Landes- und Volkskunde der deutschen Schutzgebiete: Deutsch-Ostafrika

Deutsch-Ostafrika ist unsere grösste Kolonie und 1 ¾ mal so gross als das Deutsche Reich, indem es ein gewaltiges unregelmässiges Viereck von 995000 qkm Flächeninhalt darstellt. Politisch umgrenzt durch englischen und portugiesischen Kolonialbesitz und durch den Kongostaat, wird es im Osten vom Indischen Ozean bespült, während im Westen die grossen afrikanischen Binnenseen die zweite oder innere Küste des Schutzgebietes bilden. Im Süden verläuft die Flussgrenze des Ruwuma, und im Norden erhebt sich als charakteristischer Grenzpfeiler der Kilimandjaro.

Trotz der dürftigen Gliederung des dunklen Erdteils beschreibt die deutsch-ostafrikanische Küste, die Mrima, einen immerhin buchtenreichen Bogen, der mit 750 km Länge etwa unserer deutschen Westgrenze entspricht. Zahlreiche kleinere und drei grössere Inseln, Pemba (964 qkm), Sansibar (1591 qkm) und Mafia (523 qkm), von denen nur die südlichste deutsch ist, begleiten die vielfach versumpfte, wenig über den Meeresspiegel emporragende Festlandsküste. Sie besteht nebst den vorgelagerten Inseln aus Korallenkalk, der durch die Brandung oberflächlich zu einer mächtigen Sandschicht zerrieben worden ist. Dürftiges Gras überzieht die blendendweissen Sanddünen. Den schlammigen Ufersaum aber bedeckt in unentwirrbarem Dickicht die fast allen tropischen Flachküsten eigentümliche Mangrove (Rhizophora Mangle und Rhizophora mucronata), eine sonderbar gestaltete baumartige Wasserpflanze mit einem hohen Gestell vielverzweigter Stelzwurzeln und einem Gewirr von Luftwurzeln, die sich sämtlich tief in den Schlamm einbohren, um den Stamm gegen die Gewalt der Flut zu schützen. Die spindelförmigen, einer langen Cigarre gleichenden Samen lösen sich durch ihre Schwere aus der an den Ästen zurückbleibenden Fruchthülle los, bohren sich tief in den weichen Morast ein und wachsen dann zu einem neuen Gebüsch heran. Wo das Brackwasser aufhört und die höheren Uferböschungen einsetzen, tritt an die Stelle der Sumpfpflanzen dichter Busch, untermischt mit hohen Bäumen. Neben dem plumpen Affenbrotbaum oder Baobab (Adansonia digitata) gedeiht die ebenso majestätische als genügsame und nützliche Kokospalme (Cocos nucifera), die ein charakteristischer Küstenbaum ist, bei guter Bewässerung jedoch auch tief im Binnenlande, z. B. bei Tabora und Udjidji*) gedeiht, wo sie die Araber angepflanzt haben. Man zählt ihrer längs der Mrima rund 1 Million Stück, doch sind sie noch bedeutender Ausdehnung fähig, indem Ceylon etwa 60 Millionen und Java gegen 70 Millionen Kokospalmen besitzt.

*) In Udjidji giebt es auch ausgedehnte, künstlich angelegte Ölpalmenbestände als östlichste Vorposten jener für Westafrika durchaus charakteristischen, in Ostafrika dagegen gänzlich fehlenden Palmenart.

Einer der schönsten, schattigsten und nützlichsten Küstenbäume, den die Araber ebenfalls bis zum Tanganyikasee verbreitet haben, ist ferner der aus Ostasien stammende Mangobaum (Mangifera indica), und die Uferwälder sind durch das häufige Vorkommen des Kopalbaums (Trachylobium verrucosum) und der am Indischen Ozean weit verbreiteten Barringtonia raccmosa, eines stattlichen Baumes mit handtellergrossen Blüten, ausgezeichnet. Inmitten dieses üppigen tropischen Pflanzenkleides liegen die Reis- und Zuckerrohrfelder und die Durra- (Hirse-), Mais- und Maniokäcker der Eingeborenen.

Da zahllose Korallenriffe die seichten Küstengewässer erfüllen und nur gegenüber den Flussmündungen schmale Einfahrten frei lassen, so ist die Schiffahrt schwierig. Doch giebt es zahlreiche, jederzeit Schutz gewährende Naturhäfen, die sogenannten Scherms, die durch einen schmalen, gewundenen Kanal mit dem offenen Meere in Verbindung stehen. Ihre Herausarbeitung ist auf die Thatsache zurückzuführen, dass im Süsswasser und in den Sinkstoffen der ausmündenden Flüsse die Korallen absterben, während sie beiderseits und in einiger Entfernung vom Lande weiterwachsen und nur einen engen Kanal freilassen, derartige Küstenplätze, die auch bereits dem Weltverkehr dienen, sind Tanga, Dar es Salăm, Kilwa, Lindi und Mikindani. Der Hafen von Tanga (4000 Einwohner) im Norden des Schutzgebietes ist so tief, dass selbst Kriegsschiffe unmittelbar bei der rasch aufblühenden Stadt ankern können, die wiederum den Ausgangspunkt der Usambara-Eisenbahn und einer vielbenutztcn Karawanenstrasse zum Kilimandjaro und Victoriasee bildet. Sie endet bei der Militärstation Muansa, die als Ausgangspunkt der Überfahrt nach Uganda und als Endziel eines von Tabora abzweigenden Karawanenweges von Bedeutung ist. Viel weniger brauchbar ist die sonst breite und tiefe Bucht von Pangani (4500 Einwohner), deren vorgelagerte Korallenriffe und Sandbänke nur bei Hochwasser grösseren Schiffen Zutritt gewähren. Noch schlechter ist die Reede von Saadani (4000 Einwohner), weil sich der ungeschützte Strand so unmerklich unter den Meeresspiegel senkt, dass die Dampfer 5 km vom Ufer entfernt halten müssen und dass man auch die letzten 1 ½ km zu durchwaten gezwungen ist. Trotzdem spielt Pangani wegen der Nachbarschaft Sansibars eine bemerkenswerte Rolle, und noch mehr gilt dies von dem hafenlosen Bagamoyo (13000 Einwohner), das seinen unverdienten Ruf lediglich dem Umstande verdankt, dass es dem ostafrikanischen Handelscentrum gegenüberliegt und mehrere viel begangene Karawanenwege aufnimmt. Der bedeutendste von ihnen wird durch die Knotenpunkte Mpwapwa (986 m) und Tabora (1280 m) und den Endpunkt Udjidji bezeichnet. Der beste und zukunftsreichste Küstenplatz ist Dar es Salăm, der Friedenshafen (1oooo Einwohner), dessen geräumiger, sicherer Ankergrund ganze Flotten aufzunehmen vermag und schon früher einmal an Stelle Sansibars vorübergehend zum Hauptstapelplatz bestimmt war. Zwar wird die schmale, gewundene Durchfahrt, die zu dem mächtigen Wasserbecken führt, durch Riffe und Brandungswellen bedroht, aber bei Anwendung einiger Vorsicht und besserer Ausstattung mit Schiffszeichen ist sie nicht schwer zu passieren. Während der Hafen von Kilwa wieder schlechter ist, bieten die drei wohlgeschütztcn Zweigbuchten von Mikindani einen leidlichen Ankerplatz dar. Der Hauptlandungsplatz des Südens ist Lindi (1400 Einwohner), dessen geräumiger Doppelhafen mit dem Vorteil eines guten Ankergrundes den Vorzug der Einmündung eines schiffbaren Flusses, des Lukulcdi, verknüpft. Doch beginnt sich in den letztgenannten drei Häfen der Verkehr nur langsam wieder zu heben, da sie für den früher blühenden Sklavenhandel noch keinen rechten Ersatz erhalten haben und da obendrein räuberische Stämme bis vor kurzem das Hinterland unsicher machten. Die wichtigste Karawanenstrasse im südlichen Teile unserer Kolonie ist nach dem Nyassasee gerichtet und hatte als Anfangspunkt den alten Küstenort Kilwa Kisiwani, der vor dem Jahre 1000 gegründet und somit die älteste Siedelung an der ostafrikanischen Küste ist. Die umfangreichen Ruinen der jetzt bedeutungslosen Niederlassung sind ein beredtes Zeugnis ihrer einstigen Grösse, der in neuerer Zeit ein zunehmender Verfall folgte, weil die Engländer die Sklavenausfuhr streng überwachten. In demselben Masse aber als Kihva Kisiwani verlor, blühte das benachbarte Kilwa Kiwindje auf, weil es für die britischen Kriegsschiffe viel schwerer zugänglich war und somit den Sklavenhändlern geeigneten Unterschlupf gewährte.

