Landes- und Volkskunde der deutschen Schutzgebiete: Deutsch-Südwestafrika

Deutsch-Südwestafrika nimmt unser Interesse besonders dadurch in Anspruch, dass es die erste deutsche Kolonie war und für absehbare Zeit unsere einzige Besitzung ist, die eine Besiedelung mit Nordeuropäern möglich macht. Als ein nach Norden breiter werdendes, längliches Viereck erstreckt sich das Schutzgebiet durch 11 ½ Breitengrade zwischen dem Oranjestrom im Süden und dem Kunene im Norden, vom Atlantischen Ozean bis an und über 20° O. und steht längs des Tschobeflusses durch einen schmalen Streifen zweifelhaften Wertes mit Südafrikas wichtigster Handelsstrasse, dem Sambesi, in Verbindung. Mit 835100 qkm Flächeninhalt stellt es unsere zweitgrösste Kolonie dar, die das Mutterland noch um Zweidrittel seines Umfangs übertrifft. Freilich bezeichnet dieser ungeheuere Raum wie bei den andern Schutzgebieten nur unser Interessenbereich, mit dem sich unser eigentliches Machtbereich noch lange nicht deckt. Im Norden sind die Portugiesen, im Osten und Süden die Engländer unsere Grenznachbarn, und letzteren gehört auch die Walfischbai nebst einigen unbedeutenden Guanoinselchen.

Die öde, unwirtliche Küste liegt unter demselben Längengrade wie Berlin und entspricht mit rund 1500 km Länge etwa der Entfernung zwischen Berlin und Moskau. Wegen ihrer einförmigen Umrisse, die nur längs der Südhälfte eine etwas reichere Gliederung zeigen, ist sie arm an wohl erkennbaren Landmarken und schützenden Häfen, ein Nachteil, der um so schw-erer wiegt, als in jenen Gewässern sturmartige Winde sehr häufig eintreten. Ferner flutet hier eine wilde Brandung, und obendrein erschwert eine nach Norden ziehende Meeresströmung, der Benguelastrom, das Landen. Dünung und Strömung sind eifrig bemüht, die ohnehin geringe Zahl der Buchten zu versanden und ausser Gebrauch zu setzen; und um die Unzugänglichkeit und Ungastlichkeit des Gestades zu erhöhen, erhebt sich fast unmittelbar am Strande ein 15—30 km breiter Dünengürtel, der 30—150 m hoch und aus rötlichen Quarzkörnern zusammengesetzt ist. Er entstand vornehmlich aus der Zerstörung der Gneise und Granite und ist keineswegs, wie es Stapff annimmt, auf Sandbänke zurückzuführen, die sich ursprünglich am Meeresgründe ablagerten und aus der Zertrümmerung untcr-meerischer Sandsteinschichten hervorgingen. Die Dünenkämme, die unter dem Einfluss des Windes beständig hin- und herwandem und ihre Gestalt verändern, umschliesscn langgestreckte, flache Mulden, und der natürliche Wall ist dem Zugang zum Innern im höchsten Grade hinderlich oder hebt ihn ganz auf, so dass das Binnenland bis in die neueste Zeit fast hermetisch von der Küste abgesperrt war. Die gesamte Südhälfte der Küste ist vom Wandersande verschüttet, der erst an der Tsoa-chaubmündung allmählich verschwindet, da er das mehr als 400 m breite, zeitweilig vom abströmenden Wasser rein gefegte Flussbett nicht zu überschreiten vermag. Wenn er auch stellenweise wieder in ungeheuren Massen auftritt und die Flussmündungen abdämmt, so ist doch in den nördlichen Gebieten der Kolonie sein Zusammenhang unterbrochen, und ausgedehnte Uferstrecken sind vollkommen dünenfrei und stehen mit dem Hinterlande in ungestörter Verbindung. Zwischen dem Meere und den höheren Landesteilen dehnt sich eine 2—5 km breite Ebene aus, die teils unter, teils wenig über dem Meeresspiegel liegt. Sie wird durch einen 1—2 m hohen Strandwall vom offenen Ozean abgeschnitten und scheint auf eine noch in jüngerer Zeit stattgefundene negative Strandverschiebung hinzuweisen. Leider ist es ein geographisches Verhängnis für unsere Kolonie, dass die wenigen leidlichen Ankerplätze des grösstenteils wasserlosen Küstengebietes durch die haus- und turmhoch abgelagerten Sandmassen in ihrem Werte erheblich beeinträchtigt werden, während andererseits einige sonst gute Verkehrswege an einer zwar dünenfreien, aber hafenloscn und wegen der Brandung und Versandung unbenutzbaren Küste enden. Alle diese unerwünschten Eigenschaften stehen der Besiedelung hemmend entgegen. Die eigentlich guten Häfen befinden sich auf portugiesischem (Tigerbai) und englischem Gebiet, und innerhalb der deutschen Grenzen sind bloss an der Lüderitzbucht, der Walfisch- und Crossbai einige Niederlassungen entstanden, um den Verkehr mit dem Innern zu vermitteln und für den Fischfang eine Stütze zu bieten. Der Schwerpunkt der deutschen Interessen liegt daher nicht, wie in unsern andern Schutzgebieten, an der Küste, sondern im Binnenland.

Das Haupteingangsthor für den Süden des Schutzgebietes, das Namaland, bildet der vielgenannte Ankerplatz Angra Pcquena, der seinen Namen „Kleine Bucht“ von dem berühmten portugiesischen Seefahrer und Entdeckungsreisenden Bartholomäus Diaz erhalten hat. Jetzt trägt der Hafen zum Andenken an den Gründer der südwestafrikanischen Kolonie, der bei diesem Unternehmen sein Vermögen verlor und später den Tod in der Brandung fand, die amtliche Bezeichnung Lüderitzbucht. Während die übrigen Häfen einfach gestaltete Baien sind, die durch niedrige Sandzungen vom offenen Ozean getrennt werden, ist das windgeschützte Angra Pequena eine vielverzweigte Felsbucht, die durch Felsvorsprünge gegen die Versandung und die Dünungswellcn gesichert ist und leicht verbessert werden kann. Andererseits muss aber wegen der Klippen und Untiefen die Einfahrt mit Vorsicht geschehen. Obendrein herrscht ein so empfindlicher Trinkwassermangel, dass man früher gezwungen war, das kostbare Nass von der 900 km entfernten Kapstadt zu beziehen oder es von den anlegenden Schilfen zu kaufen. Seitdem mehrere Kondensierungsapparatc aufgestellt sind, kann man das erforderliche Wasser aus dem Meere selbst gewinnen. Unglücklicherweise wird der Verkehr durch die unabsehbaren Dünenreihen so beeinträchtigt, dass trotz der günstigen Lage Angra Pequenas an eine lohnende Entwickelung des Binnenhandels vorläufig nicht zu denken ist.

Noch schlechter ist es um den nördlicher gelegenen Sandwichhafen (Porto d´Ilheo) bestellt. Die nur nach Norden offene Bucht ist gegen die vorherrschende südwestliche Dünung ausreichend geschützt und war ursprünglich ein guter, ja der beste Ankergrund der ganzen Küste. Schiffen mittleren Tiefgangs bietet er noch immer ausreichendes Fahrwasser und besitzt auch eine ergiebige Quelle. Seine Versandung schreitet jedoch in bedenklicher Weise fort, so dass die 1880 noch 1400 m breite Einfahrt 10 Jahre später nur noch 120 m breit war und durch beständige Baggerarbeiten offen erhalten werden müsste. Überdies hat sich am Eingänge eine Barre aufgehäuft und die Bucht völlig unbrauchbar gemacht. Doch scheint in unmittelbarer Nähe ein neuer Hafen in der Bildung begriffen zu sein. Die hinter der Bai aufgehäuften Dünen sind so hoch und breit, dass sie von den schweren Ochsenwagen kaum passiert werden können. Immer näher ins Meer vordringend, beginnt der Wandersand bereits die Häuser und Maschinenanlagen zu verschütten, die nach dem missglückten Versuch, hier eine Exportschlächterei anzulegen, verlassen wurden.

Die verhältnismässig beste Bucht und der einzige bedeutendere Naturhafen ganz Südwestafrikas, der bis vor kurzem auch den einzigen Zugang zum deutschen Gebiete darstellte, ist die Walfischbai. Allerdings hat sic ebenfalls ihre Nachteile. Einmal ist die Umgebung so flach, dass die Häuser zur Springflutzeit unter Wasser stehen und durch eine künstliche Unterlage von Sandsäcken gegen die Überschwemmungen geschützt werden müssen. Ferner giebt es im Umkreise von 5 km kein Trinkwasser, und noch weiter ist der nächste Weideplatz für das Zug- und Schlachtvieh entfernt. Endlich ist der Hafen so versandet, dass grössere Fahrzeuge 3—4 km vom Ufer entfernt ankern müssen. Die unangenehmen, meilenbreiten Dünen fehlen ebenfalls nicht, sind aber leichter überschreitbar, und die Flussbetten des Kuiseb und Tsoachaub gestatten eine verhältnismässig bequeme Verbindung mit dem Hinterlande. Auf diese Art besassen die Engländer den Schlüssel zum fremden Hause, und da sie die Walfischbai zum Freihafen erklärten, ging der gesamte Überseehandel durch ihre Hand. Dadurch wurde nicht bloss die Entwickelung des Schutzgebietes gehemmt, sondern es geriet noch dazu in eine gewisse Abhängigkeit von den Briten, die dem Aufschwünge des Nachbarlandes nichts weniger als wohlwollend gegenüberstanden. Da sie wiederholt unliebsame Weiterungen verursachten und während des Witbooikrieges einige deutsche Geschütze, deren man damals dringend bedurfte, monatelang nicht herausgaben, so war es begreiflich, dass sich die Deutschen nach einer anderen Landungsstelle umsahen. Ihre Wahl fiel auf die Mündung des Swakob oder richtiger des Tsoachaub1) an der Nordgrenze des Walfischbaigebietes. Zwar ist sie bloss eine offene Reede, die von einer starken Brandung umtost wird und die geräumige, gegen den heftigen Südwestwind geschützte Walfischbai nie vollständig zu ersetzen vermag. Aber wie in Togo, so kann auch hier eine Landungsbrücke über die Dünung hinaus ins Meer angelegt werden, um den Schiffen bei jedem Wetter den Verkehr mit dem Lande zu ermöglichen. Schon jetzt können sich grosse Fahrzeuge dem Strande 1000—400 m nähern. Ferner birgt die Umgebung treffliches Weideland für die Zugtiere, während 1 km landeinwärts das ganze Jahr hindurch reichliches und ausgezeichnetes Trinkwasser gefunden wird. Diese beiden Vorteile, die der Walfischbai fehlen, sind von nicht zu unterschätzender wirtschaftlicher Bedeutung. Jeder der mächtigen südafrikanischen Ochsenwagen braucht 14—20 Zugtiere, für die während des langen Aufenthaltes, der bei der Verladung der Waren an der Küste entsteht, hinreichendes Wasser und Futter vorhanden sein muss. Wegen seiner erhöhten Lage kann Tsoachaubmund niemals überschwemmt werden, die Sanddünen sind verschwunden, und ein leicht benutzbarer, harter Fahrweg, der nunmehr durch eine Eisenbahn ersetzt ist, führt von der rasch auf blühenden Siedelung ins Innere. Seitdem Truppen und Waren in dem neuen Hafen wiederholt gelandet wurden, ist er immer mehr in Aufnahme gekommen und wird jetzt von den deutschen Dampfern regelmässig angelaufcn.

