Landes- und Volkskunde der deutschen Schutzgebiete: Togo

An der vor Zeiten übel berüchtigten Sklavenküste, begrenzt von den Flüssen Volta und Mono und eingeschlossen von französischem und englischem Kolonialbesitz und dem neutralen Gebiete von Salaga, liegt zwischen 5 und 11° N unser kleinstes afrikanisches Schutzgebiet Togo. Nur als ein schmaler, 52 km langer Streifen berührt seine Küste den Atlantischen Ozean. Aber fächerförmig schiebt sich das Hinterland bis zu vierfacher Längenausdehnung ins Innere vor, und der Gesamtflächeninhalt der Kolonie innerhalb der neuen Grenzen, die das deutsch-französische Abkommen von 1897 bestimmt hat, ist zu 82330 qkm berechnet worden, so dass Togo an Grösse das Königreich Bayern übertreffen würde.

Innerhalb des so umschriebenen Raumes lassen sich vom Meere aus fortschreitend vier Landschaftsgürtel, der Küstensaum, die Küstenebene, das Gebirge und das Binnenplateau, unterscheiden, deren Pflanzenkleid, Bevölkerung und wirtschaftliche Bedeutung wesentliche Abweichungen zeigt.

Der durchweg flache und völlig hafenlose Strand senkt sich langsam unter den Meeresspiegel und wird von einer wilden Brandung umtost, die unter dem portugiesischen Namen Calema bekannt und berüchtigt ist. Zwar gewähren die schwer rollenden und sich brechenden Wogenzüge einen prächtigen Anblick, wenn nachts beim Meerleuchten Millionen glänzender Funken aus ihnen aufsprühen, aber andererseits verbieten sie grossen Schiffen die Landung und zwingen sie, auf offener See vor Anker zu gehen. Bloss die von Jugend an mit den Schwierigkeiten und Gefahren der Brandung vertrauten Eingeborenen dürfen es wagen, Reisende und Waren aus- und einzuschiffen. Freilich kommen diese oft in sehr durchnässtem Zustande am Ziele an, und nicht selten schlagen schwerbeladene Boote um, was dann, wenn die Küstengewässer von Haifischen wimmeln, nichts weniger als angenehm ist. Zu gewissen Zeiten macht die übermächtige Gewalt der Brandung das Anlegen überhaupt unmöglich. Da diese ungünstigen Verhältnisse, die den Verkehr im höchsten Grade erschweren, auf die Dauer nicht bestehen bleiben können, so hat man daran gedacht, von Lome aus eine Landungsbrücke weit ins Meer bis ausserhalb der hindernden Calema zu bauen, wie es in dem französischen Hafen Kotonu bereits mit grossem Erfolge geschehen ist. Zwar besitzt Lome ebensowenig wie die andern Küstenplätzc einen Hafen, sondern nur eine offene, ungeschützte Reede. Allein es ist für die gesamte Westhälftc Togos von nicht zu unterschätzender Bedeutung, weil es sich einer jederzeit trockenen Verbindung mit dem Innern erfreut und dadurch zum Ein- und Ausgangsthor für den vielbesuchten Binnenhandelsmittelpunkt Kete Kratshi wird. Wegen der schlechten, unsicheren Landwege schafften früher die meisten eingeborenen Händler ihre Waren auf dem Volta ins englische Gebiet, und unsere Nachbarn sorgten dafür, dass z. B. der durch einen britischen Agenten beratene Häuptling von Kpandu die von Norden kommenden Karawanen zwang, über den Volta zur englischen, statt zur deutschen Küste zu gehen. Natürlich erwuchs und erwächst unsern Handelsinteressen dadurch noch immer erheblicher Schaden. Aber durch Anlage eines bequemen, gut erhaltenen und grösstenteils fertig gestellten Weges von 4—8 m Breite ist es gelungen, mit den Engländern nachdrücklich in Wettbewerb zu treten, so dass heute viele Händler in Lome ihre Einkäufe und Verkäufe besorgen. Die Lokalverwaltung hat auch eine regelmässige Postverbindung zwischen allen Küsten- und Binnenstationen, Lome, Klein-Popo, Misahöhe, Kpandu, Kete Kratshi, Paratau und Sansanne Mangu, eingerichtet. Vor der deutschen Besitzergreifung war Lome ein unansehnliches Negerdorf. Durch die seitdem getroffenen Massnahmen und Verkehrserleichterungcn hat es jedoch so gewonnen, dass es jetzt ein von 4000 Einwohnern bevölkerter Ort mit sauberen regelmässigen Strassen und seit 1897 der Sitz des Kaiserlichen Landeshauptmanns ist.

Nicht minder wichtig für den Osten der Kolonie ist der gegen 6600 Einwohner zählende Stapelplatz Aneho (Eidechsenzunge) oder Klein-Popo, der Vorhafen des früheren Regierungssitzes Sebbc. Sein den Eingeborenen unbekannter Name Klein-Popo, der auf das Wort pueblo d.h. Volk zurückgeht, stammt von den Portugiesen, die einst an der ganzen Guineaküste einen ausgedehnten Handel trieben und auf deren Thätigkeit noch mancherlei Spuren hinweisen. Die Lage auf einem schmalen Landstreifen zwischen dem offenen Ozean und der gleich zu erwähnenden Lagune beschränkt die natürliche Entwickelung der Stadt.

Es wird deshalb beabsichtigt, durch teilweise Zuschüttung eines toten Armes Raum zu gewinnen, der eine Ausbreitung des Ortes landeinwärts ermöglichen soll. Lome und Aneho, die bereits merklich miteinander wetteifern, haben nach und nach den Löwenanteil des Handels an sich gerissen, so dass Bagida (300 Einwohner) und der alte, schmutzige Sklavenhändlerplatz Porto Seguro (1200 Einwohner) immer mehr zurückgehen und schon längst von den beiden anderen Küstenstädten überflügelt sind.

Der Küstensaum besteht zunächst aus einem hellfarbigen Sandstreifen, den das von den Brandungswellen zusammengeschwemmte und allmählich über die Meeresoberfläche gehobene Trümmermaterial aufgebaut hat und auf dem das hin- und herwogende Meer nicht den geringsten Pflanzenwuchs aufkommen lässt. Unmittelbar an ihn schliesst sich ein etwas höherer Damm aus salzdurchtränktem Sandboden an, der nicht mehr überflutet wird und ein 1 ½ bis 3 m hohes Dornbuschdickicht trägt. So fest greifen die stacheligen Zweige ineinander, dass sie zu einer undurchdringlichen Mauer werden, die nur auf wenigen vielgewundenen Negerpfaden durchwandert werden kann und wirtschaftlich wertlos war, bis die Portugiesen zu Anfang des 19. Jahrhunderts die genügsame Kokospalme einführten. Jetzt giebt es längs der Togoküste gegen 2000000 Cokospalmen, die in dem kümmerlichen Sande vortrefflich gedeihen und sich mit ihren dunkelgrünen Kronen schon aus der Ferne von dem niedrigen gelbgrauen Strande abheben. Mit wachsender Entfernung vom Meere vermindert sich ihre Zahl merklich. Doch treten sie vereinzelt noch 160 km landeinwärts auf, und Kling fand sogar eine einsame Kokospalme 320 km im Innern unter 9° N.