Auf die ziemlich eintönige Korallenkalkküste, deren etwa 10 m hoher Steilrand wohl als Kennzeichen einer jungen Hebung gelten darf, folgt eine aus verschiedenaltcrigen Gesteinen zusammengesetzte Vorlandszone, die sich bis zu 125 m Meereshöhe erhebt. Sie besteht aus jurassischen Thonschiefern und höhlenreichen Kalken derselben Formation, und an sie schliesst sich in breiter Ausdehnung Sandstein der Steinkohlenformation, der im nördlichen Teile des Schutzgebietes wenig oder gar nicht entwickelt ist. Der Vorlandstreifen wird von Nord nach Süd allmählich breiter und dringt in weitem Bogen bis gegen den Nyassasee hin vor. Unmittelbar hinter dem grünen Küstensaum aher setzt, vom Meere aus unsichtbar, die echte afrikanische Steppe ein und herrscht landeinwärts in der ganzen Küstenebene vor, die plötzlich an einem bald steil und unvermittelt, bald langsamer und stufenförmig ansteigenden und von einem aufgewulsteten Rande, dem ostafrikanischen Schiefergebirge, gekrönten Hochland endet. Diese ungeheuer ausgedehnte Tafel, die selten unter 1ooo m Meereshöhe hinabgeht, nimmt das gesamte Deutsch-Ostafrika mit Ausnahme des schmalen Saumes der Mrima ein und setzt sich über ganz Innerafrika fort. Sie besteht aus den Bruchstücken uralter Gesteine, vornehmlich aus Gneis, Granit, Glimmerschiefer und Quarzit und wird oft von Basaltergüssen oder einem roten Sandstein überlagert, der einst viel weiter verbreitet war, aber durch die Verwitterung zerstört und abgetragen wurde. Auch an den Urgesteinen konnten Luft und Wasser schon seit unendlich langer Zeit ihre zerstörende Wirkung ausüben, und dies erklärt die Einförmigkeit der weiten Hochebene. Die Gebirge sind bis auf flache Hügel und Kuppen verschwunden, und überall sieht man Haufen rundlicher Felsblöcke, deren Oberfläche häufig zwiebelschalenartig abgesprungen ist, indem die tagsüber stark erwärmte und nachts stark abgekühlte Luft eine abwechselnde Ausdehnung und Zusammenziehung verursacht, die selbst das härteste Gestein zersprengt. Die Hitze und die ausgiebigen Regengüsse befördern die Bildung der Zersetzungsrückstände, die wegen der eigenartigen Bodengestaltung nicht fortgeschaflft werden können, sondern sich an Ort und Stelle zu mächtigen Lagern anhäufen. Sie entsprechen dem Lehm unserer Breiten und haben wegen der ziegelroten Farbe, die ihr Eisengehalt bedingt, den Namen Latent (von dem lateinischen Worte later der Ziegelstein) erhalten. Die Niederschläge sickern schnell in dieser zelligen Bodenart ein und fliessen unterirdisch ab, so dass der Latent unter dem glühenden Sonnenbrände rasch austrocknet und zu steinharten, von Sprüngen zerrissenen Klumpen zusammenbackt, die der Pflanzenwelt nicht günstig und nur dort massig fruchtbar sind, wo starke Erwärmung mit ausreichender Befeuchtung Hand in Hand geht. Der Laterit ist in Deutsch-Ostafrika ausserordentlich weit verbreitet, so dass die Kolonie geradezu ein grosses Lateritmeer genannt werden kann. Doch sind umfangreiche Flächen z. B. das Massaihochland auch mit einer dunkelgraubraunen Thonerde bedeckt, und in den Steppen um den Eiassisee, bei Mpapwa und anderwärts setzt sich Löss ab, der den vom Winde mitgeführten feinen Staubmassen seine Entstehung verdankt. Die Niederungen und Thalsohlen endlich sind mit Schwemmland und graublauem oder gelbem fetten Thon erfüllt.

In den Grundzügen seines geologischen Aufbaues stellt also unser Schutzgebiet eine uralte Festlandsmasse dar, in der Sedimentgesteine nur eine untergeordnete Rolle spielen. Die gebirgsbildenden Kräfte, die durch Faltung das Antlitz Europas und Asiens in tiefgreifender Weise veränderten und umgestalteten, übten hier keine wahrnehmbare Wirkung aus, und die völlig horizontal über dem Grundgebirge lagernden Sandsteine zeigen an, dass nach ihrem Absätze keine Bodenfaltung mehr stattfand.

Dafür durchzieht und gliedert die Hochebene ein grossartig entwickeltes Netzwerk meist Nord-Süd verlaufender Brüche, die wiederum kürzere Querspalten aussenden. An diesen in geologisch junger Zeit entstandenen Brüchen sind breite, langgestreckte Schollen abgesunken und bilden die sogenannten Gräben, die bald mehr oder minder schroff 400—1ooo m tief abfallen, bald durch vulkanische Ergüsse abgeflacht oder völlig ausgefüllt sind. Heisse Quellen treten an den Bruchspalten häufig hervor. Die aufgewulsteten Ränder der gewaltigen Tafel, das ost- und centralafrikanische Schiefergebirge, sind durch die Erosion stark zerschnitten und enden meist in abgerundeten Kämmen und Gipfeln. Besonders scharf ausgeprägt ist das inselartig und mauergleich aus der Küstensteppe aufsteigende ostafrikanische Schiefergebirge, das wilde, malerische und liebliche Landschaften umschliesst und viele der Vorzüge und Vorteile darbietet, die jene Gegenden für kulturelle Zwecke besonders brauchbar machen. Zu diesem vom Meere allmählich bis in die Nähe des Nyassasees zurücktretenden Randgebirge gehören die Bergländer von Pare und Usambara (2000 m), die man wegen ihrer wechselvollen und überraschenden Scenerien die ostafrikanische Schweiz genannt hat, Nguru, das Ulugurugebirgc (2400 m), Usagara, das Rubehogebirge, Uhehe und endlich das anmutige Kondeland, der vielgepriesene und zukunftsreiche Garten Ostafrikas. Viel weniger freundlich ist das unmittelbar benachbarte Uhehe, ein schwer zugängliches Hochland, das durch die tief durchschluchteten und zerklüfteten Ketten des düstern Rubehogebirges abgesperrt wird. Hier wie in den andern Grenzlandschaften folgt aber hinter dem Gebirge eine ungeheure Hochebene mit niedrigen Kuppen und sanft gewellten Hügelreihen, die im Gegensätze zu den dem Meere zugewendeten Berghängen von der Natur ziemlich stiefmütterlich bedacht ist. Denn da jenes Dach Deutsch-Ostafrikas die Hauptmasse der vom Indischen Ozean herüberkommenden Feuchtigkeit empfängt, so stellt es mit seinem fruchtbaren, gut bewässerten Boden den wertvollsten küstennahen Teil unseres Schutzgebietes dar und ist zugleich das Ursprungsland sämtlicher Küstenflüsse. Die grösseren Zuflüsse des Indischen Ozeans, der Pangani oder Ruvu, der Wami, Kingani, Rufiyi und Ruwuma, durchbrechen das Randgebirge in vielgewundenen, landschaftlich schönen Schluchten. Ihre Thäler verleihen dem Steilabfall des Plateaurandes Gliederung und Ausdruck und zeichnen den Karawanen den Weg vor. Aus diesem Grunde gewinnen Orte, die wie Mpapwa in der Nachbarschaft bequemer Zugänge liegen und mehrere Strassen aufnehmen, eine gewisse Bedeutung. Nicht minder wichtig sind bei dem Wassermangel solche Siedelungen, die in einer verhältnismässig wohl bewässerten und fruchtbaren Umgebung liegen und daher von vornherein für grössere, volkreiche Mittelpunkte geschaffen sind. Hierher gehört vor allem Tabora, das in vielen Einzelgehöften 15 ooo Einwohner birgt, und auch Mpapwa ist wieder zu nennen, indem es den letzten Rastplatz vor dem Eintritt in die Wüste von Ugogo darstellt.

So reich aber das küstennahe Gebiet an Flüssen ist, so liegt deren Wichtigkeit viel weniger in der Verkehrs Vermittelung als in der Wasserversorgung. Zur Regenzeit reissende, hoch angeschwollene Wildbäche, sind sie in den trockenen Monaten wasserarm oder wasserlos. Auch die Schnellen und Wasserfälle, die beim Durchbruch durch das Randgebirge entstehen, beeinträchtigen die Schiffbarkeit in hohem Grade, so dass sie bei den wenigen Wasserläufen, die überhaupt für kleine Fahrzeuge zugänglich sind, auf den Unterlauf beschränkt ist. 40 km stromaufwärts fahrbar ist der Pangani, der nur einseitig gespeist wird, weil er von Süden her aus der unmittelbar an ihn herantretenden Steppe keine Zuflüsse erhält. Seine vom Schnee und den Niederschlägen des Kilimandjaro genährten Quellbäche rinnen aus zahllosen Wasseräderchen zusammen, die von den Bergbewohnern ausgiebig zu künstlicher Bewässerung benutzt werden. Zur Regenzeit vermag ihr Bett die Wassermengen nicht zu fassen, und aus ihnen, sowie aus dem durch die durchlässigen Aufschüttungsmassen des vulkanischen Kilimandjaro hindurchsickernden Wasser entstehen am Bergfusse zahlreiche Sümpfe, die wohl hauptsächlich das ungesunde Fieberklima der Ebenen um den Kilimandjaro verursachen. Trotz seiner mangelhaften Schiffbarkeit, die indes durch Regulierungsarbeiten nicht unerheblich verbessert werden könnte, ist der Pangani ein wichtiger Fluss, zumal er ein Gebiet durchströmt, das heute der Hauptsitz der Plantagenwirtschaft ist. Noch vielmehr gilt das dank der immer mehr wachsenden Entfernung zwischen Küste und Randgebirge vom Rufiyi und seinen Nebenflüssen Ulanga und Ruaha, die zusammen das grösste Stromsystem Deutsch-Ostafrikas darstellen. Der stattliche Strom, der den Rhein an Länge übertrifft, kann bis in die Nachbarschaft des fruchtbaren, gesunden Kondelandes und der am Nordufer des Nyassa entdeckten Kohlenlager befahren werden und wird dermaleinst eine nutzbringende Verkehrsstrasse darbieten. Jetzt spielt er noch keine Rolle, weil er zu weit vom Weltverkehr abliegt und den Einfallen kriegerischer Völker ausgesetzt ist. Obendrein ist seine in breitem Delta vorgeschobene Mündung voller Untiefen. Sandbarren haben auch die Mündung und den Unterlauf des südlichen Grenzflusses Ruwuma so verstopft, dass bloss ganz flach gebaute Boote die Einfahrt erzwingen können und dass der wasserreiche Strom in Zukunft kaum irgend welche Bedeutung haben wird.