1) Die vielfach angewandte Schreibweise Swakop oder Swakob ist, wie A. Schenck wiederholt betont hat, nur die unrichtige englische Wiedergabe des hottentottischen Wortes Tsoachaub.

Dass Tsoachaubmund trotz der ungünstigen Landungsverhältnisse einen grossen Teil des Walfischbai-Verkehrs an sich gerissen hat, gestehen selbst die Engländer zu. Der Aufschwung des Platzes ist in der That erstaunlich und verspricht für die Zukunft eine fortschreitende Entwickelung, zumal dem Bau einer durch die Brandung führenden Landungsbrücke nichts mehr im Wege zu stehen scheint. Umgekehrt verliert die Walfischbai ungeachtet aller neuen Hafenbauten sichtlich an Wert. Sie wird immer mehr zu einem ebenso kostspieligen als nutzlosen wirtschaftlichen Ballast, und die halsstarrigen Briten, die diesen Besitz um keinen Preis hergeben wollten, haben nun ihren Lohn erhalten. Einmal war die Kapkolonie allerdings bereit, den bloss Unkosten verursachenden Küstenplatz für die bescheidene Summe von 600000 Mark abzutreten. Auf die Kunde von Goldfunden hin zog sie jedoch den Verkauf sofort zurück und machte sich anheischig, eine Eisenbahn nach Windhoek zu bauen. Der trotz scheinbarer Uneigennützigkeit sehr durchsichtige Vorschlag, der im Falle des Gelingens den Überseehandel Deutsch-Südwestafrikas noch fester ans englische Gebiet gekettet hätte, fand indes kein Gehör; und heute ist die Walfischbai für uns überflüssig und für England wertlos geworden.

Vor der Nutzbarmachung der Tsoachaubmündung galt die Crossbai oder Kreuzbucht — so genannt nach einem unlängst erneuerten Wappenkreuz, das der portugiesische Seefahrer Diego Cam 1485 dort errichtet hatte — als deutscher Zukunftshafen. Die durch eine flache Sandzunge abgesperrte Bucht ist keiner zu starken Dünung ausgesetzt und steht mit dem Binnenlande in offener Verbindung. Abgesehen von dem drückenden Wassermangel, dem jetzt durch Kondensatoren abgeholfen ist, und der engen, nicht ungefährlichen Einfahrt ist der Ankergrund in jeder Weise brauchbar. Die Ausbeutung der reichen Guanoschätze und der Robbenschlag, der jährlich gegen 2000 Seehunde einbringt, hat bereits eine stattliche Niederlassung ins Leben gerufen, von der zwei zusammen 20 km lange Bahnanlagen ausgehen. Die noch nicht lange entdeckten Guanolager, deren Wert auf 30 Millionen Mark geschätzt wird, sind für einen sehr niedrigen Jahrespreis an eine englische Gesellschaft verpachtet und werden von ihr mit grossem Vorteil abgebaut. Mehrere scheinbar nicht minder ergiebige Guanofundstellen hat Lieutenant Dr. Hartmann an der Küste des Kaokofeldes nachgewiesen. Demselben Reisenden verdankt man die Kenntnis einiger leidlicher Hafenplätze mit schwacher Brandung, die einmal als Stützpunkte für die Erschliessung der Nordhälfte des Landes dienen können, zur Zeit aber unbewohnt sind. Endlich hat Dr. Max Esser südlich von der Kuncne-Mün-dung eine neue brauchbare Bucht, den Augusta Viktoria-Hafen, entdeckt.

Deutsch-Südwestafrika stellt in seiner Gesamtheit ein ungeheures Hochland dar, dessen Sockel schon bei 150 km Küstenentfernung höher als 1000 m ist. Diese Hochebene ist jedoch keine ununterbrochene Reihenfolge unabsehbar ausgedehnter und massig entwickelter Tafelländer. Sie trägt vielmehr neben einem Heere einzelner Kuppen eine grosse Zahl schroffer Bergzüge, die allerdings meist bloss aus einer schmalen Kette bestehen. Das Schutzgebiet wird also vornehmlich von Tafelländern und Gebirgen erfüllt, und unmittelbar vom Meere an erhebt sich der Boden erst allmählich, dann rascher und steiler zu 1500—2000 m Seehöhe, worauf er teils südwärts zum Oranjestrom, teils ostwärts zum sandigen Hochbecken der Kalahari und zum abflusslosen Ngamisee (930 m) wieder abfällt. Mit Unrecht hat man die Kalahari eine Wüste genannt. Man sollte sie, wenigstens in ihren nördlichen Teilen, eher als Steppe bezeichnen, da dort überall reichliches Gras, üppiger Strauch- und Baumwuchs und stellemveise umfangreiche Akazienbestände vorhanden sind. Eine ganze Reihe von Siedelungen, darunter solche mit 15000 Bewohnern, liegen in dieser vermeintlichen Wüste zerstreut, die nur durch den Mangel an oberflächlich abrinnendem Wasser in den unverdienten Ruf der Ungastlichkeit gekommen ist. Dagegen ist das unmittelbar hinter den Dünenzügen einsetzende, 50—90 km breite Küstengebiet, die Namib*), thatsächlich eine menschenleere, pflanzenarmc Fels-, Kies- und Sandwüste, in der nicht nur die Thalschluchten, sondern auch die vereinzelten Granitkuppen so tief in ihrem eigenen Schutt begraben sind, dass kaum die äussersten Spitzen inselgleich aus der Umhüllung hervorragen. Die aus Granit und Gneis zusammengesetzte Namib, die ihre höchsten Erhebungen in den Ausbergen (2000 m) erreicht, stellte ursprünglich ein zusammenhängendes Ganzes dar. Aber die zerstörenden Naturkräftc, die starke Sonnenbestrahlung, die nächtliche Abkühlung und die ausserordentlichen Temperatursprünge, verursachen eine tiefgreifende Zertrümmerung des nackten, schutzlosen Gesteins. Weil die Bruchstücke bei dem Fehlen fliessenden Wassers nicht fortgeschafft werden können, so häuft sich der Wüstenverwitterungsschutt in den Thälern immer höher um seine ursprüngliche Lagerstätte an. Demgemäss ist die Küstenlandschaft ein von seinen eigenen Trümmern bedecktes Gebirge, von dem bloss noch die höheren Teile sichtbar sind und das heute als eine weite, sandig-steinige Ebene erscheint.

*) Streng genommen bezieht sich der Name Namib nur auf die von der Walfischbai nach dem Innern ansteigende Fliehe, nicht auf das ganze Küstengebiet, das aber durchaus den wüstenhaften Charakter der Namib zur Schau trägt.

Allmählich geht die Wüste in die Steppe über, und in demselben Masse beginnen Einzelgipfel, Bergketten und aufgesetzte Hochflächen die Eintönigkeit zu unterbrechen. Ein System Nord-Süd verlaufender Brüche, deren bedeutendster durch die io km breite Grabensenkung des Grossen Fischflusses angezeigt wird, durchsetzt die Südhälfte der Kolonie, das Namaland. Längs der Bruchlinien sind vulkanische Gesteine emporgedrungen, und noch überraschender ist der Reichtum an warmen oder heissen Quellen, die in ihrem Auftreten ebenfalls an Verwerfungsspalten gebunden sind. Sie werden in der ganzen Längserstreckung des Schutzgebietes beobachtet und sind am häufigsten in der Umgebung von Otyikango (1220 m), Windhock (1625 m), Rehoboth (1400 m) und Warmbad (720 m). Bei dem Wassermangel des Landes spielen jene Quellen wegen ihrer Ergiebigkeit und zum Teil wegen ihrer heilkräftigen Wirkung (Temperatur 39—78° C.) eine wichtige Rolle. Noch heute herrscht keine vollständige Ruhe im Untergründe unserer Kolonie. Das beweisen die Erdbeben, die öfters bei Otyimbinguc (940 m) wiederkehren, und die Spuren einer Hebung des Landes, die verschiedentlich längs der Küste beobachtet sind.