Die schmale Landzunge, deren Breite zwischen einigen hundert Metern und mehreren Kilometern schwankt, endet an einem langgestreckten Lagunensystem, an einem Haff, dessen Nehrung sie bildet. Diese Strandseen, die sich die ganze Sklavenküste entlangziehen, entstanden, indem die gewaltige Dünung des Ozeans mächtige Sandbarren aufwarf und dadurch ein Hindernis schuf, hinter dem sich die Flüsse aufstauten. Die Lagune wird hauptsächlich durch das vom Meere hochgespannte Grundwasser gespeist, da die einmündenden Flüsse Monate lang trocken liegen oder zu spärlichen Rinnsalen zusammenschrumpfen. Doch füllen sie mit ihren Sinkstoffen das Haff allmählich aus und haben den Zusammenhang des Binnenseensystems stellenweise z. B. bei Lome bereits unterbrochen. Andererseits steht es durch natürliche Kanäle (Gross-Popo auf französischem Gebiet) oder zeitweilige Durchstiche (Klein-Popo) mit dem offenen Meere im Zusammenhang. *)

*) Aller 4—5 Jahre, wenn der Wasserstand der Lagune durch die gewaltigen Zuflüsse der Regenzeit zu hoch angewachsen ist, wird bei Klein-Popo ein Durchstich gemacht, durch den der Überschuss abfliesst.

Die Lagune läuft der Küste im allgemeinen parallel und ist mit Ausnahme der etwa 10 km ins Land eingreifenden Ausweitung des Togo-und Wosees selten breiter als 1 km. Das fischreiche Brackwasser stellt im Gegensätze zum brandenden Meere eine ruhige, vielbenutzte Verkehrsstrasse dar, deren Tiefe allerdings meist nicht über 3 m beträgt. Leider verpestet das stehende Wasser, das mit verfaulenden Bestandteilen erfüllt ist und durch die massenhafte Zufuhr von feinem Erdreich eine gelbgraue Farbe erhält, die Luft in hohem Grade. Die schilfumkränzten Sumpf- und Sandufer, die ein Lieblingsaufenthalt für zahllose Wasservögcl sind und zur Regenzeit weithin überschwemmt werden, verursachen ebenfalls schädliche Fieberdünste, die das Küstengebiet für dauernden europäischen Aufenthalt ungeeignet machen, während das Klima des Innern gesünder ist.

Das Nordufer der Strandseen setzt mit einem scharf ausgeprägten Steilrande von 5—15 m Höhe gegen die langsam und stufenweise in langen flachen Wellen ansteigende Ebene ab, die mit ihrem endlosen Auf und Nieder ein eintöniges Landschaftsbild darbietet und nur durch die tiefgefurchten Flussbetten gegliedert wird. Auch hier werden die Ufer von üppigen, aber meist schmalen Galeriewaldstreifen umsäumt, und kleine Waldinseln sind über die Niederung zerstreut. Im übrigen herrscht die Savanne weitaus vor und ist wiederum als offene Grasflur mit bis 3 m hohem Gras, als Buschsteppe( Baumsteppe oder Parklandschaft entwickelt. Sie gleicht vielfach der schon bekannten Obstgartensteppe Ostafrikas, und ihre Charakterbäume sind Ölpalme und Fächerpalme, zu denen sich Wollbäume und die nie fehlenden Kolosse des Affenbrotbaums hinzugesellen.1)  Das Gegenstück zu den plumpen, graurindigen Stämmen mit ihren langgesticlten, wurstartigen Früchten bildet die schlanke Weinpalme (Raphia vinifera), deren weinähnlicher Saft neben dem Branntwein das Lieblingsgetränk der Eingeborenen ausmacht.

Aber das natürliche Pflanzenkleid der Steppe ist durch die Kulturvegetation vielfach verwischt und verändert worden. Alle die ausgedehnten Flächen, deren roter Latent- oder grauer Thongrund von einer mächtigen Schicht schwarzer Humuserde überlagert wird, sind so stark in Anbau genommen, dass stellenweise jedes irgendwie verfügbare Bodenstückchen mit Feldern bedeckt ist. Erscheint auch der Ackerbau noch ziemlich urwüchsig, indem die Düngung unbekannt und das Ackergerät sehr einfach ist, so wird er trotzdem mit einer dem Neger sonst nicht eigenen Sorgfalt und insofern sachgemäss betrieben, als man den durch längere Bewirtschaftung erschöpften Boden mehrere Jahre hindurch brach liegen und verwildern lässt und inzwischen ein neues Stück Wald oder Steppe bearbeitet.

1) In den Dörfern, aber auch nur dort, findet man ferner die Kokospalme, die im Binnenlande überhaupt bloss in den Siedelungen, nie im Walde oder in der Steppe auftritt.

Angepflanzt werden vor allem Yams, ferner Colocasia, Cassada, Erdnuss, Mais, Hibiscus, Pfeffer, viele Bohnenarten und vom Agomcgebirge an auch Reis und Sorghum. Die Felder und Bananenhaine sind von Ananasstauden eingefasst, und zwischen ihnen ziehen sich die gut gehaltenen Wege hin. Der Baumwolle widmen die Eingeborenen ebenfalls ihre Pflege, und sie verstehen die versponnenen Fäden so kunstvoll zu verarbeiten, dass die gewonnenen Gewebe haltbarer als gutes europäisches Segeltuch sind. Die wertvollste Pflanze, die wildwachsend oder angebaut vorkommt, ist indes die in Westafrika weitverbreitete, in Ostafrika dagegen fast unbekannte Ölpalme (Elacis guineensis).

