen angebaut. Das reife Getreide wird nicht abgemäht, sondern büschelweise aus der Erde gezogen, worauf man die Wurzeln und Ähren abhackt und die Drescharbeit meist gleich auf dem Felde mit dem Dreschflegel oder einer von einem Esel bewegten Sternwalze vornimmt. Die Gemüsekultur steht wie überall in China in hoher Blüte, und die europäischen Gemüsearten wachsen so vortrefflich heran, dass die deutschen Besatzungstruppen mehrere grosse Nutzgärten angelegt haben. Man erkennt Dörfer gewöhnlich an den meist aus Aprikosen- und Pfirsich-, Kirsch-, Äpfel-, Bim- und Walnussbäumen bestehenden Obstgärten, und der Obstbau dürfte noch einer erheblichen Entwickelung fähig sein. Nutzbäumc wie Maulbeerbaum, Götterbaum (Ailanthus) und zwei grossblättcrige Eichenarten (Quercus mongolica und serrata) werden zur Seidenraupenzucht angepflanzt. Eine Zizyphus-art liefert die unter dem Namen Chinesische Dattel geschätzte Frucht, und ebenso bilden die apfelgrossen Beerenfrüchte des hochstämmigen Kakibaumes (Diospyros kaki) frisch oder getrocknet ein beliebtes Nahrungsmittel. Die in der Umgebung von Tschifu vorzüglich gedeihende Rebe hat in Schantung die Südgrenze ihrer Verbreitung, doch sind die Trauben zur Weinbereitung nicht mehr geeignet. — Von Haustieren werden vornehmlich Esel, Maultiere und unansehnliche schwarze Schweine gehalten; Rinder, Pferde und Kleinvieh sind seltener. Tauben, Enten und Hühner trifft man überall, und die Meeresanwohner liegen eifrig der Fischerei ob, die vielfach mit Hilfe eines eigens abgerichteten Vogels, des Kormorans, betrieben wird.

Die Zukunft Schantungs liegt aber vor allem in seinen natürlichen Bodenschätzen. Ist auch deren Reichtum viel bescheidener als er früher in phantasievollen Berichten und übertriebenen Schilderungen gepriesen wurde — Gold z. B., das 1868 ein wahres Goldfieber hervorrief, findet sich nur in geringen Spuren — so giebt es andererseits ausgedehnte Kohlenlager, die von höchster wirtschaftlicher Bedeutung sind und zu den grössten Hoffnungen berechtigen. Die einheimische Kohle zeigt überall eine abbauwürdige Mächtigkeit und ist eine schwarze, fette Glanzkohle, die mit leuchtender Flamme brennt, stark backt und in ausgezeichnete Coaks verwandelt werden kann. Sie giebt demgemäss einen sehr brauchbaren Brennstoff ab, der unvergleichlich besser als die schlechte japanische und viel billiger als die teuere englische Kohle ist, mit denen man in den kohlenarmcn Küstengebieten Ostasiens vorlieb nehmen muss. Eine ganze Reihe ergiebiger Kohlenfelder durchsetzt die Provinz. Man kennt sie bei Itschoufu, Poschan und dem nur 100 km von der Kiautschou-Bai entfernten Weishiën, bei Lintschishiën, Laiwushiën, Tschangkuishiën und Jhsiën. Weitaus die wichtigsten Kohlenflötze, die von den Eingeborenen schon seit alters in mehr oder minder grossem Umfange ausgenutzt werden und zunächst für die Ausbeutung in Betracht kommen, treten in der Nachbarschaft der drei erstgenannten Städte zu Tage. Unter ihnen nehmen wieder die Gruben von Itschoufu die erste Stelle ein, weil in ihrer Nähe vorzügliche Rot- und Brauneisensteinlager Vorkommen, während bei Tsinanfu Magneteisen nachgewiesen ist. Sollten die Eisenerze den Abbau lohnen, so würde der Kohlenreichtum die Entwickelung einer Eisenindustrie begünstigen und einem neuen Erwerbszweige die Wege ebnen. Allerdings müsste der bergmännische Betrieb, um Gewinn zu bringen, vollständig nach europäischem Muster, mit europäischen Hilfsmitteln und europäischen Methoden eingerichtet werden, und die Wasserbewältigung wird allem Anschein nach mit hohen Kosten verbunden sein. Bei dem empfindlich fühlbaren Holzmangel sind die Grubenhölzer und Gerätschaften für die Schachtanlagen und Wasserhebewerke von weither einzuführen, und es ist unerlässlich, vor Beginn des Abbaues in den verschiedenen Revieren Bohrungen anzustellen.