Im äussersten Norden unseres Schutzgebietes und teilweise schon auf englischem Boden erhebt sich über der hier 800 m hohen Ebene ein ungefüger Bergstock, dessen nahezu kreisförmige ßasis mit 3800 qkm Fläche andcrthalbmal so gross als der Harz (2468 qkm) ist und zu ihrer Umgehung 18 Tage erfordert. Der gebirgshafte Riesenberg, der Kilimandjaro, ist nicht bloss die höchste Erhebung ganz Afrikas, sondern eine der höchsten Aufschüttungsmassen überhaupt, die jungvulkanische Gesteine, in diesem Falle verschiedene Arten von Basalten, Basaltlaven, Tuffe und Aschenmassen, über einer Bruchspalte aufgebaut haben. Seit uralter Zeit ist er allerdings erloschen, und ein gleiches Schicksal hat den Meru (4460 m) betroffen, der auf derselben, ostwärts vom Pangani durchflossenen Bruchlinie emporgequollen ist. Dagegen hat ein dritter Vulkan, der Dönjo Ngai (2150 m), in den letzten Jahrzehnten Ausbrüche gehabt und zeigt noch heute Spuren schwacher Thätigkeit. Erdbeben sind im ganzen Gebiete ebenfalls häufig, zum Beweis, dass das Erdinnere noch immer nicht zur Ruhe gekommen ist. Nach dem Erlahmen der vulkanischen Kraft begann die von aussen wirkende Verwitterung ihr Zerstörungswerk. Die Gehänge wurden zerfurcht und zerrissen, und das zersetzte vulkanische Gestein verwandelte sich in fruchtbares Erdreich. Sanft kegelförmig und einem gefältelten Lampenschirm vergleichbar steigt jetzt der Kilimandjaro zu zwei ausdrucksvollen Gipfeln an, die auf einer breiten Unterlage ruhen. Der östliche stürzt schroff in ungeheuren, wild zersägten Mauern ab, die in einem gewaltigen Kessel, wohl dem ursprünglichen Krater, enden und wegen ihrer übergrossen Steilheit den Schnee nur unvollkommen halten. Deshalb nennen die Umwohner die nach Hans Meyer 5300 m, nach v. Höhncl 5545 m hohe Spitze Mawensi d. i. den Dunklen. Die westliche, 6010 m bezw. 6130 m hohe Zinne, die 1889 von Dr. Hans Meyer und dem bekannten Alpinisten Purtscheller zum ersten Male bestiegen wurde, ist verhältnismässig gut erhalten und hat die eigentümliche Domgcstalt der echten Vulkane. Mächtige Schnee- und Gletschereismassen erfüllen den 200 m tiefen Krater und umkleiden seine Aussenwände mit einem weissen Panzer, der dem Berge den Namen Kibo d. i. der Helle einbrachte. Der Mawensi ist der ältere und darum viel stärker zerstörte der beiden Gipfel. Er häufte sich durch Lavaergüsse und Aschenauswürfe immer höher an, bis die unterirdischen Kräfte nicht mehr imstande waren, die Lava über den Kraterrand zu heben. Sie erstarrte im Auswurfskanale und verstopfte ihn, worauf sich die nachdrängenden Massen im Kibo einen neuen Weg bahnten. Einen dritten grossen Kraterkessel, der vermutlich ein Einsturzkrater und der jüngste der drei Hauptkrater des Kilimandjaro ist, scheint G. Volkens bei 3400 m Meereshöhe an der bisher noch unbekannten Nordwestseite des Gebirges am Fusse des Kibo entdeckt zu haben.

Während die Nordwand des Kilimandjaro in einem Zuge 5000m tief zur unabsehbaren Hochebene abstürzt und fast nackt und wasserlos ist, gliedert sich der entgegengesetzte Hang in die drei langsamer abfallenden breiten Stufen des Djaggalandes, die von den zahllosen Quellbächen des Pangani in ein Netz schmaler Rippen und Schluchten zerschnitten werden. Dichter Urwald überkleidet das Gestein, und der nie versiegenden Wasserzufuhr verdankt der verwitterte Vulkanboden seine vielgerühmte Fruchtbarkeit.

Der vollkommen allein stehende Kilimandjaro gehört nebst seinen Nachbargipfeln bereits der steppenhaften Hochebene an, die unmittelbar westlich des ostafrikanischen Schiefergebirges cinsctzt und ein ausgedehntes abflussloses Gebiet umschliesst. Sie schmachtet in auffallendem Gegensätze zur Küste unter drückendem Wassermangel und besitzt keinen einzigen Fluss von Bedeutung, weil nur der kleinste Teil der vom Randgebirge aufgefangehen Feuchtigkeit ins Innere gelangt und sich bloss dort wieder zu Regen zu verdichten vermag, wo inselartig aufragende Berge z. B. Kilimandjaro, Meru und Gurui sich den vom Meere kommenden Luftströmungen entgegenstellen. Diese engbegrenzten Gebiete bilden inmitten der dürren Steppe freundliche, klimatisch anders geartete Oasen mit grünem Wald und das ganze Jahr hindurch rinnenden Bächen. Sonst ist man im Sommer tagelang auf den zweifelhaften Inhalt der Wasserlöcher und Zisternen angewiesen, die von den Eingeborenen scharf bewacht und ängstlich gehütet werden und für deren Instandhaltung die Bewohner von Ugogo früher von den durchziehenden Karawanen einen Tribut, den Hongo, erpressten. Unter den Flüssen giebt es nur wenige, die ständig Wasser führen. Weitaus die meisten sind Regenflüssc, d. h. sie trocknen während der niederschlagslosen Zeit gänzlich aus oder lösen sich in eine Reihe zusammenhangsloscr Tümpel auf, um in den regenreichen Monaten zu verheerenden Wildbächen anzuschwellen. Die Mehrzahl fliesst zur Küste oder zu den grossen Binnenseen ab, ein Teil verläuft aber auch in der Sackgasse eines abflusslosen Salzsees, deren ausgedehnteste der Rikwasee*) (780 m) und der das Wasser des Wemberegrabens aufhehmende Eiassisee (1050 m) sind.

*) 1897 fand Kompagnieführer Langheld den Rikwasee bis auf einige umfangreiche, seichte Tümpel ausgetrocknet. An seine Stelle war eine sehr wildreiche Grassteppe getreten.

In früherer geologischer Vergangenheit war die Zahl der ostafrikanischen Binnenseen viel ansehnlicher, denn an den verschiedensten Stellen des Hochlandes lagert in Mulden versteinerungsloser Süsswasserkalk unbestimmten Alters. Vermutlich enthielten jene Becken Wasser, als die durch alte Gletscherspuren am Kenia und Ruwenzori auch für Ostafrika nachgewiesene Eiszeit ausgiebigere Feuchtigkeitsmengen zu liefern vermochte. Heute ist das Hochland arm an fliessendem und stehendem Wasser, und dieser Mangel ist durch die Oberflächengestaltung begründet.

Bis zum ostafrikanischen Graben, der sich durch 40 Breitengrade hindurch bis ins Rote Meer und zum Jordanthale fortsetzt, reicht die öde Massaisteppe und das nicht minder abstossende Ugogo. Die grosse Grabensenkung birgt einige fruchtbare Mulden und eine Reihe abflussloser, im Sommer teilweise austrocknender Salzseen, z. B. den Balangda-, Manyara- und Natronsee. Nur zwei innerhalb der Verwerfung liegende Becken, der Ufiomisee und der bereits dem englischen Gebiet angehörende Naiwaschasee (1860 m), führen Süsswasser, weil sie vermutlich Kraterseen und deshalb mit unterirdischem Abfluss versehen sind. Im übrigen darf man sämtliche Seen des ostafrikanischen Grabens wohl als Überreste eines einst zusammenhängenden Flusssystems betrachten. Darauf deutet die niedere Tierwelt des Manyara (1OOO m), die trotz seines Salzgehaltes reine Süsswasserformen aufweist und vielleicht Beziehungen zur Nilfauna erkennen lässt. Aus ähnlichen Vorkommnissen im Rudolfsee folgerte der berühmte Geologe Eduard Suess, dass die Entstehung des ostafrikanischen Grabens in eine Zeit fiel, in der die gegenwärtige Nilfauna bereits vorhanden war oder einen der jetzigen sehr ähnlichen Charakter hatte.

Zum Unterschiede von dem scharf ausgeprägten centralafrikanischen Graben sind die Ränder des ostafrikanischen Grabens nicht immer deutlich erkennbar, weil die weitverbreiteten jungvulkanischen Gesteine durch ihre massenhaften Ergüsse, die in den Basaltkuppen des nördlichen Nyassa-Anlandes gegen 3000 m und im steilen Basaltkegel des Gurui 3200 m Meereshöhe erreichen, die Senke stellenweise ausfüllten und u. a. den Nyassasee abtrennten. Einer seitlichen Bruchspalte gehört der Kilimandjaro samt seinen Nachbarvulkanen an, und ebenso sind Wembere- und Rikwagraben wohl unterscheidbare Seitenbrüche. An den Bruchrändern der Gräben und an kleineren Verwerfungsspalten treten sehr oft heisse Mineralquellen auf, deren es in unserm Schutzgebiet eine ganze Anzahl giebt und von denen einige durch eine heilkräftige Wirkung ausgezeichnet sind. Einen wertvollen arzeneilichen Schatz stellen beispielsweise die leicht zugänglichen Schwefelquellen von Amboni am Sigi dar, deren Wasser mit dem der berühmten Schwefelquellen von Aachen auffallend übereinstimmt.

Nach Westen zu gewinnt der Granit immer mehr die Oberhand und baut in mächtiger Ausdehnung den ganzen mittleren Teil Deutsch-Ostafrikas, vor allem die wellige Tafel von Unyamwesi auf. Unyamwesi, das Mondland, ist ebenfalls ein wasserarmes Steppengebiet von ausserordentlicher Eintönigkeit. Höhere Bergzüge fehlen gänzlich, und nur zusammenhangslos zerstreute Hügel, abgestumpfte oder sonderbar gestaltete Felsgebilde und massenhafte Steinblöckc bringen einige Abwechselung. Nordwärts wird die Landschaft wieder freundlicher, fruchtbarer und volkreicher, namentlich in der Glimmerschiefer-, Quarzit- und Thonschieferplatte von Karagwe und Ruanda, dem sogenannten Zwischenseenplateau. Schmale Schluchten und Bruchspalten oder flachgründige Thäler gliedern die Hochebene und enthalten teils Seen oder Sümpfe, teils entsenden sie vielgewundene Wasserläufe, darunter den Kagera, den eigentlichen Quellfluss des aus dem Victoria Nyansa austretenden Nil. 1) Die Fluren sind im allgemeinen baumlos und bergen nur in den Einsenkungen Wald. Doch hat der reiche Graswuchs eine blühende Viehzucht entstehen lassen, und tropische Kulturpflanzen gedeihen ebenfalls, vor allem die Banane. Sonst ist der deutsche Uferanteil des Victoriasees wasserarme Steppe, und nachdem wir durch Gründung der Stationen Muansa und Bukoba an seinem Gestade festen Fuss gefasst haben, müssen wir versuchen, das möglichste aus dem Lande zu machen. Die gesegneten Gefilde von Uganda mit ihren üppigen Wäldern, Wiesen und Fruchtgärten und ihrer dichten begabten Bevölkerung beginnen erst am Nordufer des Nyansa. Sie verdanken die nimmer rastende Fruchtbarkeit ihres Bodens, der jährlich zwei Ernten liefert, der annähernd gleichmässigen Regen Verteilung und der Feuchtigkeitszufuhr, die der über das gewaltige Wasserbecken streichende Südostwind mitnimmt und in den am Westufer gelegenen Hochländern wieder abgiebt. Dieses Zukunftsland Innerafrikas, das nach aller Kenner Urteil der beste Fleck Erde im Herzen des dunklen Erdteils ist, haben natürlich die Engländer erhalten.