Sic bildet in Togo bis zum Gebirgsfusse förmliche Dickichte und dringt, an Zahl rasch abnehmend, tief nordwärts in die Hochebene vor. Nicht mit Unrecht hat man die Ölpalme den Freund des Negers genannt, denn sie ist dem Westafrikaner ebenso unentbehrlich wie dem Südseebewohner die Kokospalme und bedeutet seit dem Erlöschen des Sklavenhandels seinen wichtigsten Ausfuhrgegenstand, der den Wasserwegen, auf denen er zur Küste gebracht wird, geradezu den Namen Oil Rivers oder Ölflüsse gegeben hat. Während das Öl im Lande selbst auf mühelose, einfache Weise gewonnen wird, werden die Palmkerne in Europa ausgepresst und liefern einen als Kraftfutter für das Vieh geschätzten Rückstand, den Palmkuchen. Leider bleiben von dem Palmöl im Innern alljährlich Werte von Millionen unbehoben oder gehen der Ausfuhr verloren, solange die Verkehrsmittel fehlen, um die im Binnenlande lagernden Vorräte billig zur Küste zu schaffen. Bereits fünf Tagereisen von ihr entfernt hört die Ölbereitung für den Versand auf, da sich auf weitere Strecken hin der Trägertransport nicht mehr lohnt. Nur auf dem bis Kete Kratshi schiffbaren Volta kann das im ferneren Hinterlande erzeugte Öl billig und mit Gewinn ins englische Küstengebiet gebracht werden. Die Früchte, die oft zu 600—800 in den viermal jährlich reifenden Fruchttrauben sitzen, bieten indes den Eingeborenen nicht bloss das lohnendste Tauschmittel für den Erwerb fremder Erzeugnisse dar, sondern sind auch als Würze jeder Speise ein vielfache Verwendung findender Beitrag zur Nahrung. Der dem 5 —9 m hohen Stamm durch Einschnitte abgewonnene Saft verwandelt sich in Palmwein, Stamm und Blattstiele dienen als Baumaterial.

Inmitten der Felder und Ölpalmenhaine liegen die Ortschaften, deren Verteilung sehr verschieden ist. Gewöhnlich scharen sie sich besonders zahlreich um die Hauptorte der einzelnen Stämme, und ebenso ist der Rand der Lagune von unzähligen Siedelungen und Gehöften umgeben. Einige von ihnen bergen eine so dichte Bevölkerung, dass man sie füglich als kleine Städte bezeichnen kann. Kum Kovhe, Gridji, Kpue und Togo, welch letzteres dem Schutzgebiet den Namen gegeben hat und nichts anderes heisst als „Hinter dem See“, zählen je 8000 Einwohner, die heilige Fetischstadt Be. mit ihren den Europäern schwer zugänglichen Tempeln deren 3000, und das Dorf Wo ist ein vielbesuchter Marktplatz, in dem jeden fünften Tag gegen 10000 Menschen zusammenströmen. So stark ist die Ebene bewohnt, dass man ihre Volksdichte trotz der 20—40 km breiten menschenleeren Ödräume zwischen den einzelnen Siedelungsgebieten zu 40 Seelen auf 1 qkm veranschlagen darf.1) Diese für Afrika ungewöhnlich hohe Zahl würde auf eine Bewohnerzahl von zwei Millionen hinweisen. Landeinwärts ist die Bevölkerung dünner gesäet, und in demselben Masse geht das Kulturland in die Steppe über, während längs des Gebirgsfusses Volksdichte und Bodenbewirtschaftung wieder zunehmen.

Die hügelige Tiefebene wird von mehreren Reihen steiler Berge durchzogen und endet plötzlich an einem ziemlich schroff emporragenden Gebirge. Anscheinend lassen sich zwei Hauptketten unterscheiden, die eine teils zum Volta, teils unmittelbar zur Küste abwässernde bergige Hochfläche umgeben und der Küste nicht parallel laufen, sondern zunächst von Nordost nach Südwest streichen, bis sie auf englischem Boden, in der Nachbarschaft von Accra, hart ans Meer herantreten. Das beiderseits steil abfallende Gebirge streicht von Misahöhe bis zum Ende der Landschaft Aposso rein nördlich und entsendet Ausläufer bis in die Nähe von Bassari. Dort beginnt wieder das breite geschlossene Kapovhegebirgc, das sich nordwärts bis zur Grenze von Gurma fortsetzt. Das Gebirge wird meist nach den Landschaften Agome, Aposso, Kebu, Adeli u. s. w. benannt, die es in 90—110 km Breite durchschneidct; doch trägt es auch die Gesamtbezeichnung Obossum-, Obooso- (d. h. auf dem Gebirge) oder Fetischgebirge.

1) Vergleichsweise sei erwähnt, dass in Deutschland 97, in Frankreich 72, in Belgien 220, in Holland 149 und im Europäischen Russland 20 Bewohner auf 1 qkm kommen.

Mit Ausnahme einiger Gipfel, die rund 1000 m hoch sind, erhebt es sich nicht über 700—800 m mittlere Höhe und ist aus Urgesteinen, vornehmlich aus Quarzit und steil aufgerichteten krystallinischen Schiefern (im Osten vorwiegend Quarzitschiefer, im Westen Glimmerund Quarzglimmerschiefer, hier und da Thonschiefer) zusammengesetzt, die oft von rotem Sandstein*) und noch häufiger von einer ergiebigen, an Raseneisenstein reichen Verwitterungsdecke überlagert und verhüllt werden. Jungvulkanische Gesteine scheinen wenig oder gar nicht entwickelt zu sein. Im allgemeinen dürften auf deutschem Boden ähnliche geologische Verhältnisse herrschen wie an der benachbarten Goldküste, wo am Meere ebenfalls Sandstein auftritt, während sonst lediglich krystallinische Gesteine anstehen. Deshalb ist es nicht unwahrscheinlich, dass das Gold, das jenem Küstenstreifen den Namen gab und in der englischen Kolonie, wennschon nicht in reicher Menge gewonnen wird, auch bei uns vorkommt. Der von Lome über Kpandu nach Kete Kratshi führende Weg bezeichnet die Grenze des höheren Randgebirges gegen seine südwestliche niedrigste und schmale Stufe. Darum liegt hier als Stützpunkt die zugleich wissenschaftlichen Zwecken dienende Station Misahöhe (460 m). Im Osten führt der bequemste Übergang an der volkreichen, aber schmutzigen Stadt Atakpame (320 m) vorüber.