Alle bergmännischen Unternehmungen würden jedoch nur einer sehr beschränkten Umgebung zu gute kommen und die Kiautschou-Bucht nie zu einem Haupthafen für die ostasiatische Kohlenausfuhr emporheben können, wenn nicht eine gründliche Verbesserung und Neugestaltung des durchaus unzulänglichen Beförderungswesens durchgeführt wird. Heute versorgt die Kohle nur einen kleinen Bereich in der unmittelbaren Nachbarschaft der einzelnen Gruben, und der Preis erhöht sich schon in geringen Entfernungen so beträchtlich, dass die Kohle von Weishien in Kiautschou 80 Mark die Tonne kostet und infolgedessen meist nur pfundweise eingehandelt wird. Ganz Schantung ist trotz seiner nicht ungünstigen Küsten- und Bodengestaltung arm an natürlichen Zugangslinicn, vor allem an schiffbaren Gewässern, und hat daher von der Meeresküste wenig Nutzen. Auch die Urwüchsigkeit des Verkehrs bringt es mit sich, dass die Fracht übermässig verteuert wird und die Küste mit dem Innern nur in lockerer Verbindung steht. So kommt es, dass unter allen Küstenprovinzen Schantung am wenigsten erschlossen ist. Die vorhandenen Strassen, die entweder Fusspfade sind oder unsern breiten Feldwegen gleichen, befinden sich meist in einem sehr fragwürdigen Zustande. Selten fahren auf ihnen plumpe, zweiräderige Karren wagen, sondern der Verkehr bewegt sich als Saumtierverkehr grösstenteils auf dem Rücken von Maultieren. Der Kleinverkchr wird durch die landesüblichen, einräderigen Schiebkarren vermittelt, die von den Karrenschiebern mit bewundernswerter Kraft und Ausdauer durch das Land gefahren werden und je nach ihrer Grösse eine beiderseits des Rades verteilte Last von 3—6 Centnern zu tragen vermögen.

Unter solchen Umständen erscheint Abhilfe dringend geboten. Sonst kann an eine wirtschaftliche Erschliessung des fast ausser jeder Verkehrsmöglichkeit gelegenen Hinterlandes, an ein gedeihliches Entfalten und eine finanzielle Selbsterhaltung der Kiautschou-Bucht kaum gedacht werden, und der Handel würde wegen der engen Grenzen seines Einflussgebietes über eine massige Bedeutung nicht hinauskommen. Man muss von vornherein mit der Einführung neuzeitlicher Beförderungsmittel, mit dem Bau von Eisenbahnen, beginnen, deren Anlage wegen der günstigen Geländebeschaffenheit und der äusserst billigen Arbeitskräfte nicht allzu schwierig und kostspielig ist. Ferner verringert der Bahntransport die Frachtkosten um ein erhebliches, und die Beschleunigung der Fahrt rückt die Kohlenfelder dem Ausfuhrhafen näher. Obendrein vermag die Bahn nicht bloss sich selbst und die deutschen Schiffe ausgiebig mit Feuerungsmaterial zu versorgen, sondern bietet zugleich die Möglichkeit, dass in der Kiautschou-Bai und im Innern neue Industrien entstehen und die bereits vorhandenen gefördert werden können. Das wichtigste wird aber stets die Kohlenausfuhr bleiben, die wegen des regen ostasiatischen Seeverkehrs reichen Gewinn abzuwerfen verspricht. Da endlich die Bahnlinien überall durch fruchtbare, wohlbebaute und dicht bevölkerte Gegenden führen, so scheint auch in dieser Beziehung ihre Ertragsfähigkeit gesichert, weil dann viele Erzeugnisse der Bodenkultur einen Weg nach aussen finden werden, der ihnen wegen des übermässig teuren Transportes bisher gesperrt war.