Das Hochland von Unyamwesi und das Zwischenseenplateau dachen sich sanft zu einem wasserscheidenden Randgebirge ab, das1 als Gegenstück zum ostafrikanischen das centralafrikanische Schiefergebirge heisst und in steilen Wänden zu dem ungeheuren Spalte des centralafrikanischcn Grabens abstürzt. Er reicht vom Oberlauf des Schirc bis zum Oberlauf des Weissen Nils und wird ebenfalls von vier grossen Seen mit leicht brackigem Wasser ausgefüllt. Auch vulkanische Aufschüttungsmassen fehlen nicht, die in dem umfangreichen Ausbruchsherde der Mfumbiro- oder Virungaberge noch zwei thätige Vulkane besitzen.2) Die Seen sind zum Unterschiede von dem breiten, inselreichen Flachbecken des von niedrigen, stark gegliederten Ufern umsäumten Victoria Nyansa schmale, langgestreckte Schlauchseen von beträchtlicher Tiefe.

1) Mit der Entdeckung der Kageraquellen durch Dr. Oskar Baumann ist das Jahrhunderte alte Rätsel des Nilursprungs (caput Nili quaerere) endlich gelöst, nachdem Speke 1858 als erster Europäer den Victoria Nyansa und den in ihn einmündenden Kagera aufgefunden und das berühmte Telegramm abgesandt hatte: „The Nile is settled (Der Nil ist bestimmt)!“ Merkwürdigerweise nennen die Umwohner das Quellgebict des Kagera die Mondberge, von denen schon die Schriftsteller des Altertums berichten. Neuerdings hat Kompagnieführer Ramsay behauptet, dass Baumann die eigentliche Nilquelle, wenn man die Quelle des Kagera dafür hält, nicht entdeckt habe, indem der Akenyaru, einer der Quellflüsse des Kagera, viel bedeutender sei als der von Baumann verfolgte Quellfluss Ruvuvu.

2) Eine dritte grosse Bruchspalte, die den dunklen Erdteil durchsetzt, ist der west-afrikanische Graben. Er läuft über die Vulkaninseln Annobon, St. Tbomfe, Principe und Fernando Poo zum erloschenen Kamerunpik und setzt sich tief ins Benuëggebiet fort.

Sie werden von hohen Felsmauern umrahmt und verdanken ihre Entstehung denselben geologischen Kräften wie die grossen Gräben selbst. Die scharf ausgeprägte Senke bildet zugleich die politische Grenze unseres Schutzgebietes und nimmt den längsten Strom von Unyamwesi, den fast kreisförmig verlaufenden Mlagarassi nebst seinen Zuflüssen, auf.

Schon dieser kurze Überblick verrät die ausserordentliche Einfachheit und Einförmigkeit des Oberflächenbaues und der geologischen Zusammensetzung Deutsch-Ostafrikas. Er lässt aber auch die geringen Schwierigkeiten erkennen, die — abgesehen vom Wasser- und Nahrungsmangel — der Anlage künstlicher Verkehrsmittel entgegenstehen. Zwar nimmt das Flachland bloss einen schmalen Küstenstreifen ein, doch sind hindernde Gebirge ebenfalls selten und werden vorzugsweise durch die leicht zu umgehenden Aufschüttungs- und Ergussmassen der vulkanischen Einzelberge vertreten. Wellige oder auf weite Strecken hin gänzlich ebene Hochflächen walten entschieden vor, und nur die Bruchlinien der mehr oder minder breiten Gräben verleihen der eintönigen Oberfläche ihre stärksten landschaftlichen Züge. Immerhin stehen den Vorteilen, welche die einheitliche Bodengestaltung für den modernen Verkehr darbietet, auch Nachteile gegenüber, weil sie wohl die Seenbildung, nicht aber die Entwickelung grosser, schiffbarer Ströme begünstigt. Als Wasserstrassen spielen sie so gut wie gar keine Rolle, und auf den einzigen von der Natur selbst vorgezeichneten Weg, der trotz seiner erheblicheren Ausdehnung viel schneller ins Innere führt als die Landwege durch Deutsch-Ostafrika, haben die Engländer mit festem Griff die Hand gelegt. Er beginnt am Sambesi, setzt sich durch den Schire in den Nyassasee fort, steigt über ein gesundes Hochland zum Tanganyika hinab und folgt den Seen und Flüssen des centralafrikanischen Grabens bis zur‘ Einmündung in den Nil. Die erste, 1ooo km lange Strecke, die vom Indischen Ozean bis zum Nyassa reicht, wird nur einmal durch Wasserfalle und Stromschnellen unterbrochen, und die Landschranken, die sonst die einzelnen Seen voneinander trennen, sind mittelst Strassen- und Bahnbauten leicht zu überwinden.

Aus der Anordnung der Hauptentwässerungsrichtungen geht hervor, dass unsere Kolonie Anteil an den drei Hauptstromgebieten Afrikas hat. Der stürmische Nyassa (480 m), 1859 von dem englischen Missionar David Livingstone entdeckt, und die Küstenflüsse werden zum Indischen Ozean entwässert. Der 1858 von Burton und Speke entdeckte Tanganyika (800 m) bahnt sich bei hohem Wasserstande im Lukuga einen zeitweiligen Ausweg zum Kongo und damit zum Atlantischen Ozean. Der Victoria Nyansa (1190 m) endlich, der 1858 von Speke zum ersten Male gesehen wurde, giebt sein Wasser durch den Nil ans Mittelmeer ab. Die drei gewaltigen Seebecken, die zusammen 130000 qkm Fläche einnehmen,1) üben einen unverkennbaren Einfluss auf das Klima und damit auf die Fruchtbarkeit ihrer Umgebung aus. Hier wohnt eine dichte Bevölkerung sesshafter Ackerbauer, die dem Handel ein gutes Absatzgebiet sichert, und deshalb sind die inner-afrikanischen Seen, von denen einige schon mit Dampfern befahren werden, 2) der Ziel- und Ausgangspunkt der wichtigsten Karawanenstrassen. Zwischen das Zuflussgebiet des Nil und Kongo einerseits und des Indischen Ozeans andrerseits schiebt sich in breiter Ausdehnung der von Oskar Baumann genauer untersuchte abflusslose Gürtel ein, so dass nicht ein Gebirge, wie man erwartet hatte, sondern eine ausgedehnte Grabensenke die Hauptwasserscheide Deutsch-Ostafrikas darstellt.

Die Einförmigkeit der Oberflächengestaltung spiegelt sich in der Eintönigkeit der Pflanzenbedeckung wider. Unmittelbar hinter der Meeresküste mit ihrer üppigen Tropenvegetation des Indischen Monsungebietes stellt sich die wasserarme Steppe ein, die mit Ausnahme der Bergwälder unser ganzes Schutzgebiet einnimmt und sein vorherrschendstes Landschaftsbild ausmacht. Das sechs Monate lang regenlose Hochland vermag nur einen dürftigen Pflanzenwuchs hervorzubringen, und das tropische Afrika ist vor allem durch das Überwiegen des Grases ausgezeichnet. Stellenweise trägt die Landschaft einen besonders öden Charakter. Ausgedehnte Steinfelder und die mit Salzausblühungen überdeckten Uferstrecken der abflusslosen Binnenseen sind so trocken, dass selbst die genügsamen Steppenpflanzen nicht mehr fortkommen. Dann ist der von der Sonne steinhart gebrannte und zersprengte Boden mit Felssplittern und grellfarbigem Sande übersäet und gleicht einer völlig toten Wüste. Das gilt nicht zum wenigsten von Ugogo, dem Lande der Steine, wenn man es zur Trockenzeit durchwandert.

1) Det Nyassa (26450 qkm) entspricht an Grösse der Rheinprovinz, der Tanganyika (35130 qkm) der Provinz Ostpreussen, der Victoria Nyansa, auch Nyansa schlechthin oder früher nach Spekes Vorgänge Ukerewe genannt (68 480 qkm), dem Königreich Bayern ohne die Pfalz. Dem centralafrikanischen Graben gehören ferner an der von Graf Götzen entdeckte, noch nicht genau umgrenzte Kivusee, der Albert Edward Nyansa (4480 qkm) und der Albertsee oder Mwutan Nsige (3910 qkm).

2) Auf dem Nyassascc verkehren zur Zeit 10 Dampfer.

Auf felsigem Untergründe ruht brennendroter Laterit oder roter und weisser, das Auge blendender Sand, der eine kräftige Pflanzenhülle von vornherein ausschliesst und dafür mit Millionen von Steinblöcken bedeckt ist. Bald geht es über staubige Flächen, auf denen Windhosen ihr Spiel treiben, bald durch die breiten versandeten Trockenbetten der Flüsse oder durch Hunderte vom Regen tief eingefurchter Rinnen. Dünnes Gras und spärliches Gestrüpp überzieht den kahlen Boden, meist aber hat man mit engverschlungenem Dornbusch zu kämpfen, und nur selten erfreut ein Hain von Delebpalmen (Borassus flabelliformis) das Auge. Zwar haben hier und dort fleissige Ackerbauer das Land seit einigen Jahrzehnten nicht ohne Erfolg in Arbeit genommen, im allgemeinen ist es aber von geringem Werte, und die Behauptung Stanleys, aus Ugogo in einem halben Jahre einen Garten zu machen, ist ebenso haltlos wie viele seiner andern Übertreibungen.

Die allbeherrschende Steppe ist ein blumenloses Grasmeer. Die harten, kantigen, schilfartigen Halme werden bis 4 m hoch und stehen nicht wie auf unsem Wiesen dichtgedrängt nebeneinander, sondern in getrennten Büscheln, die sich hinter dem Wanderer sofort wieder schliessen und ihn schon nach wenigen Schritten dem Blick seines Hintermannes entziehen. Von einem Hügel aus erkennt man eine durchmarschierende Karawane nur an den wellenförmigen Windungen des bewegten Grases, die Träger selbst und ihre Lasten sind meist unsichtbar. Das übermannshohe Gras macht das Wandern nicht bloss ermüdend, sondern auch gefährlich. Denn es begünstigt die Annäherung wilder Tiere und den heranschleichenden Feind, wie der verhängnisvolle Ausgang der Expedition Zelewski dargethan hat. Oft verwandelt struppiges Dorngesträuch die offene Grasflur in eine Buschgrassteppe, die beim Überhandnehmen des Strauchwerks in eine dichte Dornbuschsteppe übergeht. Fettpflanzen, die durch Aufspeichern grösserer Feuchtigkeitsmengen die Dürre überdauern, geben der Steppe ein eigenartiges Gepräge. Neben Aloes sind es vor allem riesig entwickelte Euphorbien oder Wolfmilchsgewächse von kaktusähnlicher Gestalt und 12 bis 15 m Höhe, die sogenannten Kandelaberbäume, die eine besondere Pflanzenformation, den Euphorbiendornbusch, darstellen. Geradezu undurchdringlich ist der vornehmlich aus Akazienarten zusammengesetzte Dornbusch, indem die Äste vom Boden aus schräg auseinandergehen und dicht ineinander übergreifen oder indem die herabhängenden Zweige der höheren Sträucher von oben her in das niedrigere Gebüsch eingreifen. Ein Heer kletternder und windender Gewächse vermehrt die Unzugänglichkeit der gewöhnlich staubiggrau ausschenden Buschsteppe, die überall in Ostafrika, besonders in Ugogo und im Massailande, verbreitet ist.