Erst im Gebirge beginnt der üppige Pflanzenwuchs des afrikanischen Tropenklimas, und der grössere Regenreichtum spricht sich sofort in dem frischeren Grün des Pflanzenklcides aus. Die steilen Hänge und die breiteren Scheitelflächen sind grösstenteils mit Savannen kurzen, saftigen Grases überzogen, das zahlreichen Büffelherden Nahrung gewährt und auch den europäischen Haustieren Zusagen würde. In den Thalmulden zwischen den einzelnen Ketten hat sich dank der Wasserfälle ein dichter Urwald angesiedelt, der an den nach Süden gekehrten Gehängen höher hinaufgeht als am entgegengesetzten Abfall und bloss auf den tiefsten Pässen den Kamm überschreitet. Eigentümlich sind dem Walde viele Palmenartcn, darunter die Ölpalme in stattlichen Beständen, und Ficusartcn. Als Nutzpflanzen sind vor allem prächtiges Ebenholz (Odumholz) und wildwachsende Kaffeebäumc zu nennen, und von Stamm zu Stamm rankt sich die Gummiliane (Landolphia), die den zweitwertvollsten Ausfuhrgegenstand des Schutzgebietes und Westafrikas überhaupt, das Kautschuk, liefert. Die aus dem weissen Milchsaft der finger- bis armdicken Lianen gewonnene Masse ist für viele Zweige und Bedürfnisse unserer Industrie und des Alltagslebens unentbehrlich, und so kam es, dass die 1889 noch unbeachteten Landolphien seitdem der Gegenstand einer überaus hastigen Ausbeute wurden.

*)Nach II. Gruner ist der vermeintliche rote Sandstein weiter nichts als roter, durch die Verwitterung bröckelig gewordener Quarzit.

Schwarze Händler aus der englischen Goldküstenkolonie wagten sich unter dem Schutze der deutschen Flagge in das früher unzugängliche Fetischgebirge. Da sie ungeheure Preise zahlten, so blieben die Eingeborenen jeder andern Arbeit fern und begannen einen so sinnlosen Raubbau, dass in den häufiger besuchten Gebieten die ursprünglich reichen Kautschukvorräte bald erschöpft waren. Obwohl es in den von kriegerischen Stämmen bewohnten Landschaften noch genug Gummilianen giebt, hat man schon damit begonnen, sie als sorgsam gepflegtes Kulturgewächs in den Plantagen anzupflanzen. Daneben benutzt man als Ersatz eine neue, Kautschuk enthaltende Pflanze, die Kicksia africana, deren Saft schon seit mehreren Jahren an der Goldküste in grossen Mengen ausgeführt wird. Mit dem brasilianischen Ceará-Gummibaum (Manihot Glaziovii) hat man ebenfalls erfolgreiche Anbauversuche angestellt.

Wie die Zahl der Ortschaften erkennen lässt, ist das Gebirge ebenso dicht als die Küstenebene bewohnt.1) Es entfallen etwa 25 Menschen auf I qkm, sodass die Gesamtbevölkerung 250000 Seelen betragen dürfte. Dementsprechend tritt das Kulturland entschieden gegen die wildwachsende Vegetation zurück, und in den bald freundlichen, bald malerischen und wildromantischen Landschaften sprudeln überall klare Bäche und muntere Quellen. Die das ganze Jahr hindurch Wasser führenden, tief in den Fels eingeschnittenen Quelladern geben durch ihre Vereinigung allen grösseren Lagunenzuflüssen, z. B. dem Todjie, Sio, Haho und Mono den Ursprung, so dass die Wasserscheide längs des Gebirges verläuft und nur vom Volta durchbrochen wird. Freilich sind die wenigsten Wasseradern mit Ausnahme des Volta und des 100 km fahrbaren Mono für Boote ein Stück stromaufwärts schiffbar. Die meisten schrumpfen zur Trockenzeit erheblich zusammen oder verschwinden ganz und gar.

Der längste und wichtigste Wasserlauf ist der aus der Vereinigung des Schwarzen und Weissen Volta entstehende Grenzstrom Volta, der eine ganze Reihe nicht minder ausgedehnter Zuflüsse aufnimmt. Unter ihnen ist am erwähnenswertesten der ruhige und vielleicht für Kähne schiffbare Oti, während die andern reissende Bergwässer sind oder in den trockenen Monaten versiegen. Der Volta entspringt im Herzen der Hochebene und muss im Oberläufe mehrere Landstufen in kleinen Schnellen überwinden, während ein unbedeutender Wasserfall gleich oberhalb der Stadt Kete Kratshi der Schiffbarkeit ein Hindernis bereitet.

1) Die Landschaften Aposso, Buëm und Agome geben an Volksdichte der Küste nicht viel nach, während in dem dünner bevölkerten Adeli und Kebu die Ortschaften weiter auseinanderliegcn.

Der Fall wird zu Lande umgangen, worauf der Strom weiterhin, bis über Yeggi hinaus, schiffbar ist. Da er oberhalb Kpandu das Fetischgebirge ruhigen Laufs und in breitem Bett durchbricht, so ist er trotz seiner ausserordentlich wechselnden Wasserführung zur Regenzeit bis Kete Kratshi für kleine Dampfer zugänglich, und diese Thatsache begründet nicht zum wenigsten die hervorragend günstige Lage des Platzes, der für afrikanische Verhältnisse ein Handelsmittelpunkt ersten Ranges ist. Aus allen Richtungen laufen hier die Karawanenstrassen zusammen, um den Landweg mit dem Wasserwege zu vertauschen. Deshalb ist unweit der Stadt eine deutsche Militärstation angelegt worden, einmal um dem lebhaften Schmuggel zu steuern, den englische Schleichhändler mit dem jenseitigen Ufer unterhalten, und dann, um den Binnenhandel zur deutschen Küste abzulenken, da ja der Volta auf englischem Gebiet mündet. Ungeachtet aller Wegverbesserungen und -Neuanlagen sind aber immer noch 12 Tagereisen nötig, um von Kete Kratshi nach Lome zu gelangen! Obendrein führt die Wasserstrasse viel schneller, bequemer und billiger zum Ziel als der zeitraubende Marsch über das Gebirge, der wegen der hohen Trägerlöhne die Frachtkosten nicht unerheblich verteuert. Jedenfalls ist und bleibt der Volta die eigentliche Zugangsstrasse für das fernere Binnenland, und die Menge des auf ihm aus unserm Hinterland zur englischen Küste verschifften Kautschuks ist zehnmal grösser als die gesamte Gummiausfuhr Deutsch-Togos. Umgekehrt nehmen die englischen Händler, wenn sie wieder stromaufwärts fahren, aus den Magazinen von Adda das im salzarmen Innern viel begehrte Salz mit, wodurch Kete Kratshi ein Hauptstapelplatz für das kostbare Mineral wird. Hier kaufen die betriebsamen Haussakaufleute das Salz auf und schlagen es im Kleinhandel zu hohen Preisen wieder los, da es eine ebenso teuere als beliebte Würze ist und im Hinterlande der Guineaküste als Leckerbissen gilt. Nur Wohlhabendere können sich den Luxus gestatten, ihre Speisen zu salzen, weshalb man von einem Mann, der reich ist, zu sagen pflegt: „Er isst Salz zur Mahlzeit.“

Neben dem Salz spielen im Haussahandel europäische Zeuge eine bemerkenswerte Rolle, die vornehmlich aus England und Frankreich stammen und deren Vertrieb grösstenteils den westafrikanischen Kolonien jener Staaten wieder zu gute kommt. Noch wichtiger ist indes  die Kolanuss (Sterculia acuminata), die schon seit langer Zeit den Handelsverkehr jenes Gebietes beherrscht, während sie für die Ausfuhr nach Europa gegenwärtig noch ziemlich belanglos ist. Sie dient zur Würze faden Trinkwassers und wird als wirksames, angenehmes Anregungsmittel von den Eingeborenen leidenschaftlich gekaut und gern gekauft.