Bei dem Ausbau der Schienenwege, die selbstverständlich von der neuen Hafenstadt an der Kiautschou-Bucht ausgehen müssen, handelt es sich besonders um zwei Linien, deren Verlauf vorgeschrieben und deren Ausführung vertragsmässig sichergestellt ist. Die eine, die bei 350 km Länge über die gewerbsthätigen Industriestädte Weishiën und Poschan nach der lebhaften Provinzialhauptstadt Tsinanfu führen soll, macht die nördlichen Kohlenfelder der Reihe nach dem Hafen dienstbar. Die andere, die etwa 265 km lang sein wird, soll ihn mit Itschoufu verbinden und somit die südlichen Kohlenfelder eröffnen. Ihre Verlängerung bis Tsinanfu (je nach ihrem Verlauf 280—400 km) und über den Kaiserkanal hinaus bis zur grossen Zukunftsbahn Hankou-Peking ist im Werke und würde für das Schienennetz von Schantung ein höchst bedeutsamer vorläufiger Abschluss sein. Denn dann würde die Kiautschou-Bai nicht nur der natürliche Sammelpunkt für den Scehandel der Provinz Schantung, sondern zugleich die Ein- und Ausgangspforte für die Bergwerksprovinz Schansi werden.

So erfüllt die Kiautschou-Bucht durch ihre Lage und Beschaffenheit und durch die Naturbedingungen ihres Hinterlandes alle Anforderungen, die an die Erwerbung eines ostasiatischen Stützpunktes gestellt waren. Sie ist ein fester maritimer und politischer Rückhalt und schafft neben ihrer ersten und vornehmsten Aufgabe, die rein militärischer Art ist, dem vaterländischen Handel neue Ziele. Wir besitzen nunmehr einen Küstenplatz, der durch Errichtung von Befestigungen und Hafenanlagen, von Docks, Arsenalen und Ausbesserungswerkstätten einen schützenden Zufluchtsort für unsere Kriegs- und Kauffahrteischiffe darbietet, so dass wir nicht mehr auf die Gnade anderer angewiesen sind und nicht mehr mit Schwierigkeiten zu kämpfen haben, an denen es fremde Dockgesellschaften nicht fehlen lassen. Dann aber ist Kiautschou ein Kohlenlieferant ersten Ranges, der uns vom Einkäufen in fremden Stationen unabhängig macht. Welche Rolle die Kohlenfrage in den chinesischen Gewässern spielt, erhellt am besten daraus, dass dort während der politischen Ereignisse der letzten Zeit sämtliche verfügbaren Bestände angekauft waren, so dass die Kohlenpreise eine unglaubliche Höhe erreichten und Deutschland das kostbare Feuerungsmaterial aus der Heimat kommen lassen musste. Schneidender als durch diese Thatsache, die im Ernstfälle die Kewegungsfahigkeit des deutschen Kriegsgeschwaders gänzlich lahm gelegt hätte, konnte die Notwendigkeit eines Besitzes nach Art der Kiautschou-Bai nicht dargethan werden. Er vermag in Zukunft nicht bloss den eigenen Bedarf zu decken; vielmehr bleibt noch ein Überschuss, der an andere abgegeben werden und uns das Übergewicht im ostasiatischen Kohlenhandel sichern kann. Das chinesische Küstengebiet braucht jährlich 3 ½ Millionen Tonnen Kohle im Werte von rund 75 Millionen Mark, die heute vorwaltend aus England und Japan, zum kleineren Teile aus den Kaipinggruben in der Provinz Petschili bezogen werden. Namentlich die minderwertige japanische Kohle beherrscht den ostasiatischen Markt in solchem Masse, dass z. B. in Tschifu kein anderer Heizungsstoff erhältlich ist. Es unterliegt nun keinem Zweifel, dass wir in diesem gewinnbringenden Geschäfte als ein wirksamer Nebenbuhler auftreten können, weil die Gruben von Schantung nach Schaffung geeigneter Verkehrswege entschieden billiger, bequemer, besser und schneller liefern können als ausländische Unternehmer. Giebt es doch in ganz Ostasien keine zweite Stelle, wo ergiebige Lager gleich guter Steinkohle so nahe von einem günstig gelegenen Verschiffungsplatze Vorkommen wie Kiautschou! Ferner ist begründete Aussicht vorhanden, dass die Bai einen nicht unwesentlichen Teil des Binnenhandels an sich ziehen und ihren Einfluss bis über die Hauptverkehrsader zwischen Nord- und Südchina, den Kaiserkanal, hinaus ausdehnen wird. Dieser Handel ist ebenfalls erheblicher Steigerung fähig, wenn eine neue, lebenskräftige Kultur den alten Kulturboden wieder höheren Zwecken nutzbar macht und ihn dem allgemeinen Verfalle entreisst. Die geistig regsamen, fleissigen und willigen Eingeborenen werden die Vorteile der europäischen Landwirtschaft und einer lebhaften Gcwerbethätigkeit mit der Zeit einsehen und ihrem Lande dienstbar zu machen suchen. Dadurch werden sie bedürfnisreicher, wohlhabender und kaufkräftiger und eröffnen bei ihrer grossen Kopfzahl dem deutschen Handel ein lohnendes Feld, vorausgesetzt, dass man sie richtig behandelt und ihre Eigentümlichkeiten schont. So schafft der deutsche Hafen im Verein mit seinem Bahnnetz die Mittel, eine der gesegnetsten Provinzen, die jetzt durch ihre schwere Erreichbarkeit leidet, zu hoher Entwickelung zu führen.