Die Wasserläufe haben längs der Bruchlinien und an der Grenze zwischen den harten Urgesteinen und dem leichter zerstörbaren Sandstein ein wild zerrissenes Gewirr tiefer Schluchten ausgearbeitet. Dadurch wird die mit Gras und niedrigem Buschwerk bestandene Oberfläche in eine Reihe von Hochebenen z. B. das Horns-, Huib-, Karas-und Hanamiplateau (1500 m) zerlegt. Sie sind aus Thonschiefer, Kalk-und Sandstein zusammengesetzt, die das Urgestein überlagern. Steil geböschte, oben meist flach abgeschnittene Tafelberge von der für Südafrika charakteristischen Gestalt weisen hier ebenfalls auf eine einst zusammenhängende und viel allgemeinere Fclsbcdeckung hin, und man kann leicht erkennen, dass die entsprechenden Gesteinsschichten und die isolierten Gipfel in gleicher Höhe liegen. Nimmt die Verwitterung überhand, so wird die Tafel kleiner, spitzer und kegelförmig und geht in einen Spitzberg (Spitzkopje) über, bis endlich die Kappe des auf-lagcrnden weichen Gesteins verschwunden ist und nur noch der festere Urgesteinskern des Tafelberges übrig bleibt. Der westliche Steilabfall des Huibplateaus ist in eine lange Reihe solcher Tafelberge aufgelöst, während der Westrand der Hanami-Hochebene als eine ziemlich gerade Bruchlinie von Rehoboth bis fast an den Oranje verläuft. Das Thal des Grossen Fischflusses ist grabenartig in dieses Plateau eingesenkt.

Einfach wie der Oberflächenbau ist die Entwässerung des Nama-landes. Es sendet seine Regenfluten im grossen Ganzen bloss in zwei Ströme, in den Aub oder Grossen Fischfluss und in den Molopo, die beide vom Hauptstrome des südlichsten Afrika, dem in schroffwandiger Schlucht dahincilcnden Oranje oder Garib, aufgenommen werden. Das Damaraland und das Kaokofeld wässern zumeist westwärts zum Atlantischen Ozean ab, während die Flussläufe des Inneren vom Omuramba Uamatako gesammelt und dem in den Ngamisee mündenden Okavango zugeführt werden. Unweit des Knotenpunktes Windhoek verläuft die Wasserscheide zwischen den Küstenflüssen, den Zuflüssen des Oranje und den Gewässern des inncrafrikanischen Hochlands.

Obwohl Deutsch-Südwestafrika der Karte nach von einem weit verzweigten Flussnctz durchzogen wird, ist die Zahl der oberflächlich abrinnenden Gewässer wegen des Niederschlagsmangels gering, und die Flüsse sind samt und sonders Regenflüsse oder, wie der landesübliche Name lautet, Omurambcn, mit Ausnahme der ständig Wasser führenden Grenzströme Oranje, Kunene und Okavango. Leider sind alle drei für den Verkehr und die Bodenbewirtschaftung so gut wie wertlos, die ersten beiden wegen der Stromschnellen, Wasserfälle und Mündungsbarren und wegcn ihres in tiefe Schluchten eingeschnittenen Bettes, der Okavango wegen seiner Seichtigkeit und der ausgedehnten Sumpfufer. Ferner ist der Wasserstand so beträchtlichen Schwankungen unterworfen, dass der zur Trockenzeit leicht durchfurtbare Oranje binnen wenigen Stunden um mehrere Meter steigt und zu einem wochenlang unpassierbaren Strome anschwillt, während der gewöhnlich 105 m breite Kunene bei Hochwasser seine Breite mindestens verzehnfacht.

Da die Thalbildung durch die Gewalt der Niederschläge, noch mehr aber durch die starke Zerklüftung des Gesteins begünstigt wird, so haben sich die Flüsse tiefe Betten ausgewaschen, die indes für gewöhnlich trocken liegen und mit Sand erfüllt sind. Von den zum Meere abrinnenden Gewässern erreicht keines den Ozean. Auch die grösseren periodischen Wasseradern, der Aub, Kuiseb und Tsoachaub, sind acht Monate hindurch oberirdisch wasserlos und bergen selbst zur Regenzeit keine zusammenhängenden Wasserfäden. Sic versickern meist schon im Oberlauf in dem ausgedörrten, lockeren Boden, und haushohe Sanddünen nisten sich in den verlassenen Mündungen ein. Nur in ganz besonders feuchten Jahren dringen die Flüsse, der Kuiseb z. B. aller 10 Jahre und der Tsoachaub aller 7 Jahre durchschnittlich einmal, bis zum Atlantischen Ozean vor, und ebenso selten gelangen die das Damaraland binnenwärts entwässernden, halb erstorbenen Wasserläufe bis zu ihrem natürlichen Sammelbecken, dem Ngamisee. Setzen die Niederschläge ein, meist in Form gewaltiger Wolkcnbrüche, oder geht ein Gewitter nieder, so füllen sich die eben noch trockenen Betten überraschend schnell mit schlämm-, sand- und steinbeladenen Strömen, und dieses „Abkommen“ der Flüsse erfolgt mit furchtbarer Gewalt und richtet unglaubliche Verheerungen an. Die von den kahlen Steilhängen mit donnerndem Getöse herabschiessenden Wassermassen knicken starke Bäume wie Streichhölzer um, reissen das durch Hitze und Frost mürbe gewordene Gestein mit sich fort und überschwemmen die breiteren Thalsohlen. Aber ebenso schnell wie die Fluten kommen, verschwinden sie wieder. Die kleineren Bäche versiegen schon nach wenigen Stunden, die grösseren dauern je nach der Ergiebigkeit der Niederschläge mehrere Wochen oder einige Monate an, bis auch ihr immer dünner werdender Wasserfaden aufgezehrt oder in eine Reihe zusammenhangsloser Tümpel aufgelöst ist. Bloss dort, wo ein das Flussbett durchquerendes Felsriff einen Damm bildet, bleiben reichliche Wassermengen zurück, die als Viehtränken und Wasserstellen für Menschen, zahme und wilde Tiere von hoher Bedeutung sind.

Neben den periodischen Flüssen giebt es periodische Regenlachen, die sogenannten Vleys, flache, baumbewachsene Becken von geringer Ausdehnung, in denen sich die Niederschläge eine gewisse Zeit hindurch halten. Nicht mit den Vleys zu verwechseln sind die ebenfalls abflusslosen, aber des Pflanzenschmucks vollständig entbehrenden Salzpfannen oder Pans im Norden der Kolonie und in der Kalahari. Zur Regenzeit sammelt sich das Wasser in ihnen zu seichten, brackigen Seen und Teichen an und lässt beim Verdunsten seinen Salzgehalt zurück, dessen überall zum Vorschein kommende Ausblühungen den Boden wie mit einer Decke frischgcfallcnen Schnees überziehen. Alle Anzeichen sprechen dafür, dass jene Pfannen einst viel ausgedehnter und wasserreicher waren als heute. Allmählich schrumpften sie zusammen, reicherten sich mit Salz an und sind jetzt während des Sommers gänzlich trocken. Auf deutschem Gebiet ist die umfangreichste und tiefstgelegene jener Pans der von Soolquellcn genährte Salzsumpf der Etoshapfanne. Der von Jahr zu Jahr kleiner werdende, schilfumkränzte Ngamisee ist ebenfalls eine flache Pfanne grossartigen Massstabes und stellt den allmählich verschwindenden Rest eines alten Binnenmeeres dar. Die Pans sind wegen ihres Salzgehaltes der Sammelpunkt eines reichen Tierlebens. Sie und die Vleys haben einen lehmigen Boden, der dadurch entsteht, dass die Luftströmungen den feinen Staub in die flachen Mulden wehen, wo er infolge der Feuchtigkeit haften bleibt und sich immer mehr anhäuft.

Führen aber weitaus die meisten Flüsse oberflächlich kein Wasser, so zieht wegen des starken Gefälls das Grundwasser verborgenen Laufs zum Meere, und man hat, um es zu gewinnen, nur wenige Fuss tief zu graben. Die langen Wurzeln der Gewächse dringen bis zu den feuchten Tiefenschichten vor, und somit bergen die sandigen Betten nicht bloss ein Pflanzenleben von bescheidener Üppigkeit und sind die einzigen grösseren Flächen, auf denen Ackerbau möglich ist, sondern sie schreiben zugleich dem Verkehr seine Bahnen und den Siedelungen ihre Lage vor. Die Wasserstellen der Haupthandelswege sind um ihrer Wichtigkeit willen mit Militärposten besetzt, und ebenso ist jede ergiebige Quelle oder Quellengruppe eine begehrenswerte, viel umkämpfte Stätte für menschliche Niederlassungen, weil der Wasserüberschuss ausser zum häuslichen Gebrauch auch zur künstlichen Bewässerung kleiner Felder und Gärten ausreicht. Aus dieser Begünstigung erklärt sich die Lage aller grösseren Ortschaften, die meist zugleich Strassenknotenpunkte sind, z. B. Omaruru (1150 m), Okahandya (1330 m), Otyimbingue (940 m), Waterberg, Gobabis (1420 m), Rehoboth (1400 m), Bethanien (1020 m), Keetmanshoop (1030 m), Warmbad (720 m) u. s. w. Am bemerkenswertesten ist jedoch die Lage von Windhoek ,(1625 m) inmitten eines wechselvoll gestalteten Berglandes, das nach Oberflächenbildung und Wasserverteilung das Herz Deutsch-Südwestafrikas genannt werden muss. Hier verläuft einerseits die Völkerscheide zwischen den Hauptstämmen des Schutzgebietes, den Nama und Herero. Andererseits ist die Umgebung durch ihren Wasserreichtum, der selbst in den trockensten Monaten grossen Transportzügen genügend Wasser liefert, vor allen andern Sicdelungen ausgezeichnet und infolgedessen wohl bebaut und dicht bevölkert. Endlich öffnen sich nach allen Himmelsrichtungen hin Thäler, die einen natürlichen Verkehrsweg darbieten; und wie Kuiseb und Tsoachaub die Verbindung der mittleren Teile des Schutzgebietes mit dem Meere herstellcn, so führt südlich von Windhoek die einzige tiefere Senke (1850 m) nach Rehoboth und zum Grossen Fischflusse hinüber, in dessen Niederung die kürzeste und bequemste Strasse nach Süden läuft. So vereinigt sich eine Reihe günstiger Umstände, um Windhoek zu einem geographischen, wirtschaftlichen und politischen Mittelpunkte zu machen, der nicht mit Unrecht zum Hauptsitze der deutschen Verwaltungsbehörden bestimmt worden ist.