Kete Kratshi ist als Handelsplatz jungen Datums und erst dann den Bedürfnissen des Binnenverkehrs entsprungen, als das nördlicher gelegene Salaga (170 m) verfallen war. 1889 besass der neu aufblühende Ort erst 6000 Einwohner. Heute zählt er deren bereits 25—30000 und zur Karawanenzcit das Doppelte. Sie sind fast ausnahmslos Kaufleute, und unter ihnen befinden sich ganze Kolonien eingewanderter Haussahändler und anderer Fremder. Der Aufschwung von Kete Kratshi und der Rückgang von Salaga ist ein sprechender Beweis für die Unbeständigkeit afrikanischer Verhältnisse. Noch 1889 zählte Salaga, dem das mit Unrecht gepriesene Timbuktu am Niger kaum den Rang streitig machte, 6000 Hütten mit einer ständigen Bevölkerung von 10000 Einwohnern. Sic waren ebenfalls sämtlich Händler, und zur Hauptverkehrszeit trafen täglich 1 — 3 Haussakarawanen ein, von denen manche 2000 Köpfe stark waren. Alle Erzeugnisse des Nigerbeckens und der Küste konnte man hier eintauschen, darunter als wertvollsten Handelsgegenstand die schwarze Menschen wäre, die Sklaven, von denen jährlich 15000 verkauft wurden. _Ebenso waren sämtliche Bewohner des Nigerbeckens hier vertreten, denn obwohl die Stadt unter empfindlichstem Trinkwassermangel und unbeschreiblichem Schmutze litt, war sie von Natur zu einem Verkehrsmittelpunkte wie geschaffen. Auf halbem Wege zwischen dem Meere und dem Niger gelegen, stellte sie gleichsam den Schlüssel des Voltagebietes dar, indem der von Westen kommende Schwarze Volta in der Nachbarschaft mit dem von Norden kommenden Weisscn Volta zusammenfliesst, worauf der vereinigte Strom seinen Weg südwärts fortsetzt. Aber nicht bloss auf diesen von vornherein vorgezeichneten Linien, sondern aus allen Himmelsrichtungen strebte der Verkehr nach Salaga, um sich von diesem Kreuzungspunktc aus wieder nach den verschiedensten Gegenden hin zu entfernen. Während der Sultan des Nachbarreiches Dagomba von den Karawanen drückende Abgaben erpresste, liess der dem Handel freundlich gesinnte Herrscher von Salaga die Kaufleute unbelästigt. Infolge dieser weisen Massregel blühte seine Hauptstadt immer mehr auf und hatte den volkreicheren Hauptort von Dagomba, Yendi, bald überflügelt. Da brach 1894 der Krieg zwischen beiden Staaten aus, in dem Salaga so vollständig zerstört wurde, dass nur noch spärliche Trümmer und Bruchteile der Bevölkerung an seinen einstigen Glanz erinnern. Die Einwohner wanderten teils in die englische Goldküstenkolonie, teils nach Kete Kratshi aus, das dadurch zu immer höherer Blüte gelangte, zum grossen Vorteil des deutschen Handels, der in Salaga gar nicht vertreten gewesen war.

Die Hänge des Fetischgebirges fallen beiderseits in steiler Böschung zum eintönigen Binnenplateau des Westsudan ab, das noch nicht 400 m über dem Meeresspiegel liegt und sich landeinwärts ganz allmählich senkt.1) Die flachwellige, anscheinend aus Urgesteinen aufgebaute Oberfläche wird nicht allzuoft von mässigen Höhenzügen und vereinzelten Granithügeln unterbrochen und trägt ebenfalls eine Busch- oder Baumsteppe mit niedrigem, meist starrem Grase und krüppeligen Holzgewächsen. Der Wald tritt zurück und bildet kleine Inseln oder den Ufersaum der wasserarmen Flüsse. Der einen trockenen Standpunkt liebende Aflfenbrotbaum zeigt gewöhnlich die Nachbarschaft eines Dorfes an, und zu den Akazien, Tamarinden, Wollbäumen und Ölpalmen gesellt sich der merkwürdige Schibutterbaum (Butyrospermum Parkii), der ein als Nahrungsmittel beliebtes grünlichweisses Fett liefert. Der Hauptverbreitungsbereich der Ölpalme endet am Nordwestrande des Gebirges, dann nimmt ihre Zahl rasch ab, und nördlich von Salaga trifft man in jedem Dorfe durchschnittlich bloss noch eine Ölpalme an, während sie in Dagomba und Mangu gänzlich verschwindet. In den Landschaften Tshautyo, Sugu und Borgu ist sie wieder in grösseren Beständen heimisch, und noch unter 9° 40 N wurde in dem französischen Orte Wangara ein einsames Exemplar beobachtet. Um so häufiger tritt die Delebpalme auf, leicht kenntlich an dem nahe der Spitze angeschwollenen Stamm, die noch zwischen Mangu und Pamma und im Nigerthale ausgedehnte Bestände bildet. Im allgemeinen macht sich nach Norden hin mit der Abnahme der Niederschläge eine zunehmende Dürftigkeit in der Pflanzenbedeckung bemerkbar, und in den ausserhalb der deutschen Grenzen gelegenen Gebieten von Gurunsi, Mossi und Gurma ist es schwer, dem Boden einen guten Ertrag abzuringen, während die Viehzucht in erfreulicher Blüte steht. Da aber die Eingeborenen verhältnismässig dicht gedrängt sitzen, so zwingt sie die Armut des Landes zu Raub und zu Gewaltthaten, weshalb sie von den Karawanen als Wegelagerer sehr gefürchtet sind. Anderer seits werden die Gurunsi oft von Sklavenjägern heimgesucht, weil sie nicht wie die Eingeborenen von Gurma und Mossi in grossen geschlossenen Siedelungen, sondern meist in wenigwiderstandsfähigenEinzelgehöften wohnen.