Eine andere Abart der Steppe ist die Baumgras- oder Obstgartensteppe. Sie entsteht dadurch, dass knorrige, krüppelige, oben schirm-artig abgeplattete Bäume, die mit 5—10 m Höhe kaum einen Vergleich mit unsern europäischen Waldbäumen aushalten, in weiten Abständen über das Grasland zerstreut sind. Die niedrigen, hellgrauen Stämme haben mit ihren kurz über dem Boden beginnenden Verzweigungen, ihrer starren Astbildung und der starken Dornenentwickelung auffallende Ähnlichkeit mit winterkahlen Holzbirnbäumen. Rücken die Stämme näher zusammen, so zaubern sie eine freundliche Parklandschaft hervor und vereinigen sich schliesslich zu förmlichen Steppenwäldern (Pori), die ihrer Zusammensetzung nach lichte, unterholzfreie und dem Verkehr wenig hinderliche Waldungen sind. Dichter Hochwald kann nicht heranwachsen, da die Zeit der Niederschläge über ein gewisses Mindestmass verkürzt ist und da das dem durchlässigen Boden fehlende Grundwasser die Feuchtigkeit nicht ersetzt. Am häufigsten sind unter den Bäumen des Steppenwaldes vertreten die Akazien (Gummi-, Flöten-, Schirmakazien u. s. w.) und Mimosen, die im Kampfe ums Dasein allen anderen Holzgewächsen überlegen sind und in ihrer Beschaffenheit viele Anpassungen an die Steppennatur zeigen. Die schattenlosen, schwach belaubten Bäume tragen fingerlange Stacheln, und die Blätter sind steil gestellt, dicht behaart und klein, um der Sonne keine grosse Verdun-stungs- und Belichtungsfläche darzubieten. Bei langanhaltender Trockenheit reichen die den Steppengewächsen zu teil gewordenen Schutzmittel nicht mehr aus, so dass die Blätter verdorren und abfallen, um nach der Regenzeit neu gebildet zu werden. Der treue Begleiter der Akazien ist der unförmliche Affenbrotbaum, der nur die dürrsten Teile der Steppe, ebenso aber auch den geschlossenen Urwald meidet. Zu ihm gesellen sich Myombobäume (Berlinia Emini) mit eschenartigem Laub und Kigelien (Kigelia aethiopica) mit grossen weissroten, tulpenähnlichen Blüten und graugrünen wurstartigen Früchten.

Nur dort, wo das Sickerwasser eines nie versiegenden Flusses die Ufer durchtränkt, stellen sich üppige, feuchte Wiesen oder ausgedehnte Schilfrohr- und Papyrussümpfe ein. Am bekanntesten sind jedoch die Galeriewälder, d. h. schmale Urwaldstrcifen, deren durch zahllose Kletterpflanzen und undurchdringliches Unterholz fest verflochtene Mauern auch in der trockenen Zeit ihr Grün nicht verlieren und sich beiderseits des Flussbettes wie dunkle Schlangen durch die fahlgelbe Steppe ziehen. Oft freilich schrumpft der Galeriewald zu einem baumreichen Ufersaum zusammen, den ein guter Springer mit wenigen Sätzen durchmessen kann.

Ganz anders erscheint die Grasflur zur Regenzeit. Der eben noch steinharte Untergrund ist zu unergründlichem Schlamm aufgeweicht, und die Kiesbetten füllen sich mit reissenden Bächen. Die Steppe und selbst die Wüste überzieht ein sattgrüner, blumendurchwirkter Teppich, und überall treibt und drängt sprossendes Leben. Leider hält es nur kurze Zeit an. Die Wolken verschwinden, das Wasser läuft ab und verdunstet, das Gras wird trotz des starken Nachttaues rasch gelb und trocken und bietet den überall aufflammenden Steppenbränden reichliche Nahrung. So umschliesst Deutsch-Ostafrika neben viel versprechenden Gegenden weite zukunftslose Gebiete, deren wenig entwickelungsfähiger Boden nur in einigen fruchtbaren Mulden und Thälern die Möglichkeit der Bewirtschaftung zulässt. Der Wassermangel erschwert die Förderung des Ackerbaues durch künstliche Bewässerungsanlagen, zumal der Steppe das zu ihrer Nutzbarmachung unerlässlich notwendige Element, die menschliche Arbeitskraft, fehlt. Die Zahl der festen Wohnsitze ist beschränkt, und ein grosser Teil des Hochlandes dient unstät umherschweifenden Wanderhirten zum Aufenthalt.

Aber trotz aller Pflanzenarmut entbehrt Deutsch-Ostafrika des Hochwaldes keineswegs, wenn er sich auch an Reichhaltigkeit und Üppigkeit niemals mit den tropischen Urwäldern Asiens und Südamerikas messen kann. In früheren Zeiten war er vielleicht viel ausgedehnter als heute — der obere Kilimandjaro-Wald ist der altersschwache Rest eines einst viel weiter bergabwärts reichenden Gürtelwaldes—; allein durch die Ausrodung der Eingeborenen hat er beträchtlich an Umfang verloren, und das Klima bringt es mit sich, dass an Stelle der gefällten Urwaldriesen bloss Krüppelstämme und Dornbüsche wieder erscheinen. Der Hochwald ist, abgesehen von den eben erwähnten Galeriewäldern namentlich auf den wohlbewässerten Gehängen des ostafrikanischen Schiefergebirges, des Kilimandjaro und der Uferlandschaften des Nyassasees heimisch, und es kann geschehen, dass man binnen wenigen Stunden aus der öden Steppe in die anmutigen, wasserreichen Landschaften des tropischen Gebirgswaldes gelangt. In den unteren Regionen, besonders in den tiefen Schluchten, sind infolge der höheren Wärme die besten Bedingungen für ein strotzendes Pflanzenkleid mit gewaltigen Bäumen, reichem Unterholz und zahllosen Schmarotzergewächsen gegeben. Bis 60 m hoch ragen die Stämme empor, und ihre Kronen greifen so eng ineinander, dass selbst beim hellsten Sonnenschein nur düsteres Dämmerlicht bis zum Grunde dringt. Vor allem sind es 40—50 m hohe Wollbäume (Bombax Ceiba) mit immergrünem Laub, Sykomoren, Tamarinden, Myombobäume, wertvolle Kopalbäume, 15—20 m hohe Albizzien, Butterbäume (Stearodendron Stuhlmannii) und Bananen (Ficus indica) mit ihren schlauchartig herabhängenden Luftwurzeln. Deleb-, Dum- und Weinpalmen fehlen ebenfalls nicht, und um die Stämme ranken sich Schlinggewächse, unter denen die Kautschuk- oder Gummiliane (Landolphia Kirkii, Landolphia florida und Landolphia Comorensis) am meisten geschätzt ist. Überall liegen umgestürzte Baumstümpfe herum, deren vermodernde Reste die Luft mit schwülem Fäulnisgeruch erfüllen. Baumartige Farne, Bambusgewächse und Kriechpflanzen bilden das Unterholz, und der feuchte Boden erzeugt eine so dichte Busch-und Grashülle, dass es schier unmöglich ist, sich durch das Dickicht hindurchzuarbeiten.*)

*) Auch in den Gebieten, wo der tropische Wald auftritt, ist seine Verbreitung beschränkt. In dem vielgerühmten Usambara z. B. umfasst er schätzungsweise etwa 170 qkm, das übrige ist mit Busch- und Grasland bedeckt.

Mit der Höhe, etwa von 1400 m ab, wird der tropische Gebirgswald trockener und ärmer an geschlossenen Beständen und macht schliesslich buschbewachsenen baumarmen oder baumlosen Wiesen Platz. Erst von 1800 m an setzt wieder lichter, trockener Hochwald ein, der aber, wie der von Volkens genau untersuchte Gürtelwald des Kilimandjaro lehrt, in seiner Baumentwickelung schon erheblich hinter dem tropischen Bergwalde zurückbleibt und keineswegs mehr als Urwald zu bezeichnen ist. Vielmehr macht er den Eindruck des Altersschwachen und Gedrückten. Unter die Laubhölzer, Ilex mitis, Agauria salicifolia, Schefflera Volkensii u. a., mischen sich bereits Nadelbäume, z. B. Wachholder und Podocarpus-Arten, die sämtlich mit grauen Moosen und Flechten behängen und durch sie in ihrem Wachstum geschädigt sind. Jenseits der Baumgrenze, von 2500 oder 3000 m an, beginnt der Bereich der Bergwiesen und Baumhaiden, die mit zerstreuten Stauden und Sträuchern und vereinzelt noch mit niedrigen, verwetterten Bäumen, namentlich mit flechtenbehangenen Agaurien, besetzt sind und ganz allmählich in die Flechtenregion übergehen. Nunmehr ist jede Vegetation von Blütenpflanzen erstorben, und das nackte Gestein nimmt immer mehr überhand, bis endlich auf den höchsten Spitzen Schnee und Eis die letzten Spuren des Lebens ersticken1).

Entsprechend der vorherrschenden Steppennatur des Landes ist die Tierwelt überwiegend eine Steppenfauna, und die weiten Grasfluren des Innern sind noch heute die Heimat einer Fülle jagdbarer Tiere, wohl der grossartigste Jagdgrund des ganzen Erdteils. Zahlreiche Rudel der verschiedensten Antilopenarten, Giraffen, Zebras, Büffel und Strausse durcheilen die Hochebene, und Nashorn, Hyäne und Leopard finden sich überall, während der Löwe seltener geworden ist und vornehmlich in der Massaisteppe heimisch zu sein scheint. Auch der Elefant hat sich wegen der unausgesetzten Verfolgungen zusehends vermindert, und die Herden, die nicht den Schutz des grossen innerafrikanischen Waldes aufgesucht haben, durchstreifen mit Vorliebe die Bergwälder bis zu ihrer oberen Grenze. Sonst ist das Dickicht arm an Vögeln, während die Flüsse und Seen ein beliebter Sammelplatz zahlloser Wasservögcl sind. Tausende und Abertausende von Pelikanen, Flamingos, Regenpfeifern und Strandläufern beleben die Ufer, Scharen von Wildenten und Wildgänsen fallen auf die Wasserfläche ein, Reiher, Ibisse, Marabus, Störche und Kormorane spähen nach Beute, und zwischen ihnen tummelt sich in ungezählter Menge eine Seeschwalbenart.