Im Vergleich zur Gesamtausdehnung der Kolonie walten, durch das Klima und die Zerklüftung bedingt, die trockenen, steinigen Gegenden entschieden vor. Der erdige Ackerboden ist im wesentlichen auf die Flussbetten beschränkt, wodurch der in erster Linie vom Klima und von der Wasserversorgung abhängende wirtschaftliche Wert des Landes nicht unerheblich beeinträchtigt wird. Besonders drückend wird der Mangel an dem kostbaren Nass zur Trockenzeit. Man muss dann mitunter Strecken durchwandern, die vollständig wasserlos sind und den bezeichnenden Namen Durstfelder führen. Trotz alledem pflegt man sich die Wasserverhältnissc Deutsch-Südwestafrikas schlechter vorzustellen, als sie in Wirklichkeit sind. Das Wasser ist ja da, wenn auch nicht an der Oberfläche, so doch als Grundwasser in geringer Tiefe, und es handelt sich lediglich darum, die im Sande verkommenen Flüsse blosszulegen oder die zeitweilig im übermass abströmenden Niederschläge durch Stauwerke aufzuspeichern. Die Errichtung von Fangdämmen quer durch die Flussbetten ist für die Bodenbewirtschaftung des Kap-landes und der Burenstaaten von hoher Bedeutung, denn dadurch ist es möglich, den Äckern und Weiden stets hinreichendes Wasser zuzuführen. Noch grossartigere Erfolge sind in den Wüsten Nordafrikas und Australiens durch die Bohrung artesischer Brunnen erzielt worden, und was dort gelungen ist, dürfte hier ebenfalls zu erhoffen sein. Um für ihre grossen Herden neue Weidegründe zu gewinnen, haben die Herero zahlreiche Brunnen gegraben und mit deren Hilfe weite Strecken nutzbar gemacht, die wegen des Wassermangels gänzlich unbrauchbar erschienen.

Nach Norden hin verlieren die Sandsteintafeln des Namalandes ihren vorwiegend ebenen Charakter, und statt ihrer stellt sich im südlichen Damaralande ein aus Gneis und Granit zusammengesetztes Hochgebirge ein. Die bald länglichen Rücken, bald mächtigen Bergstöcke oder gewaltigen Einzelberge, in deren Mittelpunkte Windhoek liegt, sind die höchsten und massigsten Erhebungen des ganzen Landes. Die zersägten Kämme des Khuos- und Auasgebirges (2130 m), die Otyihaveroberge (2200 m) und der Omatako (2680 m), die höchste Zinne Deutsch-Südwestafrikas, sind von Schluchten tief zerrissen. Abseits der Thäler starrt ein unentwirrbares Durcheinander von Klüften, Türmen, Spitzen und Mauern, das räuberischen und kriegerischen Stämmen willkommene Schlupfwinkel gewährt.

Sehr bald macht das ausdrucksvoll gegliederte Gebirge wieder einem einförmigen Tafellande Platz, indem das nördliche Damaraland abermals von Plateaus und Tafelbergen beherrscht wird. Sie sind überwiegend aus Sandsteinen aufgebaut, die dem Waterberg (1900 m) seine scharf ausgeprägten Umrisse verleihen. Die Hochebene senkt sich ganz allmählich zu den leicht gangbaren Grasebenen des Kaokofeldes und des Ovambo- oder Ambolandes, die sich sanft nach Osten abdachen und in die Steppen des Ngamibeckens übergehen, während nur noch das küstennahe Gebiet Gebirgscharakter zeigt. .Tugendliche Ablagerungen eines weissgrauen bis gelblichen Kalksteins sind im Ambolande weit verbreitet. Da es ferner reich an Absätzen fruchtbaren Schwemmlandes ist und wegen des feuchten Klimas ständig w asserführende Flüsse besitzt, so ist der Ackerbau dort ohne künstliche Berieselung möglich und wird von den fleissigen Eingeborenen eifrig betrieben. Sonst zeigt das Schwemmland, entsprechend der geringen Entwickelung flicssender Gewässer, innerhalb des Schutzgebietes nur eine beschränkte Ausdehnung. Um so häufiger sind Verwitterungsschutt und äolische oder vom Wind verursachte Bildungen, z. B. Dünen und Flugsand. Landeinwärts nehmen sie in Übereinstimmung mit den klimatischen Verhältnissen ab und werden durch roten und gelben Lehmboden oder durch die bekannte Verwitterungsdecke der Tropen, den Laterit, ersetzt.

Fassen wir die wiederholt angcdcutcten geologischen Bemerkungen zu einer kurzen Gesamtübersicht zusammen, so entspricht der einfachen Obcrfiächengestaltung Deutsch-Südwestafrikas die Einförmigkeit des geologischen Baues, der sich eng an denjenigen der Nachbargebietc anlehnt. Die jüngsten Gesteine nehmen den Norden (Ovamboland), die älteren den Süden (Namaland) und die ältesten die Mitte (Damaraland) der Kolonie ein. Doch bilden die letzteren in mächtig entwickelter Schichtenfolgc zugleich das Grundgerüst aller darüberlagernden jüngeren Formationen des Schutzgebietes und treten nur im südlichen Damaralande, im Kaokofeld und im Küstengebiet offen zu Tage. Sic bestehen vorherrschend aus steil aufgerichteten, vielfach gefalteten Gneisen und Graniten, neben denen krystallinische Kalke und stark umgewandelte Thonschiefer aufgefunden sind. Das landschaftliche Bild wird von ihnen in sehr verschiedener Weise beeinflusst. Die Gneise enden in scharfeckigen Graten und Zinnen und bilden langgestreckte Gebirgszüge. Der Granit verwittert zu halbkugelförmig abgerundeten Kuppen, die durch die mechanische Wirkung des Flugsandes abgeschliffen und poliert sind und sich entweder unregelmässig aneinanderreihen oder zu mächtigen Gcbirgsstöcken zusammenhäufen.

Im Namalande und im nördlichen Damaralande kommen, entscheidend für den Landschaftscharaktcr jener Gegenden, die gefalteten Urgesteine nur vereinzelt unter den überlagernden Schichten zum Vorschein, die sich aus mehr oder minder horizontal gelagerten Thonschiefem, Sand- und Kalksteinen zusammensetzen. Hier herrschen demnach Schichtgesteine vor, die in ferner geologischer Vergangenheit aus dem Wasser des Urmecrs niedergeschlagen wurden. Die sie durchsetzenden Thäler und Bruchlinien, letztere oft durch die Anwesenheit heisser Quellen ausgezeichnet, bedingen die ausgeprägte Tafellandsnatur jenes Gebietes. Unwillkürlich glaubt man sich in die Sächsische Schweiz zurückversetzt, mit dem Unterschiede freilich, dass die Fclsklütze Südwestafrikas riesige und ungleich wildere Abbilder des Königsteins und Liliensteins sind. Auf den Bruchspalten quollen stellenweise alt- und jungvulkanischc Gesteine, Porphyre, Mandeisteinc und Basalte, empor und häuften sich zu Decken oder Kuppen an. Erwähnenswert ist der wohlerhaltenc Einzelkegel des Geitsigubib (1600 m), der, aus Porphyrtuffen aufgebaut, in der Nachbarschaft von Bersaba (1065 m) aus dem Thale des Grossen Fischflusscs emporsteigt.

Ganz jugendlichen Alters und anscheinend noch heute nicht abgeschlossen ist die Bildung der hellfarbigen Kalksteine und Kalktuffe, die den gesamten Norden und Osten unserer Kolonie, die Umgebung der Etoshapfanne, das Ngamibecken und die Kalahari überziehen und in den übrigen Teilen des Schutzgebietes, wie in Südafrika überhaupt ebenfalls weit verbreitet sind. Sie weisen auf die einstige Anwesenheit umfangreicher Seen hin und sind ihrer Entstehung nach teils Absätze des von den kalkhaltigen Höhen abrinnenden Wassers, teils schlugen sie sich in flachen Seebeckcn, den Salzpfannen, nieder, deren es in jenen Gegenden noch eine ganze Reihe giebt. Früher war ihre Zahl jedenfalls noch grösser, und einige sehen hierin einen Beweis, dass der Gegenwart eine Periode feuchteren Klimas vorausging. A. Schenck weist jedoch darauf hin, dass schon vor der Ablagerung der Kalktuffe das Land der Wüstenverwitterung unterworfen war, dass wir es daher eher mit Klimaschwankungen als mit einer stetigen Zunahme der Trockenheit zu thun haben. Bald unrein und sandig, bald rein und fest und oft noch von sandigen Ablagerungen bedeckt, nehmen Kalke und Tuffe ein weites Gebiet ein, das vorwaltcnd mit Grassteppe, Buschsteppe und Buschwald bekleidet ist und die dem Kalkstein eigentümlichen Karsterscheinungcn erkennen lässt. Das Wasser hat seine auflösende und zerfressende Thätigkcit ins Erdinnere verlegt und arbeitet Höhlen und kleine Trichter oder Dolinen aus, die mitunter so dicht aneinandergedrängt sind, dass sie dem Boden ein löcheriges Aussehen verleihen. Flache Wannen, die zeitweilig mit Brackwasser erfüllt sind, fehlen ebenfalls nicht. Darum ist der Bereich des Kalksteins die eigentliche Heimat der Salzpfannen und Vleys und unterscheidet sich landschaftlich durchaus von den andern Gegenden des Schutzgebietes.

Deutsch-Südwestafrika birgt an ziemlich vielen Stellen nutzbare Mineralien, vor allem Kupfer, Gold, Zinn, Blei- und Wolframerze. Doch haben sich die hochgespannten Erwartungen, die man an ihren Reichtum und an ihre Abbauwürdigkeit knüpfte, nicht erfüllt, wenngleich ein endgültiges Urteil erst nach eingehenderen bergmännischen Untersuchungen gefällt werden darf. Jedenfalls sind die bisher bekannten Goldfunde so unerheblich, dass sie nur oberflächliche Schriftsteller veranlassen konnten, die Kolonie als ein „deutsches Goldland“ zu preisen. Selbst die in beträchtlicher Menge vorhandenen Kupfererze, die namentlich in den altberühmten und früher bereits in Arbeit genommenen Otaviminen aufgeschlossen sind, können bei der jetzt herrschenden Verkehrsmittelnot ohne Anlage besserer und praktischerer Verbindungen nie mit Erfolg abgebaut werden. Denn die Unkosten, die bei der Holz- und Wasserarmut des Schutzgebietes und bei dem langwierigen, beschwerlichen Transport im Ochsenwagen entstehen, sind viel zu hoch, als dass sie durch den zu erwartenden Gewinn gedeckt werden könnten. Immerhin versprechen die Erzlagerstätten für die spätere Entfaltung des sonst ziemlich unergiebigen Landes von Wichtigkeit zu werden.