Allerdings ist nicht zu vergessen, dass die Kiautschou-Bucht in dem in Luftlinie nur 200 km entfernten Vertragshafen Tschifu einen nicht zu unterschätzenden Nebenbuhler besitzt, der ja auch den Verfall der alten Handelsstadt mit verschuldet hat. Doch wird es unter den veränderten Verhältnissen leicht sein, gegen den unbequemen Nachbar anzukämpfen und ihn vielleicht zu überflügeln, zumal er von der Natur gar nicht für einen Handelsplatz geschaffen ist, während sich Kiautschou in einer viel günstigeren Lage befindet. Zwar liegt die Stadt nicht unmittelbar am Meere und ist erst auf einem Umwege erreichbar. Dieser Nachteil wird indes durch die Gründung eines neuen Verkehrsmittelpunktes in der Nachbarschaft von Tschingtau wieder wett gemacht. Dann ist die Reede von Tschifu nach Nordost offen und bei schlechtem Wetter kaum verwendbar. Ferner ist sie und noch mehr der englische Kriegshafen Weihaiwei weit von den ertragreichen Fluren von Schantung entfernt, und verkehrshindernde Bergzüge schieben sich dazwischen, so dass die Verbindung mit dem Innern schwierig und kostspielig ist. Alle diese Unannehmlichkeiten fallen für Kiautschou weg. Die geschützte, eisfreie Wasserfläche bietet vortreffliche Ankergründe dar. Sie liegt den in Frage kommenden Industriebezirken näher und hat nach allen Seiten hin bequeme, den Bahnbau fördernde Zugänge. Da ausserdem die nordchinesische Küste infolge der zunehmenden Versandung und Verschlammung für grosse Seeschiffe unzugänglich ist, so vermag Kiautschou seinen Einfluss bis nach Peking hin geltend zu machen und im Zwischenhandel mit dem Golf von Petschili, mit Korea und Japan seine alte Stelle wieder einzunehmen, obgleich hierin Schanghai wohl stets weitaus den ersten Rang behaupten wird. Wenn man bedenkt, dass trotz aller Ungunst der Verhältnisse der Handel von Tschifu 1896 einen Wert von 66 Millionen Mark hatte1), so kann man sich eine Vorstellung von den Summen machen, die einmal unserm ostasiatischen Besitz zufliessen werden. Hierbei sind die aus der Kohlenausfuhr zu erhoffenden Einnahmen noch gar nicht mitgerechnet. Vorläufig ist die Schiffahrt allerdings noch unbedeutend, und ausser einigen kleinen Dampfern belebt nur eine geringe Anzahl von Dschunken die Wasserfläche. Deshalb dürfen wir nicht vor Opfern und Anstrengungen zurückscheuen, weil die Bahnen und Strassen, die Hafenanlagen und andern Einrichtungen erst von Grund auf neu geschaffen werden müssen. Auch für die Ausfuhr bleibt noch viel zu thun übrig, da  deutsche Waren bisher nur in sehr geringem Grade in Schantung Eingang gefunden haben. Dass der Erfolg die Ausgaben lohnen wird, zeigt der Aufschwung von Tschifu, dessen Bewohnerzahl mit dem Wachstum des Handels in 40 Jahren auf 100000 Seelen gestiegen ist. Schanghai war 1846 ein versumpfter, zu Spottpreisen verkaufter Platz und ist heute eine Stadt von Palästen. Ein noch lehrreicheres Beispiel bietet Hongkong dar. Als es 1842 von den Briten mit Beschlag belegt wurde, war cs eine wüste, wenig einladende und höchst ungesunde Felsinsel, über deren Wert die Ansichten sehr geteilt waren. Jetzt ist es ein gesundes, paradiesisches Tropenland mit Victoria als einer der grössten und schönsten Handelsstädte der Erde, deren jährliche Aus- und Einfuhr auf 900 Millionen Mark geschätzt wird.