1)Auf den Gehängen des Kilimandjaro finden sich alle Vegetationsgürtel des äquatorialen Ostafrikas auf verhältnismässig engem Raume zusammengedrängt und haben namentlich durch die Botaniker Volkens und Engler eine lichtvolle Schilderung erfahren. Nur der Gebirgstropenwald fehlt, war aber ursprünglich wohl auch hier vorhanden. An seiner Stelle liegt in den entsprechenden Höhen das Kulturgebiet und der Buschwald.

Ferner ist das Wasser reich an Fischen, und ebenso birgt es Flusspferde und beutegierige Krokodile. Die Geissei Südafrikas, die Tsetsefliege, deren Stich grössere Haustiere meist unfehlbar tötet, macht glücklicherweise nur in einigen eng begrenzten Bezirken des Schutzgebietes die Viehzucht unmöglich. Um so unangenehmer sind die allgemein verbreiteten Ameisen und Termiten, die sich oft zu Millionen auf die Wanderschaft begeben und alles auffressen, was sie auf ihrem Zuge berühren. Eine noch gefährlichere Plage, ja geradezu ein Landesunglück sind die Wanderheuschrecken, die zeitweilig in ungeheuren Schwärmen erscheinen und im Verein mit häufig wiederkchrendcn Dürren drückende Hungersnöte zur Folge haben. Die letzte Heimsuchung dieser Art fand erst im Jahre 1894 statt. Trotz seiner Lage unter den Tropen (1 — 11°S) besitzt Deutsch-Ostafrika wegen seiner ungeheuren Ausdehnung und der Verschiedenheiten in der Oberflächengestaltung und den Höhenverhältnissen klimatisch mancherlei Abweichungen.

Das Klima unseres Schutzgebietes steht vorwaltend unter dem Einfluss zweier sehr beständig wehender Luftströmungen, zwischen deren Herrschaftszeit sich Übergangsmonate mit wechselnden Winden einschalten. Von Ende April bis Anfang Oktober, d. h. während der Trockenzeit, hält der Südostpassat an, der längs der Meeresküste nach und nach in einen Südwestwind übergeht. Von Mitte November bis Mitte März weht der Nordostmonsun. Diese günstige Windverteilung hat schon früh einen lebhaften Seeverkehr zwischen Indien, Arabien und Ostafrika hervorgerufen und die arabische Herrschaft über die Mrima gesichert. Noch heute füllen sich während des Nordostmonsuns die Häfen mit Schiffen, die wieder abscgcln, wenn der entgegengesetzte Wind anhebt, während die örtlichen Land- und Seewinde und die wechselnden Luftströmungen der Übergangszeiten den Nahverkehr von einem Küstenplatz zum andern bestimmen. Demgemäss wird unsere Kolonie überwiegend von östlichen Winden bestrichen, die das verdunstende Oberflächenwasser des Indischen Ozeans aufnehmen und sich ausgiebig mit Feuchtigkeit beladen. Die Gehänge des Kilimandjaro und des Randgebirges zwingen sie zu schnellem Ansteigen, zur Abkühlung und damit zur Wiederabgabe ihres Wassergehaltes. Dadurch entstehen die sogenannten Steigungsregen, die in erster Linie dem küstennahen Gebiet zu gute kommen, es mit Ausnahme der weiten Steppen zwischen Rufidji und Ruwuma ziemlich gleichmässig mit Niederschlägen versorgen und zur regenreichsten Landschaft Deutsch-Ostafrikas stempeln. Die Regenhöhe selbst wechselt mit den einzelnen Monaten nicht unbeträchtlich. Denn je nach dem Sonnenstände setzt eine Trockenzeit und eine gcwitterrciche Regenzeit ein, die naturgemäss die Gesamtmenge der Niederschläge und die Wirkung der Steigungsregen stark beeinflussen. Im allgemeinen hat das Vorland innerhalb des Jahres je zweimal Regen-und Trockenzeit, wobei die erste oder kleine Trockenzeit zuweilen ganz verschwinden oder nur wenige Tage dauern kann. Umgekehrt stürzt bei der zweiten oder Hauptregenzeit der Regen wolkenbruchartig hernieder, und da mehr Wasser fällt als ablaufen kann, so treten ausgedehnte Überschwemmungen ein, weshalb die Eingeborenen die nasse Zeit mit Recht Masika, d. i. Überschwemmung, nennen. Trotzdem darf man nicht etwa glauben, dass zur Regenzeit das Wasser nach Art unserer bekannten Landregen unablässig einige Monate hindurch vom Himmel niederströmt, sondern fast täglich bricht die Sonne durch das Gewölk und trocknet schnell Baum und Strauch. In jener Zeit ist das Reisen nicht ungefährlich, denn Weg und Steg versumpfen, der Boden wird aufgeweicht und schlüpfrig, und die hoch angeschwollenen Bäche sind unpassierbar. Das Unbehagen des Europäers wird noch dadurch besonders gefördert, dass die unangenehm gleichmässig feuchtschwülc Treibhausluft die Hautthätigkeit hindert. Wenn dann die Regenzeit zu Ende geht, so nimmt der stark geschwächte Körper leicht das Fiebergift auf, das vom Wasser in der Erde festgehalten wurde und mit den aufsteigenden Dünsten des allmählich austrocknenden Bodens die Luft erfüllt. Andrerseits begünstigt die feuchte Wärme die Vegetation, so dass die Regenzeit, die unserm Winter entsprechen würde, für Ostafrika die Zeit des Waschtums und der Reife ist. Im allgemeinen hält es freilich schwer, die bei uns für die Jahreszeiten gebräuchlichen Begriffe auf Ostafrika anzuwenden. Denn dort ist ihr unterscheidendes Merkmal nur die Wassersnot und zwar in doppeltem Sinne, indem Wasserüberfluss — Regenzeit — und Wassermangel — Trockenzeit — sich in den Lauf des Jahres teilen.

Im Binnenlandc ist der Gegensatz zwischen Regen- und Trockenzeit viel schwächer ausgeprägt als im Vorlande, und die Ergiebigkeit der Niederschläge wechselt in den einzelnen Jahren ausserordentlich. Dadurch ist die Steppen- und Wüstennatur des Innern begründet, und ebenso sind Dürren und Notstände keine unbekannten Erscheinungen. Namentlich das abflusslose Gebiet des ostafrikanischen Grabens, wo die Regenzeit nur 3—4 Monate dauert und die Regenhöhe nicht mehr als 30—40 cm erreicht, ist auf weite Strecken hin geradezu wüstenhaft zu nennen. Von den Steigungsregen, die das Randgebirge benetzen und befruchten, gelangt nur der kleinste Teil auf die gegen die feuchten Winde abgesperrte Hochebene. Sie liegt vielmehr im Wind- und Regenschatten des ostafrikanischen Schiefergebirges und ist mit ihrer Wasserversorgung ausschliesslich auf die vom November bis zum April anhaltende Regenzeit angewiesen. Die übrigen sechs Monate des Jahres gehören der Trockenzeit an, die bloss zuweilen von Regengüssen unterbrochen wird und das landschaftliche Bild vollständig verändert.

In der Wärmeverteilung zeigen Küste und Binnenland ebenfalls merkliche Verschiedenheiten. Ersterc hat ein feuchttropisches Seeklima und eine sehr gleichmässige Temperatur, die im Jahresmittel + 26°C. beträgt und geringe Schwankungen aufweist, indem der kälteste Monat, der Juli, + 23°C., der wärmste, der Februar, + 28° C. besitzt. Dass in Deutsch-Ostafrika der wärmste Monat mit unserm kältesten zusammenfallt und umgekehrt, kann nicht befremden, da es die Wanderung der Erde um die Sonne mit sich bringt, dass die Bewohner der Nordhalbkugel Sommer (Winter) haben, während gleichzeitig auf der Südhalbkugel Winter (Sommer) herrscht. Nach dem Innern zu werden die Tage allmählich heisser und die Nächte kühler, weil die trockene Luft der grösseren Höhenlage sowohl die Zustrahlung als die Ausstrahlung der Wärme fördert und dadurch ein gegensatzreiches Landklima bedingt. Es kann geschehen, dass auf einen glühendheissen Tag, an dem das Thermometer bis auf + 45°C. stieg, eine bitterkalte Nacht von kaum + 4° C. folgt, so dass man morgens vor Frost zittert und dass schon mancher der dürftig bekleideten Eingeborenen erfroren ist. Der gewaltige Unterschied zwischen Tages- und Nachttemperatur verursacht einen reichlichen Taufall, eine Eigentümlichkeit Afrikas, von der wir in unsern Breiten gar keine Vorstellung haben. Wandert man inmitten eines dichten Pflanzenkleides vormittags auf schmalem Negerpfade, so ist man schon nach halbstündigem Marsche bis auf die Haut durchnässt. Sowie aber die Sonne mehr Kraft gewinnt, wird man in überraschend kurzer Zeit wieder trocken, und auch vom Boden und von den Pflanzen ist der Tau wie weggeleckt.

Die Verteilung der Bevölkerung, deren Zahl schätzungsweise zu 3 Millionen angegeben wird, ist je nach der Landesbeschaffenheit sehr verschieden. Die durch Natur und Klima besonders begünstigten Gebiete, die Küste, das Randgebirge, das Kulturland des Kilimandjaro und das Anland des Nyassa, sind verhältnismässig dicht bewohnt. Auch Unyamwesi, Ussukuma und das Zwischensecnplateau sind noch ziemlich stark besiedelt. Der übrige grosse Rest Deutsch-Ostafrikas dagegen ist dünn bevölkert, und in den weiten Steppen des abflusslosen Gebietes finden nur ruhelos umherziehende Hirtenstämme einen kümmerlichen Unterhalt.