Von allergrösster Bedeutung für die Zukunft Südwestafrikas sind seine klimatischen Verhältnisse, die wegen der Ausdehnung der Kolonie und unter der Einwirkung örtlicher Verhältnisse mannigfache Abweichungen zeigen. Die nördlichen Teile reichen noch ins Tropengebiet hinein und sind durch reichliche Niederschläge ausgezeichnet, während die südlichen bereits der gemässigten Zone angehören und durch spärliche Regen benetzt werden. Ebenso besteht ein auffälliger Gegensatz zwischen der Küste mit ihren Winterregen und dem Sommerregengebiet des Innern. Alles in allem ist das Klima des Schutzgebietes eine Vereinigung von Steppen-, Wüsten- und Hochlandsklima mit ausserordentlich trockener Luft und geringen jährlichen Niederschlägen.

Besonders trocken und wüstenhaft ist die Küste, wro das vom Meeresgründe aufsteigende, ungewöhnlich kalte Tiefen- oder Auftriebwasser (nur 10—15°C. warm) und das Vorherrschen der kühlen Südwestwindc ein ziemlich gleichmässiges Klima und dichte Nebel erzeugen, während sie gleichzeitig die Regenbildung hindern. Die Abkühlung ist so beträchtlich, dass die mittlere Jahreswärme nicht mehr als 16—17° C. beträgt und demgemäss für die geographische Breite des Landes verhältnismässig niedrig genannt werden muss. Die Temperatur des heissestcn Monats, des März, liegt mit +20°C. bloss 3°C. über und diejenige des kältesten Monats, des August, mit +14° C. ebensoviel unter dem Jahresmittel. Eigentliche Kältegrade werden nur ausnahmsweise beobachtet, weil die Nachtnebel der Wärmeausstrahlung entgegen wirken. Umgekehrt verbieten die frischen Seewinde und das kalte Auftriebwasser eine zu grosse Erwärmung. Demgemäss ist der Küste eine für die geographische Breite verhältnismässig niedrige Temperatur und ein sehr gleichförmiges Klima eigen.

Das Auftreten dichter Nachtnebel, welche die das ganze Jahr hindurch vorwaltcnden Westwinde vom Meere mitnehmen und bis zur Grenze der Namib tragen, ist eine für das Gestade Südwestafrikas bemerkenswerte Erscheinung und eine Folge des hohen Feuchtigkeitsgehaltes der unteren Luftschichten. Da der kräftige Seewind stets gegen Abend abflaut und nachts völlige Windstille herrscht, so vermag der rasch erkaltende Boden die mit Feuchtigkeit überladene Luft zu Nebel zu verdichten. Aus diesem Grunde tropft es allmorgendlich von den Dächern herab wie nach einem gelinden Regen; aber schon wenige Zoll unter der Oberfläche ist der Boden vollständig trocken, so dass keine grössere Pflanze ihr Dasein zu fristen vermag. Ferner bringt der Nebel so geringe Niederschläge, dass sie in den allermeisten Fällen überhaupt nicht messbar sind. In der Walfischbai beträgt der jährliche Regenfall durchschnittlich nur 7 mm an 21 Regentagen, in Angra Pequena 44 mm. Somit teilt die Küste von Deutsch-Südwestafrika gleich der südamerikanischen Wüste Atacama und ähnlich dem Gestade von Togo das Schicksal aller Kaltwasserküsten. Da die aus dem Binnenlande stammenden warmen Südostwinde, die zeitweilig einen föhnartigen Charakter annehmen und sich vorübergehend zu wochenlang anhaltenden Staubstürmen steigern, ebenfalls gänzlich trocken ans Meer gelangen, so ist der Nebel der einzige I?euchtigkeitslieferant für die Küste. Allerdings ist die Luftfeuchtigkeit so beträchtlich und äussert sich in so unangenehmer Weise, dass alle Metallteile aus Messing verfertigt sein müssen, da Eisen und Stahl vom Roste binnen kürzester Zeit zerfressen werden.

Sind die Hauptmerkmale des Küstenklimas verhältnismässig niedrige Temperatur, häufig wiederkehrende dichte Nebel und eine verschwindend geringe Regenmenge, so ist das Klima des Binnenlandes wesentlich anders geartet. Wie in jeder pflanzenarmen Steppe und Wüste zeichnet es sich durch ausserordentliche Trockenheit der Luft aus und lässt infolgedessen beträchtliche Temperaturschwankungen zwischen Tag und Nacht erkennen. An manchen Tagen steigt die Wärme im Sommer bis auf +45° C., und im Winter fällt das Thermometer nachts zuweilen 8° C. unter Null, so dass der Unterschied 53° C. beträgt und glühendheisse Tage mit bitterkalten Nächten abwechseln. Während der Regenzeit fällt morgens reichlicher Tau, und im Winter überziehen sich die Wasserstellen hin und wieder mit einer bleistiftdicken Eisschicht, weil der während des wolkenlosen Tages stark erwärmte Boden sich nachts wieder ebenso bedeutend abkühlt. Die Erhitzung und die darauffolgende Abkühlung zersprengen die äussere Rinde der Felsen, so dass sie mit laut knatterndem Geräusch abspringt. Eine tiefgreifende Zertrümmerung des Gesteins ist die Wirkung dieses Vcrwittcrungsprozesses. Trotz der wachsenden Meereshöhe nimmt die Luftwärme nach dem Innern nicht ab, wie man eigentlich erwarten sollte, sondern sie wird grösser, weil sich die trockenen Winde über dem heissen Steinboden erwärmen. Dadurch werden sie wieder zur Feuchtigkeitsaufnahme befähigt und entziehen dem ohnehin ausgedörrten Boden das spärliche Nass, ohne es ihm stets wieder zurückzugeben1).

Nach bekannten physikalischen Gesetzen lockert sich warme Luft auf, und infolge der Luftverdünnung strömt kältere, schwerere Luft zu. In Südwestafrika findet dieses Zuströmen hauptsächlich aus nordöstlicher und südwestlicher Richtung statt. Die nordöstlichen Winde, die wohl aus dem tropischen Afrika stammen, sind feucht und warm, die vom Atlantischen Ozean herüberwehenden Südwestwinde aber kühl und trocken. Wo beide Luftströmungen zusammenstossen, entladen sich heftige Gewitter mit wolkenbruchartigen Regenmassen. Nach Südwesten hin nehmen diese tropischen Gewittergüsse immer mehr ab und werden im Küstenlande gar nicht mehr beobachtet. Der überwiegende Teil der Kolonie, namentlich die Südhälfte, ist überhaupt sehr dürftig mit Niederschlägen ausgestattet, die noch dazu in ihrem Auftreten so unbestimmt sind, dass sie oft monatelang ausbleiben und dass man nasse und dürre Jahre scharf voneinander sondern muss. Im allgemeinen dauert die Regenzeit etwa 4 Monate, während 8 Monate lang kein Tropfen fällt. Trotzdem ist das Binnenland nicht so dem Regenmangel preisgegeben wie die Küste und lässt in den nördlicheren Gebieten deutlich zwei Jahreszeiten erkennen, eine vom Mai bis zum September anhaltende kalte Trockenzeit und eine vom Oktober bis zum April dauernde heisse Regenzeit. Freilich äussert sich letztere nicht durch anhaltende Landregen oder wie in den Tropen durch ungeheuere Wassermengen, sondern bezeichnet nur denjenigen Jahresabschnitt, der im Gegensätze zu der vollständig trockenen Zeit mehr oder minder oft kurze, wolkenbruchartige und meist von Gewittern begleitete Güsse bringt.

An der Küste ist der wärmste (kälteste) Monat der März (August), im Innern ist der wärmste (kälteste) Monat der November oder Dezember /Juli).

Von Windhoek aus, dessen von Jahr zu Jahr schwankende Regenhöhe auf Grund sechsjähriger Beobachtungen zu 398,5 mm jährlich berechnet ist, nimmt die Niederschlagsmenge sowohl nach Süden als nach der Küste zu ab, denn sie beträgt in Omaruru 317,6 mm, in Rehoboth 282,3 mm, Tsaobis 104,6 mm, in Kubub 215,3 mm und in Angra Pequena 44 mm. Nach Norden dagegen nimmt die Regenmenge zu — Okahandya 544,5 mm, Olukonda 688,7 mm —, und in dem bereits dem Tropengürtel angehörigen Ovambolande sind langanhaltende Güsse nichts seltenes.

Vom gesundheitlichen Standpunkte aus ist das Klima des Schutzgebietes trotz der hohen Wärmegrade und der unvermittelten Temperatursprünge dem Nordeuropäer durchaus zuträglich, und die Gesundheitsverhältnisse sind anerkanntermassen die glänzendste Lichtseite dieser Kolonie, der einzigen, in der unsere Landsleute nicht bloss vorübergehend und beaufsichtigend, sondern dauernd leben und selbständig arbeiten können Alles, was in den Tropen die Leistungsfähigkeit des Europäers niederdrückt, in erster Linie die feuchtwarme Treibhausluft, fehlt hier vollkommen. Die grosse Trockenheit mildert die Hitze, die wegen des geringen Feuchtigkeitsgehaltes der Luft nie so schwül und unerträglich wird wie bei uns an heissen Hochsommertagen, und die kühlen Nächte bringen dem Körper stets Erfrischung und Erholung. Klimatische Krankheiten und verheerende Epidemien sind fast unbekannt, und die in unsern übrigen Besitzungen so weit verbreiteten und so verderblichen Fieber sind nur im Ovambolande zu fürchten. Sonst stellen sie sich bloss an wenigen Orten z. B. fast jährlich in Gobabis während und nach der Regenzeit ein, verlaufen aber selten bösartig, weil die Trockenheit die Entwickelung der Krankheitskeime hemmt und auch die Schwindsucht zum Stillstand bringt. So ist Deutsch-Südwestafrika unbedenklich als ein Ziel deutscher Auswanderung zu empfehlen, der lediglich der Wassermangel und die durch ihn bedingte Beschränkung des nutzbaren Bodens eine Grenze setzt.