1) Infolge der geringen Meereshöhe hat man keinen Grund, das weite Binnenplateau eine Hochebene zu nennen, und ebensowenig ist das von Ho bis Bassari rein nördlich verlaufende, nach Ost und West steil abfallende Fetischgebirge ab ein Randgebirge zu bezeichnen. Der Anschein wird erweckt durch seitliche Höhenzüge, die vom Hauptkamm ost- und westwärts abzweigen. Mitten im Gebirge liegt die 300 km von der Küste entfernte Handelsslation Bismvckburg in 710 m Meereshöhe (H. Grüner).

Um so fruchtbarer ist die den Deutschen zugesprochene volkreiche Landschaft Tshautyo und das in der neutralen Zone gelegene Dagomba. Ihre als Handelscentren und Hochschulen gleich bedeutenden Hauptstädte bergen eine so grosse Volksmenge, wie man sie in der afrikanischen Steppe kaum zu finden gewohnt ist. Die Nachbarorte Paratau (370 m), Katambara und Dadaura zählen je 4000 Einwohner, Sansanne Mangu (200m) 9000, die Strassenknotenpunkte Tshamba, Bassari und Bafilo deren gar je 40—50000; und diese unerwartet hohe Volksdichte weist darauf hin, dass in jenen Staaten der Ackerbau weit verbreitet ist. Thatsächlich giebt es wohlbestellte Flächen von beträchtlicher Ausdehnung, deren Erträge nicht zum wenigsten für den Handel bestimmt sind. Nordwärts gewinnt die dem Ackerbau erst gleichberechtigte Viehzucht immer mehr die Oberhand, die auf der Hochebene überhaupt viel eifriger als im Küstenlande betrieben wird. Schafe, Ziegen, Hühner und Perlhühner werden allerorts gehalten, und da die gefährliche Tsetsefliege unbekannt ist, so gedeihen Rinder und die an der Küste vor wenigen Jahren noch ganz fehlenden Pferde ausgezeichnet. Die letzteren spielen bei den Tshautyo eine so wichtige Rolle, dass sie geradezu als Hausgenossen gelten. Das Eingangsgebäude eines jeden Gehöfts bildet der Pferdestall, er dient wegen seiner Geräumigkeit und angenehmen Kühle als Empfangsraum, und alle Besprechungen und Begrüssungen finden in ihm statt. In ähnlicher Weise hat sich bei den Mossi eine grossartig entwickelte Eselzucht eingebürgert. Dagegen vermisst man auf der Hochebene ein Haustier, das in keinem Negerdorfe des Küstenlandes fehlt, nämlich das schwarze Schwein, das in den bereits unter mohamedanischem Einflüsse stehenden Sultanaten sehr selten gepflegt wird, weil dem Bekenner des Islam das Schwein bekanntlich als ein unreines, verabscheuenswertes Tier gilt.*) Jedenfalls lässt es sich aber nicht leugnen, dass alle diese Länder mit ihren regsamen Bewohnern eine gewisse Kaufkraft besitzen, die befruchtend auf den Küstenhandel einwirken kann. Nur muss die friedliche Arbeit weit mehr noch, als es bis jetzt geschehen ist, durch europäische Macht geschützt werden.

Die Tierwelt zeigt manche Übereinstimmung mit derjenigen Kameruns, und die Fauna beider Kolonien, die im allgemeinen der Fauna von Guinea angehört, aber zugleich die Einwirkung des Sudan erkennen lässt, unterscheidet sich vielfach von der Tierwelt Ost- und Südwestafrikas.

*) Doch ist Rassari reich an Schweinen.

In der dicht bevölkerten Ebene ist sie nicht sonderlich reich und erlangt erst im Gebirge und im Hochlande eine gewisse Mannigfaltigkeit. Die Wälder wimmeln von Affen und Schlangen, die Wasscrläufe von Flusspferden, Krokodilen und Fischen. Die Steppe beleben Büffel und Antilopen, denen Löwen, Leoparden, Hyänen, Schakale und Wildkatzen nachstcllen, und auf den weiten Grasfluren wandert der Elefant in stattlichen Herden. Im Schilfrohr der fischreichen Lagune tummeln sich Wasservögel in ungezählten Scharen, und ausser ihnen giebt es Tauben und Raubvögel, Raben und Nashornvögel. Ferner sind einzelne Vertreter der nordostafrikanischen Vogelwelt bis hierher vorgedrungen, haben indes das Fetischgebirge südwärts nicht überschritten. Endlich halten sich manche unserer einheimischen Wandervögel, z. B. Wiedehopf, Bachstelze, Braunkehlchen als Wintergäste an der Guineaküste auf, so dass in Togo bisher 279 Vogelarten bekannt sind. Ungemein zahlreich sind die niederen Tiere vertreten, unter denen Moskitos, Wanderameisen, Guineawürmer und die erst vor wenigen Jahrzehnten aus Brasilien eingeschleppten Sandflöhe oft zur Plage werden.

Das Klima des Togolandes ist tropisch und wird durch den je zweimaligen Wechsel zwischen Trocken- und Regenzeit bestimmt. Der letzteren geht eine an heftigen Orkanen und gewaltigen Regengüssen reiche Tornadozeit voraus. Die erste Regenzeit dauert vom März bis zum Juni und pflegt so nasskühl zu sein, dass Briefumschläge zukleben, Eisenteile rasch rosten und Kleider und Schuhe sich mit Schimmelpilzen überziehen. Die zweite, im September einsetzende Niederschlagsperiode dagegen wird oft bloss durch ein paar Dutzend Regenschauer bezeichnet, die sich über mehrere Wochen verteilen. Mitunter bleibt sic ganz aus, so dass, z. B. 1896/97, die Dürre an der regenarmen Küste 7—8 Monate anhält, was erklärlicherweise ungünstig auf das Wachstum und die wesentlich von den Erzeugnissen des Pflanzenreichs abhängende Ausfuhr einwirkt. Die Ebene ist trotz der Nachbarschaft des Ozeans regenarm, denn sie teilt das Schicksal aller Kaltwasserküsten, an denen die vom Meere kommenden Winde einen hart am Strande emporquellenden Gürtel stark abgekühlten Tiefseewassers überwehen und dabei einen grossen Teil ihrer Feuchtigkeit verlieren. Aus diesem Grunde entspricht die jährliche Regenhöhe des Küstenlandes mit 600—700 mm durchaus nicht den ungeheuren Niederschlagsmengen, die man bei seiner tropischen Lage erwarten sollte, sondern erinnert eher an mitteleuropäische Verhältnisse und ist vielfachem Wechsel unterworfen.