In geradem Gegensätze zur einförmigen, wenig gegliederten Oberflächengestaltung des Landes und trotz ihrer geringen Zahl gewährt die Bevölkerung ein ausserordentlich bunt zusammengewürfeltes Bild, weil die offene Flur der Hochebenen den unaufhörlichen Stammeswanderungen und Stammesverschiebungen kein Hindernis bereitete und eine Menge fremder Elemente unter die ursprünglichen Bewohner mischte. Noch in den letzten Jahrhunderten fanden tiefgreifende Veränderungen statt, die auch jetzt nicht ganz aufgehört haben. So kömmt es, dass auf engem Raume oft die verschiedenartigsten Völkerschaften mehr oder minder rein nebeneinander sitzen. Sieht man von den ausserafrikanischen Eindringlingen, den Arabern, Indern und Europäern, ab, so wird weitaus der grösste Teil unserer Kolonie von Bantuvölkern bewohnt, die aber vermutlich erst eine früher ansässige und nur noch in spärlichen Resten erhaltene Urbevölkerung verdrängt haben. Unter den Bantu versteht man einen gemeinsamen Sprachstamm, der über die ganze Südhälfte des dunklen Erdteils mit Ausnahme des von Hottentotten und Buschmännern eingenommenen Südwestafrika verbreitet ist und sich in eine Unzahl kleinerer Gruppen scheidet, z. B. die Wadjagga, Wasagara, Wagogo, Wahehe, Wanyamwesi u. s. w. Bei aller Verschiedenheit der Mundarten ist der Bantusprache die Wortbildung durch Vorsatzsilben eigentümlich, und sie bezeichnet mit U das Land, mit Wa das Volk, mit M die Einzahl und mit Ki die Sprache. Demnach bedeutet Ugogo das Land Ugogo, Wagogo die Bewohner, Mgogo einen Bewohner und Kigogo die Sprache des Landes Ugogo.

Bloss ein kleiner Teil der ostafrikanischen Bantu lebt ausschliesslich von der Viehzucht, die Mehrzahl huldigt zugleich dem Ackerbau, der in der Form des Hackbaues oder unter Zuhilfenahme künstlicher Bewässerung als Gartenbau betrieben wird. Dagegen hat sich noch kein Neger zum Pflug und zu rationeller Düngung aufgeschwungen. Die hauptsächlichsten Kulturpflanzen sind verschiedene Bohnen- und Hirsearten (Durra oder Sorghum, Eleusineund Kolbenhirse), Mais, Reis, Maniok, Bataten, ölhaltige Erdnüsse (Arachis hypogaea), die mehlreiche Banane1) und zum Zwecke des Rauchens Tabak und Hanf.

1) Die Banane (Musa paradisiaca) stellt am Kilimandjaro und im Zwischenseengebiel die Hauptnahrungspflanze dar. Sie gedeiht bis zu 1500 m Meereshöhe und ist eine baumartige Staude mit mächtigen, bis 2 m langen Blättern und einer bis 75 kg schweren Fruchttraube, in der 20—120 gurkenförmige Früchte sitzen. Jede Staude trägt nur einmal eine Fruchttraube und stirbt daun ab. Aber aus demselben Knollen wächst im Jahre noch eine zweite oder dritte Staude empor, und der Mehlgehalt der Früchte ist so gross, dass die Banane trotz der geringen Pflege, die sie beansprucht, auf der gleichen Grundfläche 40mal mehr Nährstoff als die Kartoffel und 130 mal mehr als der Weizen erzeugt.

Von Haustieren sind Hühner und Ziegen überall verbreitet. Am wichtigsten ist indes das Rind, das in zwei abweichenden Formen vorkommt. Am häufigsten trifft man das kurzhörnige Buckelrind mit ziemlich starkem Fetthöcker, während das kleinere Watussi- oder Wahumarind riesige Hörner und am Halse eine grosse Hautwamme trägt. Das Watussirind ist dem südafrikanischen und Gallarindc verwandt und in seiner Verbreitung auf das Zwischenseengebiet beschränkt, wohin es wohl mit dem hamitischen Hirtenstamme der Wahuma gelangte.

Tüchtige Ackerbauer sind die Eingeborenen von Usambara, die Waschamba, die zwar nur Hacke, Messer und Stock als Ackergeräte benutzen, die aber ein sorgfältiges Bewässerungssystem eingeführt haben und auch den sonst kaum verwendeten Dünger zu schätzen wissen. Nicht minder zeigen sie Verständnis für Schonung des Bodens, sach-gemässe Wechselwirtschaft und richtig angebrachte Beschattung. Noch bekannter sind die Bewohner des Mondlandes, die Wanyamwesi, die man mit gutem Grunde die Zukunftsbauern Deutsch-Ostafrikas genannt hat. Sie liegen nicht bloss eifrig der Landwirtschaft ob, sondern stellen auch die meisten und besten Träger für die Karawanen und gcnicsscn als gewandte, unternehmungslustige Händler einen guten Ruf. Wo sic sich in der Fremde niedcrliessen, haben sie überall auf die Umwohner eine wohlthätige Wirkung ausgeübt, und ihr Beispiel hat neuerdings die benachbarten Wassukuma veranlasst, mit ihnen als Träger und Handelsleute in Wettbewerb zu treten. Ferner bieten die Eingeborenen des Zwischenseengebietes durch die Vereinigung des sesshaft machenden Ackerbaues mit der wohlhabend machenden Viehzucht die beste Grundlage für ein Aufkeimen der Kultur. Es ist dank den günstigen Naturbedingungen gewiss kein Zufall, dass gerade hier und in Unyamwesi die geordnetsten, kräftigsten Staaten liegen, die sich durch Behäbigkeit und eigene Industrie vorteilhaft auszeichnen.

Im allgemeinen sind aber nur wenige der ackerbautreibenden Bantustämme zu einigem Wohlstände gelangt, weil sie meist in eine Unzahl kleiner und kleinster politischer Gemeinschaften zerfallen, die gegen überall drohende äussere Feinde zu schwach waren. Aus diesem Grunde wählten die arabischen Sklavenhändler und die tapferen Grenzvölker, die ein unstätes Hirten- und Kriegerleben führen, Deutsch-Ostafrika mit Vorliebe als Zielpunkt ihrer Raub- und Eroberungszüge. Manche Stämme sind dabei ganz, andere z. B. die Wakuafi und Wataturu grösstenteils ausgerottet worden. Die Wadjagga und Wapare haben sich in schwer zugängliche Gebirge, andere in Pfahlbaudörfer zurückgezogen, und das verachtete, schmutzige Jägervolk der Wandorobbo hielt es für geraten, im Lande zu bleiben und zu dem Sieger in ein gewisses Abhängigkeitsverhältnis zu treten. Die erobernden Völker sind von Norden und Süden her so tief eingedrungen, dass sie sich stellenweise bereits berühren; und der furchtbare Ruf, der insbesondere den Massai- und Sulustämmcn vorausging, veranlasste viele Völkerschaften, es ihnen gleich zu thun. Sie passten sich den Gewohnheiten der Eroberer so vollständig an, dass sie von ihnen fast gar nicht mehr zu unterscheiden sind und gänzlich in deren unstätes Freibeuterlebcn hineingezogen wurden. Thatsächlich gelang es ihnen durch diese Nachäffung, die ihnen den Namen Massai- und Suluaffen eingebracht hat, dass sie ebenfalls Furcht und Schrecken unter den Nachbarn verbreiteten und dadurch schon von vornherein den Erfolg auf ihrer Seite hatten.

Die ältesten Einwanderer hamitischen Ursprungs sind die wahrscheinlich den Galla verwandten Wafiomi. Zu ihnen gesellen sich die ebenfalls hamitischen, aber teilweise stark mit Elementen der Nilvölker durchsetzten Massai. Sie haben keine festen Wohnsitze und leben vornehmlich von ihren Rinderherden. Durch ihre stramme, militärische Organisation, die den Kriegerstand scharf von den Nichtkriegern trennt, und durch ihre ungestüme Tapferkeit waren sie von jeher der Schrecken der Eingeborenen und der Karawanen. Wohl erlagen viele den Feuerwaffen der Europäer, allein den schwersten Schlag versetzte ihnen die verheerende Rinderpest, die 1891 ganz Ostafrika heimsuchte und mit der Vernichtung ihres einzigen Reichtums, der Herden, auch die Kraft der Massai völlig gebrochen hat. Zwei Drittel des gesamten Stammes gingen zu Grunde, und da dem Rest jedes Anpassungsvermögen an einen andern Erwerb fehlt, so befinden sich die stolzen Krieger, die einst die Geissel des nördlichen Deutsch-Ostafrika waren, in einer tieftraurigen Lage. Sie verlassen scharenweise die weiten Grasfluren und siedeln sich am Rande der Steppe an, um dort von den Almosen der Ackerbauer und Karawanen zu leben oder gemeinsam mit flüchtigen Jägern dem Wild nachzustellen. Sic sind dem Untergänge geweiht, indem sie langsam verhungern oder nach und nach unter den umwohnenden Bantu verschwinden.

Waren die Massai bis in die neueste Zeit rein und unvermischt geblieben, so haben ihre wichtigsten Verwandten, die Wahuma, ihre ethnographische Selbständigkeit aufgegeben und Sprache, Tracht und Lebensweise der von ihnen unterworfenen Bantu des Zwischenseengebietes angenommen. Doch bilden sie noch immer den Hirtenadel und herrschen als Häuptlinge über die Ackerbauer.

Die südlichen Gaue unseres Schutzgebietes überfluteten Angehörige der kriegerischen Suluvölker, die bekanntlich ebenfalls einen Zweig der Bantu darstellen. Vor allem waren es die Wayao, die Wangoni oder Magwangwara, die Masitu oder Mafiti und die Watuta, die ins Gebiet von Unyamwesi eindrangen und dort ein Reich gründeten. Wegen der Schnelligkeit, mit der sie plötzlich und unerwartet an weit entlegenen Punkten auftauchten, wegen der Geschicklichkeit, mit der sie das übermannshohe Steppengras als Deckung benutzten, und wegen der Gewandtheit und Kraft, mit der sie den kurzen dünnen Wurfspeer, den Assagai, zu schleudern und im Nahkampfe die Stosslanze zu gebrauchen verstanden, waren sie schwer überwindliche Gegner, die seit alters einen Krebsschaden des Ruwuma- und Rufidjigebietes bildeten. Durch ununterbrochene Einfälle, die keineswegs der Not, sondern lediglich dem Begehr entsprangen, Sklaven zur Bestellung ihrer Felder zu gewinnen, haben sie jenes einst wohlbevölkertc Land in eine menschenleere Einöde verwandelt und den Karawanenhandel fast gänzlich ins Stocken gebracht. Unsere Schutztruppc hat ebenfalls viel mit ihnen zu thun gehabt. Von Gravenreuth entscheidend geschlagen, metzelten sie die Expedition Zelewski bis auf die Nachhut nieder, und ihre Züchtigung durch Oberst v. Schele war trotz der schweren Verluste, die er ihnen zufügte, ebenfalls nicht nachhaltig genug, bis es endlich dem Kompagnieführer Prince gelang, dieser Landplage Herr zu werden. In erster Linie waren alle jene Unternehmungen gegen die Wahche gerichtet, die mit den Mahenge zu den bekanntesten Suluaffen gehören. Heute werden die lästigen Störenfriede durch Militärstationen streng überwacht. Sind sie auch noch nicht ganz unschädlich gemacht, so scheint wenigstens ihre Ausdehnungskraft wesentlich eingeschränkt und ihre Macht gebrochen zu sein.