Da die Pflanzenwelt in enger Abhängigkeit zu Boden, Klima und Feuchtigkeit steht, so ist sie in Deutsch-Südwestafrika arm, niedrig und kümmerlich und lässt sich in die beiden Hauptverbreitungsgebiete der Küste und des Binnenlandes gliedern.

Die Sanddünen und Steinfelder des Küstengebietes, die lediglich durch die Verdichtung des Nebels etwas Wasser erhalten, sind sehr dürftig bewachsen, und die ein hartes Dasein fristenden Pflanzen bringen es nirgends zur Bildung einer zusammenhängenden Decke. Ihre Wurzeln reichen nur wenige Centimeter tief in den Boden und breiten sich dort aus, um die auf die allerobersten Schichten beschränkte Feuchtigkeit aufzusaugen. Durch zweckmässige Einrichtungen schützen sich die Gewächse vor allzugrossem Wasserverlust, z. B. durch eine glatte, risslose Rinde oder einen glasartigen Harzmantel, durch Beschränkung, Verkleinerung, dichte Behaarung oder dachziegelartige Übereinanderschichtung der Blattflächen, die bald lederhart, bald dick und fleischig oder mit einer klebrigen Masse überzogen sind, um in ihrem Gewebe möglichst viel Feuchtigkeit aufzuspeichern. Demselben Zwecke dienen die entsprechend beschaffenen Stengel und Wurzeln der Zwiebel- und Knollengewächse. Somit ist die Küstenvegetation, für die man auch geradezu den Namen Nebelvegetation vorgeschlagen hat, besonders ausgezeichnet durch sparrige Halbbüsche, namentlich Sarcocaulon- und Pelargonienarten, durch niedrige Fettpflanzen und Gräser, die das ganze Jahr hindurch blühen und zur Zeit der winterlichen Nebelregen ihre Hauptentwickelung zeigen. Die einzige Nahrungspflanze des Dünengürtels ist der vielverzweigte, blattlose Narastrauch (Acanthosicyos horrida), der bis 1 ½ m hoch wird und stellenweise in dichten Hecken auftritt. Seine faustgrossen, kürbisähnlichen Früchte sind essbar und werden nebst den ölreichen Samen von den Eingeborenen gern verzehrt. Die Küstenflora erstreckt sich landeinwärts ungefähr so weit als die Herrschaft des Küstenklimas reicht, d. h. durchschnittlich 60—80 km. Doch wird der Verlauf ihrer Grenze durch die Bodengestaltung erheblich beeinflusst, und ebenso sind dort, wo ein grösseres Flussbett das Küstengebiet durchschneidet, einige der das Hinterland charakterisierenden Gewächse thalabwärts gewandert.

Nach dem regenreicheren Innern zu, das im Sommer durch tropische Gewittergüsse ausgezeichnet ist, wird die Pflanzenwelt etwas üppiger und formenvoller. Als Übergangsglied zwischen der Küsten-und Binnenflora schaltet sich die Wüstenvegetation ein, die eine Anzahl bemerkenswerter Pflanzen aufweist. 21 2 m hohe strauchartige Euphorbien oder Wolfsmilchgcwächse vermitteln im Verein mit Aloes, besonders Aloe dichotoma, den Übergang. Eigentümlich sind zwei Vitisarten, wasseraufspeichernde Zwergbäume, deren niedrige, aber massige Stämmchen am Grunde bis zu i m im Umfang messen. Der seltsamste Wüstenbewohner ist jedoch ein unsern Nadelhölzern verwandtes Gewächs, die Welwitschia, die wegen ihrer sonderbaren Gestalt den Beinamen mirabilis (die Wunderbare) erhalten hat. Sie besteht aus einem kreiselartigen Stamm, der fast völlig im Wüstensande versteckt ist und bloss als eine 4 m im Umfang messende flache Scheibe über ihn emporragt. An dem wasserreichen, gedrungenen Holzkörper, der durch einen mächtigen Korkmantel geschützt wird, sitzen zeitlebens zwei lederartige, harte Blätter, die bis 3 m lang sind, allmählich unregelmässig zerschlitzt werden und in eigentümlichen Biegungen dem Boden auf liegen. Die Thatsache, dass eine über 100 Jahre alt werdende Holzpflanze ihr ganzes Leben hindurch eine so geringe Zahl von Blättern erzeugt und sie niemals abwirft, findet im ganzen Pflanzenreiche keine Wiederholung.

Die Vegetation des Binnenlandes und der Kalahari besteht vorherrschend aus Gras- oder Strauchsteppe, wobei auf der Höhe der Tafelländer die Halbsträucher, in den Thälern die Gräser und Zwiebelgewächse vorwalten. Die Grassteppe macht erst im Norden Baumsteppen und zusammenhängendem Hochwalde Platz und offenbart je nach der Jahreszeit die auffallendsten Gegensätze. Zur Regenzeit überzieht sich der Boden wie durch einen Zauberschlag mit frischem Grün und entwickelt eine entzückende Blütenpracht. Bunte Blumen durchwirken den unabsehbaren Teppich des meist silberglänzenden Grases, und selbst die unscheinbaren Stachelbüsche, die den grössten Teil des Jahres über blattlos sind, schmücken sich mit dunkelgrünen Blättern. Aber mit derselben Schnelligkeit, mit der die flachwurzelnden Gräser und Kräuter empor-schiessen, verschwinden sie wieder, sobald die Dürre einsetzt. Der Sand trocknet rasch aus, das Gras vergilbt, die satten Farben verbleichen, und nur längs der leeren Flussbetten behaupten sich zerstreute Baumgruppen, die mit ihren langen Wurzeln bis zum Grundwasser hinabreichen. Darnach unterscheidet man die periodisch auftretende, durchaus an die Niederschläge gebundene Regenvegetation und die das ganze Jahr überdauernde, vom Regenfall unabhängige Grundwasservegetation. Leicht erklärlicherweise nimmt letztere den kleinsten Teil, etwa 1 % des Schutzgebietes, ein, während die Wüstenvegetation 4 % und die Regenvegetation 95 % beansprucht.

Da ein übermannshoher Grasbüschel den Raum eines Tisches und ein Strauch unter Umständen den Raum eines kleinen Zimmers verlangt, um mit den weit ausgreifenden Wurzeln dem Boden die notwendige Nahrung zu entnehmen, so ist die Pflanzenhülle lückenhaft verteilt, und überall wird der nackte Sand- oder Felsboden sichtbar.1) Dennoch bieten die ausgedehnten Steppen den wilden Tieren vollauf Nahrung und sind der Aufenthaltsort der Eingeborenen, die dort Tausende von Rindern, Schafen und Ziegen weiden.

1) Nach E. Pechuel-Lösche und H.Schinz kommen durchschnittlich etwa 200 Sträucher auf einen Hektar.

Die Sträucher bestehen vorwiegend aus verkrüppelten Akazienarten, unter denen die von den Buren Wacht een bitjen (Wart ein bischen) genannte Art am unangenehmsten ist, weil sie den Wanderer mit ihren widerhakigen Stacheln fcsthält und zu langsamem, vorsichtigem Ausschreiten zwingt. Die Bäume, deren Verbreitung auf die Grundwasscr führenden Flussauen beschränkt ist, setzen sich aus kräftiger entwickelten Vertretern der Dornsträuchcr, aus dünnstämmigen Ebenholzbäumen (Euclea pscudebenum), Tamarisken, Kombretaceen, mächtigen Anaakazien (Acacia albida), Dornakazien (Acacia horrida), Giraffenakazien oder Kameldornbäumcn (Acacia Giraffae) und andern Akazienarten zusammen. Namentlich die Anaakazien sind stattliche Bäume, die einen wahren Schmuck der Landschaft bilden. Dem Reisenden dienen sie als willkommene Schattenspender, und ihre Früchte werden als Viehfutter geschätzt. Je mehr man nach Norden gelangt, um so kräftiger wird die Vegetation und umsomehr verschwindet der eintönige südwestafrikanische Charakter der Gegend. Erst vereinzelt, dann gruppenweise stellen sich im Kaokofelde als äusserste Vorposten der Tropenflora Dumpalmen ein (nördlich 20° S.), bis endlich im Ovambolande wirkliche Waldungen eines mit breiten, halbmondförmigen Blättern ausgestatteten Laubbaumes, des Omutati (Copaivera Mopane), erscheinen. Zu ihnen gesellt sich ein Feigenbaum von gewaltiger Grösse, die Damarafcigc (Ficus Damarensis), und endlich tritt, freilich sehr spärlich verbreitet und in seinem Wachstum zurückgeblieben, der bekannteste Vertreter der tropisch-afrikanischen Holzgewächse, der Affenbrotbaum, auf. Noch üppiger wird das von ausgiebigen Tropenregen getränkte Pflanzenkleid mit der Annäherung an den Okavango und Kunene. Beide nie versiegende Ströme sind mit dichten Galeriewäldcrn umsäumt, deren von Lianen durchzogene Mauern in unverkennbarem Gegensatz zu den baumarmen Steppen des Schutzgebietes stehen.