Das Gebirge fängt die vorwiegend aus Südsüdwest wehenden Seewinde auf und hat deshalb zu allen Monaten Niederschläge, deren Höhe im Jahresmittel 1506 (Bismarckburg) bis 1568 mm (Misahöhe) beträgt. Die Zahl der Gewitter nimmt hier ebenfalls in bemerkenswerter Weise zu, indem im Tiefland jährlich höchstens 65, im Fetischgebirge 150—200 Gewittertage verzeichnet sind. Auch der Feuchtigkeitsgehalt der Luft ist hier nicht so beträchtlich wie dort, so dass die eben erwähnten Unzuträglichkeiten wegfallen.

Auf dem Binnenplateau werden Luftfeuchtigkeit und Regenmenge immer geringer, und da der reichliche Nachttau, der im Küstengebiet wenigstens teilweise den Regen ersetzt und eine immerhin kräftige Vegetation entstehen lässt, der Steppe fehlt, so sind Regen- und Trockenzeit scharf voneinander geschieden. Hauptmann v. Francois berichtet, dass sein Gewehr und seine Spieluhr den Dienst versagten, weil das Öl durch die trockene Luft aufgesogen war, und eine Tafel Chokolade hatte ihre Feuchtigkeit so vollkommen verloren, dass sie beim Anfassen zu Mehl zerfiel. Der von der Hitze ausgedörrte Boden durchzieht sich mit Rissen, die unregelmässig gestaltete Erdwürfel umgrenzen, und die Flüsse der Hoch- und Tiefebene trocknen mit wenigen Ausnahmen schon so früh aus, dass sich die Wasserarmut unangenehm fühlbar macht und dass die Trinkwasserverhältnisse sehr ungünstig sind. Die Expeditionen und Karawanen müssen das nötige Trinkwasser mitnehmen. Sonst sind sie auf zweifelhafte Zisternen und Lachen angewiesen, deren in höchstem Grade verunreinigter Inhalt viel zur Verbreitung eines im menschlichen Körper schmarotzenden Parasiten, des Guinea- oder Medinawurmes (Filaria medinensis) beigetragen hat.

Obwohl die beiden Regenzeiten ziemlich regelmässig mit dem höchsten Sonnenstände eintreten und Togo auf der nördlichen Halbkugel liegt, so bringt es die Luftdruck- und die durch sie hervorgerufene Windverteilung mit sich, dass die wärmste Jahreszeit mit unserm Winter, die kälteste mit unserm Sommer zusammenfällt. Im Sommer wird nämlich die Luft über dem ausserordentlich stark erhitzten Wüstenboden der Sahara erwärmt und aufgelockert, so dass dort der Luftdruck sinkt und zum Ausgleich der Gleichgewichtsstörung vom Meere her aus Süd und Südwest ein lebhaftes Einströmm der kälteren, schwereren Luft stattfindet. Im Winter, wo sich das Land viel beträchtlicher abkühlt als das Meer, tritt der entgegengesetzte Vorgang ein, und es wehen trockene Nord- und Nordostwinde dem Ozean zu. Im Winter erscheint auch der Harmattan, ein mit gewaltigen, die Luft trübenden und die Fernsicht hindernden Staubmassen beladener Nordostwind, der möglicherweise seinen Ursprung in der Sahara hat. Wegen der raschen Verdunstung, die der ausserordentlich trockene Wind auf der Haut erzeugt, erscheint er dem Gefühl als ein kühler oder gar kalter Wind, während er in Wirklichkeit die Luftwärme um 4—6° C. erhöht.

In Übereinstimmung mit den allgemeinen Gesetzen der Luftdruckverteilung sind die Winde für die Temperatur viel entscheidender als der Sonnenstand und verleihen der Küste eine ziemlich gleichmässige, im Jahresmittel + 26° C. betragende Wärme. Die Hitze wird aber durch die frische Seebrise gemildert, die, mit dem Landwind abwechselnd und die Ebene bis zum Gebirgsfuss überwehend, regelmässig morgens sich erhebt und gegen Abend wieder abflaut. Im Binnenlande erniedrigt sich die Temperatur und die Gegensätze werden etwas grösser, wie die Beobachtungen in Bismarckburg, Jahr + 23,7° C, Februar + 26,1 °C., Juli + 21,0° C, ergeben.

Im grossen Ganzen ist das Klima von Togo dem Europäer ungünstig, wenn auch der Mangel der fieberbrütenden Mangrovedickichte und der regelmässig einsetzende Seewind sich vorteilhaft geltend machen. Um so nachteiliger ist die schlechte Trinkwasserversorgung, zu der sich nach dem Aufhören der Regenzeit als gefürchteter Gast die Malaria hinzugesellt. Im allgemeinen gilt das Innere für gesünder, Fieber kommen dort selten vor und sind dann durch örtliche Verhältnisse bedingt. Immerhin gehören aber Kete Kratshi, Sansanne Mangu und Bassari während der Regenzeit zu den ungesündesten Plätzen.

Die Eingeborenen Togos, die nächst Boden und Klima für die Zukunftsaussichten unseres Schutzgebietes am wichtigsten sind, gehören zu den Sudannegern. Die Küstenstämme bilden im Verein mit den Bewohnern des benachbarten Dahome den Evhesprachstamm. Im Gebirge haust eine Reihe kleiner Völkerschaften, die wohl untereinander verwandt sein mögen, aber dennoch nicht das Gefühl der Zusammengehörigkeit haben und sprachlich unter sich und von den Küstenanwohnern abweichen. Auf dem Binnenplateau macht sich bereits der Einfluss des Islam und der aus Fulbe und Negern bestehenden Bevölkerung der Fulbestaaten, namentlich der Haussaneger, bemerkbar. Der rege Binnenverkehr, den sie seit langem unterhalten, hat ihrer Sprache auf der Hochebene Eingang verschafft, so dass sie dort, überall neben der Landessprache verstanden wird.