1)Bei dieser Summe handelt es sich nur um den durch das fremde Seezollamt gegangenen Verkehr. Der Gesamtumsatz mag sich vielleicht auf 80 Millionen Mark beziffern.

So gewährt die Kiautschou-Bucht für deutsche Unternehmungen ein aussichtsvolles Feld, und in der kurzen Zeit, die seit der Besitzergreifung verstrichen ist, sind schon manche Neuerungen getroften. Eine regelmässige Dampferverbindung mit Schanghai ist ins Leben gerufen, ein Post- und Telegraphenamt in Tschingtau (Tsintanfort) eingerichtet und mit der Vermessung des Hafens begonnen worden. Die an hervorragende Gewerbetreibende gerichtete Aufforderung, an der Erschliessung der jüngsten deutschen Erwerbung mitzuwirken, sind ebenfalls nicht umsonst gewesen. Die hanseatischen Kaufhäuser, in deren Hand der ostasiatische Handel liegt, erklärten sich sofort zur Eröffnung von Filialen bereit, wie sic cs früher auch in den neuen Konzessionsgebieten Hankou und Tientsin gethan hatten, und ebenso denken fremde Firmen an die Errichtung von Zweiggeschäften. Denn wenn Kiautschou sich gedeihlich entfalten soll, so darf cs nicht durch Zollschranken von der Ausscnwclt abgesperrt werden und nicht einseitig nur den Deutschen zugänglich sein, sondern muss als Freihafen dem Handel und Wettbewerb aller Völker mit gleichen Rechten und Pflichten und zum Vorteil aller daran Beteiligten offen stehen. Die Eröffnung der Bucht als Freihafen ist auch bereits erfolgt, und ebenso hat der Reichstag für notwendige Ausgaben die Summe von 5 Millionen Mark bewilligt.