Die Küstenbevölkerung, die ursprünglich aus Negern und zwar aus Negern der verschiedensten Länder Afrikas, vornehmlich aus Bantu bestand, hat schon seit alter Zeit eine starke Durchmischung mit fremdem Blut erfahren. Namentlich die Araber übten einen massgebenden Einfluss aus und trugen zur Entstehung einer neuen Mischrasse bei, die den Namen Suaheli, d. i. Küstenbewohner, führt und ihre afrikanischen Lebensgewohnheiten vollständig mit Sitte, Brauch und mohamedanischer Religion der Araber vertauscht hat. Leider nahmen die Suaheli, denen der während des Aufstandes vielgenannte Bana Heri angehörte, meist nur deren Fehler, weniger deren gute Eigenschaften an und sondern sich in selbstbewusster Weise von den Eingeborenen des Binnenlandes ab, die sic verächtlich Waschensi oder Wilde nennen. Doch sind sie ein eifriges Handels- und Trägervolk und haben ihre vielfach mit arabischen und anderen Worten durchsetzte Sprache, das Kisuaheli, dem halben Äquatorialafrika als Verkehrssprache aufgedrängt.

Nicht bloss durch die Blutmischung, sondern auch als Träger höherer Gesittung haben die Araber in Ostafrika eine bedeutsame Rolle gespielt. Schon früh, im 8. und 9. Jahrhundert, kamen sie aus Maskat an die Ostküste des dunklen Erdteils, die seitdem die Basis ihres politischen Einflusses und ihrer Handelstätigkeit wurde. Lange Zeit hindurch dehnten sie indes ihre Handelszüge nicht weit über die von ihnen gegründeten Küstenplätze aus, weil ihnen die Eingeborenen die wichtigsten Waren, Elfenbein und Sklaven, dorthin brachten. Mit dem Anwachsen der arabischen Plantagenwirtschaft zu Beginn des 19. Jahrhunderts nahm jedoch das Bedürfnis nach Arbeitskräften ungeheuer zu, und die Araber sahen sich genötigt, von ihrem Hauptbollwerk Sansibar aus immer tiefer ins Innere einzudringen. Sie liessen sich in allen grösseren Knotenpunkten der Karawanenstrassen nieder, erschienen 1840 in Udjidji, 1868 in dem vielbesuchten Markte Nyangwe am Kongo, und einzelne von ihnen gelangten zu solcher Macht, dass sie wie selbständige Könige schalteten. Der bekannte Tippu Tip besass über 10000 bewaffnete Sklaven, und der berüchtigte Rumaliza gab ihm nicht viel nach. So übten die Araber, indem sie Elfenbein- und Sklavenhandel miteinander verbanden, bald einen grossen Einfluss auf die einheimische Bevölkerung aus, wurden aber leider zugleich deren Fluch durch die Greuel, mit denen der Menschenraub verbunden war. Trotzdem lässt es sich nicht leugnen, dass sie die Träger eines auch für die Eingeborenen gewinnbringenden Handels geworden sind und ihnen eine nicht unbedeutende Halbkultur gebracht haben. Der Neger lernte Bedürfnisse kennen, verlangte nach fremden Waren und erzeugte aus freien Stücken mehr als er für sich bedurfte, um mit dem Überschuss Handel zu treiben. Überall wo die Araber ihre Siedelungcn anlegtcn, entstanden ausgedehnte Pflanzungen, die mit ihren Dattelpalmen, Mangos, Citroncn, Granatäpfeln und andern Fruchtbäumen freundliche Kulturoasen inmitten der ertraglosen Steppe darstcllen.

Durch die Unterdrückung des Sklavenhandels, die allmähliche Aufhebung der Sklaverei und den Rückgang des Elefanten haben die Araber eine schwere wirtschaftliche Schädigung erlitten und durch die deutsche Besitzergreifung ihr politisches Ansehen eingebüsst. Dennoch wäre es verfehlt, die ehemaligen Herren des Landes, die heute als Grossgrundbesitzer, Karawanenführer, Kleinhändler und Schiffer thätig sind, zu bedrücken und ihnen die deutsche Herrschaft unerträglich zu machen. Denn sie sind noch immer der einflussreichste Teil unserer afrikanischen Unterthanen, die wir deshalb für unsere Zwecke gewinnen sollten. Freilich ist die Zahl der reinen Araber gering, die meisten sind mit der Zeit durch Vermischung mit der einheimischen Bevölkerung vernegert, und einer dieser Mischlingsaraber war der Rebellenführer Buschiri ben Salim.

Waren die Araber die politischen Machthaber, so sind die Inder die wirtschaftlichen Beherrscher Ostafrikas, an dessen Gestade sie ebenfalls seit alter Zeit ansässig sind. Etwa 8—10000 Seelen stark, sind sic grösstenteils englische Unterthanen und wohnen ausschliesslich in den Hafenstädten. In Kilwa z. B. giebt es 280 indische Firmen und in Bagamoyo, wo sich die Hauptfilialcn befinden, nicht viel weniger. Die Inder sind samt und sonders Kauflcute und Bankiers und haben den Löwenanteil des Gross- und Kleinhandels an sich gerissen. Sewa Hadji, Taria Topan und andere Grosskaufleutc, deren in Bombay befindliche Hauptgeschäfte zum Teil als Welthäuser gelten, sind die in der Kolonialgeschichte Deutsch-Ostafrikas meistgenannten Inder. Nicht immer geht ihnen ein guter Ruf voraus. Denn vielfach betreiben sie das wenig ehrenwerte Gewerbe des Wucherers und Halsabschneiders und haben namentlich die Araber, die nach dem Rückgänge des Sklaven- und Elfenbeinhandels in steigende Geldverlegenheit gerieten, in ein schwer zu beseitigendes Schuld- und Abhängigkeitsverhältnis gestürzt. Der schlaue Inder leiht seinem Schuldner bereitwilligst Geld zur Ausrüstung einer Karawane, freilich unter solchen Bedingungen, dass der voraussichtliche Gewinn gewöhnlich schon von den Zinsen des Anlagekapitals verschlungen wird. Verlangt der Araber nach Paul Reichard 4000 Dollars, so erhält er höchstens 2—300 Dollars baar und das Übrige in den landesüblichen Tauschwaren, die ihm um 100 % höher angerechnet werden als ihr eigentlicher Verkaufswert beträgt. Umgekehrt nimmt der Inder die eingehandelten Gegenstände nur zu einem weit unter dem wirklichen Werte stehenden Preise an und fordert für die der Karawane gestellten Träger 10—15 Dollars mehr als sie ihm selbst kosten. Ihre Bezahlung nimmt er sofort von den Stoffen zurück, die er eben statt des Geldes gegeben hatte, bloss mit dem kleinen Unterschied, dass er dafür höchstens den halben Wert des dem Araber angesetzten Preises zurückerstattet. Bei diesem ungleichen Geschäft ist das mohamedanische Gewissen des Gläubigers und des Schuldners vollständig rein. Denn der eine hat weder Zinsen zu zahlen, noch nimmt sie der andere, und die Koranvorschrift, die das Zinsennehmen und -Geben verbietet, ist auf solche Weise umgangen. Jedenfalls ist der Araber trotz aller seiner Fehler und Schwächen ein Ehrenmann gegenüber dem Inder und muss gegen dessen Ausbeutungssucht entschieden in Schutz genommen werden. Die deutschen Interessen werden durch die Inder ebenfalls empfindlich geschädigt, die durch ihre Anspruchslosigkeit und Verschlagenheit die Niederlassung deutscher Kleinhändler sehr schwierig machen und obendrein den Zwischenhandel vorwiegend in ihrer Hand haben. Demgemäss erfolgt die Ein- und Ausfuhr nicht unmittelbar zwischen Deutschland und seiner Kolonie, sondern meist auf dem Umwege über England oder Bombay. Zwar ist es wiederholt gelungen, Karawanen mit Umgehung der Inder auszurüsten und sich auch anderweitig von ihnen unabhängig zu machen. Zur Zeit kann man ihre Dienste aber noch nicht entbehren und muss wohl oder übel mit ihnen als einem Faktor von nicht zu unterschätzender Wichtigkeit rechnen. Denn die Inder, die Juden Ostafrikas, sind der wohlhabendste und rührigste Teil der Bevölkerung, sie kennen die Handelsverhältnisse genau und sind als Kapitalisten allen andern Volksklassen überlegen. Eine gründliche Besteuerung dieser findigen, rücksichtslosen Blutsauger würde aber sehr am Platze sein, um einer Überschwemmung mit indischen Kaufleuten vorzubeugen. Vergessen darf man allerdings nie, dass der gesamte ostafrikanische Handel erst durch die Araber und Inder entstanden ist.

Über die in Deutsch-Ostafrika zerstreuten Europäer ist nicht viel zu sagen. Sie zählen 750 Köpfe und bestehen zu ⅘ aus deutschen Staats- und Gesellschaftsbeamten, aus Offizieren und Unteroffizieren der Schutz- und Polizeitruppe. Alles in allem ist den Eingeborenen gegenüber das ausserafrikanische Bevölkerungselement der Seelenzahl nach sehr gering, aber es ist um so bedeutsamer als Träger des politischen, religiösen und wirtschaftlichen Lebens.

Kurt Hassert.

I. Abschnitt:

Deutschlands Kolonien – Geschichtlicher Überblick

II Abschnitt:

Die Erwerbungs- und Entwicklungsgeschichte deutscher Schutzgebiete

III. Abschnitt:

Landes- und Volkskunde der deutschen Schutzgebiete: Deutsch-Ostafrika

IV. Abschnitt:

Landes- und Volkskunde der deutschen Schutzgebiete: Togo

 V. Abschnitt:

Landes- und Volkskunde der deutschen Schutzgebiete: Kamerun

VI. Abschnitt:

Landes- und Volkskunde der deutschen Schutzgebiete: Deutsch-Südwestafrika

VII. Abschnitt:

Das Schutzgebiet der Neuguinea-Kompagnie

VIII. Abschnitt:

Die Marshall-Inseln

IX. Abschnitt:

Die Kiautschou-Bucht

X. Abschnitt:

Die wirtschaftliche Bedeutung der deutschen Kolonialpolitik und der deutschen Schutzgebiete

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