Dank der Friedfertigkeit der Küstenneger ist Togo von jeher unsere ruhigste afrikanische Kolonie gewesen. Die Evhe sind wohlgestaltete, schlanke Leute von kaffee- bis schwarzbrauner Hautfarbe und weniger ausgeprägtem Negertypus, weil sie vielfach mit portugiesischem Blut durchsetzt sind. Nicht wenige fuhren noch heute portugiesische Namen und behaupten mit Stolz, portugiesischer Abstammung zu sein. Obwohl gleich allen ihren Landsleuten unverbesserliche Lügner, sind sie sonst gutmütige, arbeitsame Menschen mit ausgesprochenem Reinlichkeitssinn, und die Volksdichte, die den Raum des verfügbaren Kulturlandes beschränkt, hat sie zu erhöhter Thätigkeit gezwungen, so dass die Evhe mit körperlicher Leistungsfähigkeit eine für den Neger nicht gewöhnliche Rührigkeit verbinden. Als brauchbare Plantagenarbeiter und fleissige Ackerbauer geniessen sie einen guten Ruf, und ebenso hat die Verdichtung der Bevölkerung eine rege gewerbliche Thätigkeit entstehen lassen, die namentlich in Eisen- und Lederbereitung, in Weberei, Flechterei und Töpferei Anerkennenswertes leistet. Daneben besitzen die Evhe viel Handelssinn und vermitteln auf den breiten, wohlgepflegten Wegen, die von Dorf zu Dorf fuhren, den Verkehr zwischen den Faktoreien an der Küste und den Binnenstämmen, ohne dabei dem unmittelbaren Durchgangsverkehr Schwierigkeiten zu bereiten. Die Berührung mit den Europäern hat mancherlei Absonderlichkeiten zur Folge gehabt, die u. a. in der bunt durcheinander gemischten Tracht zum Ausdruck kommen und eine ebenso befremdliche als ergötzliche Zusammenstellung einheimischer und eingeführter Kleider zeigen.

Die gedrungener und kräftiger gebauten Bergbewohner, die Kebu, Adeli, Aposso u. s. w., sind in Haltung und Auftreten selbstbewusster, aber auch weniger friedfertig als die Küstenneger. Sie mussten nach Gründung der Station Bismarckburg wiederholt gezüchtigt werden, weil sie die ins Innere führenden Karawanenwege sperrten oder bedrohten. Die vielen kleinen Gemeinwesen, in welche die einzelnen Landschaften zersplittert sind, liegen oft Jahre lang in Fehde, so dass Ackerbau und Viehzucht zurücktreten. Doch hat sich stellenweise eine nicht unbedeutende Schmiedekunst entwickelt, die den im Latent enthaltenen Brauneisenstein verarbeitet. Im Gebirge findet man gewiss ein Dutzend verschiedener Sprachen, ganz abgesehen von zahlreichen kleineren Sprachinseln, die ausserdem noch vorhanden sind.

Bei den mageren und sehnigen Bewohnern des Binnenlandes kommen, wie das Beispiel der pferdezüchtenden Tshautyo, der eselzüchtenden Mossi, der Salagalcute und der Haussahändler darthut, Ackerbau und Viehzucht, Gewerbethätigkeit1) und Handel wieder in hohem Masse zur Geltung.

1) Besonders entwickelt ist die Weberei z. B. in Mossi.

Der Islam hat alle jeneStämme im Gegensätze zu den in zahllose Gruppen zersplitterten Tieflands- und Gebirgsnegern zu grossen Sultanaten geeint, die insofern die Anfänge kräftiger Staatenbildungen darstellen, als ihre Herrscher ein gewisses Ansehen geniessen und eine wohlbegründete militärische Macht besitzen. Vor allem stützen sie sich auf Scharen gut berittener Krieger, die sie, wie die Häuptlinge von Dagomba und Tshautyo, oft zu Sklavenjagden und Raubzügen ins Nachbargebiet verwenden. Bei ihnen herrscht noch ausgebreitete, aber mild gehandhabte Sklaverei, und die Sklaven sind ein vielbegehrter Handelsgegenstand, weil man sie zu den verschiedenen Zweigen der Landwirtschaft dringend braucht. Der rege Marktverkehr hat nicht nur eine lebhafte Industrie und volkreiche Handelscentren geschaffen, sondern er hat auch den Gesichtskreis der Eingeborenen erweitert. Während die Bergbewohner selten oder nie aus den engen Grenzen ihrer Landschaft hinauskommen, hat gar mancher Sultan oder Kaufmann des Binnenplateaus durch die Sudanstaaten eine Wallfahrt nach Mekka angetreten und ist — gewiss eine bedeutsame Leistung — auf dem Landwege in seine Heimat zurückgekehrt.

Sämtliche Eingeborene des Schutzgebietes sind von Haus aus heidnische Fetischanbeter, und die Gebirgsbewohner huldigen dem Götzendienst so eifrig, dass in der Umgebung von Bismarckburg die grössten Fetischplätze, Dipongo und Pereu, Hegen. Im Innern dagegen hat sich der mohamedanische Einfluss sichtlich Bahn gebrochen und beginnt auch an der Küste Fuss zu fassen, wo christliche Missionare seit Jahren thätig sind. Träger und Förderer des Islam sind die mohamedanischen Haussa. In allen Siedelungen giebt es Limame oder islamitische Gemeindevorsteher, die mit den durchreisenden Karawanen ankommen, bei ihren unter den Heiden sich nicderlassenden Landsleuten bleiben und bald auf die eingeborene Bevölkerung einzuwirken beginnen. In vielen Orten sind mohamedanische Schulen, in einigen sogar mohamedanische Hochschulen errichtet. Wennschon die neue Lehre meist bloss äusserlich in gewissen Religionsübungen, in Speiseverboten und der Gleichmässigkeit der Tracht — weites Hemd, weite Beinkleider, Burnus und Fez — zum Ausdruck kommt, während im übrigen noch immer ein mehr oder minder versteckter Fetischdienst getrieben wird, so hat sie doch zahlreiche Anhänger gewonnen, und die Häuptlinge und Vornehmen bekennen sich fast ausnahmslos zum Islam.

Die wenigen Europäer des Schutzgebietes, etwa 100 an der Zahl, sind Beamte, Kaufleute und Missionare und stammen zum grössten Teil aus Deutschland.

Kurt Hassert.

I. Abschnitt:

Deutschlands Kolonien – Geschichtlicher Überblick

II Abschnitt:

Die Erwerbungs- und Entwicklungsgeschichte deutscher Schutzgebiete

III. Abschnitt:

Landes- und Volkskunde der deutschen Schutzgebiete: Deutsch-Ostafrika

IV. Abschnitt:

Landes- und Volkskunde der deutschen Schutzgebiete: Togo

 V. Abschnitt:

Landes- und Volkskunde der deutschen Schutzgebiete: Kamerun

VI. Abschnitt:

Landes- und Volkskunde der deutschen Schutzgebiete: Deutsch-Südwestafrika

VII. Abschnitt:

Das Schutzgebiet der Neuguinea-Kompagnie

VIII. Abschnitt:

Die Marshall-Inseln

IX. Abschnitt:

Die Kiautschou-Bucht

X. Abschnitt:

Die wirtschaftliche Bedeutung der deutschen Kolonialpolitik und der deutschen Schutzgebiete

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