Bei den geringen Bedürfnissen der Eingeborenen liegt die Bodenbewirtschaftung sehr darnieder. Doch haben die Anbauversuche der Missionare, Ansiedler und Beamten ergeben, dass unsere wichtigsten Nahrungs- und Genusspflanzen vortrefflich gedeihen und dass nicht bloss die Aussaat europäischer Gemüse, sondern auch die Anpflanzung von Früchten der subtropischen Zone z. B. Feigen, Apfelsinen, Pfirsichen, Kernobstbäumen, Tabak und Weinreben sicheren Gewinn verspricht. Die für den Wüstenbewohner unentbehrliche Dattelpalme hat sich ebenfalls eingebürgert, und die Möglichkeit ihres Fortkommens ist überall dort gegeben, wo etwas Grundwasser angetroffen wird. Allerdings sind Acker- und Gartenbau aus klimatischen Ursachen auf die Umgebung der Quellen und Wasserplätze und auf die Grundwasser führenden Thalauen beschränkt und haben zeitweilig unter massenhaft auftretenden Wanderheuschrecken zu leiden. Wohl kann durch Verbesserung und Vermehrung der bereits vorhandenen Bewässerungsanlagen noch viel mehr Land für eine lohnende Kultur gewonnen werden als bisher. Doch wird die Ausdehnung des Feldbaues stets auf einen verhältnismässig engen Raum beschränkt bleiben und an die Ausfuhr der gewonnenen Erzeugnisse ist kaum zu denken, zumal das beste Ackerbaugebiet, das Ovamboland, wegen seines ungesunden Tropenklimas den Europäern verschlossen ist.

Um so hoffnungsvoller sind die Aussichten für die Viehzucht, die bei dem Fehlen der gefährlichen Tsetsefliege im Grossen betrieben werden kann und muss, um einen lohnenden Gewinn abzuwerfen. Schon heute ist die Viehwirtschaft die Haupterwerbsquelle und der Hauptreichtum der Eingeborenen, sie liefert die wichtigsten Ausfuhrgegenstände, und auf ihr beruht fast ausschliesslich die wirtschaftliche Entwickelung der Kolonie. Man schätzt die Rinderherden auf mehr als 1Million, das Kleinvieh auf 8 Millionen Stück, und manche besonders reiche Hereros, die sogenannten grossen Leute, besitzen gegen 30—40000 Rinder. Die Grasfluren vermögen noch viel mehr Vieh zu ernähren, zumal dann, wenn sie durch Brunnenanlagen mit dem nötigen Wasser versorgt werden können. Allerdings stellen sich zuweilen verheerende Seuchen ein, gegen die man noch kein wirksames Mittel gefunden hat; und erst in den letzten Jahren hat die Rinderpest, die im britischen Nachbarlande so schreckliche Verwüstungen anrichtete und die Massai an den Bettelstab brachte, auch Deutsch-Südwestafrika heimgesucht. Zum Glück ist es gelungen, durch Impfungen und strenge Abspcrrungsmassregcln der Rinderpest vorzubeugen, sonst würden die Eingeborenen ihren gegenwärtig wertvollsten Besitz verlieren und müssten auswandem oder verhungern. Der Wohlstand und die wirtschaftliche Grundlage unserer Kolonie wären ebenfalls auf Jahre hinaus vernichtet und der Verkehr, der lediglich mittelst der Reit- und Zugochsen unterhalten wird, auf unabsehbare Zeit lahmgelegt. Ferner herrscht unter den Pferden eine eigentümliche Krankheit, die Pferdesterbe. Unter den von ihr befallenen Tieren bleiben gewöhnlich nur zwei oder drei vom Hundert am Leben, die aber dann gegen Krankheiten gewissermassen gefeit sind und als „gesalzene“ Pferde das Zwei- oder Dreifache des gewöhnlichen Verkaufspreises erzielen. Wichtige Haustiere sind weiterhin Ziegen, Woll- und Fettschwanzschafe, mit deren Züchtung man auf der landwirtschaftlichen Versuchsstation Kubub erfolgreiche Versuche angestellt hat. Ebenso gedeiht das von der Schutztruppe eingeführte Dromedar vortrefflich.

Die wilde Fauna unserer Kolonie gehört zum afrikanischen Steppengebiet und zeigt eine grosse Übereinstimmung mit dem übrigen Süd-und Innerafrika. Zum Teil enthält sie auch Formen, die in den ostafrikanischen Steppen weit verbreitet sind. Leider müsste man eher von einer Geschichte der südwestafrikanischen Tierwelt reden, da europäische Jäger mit ihren Feuerwaffen aufs rücksichtsloseste unter den zahlreichen Rudeln aufgeräumt haben, die um die Mitte des 19. Jahrhunderts die weiten Grasländer belebten. Um die Jagdschutzgesetze zu umgehen, durch welche die Kapkolonie schon lange jenem zwecklosen Massenmord vorgebeugt hat, suchten die englischen Sportsmen mit Vorliebe das deutsche Gebiet auf. Daher war es mit Freude zu begrüssen, dass unsere Verwaltungsbehörden ein ähnliches Verbot erliessen und die Erlangung eines Jagdscheins von der Erlegung einer hohen Geldsumme abhängig machten. Trotzdem wurde diese durchaus zweckentsprechende Massregel vielfach unter Verkennung der Verhältnisse als eine neue Blüte des in unseren Kolonien wuchernden Burcaukratismus verspottet.

Heute haben sich die grossen Jagdtiere in die entlegensten Grenzstriche des Nordens und Ostens zurückgezogen, so dass man nur durch Zufall im Oranjestrom ein Flusspferd aufscheucht oder einige Nashörner, Elefanten, Giraffen, Büffel oder Strausse zu Gesicht bekommt. Noch seltener sind die Löwen geworden, während Affen, Zebras und Antilopen der verschiedensten Art z. B. Hartebecste, Gnus, Kudus u. s. w. noch sehr häufig sind. Auch Leoparden, Panther, Hyänen und Schakale giebt es in grosser Zahl. Giftschlangen werden ebenfalls nicht selten beobachtet, und unter den Insekten sind besonders die Heuschrecken zu nennen.

Die Vogelwelt ist reich an Arten — allein für das Damaraland sind deren nicht weniger als 428 nachgewiesen – , und unter ihnen steht der Strauss obenan. Der früher weitvcrbreitete Vogel ist der Gegenstand lebhaftester Verfolgungen geworden, seit man begann, sein Gefieder dem Luxus und Schönheitssinn dienstbar zu machen. Deshalb hat man im Kaplande mit der künstlichen Züchtung des geschätzten Vogels begonnen, und die Straussenzucht hat dort einen grossen Umfang angenommen. Vielleicht würde sie auch für unser Schutzgebiet eine lohnende Einnahmequelle sein, sich aber bei den jetzigen niederen Preisen für Straussenfedern nur als Nebengeschäft lohnen, während die Federn des wilden Strausses stets ein wertvoller, gut bezahlter Handelsgegenstand sind.

Die Küste ist und war ebenfalls der Sitz eines regen Ticrlebens und erinnert durch ihre Fauna trotz der Nachbarschaft des Wendekreises vielmehr an die Eigenart der Polargebiete. Wie alles kühle Meerwasser, so birgt das kalte Auftriebwasser hier ebenfalls zahllose Fische und ist ein ergiebiger Fanggrund. Zuweilen erscheinen Walfische und Robben, und die letzteren waren früher so häufig, dass sie zu Tausenden erlegt werden konnten. Ferner beleben unzählige Scharen von Wasservögeln das öde Gestade und bilden förmliche Kolonien oder Vogelberge. Die ungeheuren Guanomassen, die sic mit der Zeit auf häuften, sind längst als eine lohnende Einnahmequelle erkannt worden, und von 1843—45 haben die Engländer gegen 260000 Tonnen im Werte von 36 Millionen Mark ausgeführt. Der Guano war bekanntlich die Ursache, dass England die Inselklippen Dcutsch-Südwestafrikas für sich behielt. Obgleich die Vorräte infolge der unausgesetzten Ausbeute sehr vermindert sind, so ist es keineswegs ausgeschlossen, dass sie sich bei längerer Schonzeit wieder erneuern.

Trotz seiner ungeheuren Ausdehnung ist Deutsch-Südwestafrika ausserordentlich dünn bevölkert, und seine Bewohner weiden höchstens auf 250—300000 Seelen geschätzt. Der Stammeszugehörigkeit nach gliedern sie sich in drei Hauptgruppen. Die erste bilden die hottentottisch sprechenden, der Abstammung nach aber noch vollständig rätselhaften Bergdamara, die etwa 35—50000 Seelen stark sind. Die Gruppe der hellfarbigen, gelben Urbewohner Südafrikas, der Hottentotten, fasst in sich die nur noch 8ooo (nach Leutwein 20000) Köpfe zählenden Nama und die noch mehr zusammengcschmolzenen, fast ganz in die Kalahari zurückgedrängten Buschmänner, deren Anzahl man auf ungefähr 3000 Köpfe veranschlagt. Während die hellfarbigen Stämme vorzugsweise den Süden der Kolonie bewohnen, sind die Bantu auf die Nordhälfte beschränkt und werden durch die 100- 120000 Seelen zählenden Herero und die ebenso starken Ovambo vertreten. Die Mehrzahl der Eingeborenen ist durch deutsche Missionare, vor allem durch die protestantischen Sendboten der Rheinischen Missionsgesellschaft, die seit 1840 unter ihnen wirken und unendlich viel Gutes gestiftet haben, zum Christentum bekehrt, hat europäische Kleidung angenommen und kann lesen und schreiben, wobei als Umgangsspräche das von den Buren eingeführte Kapholländisch angenommen ist.

Die Bergdamara sind ein kohlschwarzer, gedrungen gebauter Menschenschlag, der ein jämmerliches Dasein führt und fast ausschliesslich von Pflanzenkost lebt. Man hält ihn für die stark gelichteten Reste der einstigen Urbevölkerung, die von den cinwanderndcn Stämmen immer mehr zurückgedrängt, verachtet und auf jede Weise bedrückt wurde, bis sich die deutsche Regierung ihrer annahm. Die Bergdamara treiben nebenbei ausgedehnten Gartenbau, und bemerkenswert ist ihre Anspruchslosigkeit und Bescheidenheit und die Leichtigkeit, mit der sie sich zur Arbeit anlernen lassen, so dass sie für die wirtschaftliche Entwickelung des Schutzgebietes von nicht zu unterschätzender Bedeutung sind.