Bei allen verlockenden Zukunftsträumen kann aber nicht eindringlich genug vor übertriebenen Hoffnungen und hochgespannten Erwartungen gewarnt werden, die man bei dem Reize des Neuen und Unbekannten nur zu leicht zu hegen pflegt. Beispielsweise ist nie daran zu denken, dass die Umgebung von Kiautschou trotz ihres den Europäern zusagenden Klimas ein Ziel für deutsche Auswanderer werden könnte. Das verbietet von vornherein die herrschende Übervölkerung, die ungeachtet der sorgfältigsten Ausnutzung des Bodens jährlich Tausende von Eingeborenen zwingt, die heimatliche Scholle zu verlassen und sich in dünner bewohnten Provinzen anzusiedeln. Ausserdem befindet sich der Grund und Boden längst in festen Händen, so dass er erst gekauft und vielleicht weit über seinen Nutzungswert bezahlt werden müsste. Ferner muss jede Einwanderung an dem billigen chinesischen Wettbewerb scheitern, und es wäre ein vergebliches Bemühen, wenn es unsere Bauern mit den schlauen, anspruchslosen Chinesen aufnehmen wollten. Soweit nicht deutsche Bedürfnisse in Betracht kommen, muss auch der Kleinhandel dem eingeborenen Kaufmann überlassen bleiben, der durch seine geringeren Unkosten und seinen Handelssinn, durch die Kenntnis der Verhältnisse und der Landessprache dem Europäer ein für allemal überlegen ist.

Endlich dürfen wir uns nie in dem eitlen Wahne wiegen, dass Kiautschou über Nacht zu einem Handelshafen ersten Ranges heranwachsen und ein zweites Hongkong oder Schanghai werden könnte. Jene beiden altberühmten Centralstellen des chinesischen Auslandshandels sind auch nicht an einem Tage erbaut worden, aber sic haben mit der Zeit den Löwenanteil des Verkehrs an sich gerissen und sich ein reiches, ausgedehntes Hinterland unterthan gemacht, das durch zwei nebenflussreiche Ströme und ein weitverzweigtes Kanalnetz nach allen Richtungen hin leicht und bequem zugänglich ist. Alle diese Vorteile, das Alter der Handelsbeziehungen, die Erleichterung des Binnenverkehrs, der Umfang und die Ergiebigkeit des Hinterlandes, fehlen Kiautschou, und damit entfallen die ungeheuren Einnahmen, die den Ein- und Ausgangsthoren zweier so gewaltiger Handelsgebiete notwendig zufliessen müssen. Aber auch in den ungleich bescheideneren Grenzen seiner Wirksamkeit stellt unser Besitz eine wertvolle Erwerbung dar, die politisch und wirtschaftlich eine entschiedene Stärkung des vaterländischen Handels bedeutet und ein wichtiger Handelsplatz Ostasiens zu werden verspricht. Möge die Umsicht und Thatkraft, die bei der Besitzergreifung von Kiautschou obwaltete, auch seiner ferneren Entwickelung fördernd zur Seite stehen. Dann werden wir den uns gebührenden Anteil an der Erschliessung des Reiches der Mitte haben, und China wird im Gefühl lohnender Mitarbeit die alten Beziehungen zu Deutschland befestigen und erweitern, uns und sich selbst zum Nutzen.

Kurt Hassert.

I. Abschnitt:

Deutschlands Kolonien – Geschichtlicher Überblick

II Abschnitt:

Die Erwerbungs- und Entwicklungsgeschichte deutscher Schutzgebiete

III. Abschnitt:

Landes- und Volkskunde der deutschen Schutzgebiete: Deutsch-Ostafrika

IV. Abschnitt:

Landes- und Volkskunde der deutschen Schutzgebiete: Togo

 V. Abschnitt:

Landes- und Volkskunde der deutschen Schutzgebiete: Kamerun

VI. Abschnitt:

Landes- und Volkskunde der deutschen Schutzgebiete: Deutsch-Südwestafrika

VII. Abschnitt:

Das Schutzgebiet der Neuguinea-Kompagnie

VIII. Abschnitt:

Die Marshall-Inseln

IX. Abschnitt:

Die Kiautschou-Bucht

X. Abschnitt:

Die wirtschaftliche Bedeutung der deutschen Kolonialpolitik und der deutschen Schutzgebiete

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