Die Nama und Buschmänner unterscheiden sich scharf durch den abweichenden Kulturbesitz und die gänzlich verschiedenen körperlichen Merkmale, namentlich durch den Gegensatz der Körpcrgrösse und der Fussgestalt. Die Buschmänner hausen in Höhlen und fristen ein armseliges Jägerleben, stellen jedoch mit erfinderischem Unternehmungssinne dem Wild nach und haben auf den Felsen ihrer alten Jagdgründe Zeichnungen zurückgelassen, die bei aller Einfachheit feine Beobachtung verraten. Viel wichtiger sind die Nama. Sie waren früher ein starkes, wohlhabendes Hirtenvolk, sind indes mit der Zeit sehr heruntergekommen und allem Anschein nach dem Aussterben preisgegeben. Die ledergelbe Haut neigt zur Runzelbildung, die Gliedmassen sind auffallend schwach ausgebildet, und die Falten verleihen im Verein mit den dicken Lippen des breiten Mundes, der stumpfen Nase und den zusammengekniffenen Augen dem Gesicht einen sonderbaren, mürrischen Ausdruck. Die büschelartig verfilzten Kopfhaare stehen nicht dicht nebeneinander, sondern lassen gleich den Grasbüscheln der heimatlichen Steppe den kahlen Boden zwischen sich frei, und somit gewähren die Pfefferköpfe, wie man die Hottentotten wegen ihrer eigenartigen Haarbildung spottweise genannt hat, einen das Schönheitsgefühl nicht gerade befriedigenden Anblick. Merkwürdig ist ferner die bei den Frauen in zunehmendem Alter sich einstellende Steatopygie (Bildung eines Fettsteisses), die bei der sonst herrschenden Magerkeit doppelt auffällt. Bezüglich der geistigen Eigenschaften muss man die Nama als ein verhältnismässig hochstehendes Volk bezeichnen. Im Erkennen menschlicher und tierischer Spuren, im Durchspähen des Geländes, im Reiten und Schiessen, in der Musik, in Fell- und Lederarbeiten leisten sie Ausserordentliches. Leider sind sie sehr unreinlich, neigen stark zur Trunksucht und Hinterlist und sind so faul, dass sich jeder echte Hottentotte von dem fortwährenden Liegen auf dem Boden die Haare am Ilinterkopfe durchgescheuert hat. Nur die bitterste Not treibt sie zur Arbeit. Noch lieber greifen die Nama in ihrer Bedrängnis zum Räuberhandwerk, wobei sie es vor allem auf die Rinderherden der Herero absahen. Zu Beginn der deutschen Herrschaft war die Feindschaft zwischen beiden Stämmen aufs höchste gestiegen, und die Brandschatzungen der Hottentotten nahmen einen immer bedrohlicheren Umfang an, zumal sich ein kühner Namahäuptling, Hendrik Witbooi, an die Spitze einer starken, wohl organisierten Räuberbande stellte. Von den 12 Stämmen, in welche die Hottentotten des Schutzgebietes zerfallen, sind fünf erst im Laufe dieses Jahrhunderts aus dem Kaplande eingewandert. Von ihnen spielten in der deutschen Kolonialgeschichte eine gewisse Rolle die Zwartboois, die rote Nation, die Khauashottentotten, das verkommenste Gesindel der Kolonie, und die Leute von Gibeon oder die Witboois.

Den bloss verbrauchenden, infolgedessen verarmten und im Niedergange begriffenen Hottentotten stehen ihre kraftvolleren Erbfeinde, die erwerbenden und daher wohlhabenden Herero, oder, wie ihr englischer Name lautet, die Damara gegenüber. Sie sind Bantuneger von schlankem Wuchs, chokoladcnbrauner Farbe und ovalem Gesicht, die auffallend von den Bergdamara abweichen, aber mit den Ovambo verwandt und vor etwa 100 Jahren, von Nordost kommend, über den Kuncne in ihre heutigen Wohnsitze eingewandert sind. Die Herero gelten als lügenhaft, hochmütig und unreinlich und sind so geizig, dass sie nur vom Fleische gefallener oder zufällig getöteter Tiere leben und bloss an den allerhöchsten Festtagen ein Rind aus ihren Herden schlachten. Unvorteilhafte Charaktereigenschaften sind ferner ihre zügellose Roheit und Grausamkeit, die sie vor Beginn und während des Witbooikriegcs bewiesen haben und die eine bei aller Gerechtigkeit eisern strenge Bevormundung durch die deutsche Herrschaft nahe legt. Andererseits sind die Damara tüchtige Viehzüchter, deren ganzes Leben in der Sorge um ihre Herden aufgeht. Alle sind eifrigst auf die Vermehrung ihres Viehstandes bedacht, der ihren Reichtum bedingt und mit dem ein schwunghafter Handel betrieben wird. Sie wohnen in geräumigen Hütten (Pontocks), die sich zu Dörfern, oder, wie es im Kapholländischen heisst, zu Werften vereinigen, und ihr Hauptort ist Okahandya, der Sitz des in der deutschen Kolonialgeschichte ebenfalls vielgenannten Oberhäuptlings Samuel Maharero. Doch sind die Herero nur scheinbar unter einem Oberherrscher vereinigt, in Wahrheit sind sie gleich den Nama in verschiedene Stämme und Stammesgruppen zerspalten.

Waren die nomadisch umherziehenden Herero ein Hirtenvolk mit patriarchalischer Verfassung, so sind ihre Verwandten, die von Häuptlingen despotisch beherrschten Ovambo, sesshafte Ackerbauer und üben auch eine nicht unbedeutende gewerbliche Thätigkeit aus. Sic werden als fleissige, zuverlässige Menschen geschildert und haben sich als Arbeiter im Dienste der Europäer gut bewährt. Doch stehen sic dem Einflüsse der Missionare noch ziemlich fern und halten zähe an ihren alten Sitten, ihrer Tracht und den althergebrachten Religionsgebräuchcn fest.

Einen der Zahl nach (40000 Seelen) zwar geringen, in wirtschaftlicher Beziehung aber um so einflussreicheren Bevölkerungsbestandteil stellen die Bastards, die Nachkommen der aus der Vermischung zwischen Buren und Hottentotten hervorgegangenen Bevölkerung, dar. Ihr Hauptmittelpunkt ist Rehoboth. Sic sind arbeitsame, geschickte Leute, geniessen einen guten Ruf als Handwerker und Wagenführer und treiben einen geregelten, nicht bloss dem täglichen Brot und dem eigenen Bedarf dienenden Ackerbau. Die Bastards haben sich der deutschen Oberhoheit bereitwilligst unterstellt, standen bei allen Kriegen offen auf unserer Seite, und wegen ihrer militärischen Brauchbarkeit hat man bereits begonnen, sie für den Kriegsdienst als Miliz auszubilden.

Am allerwichtigsten ist endlich die weisse Bevölkerung, die zum grössten Teile aus Deutschen, zum kleineren Teile aus Buren und Engländern besteht. 1891 zählte sie erst 539, 1897 dagegen schon 2628 Köpfe, und demgemäss giebt es in Deutsch-Südwestafrika weit mehr Europäer als in allen anderen deutschen Schutzgebieten zusammen. Der Kern der europäischen Bevölkerung ist die deutsche Schutztruppe, und viele ausgediente Mannschaften derselben, die mit Land und Leuten wohlvertraut sind, siedeln sich in der Kolonie an, wodurch die Zahl der Deutschen langsam, aber stetig wächst. Um jedoch Dcutsch-Südwestafrika keine Männerkolonie werden zu lassen, ist es dringend erwünscht, dass sich auch Frauen zur Auswanderung dorthin entschliessen. Auf keinen Fall dürfen sich unsere Kolonisten mit eingeborenen Mädchen verheiraten, denn die Erfahrung hat gelehrt, dass in wilden oder halbwilden lindern nicht der Mann das Weib zu sich emporhebt, sondern dass umgekehrt der Mann auf die niedrige Kulturstufe seiner Gefährtin hinabsinkt. Wie daher für unsere tropischen Besitzungen die Arbeiterfrage im Vordergründe der wirtschaftlichen Erörterungen steht, so ist für Südwestafrika die Frauenfrage brennend geworden. Das deutsche Element muss nach Kräften durch staatliche Unterstützung der Einwanderung gestärkt und gefördert werden. Sonst liegt die Gefahr nahe, dass das Schutzgebiet später einmal von fremdem, namentlich von englischem Einflüsse beherrscht wird und nicht imstande ist, sich als ein politisch und wirtschaftlich selbständiges Staatswesen zu behaupten. Hoffentlich gelingt es, die vielfachen Schwierigkeiten zu überwinden und die Kolonie, die wegen ihrer stockenden inneren Entwickelung und ihrer geringen wirtschaftlichen Hilfsquellen bisher das Schmerzenskind unter unsern Schutzgebieten war, dem Mutterlande immer mehr nutzbar zu machen. Ist sie auch kein reiches Land, aus dem Schätze nicht mühelos gewonnen werden können, so ist sie ebensowenig ein wertloses Sandloch und hat ebenfalls eine Zukunft. Hat man erst einen festen Grund geschaffen, dann wird der Weiterbau leichter von statten gehen, und einen hoffnungsvollen Ausblick bieten die Worte eines der besten Kenner Deutsch-Südwestafrikas, des Majors Leutwein: „Setzen wir unser Schutzgebiet nur in den Sattel, reiten wird es schon können!“

Kurt Hassert.

I. Abschnitt:

Deutschlands Kolonien – Geschichtlicher Überblick

II Abschnitt:

Die Erwerbungs- und Entwicklungsgeschichte deutscher Schutzgebiete

III. Abschnitt:

Landes- und Volkskunde der deutschen Schutzgebiete: Deutsch-Ostafrika

IV. Abschnitt:

Landes- und Volkskunde der deutschen Schutzgebiete: Togo

 V. Abschnitt:

Landes- und Volkskunde der deutschen Schutzgebiete: Kamerun

VI. Abschnitt:

Landes- und Volkskunde der deutschen Schutzgebiete: Deutsch-Südwestafrika

VII. Abschnitt:

Das Schutzgebiet der Neuguinea-Kompagnie

VIII. Abschnitt:

Die Marshall-Inseln

IX. Abschnitt:

Die Kiautschou-Bucht

X. Abschnitt:

Die wirtschaftliche Bedeutung der deutschen Kolonialpolitik und der deutschen Schutzgebiete

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